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Mitte des 12. Jh. war Schlesien ein noch recht dünn besiedeltes und im Vergleich zum Westen Europas unterentwickeltes Land, modern gesagt ein Entwicklungsland. Die Söhne Władysławs, die 1163 mit Hilfe Kaiser Barbarossas ihr Erbe in Schlesien antraten, hatten bei ihrem langjährigen Exil im Deutschen Reich die wirtschaftlichen Erfolge eines systematischen Landesausbaus kennen gelernt. Sie wollten daher deutsche Wirtschaftsweise und Rechtssystem auch in ihren Ländern einführen und luden deutsche Siedler ein, sich in Schlesien anzusiedeln. Diese deutsche Siedlungsbewe-gung begann ab Mitte des 12. Jh., erreichte zwischen 1200 und 1300 ihren Höhepunkt und lief dann langsam aus.
Das Hauptmotiv der Piastenfürsten bei der Anwerbung deutscher Siedler bestand darin, die wirtschaftliche Entwicklung ihrer Länder voranzutreiben. Sie wollten durch Einführung neuer Arbeitstechniken die Erträge des Bodens steigern, durch Förderung von Handel und Handwerk die Wirtschaftskraft des Landes erhöhen und letztlich durch mehr Menschen mehr Steuereinnahmen erzielen. In heutigen Worten: Sie waren an der Entwicklung ihres Landes durch modernes „Know-how” interessiert. Und die Deutschen brachten dieses Know-how in Form ihrer viel weiter entwickelten landwirtschaftlichen und handwerklichen Produktions techniken mit. Unter den Neuerun-gen sind hervorzuheben: der „moderne” Pflug, der – im Gegensatz zum einfachen Hakenpflug – den Boden umwendete statt nur Saatfurchen zu ziehen, die Egge, das Kummet (Pferdegeschirr) und das Hufeisen, die Dreifelderwirtschaft, Wasser- und Windmühlen, neue Methoden in Bergbau, Glas- und Textilindustrie. Die Piastenherrscher taten genau dasselbe wie heutige Staaten, die versuchen, gut ausgebildete Fachkräfte und ausländische Wirtschaftsunternehmen anzusiedeln, um damit die eigene Wirtschaft zu stärken.
Neben der Ansiedlung von Bauern in bisher unberührten Wäldern und ungenutztem Ödland förderten die Landesherrn auch den Ausbau des Städtewesens. Die planmäßige Anlage dieser Städte lässt sich bis heute deutlich erkennen: Den Mittelpunkt bildete ein großer rechteckiger Marktplatz, Ring (Rynek) genannt, auf dem das Rathaus stand. Die Straßen um den Ring waren schachbrettartig angelegt. Die den Ring umsäumenden Bürgerhäuser hatten oft einen Laubengang, der dem Auslegen von Waren diente. Um Handwerker und Kaufleute für seine Städte anzulocken, musste der Landesherr ihnen, wie den Städten im Deutschen Reich, das Recht auf Selbstverwal-tung verleihen. Vorbild dabei wurde das Stadtrecht von Magdeburg. Die deutschen Siedler brachten also nicht nur ihr Wissen und Know-how mit, sondern ebenso ihr Rechtssystem. Etwa 120 Städte sind im 13. Jh. in Schlesien, meist auf der Grundlage einer alten polnischen Siedlung, entstanden und mit Stadtrecht ausgestattet worden.
Breslau, das 1261 deutsches Stadtrecht bekam, wurde seiner günstigen Lage wegen schnell zur größten und führenden Stadt in Schlesien. Hier kreuzten sich zwei wichtige Handelswege: Die Hohe Straße, eine Ost-West-Verbindung von Frankfurt über Leipzig nach Breslau und weiter nach Krakau und Kiew, und die Bernsteinstraße von der Ost-see in den Donauraum. Über die Seestädte hatte Breslau sogar Anschluss an den Welthandel und war zur Sicherung dieser Verbindungen zeitweilig Mitglied der Hanse.
Ein dritter Wirtschaftsbereich neben Landwirtschaft und Gewerbe war der Bergbau, der durch Ansiedlung erfahrener Bergleute intensiviert werden sollte. Damals entstanden die Städte Goldberg (Złotoryja) und Löwenberg (Lwówek Śląski). Im 15. und 16. Jh. wurden neue Erzlagerstätten entdeckt, wie etwa in Silberberg (Srebrna Góra) und in Schmiedeberg (Kowary), wo – wie der Name schon sagt – Eisen gefördert und gleich geschmiedet wurde.
Als Anreiz für die Mühen des Neuanfangs bot man den Zuwanderern viele Vergünsti-gungen. Die Bauern waren persönlich frei, nicht leibeigen, und mussten daher keinen Frondienst leisten. Bauern und Bürger waren für einige Anfangsjahre von Steuern und Abgaben befreit. Die bessere Rechtsstellung und die Möglichkeit eines sozialen Aufstiegs – das waren die eigentlichen Triebfedern der Menschen zur Auswanderung in den Osten. Dieselben Motive veranlassten im 19. Jh. Menschen aus allen Ländern Europas in die USA auszuwandern. Das „gelobte Land“ lag im Mittelalter im Osten.
Die dichte Besiedlung des ganzen Landes hatte zu einer enormen Bevölkerungsvermehrung (teilweise um das 5-10fache) geführt und in der Folge eine rasche Assimilation der polnischsprachigen an die deutschsprachigen Einwohner nach sich gezogen. Bis zum Ende des 15. Jh. war Niederschlesien eine Landschaft mit fast völlig deutschsprachiger Bevölkerung geworden. Anders sah es dagegen in Oberschlesien aus, wo die deutsche Zuwanderung nicht so dicht gewesen war. Während die Deutschen westlich der Oder und in den meisten Städten die Mehrheit ausmachten, entstand östlich und südlich der Oder im Laufe der folgenden Jahrhunderte eine besondere oberschlesische Mischkultur, in die Elemente (z.B. Acker- und Hausgeräte, Kleidung, Speisen, religiöse Bräuche) deutscher und polnischer Herkunft eingingen. Selbst die Sprache trug Mischcharakter. Auf der Basis des damals gesprochenen Altpolnischen nahm sie viele deutsche und böhmische Wörter auf. Diese Sprache wurde ab dem 17. Jh., wohl wegen der vielen oderabwärts fahrenden Flößer, als wasserpolnisch bezeichnet. In der Fachliteratur nennt man sie auch schlonsakisch, abgeleitet von dem polnischen Wort Ślązak, was Schlesier bedeutet und wie „schlonsak“ gesprochen wird. Für einen Polen aus anderen Gegenden ist sie nicht verständlich.
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