
INHALT
Textheft als pdf herunterladen (916 Kb)
Besaßen die Schlesier eigentlich einen eigenen Himmel oder droben wenigstens eine eigene Wolkenbank, so dass die Bezeichnung „Schlesisches Himmelreich“ erklärbar wäre? Um ehrlich zu sein, einen solchen Vorzugsplatz hatte der Schlesier ganz und gar nicht. Sein vielbesungenes Himmelreich war eine äußerst prosaische Angelegenheit, genauer gesagt, eine derartig rustikale Speise, dass man staunt, woher er eigentlich den Mut nahm, dieses Nationalgericht als „Himmelreich“ zu bezeichnen. Aber schauen wir uns diese kulinarische Extravaganz einmal näher an. Sie bestand aus drei Grundelementen: Backobst – Rauchfleisch – und Klößen. In diesem speziellen Fall waren das Semmelklöße.
Dieses Gericht wurde meist auf dem Lande und da hauptsächlich in der Weihnachtszeit von vielen braven Hausfrauengenerationen immer wieder auf den Tisch gebracht. Auf den Tisch wohl deshalb gebracht, weil es ein recht sparsames Essen war, dessen Zutaten man eben im Hause hatte. Woraus ersichtlich wird, dass der Schlesier, bzw. in diesem Falle die Schlesierin, aus der Not (vielleicht) eine Tugend zu machen verstand, und zwar nach folgendem Rezept:
„Backobst abwaschen und über Nacht einweichen. Am nächsten Tage wird diese Fruchtmasse dann mit wenig Wasser, noch weniger Zimt und einer ganz kleinen Zitronenschale weich gekocht. Nun wird die inzwischen in einem zweiten Topf zubereitete und mit wenig Mehl angedickte Fleischbrühe hinzugefügt, wobei natürlich auch das dazugehörige gegarte Rauchfleisch den Topf wechselt. In dieses Wunderwerk schlesischer Kochkunst werden dann die in einem dritten Topf zubereiteten (kleinen) Semmelklößchen eingefügt und diese dampfende Herrlichkeit dann in einer riesigen Terrine auf den Tisch gebracht“.
„Wer das Himmelreich nicht kennt, der hat umsonst gelebt”, sagen die Schlesier. So ist das Himmelreich das Nationalgericht, wenngleich viele es eigentlich nur wegen der „Kliesslan” geliebt haben. So gehen auch die Meinungen auseinander, welche Klöße zu diesem Gericht gehören: Semmelklöße, Grießklöße, Kartoffelklöße oder Hefeklöße? Aber Hauptsache „Kliesslan!”
„De Hauptsache – doas soa ich Euch –
von insem schlaescha Himmelreich
doas sein do bluss die Kliessla!
Was nuetzt a Brota schien und gruss,
wenn ma Kartuffeln frassa muss als Zutoat –
und kee Kliessla? Denns beste halt,
doas sa ich Euch – vo insem schlaescha Himmelreich
doas sein und blein de Kliessla!“
Aus Albrecht Baehr: Schlesien wie es lachte. Augsburg 1989 (Lizenzausgabe fĂĽr Weltbild).
| <-- Vorherige Seite | | | Nächste Seite --> |