

Land
… und Leute
Frühe Besiedlung und erste Europäer
Unter deutscher Kolonialherrschaft
Unter südafrikanischem Einfluss
Der Weg in die Unabhängigkeit
Namibia nach 1990
Das politische System heute
Wirtschaft und soziale Situation
Exkurs: Deutschland und Namibia heute
Umweltschutz
Kultur – Felszeichnungen und Linolschnitte
Namibias Weg in die Zukunft
Schwarzwälder Kirschtorte im Café, ein freundliches „Guten Tag“ im Wirtshaus, Städte, die Lüderitz und Mariental heißen – und das alles mitten in Afrika? Möglich ist das in Namibia, der ehemaligen deutschen Kolonie Südwestafrika. Hier haben sich einige deutsche Traditionen gehalten und es leben tausende deutschstämmiger Bewohner im Land. Doch die Erinnerung an die Kolonialzeit ist schmerzlich: 2004 jährte sich der blutig niedergeschlagene Aufstand der Herero gegen die deutsche Kolonialmacht zum hundertsten Mal. Aufgrund dieser schrecklichen Geschichte fühlt sich Deutschland dem jüngsten Staat Afrikas, der erst 1990 seine Unabhängigkeit erlangte, besonders verbunden: Das zeigt sich unter anderem in einer besonders engen Zusammenarbeit in der Entwicklungshilfe.
| Fläche | 824 292 qkm |
| Einwohnerzahl | 2 Millionen |
| Bevölkerungsgruppen | u.a. 48% Ovambo, 10% Kavango, 11% Nama/Damara, 8% Herero, 2% San, 7% Mischlinge, 4% Weiße |
| Religion | 98% Christen (darunter 51% Lutheraner, 17% Katholiken) |
| Hauptstadt | Windhoek (Windhuk) |
| Bruttoinlandsprodukt | 6,126 Mrd. US Dollar (2005) |
| Arbeitslosigkeit | 31% (2001) |
| Aids-Rate | 19,6% (2005) |
| Analphabetenrate | Männer 13%, Frauen 17% (2004) |
Mit einer Fläche von 824 292 Quadratkilometern ist Namibia mehr als doppelt so groß wie Deutschland (357 027 qkm). Auf dieser riesigen Fläche leben nur rund zwei Millionen Einwohner, etwas mehr als in Hamburg. Die Bevölkerungsdichte beträgt rund 2,5 Einwohner pro Quadratkilometer (Deutschland: 231 Einwohner pro qkm). Damit ist Namibia eines der am dünnsten besiedelten Länder. In der Hauptstadt Windhoek (Windhuk) wohnen rund 224 000 Menschen. Die nächstgrößeren Städte sind Rundu (44 000 Einwohner), Walvis Bay (Walfischbucht, 42 000 Einwohner), Oshakati (28 000 Einwohner), Katima Mulilo (23 000 Einwohner), Rehoboth (21 300), Otjiwarongo (20 000) und Keetmanshoop (15 500 Einwohner).
Namibia hat gemeinsame Grenzen mit Angola, Sambia, Botswana und Südafrika; im äußersten Nordosten stößt es an Simbabwe. Die teilweise wie am Reißbrett gezogenen Grenzen weisen auf die koloniale Vergangenheit Namibias hin.
Kernstück Namibias ist das zentrale Hochland mit einer durchschnittlichen Höhe von 1700 Meter. Höchste Erhebung ist der Königstein im Brandberg-Massiv mit 2574 Metern. Das Hochland ist von tiefer liegenden Wüsten umgeben. Im Westen fällt es, z.T. in einem Steilabbruch, zur Namib-Wüste hin ab, im Osten und Norden geht es langsam in die Kalahari-Wüste über. Die Namib-Wüste bildet eine natürliche Barriere zwischen der Atlantik-Küste und dem Hochland, sie erstreckt sich bis zu 150 Kilometer ins Landesinnere. Namen wie „Skeleton Coast“ weisen darauf hin, was gestrandete Seeleute an der Küste Namibias erwartete – der sichere Tod durch Verdursten, da es keinen Weg durch die Wüste ins Landesinnere gab. Wasserstellen und Oasen gibt es nicht, nur Trockenflüsse, die lediglich bei starken Regenfällen Wasser führen. Die Namib ist eine der trockensten Wüsten der Erde, im Süden gibt es im Sossouvlei-Gebiet die mit 300 Metern höchsten Dünen weltweit. Die Kalahari ist dagegen nur im Osten eine klassische Wüste, ansonsten sind hier die Dünentäler grün bewachsen. Grund dafür sind unterirdische Wasseradern, die mit dem Okavango-Binnendelta in Botswana in Verbindung stehen. Außerdem typisch für die Kalahari sind Salz-/Tonpfannen, so genannte „pans“. Hier ist der Boden nicht sehr wasserdurchlässig und nach Regenfällen entstehen Seen, die dann wieder verdunsten. Zurück bleiben die Ablagerungen der aus dem Boden gelösten Mineralien, die der Tierwelt als wichtiger Nährstofflieferant dienen. Der bekannteste „pan“ ist die Etoschapfanne im Norden Namibias mit einer ganz besonders reichen Tierwelt. Im Nordosten Nambias erstreckt sich der Caprivizipfel zwischen Angola, Sambia und Botswana fast bis zu den Viktoriafällen. Hier sind die Niederschläge üppiger, es gibt ständig wasserführende Flüsse und die Vegetation ist tropisch.
Namibia ist ein Paradies für Geologen. Hier finden sich die ältesten Teile der Erdkruste. Zum Teil liegen an der Erdoberfläche sehr alte Gesteinsschichten frei, zum Beispiel im Kaokoveld und im Fish River Canyon, und Wissenschaftler können die Erdgeschichte hier wie in einem Bilderbuch ablesen. Namibia ist ein Trockengebiet. Es gibt kaum Seen und ständig wasserführende Flüsse. Letztere entspringen meist in feuchteren Gebieten anderer Staaten und fließen nach Namibia hinein wie etwa der Kunene und Okavango im Norden, der Kwando und der Sambesi im Nordosten und der Oranje im Süden des Landes. Ansonsten sind die Flussläufe in Namibia ausgetrocknet und führen nur bei starken Regenfällen Wasser.
