
Gestaltung und Durchführung des Wettbewerbs: Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus

Von den Dakern zu den Rumänen
Die Ungarn und die Szekler
Die Siebenbürger Sachsen
Die Sächsische Nationsuniversität
Reformation und Religionsfreiheit
Die Türkenzeit
Die zweite Phase deutscher Besiedlung
Nationales Erwachen
Der Erste Weltkrieg und die Entstehung Großrumäniens
Die deutsche Minderheit in der Zwischenkriegszeit
Der Zweite Weltkrieg
Die Zeit des Kommunismus
Die Aussiedlung
Karin Gündisch: „Cosmin. Von einem, der auszog, das Leben zu lernen“
Das Land im Karpatenbogen – Siebenbürgen oder Transsilvanien –, an der Nahtstelle von Ost und West, Mitteleuropa und Südosteuropa (Balkan) gelegen, war seit jeher ein Kreuzungspunkt der Kulturen. Auf kleinstem Raum haben hier eine Vielzahl von Völkern und Religionen eine Heimat gefunden und dem Land ihren Stempel aufgedrückt. Heftig umkämpft, hat es im Lauf seiner Geschichte mehrfach zu verschiedenen Staaten gehört, zum mittelalterlichen Ungarn, zum Osmanischen Reich und zum Habsburgerreich. Heute ist es ein Teil Rumäniens. Dennoch gab es hier – wie im angrenzenden Banat – über die Jahrhunderte hinweg ein friedliches Zusammenleben von Rumänen, Ungarn, Roma und nicht zuletzt Deutschen, die hier lange Zeit eine bedeutende Rolle spielten. Bis heute hat das Land seine multiethnische und multikonfessionelle Prägung bewahrt – ein Spiegel der Vielfalt Europas im Kleinen.
Die heutigen Rumänen führen ihre Abstammung auf den antiken Stamm der Daker zurück, deren Siedlungsgebiet im Karpatenbogen und der südlich anschließenden Donauebene lag. Lange gelang es den Dakern, ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Erst als König Decebalus zu Ende des 1. Jh. n. Chr. die Daker in einem Staat vereinigte und ins Römische Reich einfiel, beschloss Kaiser Trajan, diese Gefahr zu bannen. Er war außerdem an den in den Karpaten liegenden Vorkommen an Salz und Gold interessiert. In zwei Feldzügen zwischen 101 und 106 n. Chr. wurden die Daker besiegt und als Provinz Dacia dem Römischen Reich einverleibt. Dieser Sieg ist auf der heute noch existierenden Trajanssäule in Rom verewigt. Die Römer kolonisierten das Land und bauten Straßen und Städte wie Apulum, heute Alba Iulia, und Napoca, heute Cluj, das seit den 70er Jahren wieder seinen alten römischen Namen als Zusatz trägt (Cluj-Napoca). Die einheimische Bevölkerung wurde romanisiert, aus den Dakern wurden Dako-Romanen, die die lateinische Kultur und Sprache übernahmen. Noch heute ist z.B. der Name Trajan in Rumänien gebräuchlich wie beim derzeitigen Präsidenten Traian Băsescu. Im Jahre 271 zogen sich die Römer vor dem Druck der Goten hinter die leichter zu verteidigende Donau als Grenzlinie zurück und die gesamte römische Oberschicht (Beamte, Soldaten) verließ die Provinz. Die verbleibende Bevölkerung jedoch konnte ihre romanische Sprache gegen alle in der Folgezeit eindringenden Völker (Goten, Hunnen, Gepiden, Awaren und Bulgaren) bewahren, teilweise zog sie sich in unzugängliche Regionen der Karpaten und der Gebirge des Balkans zurück. Selbst den Slawen, die nach ihrer Ausbreitung seit dem 7. Jh. wohl auch im heutigen Rumänien die Mehrheit ausmachten, gelang es nicht, die romanische Bevölkerung auf Dauer zu absorbieren. So ist ab dem 11. Jh. in Siebenbürgen, der Walachei und sogar in dem ursprünglich nicht zur Provinz Dacia gehörenden Moldaugebiet unzweifelhaft eine romanischsprachige Bevölkerungsmehrheit festzustellen.
Von ihren Nachbarn wurde diese romanische Vorbevölkerung als Walachen bezeichnet, ein Begriff, der bis ins 19. Jh. allgemein üblich war, heute aber nur noch im abwertenden Sinne gemeint ist. Die Rumänen selbst nennen sich Român, abgeleitet von romanus, d.h. Römer. Erhalten hat sich dagegen die Landschaftsbezeichnung Walachei. Im Rumänischen jedoch sagt man Ţara Românească, d.h. das rumänische Land, und seine zwei Regionen werden als Oltenia (Kleine Walachei) im Westen und Muntenia (Große Walachei) im Osten bezeichnet. Die walachisch-rumänische Bevölkerung hatte eine Lebensweise mit stark nomadischem Charakter und war in kleinen unbedeutenden Herrschaften organisiert, die bis ins 14. Jh. unter der Oberhoheit der Ungarn standen. Erst dann gelang es zwei Fürsten, sich unabhängig zu machen und damit die ersten eigenständigen rumänischen Herrschaften zu etablieren: das Fürstentum Walachei 1330 und das Fürstentum Moldau 1359, zusammen die Donaufürstentümer genannt. Sie konnten über die Jahrhunderte hinweg ihre Existenz bewahren und wurden im 19. Jh. zur Keimzelle des modernen rumänischen Staates.
Im Jahre 895 fielen die Ungarn, die sich selbst Magyaren nennen, in die pannonische Tiefebene ein, wo sie ihr neues Königreich errichteten – 1001 wurde Stephan I. vom Papst zum ersten christlichen König Ungarns gekrönt. Der Staat expandierte in alle Richtungen und konnte im Laufe der Zeit die heutige Slowakei, Kroatien, das Banat und zuletzt Siebenbürgen unterwerfen. Von der ungarischen Tiefebene aus gesehen liegt das Land im Karpatenbogen hinter den dichten Wäldern auf den Karpaten. Die Ungarn nannten dieses Gebiet daher „jenseits des Waldes“, ungarisch Erdély, lateinisch Transsilvania (denn die Amtssprache im mittelalterlichen Ungarn war selbstverständlich Latein). Im heutigen Rumänien sagt man ebenso Transsilvania oder, vom ungarischen Wort abgeleitet, Ardeal. Den deutschen Namen Siebenbürgen haben die deutschen Einwanderer geprägt, angeblich nach sieben Burgen bzw. Städten (Kronstadt, Schäßburg, Mediasch, Hermannstadt, Mühlbach, Bistritz, Klausenburg), die von ihnen gegründet wurden. Die genaue Herkunft dieses Namens ist jedoch umstritten.
Räuberische Einfälle von Reitervölkern (Kumanen, später Mongolen und Tataren) in das Gebiet von Transsilvanien stellten die ungarischen Könige vor die Aufgabe, eine wirksame Verteidigung aufzubauen. Dies geschah durch die Ansiedlung von Hilfsvölkern in besonders gefährdeten Gebieten. Das bedeutendste Volk unter ihnen waren die Szekler. Wahrscheinlich ursprünglich ein Turkvolk, waren sie schon bei der ungarischen Landnahme mit den Ungarn mitgezogen und hatten sich ziemlich schnell magyarisiert, d.h. die ungarische Sprache sowie das lateinische Christentum angenommen. Sie wurden ganz im Südosten Transsilvaniens angesiedelt. Dieser später Szeklerboden genannte Raum mit dem Hauptort Târgu Mureş (dt. Neumarkt am Mieresch, ungar. Marosvásárhely) ist bis heute das Hauptverbreitungsgebiet der ungarischen Minderheit in Rumänien. Für ihre Aufgabe als Grenzwächter wurden den Szeklern Privilegien gewährt, u.a. waren sie persönlich frei und steuerlich entlastet. An ihrer Spitze stand der Szeklergraf. Diese rechtliche Sonderstellung trug stark zur Herausbildung eines ausgeprägten Eigenbewusstseins bei, das schließlich zum wichtigsten Unterscheidungskriterium zu den anderen Ungarn wurde.
