


Der Ostseeraum hat im Lauf der Zeit zahlreiche „Schätze“ hervorgebracht – angefangen vom uralten Bernstein über einmalige Landschaften wie die Kurische Nehrung bis hin zu bedeutenden Wissenschaftlern und Künstlern. Die Ostsee diente als wichtiger Handelsweg, der Bund der Hansestädte ist ein Beleg für die wirtschaftliche Bedeutung der Region bereits im Mittelalter. Auch politisch waren die Gebiete an der südlichen und östlichen Ostseeküste schon früh verflochten – vor allem durch den Einfluss des Deutschen Ordens. Allerdings unterbrachen immer wieder politische Auseinandersetzungen und Kriege das Miteinander. Werfen wir einen Blick auf die Geschichte, die Schätze und die Schattenseiten dieser spannenden Landstriche – die lange Zeit auch untrennbar mit der deutschen Geschichte verbunden waren.
Der Deutsche Orden war 1190 als geistliche Bruderschaft während des Dritten Kreuzzuges (1189–1192) in Akkon, das heute in Israel liegt, von Kreuzfahrern gegründet worden. Der Orden ging aus der Hospitalgemeinschaft „Hospital Sankt Marien des Deutschen Hauses zu Jerusalem“ hervor und war nach den Tempelrittern und den Johannitern der dritte große Ritterorden. Als Wahrzeichen trugen die Ritter des Deutschen Ordens weiße Mäntel mit einem schwarzen Kreuz darauf. Neben Armenfürsorge und Krankenpflege zählte der bewaffnete „Heidenkampf“ zu den Aufgaben des Ordens. Nach dem Abflauen der Kreuzzugsbegeisterung und dem endgültigen Verlust des Heiligen Landes 1291 verlegte der Orden seinen Sitz zunächst nach Venedig und später an die Ostsee, in das seit 1230 eroberte Preußen: 1309 auf die Marienburg und 1457 nach Königsberg.
Herzog Konrad I. von Masowien hatte 1225 den Deutschen Orden nach Polen zur Abwehr der heidnischen Pruzzen (aus diesem Namen leitet sich die spätere Bezeichnung Preußen ab) und zu deren Christianisierung gerufen. Von Masowien aus unterwarf der Orden bis 1283 das gesamte Land der Pruzzen, das er mit deutschen Bauern besiedelte und durch die Errichtung von Ordensburgen (z.B. Thorn 1231, Marienburg 1274, Memel 1252, Königsberg 1255, Riga 1330 und Reval 1346) sowie die damit in unmittelbaren Zusammenhang stehende Gründung von Städten (neben den als Ordensburgen bereits genannten u.a. Kulm und Marienwerder 1233 sowie Elbing 1237) strategisch sicherte und kultivierte. Durch die Vereinigung mit dem Schwertbrüderorden 1237 fasste der Deutsche Orden auch in Livland (Landschaft zwischen Ostsee, Peipussee und Litauen, die heute zu Estland und Lettland gehört) und Kurland (Landschaft in Lettland zwischen Ostsee, Rigaer Bucht und Düna) Fuß. Durch seine Macht und die Forderung nach den auch von Polen beanspruchten Pomerellen kam es im 14. und 15. Jahrhundert immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen dem Deutschen Orden und Polen. Anfang des 15. Jahrhunderts erreichte das vom Deutschen Orden beherrschte Gebiet seine größte Ausdehnung und erlebte den Höhepunkt seiner wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung; seine Städte (z.B. Danzig, Thorn, Königsberg) gehörten der Hanse (s. Seite 5) an.
Die Eroberung des südlichen und östlichen Ostseeraums durch den Deutschen Orden führte zu einer Besiedlung der Region durch Deutsche. Deutsche Kaufleute und Kleriker ließen sich v.a. in den Städten nieder, Adelige und Ritter erhielten Landgüter als Lehen. Diese Entwicklung setzte aber nicht erst mit den Eroberungen des Deutschen Ordens ein, sondern bereits früher im Rahmen der europäischen Kolonisierung und Missionierung des Ostseeraums.