Das Klima ist in Namibia subtropisch-kontinental. An rund 300 Tagen im Jahr scheint die Sonne, die durchschnittliche Niederschlagsmenge liegt bei nur 250 mm jährlich (Deutschland 1000 mm). Die Jahreszeiten sind stark ausgeprägt mit deutlichen Temperaturschwankungen und jenen in Europa entgegengesetzt: Sommer ist von November bis März, Winter von Mai bis September.
Namibia gilt als eines der tierreichsten Länder Afrikas. Entsprechend den landschaftlichen Gegebenheiten findet man zum einen Tiere, die sich dem Leben in der Wüste angepasst haben, wie z.B. Gemsbok, Strauße, Erdmännchen oder Sandrennnattern. Im Norden und Osten, wo es Savannengebiete gibt, kann man die ganze Palette der afrikanischen Tierwelt beobachten, v.a. im Etoscha-Nationalpark: verschiedene Antilopenarten, Gnus, Steppenzebras und Giraffen, Springböcke, Nashörner, Elefanten, Löwen und Hyänen … Im Caprivizipfel finden sich auch Flusspferde, Krokodile, Sumpfantilopen, Büffel und eine vielfältige Vogelwelt. An der Küste gibt es mehrere Pelzrobbenkolonien sowie Pelikane, Kormorane, Flamingos, Brillenpinguine und Damara-Seeschwalben.
In den wüstenartigen Gegenden trifft man auf nur wenige Pflanzenarten wie zum Beispiel Köcherbäume, die Wasser speichern können, oder die Überlebenskünstlerin Welwitschia mirabilis, die von der wenigen Feuchtigkeit, die Küstennebel über die Namib bringen, leben kann – und das bis zu zweitausend Jahre lang! Bewachsener sind die Savannen. Dichtes Grün findet sich im Caprivizipfel.
Namibia beherbergt ein buntes Bevölkerungsgemisch. Hier leben Angehörige vieler verschiedener Volksstämme sowie Weiße und Mischlinge. Als Könige der Kalahari gelten die San, ein im Nordosten Namibias siedelndes Volk. Die heute rund 40 000 Angehörigen dieses Volkes haben ihr ursprüngliches Leben als Jäger und Sammler in der Kalahari mittlerweile aufgegeben. Sie zählen zur ärmsten Bevölkerungsgruppe Namibias. Nördlich des Siedlungsgebiets der San leben die Kavango (ca. 180 000 Menschen) und Caprivianer (ca. 70 000 Menschen). Sie stammen von den Bantu ab und sind ihren Nachbarn in Angola, Sambia und Simbabwe kulturell näher als den anderen namibischen Völkern. Südlich der San liegt das ursprüngliche Siedlungsgebiet der Herero, denen rund 140 000 Menschen oder sieben Prozent der namibischen Bevölkerung angehören. Sie sind, ebenso wie die Himba, die ihre Herero-Traditionen sehr stark erhalten konnten, auch im Nordwesten, im Kaokoveld, beheimatet. Südlich davon siedeln die Damara (rund 140 000). Sie gehören zu den Bantustämmigen Völkern Namibias, ihre Herkunft ist aber umstritten. Ganz im Süden trifft man auf die Nama, die mit 100 000 Angehörigen rund fünf Prozent der Einwohner Namibias stellen. Die Nama waren früher wie auch die Herero nomadisierende Schaf- und Rinderzüchter. Heute arbeiten sie überwiegend auf Farmen. Die in der Mitte Namibias lebenden Rehoboter Basters (ca. 30 000) bilden eine recht junge Volksgruppe, die sich aus der Verbindung von südafrikanischen Weißen und Nama-Frauen gebildet haben soll und sehr auf ihre Eigenständigkeit bedacht ist. Die zahlenmäßig stärkste Volksgruppe in Namibia sind die Ovambo. Mit über 900 000 Mitgliedern bilden sie rund die Hälfte der namibischen Bevölkerung. Sie gehören zu den Bantu-Völkern und wanderten im 15. Jahrhundert in ihr Siedlungsgebiet nördlich der Etoschapfanne ein. Das Gebiet ist sehr fruchtbar, so dass sie von Ackerbau und Viehzucht leben konnten. Rund 120 000 Einwohner Namibias sind Weiße. Ihre Familien wanderten meist während der Kolonialisierung oder kurz danach ein. Die Mehrzahl von ihnen sind burischer, rund 20 000 deutscher Herkunft. Sie alle fühlen sich als alteingesessene Namibier und haben einen überproportionalen Anteil am Wirtschaftsgeschehen.
Die Bevölkerung Namibias ist jung: 2004 waren rund 53 Prozent unter 20 Jahre alt. Das Bevölkerungswachstum betrug in den letzten beiden Jahrzehnten im Schnitt drei Prozent jährlich.
Amtssprache in Namibia ist Englisch. Eine weitere wichtige Sprache ist Afrikaans, die nahezu jeder Namibier versteht. Daneben werden neun weitere afrikanische Sprachen mit ihren Dialekten gesprochen. Rund 98 Prozent der Namibier sind Christen, darunter 51 Prozent Lutheraner, 17 Prozent Katholiken und 11 Prozent Anhänger afrikanischer unabhängiger Kirchen. Ferner gibt es niederländisch-reformierte Christen, Anglikaner, Protestanten und Pfingstkirchler.
Afrika gilt als die Wiege der Menschheit, und auch in Namibia haben Wissenschaftler Überreste von so genannten Hominoiden gefunden. 1991 bei Ausgrabungen in den Otavi-Bergen stießen sie auf „menschliche“ Kiefernknochen, die zwölf bis 15 Millionen Jahre alt sein dürften. Im Hochland nördlich von Windhoek wurden ein Schädelknochen und das Rückgrat eines weiteren Frühmenschen gefunden.