Da die Zahl der Szekler zur Verteidigung nicht ausreichte, wurden ab Mitte des 12. Jh. auch Siedler aus dem Deutschen Reich angeworben. Mit der Anwerbung von Deutschen verfolgten die ungarischen Könige neben dem militärischen Ziel der Landesverteidigung insbesondere wirtschaftliche Ziele. Es ging ihnen darum, durch die Einführung neuer Arbeitstechniken die Erträge des Bodens zu steigern, durch Förderung von Handel und Handwerk die Wirtschaftskraft des Landes zu erhöhen und durch mehr Menschen auch mehr Steuereinnahmen zu erzielen. In heutigen Worten: Sie waren an der Entwicklung des Landes durch modernes Knowhow interessiert. Und die Deutschen brachten dieses Knowhow in Form ihrer viel weiter entwickelten landwirtschaftlichen und handwerklichen Produktionstechniken mit. Unter den Neuerungen sind hervorzuheben: der „moderne“ Pflug, der den Boden umwendet statt nur Furchen zu ziehen, die Egge, das Kummet (Pferdegeschirr) und das Hufeisen, die Dreifelderwirtschaft, die Technik des Wasserrades, neue Methoden im Bergbau, in der Glas- und Textilindustrie. Den einheimischen Herren ging es darum, Menschen anzusiedeln, die dieses Wissen mitbrachten – ebenso wie moderne Staaten ausländische Fachkräfte anwerben, um ihre Wirtschaft voranzubringen.
Um 1150 berief der ungarische König Géza II. die ersten deutschen Siedler in den Süden von Siebenbürgen, denen im Umkreis von Hermannstadt Land zugewiesen wurde, das dem König gehörte (daher Königsboden). Es waren Bauern, die das menschenleere oder doch nur spärlich bewohnte Gebiet urbar machten, Wälder rodeten und Sümpfe trockenlegten. Mit ihnen kamen Handwerker und Kaufleute, die sich in den neu zu gründenden Städten ansiedelten, die nach deutschem Vorbild organisiert wurden. Eine der ersten deutschen Siedlungen war Hermannstadt, urkundlich erstmals 1223 als Villa Hermani erwähnt, wobei jener Hermann wohl der kleinadelige Anführer eines Siedlertrecks war (die rumänische Bezeichnung Sibiu geht auf den Fluß Cibin zurück, an dem Hermannstadt liegt). Von hier aus breitete sich das deutsche Siedlungsgebiet entlang der Karpaten im Westen bis Broos (Orăştie), im Osten bis Reps (Rupea) aus. Im Norden reichte es bis Schäßburg (Sighişoara). Dieses relativ geschlossene Gebiet wurde als Hermannstädter Provinz bezeichnet und in „Sieben Stühle“ (Verwaltungseinheiten) unterteilt. Ein zweites Siedlungsgebiet der Deutschen war der äußerste Südosten Siebenbürgens, das Burzenland. In diese durch Reitervölker besonders gefährdete Region hatte König Andreas II. 1211 die Ritter des Deutschen Ordens berufen, die kurz zuvor aus dem Heiligen Land vertrieben worden waren. Die Ritter bauten mehrere Burgen, warben ihrerseits deutsche Siedler an und gründeten Städte, deren bedeutendste Kronstadt (Braşov) ist. Doch der mächtige Orden wollte mehr als nur Grenzwächter des ungarischen Königs sein, er wollte einen eigenen Staat errichten, nur dem Papst unterstellt. Das lag naturgemäß nicht im Interesse König Andreas’, der dem Orden das Land 1225 wieder abnahm. Die Ritter zogen daraufhin nach Preußen, wo ihnen die Errichtung eines eigenen Staats gelang. Die von ihnen gegründeten Siedlungen im Burzenland hatten aber weiterhin Bestand. Schließlich entwickelte sich im Norden Siebenbürgens ein weiterer Schwerpunkt deutscher Siedlung um die Stadt Bistritz (Bistriţa) herum, genannt das Nösner Land. Diese drei Gebiete zusammen bildeten den Königsboden.
In den mittelalterlichen lateinischen Urkunden werden die deutschen Siedler als hospites (Gäste) oder als saxones (Sachsen) bezeichnet, die damals in Südosteuropa übliche Bezeichnung für Deutsche. Die Siedler kamen aber keineswegs aus Sachsen, sondern aus dem Westen des Deutschen Reichs, aus dem Rheinland, dem Moselland, aus Flandern und Westfalen. Sie übernahmen aber bald den Namen Sachsen als rechtliche Eigenbezeichnung. Und obwohl sie aus verschiedenen Herkunftsgebieten und zu verschiedenen Zeiten (zu Anfang des 14. Jh. endete der deutsche Zuzug) ins Land kamen, formte sich doch eine sprachlich (mit einem dem Luxemburgischen ähnlichen Dialekt) und kulturell homogene Gemeinschaft mit einer eigenen Identität als privilegierte Gruppe und einem besonderen Zusammengehörigkeitsgefühl. Als Anreiz für die Mühen des Neuanfangs wurden den Zuwanderern viele Privilegien zugestanden. An erster Stelle stand die persönliche Freiheit, d.h. die Befreiung von der Leibeigenschaft eines Adeligen und von Frondiensten. Über die Nutzung des Bodens, der Gewässer und Wälder konnten sie völlig autonom entscheiden. Als „Gäste“ des Königs waren sie nur diesem unterstellt, nur ihm zu Abgaben und Diensten, besonders der Heeresfolge, verpflichtet. Ausdrücklich war dem ungarischen Adel der Erwerb von Boden im Gebiet der deutschen Siedler verboten (eine Regelung, mit der der König zugleich die Macht der großen Adelsgeschlechter eindämmen wollte).
Des Weiteren hatten sie das Recht der internen Selbstverwaltung. So wie jeder Adelige auf seinem Gebiet autonom war, so waren es die deutschen Siedler auf ihrem. Sie durften ihre Richter frei wählen, die nach dem Recht der Siedler, d.h. nicht nach ungarischem Recht, urteilten. Ebenso durften sie ihre Pfarrer selbst wählen und der Gesamtheit der deutschen Geistlichen stand ein Propst vor, der nicht dem ungarischen Siebenbürger Bischof unterstellt war. An der Spitze der Gemeinschaft stand der Sachsengraf, zunächst vom König eingesetzt, später frei gewählt. Die Sachsen (und ebenso die Szekler) bildeten auf diese Weise einen eigenen Rechtsverband, der außerhalb der Gewalt des ungarischen, den gesamten Rest Siebenbürgens beherrschenden Adels stand.
Schließlich bekamen die Sachsen auch bedeutende wirtschaftliche Rechte verliehen. Die sächsischen Kaufleute konnten in ganz Ungarn frei herumreisen und mussten keinerlei Zölle zahlen. Alle diese Freiheiten, die die ungarische Krone den Ansiedlern verlieh, hatten im ganzen südosteuropäischen Raum deutscher Siedlung keine Entsprechung. Der fruchtbare Boden, den sie mit ihren neuen ertragreicheren Methoden bebauten, die Selbstverwaltung, die Handels- und Zollprivilegien, die bald zu einem raschen Ausbau des Warenverkehrs und einem Aufblühen der Städte führten, musste die Siebenbürger Sachsen fast zwangsläufig wohlhabend und damit auch politisch einflussreich machen. Als politisches und kulturelles Zentrum bildete sich Hermannstadt heraus, das sich nach der Zahl seiner Einwohner mit Städten wie Frankfurt, Leipzig oder Wien messen konnte. Zwar sind die ursprünglichen Rechtsverleihungen nicht überliefert, wohl aber spätere Bestätigungen. 1224 erteilte der ungarische König Andreas II. den Siedlern den so genannten Goldenen Freibrief (auch Andreanum genannt), der alle ihre Rechte zusammenfasste und zum „Grundgesetz“ der Siebenbürger Sachsen wurde. Er galt für alle auf dem Königsboden lebenden Sachsen, nicht aber für diejenigen außerhalb dieses Gebiets, die einem ungarischen Adeligen, der seinerseits deutsche Siedler angeworben hatte, unterstanden.
