
Laut dem US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ waren 2008 unter den zehn reichsten Menschen der Welt vier Inder: der „Stahlkönig“ Lakshmi Mittal, die in der Öl- und Chemie-branche tätigen Brüder Mukesh Ambani und Anil Ambani sowie der Immobilienhändler Kushal Pal Singh. Gleichzeitig leben in Indien rund ein Drittel aller armen Menschen weltweit, d.h. aller Menschen, die mit weniger als 1 US-Dollar pro Tag auskommen müssen. Während Deutschland und andere Länder um hochqualifizierte indische Computerspezialisten buhlen, können über 50 Prozent der Inderinnen weder lesen noch schreiben. Während viele Inder noch an Cholera oder Typhus sterben, verfügt Indien über weltweit angesehene medizinische Hochschulen, schickt eigene Satelliten ins All und baut Atomwaffen. Indien ist der siebtgrößte Staat der Welt, seine Bevölkerungszahl wird bis 2050 voraussichtlich die chinesische übertreffen, und viele Wirtschaftsexperten rechnen damit, dass Indien in 50 Jahren die drittgrößte Weltwirtschaft hinter den USA und China sein könnte. Indien – ein Land der Widersprüche mit dem Potential zur politischen und wirtschaftlichen Weltmacht!
Indien ist stolz darauf, die „größte Demokratie der Welt“ zu sein. Indiens Verfassung, die am 26. Januar 1950 in Kraft trat, zählt mit 395 Artikeln und neun Anhängen zu den umfangreichsten der Welt. Die Verfassungsväter übernahmen 250 Artikel aus der Kolonialverfassung von 1935 und griffen auf die Erfahrungen anderer Demokratien zurück.
Fläche: 3 287 263 km2 (Deutschland: 357 114 km2)
Einwohnerzahl: 1,1 Mrd. (2006) (D: 0,08 Mrd.)
Bevölkerungsdichte: 351 Einwohner/km2 (D: 231 Einw./km2)
Bevölkerungswachstum: 1,4 % (2006) (D: - 0,1 %)
Landessprachen: Amtssprachen Hindi und Englisch, 17 gleichberechtigte Regionalsprachen
Religion: 80,5 % Hindus, 13,4 % Muslime, 2,3 % Christen, 1,9 % Sikhs, 0,8 % Buddhisten, 0,4 % Dschainas, 89 000 Parsen
Hauptstadt: New Delhi (Neu-Delhi; 322 000 Einwohner, 2006)
Weitere Städte: Mumbai (Bombay; 12,9 Mio. Einwohner/Ballungsraum ca. 20 Mio.), Delhi (11,2 Mio./18 Mio.), Bangalore (5,1/6,2 Mio.), Kolkata (4,6/14,7 Mio.), Chennai (4,4/7 Mio.), Ahmadabad (3,8/5,1 Mio.), Hyderabad (3,6/6 Mio.)
Bruttonationaleinkommen: 820 US-Dollar pro Kopf (2006) (D: 36 810 US-Dollar)
Arbeitslosigkeit: offiziell 9,1 % (2005)
Inflation: 5,6 % (2006)
Lebenserwartung: 64 Jahre (2006) (D: 79 J.)
Säuglingssterblichkeit: 5,7 % (2006)
Alphabetisierungsrate: 73 % Männer, 48 % Frauen (2005)
Unabhängigkeit: 15.8.1947
Laut Verfassung ist Indien eine sozialistische, säkulare und demokratische Republik. Die Verfassung enthält u.a. das allgemeine Wahlrecht und einen Menschenrechtskatalog, der die Gleichheit vor dem Gesetz garantiert und eine Diskriminierung nach Religion, Kaste und Geschlecht untersagt.
Das indische Parlament hat zwei Kammern: Die Rajya Sabha, das Oberhaus, zählt 245 Mitglieder. Maximal zwölf Mitglieder werden direkt vom Staatspräsidenten ernannt, die restlichen Parlamentarier werden in indirekten Wahlen von den jeweiligen Landesparlamenten für sechs Jahre gewählt. Zweite Kammer ist die Lok Sabha, das Unterhaus. Sie umfasst 543 auf sechs Jahre gewählte Abgeordnete und zwei vom Staats-präsidenten ernannte Vertreter der anglo-indischen Gemeinschaft. 530 Abgeordnete kommen aus den Unionsstaaten, 13 aus den Territorien. 120 Abgeordnete werden von den unteren Kasten und den so genannten Stammesangehörigen (tribes) gewählt. Die Wahl zum Unterhaus erfolgt nach einfachem Mehrheitswahlrecht mindestens alle fünf Jahre.
Staatsoberhaupt ist der indirekt von einem gemeinsamen Gremium der Abgeordneten des Bundes und der Länder auf fünf Jahre gewählte Staatspräsident. Das Amt ist zwar eher repräsentativ ausgerichtet, aber die Verfassung hat es doch mit einer gewissen Machtfülle ausgestattet. Der Staatspräsident ist Oberkommandierender der Armee und kann die demokratischen Freiheiten stark einschränken.
Der Premierminister ist das politische Machtzentrum. Er ist dem Unterhaus verantwortlich, bestimmt die Minister, die der Staatspräsident ernennt, und kann das Parlament auflösen. Das Parlament selbst wiederum kann den Premierminister durch einfaches Misstrauensvotum stürzen. Der Premier führt zusammen mit dem Ministerrat die Regierungsgeschäfte und hat die Richtlinienkompetenz.
Die Aufgaben des Parlaments liegen in der Gesetzgebung und der Kontrolle der Re-gierung. Es muss den Haushalt ebenso genehmigen wie einen möglichen Ausnahme-zustand.