Felsbilder, die bis zu 28 000 Jahre alt sind, zeigen, dass Namibia zu dieser Zeit bewohnt war. Die ältesten bekannten Völker Namibias sind die San, auch als Buschmänner bezeichnet, und die Damara. Vor rund 2600 Jahren wanderte das Hirtenvolk der Nama von Süden her in das heutige Namibia ein. Zuvor schon waren Bantu-Völker aus dem Norden gekommen und hatten einen Teil der San verdrängt. Vermutlich im 16. Jahrhundert drangen schließlich die Herero, ein Hirtenvolk aus Ostafrika, in das Siedlungsgebiet der San und Damara vor.
Die Geschichte der Europäer in Namibia beginnt 1486. In diesem Jahr landete der portugiesische Seefahrer Diego Cao bei dem Versuch, entlang der westafrikanischen Küste nach Indien zu segeln, beim heutigen Cape Cross und errichtete dort ein Kreuz – ein Zeichen, dass Portugal auf diesen Landstrich Anspruch erhob. 1487 und 1488 landete der Portugiese Bartholomeu Diaz in der heutigen Lüderitzbucht und errichtete dort ebenfalls ein Kreuz. Portugal zeigte aber ebenso wenig wie andere europäische Mächte Interesse an dieser unwirtlichen und rau erscheinenden Küste und ihrem Hinterland.
Im 18. Jahrhundert wählten amerikanische und englische Walfänger die Walfischbucht als Ankerplatz – daher noch der heutige Name. Anfang des 19. Jahrhunderts lockte der Guano, der damals in Europa als Düngemittel beliebte Vogelmist, zahlreiche Schiffe zu den der namibischen Küste vorgelagerten Vogelinseln. Langsam begann auch das Hinterland für die europäischen Staaten interessanter zu werden: So wurden bei Keetmanshoop im Jahr 1762 Erzlagerstätten entdeckt. Die Niederländer beanspruchten 1793 die Souveränität über die Küstengebiete. 1854 erhielt ein britisches Unternehmen die erste Bergbaukonzession für eine Kupfermine beim heutigen Windhoek.
Auch Missionare begannen um diese Zeit, sich im heutigen Namibia anzusiedeln: 1805 im Auftrag der Londoner Missionsgesellschaft nördlich des Oranje und 1815 in Bethanie. Diese Missionsstation wurde später von der Rheinischen Missionsgesellschaft übernommen. Nach Auseinandersetzungen mit den Herero und Nama baten die Missionare Großbritannien um Schutz. Dieses erklärte aber nur die Region um Walvis Bay 1878 zu ihrem Besitz.
Die Geschichte der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia begann 1883. In diesem Jahr „kaufte“ der Kaufmannsgehilfe Heinrich Vogelsang im Auftrag des Bremer Tabakhändlers Adolf Lüderitz dem Nama-Führer Joseph Fredericks die Bucht von Anga Pequena und den angrenzenden Küstenstreifen ab. Ein Jahr später proklamierte Reichskanzler Bismarck auf Wunsch von Lüderitz die deutsche „Schutzherrschaft“ über dieses erworbene Gebiet. Damit gab er seinen Widerstand gegen Bestrebungen des Deutschen Kolonialvereins und Teile der Bevölkerung auf, Kolonien nach dem Vorbild der Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich zu erwerben. In der Berliner Afrika- bzw. Kongokonferenz von 1884/85 ließ sich Deutschland Südwestafrika als „Schutzgebiet“ bestätigen.
1885 verkaufte Lüderitz seine Ländereien an die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika. Aber noch war das Gebiet nur pro forma deutsche Kolonie. Eine Verwaltung gab es lediglich in Ansätzen, und es waren kaum deutsche Soldaten im Land. 1886 einigte sich Deutschland mit dem nördlichen Kolonialnachbarn Portugal auf die Nordgrenze von Südwestafrika, 1890 kam durch den Helgoland-Sansibar-Vertrag, den Reichskanzler Caprivi mit Großbritannien schloss, der so genannte Caprivizipfel im Nordosten der Kolonie dazu. Im gleichen Jahr wurde die Hauptstadt Windhoek gegründet und es wurden weitere deutsche Siedler ins Land geholt. Nach der Verwaltung baute man nun die Infrastruktur aus. Straßen wurden gebaut, Krankenhäuser und Schulen errichtet, 1902 wurde die erste Eisenbahnlinie eingeweiht – sie verband Windhoek und Swakopmund. Von 2000 deutschen Siedlern im Jahr 1896 war die Zahl bis 1903 auf 4700 angestiegen. Die Siedler arbeiteten als Farmer, bei Handels- oder Bergbaugesellschaften, die nach Bodenschätzen suchten.
Mit der zunehmenden Kolonialisierung wuchs der Widerstand unter den eingesessenen Völkern in der Region. 1893 kam es zu einem Aufstand der Nama unter Hendrik Witbooi gegen die deutschen Kolonialherren. Nachdem die nur rund 200 Mann starke deutsche Schutztruppe keinen Sieg erringen konnte, wurden die deutschen Truppen auf 1000 Soldaten aufgestockt und Major Theodor Leutwein nach Südwestafrika entsandt. Er unterwarf die Nama und blieb bis 1905 als Reichskommissar und Gouverneur in der Kolonie.
