
INHALT
Textheft als pdf herunterladen (916 Kb)
Die den Polen 1945 übergebenen deutschen Ostgebiete wurden offiziell als „wiedergewonnene Westgebiete” bezeichnet, die Propaganda sprach von der „Heimkehr des alten Piastenlandes zum Mutterland”. Die neuen Bewohner nannte man „Repatrianten”, innerhalb derer man drei Gruppen unterscheiden kann: die Umsiedler aus Zentralpolen, die aus Deutschland zurückgekehrten Zwangsarbeiter sowie als die weitaus größte Gruppe die polnischen Vertriebenen aus den früheren polnischen Ostgebieten, die 1945 an die Sowjetunion gefallen sind. So lebt ein großer Teil der ehemaligen Bevölkerung des heute ukrainischen Lemberg (Lviv, poln. Lwów) in Breslau. In Niederschlesien hatte in wenigen Jahren ein vollständiger Bevölkerungs-austausch stattgefunden. Bis 1950 waren nur einige Zehntausend Deutsche zurückgeblieben, weil sie als Fachleute oder Arbeitskräfte gebraucht wurden. Sie haben im Laufe der 50er Jahre fast alle das Land verlassen.
Anders sah es dagegen in Oberschlesien aus, wo etwa die Hälfte der ursprünglichen Bevölkerung zurückblieb. Denn die hier lebenden Oberschlesier mit „schwebendem Volkstum“ galten ja als Autochthone, also als alteingesessene, nur oberflächlich germanisierte Polen. Sie wurden nun der so genannten Verifizierung unterzogen, die zeigen sollte, ob sie zum Polentum zurückgeführt werden konnten. Die Polen behandelten damit die Oberschlesier auf dieselbe Art wie es die Deutschen mit ihrer Volksliste getan hatten, nämlich sie für die eigene Nation zu reklamieren und damit einheitliche Nationalitätenverhältnisse vorzugaukeln, nur mit umgekehrten nationalen Vorzeichen. Wer sich der Verifizierung verweigerte, dem verlieh man 1951 zwangsweise die polnische Staatsbürgerschaft. Im Alltag wurden sie aber als Bürger zweiter Klasse behandelt und einer Polonisierungspolitik unterzogen, die ihre deutschen Kulturanteile beseitigen sollte. Diese repressive Politik führte aber stattdessen dazu, dass sich viele Menschen mit „schwebendem Volkstum” gegen die ihnen aufgezwungene Nationalität wehrten und sich deswegen heute ausdrücklich als deutsch bekennen. „Die polnischen Kommunisten haben innerhalb von vier Jahrzehnten das geschafft, was den Preußen in zwei Jahrhunderten nicht gelungen ist: die Oberschlesier zu Deutschen zu machen” (zitiert nach Thomas Urban).
Die deutsche Minderheit in Polen lebt relativ geschlossen in der Wojewodschaft Oppeln (Opole). Bei der Volkszählung 2002 haben sich 153 000 Personen zur deutschen Nationalität bekannt, aber auch 173 000 zu einer schlesischen Nationalität. Dies zeigt, dass der Gedanke eines eigenen Schlesiertums jenseits von deutsch oder polnisch bis heute existiert. Offiziell anerkannt ist jedoch nur die deutsche Minderheit. Sie besitzt heute alle Rechte zur Wahrung ihrer Kultur. Es gibt deutsche Schulen, deutsche Zeitungen und deutsche Rundfunksendungen. Der Oppelner Bischof Alfons Nossol, ein zweisprachiger Oberschlesier, hat in seiner Diözese die Abhaltung von Gottesdiensten in deutscher Sprache eingeführt. Die Dachorganisation aller deutschen Vereine ist der 1991 gegründete „Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen“. Mit Hilfe aus Deutschland konnten in den letzten Jahren eine Reihe von Begegnungsstätten eingerichtet werden, die sich einerseits um die Pflege des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens der deutschen Minderheit, andererseits um den grenzüberschreitenden Kulturkontakt bemühen. Zwei bekannte Einrichtungen sind das Kultur- und Bildungszentrum in Lomnitz (Łomnica) und das Eichendorff-Kultur- und Begegnungszentrum in Lubowitz (Łubowice).
Waren die 1945 zugewanderten Polen an der Geschichte Schlesiens wenig interessiert, so hat sich die Bevölkerung heute für das deutsche Kulturerbe geöffnet. So wurde in Schreiberhau (Szklarska Poręba) ein Museum der Brüder Carl und Gerhart Hauptmann, die hier mehrere Jahre lebten, eingerichtet, in Ratibor (Racibórz) wurde eine Nachbildung des 1945 zerstörten Eichendorff-Denkmals aufgestellt und auf dem Schloss des Gutes Kreisau (Krzyżowa) informiert eine Ausstellung über die gleichnamige Widerstandsgruppe. Das Thema Vertreibung und Vertreibungsverbrechen wird offen diskutiert und im Lager Lamsdorf (Łambinowice) ist für die dort umgekommenen Deutschen ein Gedenkstein aufgestellt worden. Das seit Generationen aufgebaute Misstrauen weicht der Normalität und Schlesien wird wieder das, was es schon immer war: ein Mittler zwischen Ost und West.
| <-- Vorherige Seite | | | Nächste Seite --> |