Indien ist ein föderaler Staat aus 28 Bundesstaaten mit weitgehenden Kompetenzen sowie sieben Unionsterritorien, die der Zentralregierung unterstellt sind. Zwar hat die Zentralregierung wichtige Kompetenzen (Gesetzgebungskompetenz über die Landesverteidigung, Außenpolitik, Binnenhandel, Transport und Kommunikation), aber die Unionsstaaten können Gesetze zur Lokalverwaltung, Gesundheits-, Erziehungs- und Landwirtschaftspolitik erlassen. Der konkurrierenden Gesetzgebung unterliegen das Straf- und Familienrecht, Arbeitsbeziehungen, soziale Sicherheit, Wirtschaftsplanung und Preiskontrollen zur Angleichung der Lebensverhältnisse.
Indien besitzt eine vielfältige Parteienlandschaft. Zurzeit sind sechs nationale, 51 regionale (auf Ebene der Bundesstaaten vertretene) und 160 weitere Parteien registriert. Zu den wichtigsten Parteien zählen die Kongresspartei (Indian National Congress, INC), die Partei der Hindu-Nationalisten BJP und die Kommunistische Partei. Während die Kongresspartei die Trennung von Religion und Politik sowie den Schutz der Minderheiten hochhält, tritt die BJP für die Schaffung einer möglichst einheitlichen indischen Kulturnation unter Dominanz des Hinduismus ein. Die Kommunisten hingegen vertreten eine Politik der Entwicklungsländersolidarität, sind für eine strikte Kontrolle des Kapi-tals, fordern die Einführung von Mindestlöhnen und umfangreiche Landreformen, halten aber an der Privatwirtschaft fest.
Die indische Demokratie hat seit ihrem Bestehen im Großen und Ganzen sehr gut funktioniert – und das, obwohl zahlreiche innenpolitische Probleme das System vor große Herausforderungen stellten und stellen.
| Partei | Sitze | Wählerstimmen in % |
| Indian National Congress, INC (Kongresspartei) | 145 | 26,53 |
| Bharatiya Janata Party, BJP (Partei der Hindu-Nationalisten) | 138 | 22,16 |
| Communist Party of India (Marxist), CPM | 43 | 5,66 |
| Samajwadi Party, SP, (Nordind. Regionalpartei links der Mitte) | 36 | 4,32 |
| Rashtriya Janata Dal, RJD (Regionalpartei mit Schwerpunkt Bihar) |
24 | 2,41 |
| Bahujan Samaj Party, BSP (Vertretung der Dalits) | 19 | 5,33 |
| Dravida Munnetra Kazhagam, DMK (Regionalpartei in Tamil Nadu) |
16 | 1,81 |
| Shiv Sena, SHS (Hindu-Nationalisten in Maharashtra) | 12 | 1,81 |
| Biju Janata Dal, BJD (Regionalpartei in Orissa) | 11 | 1,30 |
| Communist Party of India, CPI (Kommunisten, ehemals moskautreu) |
10 | 1,41 |
| Nationalist Congress Party, NCP (Abspaltung der Kongresspartei) |
9 | 1,80 |
| Janata Dal (United), JD(U) (Volkspartei links der Mitte) | 8 | 2,35 |
| Shiromani Akali Dal, SAD (Partei der Sikhs im Punjab) | 8 | 0,90 |
| Sonstige Parteien | 59 | 17,96 |
| Unabhängige Kandidaten | 5 | 4,25 |
| Summe | 543 | 100 |
Nach: Betz, Joachim: Indien, S. 29
Ein Problem, mit dem Indien seit seiner Gründung zu kämpfen hat, stellt die Vielzahl der verschiedenen Ethnien (Volksgruppen) dar, die im Lande leben. Die Bevölke-rung Indiens setzt sich aus tausenden verschiedenen Völkern und Stämmen zusammen: Es werden über 1600 Sprachen und Dialekte gesprochen. Durch die regionale Konzentration der einzelnen Gruppen und Völker gibt es die verschiedensten Minderheitenprobleme.
Besonders problematisch ist die Lage der Ureinwohner. Indien ist das Land mit der größten Stammesbevölkerung. Rund 90 Millionen Inder, also zirka 8,2 Prozent der Bevölkerung, sind Angehörige von etwa 600 verschiedenen Stämmen, auf Hindi „adivasi“. Die Stämme sind Reste der Urbevölkerung Indiens, Anhänger von Naturreligionen und Halbnomaden. Die Adivasi leben vor allem in der nordöstlichen Himalaya-Region und im zentralindischen Berg- und Waldland. Die Stammesbevölkerung gehört zu den unterpriveligiertesten Bevölkerungsteilen Indiens. Schon zur Kolonialzeit wurde ihr Land von Fremden in Beschlag genommen. Nach der Unabhängigkeit führte die Einführung von privatem Landrecht und auch die indische Entwicklungs- und Industria-lisierungspolitik zu Landverlusten der indigenen Bevölkerung: z.B. durch den Bau von Industriekomplexen, von riesigen Staudämmen, Bergwerken oder durch Rodung. Diese Entwicklungen führten zu einer Radikalisierung der Stammesbevölkerungen. Im Nordosten Indiens waren sezessionistische Bestrebungen die Folge, in anderen Teilen Indiens konnten ultralinke Splittergruppen an Einfluss gewinnen, die z.B. als gewaltbereite Landbesetzer auftreten. Diese maoistischen Gruppen, auch Naxaliten genannt, hält die indische Regierung für die stärkste Bedrohung für das Land. 2005 starben bei Auseinandersetzungen mit diesen Gruppen rund 1800 Menschen. 2006 reagierte die indische Regierung auf diese bedrohlichen Entwicklungen u.a. mit der Verabschiedung eines neuen Forstgesetzes und einer neuen Stammes- und Rehabilitierungspolitik.