Am 12. Januar 1904 brach ein neuer Aufstand aus: Die Herero erhoben sich und versuchten, die Fremdherrschaft abzuschütteln. Führer der Aufständischen war Samuel Maharero. Da Major Leutwein als zu nachgiebig galt, schickte Kaiser Wilhelm II. den aus anderen Kolonialkriegen als rücksichtslos bekannten General Lothar von Trotha nach Südwestafrika. Mit seinen gut ausgerüsteten Soldaten und schwerem Gerät schlug er am 11. August 1904 die Herero in der Schlacht am Waterberg. Doch Trotha gab sich mit diesem Sieg nicht zufrieden, sondern plante die Vernichtung des Hererovolks. Den Herero, die nach der verlorenen Schlacht am Waterberg in die östlich gelegene Omaheke-Wüste flohen, ließ er den Rückweg abschneiden. Seine Soldaten besetzten alle bekannten Wasserlöcher, ein Schießbefehl gegen zurückkehrende Hererokrieger wurde ausgegeben. Dieses unbarmherzige Vorgehen kostete die Mehrzahl der Herero das Leben: Sie verdursteten oder wurden erschossen. Nur wenige schafften den Weg durch die Wüste und konnten sich in der britisch kontrollierten Nachbarkolonie Betschuanaland, dem heutigen Botswana, in Sicherheit bringen. Von ehemals rund 80 000 Herero überlebten nur etwa 12 000 diesen ersten Völkermord im 20. Jahrhundert. Auch die Nama, die sich kurz nach den Herero erhoben und einen Guerillakrieg führten, wurden unbarmherzig bekämpft. Sie verloren mit rund 10 000 Menschen die Hälfte ihrer Bevölkerung.
Nachdem der Widerstand gebrochen war, zwangen die Deutschen die restlichen Bewohner für sie zu arbeiten und führten de facto ein System der Rassentrennung ein. Als 1908 bei Lüderitz ein Bahnarbeiter zufällig einen Diamanten fand, löste das einen regelrechten Diamantenrausch aus. Die deutschen Behörden erklärten das Gebiet zur Sperrzone und übertrugen die Schürfrechte der Deutschen Diamantengesellschaft. Zwischen 1908 und 1914 wurden über 5 Millionen Karat an Diamanten gefördert. Bis 1912 wuchs die Zahl der deutschen Siedler in Deutsch-Südwestafrika auf rund 12 000 an.
Im Ersten Weltkrieg wurde die deutsche Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika von südafrikanischen Truppen, die an der Seite Großbritanniens kämpften, 1915 geschlagen. Die Südafrikanische Union (Südafrika) setzte daraufhin in Südwestafrika eine Militärregierung ein. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs verzichtete das Deutsche Reich 1919 im Versailler Vertrag auf alle seine Kolonialgebiete. Der Völkerbund – die Vorgängerorganisation der Vereinten Nationen – übertrug 1920 Südafrika ein so genanntes C-Mandat über Namibia, d.h. Südafrika durfte das Gebiet wie ein eigenes Hoheitsgebiet verwalten.
Das zum britischen Commonwealth gehörende Südafrika betrachtete sein Nachbarland im Westen nun selbst als Kolonie, verteilte Land an Südafrikaner und verlangte von den weißen Bewohnern, die britische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Nur dann konnten sie wählen und gewählt werden. Die meisten deutschen Bewohner nahmen daraufhin die britische Staatsbürgerschaft an, behielten aber die deutsche Sprache bei.
Als Hitler 1933 in Deutschland die Macht übernahm, gab es in Südwestafrika noch rund 30 000 deutschstämmige Bürger, von denen viele von der nationalsozialistischen Ideologie fasziniert waren und auf die Schaffung einer zweiten deutschen Kolonie in Südwestafrika hofften. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 internierte Südafrika daher alle „wehrhaften“ Deutschstämmigen in südafrikanischen Lagern.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verlangten die neu geschaffenen Vereinten Nationen (VN) von Südafrika das Mandat über Südwestafrika zurück und wollten das Land selbst als Treuhandgebiet verwalten. Die südafrikanische Regierung erkannte die Vereinten Nationen aber nicht als Rechtsnachfolger des Völkerbundes an, weigerte sich, das Mandat zurückzugeben und behandelte Südwestafrika weiter als „fünfte Provinz“. Wie im eigenen Land benachteiligte Südafrika auch in Südwestafrika die schwarze Bevölkerung und führte eine Apartheidpolitik ein.
Es wurden immer mehr weiße Bürger in das Gebiet geholt und bevorzugt mit Landbesitz ausgestattet. Die schwarze Bevölkerung wurde in kleine, unfruchtbare Reservate abgedrängt, in den Städten durfte sie nur in Randbezirken siedeln, in Windhoek beispielsweise in Katutura, was so viel bedeutet wie „Platz, an dem wir nicht leben wollen“. Mitte der 1960er Jahre richtete Südafrika auch in Südwestafrika so genannte Homelands ein: Gebiete für die verschiedenen Bevölkerungsgruppen mit begrenzter Autonomie, die aber unter der Kontrolle der südafrikanischen Behörden blieben.
Proteste gegen die eigenmächtige Politik Südafrikas in Namibia kamen sowohl von internationaler als auch von nationaler Seite. Afrikanische Staatschefs und die Vereinten Nationen prangerten die Politik Südafrikas an. Ende der 1950er Jahre formierte sich der Protest im Land selbst. 1957 wurde in Kapstadt der Ovamboland People’s Congress OPC gegründet und 1959 von aus Südafrika zurückkehrenden Studenten die South West African National Union SWANU. Der OPC nannte sich 1960 in South West Africa People’s Organization SWAPO um und wurde zur treibenden Kraft in den Unabhängigkeitsbestrebungen Südwestafrikas. Zunächst gewaltfrei agierend, begann die SWAPO 1966 einen bewaffneten Befreiungskampf gegen Südafrika. Sie führte von südangolanischen Basen aus einen Guerillakrieg gegen südafrikanische Truppen in Südwestafrika.
1968 schlug die SWAPO den VN die Umbenennung Südwestafrikas in Namibia vor, was die VN noch im selben Jahr bestätigte. 1973 erkannten die VN die SWAPO als „alleinigen Vertreter“ des namibischen Volkes an und räumten ihr den Status eines Beobachters bei den VN ein. Im September 1978 verabschiedete der VN-Sicherheitsrat die Resolution 435, die einen Friedensplan für Namibia festschrieb. Im Dezember desselben Jahres fanden erste Wahlen in Namibia statt, deren Ergebnis aber von den VN nicht anerkannt wurde: Es war offensichtlich zu Wahlfälschungen gekommen und die SWAPO hatte die Wahlen boykottiert. Der politische Einfluss Südafrikas in Namibia blieb weiterhin bestehen. Zwischen 1984 und 1986 setzte Südafrika eine Interimsregierung aus sechs politischen Gruppierungen in Namibia ein. Diese Regierung wurde international nicht anerkannt und die SWAPO lehnte eine Beteiligung ab. Stattdessen verschärften sich der Guerillakrieg der SWAPO gegen weiße Farmer und die südafrikanischen Angriffe gegen SWAPO-Stellungen im südlichen Angola.