Um sich vor türkischen Truppen und Plündererhorden zu schützen, bauten viele der sächsischen Dörfer im 15. Jh. ihre (romanischen oder gotischen, später teilweise barockisierten) Kirchen zu Burgen aus. Sie umgaben sie mit einem oder gar zwei Mauerringen, mit Wehrgängen, Türmen und Schießscharten, manche auch mit Wassergräben und Pechnasen. Die Burgen standen meist (im Unterschied zu Ritterburgen) in der Mitte des Dorfes und bildeten so geradezu das steinerne Symbol der Dorfgemeinschaft. Hierher flüchtete sich die Bevölkerung vor herannahenden Feinden. Da die Belagerung andauern konnte, war die Kirchenburg für längere Aufenthalte eingerichtet. An die inneren Mauern wurden Kammern angebaut, in denen je eine ganze Familie Platz fand. Die Kirchenburg von Tartlau (Prejmer) besitzt z.B. 260 solcher Kammern. Dort wurden ständig Lebensmittel und Kleider aufbewahrt, um im Fall der Belagerung alles bereit zu haben. Auch ein Brunnen, Getreidespeicher, ein Backofen und Käfige für das Vieh gehörten zu jeder Burg. Oft gab es einen Speckturm, in dem alle Familien ihren Speck lagerten.
Die Kirchenburgen wurden auch nach der Türkenzeit weiter benutzt. Der Brauch, den Speck oder wertvolle Dinge im Turm aufzubewahren, bestand bis ins 20. Jh. hinein. Heute sind etwa 100 dieser Kirchenburgen erhalten. Angesichts der Abwanderung der Siebenbürger Sachsen stellt sich aber die Frage, wer sich in Zukunft um den Erhalt dieses in der Kulturlandschaft Europas einmaligen Ensembles an Baudenkmälern kümmern wird.
In Siebenbürgen hatten sich somit drei Rechtsverbände herausgebildet: der des ungarischen Adels, der Szekler und der Sachsen. Sie wurden in der Sprache des Mittelalters als „Nation“ bezeichnet. Dieser Begriff hat mit der modernen Nation als Gemeinschaft gleicher Volks- und Sprachangehöriger nichts zu tun, sondern bedeutet soviel wie Stand, also Personen mit den gleichen spezifischen Rechten. Denn nicht ethnische Unterschiede prägten das Denken der Menschen der Zeit, sondern Unterschiede in der rechtlichen Stellung. Keine eigene Rechtsstellung als Nation hatten dagegen die Walachen (Rumänen). Im Jahre 1437 schlossen die drei Rechtsverbände (nationes) die Unio trium nationum ab, eine Union zum Schutz ihrer Rechte vor inneren (aufständischen Bauern) und äußeren Feinden (v.a. Türken). Damit hatten die drei Nationen sich erstmals gegenseitig anerkannt.
Galten die Rechte des Andreanums anfangs nur für die Hermannstädter Provinz, während das Burzenland und das Nösner Land etwas andere Rechte besaßen, so gelang es den Sachsen bis 1486 die Gültigkeit des Andreanums für alle drei Gebiete vom König bestätigt zu bekommen. Damit war ein einheitliches Rechts- und Verwaltungsgebiet entstanden und die sächsische Nation ging daran, eine allgemeine Vertretung aller Gebiete einzurichten, die Sächsische Nationsuniversität. Universität bedeutet hier Gesamtheit, da dieses Gremium alle Bewohner des Königsbodens vertrat und für alle Gesetze erließ. Die Sächsische Nationsuniversität traf sich einmal im Jahr in Hermannstadt, den Vorsitz führte der gewählte Sachsengraf. Die von ihr erlassenen Gesetze wurden 1583 in einer Sammlung des sächsischen Eigen-Landrechts kodifiziert, das bis 1853 gültig blieb. Ähnliche Kodifikationen ihrer spezifischen Rechte nahmen auch die beiden anderen Nationen vor.
Die Ideen Luthers kamen durch deutsche Kaufleute und Studenten, die die Bücher des Reformators mitbrachten, nach Siebenbürgen und trafen dort auf großen Widerhall. Als erste Stadt beschloss 1542 Kronstadt die Durchführung reformatorischer Maßnahmen. Geistiger Vater war der von hier stammende Humanist Johannes Honterus (1498-1549). Das von ihm verfasste Reformationsbüchlein wurde zur Grundlage der neuen lutherischen „Kirchenordnung aller Deutschen in Siebenbürgen“, die von der Sächsischen Nationsuniversität 1550 als allgemein verbindlich angenommen wurde. Alle Siebenbürger Sachsen waren damit evangelisch geworden. Der neue Bischofssitz wurde 1572 in Birthälm (Biertan) eingerichtet, heute eine Kleinstadt bei Mediasch (Mediaş), deren Kirchenburg zum Weltkulturerbe der Unesco gehört.
Auch die übrigen Nationen schlossen sich der Reformation an. Bei den Ungarn und Szeklern verbreitet sich zunächst das Luthertum, ab den 1560er Jahren setzte sich überwiegend der Calvinismus durch. Theologische Streitigkeiten innerhalb der Protestanten führten schließlich zur Etablierung einer dritten reformatorischen Glaubensrichtung, den Unitariern (oder Antitrinitariern, weil sie die Dreifaltigkeit ablehnen), die in anderen Gebieten Europas teilweise heftig verfolgt wurden. Der Katholizismus wurde zunächst fast völlig verdrängt, konnte aber durch die Missionsarbeit der Jesuiten, die der katholische Landesherr Stephan Báthory ins Land ließ, wieder an Boden gewinnen. Unberührt von diesen religiösen Fragen blieben nur die Rumänen, die an ihrem orthodoxen Glauben festhielten.
In kurzer Zeit war so eine religiöse Vielfalt in Siebenbürgen entstanden wie in kaum einem anderen Land Europas. Da allen Seiten klar war, dass anhaltende religiöse Auseinandersetzungen, gar ein Religionskrieg, angesichts der türkischen Bedrohung katastrophale Folgen haben würde, rangen sich die Stände zu einer allgemeinen Toleranzpolitik durch. Die neuen Bekenntnisse (Luthertum, Calvinismus, Unitarismus) wurden sukzessive dem Katholizismus gleichgestellt. Lediglich die Orthodoxe Kirche, die als „schismatisch“ galt, (und ebenso die jüdische Religion) waren nicht gleichberechtigt, sondern nur geduldet. Der Landesherr musste einen Eid auf die Wahrung der Freiheit der vier anerkannten Konfessionen leisten. Der Grundsatz „cuius regio, eius religio“, mit dem der Herrscher die Religion seiner Untertanen bestimmte, galt in Siebenbürgen nicht. Damit war erstmals in ganz Europa der Grundsatz der Religionsfreiheit festgeschrieben worden. Zur multiethnischen Situation Siebenbürgens war eine multikonfessionelle hinzugekommen.
Johannes Honterus wirkte auch als Reformator des Schulwesens, z.B. verwandelte er die Kronstadter Stadtschule in ein (bis heute bestehendes) humanistisches Gymnasium, das erste seiner Art in ganz Südosteuropa. Die Neuorganisation dieser Schule beinhaltete die Einrichtung einer spezifischen Form der Schülermitverwaltung, dem sogenannten „Coetus“, der auch an anderen siebenbürgischen Schulen bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs Gültigkeit hatte. Das Schulwesen der Sachsen erlebte mit der Reformationszeit einen mächtigen Aufschwung und hielt sich über die Jahrhunderte auf hohem Niveau. Kein Wunder, dass im 20. Jh. aus diesem Raum einige bedeutende Wissenschaftler kamen wie der Raketenpionier Hermann Oberth, der Physiker Otto Gert Folberth, Erfinder der LED, oder Stefan Hedrich, Konstrukteur der Magnetschwebebahn.
Nachdem die Türken erstmals 1354 in Europa Fuß gefasst hatten, gelang ihnen bis Ende des Jahrhunderts die Zerstörung des bulgarischen und serbischen Reichs und die Eroberung des Balkans bis zur unteren Donau. Die beiden nun unmittelbar an den türkischen Machtbereich grenzenden Donaufürstentümer entschlossen sich, durch die Leistung des Lehnseids und die Zahlung von Tributen einer Eroberung des Landes zuvorzukommen. Die Walachei unterstellte sich 1415, Moldau 1456 der osmanischen Herrschaft, unter der sie bis ins 19. Jh. verblieben. Sie bedeutete neben Tributen die Heerfolge für den Sultan, dafür blieben sie im Inneren autonom und ohne türkische Besiedlung, was aber nicht vor Raubzügen schützte. Immer wieder jedoch wagten einzelne Herrscher den Widerstand gegen die osmanische Oberhoheit. Der bekannteste ist der walachische Fürst Vlad III. Draculea, auch Vlad III. Ţepeş genannt (1430-1477), das historische Vorbild des Grafen Dracula. Militärisch erfolgreicher war Mihai Viteazul (Michael der Tapfere), 1593-1601 Fürst der Walachei, der kurzzeitig auch die Moldau und Siebenbürgen regierte und darum von der neuzeitlichen rumänischen Geschichtsschreibung als erster Einiger des Landes angesehen wird.