Indien ist ungefähr so groß wie Westeuropa und vereint auf dieser Fläche eine große landschaftliche Vielfalt – von den palmengesäumten Stränden Südindiens über die unwirtlichen Wüsten Rajasthans bis hin zu den hohen Bergen des Himalaya im Norden. Fruchtbare Schwemmlandebenen wie am Ganges gibt es genauso wie tropi-sche Regenwälder in Assam und Kerala. Ebenso vielfältig wie die Landschaften ist das Klima: Vom subpolaren Klima der Himalaya-Berggipfel über trocken-heißes Wüstenklima bis zu feuchtwarmem, tropischem Klima im Süden ist alles dabei. Der größte Teil Indiens wird vom jahreszeitlichen Wechsel der Monsune beeinflusst: Der Sommermonsun mit oft schweren Regenfällen setzt im Juni/Juli ein und sorgt für feucht-warme Sommer, der Wintermonsun beginnt im September/Oktober und bringt trockenes und kühles Klima; das Frühjahr ist trocken und heiß. Der Sommermonsun ist für die Landwirtschaft sehr wichtig, doch führt er häufig auch zu Naturkatastrophen, z.B. wenn die Schneeschmelze und das Einsetzen des Monsuns zusammenfallen und für schwere Überschwemmungen sorgen. Ist der Sommermonsun hingegen zu schwach und fällt zu wenig Regen, können Dürren und Hungersnöte die Folge sein.
Das tradierte Kastenwesen in Indien ist mit der Einführung der Demokratie nicht verschwunden. Diese zielt zwar auf die Gleichheit der Bürger ab, nutzt aber zur Erreichung dieses Ziels das Kastenwesen und fördert etwa niedrige Kasten durch starke Privile-gien – und hat damit das Kastenwesen z.T. sogar zementiert.
Der Begriff für Kaste in Hindi ist „Jati“, was soviel wie Geburtsgruppe bedeutet. Die wichtigsten Kennzeichen von Kasten sind: Zugehörigkeit von Geburt an, Berufsbezogenheit, Einschränkungen bei der Partnerwahl zur Reinhaltung der Kaste. Während auf dem Land häufig noch abgegrenzte Wohngebiete für einzelne Kasten existieren, ist dies in den Städten nicht mehr der Fall. Das Kastenwesen ist mittlerweile nicht mehr gleichzusetzen mit gesellschaftlicher Immobilität. Die wirtschaftliche und politische Modernisierung hat dazu geführt, dass Angehörige einzelner Kasten die berufliche und soziale Leiter beispielsweise durch den Erwerb politischer Ämter hinaufklettern können, und auch unter den Angehörigen verschiedener Kasten sind gesellschaftliche und wirtschaftliche Beziehungen normal geworden.
Die am stärksten unterprivilegierte Minderheit in Indien sind die „Unberührbaren“, in Indien üblicherweise „Dalits“ genannt. Nach einer Volkszählung von 2001 waren rund 16,2 Prozent der Inder Angehörige dieser niedrigsten Kasten. Dalits sind vor allem in der Landwirtschaft als Landarbeiter und z.T. als Kleinbauern beschäftigt.
Weitere typische Dalit-Arbeiten sind die Reinigung von Straßen, Gebäuden, Latrinen, die Ledergerberei und die Schuhmacherei.
Zwar ist das Kastenwesen in der indischen Gesellschaft durch den Hinduismus tief ver-ankert, aber durch die starken ökonomischen und gesellschaftlichen Unterschiede, die es hervorgebracht hat, auch eine Quelle für (potentielle) Konflikte. Um die Gleichstellung der Bürger und ihre politische Teilnahme trotz des Kastenwesens erreichen zu können, hat Indien mehrere Maßnahmen ergriffen. Zum Beispiel wurden mit dem Artikel 17 der Verfassung die Unberührbarkeit abgeschafft und gewaltsame Übergriffe gegen Dalits unter Strafe gestellt. Außerdem führte die Regierung ein Reservierungssystem ein, das für die Angehörigen der unteren und niedrigeren Kasten sowie für die Stammes-angehörigen („adivasi“) Kontingente bei Ausbildungsplätzen an den Hochschulen und für Stellen im öffentlichen Dienst vorsieht.
Im Jahr 1990 wurde unter heftigen Protesten der oberen Kasten eine Reservierung von 27,5 Prozent der Stellen im öffentlichen Dienst und der Ausbildungsplätze an Hochschulen für die niederen Kasten angekündigt. Ein Urteil des Obersten Gerichts bestätigte diese Quote, sah aber vor, dass die Reservierungen insgesamt auf 50 Prozent der zur Verfügung stehenden Plätze begrenzt werden müssen. In einigen Bundesstaaten wurden mittlerweile auch Muslime in das Reservierungssystem aufgenommen. Die Reservierungen bedeuten für viele Mitglieder unterprivilegierter Bevölkerungsschichten wichtige Aufstiegsmöglichkeiten.
Der Hinduismus ist die dominierende Religion in Indien. Fast 81 Prozent der Bevöl-kerung sind Hindus. Die nächstgrößere Glaubensgemeinschaft stellen die Muslime mit 13,4 Prozent Bevölkerungsanteil. In absoluten Zahlen bedeutet das, dass in Indien rund 150 Millionen Moslems leben, mehr als in jedem anderen Land der Welt mit Ausnahme von Indonesien und Pakistan!