Da der Ost-West-Konflikt eine Lösung der Namibiafrage behinderte, wurde der Weg hierzu erst nach einer Annäherung der beiden Blöcke frei. Auf internationalen Druck hin kam der Unabhängigkeitsprozess wieder in Gang und wurde mit dem Rückzug kubanischer Truppen aus Angola verknüpft, die die SWAPO unterstützt hatten. Im Dezember 1988 wurde ein Friedensvertrag zwischen Angola, Kuba und Südafrika abgeschlossen. Man einigte sich darauf, dass die VN-Resolution 435 am 1. April 1989 endgültig in Kraft treten sollte. Anfang Juni 1989 durften die ersten namibischen Exilanten aus dem Exil zurückkehren. Im November fanden die ersten freien Wahlen zur verfassunggebenden Versammlung statt. Eindeutiger Sieger war die SWAPO, die 41 von 72 Sitzen erhielt. Die südafrikanischen Truppen verließen das Land, und Anfang 1990 wählte das Parlament den Nationalhelden und Vorsitzenden der SWAPO, Sam Nujoma, zum ersten Präsidenten Namibias. Seine Unabhängigkeit proklamierte das Land am 21. März 1990. Während der Übergangszeit in die Unabhängigkeit wurde Namibia von den VN von 1989 bis 1990 durch eine eigene Friedensmission, die UNTAG (United Nations Transition Assistance Group), unterstützt.
Der Start in die Unabhängigkeit erfolgte in Namibia entgegen vieler Befürchtungen ohne größere Spannungen und Gewalttaten. Die mit absoluter Mehrheit regierende SWAPO-Partei leitete eine Politik der nationalen Versöhnung ein. Sie verkündete eine pauschale Amnestie und verzichtete damit auf eine Aufarbeitung der Vergangenheit, in der auf beiden Seiten der Kriegsparteien schwere Menschenrechtsverletzungen stattgefunden hatten.
Die sozioökonomischen Probleme, denen sich die Regierung gegenübersah, waren enorm. Als Erbe der Kolonialzeit und der Apartheidpolitik waren die Lebensbedingungen der einzelnen Bevölkerungsgruppen sehr unterschiedlich. Reichen weißen Farmbesitzern stand ein Heer von armen, arbeitslosen Schwarzen gegenüber. In zwei Landreformen wurde bislang versucht, diese ungleiche Verteilung von Land zu beseitigen. Außerdem wurden Programme wie „Affirmative Action“ und „Black Economic Empowerment“ aufgelegt, mit denen gezielt schwarze Arbeitnehmer und Unternehmer gefördert werden. Diese Bemühungen haben aber bislang nur relativ wenig bewirkt und die ungleichen Sozialstrukturen bestehen im Wesentlichen weiter.
Die Bevölkerung zeigte sich mit der Politik der Regierungspartei dennoch zufrieden und Sam Nujoma wurde 1994 und 1999 erneut zum Präsidenten gewählt. Auch bei den Wahlen 2004 behauptete die SWAPO ihre starke Stellung und stellt mit Hifikepunye Pohamba den Präsidenten.
Gemäß der Verfassung vom 21. April 1990 ist Namibia eine Republik mit Gewaltenteilung, Mehrparteiensystem und grundlegenden Bürgerrechten. Der Staatspräsident, der mit einer erheblichen Machtfülle ausgestattet und auch Regierungschef und Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist, wird auf fünf Jahre gewählt und kann maximal einmal wiedergewählt werden. Das Parlament besteht aus der Nationalversammlung und dem Nationalrat. Der Nationalversammlung gehören 72 Abgeordnete an, die zeitgleich mit dem Präsidenten nach Verhältniswahlrecht für fünf Jahre gewählt werden. Der Nationalrat umfasst 26 Mitglieder, je zwei aus den 13 Regionen des Landes, die für sechs Jahre indirekt in den Regionen gewählt werden. Der Nationalrat überprüft u.a. Gesetzesvorlagen und vertritt die regionalen Interessen.
Die letzten Präsidentschaftswahlen fanden am 15./16. November 2004 statt. Als Sieger ging mit 76,44 Prozent der gültigen Stimmen Hifikepunye Pohamba von der SWAPO hervor. Die SWAPO-Partei stellt seit der Unabhängigkeit 1990 durchgehend das Staatsoberhaupt. Auch in der Nationalversammlung dominiert sie seither deutlich. Bei den Wahlen 2004 erhielt sie 75,8 Prozent der Stimmen und damit 55 Abgeordnete. Oppositionsparteien sind der Congress of Democrats (SWAPO-Dissidenten) mit sieben Abgeordneten, die konservative Democratic Turnhalle Alliance mit ebenfalls sieben Sitzen, die United Democratic Front (Damara-Partei) mit zwei Sitzen und die Monitor Action Group (radikale afrikaanssprachige Weiße) mit einem Sitz.
Laut Verfassung ist die Justiz unabhängig. Höchstes Rechtssprechungsorgan ist der Oberste Gerichtshof sowie der Hohe Gerichtshof in Windhoek. In Namibia ist die Todesstrafe abgeschafft.
Die namibische Verfassung garantiert Medien- und Meinungsfreiheit, kritische Journalisten müssen aber auf staatliche Repressalien gefasst sein. Die größten Tageszeitungen sind The Namibian (Auflage 20 000) und Die Republikein. Älteste Zeitung Namibias, die 1916 gegründet wurde, ist die Allgemeine Zeitung, die auf Deutsch erscheint. Neben dem staatlichen Radiosender Namibia Broadcasting Corporation (NBC) gibt es acht kommerzielle Privatsender und sechs kommunale Hörfunkprogramme. Fernsehprogramme werden von NBC, MultiChoice Namibia, Downlink Namibia, One Africa Television und mehreren kommunalen Kanälen ausgestrahlt. Von 372 000 Haushalten im Jahr 2004 besaßen 265 000 ein Radio und 108 000 ein Fernsehgerät.