Dracula, dunkler Fürst aus Transsilvanien, der unschuldigen Menschen das Blut aussaugt und unter der Bevölkerung Angst und Schrecken verbreitet – so will es der Roman Dracula des Iren Bram Stoker von 1897. Stoker war der erste Schriftsteller, der seinem Vampir den Namen Dracula gab (Vampirromane hatte es im 19. Jh. schon mehrere gegeben) und die Handlung nach Siebenbürgen verlegte. Er identifizierte seinen Grafen mit der historischen Figur von Vlad Ţepeş, wobei ihm aber einige einschneidende historische Fehler unterliefen. Zwar ist Vlad Ţepeş wegen seiner Blutrünstigkeit und Grausamkeit in die Geschichte eingegangen (wenn auch nicht als Blutsauger), aber weder war er Herrscher in Siebenbürgen, noch ist er in der den Touristen als Dracula-Wohnsitz verkauften Törzburg (Burg Bran) südlich von Kronstadt jemals gewesen. Tatsächlich war Vlad III. Ţepeş wie sein Vater Vlad II. Woiwode (Fürst) der Walachei. Letzterer wurde von Sigismund, ungarischer König und deutscher Kaiser, in den von ihm zum Kampf gegen die Türken gegründeten Drachenorden aufgenommen und erhielt dadurch den Beinamen Dracul. Sein Sohn nannte sich selbst Draculea, d.h. aus dem Geschlecht der Drachen. Seinen anderen Beinamen Ţepeş (sprich Zepesch), d.h. der Pfähler, bekam er dagegen von seinen Feinden wegen seiner abnormen Grausamkeit. Er führte Massenhinrichtungen durch Pfählen durch, hat sich aber auch anderer sadistischer Praktiken wie Kochen, Häuten oder lebendig Begraben bedient und schreckte auch vor dem Pfählen von Frauen, Kindern, Alten und Bettlern nicht zurück. Wenn ihm auch später einiges angedichtet wurde, muss seine Schreckensherrschaft schon den Zeitgenossen als außergewöhnlich bestialisch erschienen sein. Geboren 1431 (wahrscheinlich) in Schäßburg verbrachte er mehrere Jahre als Geisel am Hof des Sultans und musste sich den Thron erst gegen Rivalen erkämpfen. Seine Regierungszeit (1456-62) endete nach einem Überfall auf osmanisches Territorium mit einer türkischen Strafexpedition und seiner Absetzung und Verbannung nach Ungarn. Bei einem weiteren Versuch, den Thron zu erobern, fand er 1477 den Tod. Wenn er heute einer der bekanntesten walachischen Herrscher ist, so hat er dies mehr dem Dracula-Mythos zu verdanken als seiner eigenen Politik.
Der erste Angriff auf Siebenbürgen und damit auf ungarisches Territorium erfolgte 1395. Für das folgende Jahrhundert sind 15 größere Einfälle von Plünderertruppen verzeichnet, denen es nicht um die Okkupation des Landes, sondern um Beute und Sklaven ging. In den historischen Quellen werden sie als „Renner und Brenner“ bezeichnet. Zum Schutz vor solchen Plünderzügen wurden die Mauern der Städte massiv verstärkt (Hermannstadt z.B. konnte von den Türken nie erobert werden) und auf den Dörfern die Kirchen mit Wehranlagen und Türmen umgeben und zu regelrechten Burgen ausgebaut (siehe Kasten „Kirchenburgen“ S. 6). Trotz dieser Schutzmaßnahmen nimmt man an, dass während der Zeit der Türkenkriege mehrere Zehntausend Menschen verschleppt und in die Sklaverei verkauft worden sind.
Eine gänzlich neue Situation ergab sich für das Land im Karpatenbogen, als der ungarische König Ludwig II. in der Schlacht von Mohács 1526 eine vernichtende Niederlage erlitt und Ungarn von den Türken erobert wurde. Ungarn zerfiel in drei Teile: Einen Streifen im Norden besetzte der Habsburger Erzherzog Ferdinand I., der aufgrund eines Erbvertrags Anspruch auf den verwaisten ungarischen Thron erhob. Der Mittelteil mit der Hauptstadt Buda wurde türkische Provinz, Siebenbürgen dagegen wurde 1541 als ein formell unabhängiger, aber faktisch türkischer Oberhoheit unterstehender Vasallenstaat unter Führung eines ungarischen Adeligen eingerichtet. Ein Grund für diese Lösung war sicher auch, dass der Sultan die Eroberung dieses Gebietes mit seinen schwierigen Pässen und seinen stark befestigten Städten scheute. Im Inneren des neuen Fürstentums etablierte sich ein siebenbürgischer Landtag, in dem die drei Stände – der Adel, die Szekler und die Sachsen – vertreten waren. Die Eigenrechte jedes Standes blieben in Kraft, die Türken respektierten die Verfassung des Landes. Der Fürst wurde vom Landtag gewählt, musste aber vom Sultan bestätigt werden. Nach innen hin autonom, musste sich das Land in seiner Außenpolitik den Interessen Istanbuls beugen. Die meiste Zeit verfolgte es daher eine antihabsburgische Politik, doch paktierte es zwischenzeitlich auch mit Österreich, was jedoch türkische Strafexpeditionen nach sich zog.
Mit der Rückeroberung ganz Ungarns durch die Habsburger zwischen 1683 und 1699 (bis 1718 kam noch das Banat hinzu) geriet Siebenbürgen unter österreichische Herrschaft. Zwar bestätigte Kaiser Leopold I. die Verfassung des Landes einschließlich der Religionsfreiheit, der Fürst wurde aber nicht mehr vom Landtag gewählt, sondern war in Personalunion der König von Ungarn, d.h. der Kaiser in Wien. Damit ging die Episode der Unabhängigkeit nach 150 Jahren zu Ende und Siebenbürgen wurde eine Randprovinz des Habsburgerreichs.
Nach Ende der Türkenkriege 1718 beschloss die Regierung in Wien, die schwer in Mitleidenschaft gezogene, verödete und entvölkerte ungarische Tiefebene neu zu besiedeln. Zu dem großangelegten Kolonisierungsprogramm wurden neben Rumänen, Ungarn und Serben auch Deutsche aufgefordert. Die etwa 60.000 Menschen, die im 18. Jh. in drei größeren Siedlungswellen dorthin auswanderten, werden Donauschwaben oder Banater Schwaben genannt, obwohl sie (ähnlich wie bei den Sachsen) nur zu einem geringen Teil aus Schwaben, vielmehr meist aus der Pfalz, Hessen und Franken kamen. Sie waren, worauf die Kaiser Wert legten, katholischer Konfession. Auch sie erhielten Vergünstigungen (mehrere Jahre Abgabenfreiheit, eigene Gerichtsbarkeit), doch keineswegs im selben Ausmaß wie die Siebenbürger Sachsen. Diese zweite Besiedlung war, im Gegensatz zu der des Mittelalters, stark durchgeplant. Es entstanden Großdörfer in streng geometrischer Anlage, die auf dem Reißbrett entworfen waren. Auch Temeschburg oder Temeswar (Timişoara, ungar. Temesvár), das Zentrum des Banats, zeigt in seinem Grundriss die gezielte Planung der Stadt. Sie folgt, wie andere Habsburger Städte, dem Prinzip der Ringstraßen, die das rechtwinklig angelegte Zentrum kreisförmig umlaufen. In den prächtigen Barockbauten und in dem von Fischer von Erlach erbauten Dom mit der Pestsäule davor spiegelt sich bis heute die österreichische Vergangenheit der einst „Klein-Wien“ genannten Stadt.
Das Kolonisationswerk trug bald Früchte und im 19. Jh. wurde das Banat die Kornkammer Ungarns. In vielen Bereichen wurde Temeschburg zum Schrittmacher der österreichisch-ungarischen Monarchie. 1751 wurde das erste städtische (d.h. nicht kirchliche) Krankenhaus eingerichtet (in Wien erst 1784), und 1884 hatte Temeschburg sogar die erste elektrische Straßenbeleuchtung ganz Europas.
