Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Auf der Suche nach dem schlesischen Himmelreich

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Deutsche, Polen, Schlesier

Eine weitere Folge der Industrialisierung betraf die Zusammensetzung der Bevölkerung Oberschlesiens. Zwar erfasste das allgemeine Bevölkerungswachstum die deutsch- wie die polnischsprachige Bevölkerung gleichermaßen, aber Wande-rungsbewegungen verschoben das Gewicht immer mehr auf die Seite der Polen. Zum einen war die Abwanderung der Deutschen Oberschlesiens in die Industriegebiete im Westen (Berliner Großraum, Ruhrgebiet) stärker als die Abwanderung der Polen dorthin, zum anderen fand eine Zuwanderung polnisch-sprachiger Menschen von Polen her statt. Die Volkszählung von 1910 ergab auf die Frage nach der Muttersprache folgendes Ergebnis: Deutsch 40%, Polnisch 53%, Zweisprachig 7%.

Man darf aber von der Sprachzugehörigkeit nicht auf eine eindeutige Volkszugehörig-keit schließen. Das Bekenntnis zu einer bestimmten Kultur oder Nation ist immer die Entscheidung eines Einzelnen, die sich in einem langen Prozess herausbildet, sie lässt sich nicht an objektiven Kriterien wie etwa Sprache ablesen. Gerade dort, wo zwei Kulturen lange Zeit friedlich nebeneinander leben, ist es für den Einzelnen oft schwierig, seine Zugehörigkeit und Identität klar anzugeben. Oberschlesien war eine solche Region, wo über Jahrhunderte ein friedliches Zusammenleben und eine Vermischung stattgefunden hat. Fragt man also nach der nationalen Identität ihrer Bewohner im 19. Jh., so kann man neben einer eindeutigen deutschen Identität und einer (langsam wachsenden) eindeutigen polnischen Identität eine große Zahl von Menschen ausmachen, die sich weder der einen, noch der anderen Volksgruppe zurechneten. Man hat diese auch als Menschen mit einem „schwebendem Volkstum” bezeichnet. Zu diesen sind v. a. die schon erwähnten wasserpolnisch sprechenden Einwohner Schlesiens zu rechnen, die in der obigen Statistik als Polnischsprachige erscheinen. Sie sprachen unter sich ihr stark mit Germanismen durchsetztes „Wasserpolnisch“, doch beherrschten die meisten von ihnen mehr oder minder auch Deutsch, denn Deutsch war die offizielle Amtssprache, die Schulsprache und die Sprache in den Fabriken. Wer von ihnen beruflich vorankommen wollte, ließ seine Kinder Deutsch lernen, was die hohe Zahl an Personen mit zwei Muttersprachen erklärt. Deren Deutsch war durch viele Slawismen gekennzeichnet, auf das wiederum die Hochdeutsch sprechenden Deutschen mit Verachtung herabblickten. Für die Angehörigen dieser Mischkultur gab es kein entweder deutsch oder polnisch. Gezwungen sich für eine Seite zu entscheiden, wie in der Volksabstimmung 1921, neigten die meisten trotz ihrer slawischen Umgangssprache zur deutschen Seite. Aber eigentlich sahen sie sich selbst weder eindeutig als Deutsche noch eindeutig als Polen, sondern in erster Linie als Schlesier, Bewohner des Landes Schlesien, deren Vorfahren hier seit Jahrhunderten lebten.

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© Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit   •   letzte Änderung am: 30.10.2006 17:41