Eine Konfliktlinie, die bereits bei der Unabhängigkeit Indiens zum Tragen kam, ist jene zwischen der Hindu-Mehrheit und der muslimischen Minderheit. Diese führte zur Teilung Britisch-Indiens in zwei Staaten, das muslimische Pakistan und das mehrheitlich hinduistische Indien. Dieser Konflikt ruhte nach der Teilung relativ lange Zeit, da viele indische Muslime nach Pakistan auswanderten und die indische Regierung andererseits den Muslimen im Land großen Schutz gewährte und ihnen auch ein eigenes Ehe- und Familienrecht zugestand.
In den 1980er Jahren nahmen die Spannungen aber wieder zu. Ursachen waren einerseits ein wachsendes Selbstvertrauen der muslimischen Minderheit, das sich u.a. durch fundamentalistische Strömungen und eine bessere finanzielle Situation z.B. durch Gastarbeiterüberweisungen aus den Golfstaaten speiste, und andererseits eine Radi-kalisierung von Hindu-Nationalisten, deren politischer Arm, die BJP, erheblich an politischem Einfluss gewann.
Bereits in den 1980er Jahren kam es immer wieder zu gewaltsamen kleineren Aus-einandersetzungen zwischen Angehörigen beider Religionen. 1992 erreichte die Gewalt zwischen den Religionsgruppen eine neue Qualität: Nach der Zerstörung der Moschee von Ayodhya durch fanatisierte hinduistische Massen erschütterten erhebliche Ausschreitungen, die große Teile Indiens ergriffen, das Land. Die Muslime fühlten sich immer weniger von der Zentralregierung in Indien geschützt. Dieses Gefühl nahm noch einmal mit dem Überfall jugendlicher Muslime auf einen von Ayodhya kommenden Zug militanter Hindu-Pilger im Bundesstaat Gujarat 2002 zu: Die darauf folgenden pogromartigen Ausschreitungen gegen Muslime wurden von der Landesregierung kaum bekämpft, sondern stillschweigend gebilligt, wenn nicht gar angeheizt.
Nach wie vor kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen sowie auch zu Bombenattentaten von Muslim-Fundamentalisten.
Die indische Regierung versucht, dieses Problemfeld zu entschärfen, indem zum Beispiel die wirtschaftliche und soziale Lage der Muslime im Land verbessert werden soll. Nach den Stammesangehörigen und den Dalits weisen sie nämlich den geringsten Bildungsgrad auf, sind in der Bürokratie unterdurchschnittlich vertreten und auch in politischen Leitungsfunktionen unterrepräsentiert.
Alle wirtschaftlichen und sozialen Kennzahlen weisen Indien als so genanntes Ent-wicklungsland aus: Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt 64 Jahre (Deutschland 79 Jahre), die Säuglingssterblichkeit liegt bei 56 von 1000 Geburten (Deutschland 4 auf 1000). Nur 73 Prozent der indischen Männer und lediglich 48 Prozent der indi-schen Frauen können lesen und schreiben. 14 Prozent der Bevölkerung haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, 67 Prozent keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen wie Toiletten und Abwassernetzen. Das Bruttonationaleinkommen pro Einwohner lag 2006 bei 820 US-Dollar (Deutschland 36 810 US-Dollar).
Insgesamt wird Indien beim Human Development Index, dem Index der menschlichen Entwicklung, ebenfalls von den Vereinten Nationen (VN) ermittelt, auf Rang 128 von 177 bewerteten Staaten (VR China Rang 81, Deutschland Rang 21; 2007) gelistet.
Neben der allgemein schlechten wirtschaftlichen und sozialen Situation für viele Inder sorgen zusätzlich die enormen sozialen Unterschiede innerhalb der Gesellschaft für Spannungen. 2005 mussten rund 300 Millionen Inder mit weniger als 1 US-Dollar pro Tag und Kopf auskommen und lebten daher laut Definition der UNO in absoluter Armut. Das entspricht ca. 30 Prozent der indischen Bevölkerung und einem guten Drittel der Armen auf der ganzen Welt. Die armen Bevölkerungsgruppen leben zu 70 Prozent auf dem Land. In den Städten der reichen Unionsstaaten hingegen hat sich mittlerweile eine Mittelschicht von je nach Zählweise 70 bis 200 Millionen Menschen herausgebildet, denen es deutlich besser geht. Und seit der wirtschaftlichen Öffnung 1991 sind vor allem die Einkommen der Superreichen deutlich gestiegen.
Die weit verbreitete Armut und die Schere bei der Einkommensverteilung haben bislang allerdings in Indien zu keinen so großen Spannungen geführt, dass sie die Demokratie bedrohen würden. Das hat verschiedene Gründe: Zum einen fällt die Ungleichverteilung in Indien nicht ganz so drastisch aus wie etwa in Lateinamerika, China oder in vielen Ländern Afrikas. Auf der anderen Seite hat das Wirtschaftswachstum seit den 1990er Jahren doch breitere Bevölkerungsschichten erfasst und dazu geführt, dass der Anteil der armen Inder deutlich zurückgegangen ist: 1972/73 lag der Anteil der absolut armen Inder an der Gesamtbevölkerung bei 51,5 Prozent, heute liegt er „nur“ noch bei 27,8 Prozent. Und drittens unternahmen die Regierungen in Indien auch erkennbare Anstrengungen, die Zahl der Armen zu senken.
Schon bald nach der Unabhängigkeit begann die indische Regierung mit der Armutsbekämpfung, zunächst unter anderem mit dem „Community Development Programme“ zur Finanzierung ländlicher Entwicklungsprogramme. Dann sollten Land- und Pacht-reformen helfen, die Armut zu mildern. Ab den 1970er Jahren wollte man mit direkten Einkommensverbesserungen die Situation der Armen verbessern. Das „Integrierte landwirtschaftliche Entwicklungsprogramm“ half vor allem Kleinbauern durch Kredite, ihre Produktion zu erhöhen – durchaus mit gewissen Erfolgen. Die „ländlichen Beschäftigungsprogramme“ boten der armen Landbevölkerung in Notzeiten Arbeit zu etwas unter dem Marktniveau liegenden Löhnen an, beispielsweise beim Bau von Straßen oder Schulen.