Anhand verschiedener Kriterien wie Lebenserwartung und Pro-Kopf-Einkommen (Human Development Index, HDI) stufen die VN die Staaten hinsichtlich der Entwicklung ihrer Gesellschaften ein. Namibia belegt dabei Platz 125 von 177 bewerteten Ländern. Die Lebenserwartung eines Namibiers lag 2005 bei nur 47 Lebensjahren (Deutschland: 79 Jahre). Das Durchschnittseinkommen betrug 2005 pro Kopf 2990 US-Dollar (Deutschland: 30 690 US-Dollar 2004). Die Arbeitslosenrate lag bei über 30 Prozent.
Nur ein Viertel der Bevölkerung hat Zugang zu sanitären Einrichtungen wie Toiletten, immerhin 87 Prozent haben Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die Alphabetisierungsrate ist mit 87 bzw. 83 Prozent bei Männern und Frauen relativ hoch.
Während Namibia eindeutig den so genannten Entwicklungsländern zugeordnet werden muss, zählt es innerhalb Afrikas zu den besser gestellten Staaten. Als Erbe der kolonialen Zeit und des südafrikanischen Apartheidregimes ist das Einkommen und der Lebensstandard der Bevölkerung allerdings sehr ungleich: Rund die Hälfte der Bevölkerung muss mit zehn Prozent des Durchschnittseinkommens auskommen, während die reichsten fünf Prozent durchschnittlich fünfmal so viel wie das Durchschnittseinkommen verdienen. Über den Lebensstandard bestimmt vor allem die ethnische Zugehörigkeit. Europäischstämmige Einwohner – und eine neue schwarze Mittelschicht – können oft einen europäischen Lebensstandard pflegen, während große Teile der Bevölkerung in extremer Armut leben. So reicht die Spanne der durchschnittlichen Lebenserwartung von 43 Jahren für Bewohner der Kavango- und Capriviregion bis zu 79 Jahren für Deutschsprachige.
Neben der Armut weiter (schwarzer) Bevölkerungsteile und der hohen Arbeitslosenrate ist Aids das Hauptproblem des Landes. Wie generell im südlichen Afrika ist die Durchseuchungsrate mit dem HI-Virus in Namibia sehr hoch: Fast 20 Prozent (beinahe ausschließlich Schwarze) der 15- bis 49-Jährigen sind Träger des Virus. 2005 starben 17 000 Menschen an Aids, 230 000 waren HIV-positiv. Aids ist auch die Ursache, warum die Lebenserwartung in Namibia von 61 Jahren (1991) auf 47 Jahre (2005) gesunken ist. Die Regierung versucht mit internationaler Unterstützung, die Aids-Prävention voranzubringen und eine erschwingliche Behandlung zu gewährleisten.
Rund ein Drittel der Arbeitsplätze sind in Namibia in der Landwirtschaft – abseits der traditionellen Subsistenzlandwirtschaft – angesiedelt, die allerdings nur zehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt. Rund 4000 überwiegend weiße Großfarmer bewirtschaften knapp 6000 Farmen und damit etwa die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Die andere Hälfte wird von etwa 160 000 Familien bewirtschaftet. Mit einem Anteil von 90 Prozent spielt die Viehzucht dabei eine überragende Rolle, da sich das Land aufgrund der klimatischen Bedingungen kaum für Ackerbau eignet. 2005 wurden in Namibia über 3 Millionen Rinder gehalten, 2,6 Millionen Schafe und 2 Millionen Ziegen. Namibia verfügt auch über reiche Fischgründe: Der Fischfang erzielte 2005 rund 13 Prozent der Exporterlöse. Wichtigster Fischereihafen ist Walvis Bay (Walfischbucht).
Den höchsten Anteil am Bruttoinlandsprodukt BIP hat mit 58 Prozent der Dienstleistungssektor, der Anteil der Industrie liegt bei 32 Prozent. Der Bergbau ist ein wichtiger Industriezweig in Namibia. Zwar liegen beim Export mit 36 Prozent Nahrungsmittel an erster Stelle, hier insbesondere Fisch, aber Diamanten folgen bereits mit 11 Prozent. Bei der Förderung von Diamanten arbeitet Namibia u.a. mit dem südafrikanischen De-Beers-Konzern zusammen, dessen Vertrag Anfang 2007 bis Ende 2013 verlängert wurde. Die Diamantenförderung wurde in den letzten Jahren kontinuierlich gesteigert und liegt seit 2006 über der 2-Millionen-Karat-Schwelle pro Jahr. Rund 50 Prozent der Diamanten werden vor der Küste aus dem Meeresboden geholt.
Ebenfalls in den letzten Jahren stark ausgebaut wurde der Abbau von Uran. Heute ist Namibia der drittgrößte Uranförderer weltweit – nach Kanada und Australien. Gewonnen wird Uran seit über 20 Jahren im Tagebau in der Rössing-Mine in der Region um Swakopmund. Im Dezember 2006 ging die zweite Uranmine des Landes, „Langer Heinrich“, in der gleichen Region in Betrieb. Sie wird von einem australischen Konsortium betrieben.
Neben Uran und Diamanten werden auch Kupfer, Blei, Zinn, Zink, Silber und Gold gewonnen. Die Erze und Metalle werden dabei kaum im eigenen Land weiterverarbeitet, sondern exportiert. Insgesamt ist der Bergbau der wichtigste Exportsektor und Devisenbringer Namibias, stellt aber nur rund 6000 Arbeitsplätze zur Verfügung.