Der Machtverlust des Deutschen Ordens begann, als er 1410 die Schlacht bei Tannenberg gegen das seit 1385 vereinigte Doppelreich Polen-Litauen verlor und im Ersten Thorner Frieden Samogitien abtreten musste. Im Zweiten Thorner Frieden von 1466 überließ der Orden die Pomerellen, das Kulmer Land und Ermland sowie die Städte Danzig, Elbing und Marienburg dem polnischen König und erkannte dessen Oberhoheit über das übrige preußische Ordensland an. Im 16. Jahrhundert änderten sich die Kräfte-verhältnisse weiter und Estland kam mit der Hansestadt Reval (Tallinn) 1561 unter schwe-dische Herrschaft, Livland fiel an Polen-Litauen, später ebenfalls an Schweden (1629).
Im Krakauer Vertrag von 1525 mit König Sigismund I. von Polen musste der Hochmeister des Deutschen Ordens, Albrecht der Ältere, Markgraf von Brandenburg-Ansbach, die Umwandlung des Ordensstaates in ein weltliches Herzogtum Preußen unter polni-scher Lehnshoheit anerkennen. 1618 fiel dieses Herzogtum an die brandenburgische Linie der Hohenzollern, die bis 1660 (Frieden von Oliva) die Souveränität in Preußen erlangen konnten. 1701 ging das Herzogtum in dem fortan Preußen genannten brandenburgischen Gesamtstaat auf. Der Deutsche Orden besaß danach keine größeren eigenen Territorien mehr. Als „normaler“ Orden besteht der Deutsche Orden fort – bis heute: Sitz der Ordensgemeinschaft ist Wien. In Deutschland verfügt der Orden über mehrere Niederlassungen (Konvente), z.B. in Bayern in Weyarn und Sielenbach (Kloster Maria Birnbaum).
Der Deutsche Orden hat die Geschichte der Länder an der südöstlichen Ostseeküste über Jahrhunderte bestimmt und ihr eine einheitliche Prägung gegeben, die fortan so nicht mehr bestand. Auch der Bund der Hanse verband im Mittelalter die Geschichte dieser Länder, wenn auch nicht so stark wie der Deutsche Orden.
Man kann die Hanse als eine frühe Europäische Wirtschaftsgemeinschaft begreifen. Sie war eine Organisation von niederdeutschen Fernkaufleuten auf der einen Seite und von rund 70 großen und rund 100 bis 130 kleinen Städten auf der anderen, in denen diese Kaufleute das Bürgerrecht besaßen. Die Hanse verfolgte zwei Ziele: die Er-leichterung des Handels und die gegenseitige Unterstützung der Hansestädte gegen Herrschaftsansprüche der adligen Territorialherren.
Die Anfänge der Hanse liegen in der Mitte des 12. Jahrhunderts. Auf dem Höhepunkt ihres Einflusses Mitte des 14. Jahrhunderts erstreckte sich das Gebiet der Hanse von der Zuidersee im heutigen Holland im Westen bis nach Estland und Livland im Osten und von Visby auf Gotland im Norden bis zu der Linie Köln – Erfurt – Breslau – Krakau im Süden. Dabei waren allerdings bei weitem nicht alle Städte in diesem Raum Mitglied der Hanse. Wichtigste Hansestädte im südlichen und östlichen Ostseeraum waren Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund, Danzig, Königsberg, Riga und Reval. Abseits der Küsten, aber ebenfalls bedeutende Hansestädte waren Thorn, Dorpat und Novgorod.