2005 wurde ein neues breites Beschäftigungsprogramm aufgelegt, das zunächst in 200 besonders armen Distrikten erprobt wird. Es sieht vor, dass jeweils eine Person in einem ländlichen Haushalt einen Rechtsanspruch auf Beschäftigung für 100 Tage pro Jahr zum jeweils geltenden Mindestlohn hat. Die Kosten des Beschäftigungsprogramms belaufen sich auf 1,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Ein weiterer Ansatz zur Armutsbekämpfung ist die Ausgabe subventionierter Lebensmittel durch das Public Distribution System bzw. Fair Price Shops.
Trotz der weit verbreiteten Armut in der Bevölkerung gehen Beobachter davon aus, dass Indien in wenigen Jahrzehnten zu einer bedeutenden Wirtschaftsmacht aufsteigen und zur chinesischen Ökonomie aufschließen könnte. Der wichtigste Grund für diese optimistische Prognose sind anhaltend hohe Wachstumsraten seit Beginn der 1990er Jahre. Seit 1995 betrug die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate 6,4 Prozent, seit 2004 sogar 8,5 Prozent. Im Jahr 2006 lag das Wirtschaftswachstum bei 9,2 Prozent.
Ursache für diesen Wachstumsschub war eine Abkehr von der sozialistisch-interventionistischen Wirtschaftspolitik der vorangegangenen Jahrzehnte, die auf große Staats-unternehmen und viele staatliche Eingriffe in das Wirtschaftsgefüge gesetzt hatte. Notwendig machte dieses Umdenken u.a. das Ende des Ost-West-Konflikts Ende der 1980er Jahre. Denn durch die Auflösung der Sowjetunion und des Rates für Gegensei-tige Wirtschaftshilfe fielen die wichtigsten Handelspartner Indiens weg.
Die Wirtschaftsreformen umfassten u.a.:
Die Erfolge der neuen Wirtschaftspolitik sind beachtlich: Lagen die gesamten Exporte Indiens 1986 noch bei 10,4 Milliarden US-Dollar, betrugen sie 2006 schon 127 Milliarden US-Dollar. Das Bruttoinlandsprodukt verdreifachte sich im gleichen Zeitraum. Besonders starke Wirtschaftssektoren sind mittlerweile die Softwarebranche, der Biotechnologie- und Pharmaziebereich und Outsourcing-Dienstleistungen wie Callcenter, Buchführung etc. für ausländische Unternehmen, etwa aus den USA und Großbritannien.
Mittlerweile können auch Erfolge bei der Produktion von Konsum- und Investitionsgütern, etwa bei Kraftfahrzeugen und Elektroartikeln, erzielt werden. Und im kulturellen Bereich hat Indien mit den nicht nur in Asien beliebten „Bollywood“-Filmproduktionen Erfolge zu verzeichnen.
Aushängeschild ist aber vor allem die Softwarebranche: 1990 wurde ein „Software Technology Park“ bei Bangalore als Freihandelszone eingerichtet. Danach lagen die jährlichen Wachstumsraten der Softwareindustrie bei rund 50 Prozent. Die Wert-schöpfung in diesem Bereich liegt nun bei zirka 100 Milliarden US-Dollar im Jahr. Indische Softwareexperten sind auf der ganzen Welt gefragt. Auch der indische Automobilkonzern Tata Motors hat mit dem Kauf der britischen Nobelmarken Jaguar und Land Rover sowie mit der Vorstellung des Kleinwagens „Nano“ 2008 für Schlag-zeilen gesorgt.
Allerdings kommt der neue Geldsegen bei der Bevölkerung unterschiedlich an. Es hat sich zwar auf der einen Seite eine breite Mittelschicht herausgebildet, die nach indi-schen Maßstäben rund 200 Millionen Menschen, nach europäischen Maßstäben zirka 70 Millionen Menschen umfasst, und damit sowohl einen großen Pool für Binnen-nachfrage als auch einen lukrativen Zielmarkt für Exporte aus den Industrienationen darstellt. Auf der anderen Seite sind je nach Zählweise 30 bis 80 Prozent der indischen Bevölkerung immer noch als arm zu bezeichnen. Bei den rund 60 Prozent Arbeits-kräften, die in der Landwirtschaft beschäftigt sind, ist der wirtschaftliche Aufschwung der letzten knapp zwanzig Jahre so gut wie gar nicht angekommen.
Schließlich profitieren vom wirtschaftlichen Aufschwung nur wenige indische Bundesstaaten: Die fünf reichsten Bundesstaaten erwirtschaften etwa 40 Prozent des indi-schen Bruttosozialprodukts, und die Hälfte der indischen Armen lebt ebenfalls in nur fünf Bundesstaaten.