Ein weiteres Siedlungsprojekt wurde im heutigen Norden Rumäniens von dem ungarischen Adeligen Graf Karolyi initiiert, der im Umkreis der Stadt Sathmar (Satu Mare) deutsche Einwanderer ansiedelte. Auch sie werden Schwaben (Sathmarer Schwaben) genannt. Und auch in die südlich der Banater Ebene angrenzenden Banater Berge mit dem Hauptort Reschitza (Reşiţa), kamen Deutsche, um in dem hier traditionellen Bergbau zu arbeiten (Banater Berglanddeutsche). Weitere Gebiete, in denen im 19. Jh. in größerer Zahl Deutsche lebten, waren die Bukowina (Buchenland) mit der Hauptstadt Czernowitz oder Tschernowitz (Cernăuţi), die ab 1775 zum Habsburgerreich gehörte, die Dobrudscha (Dobrogea), in die ab 1841 in mehreren Wellen Deutsche von Russland her einwanderten, die vor den schlechten Lebensbedingungen dort flohen, sowie Bessarabien, das Russland 1812 dem Osmanischen Reich abgenommen hatte, und wo sich nördlich der Donaumündung Deutsche ansiedelten, die dann 1918, als Bessarabien zu Rumänien kam, rumänische Staatsbürger wurden. Die Geschichte der Deutschen dieser drei Regionen endete 1940, als sie auf Befehl des Nazi-Regimes „Heim ins Reich“ umsiedeln mussten.
Die Deutschen in Rumänien bildeten keine Einheit. Sie lebten nicht nur räumlich getrennt, sie hatten auch unterschiedliche Religionen und entwickelten ganz unterschiedliche Lebensweisen und Traditionen. Die auf ihre lange Geschichte und ihre Stellung als Nation stolzen Sachsen hatten zu den Neuzuwanderern des 18. und 19. Jh., oft nur arme Bauern, wenig Beziehungen und ebenso die Neuzuwanderer untereinander. Es wird daher auch nicht von der deutschen Gemeinschaft in Rumänien gesprochen, sondern von mehreren.
(Quelle: Baier, Bottesch u.a., S. 19-36)
1930 |
1977 |
2002 |
|
| Siebenbürger Sachsen | 230.000 |
170.000 |
18.000 |
| Banater Schwaben | 237.000 |
138.000 |
19.000 |
| Sathmarer Schwaben | 27.000 |
8.000 |
6.000 |
| Banater Berglanddeutsche | 37.000 |
22.000 |
6.000 |
| Bukowinadeutsche | 75.000 |
||
| Dobrudschadeutsche | 12.000 |
||
| Bessarabiendeutsche | 81.000 |
Mit der Französischen Revolution begann in Europa das Zeitalter der Nationen, Nation nun nicht mehr verstanden als (Geburts)Stand, sondern als Gemeinschaft von Menschen gleicher Sprache, Geschichte und Kultur, die sich selbst bestimmen (Selbstbestimmungsrecht). Überall in Europa fingen die Völker an, ihre Sprache und Geschichte zu erforschen und eine eigene nationale Identität zu entwickeln. Bei den Rumänen war es die sogenannte Siebenbürger Schule (Şcoala Ardeleană), die erstmals die Abstammung der Rumänen von den Römern aussprach (und deren Vertreter daher das lateinische statt des kyrillischen Alphabets benutzten). Langsam begann sich die Idee einer România (Rumänien) auszubilden, nach der alle südosteuropäischen Romanen, egal unter welcher Herrschaft sie leben (Ungarn, Russland, Türkei) ein gemeinsames Volk bilden und in einem Staat vereint sein sollten. Der erste Schritt dazu gelang durch die Vereinigung der beiden Fürstentümer Moldau und Walachei 1859 und die Erlangung ihrer Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich 1878. Ein souveräner Staat Rumänien, das sogenannte „Altreich“, war somit entstanden.
Auch bei den Ungarn entwickelte sich, verstärkt durch die Unterdrückungspolitik der Habsburger, eine Nationalbewegung, die die Wiederherstellung des alten ungarischen Königreichs erstrebte. In der Revolution von 1848 kam man diesem Ziel schon sehr nahe, doch das militärische Eingreifen Russlands auf österreichischer Seite ließ den Aufstand zusammenbrechen. Nach der Niederlage Österreichs gegen Preußen 1866 jedoch musste Wien dem ungarischen Druck nachgeben und dem „Ausgleich“ von 1867 zustimmen. Dieser sah einen österreichisch und einen ungarisch verwalteten Reichsteil mit jeweils innerer Autonomie vor, denen als gemeinsames Oberhaupt der Kaiser vorstand. Das Königreich Ungarn war damit rekonstituiert und umfasste alle Gebiete, die ehemals dazugehört hatten, also auch Siebenbürgen und das Banat, die nun von Budapest aus regiert wurden.
Das neue Ungarn wurde als Einheitsstaat konzipiert. Siebenbürgen wurde nach über 300 Jahren mit Ungarn „wiedervereinigt“ und verlor seine Selbstständigkeit. Der Landtag und mit ihm die Landesstände wurden aufgehoben, die Abgeordneten nun in den Budapester Reichstag gewählt. Für die Sachsen bedeutete dieser Verlust ihrer Stellung als eine mitregierende „Nation“ eine erhebliche Einbuße an politischem Gewicht. Als 1876 auch noch die Sächsische Nationsuniversität, d.h. die Selbstverwaltung der Gebiete des Königsbodens, aufgehoben wurde, war von den überkommenen Rechten nichts mehr übrig. Was formell gesehen nur die Aufhebung alter Sonderrechte und die Gleichstellung mit den übrigen Bewohnern des Landes war, bedeutete faktisch, dass die Sachsen von einer bis dahin politisch und wirtschaftlich privilegierten Gruppe zu einer nationalen Minderheit von ca. 10% des Gesamtbevölkerung geworden waren. Viele Sachsen sahen darin den Anfang vom Ende ihrer Gemeinschaft. Der Begriff Sachse, der ja genau genommen nur ein Rechtsbegriff ist, hatte seinen Inhalt verloren. Sie begannen daher in einem zunehmenden Maße sich als Deutsche zu begreifen.
Rumänien trat 1916 an der Seite der Alliierten in den Krieg ein, nachdem diese ihm den Erwerb der rumänisch bewohnten Gebiete des Habsburgerreichs zugesichert hatten. Im Frühjahr 1918 musste es, wegen des Ausscheidens des russischen Verbündeten aus dem Krieg, kapitulieren, befand sich jedoch nach der Niederlage der Mittelmächte auf Seiten der Sieger. Der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn löste sich auf und rumänische Truppen besetzten Siebenbürgen, die Bukowina und den östlichen Teil des Banats mit Temeschburg (den westlichen Teil hatte Jugoslawien besetzt). Auf einer großen Nationalversammlung in Karlsburg (Alba Iulia) im Dezember 1918 beschlossen die Rumänen dieser Gebiete die Vereinigung mit dem rumänischen Altreich (Bessarabien hatte bereits nach der Oktoberrevolution seinen Anschluss an Rumänien erklärt). Dieser Beschluss wurde später im Frieden von Trianon (1920) völkerrechtlich anerkannt. Durch diesen Gebietszuwachs hatte Rumänien, jetzt Großrumänien genannt, seine Fläche wie seine Bevölkerungszahl mehr als verdoppelt und war zu einem Vielvölkerstaat geworden. Von den ca. 18 Millionen Einwohnern (1930) waren 28% Angehörige ethnischer Minderheiten. Unter ihnen bildeten die Deutschen mit 750.000 (4%), nach den 1,4 Mio. Ungarn (8%), die zweitstärkste Gruppe. Außerdem lebten ca. 700.000 Juden, 600.000 Ukrainer und 300.000 Bulgaren in Großrumänien. Schwierig zu ermitteln ist, damals wie heute, die Zahl der Roma. 1930 erklärten sich offiziell 260.000 Menschen als Roma (2002: 535.000), doch da sich viele aus Angst vor Diskriminierung nicht zu ihrer Ethnie bekennen, ist man auf Schätzungen angewiesen. Diese gehen für die Gegenwart von einer Million bis zu 2,5 Millionen Roma aus.