Eine entscheidende Rolle bei der Bildung der Hanse und der Ausdehnung des Handels niederdeutscher Kaufleute bis tief in den Ostseeraum hinein spielte die Stadt Lübeck. 1143 wurde eine Kaufleutesiedlung auf dem heutigen Lübecker Stadthügel gegründet, 1159 übernahm Heinrich der Löwe die Stadt. Lübeck war zu dieser Zeit zentraler Umschlagplatz für Hering und Salz, zwei wichtige Güter im Mittelalter. Von Lübeck aus stießen die deutschen Kaufleute in den Ostseeraum vor. Wichtige Stationen auf dem Weg zu einer Dominanz der Hansekaufleute im Ostseehandel waren Stützpunkte auf Gotland, in Riga und im russischen Novgorod. Die zuletzt genannte Stadt liegt zwar nicht an der Ostsee, von hier aus wurde aber mit wichtigen Waren wie Pelzen, Wachs und Flachs, aber auch Gewürzen, Seide und Weihrauch gehandelt, die über einen Neben-arm der Seidenstraße aus Asien Novgorod erreichten. In diesen Städten bildeten die niederdeutschen Kaufleute Gemeinschaften, die z.T. eigenem bzw. Lübecker Recht unterlagen. Diese Fernkaufleute organisierten sich in Gilden, gründeten Handelsniederlassungen und Städte im gesamten Ostseeraum und – unter der Leitung Lübecks – eine Organisation, mit deren Hilfe sie den Handel besser koordinieren konnten: die Deutsche Hanse. Dieses Bündnis entstand nach und nach, förmlich bestand es erst seit 1356. In der Folgezeit wurde die Hanse immer wieder in Kämpfe mit skandinavischen Herr-schern verwickelt. Ihre größte Blüte begann mit dem Frieden von Stralsund 1370 nach dem Sieg über Waldemar IV. von Dänemark. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht gehörten der Hanse alle bedeutenden Städte nördlich der Linie Köln – Dortmund – Göttingen – Halle – Breslau – Thorn – Dünaburg – Dorpat an.
Der Niedergang der Hanse setzte im 15. Jahrhundert ein. Einerseits schränkte die Verdichtung staatlicher Macht die Möglichkeiten der Städte, selbstständig zu handeln, immer mehr ein. Andererseits veränderten sich nach und nach die europäischen Wirtschaftsstrukturen, u.a. infolge der großen Pestepidemien seit Mitte des 14. Jahrhunderts, der Verlagerung von Wirtschaftsräumen und Handelsrouten sowie der Entstehung des atlantischen Handels nach der Entdeckung Amerikas. 1494 wurde das bedeutende Hanse-Kontor in Novgorod geschlossen, 1598 folgte das Londoner Kontor, der sogenannte Stalhof. Der letzte Hansetag wurde 1669 einberufen. Dieses Datum gilt als das Ende der Hanse, auch wenn eine gemeinsame Vertretung der Hansestädte Lübeck, Hamburg und Bremen in Berlin noch bis 1920 bestand. Heute zeugt vom Einfluss der Hanse in vielen ehemaligen Hansestädten im Osten noch die „hanseatische“ Backsteingotik. Auch die Städtepartnerschaft zwischen Riga und Bremen verweist auf frühere Hanseverbindungen.
Bernstein, das baltische Gold, war sicherlich nicht das wichtigste, aber wohl eines der schönsten Güter, die in der Hanse gehandelt wurden. Von Lübeck nach Riga verläuft die Bernsteinküste, hier können Strandspaziergänger überall mit etwas Glück angespülte Bernsteinstücke finden. Bernstein ist das versteinerte Harz von Nadelhölzern und zwischen 40 und 60 Millionen Jahre alt. Damals bedeckten ausgedehnte Fichten- und Kiefernwälder ganz Nordeuropa. Bernstein wird nicht nur wegen seiner goldenen Farbe („bernsteinfarben“) geschätzt, sondern auch wegen der oft darin eingeschlossenen Insekten, Spinnen und anderen Kleinstlebewesen von vor Millionen von Jahren. Eine große Sammlung von Bernsteinen mit solchen Einschlüssen, Inklusen genannt, besitzt das Bernsteinmuseum im litauischen Palanga.