Ab 3000 v. Chr. |
Induskulturen (Harappa-Kultur 2600–1700 v. Chr.) |
2. Jts. v. Chr. |
Einwanderung von Indo-Ariern nach Nordwestindien |
560–483 v. Chr. |
Religionsstifter Gautama Buddha |
327 v. Chr. |
Alexander der Große führt eine Invasionsarmee nach Indien |
321–184 v. Chr. |
Maurya-Reich, fast auf dem gesamten Subkontinent |
315–500 n. Chr. |
Gupta-Dynastie herrscht in Nord- und Mittelindien |
711 |
arabische Eroberer im Sindh |
Ab ca. 850 |
Rajputen übernehmen Vorherrschaft in Nordindien |
980–1250 |
Großreich der Cholas in Südindien |
Ab 1000 |
muslimische Afghanenfürsten erobern den Punjab |
1498 |
Der portugiesische Seefahrer Vasco da Gama landet in Südindien |
1526 |
Mohammed Babur erobert Delhi; turko-mongolische Mogulkaiser (bis 1858) beherrschen zeitweise fast den ganzen Subkontinent |
1600 |
Gründung der englischen East India Company |
1757 |
Sieg der Briten bei Kalkutta: Robert Clive wird Generalgouverneurvon Bengalen |
1844–1849 |
Punjab-Kriege und britische Annexion des Punjab; damit britische Kontrolle über den gesamten Subkontinent |
1858 |
Indien wird offiziell Teil des britischen Weltreichs |
1885 |
Gründung des Indian National Congress (INC; Kongresspartei), die den Unabhängigkeitskampf organisiert |
1906 |
Gründung der Allindischen Muslim-Liga, die die Interessen der Muslime vertritt |
1920–1922 |
Mahatma Ghandi: Kampagne zur Nichtzusammenarbeit bzw. zumzivilen Ungehorsam |
1930 |
Ghandis Salzmarsch |
1935 |
Verfassungsreform |
1937 |
Kongresspartei gewinnt Wahlen; Birma wird von Britisch-Indien, zu dem es seit 1886 gehörte, getrennt |
1940 |
Pakistan-Resolution und „Zwei-Nationen“-Theorie |
1946 |
Wahlen; Nehru wird Interimspräsident |
1947 |
Spaltung Britisch-Indiens: Unabhängigkeit Pakistans (14. August)und Indiens (15. August); Beginn des Kaschmirkonflikts, Nehru wird Ministerpräsident |
1948 |
Ermordung Ghandis |
1952 |
1. allgemeine Wahlen, Sieg der Kongresspartei, Nehru Minister-präsident |
1957 |
2. allgemeine Wahlen, Sieg der Kongresspartei, Nehru Minister-präsident |
1962 |
3. allgemeine Wahlen, Sieg der Kongresspartei, Nehru Minister-präsident |
1964 |
Tod Nehrus, sein Nachfolger wird Lal Bahadur Shastri |
1965 |
Angriff Pakistans auf Kaschmir |
1966 |
Tod Shastris, Nachfolgerin wird Indira Ghandi |
1967 |
4. allgemeine Wahlen, knapper Sieg der Kongresspartei, IndiraGhandi Ministerpräsidentin |
1971 |
5. allgemeine Wahlen vorgezogen, Sieg der Kongresspartei, Indira Ghandi bleibt Ministerpräsidentin, Freundschaftspakt mit der Sowjetunion, Bangladesh (Ostpakistan) wird von Pakistanunabhängig und ein eigener Staat |
1974 |
Indien testet einen Kernsprengsatz |
1977 |
6. allgemeine Wahlen, Sieg der Janata Party, Moraji Desai wird Ministerpräsident |
1980 |
7. allgemeine Wahlen, Sieg der Kongresspartei, Indira Gandhiwieder Ministerpräsidentin |
1984 |
Indische Armee stürmt den Goldenen Tempel der Sikhs in Amritsar; Indira Gandhi wird von Sikh-Leibwächter ermordet, vorgezogene 8. allgemeine Wahlen, Sieg der Kongresspartei, Sohn Rajiv Gandhi Ministerpräsident |
1989 |
9. allgemeine Wahlen, Niederlage der Kongresspartei, Minder-heitsregierung unter Premier Vishwanath Pratap Singh von derHindu-Nationalisten-Partei BJP |
1990 |
Präsident der BJP führt Prozession zur umstrittenen Moscheenach Ayodhya und wird verhaftet, Rücktritt der Regierung Singh |
1991 |
10. allgemeine Wahlen, Rajiv Gandhi wird im Wahlkampf ermordet, Minderheitsregierung der Kongresspartei unter Premier Rao |
1992 |
Zerstörung der Moschee Babri Masjid in Ayodhya von fanatischen Hindus |
1996 |
11. allgemeine Wahlen, Niederlage der Kongresspartei; Regierung von 13 Regionalparteien unter Premier Gowda |
1998 |
12. allgemeine Wahlen, Koalitionsregierung der BJP unter Premier A.B. Vajpayee; Indische und pakistanische Atombombentests |
1999 |
Pakistan überfällt indische Stellungen im Kaschmir, erster konven-tioneller Krieg zwischen Atommächten; 13. allgemeine Wahlen, Regierung unter der BJP und Vajpayee als Premier |
2002 |
pakistanische Terroristen greifen das indische Parlament an, Muslim-Pogrom in Gujarat |
2004 |
14. allgemeine Wahlen, Sieg der von der Kongresspartei geführtenKoalition, Manmohan Singh wir neuer Premierminister |
2005 |
Rahmenabkommen mit den USA über zivile Nukleartechnik und militärische Zusammenarbeit und damit de facto Anerkennung alsAtommacht |
Nach seiner Unabhängigkeit von Großbritannien 1947 verfolgte Indien unter Premierminister Jawaharlal Nehru einen Weg jenseits der damals die internationale Politik dominierenden Ost-West-Konfrontation. Indien gründete zusammen mit Ägypten und Jugoslawien die Bewegung der Blockfreien. Es nahm bis Mitte der 1960er Jahre eine führende Rolle ein, blieb der Bewegung aber auch danach treu. Allerdings suchte Indien trotz der Blockfreiheit eine vergleichsweise enge Bindung an die Sowjetunion. Dies ergab sich einerseits durch die sozialistische Ausrichtung der indischen Wirtschaftspolitik und Entwicklungsstrategie, andererseits durch die militärische Aufrüstung Pakistans durch die USA.