Die Nationalversammlung in Karlsburg hatte, um die Minderheiten für den neuen Staat zu gewinnen, allen auf rumänischem Gebiet wohnenden Völkern umfassende Rechte zugestanden. Unter anderem wurden der Unterricht, die Verwaltung und Rechtspflege in der eigenen Sprache und die volle Freiheit und Gleichheit aller Konfessionen garantiert. Die deutschen Gemeinschaften sahen daher in den Karlsburger Beschlüssen eine Basis für ein friedvolles Zusammenleben und sprachen sich ihrerseits für den Anschluss an das rumänische Königreich aus. Die Vertreter der Ungarn dagegen lehnten eine Vereinigung ab.
Obwohl sich der Anteil der nationalen Minderheiten auf beinahe ein Drittel der Bevölkerung belief, definierte sich Rumänien als einheitlicher Nationalstaat. Es wurde von Bukarest aus zentralistisch regiert, autonome Rechte für einzelne Landesteile gab es nicht. Die Regierung strebte vielmehr eine wirtschaftliche und kulturelle Vereinheitlichung aller Regionen, eine „Rumänisierung“ des Landes an. Die Zusicherungen von Kollektivrechten, die den Minderheiten in den Karlsburger Beschlüssen gemacht worden waren, gingen in die Verfassung von 1923 nicht ein. Ebenso wenig wurden die Minderheitenschutz-Auflagen des Völkerbundes umgesetzt, was im Rahmen des Friedensvertrages von 1920 noch zugesichert worden war. Zwar blieb das deutschsprachige Schulwesen unangetastet, aber eine Agrarreform beschnitt den Grundbesitz der Kirche und der Gemeinden erheblich, aus deren Erträgen die Schulen und andere kulturelle Einrichtungen finanziert wurden. Deren Kosten waren nun von den Gemeindemitgliedern selbst zu tragen. Außerdem verbitterte die Minderheiten die Entlassung nicht-rumänischer Amtsträger. Wirtschaftliche Schwierigkeiten (durch eine Währungsreform und die Weltwirtschaftskrise) führten so manchen in die Armut. Dies alles brachte eine große Unzufriedenheit mit dem neuen Staat hervor.
Um ihre Interessen besser vertreten zu können, arbeiteten nun erstmals die Siebenbürger Sachsen und die Banater Schwaben politisch zusammen. Im Parlament in Bukarest traten die deutschen Politiker als gemeinsame Parlamentsfraktion auf, die sich ab 1929 „Deutsche Partei“ nannte. Sie setzte sich für die Rechte der deutschen Minderheit ein und forderte staatliche Subventionen für deutsche Schulen. Die Forderungen blieben jedoch meist unerfüllt. Dies förderte die Gründung und den Zulauf zu radikaleren politischen Gruppierungen mit faschistischen bzw. nach der Machtergreifung Hitlers eindeutig nationalsozialistisch ausgerichteten Programmen. Die wirtschaftliche Not und die Erfahrung politischer Machtlosigkeit ließ viele Rumäniendeutsche hoffen, dass Hitler ihre Lage verbessern werde.
Das Parlamentarische System Rumäniens war noch wenig gefestigt, dadurch kam es zu häufigen Regierungswechseln, was eine langfristige Politik erschwerte. Die politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten führten, wie in fast allen Staaten Europas, zur Bildung einer faschistischen Bewegung, die „Legion des Erzengels Michael“, die sich auch „Eiserne Garde“ (Garda de Fier) nannte. Gegen deren wachsenden Einfluss errichtete König Carol II. 1938 die „Königsdiktatur“, löste das Parlament und alle Parteien auf und regierte autoritär.
1939 hatten Deutschland und die Sowjetunion den „Hitler-Stalin-Pakt“ geschlossen, der in einem geheimen Zusatzprotokoll eine Gebietsaufteilung zwischen beiden Mächten regelte. Demnach fielen Bessarabien und die Nordbukowina in den sowjetischen Einflussbereich. Im Juni 1940 forderte Stalin Rumänien ultimativ auf, diese Gebiete zu räumen. König Carol blieb keine andere Wahl als nachzugeben. In Deutschland beschloss Hitler, die in diesen Gebieten lebenden Deutschen „Heim ins Reich“ zu bringen und begann 1940 mit der Umsiedlung, die schließlich auch auf die Deutschen in der Dobrudscha und der Südbukowina ausgedehnt wurde. Alle deutschen Siedlungsgebiete im Osten Rumäniens wurden so geräumt, wobei man nicht übersehen darf, das dies eine Zwangsumsiedelung gegen den Willen der Bevölkerung war. Man kann sich fragen, ob Hitler die Sachsen und Schwaben nicht auch irgendwann „heimgeholt“ hätte. Denn für ihn waren die Rumäniendeutschen nur soweit interessant, als sie seinen Kriegszielen dienten. Sie wurden daher gleichgeschaltet, die alte politische Elite entmachtet und durch willfährige Parteikader ersetzt. Alle Deutschen waren von 1940-44 in der „Deutschen Volksgruppe in Rumänien“ zusammengefasst.
Rumänien musste bald darauf einen weiteren Gebietsverlust hinnehmen. Im zweiten „Wiener Schiedsspruch“ der Achsenmächte von August 1940 wurde ihm auferlegt, Nordsiebenbürgen und das Szeklergebiet an Ungarn abzutreten. Außerdem verlangte Bulgarien erfolgreich die Süd-Dobrudscha zurück. Die Gebietsverluste schwächten die Position König Carols II. so sehr, dass er die Macht an Ion Antonescu und die Faschisten abgeben musste. Dieser zwang den König zugunsten seines Sohns Mihai (Michael) zur Abdankung. Antonescu führte Rumänien in ein Bündnis mit Deutschland und 1941 in den Krieg gegen die Sowjetunion, um die verlorenen Gebiete zurückzugewinnen (kurzzeitig konnte sogar Transnistrien, also das Gebiet jenseits des Dnjestr annektiert werden). Von allen Verbündeten Deutschlands stellte Rumänien das größte Truppenkontingent und rumänische Verbände marschierten zusammen mit deutschen bis nach Stalingrad. Auch an der Judenvernichtung beteiligte sich Rumänien. Ab 1941 deportierte man die Juden aus Bessarabien, der Bukowina und der Moldau in Arbeitslager nach Transnistrien, wo etwa 300.000 den Tod fanden.
Als rumänische Staatsbürger mussten die Deutschen Rumäniens in der rumänischen Armee ihren Wehrdienst leisten. Viele zogen es jedoch vor, zum deutschen Militär eingezogen zu werden. Diese Praxis wurde in einem 1943 zwischen Deutschland und Rumänien geschlossenen Abkommen legalisiert. Demnach durften sich rumänische Staatsbürger „volksdeutscher“ Zugehörigkeit in die deutsche Wehrmacht und SS-Verbände aufnehmen lassen. Zwischen 1942 und 1945 dienten etwa 70.000 Rumäniendeutsche teils freiwillig, teils unter dem Druck der Gemeinschaft hauptsächlich in der Waffen-SS, mehr als ein Viertel davon fiel im Krieg.
Als die sowjetische Armee 1944 in das rumänische Kernland vorstieß, entschloss sich König Mihail, die Fronten zu wechseln und den Krieg als Verbündeter der Alliierten gegen Deutschland fortzusetzen. Antonescu wurde seines Amtes enthoben und verhaftet, 1946 hingerichtet. Rumänien musste ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnen, das es der Roten Armee erlaubte, ungehindert durch Rumänien zu marschieren. Viele Deutsche fühlten sich durch diesen plötzlichen Seitenwechsel bedroht und befürchteten Racheakte. Bis Ende November 1944 verließen über 50.000 Banater Schwaben ihre Dörfer und flohen nach Westen. In Nordsiebenbürgen organisierte die Wehrmacht die systematische Evakuierung von ca. 45.000 Sachsen und Sathmarer Schwaben. Die für Südsiebenbürgen geplante Evakuierung konnte nicht mehr durchgeführt werden.