Die namibische Wirtschaft ist aus historischen Gründen eng mit Südafrika verflochten. Die namibischen Exporte gehen zu rund einem Drittel nach Südafrika, zu 25 Prozent nach Angola, mit 13 Prozent bzw. 10 Prozent folgen Spanien und Großbritannien. Seine Importe bezieht Namibia zu 80 Prozent aus Südafrika (2003). Namibia ist Mitglied der südafrikanischen Zollunion SACU (Südafrika, Botswana, Namibia, Lesotho und Swasiland) und der South African Development Community SADC.
Aufgrund seiner faszinierenden Tierwelt und grandiosen Landschaften ist Namibia ein interessantes Ziel für Touristen. In den letzten Jahren entwickelte sich der Tourismus nach der Landwirtschaft und dem Bergbau zum drittwichtigsten Wirtschaftsfaktor. 2005 reisten 400 000 Touristen ins Land. Im Tourismus wurden 2007 geschätzte 417 Millionen US-Dollar erwirtschaftet. Vor allem Touristen aus Europa, insbesondere aus Deutschland, schätzen Namibia als Urlaubsziel. Noch sind die Mehrzahl der Hotels und Lodges in weißer Hand. Die schwarze Bevölkerung profitiert vor allem von den Arbeitsplätzen in der Tourismusindustrie.
„Vor hundert Jahren wurden die Unterdrücker – verblendet von kolonialem Wahn – in deutschem Namen zu Sendboten von Gewalt, Diskriminierung, Rassismus und Vernichtung. Die damaligen Gräueltaten waren das, was heute als Völkermord bezeichnet würde – für den ein General von Trotha heutzutage vor Gericht gebracht und verurteilt würde. Wir Deutschen bekennen uns zu unserer historisch-politischen, moralisch-ethischen Ver-antwortung und zu der Schuld, die Deutsche damals auf sich geladen haben. Ich bitte Sie im Sinne des gemeinsamen ‚Vater unser‘ um Vergebung unserer Schuld.“ Mit diesen Worten bat Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul im August 2004 in ihrer Rede bei den offiziellen Gedenkfeiern zur Erinnerung an die Niederschlagung des Herero-Aufstands um Verzeihung für die kolonialen Gräueltaten deutscher Truppen.
Aufgrund der kolonialen Vergangenheit besteht ein besonderes Verhältnis zwischen Deutschland und Namibia. So verabschiedete der Deutsche Bundestag 1989 und 2004 Resolutionen, in denen eine besondere Beziehung Deutschlands zu Namibia anerkannt wird. Die Bundesregierung zeigt sich entschlossen, die Partnerschaft und Freundschaft zwischen beiden Ländern zu stärken. Diese besondere Verantwortung Deutschlands spiegelt sich auch in der deutschen Entwicklungshilfe wider: Deutschland ist seit 1990, dem Jahr der Unabhängigkeit, der größte bilaterale Geber für Namibia. Im Zeitraum 2007/2008 hat die Bundesregierung Namibia 40 Millionen Euro an Entwicklungshilfe zugesagt. Kein afrikanisches Land erhält von Deutschland pro Kopf der Bevölkerung mehr Entwicklungshilfe als Namibia. Im Oktober 2003 wurden folgende Bereiche als Schwerpunkte in der Entwicklungszusammenarbeit festgelegt: Schutz der natürlichen Ressourcen und ländliche Entwicklung/Landreform, eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung, eine Verbesserung des Straßentransports und die Bekämpfung von HIV/Aids. Auch alle deutschen Parteienstiftungen sind in Namibia vertreten.
Bei den Regierungsverhandlungen 2007 wurde außerdem eine namibisch-deutsche Versöhnungsinitiative vereinbart. Die Initiative dient der Verbesserung der Lebensbedingungen derjenigen Volksgruppen (Herero, Nama, Damara und San), die unter der deutschen Kolonialherrschaft besonders zu leiden hatten. Zusätzlich zur Entwicklungshilfe werden dafür in den nächsten drei bis fünf Jahren insgesamt 20 Millionen Euro bereitgestellt. Die Herero bestehen aber unabhängig davon auf Wiedergutmachungszahlungen aus Deutschland, mit denen das erlittene Unrecht und Leid kompensiert werden soll. Deutschland lehnt dies bisher jedoch ab.
Namibia hat den Naturschutz in seiner Verfassung verankert. Rund 15 Prozent der gesamten Landfläche sind als Natur- oder Wildreservate, Erholungs- oder Diamantengebiete geschützt. Noch in der deutschen Kolonialzeit wurde der bis heute wichtigste Naturpark, der 22 000 qkm große Etoscha-Nationalpark, gegründet. Beim Schutz der Tier- und Pflanzenwelt binden die Behörden heute die Bevölkerung mit ein. Es wird darauf geachtet, dass die Menschen der Region von Lodges und Camps in den Parks profitieren und so selbst an der Erhaltung der außergewöhnlichen Tierwelt Interesse haben.
Aufgrund des niedrigen Lebensstandards trägt Namibia nur vergleichsweise wenig zur Klimaerwärmung bei. Der Pro-Kopf-Ausstoß an schädlichem Kohlendioxid ist mit 1,2 t pro Jahr (2003) vergleichsweise gering (Deutschland: 9,9 t in 2005). Die vielen Sonnentage und die starke Sonnenstrahlung prädestinieren Namibia zur Nutzung der Solarenergie zum Erwärmen von Wasser und zur Stromerzeugung. Die Regierung hat einen Masterplan erstellt, nach dem 10 000 Haushalte unabhängig vom Netz in so genannten Insellösungen mit Solarstrom versorgt werden sollen.
Dennoch gibt es in Namibia gewichtige Umweltprobleme. Eine Herausforderung ist die Überweidung: Im Zentrum des Landes breitet sich wegen einseitiger und zu dichter Viehhaltung die so genannte Verbuschung aus. Die an sich reichen Fischgründe vor der namibischen Küste wurden durch Südafrika überfischt. Strenge Quotenregelungen haben dazu geführt, dass jetzt wieder mehr Fische in den Gewässern zu finden (und zu fangen) sind. Der Bergbau, insbesondere die Uranminen, sorgt ebenfalls für Probleme. So gilt der Urantagebau als eine der für die Arbeiter und Anwohner schädlichsten Bergbauformen überhaupt – wenn keine hinreichenden Schutzmaßnahmen getroffen werden.