Nach der Auflösung der Blöcke ab 1989 schlug Indien in seiner Außen- wie auch Wirtschaftspolitik eine deutliche Wende ein. Mit der wirtschaftlichen Öffnung und der Einführung von mehr Marktwirtschaft näherte sich Indien wieder den USA und dem Westen an. 1995 wurde schließlich ein bilaterales Sicherheitsabkommen mit den USA unterzeichnet. Die offen durchgeführten indischen Atomwaffentests von 1998 trübten zwar das Verhältnis zum Westen wieder ein, doch nur kurzfristig. 2000 besuchte der amerikanische Präsident Bill Clinton Indien und im März 2006 schloss sein Nachfolger George W. Bush bei einem Besuch in Delhi sogar ein Atomabkommen mit Indien und gab damit den mehr als 30-jährigen Boykott bezüglich Atomtechnologie und Nuklearmaterial gegen Indien auf. Auch zu Russland unterhält Indien nach wie vor gute Beziehungen.
Zur Volksrepublik China, dem großen Nachbarn im Norden, waren die Beziehungen lange Zeit schwierig. Zunächst sah Indien China als Verbündeten im Kampf für die Ent-kolonialisierung. Doch das änderte sich mit dem indisch-chinesischen Grenzkrieg von 1962, bei dem China von Indien beanspruchte Gebiete im Kaschmir besetzte. Außerdem unterstützte China Indiens Rivalen Pakistan militärisch und mit Atomtechnologie, was in Delhi ebenfalls mit großem Unmut aufgenommen wurde. Mittlerweile sind die Beziehungen zu China besser: 1993 wurde ein Abkommen zur Entschärfung des Grenz-konflikts vereinbart, das Truppenreduzierungen in der Region vorsieht und 1996 nochmals erneut präzisiert wurde. Als ein weiterer Schritt nur Normalisierung wurde 2006 erstmals nach 44 Jahren wieder der Nathu-La-Pass zwischen Tibet und dem indischen Bundesstaat Sikkim geöffnet. Im November desselben Jahres kam Chinas Präsident Hu Jintao auf Staatsbesuch nach Indien, und im Januar 2008 fuhr der indische Premier Singh nach Beijing. Trotz aller Fortschritte ist China in den Augen Indiens nach wie vor der politische, militärische und wirtschaftliche Hauptkonkurrent in der Region.
Als das Land in Südasien mit der bei weitem größten Landfläche, Bevölkerung, Militär- und Wirtschaftsmacht, sieht sich Indien quasi als natürliche Ordnungsmacht in der Region. Es annektierte 1974 Sikkim und machte Bhutan quasi zu einem Satellitenstaat. 1987 griff Indien – allerdings mit wenig Erfolg – mit Friedenstruppen in den Konflikt auf Sri Lanka ein, der dort durch die Unabhängigkeitsbestrebungen der Tamilen ausgelöst worden war. Auf den Malediven verhinderte es 1988 einen Umsturzversuch.
Die Beziehungen zu Bangladesch im Osten waren wegen der indischen „Geburtshilfe“ für diesen bis 1971 zu Pakistan gehörenden Staat zunächst sehr eng und freundschaftlich. Doch bald gab es Probleme wegen der Grenzziehung, der Flüchtlinge aus Bangladesch, der Unterstützung nordostindischer Rebellen und vor allem wegen der Wasserverteilung des Ganges. Streitpunkt war hier insbesondere der Farakka-Staudamm am Ganges, kurz vor der Grenze zu Bangladesch, der 1969/70 fertiggestellt worden war. Durch ihn wurden große Teile des Gangeswassers zur Erhaltung des Hafens von Kolkata und zur Bewässerung Westbengalens abgeleitet. Erst Ende 1990 kam ein Vertrag zwi-schen beiden Staaten über die Teilung des Gangeswasser zustande. Ein weiteres Zeichen für eine allmähliche Normalisierung der Beziehungen zwischen beiden Staaten ist die im April 2008 wieder aufgenommene Zugverbindung zwischen Kolkata und Bangladeschs Hauptstadt Dhaka.
Während Indien seinen Anspruch als Regionalmacht gegenüber den kleineren Staaten der Region bislang durchsetzen konnte, gelingt dies gegenüber Pakistan, dem großen Nachbarn im Westen, nicht. Zwischen beiden Ländern wurden seit der Unabhängigkeit drei Kriege geführt, und es kam häufiger zu Grenzzwischenfällen und gewaltsamen Aus-einandersetzungen. Die Ursache für die Spannungen zwischen beiden Ländern liegt zunächst einmal in der Teilung Britisch-Indiens 1947 in zwei Staaten, einen muslimi-schen Teil (Ostpakistan) und einen nicht-muslimischen Teil (Indien). Notwendig schien die Teilung wegen der schlechten Beziehungen der Muslime und Hindus in Britisch-Indien. Nach der Teilung kam es insbesondere um die Region Kaschmir immer wieder zum Konflikt. Sie wird wegen der mehrheitlich muslimischen Bevölkerung von Pakistan beansprucht, aus strategischen Gründen aber auch von Indien. 1965 kam es zum ersten Krieg um Kaschmir, 1972 folgte der nächste. 1999 überfiel Pakistan indi-sche Stellungen in Kargil im Kaschmir und es folgte der erste konventionelle Krieg zwischen erklärten Atommächten. Seit 2003 hat sich aber das Verhältnis zwischen beiden Staaten deutlich verbessert, beide Seiten öffneten wieder ihre Konsulate in Karachi und Mumbai, ein grenzüberschreitender Busverkehr wurde eingerichtet und ein umfassender Dialog über die Kaschmirfrage vereinbart. Und schließlich sind beide Länder Teil der von den USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 initiierten „Allianz gegen den Terrorismus“.