Nach dem Krieg ging Nordsiebenbürgen wieder an Rumänien, die Nordbukowina und Bessarabien verblieben bei der Sowjetunion. Die Ängste der rumäniendeutschen Bevölkerung erwiesen sich als begründet. Zwar kam es weder zu blutigen Racheakten noch zu einer systematischen Ausweisung wie in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn, doch wurden auf sowjetischen Befehl Anfang 1945 ca. 75.000 Deutsche zwangsweise in die Sowjetunion deportiert – in Viehwaggons gepfercht, unter primitivsten Bedingungen und bei klirrender Kälte. Begründet wurde dies mit der notwendigen Aufbauarbeit für das von deutschen Truppen zerstörte Land. Betroffen waren Männer und Frauen zwischen 18 und 45 Jahren, die man als Arbeitskräfte in Kohlegruben, Eisenhüttenwerken, beim Bau und in der Landwirtschaft einsetzte. Zurück blieben Kinder und alte Leute. Die meisten der Deportierten durften Ende 1949 nach Rumänien zurückkehren, etwa 15% sind in den sowjetischen Arbeitslagern an Kälte, Hunger und Krankheit gestorben.
Für die Zahl der Deutschen in Rumänien bedeutete der Zweite Weltkrieg einen tiefen Einschnitt. Lebten 1930 in Großrumänien 750.000 Deutsche (bzw. 630.000 auf der Fläche des heutigen Territoriums), so verringerte sich deren Zahl durch die Umsiedlungen „Heim ins Reich“, durch Krieg, Flucht und Deportation bis 1956 auf 380.000, d.h. fast um die Hälfte.
Als angebliche Kollaborateure Hitlers waren die Deutschen für mehrere Jahre kollektiv entrechtet (z.B. Entzug des Wahlrechts) und der Willkür staatlicher Stellen ausgesetzt. Im Zuge der kommunistischen Agrarreform wurden die deutschen Bauern besonders hart behandelt. Sie verloren nicht nur ihren ganzen Grundbesitz, sondern mussten sogar ihre Häuser verlassen und in alte, heruntergekommene Behausungen umziehen, teils mehrere Familien auf engstem Raum. Um zu überleben, waren sie gezwungen, sich bei den neuen Eigentümern ihres Grundes zu verdingen. Erst ab 1954 bekamen sie ihre Häuser, oft in einem erbärmlichen Zustand, zurück, nicht jedoch den Boden, der laut kommunistischer Ideologie nun Kollektiveigentum war. Durch diese Politik der Enteignung verringerte sich die Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten unter den Deutschen dramatisch von einst über 70% auf nur noch 20%.
Unter besonderer Härte hatte in den 50er Jahren die Bevölkerung des Banats im Grenzgebiet zu Jugoslawien zu leiden. 1949 kam es zwischen Stalin und dem jugoslawischen Staatschef Tito zu Spannungen, Jugoslawien wurde zum Feindstaat des Ostblocks erklärt. Als Folge ordnete die kommunistische Führung Rumäniens die Schaffung einer „Sicherheitszone“ im unmittelbaren Grenzgebiet an. „Unsichere Elemente“, d.h. Personen, die der Parteiführung irgendwie verdächtig vorkamen, sollten entfernt werden. Im Juni 1951 wurden daher 40.000 Menschen, ein Viertel unter ihnen Banater Schwaben, in die Bărăgan-Steppe in der südrumänischen Tiefebene deportiert und meist unter freiem Himmel ausgesetzt, wo sie sich selbst einfache Hütten aus Lehm und Stroh bauen mussten. Den Deportierten war es bei Strafe verboten, den Bărăgan zu verlassen. Erst nach etwa fünf Jahren durften sie in ihre Heimatdörfer zurückkehren.
Ab 1950 wurden die scharfen Maßnahmen gegen die deutsche Minderheit langsam gelockert. Die Kirchen, die evangelische wie die katholische, blieben als Institution bestehen. Schulen mit deutscher Unterrichtssprache wurden wieder zugelassen, ebenso deutsche Zeitungen und Theater. Der Staat wollte die Minderheiten, auch die Ungarn, für sich gewinnen (von 1952-68 gab es im Szeklergebiet eine autonome ungarische Region). Dieser minderheitenfreundlichen Politik standen immer auch Phasen der Repression gegenüber. Ein bekanntes Beispiel ist der Schriftstellerprozess von Kronstadt 1959, in dessen Verlauf die fünf rumäniendeutschen Schriftsteller Hans Bergel, Andreas Birkner, Georg Scherg, Harald Siegmund und Wolf von Aichelburg zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden. In der Ceauşescu-Zeit (1965-89) wurde, nach einer anfänglichen Phase der Toleranz, die Schaffung einer einheitlichen sozialistischen Nation als Ziel propagiert und eine „Homogenisierungspolitik“ in die Wege geleitet. Maßnahmen waren u.a. die gezielte Ansiedlung von Rumänen in Gebieten mit hohem Minderheiten-anteil, das Verbot der Verwendung deutscher Ortsnamen, das Verbot von rein deutschsprachigen Schulen, die alle auch rumänische Klassen einrichten mussten. Die Deutschen spürten immer mehr, ein nur geduldeter Fremdkörper zu sein. Diese Minderheitenpolitik sowie die Zerstörung des traditionellen Sozialgefüges infolge der Enteignungen und der fortschreitenden Industrialisierung bedeutete eine enorme Verschlechterung der Lebensbedingungen. Dazu kamen die in den 80er Jahren immer katastrophaler werdenden wirtschaftlichen Verhältnisse und die allgemeine Einschüchterung durch den Geheimdienst Securitate, wovon die gesamte Bevölkerung betroffen war. Das alles ließ für viele Deutsche die Zukunft im Staat des „größten Genies aller Zeiten“ (Ceauşescu) als wenig erstrebenswert erscheinen. Und je mehr Deutsche Rumänien in Richtung des Wirtschaftswunderlandes Deutschland verließen, desto stärker wurde die Sogwirkung für die Daheimgebliebenen.
| 1950-1969 | 19.748 |
| 1970-1979 | 71.415 |
| 1980-1989 | 151.157 |
In den Jahren nach dem Krieg war die Ausreise aus Rumänien nur in Ausnahmefällen, etwa im Zuge der Familienzusammenführung möglich. Als jedoch immer mehr Rumäniendeutsche einen Ausreiseantrag stellten, erklärte sich der rumänische Staat bereit, eine größere Anzahl gehen zu lassen, wenn die Bundesrepublik sie ihnen „abkaufte“. In einem Abkommen von 1978 sollte Rumänien für jeden deutschen Aussiedler 5.000 DM, später 7.800 DM, erhalten. Die Zahl der bewilligten Ausreiseanträge stieg danach sprunghaft an.
Trotz dieses für Rumänien lukrativen Geschäfts machte es der rumänische Staat den Ausreisewilligen nicht leicht. Die Auswanderung galt als Verrat am Kommunismus. Wer einen Ausreiseantrag stellte, hatte mit beruflichen Schwierigkeiten zu rechnen. Die Auswanderer durften ihr Haus nicht verkaufen, sondern mussten es dem Staat überlassen, der nur einen Bruchteil des realen Wertes bezahlte.
Obwohl die neue Regierung nach der Wende 1989 die Einführung von Demokratie und Marktwirtschaft ankündigte, standen viele Deutsche angesichts des Wahlsieges der Exkommunisten und blutiger nationaler Zusammenstöße zwischen Rumänen und Ungarn im März 1990 diesen Versprechen äußerst skeptisch gegenüber. Viele befürchteten, dass ihre Gemeinschaften nicht mehr lange bestehen würden. Allein 1990 verließen 111.000 Deutsche das Land. Bei der Volkszählung von 1992 wurden rund 120.000 Deutsche erfasst, 2002 waren es nur noch 60.000, überwiegend Alte und mit Rumänen Verheiratete. Manche Gemeinden bestehen nur noch aus einigen Dutzend Mitgliedern. Es gibt aber auch Deutsche, die entschlossen sind, in ihrem Land zu bleiben. In den Tagen des Umbruchs, Ende Dezember 1989, wurde das „Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien“ gegründet mit dem Ziel, „in der Heimat wieder heimisch (zu) werden“. Mit diesem Slogan warben sie bei den Wahlen 1990 und konnten einen Abgeordneten ins rumänische Parlament entsenden. Ein Mitglied dieser Partei, Klaus Werner Johannis, wurde 2000 zum Bürgermeister von Hermannstadt gewählt und das, obwohl die Einwohnerzahl der Deutschen dort auf 1,6% gesunken ist. Er erreichte es, dass Hermannstadt 2007 europäische Kulturhauptstadt wurde. 2004 und 2008 wurde er mit jeweils über 80% der Stimmen wiedergewählt. Die Rechte der Minderheiten sind 1991 in der neuen rumänischen Verfassung verankert worden. Jeder ethnischen Gruppe steht mindestens ein Parlamentssitz zu. Rumänien betreibt heute eine geradezu als vorbildlich zu bezeichnende Minderheitenpolitik. Der deutschen Minderheit stehen deutsche Kindergärten und Schulen zur Verfügung, die in großer Zahl auch von Nicht-Deutschen genutzt werden. Deutschland unterstützt die Medien, die Bildungs- und Kulturarbeit (deutsche Zeitungen, deutsche Kulturzentren) mit finanziellen Mitteln. Auch Existenzgründungen werden gefördert. Sie dienen als Hilfe zur Selbsthilfe für die kleine noch verbliebene deutsche Gemeinschaft. Denn obwohl ihre Zahl stark geschrumpft ist, bildet sie doch ein wichtiges Element, das die Bindungen zwischen Deutschland und dem neuen EU-Land Rumänien stärkt und belebt.