Ein großes Problem ist auch die Wasserknappheit. Namibia ist das regenärmste Land in Afrika südlich der Sahara und eines der wasserärmsten Länder der Erde. Ausreichend Regen für einen Trockenfeldbau fällt nur im Norden bzw. im Nordosten des Landes. Für die Wasserversorgung der Städte sind daher zum Teil aufwändige Leitungssysteme erforderlich, die Wasser aus dem Norden nach Zentralnamibia bringen. Problematisch wird es, wenn z.B. Grundwasservorräte zu stark genutzt werden, denn diese werden von den nur sporadischen Regenfällen sehr langsam aufgefüllt.
Uralte Felsbilder sind die frühesten Zeugnisse künstlerischer Tätigkeit in Namibia. Die bedeutendsten Felsbilder wurden am Brandberg und in Twyfelfontein gefunden, weitere im Erongo-Gebirge, in den Hunsbergen, im Khomas-Hochland, in der Naukluft und im Spitzkoppe-Gebirge entdeckt. Es gibt gemalte und in Steinplatten eingekratzte Felsbilder. Bisher wurden etwa 20 000 Malereien und 15 000 Gravierungen gefunden. Gezeigt werden die Tiere Namibias von Antilopen bis Zebras, z.T. ihre Fährten, und auch geometrische Formen. Das Alter der Felszeichnungen variiert stark und reicht von rund 27 000 Jahren bis ins 18. und 19. Jahrhundert.
Volkskunst ist unter den verschiedenen Volksstämmen Namibias weit verbreitet. Die Himba sind beispielsweise bekannt für ihren reichen Arm- und Beinschmuck. Bei den Ovambo und den Völkern im Caprivizipfel sind Holzschnitzereien weit verbreitet. Der einzige bildende Künstler Namibias, der es zu internationalem Renomee gebracht hat, ist John Muafangejo (1943–1987). Der gebürtige Angolaner kam mit 12 Jahren nach Namibia, wurde im südafrikanischen Natal an einer Kunstschule ausgebildet und entwickelte einen eigenständigen Stil mit Holz- und Linolschnitten. Er arbeitete in Oshinkango als Kunstlehrer und ließ sich im Windhoeker Schwarzenviertel Katutura nieder. Seine Kunstwerke erzählen vom Leben seines Volkes, der Ovambo. Eine junge Generation schwarzer Künstler wie Andrew van Wyk und Tembo Masala machen mit oft schrillen Grafiken und Gemälden auf sich aufmerksam. Sie kommen unter anderem aus dem Umfeld der Windhoeker Kunstakademie.
Eine eigenständige Literaturszene hat sich in Namibia u.a. wegen des kleinen Binnenmarkts nicht herausgebildet. Von den wenigen Autoren sind die Schriftstellerin Ndamononghenda Haileka, die 1990 den Literaturpreis der südafrikanischen University of Western Cape erhielt, und der deutschsprachige namibische Autor Giselher W. Hoffmann („Die Erstgeborenen“) hervorzuheben. Es gibt außerdem interessante Romane über Namibia von deutschen Autoren wie Uwe Timm („Morenga“) und Gerhard Seyfried („Herero“), die den Widerstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft thematisieren.
Auch namibische Musiker sind kaum außerhalb des Landes bekannt. Einerseits wird die Musik in Namibia von den Traditionen der einzelnen Völker geprägt – hier gelten v.a. die Nama als besonders musikalisch –, zum anderen gibt es natürlich internationale Einflüsse in Namibia. Als Star im Land gilt etwa der Hiphopper Shikoloko, der auf Ovambo rappt.
Der jüngste Staat Afrikas hat den Übergang zur Demokratie nach seiner Unabhängigkeit 1990 sehr gut bewältigt. Im Vergleich mit vielen anderen afrikanischen Staaten steht er politisch und wirtschaftlich relativ gut da. Alle bislang abgehaltenen Wahlen können – mit leichten Abstrichen – als fair und frei bezeichnet werden. Die grundlegenden Menschenrechte werden eingehalten, die politischen Institutionen funktionieren, es gibt eine freie Marktwirtschaft und eine differenzierte Medienlandschaft.
Allerdings steht das Land mit einer hohen Arbeitslosenquote, weitverbreiteter Armut, einer hohen Aidsrate und nach wie vor sehr ungleich verteilten Einkommen und Ressourcen vor großen wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen, die es zu meistern gilt.
Doch die stabilen politischen Verhältnisse, relativ viele gut ausgebildete Arbeitskräfte, eine hervorragende Infrastruktur, ein gutes Investitionsklima und der Rohstoffreichtum des Landes sind Pluspunkte, die Hoffnung für Namibias Zukunft machen. Vor diesem Hintergrund scheint die Zielsetzung der „Vision 2030“, dem langfristigen nationalen Entwicklungsplan, nicht völlig utopisch: Namibia möchte bis zum Jahr 2030 den Lebensstandard eines Industrielandes erreichen. Doch hat Namibia dies nicht allein in der Hand: Hinsichtlich seiner Ökonomie ist es von der Stabilität und Entwicklung seiner Nachbarstaaten – insbesondere Südafrika – abhängig.
Infos zu Namibia gibt es im Internet unter folgenden Adressen:
Textheft zur Wandzeitung „Gesellschaft und Staat“ Nr. 4/2008: „Namibia“.
Herausgeber: Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, Brienner Straße 41, 80333 München, Telefon (089) 2186-2170.
Redaktion: Dr. Zdenek Zofka (verantwortlich, Anschrift siehe Herausgeber).
Text: Dr. Heinz Gmelch.
Gestaltung, Koordination und Verlag: Lüders & Baran, Agentur für Kommunikation, München.
Druck: Neumann Druck, Landshut.
Die Wandzeitung erscheint mehrmals im Jahr und wird unentgeltlich abgegeben.