Indien erhebt nicht nur den Anspruch auf eine Vormachtstellung in der Region, es sieht sich auch als Weltmacht. So strebt es seit einigen Jahren forciert einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen an. China besitzt einen ständigen Sitz im VN-Sicherheitsrat, und Indien möchte da nicht nachstehen: Schließlich wird es Chinas Bevölkerung in absehbarer Zeit überholt haben und schon heute repräsentiert es ein Sechstel der Weltbevölkerung. Seine Wirtschaftskraft könnte schon in 30 Jahren mit der Chinas gleichziehen. Und Indien hat sich 1998 als Atommacht öffentlich bekannt mit der Fähigkeit, Atomsprengköpfe mittels Raketen in jeden Winkel Asiens befördern zu können – schließlich ist es ja auch in der Lage, Satelliten ohne fremde Hilfe ins All zu transportieren. Allerdings musste Indien seine Ambitionen auf einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat zunächst aufgeben – wie übrigens auch Deutschland, Japan und Brasilien –, nachdem die Verhandlungen über eine Erweiterung des Sicherheitsrats 2005 ins Stocken geraten sind.
Wie geht es weiter mit dem indischen Wirtschaftswunder und Indiens Aufstieg zur Weltmacht? Prognosen über einen Zeitraum von zwanzig, dreißig, gar fünfzig Jahren sind naturgemäß schwierig. Sollten die Rahmenbedingungen für Indien gleich bleiben, würde das Land, wie oben bereits erwähnt, bis etwa zur Mitte des Jahrhunderts nach den USA und China zur drittgrößten Wirtschaftsmacht der Welt aufsteigen und sicherlich weiteren politischen Einfluss gewinnen. Aber werden die Rahmenbedingungen gleich bleiben? Schließlich hat Indien mit zahlreichen Problemen im Inneren zu kämpfen, die sich auf die politische und wirtschaftliche Entwicklung negativ auswirken könnten: beispiels-weise die zunehmenden Spannungen zwischen Hindus und Moslems, sezessionistische Bestrebungen im Nordosten des Landes, die nach wie vor weitverbreitete Armut gerade in ländlichen Gebieten, schwelende Konflikte mit Pakistan und China sowie eine ma-rode Infrastruktur (Straßen, Flughäfen Stromnetz etc.). Bislang zeigte sich die indische Demokratie in der Lage, mit diesen Problemen umzugehen und sie nicht eskalieren zu lassen. Das macht Hoffnung für die Zukunft – könnte sich aber auch ändern.
Seine stabile demokratische Tradition ist ohnehin einer der größten Pluspunkte Indiens – zumindest im Vergleich zu seinem Rivalen China. Die Proteste und ihre Niederschlagung in Tibet Anfang 2008 und die Diskussion um die Meinungs- und Pressefreiheit im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen 2008 in Beijing haben dem Westen einmal mehr deutlich vor Augen geführt, dass die beliebte „Werkbank der Welt“ zwar enorme ökonomi-sche Erfolge aufzuweisen hat, politisch aber nach wie vor autoritär regiert wird. Indiens Demokratie hingegen ist etabliert und hat sich auch in schwierigen Zeiten bewährt. Dies könnte ein entscheidender Standortvorteil für ausländische Investitionen im Land sein und auch die weitere dynamische Entwicklung der indischen Wirtschaft positiv beeinflussen. Das demokratische Indien scheint sich eher als „natürlicher“ Handelspartner für die demokratischen Industriestaaten anzubieten als das kommunistische China.
Die weitere Wirtschaftsentwicklung Indiens ist aber auch von wirtschaftlichen und politischen Ereignissen abhängig, auf die das Land nur wenig Einfluss hat: Wie wird sich z.B. die Weltfinanzkrise auf Indien auswirken, wie eine drohende Rezession der amerikanischen Wirtschaft? Gesetzt den Fall, dass Indien seine rasante wirtschaftliche Entwicklung fortsetzen kann, wird dies allerdings nicht nur positive Auswirkungen, z.B. für die Bekämpfung der Armut, haben, sondern auch negative Folgen, z.B. für die Umwelt. Ein höherer Lebensstandard geht in der Regel beispielsweise mit mehr Müll und einem höherem Energieverbrauch einher. Setzt ein „Durchschnitts-Inder“ zurzeit rund 1,2 t CO2 pro Jahr frei (Deutschland: 9,8 t), so wird dieser Wert mit einem höheren Lebensstandard und der zunehmenden Motorisierung weiter wachsen – und damit der Anteil Indiens an der weltweiten Klimaerwärmung. Seit 1990 hat sich der Ausstoß klimaschädlicher Gase in Indien bereits mehr als verdoppelt, und das Land ist schon heute absolut gesehen der fünftgrößte Emittent von Treibhausgasen.
Unter diesem Blickwinkel wäre zu wünschen, dass Indien bei seinem wirtschaftlichen Aufstieg die Fehler der Industrienationen nicht wiederholt, und von Beginn an versucht, seinen Energiebedarf möglichst umweltfreundlich aus regenerativen Energiequellen zu decken und auf Natur- und Umweltschutz zu achten.
Infos zu Indien gibt es im Internet u.a. unter folgenden Adressen:
Textheft zur Wandzeitung „Gesellschaft und Staat“ Nr. 6/2008: „Indien“.
Herausgeber: Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, Praterinsel 2, 80538 München, Telefon (089) 2186-2170.
Redaktion: Dr. Zdenek Zofka (verantwortlich, Anschrift siehe Herausgeber).
Text: Dr. Heinz Gmelch.
Gestaltung, Koordination und Verlag: Lüders & Baran, Agentur für Kommunikation, München.