Karin Gündisch, geb. 1948 in Heltau (Cisnădie), studierte Deutsch und Rumänisch in Bukarest. Dort arbeitete sie als Deutschlehrerin, nebenbei war sie freie Mitarbeiterin bei der rumäniendeutschen Presse, bei Rundfunk und Fernsehen, veröffentlichte Kindergeschichten und arbeitete an Deutsch-Lehrbüchern mit. Seit 1984 lebt sie in der Bundesrepublik. Sie erhielt den Peter-Härtling-Preis für Kinderliteratur. Weitere Werke sind Geschichten über Astrid, Im Land der Schokolade und Bananen und Weit, hinter den Wäldern.
Cosmin, ein 12-jähriger Junge aus dem Volk der Roma, ist nur einmal für kurze Zeit in die Schule gegangen – und dann nie wieder. Seiner Mutter ist es wichtiger, dass er ihr bei der Arbeit hilft. Doch die Lehrerin lässt nicht locker und bietet einen Handel an: Wenn Cosmins Mutter ihn und seine Schwestern in die Schule schickt, lässt die Lehrerin sie Strom von der Schulleitung für den Fernseher abzapfen. Das könnte für Cosmin einen Anfang bedeuten.
Als ich ein Kind war, gab es bei uns jeden Mittag Suppe. Die schmeckte mir überhaupt nicht. Oft saß ich mit einem Kloß im Hals vor dem Teller und weigerte mich, ihn auszulöffeln. Meine Großmuter redete mir gut zu, dann schimpfte sie mit mir, und wenn alles nichts nützte, drohte sie: „Ich gebe dich den Zigeunern1.“ Ich wusste, dass sie es nicht ernst meinte. Trotzdem machte mir die Drohung Angst.
Manchmal zogen Löffelschnitzer, Beerensammlerinnen, Besenbinder und Korbflechterinnen durch meine Heimatstadt und boten ihre Ware an. Mindestens einmal im Jahr kam der Scherenschleifer und schliff Messer und Scheren. Alteisensammler und Altkleidersammlerinnen gingen von Tor zu Tor und machten ihre Geschäfte. Es hieß, sie seien „Zigeuner“. Ich betrachtete sie misstrauisch und gleichzeitig fasziniert aus der Ferne. Auf dem Jahrmarkt sah ich Bärentreiber, die ihre Tanzbären an einem Ring in der Nase dem neugierigen Publikum vorführten. Auch sie waren „Zigeuner“. Und oft hörte ich „Zigeunerkapellen“ zu, die auf Hochzeiten und Begräbnissen spielten. Am unheimlichsten aber waren mir die Männer mit langen Haaren und Bärten, die von Zeit zu Zeit mit ihren Familien auf Planwagen in die Stadt kamen. Sie ließen sich am Straßenrand nieder, entfachten ein Feuerchen und löteten die kaputten Töpfe und Pfannen der Stadtbewohner. Außerdem verzinnten oder versilberten sie Löffel, Gabeln und Messer, so dass die wieder wie neu aussahen und eine Weile nicht rosteten. „Wanderzigeuner“ nannte man sie. Während die Männer arbeiteten, kümmerten sich die Frauen um die Kinder oder boten ihre Dienste als Wahrsagerinnen an. Die Stadtkinder versammelten sich um die seltsamen Fremden und beobachteten sie neugierig. Ich war oft unter ihnen und es gruselte mir beim Anblick der Planwagen. Da wäre auch für mich noch Platz gewesen.
Meine Großmutter meinte mit ihrer Drohung natürlich die unheimlichen Fremden, jene verwegenen Gestalten mit langen, schwarzen Haaren und Bärten bis auf die Brust, die in einer fremden Sprache miteinander redeten und deren Frauen die Zukunft aus der Hand lesen konnten. Ich sah ihnen bei der Arbeit zu und bekämpfte meine Angst, indem ich mir sagte, sie hätten genug eigene Kinder und wollten mich überhaupt nicht. Ich stellte mir sogar vor, wie eine Großmuter im Planwagen zu einem widerspenstigen Kind sagte: „Wenn du dein Brot nicht sofort aufisst, lasse ich dich hier bei diesen fremden Leuten.“
Meine Großmutter gab mich nicht weg und auch die Großmutter im Planwagen nahm ihre Enkelkinder alle wieder mit. Vielleicht hatten diese Kinder vor den Stadtleuten Angst, so wie ich vor den Fremden. Ich dachte, sie kämen vom Ende der Welt, und da wollte ich auf keinen Fall hin. In Wirklichkeit aber kamen sie von überall her und der Planwagen war ihr Zuhause. Sie waren Nomaden, Menschen, die keine feste Bleibe hatten und auf der Suche nach Arbeit durch die Welt zogen.
Die Beerensammlerinnen, die Korbflechter, Löffelschnitzer und Besenbinder dagegen wohnten in einem Dorf, das gar nicht weit von meiner Heimatstadt lag. Die sesshaften Bewohner aus diesem Dorf und die Nomaden gehörten, wie ich heute weiß, zu dem alten Volk der Roma2. Ihre Wege haben sich im Laufe der Jahrhunderte getrennt.
Vor einigen Jahren habe ich das kleine Bergdorf Priscan besucht. Fast alle Menschen, die hier leben, sind weitläufig miteinander verwandt und bilden eine Sippe. Das Dorf klebt am Berg und etwa vierzig Häuser säumen die Straße. Die Häuser sind klein und bestehen oft nur aus einem Raum. Das einzige größere Gebäude ist die Schule. Dort ist auch der Kindergarten untergebracht. Da ist Platz genug, aber leider gehen nicht alle Kinder zur Schule.Nach mehreren Besuchen beschloss ich, dass ein Kind aus diesem Dorf die Hauptperson meines nächsten Buchs werden sollte.
[...] Ich habe einen Traum: Die Kinder dieser Welt gehen alle zur Schule und lernen. Dadurch wird ihr Leben besser. Von diesem Traum wollte ich erzählen, und wo er dann spielt, ist eigentlich nicht so wichtig.
1 „Zigeuner“ ist ein Wort, das heute in Deutschland nicht mehr benutzt wird, weil es früher sehr oft als Schimpfwort verwendet wurde. Die Angehörigen dieses alten Volkes nennen sich Sinti oder Roma. In Rumänien nennen sich viele Roma selbst Zigeuner (Ţigani). [...]
2 Die Roma sind zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert aus Indien auf den Balkan eingewandert. Die Nachkommen dieses Volkes, die ab dem 19. Jahrhundert über Rumänien nach Deutschland eingewandert sind, werden ebenfalls Roma genannt.
Textheft zur Wandzeitung „Gesellschaft und Staat“ Nr. 5/2008: „Europa im Karpatenbogen“.
Herausgeber: Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, Brienner Straße 41, 80333 München, Telefon (089) 2186-2170.
Redaktion: Dr. Zdenek Zofka (verantwortlich, Anschrift siehe Herausgeber).
Text: Bernhard Beller.
Gestaltung,
Koordination und Verlag: Lüders & Baran, Agentur für Kommunikation, München.
Druck: Neumann Druck, Landshut.
Die Wandzeitung erscheint mehrmals im Jahr und wird unentgeltlich abgegeben.