Die ersten Siedler nutzten Bernstein als Brennstoff, aber bereits in der Bronzezeit wurde Bernstein als Schmuck geschätzt und mit ihm Handel getrieben – bis nach Italien und Griechenland. Er diente als Verzierung für Gewänder und Dolche, die alten Griechen schätzten ihn als Edelstein. Seit vorgeschichtlicher Zeit verband die sogenannte Bernsteinstraße das Delta der Weichsel mit dem Mittelmeerraum. Sie führte vom heutigen Italien durch Slowenien, Ungarn, Österreich und die Tschechi-sche Republik bis nach Polen, die drei baltischen Staaten und Russland. Im 13. Jahrhundert besaß der Deutsche Orden das gesetzliche Recht auf den alleinigen Handel mit Bernstein.
Im 16. und 17. Jahrhundert ließ der preußische Hof zahlreiche Kunstgegenstände aus Bernstein fertigen, die sich noch heute in vielen Kunstsammlungen finden. 1701 gab König Friedrich I. von Preußen nach seiner Krönung das sogenannte Bernsteinzimmer in Auftrag, ein Raum, der ganz mit Wandelementen aus Bernstein verziert war. Sein Nachfolger Friedrich Wilhelm I. verschenkte das Bernsteinzimmer 1716 an den russischen Zaren Peter den Großen und ließ es von Schloss Charlottenburg in den Katharinenpalast bei St. Petersburg bringen. Im Zweiten Weltkrieg bauten deutsche Soldaten das Bernsteinzimmer ab und ließen es in Kisten verpackt nach Königsberg bringen, wo die Bernsteinarbeiten nochmals ausgestellt wurden. Dann aber verliert sich die Spur des Bernsteinzimmers, und „Schatzsuchern“ auf der ganzen Welt ist es bis heute nicht gelungen, es zu finden. Von 1976 bis 2003 bauten russische Restauratoren das Bernsteinzimmer nach alten Aufnahmen nach, die Replik ist heute im Katharinenpalast zu sehen.
Auch heute noch ist Bernstein als Schmuck beliebt. Er wird nicht nur an den Stränden gesammelt, sondern auch industriell gewonnen. Bei Palmnicken (heute Jantarny) in der russischen Exklave Kaliningrad wird er beispielsweise im Tagebau gefördert – bis zu 600 Tonnen jährlich werden hier aus der sogenannten Blauen Erde gewonnen, einer Sedimentschicht, die besonders viel Bernstein enthält.
Nachdem der Deutsche Orden sein politisches Gewicht verloren hatte, wurde das Machtvakuum in der Region von Schweden, Preußen, Österreich und Russland gefüllt. Mitte des 16. Jahrhunderts geriet Livland unter polnische, später wie Estland unter schwedi-sche Herrschaft. Russland baute seinen Einfluss im Ostseeraum aus und gründete 1703 St. Petersburg als „Tor zum Westen“. Als Polen durch die Auseinandersetzungen riva-lisierender Adelsfamilien stark geschwächt worden war, nutzten Österreich, Russland und Preußen die Situation und okkupierten Teile Polens in der sogenannten ersten polnischen Teilung 1772. Preußen brachte so Westpreußen, das Ermland und den Netzedistrikt an sich. Damit konnte es eine strategisch wichtige Landverbindung zwischen dem Stammland und Ostpreußen erringen. Bei der zweiten und dritten polnischen Teilung 1793 und 1795, durch die Polen als Staat ausgelöscht wurde, erhielt Preußen Danzig und Thorn sowie polnisch und litauisch besiedelte Gebiete (Südpreußen, Neu-Ostpreußen). Den größten Teil teilten aber Russland und Österreich unter sich auf.
1807 errichtete Napoleon nach einer Niederlage der Preußen aus preußischen Teilungsgebieten das Herzogtum Warschau. Dieses wurde – etwas verkleinert – auf dem Wiener Kongress 1814/15 als Königreich Polen (Kongresspolen) in Personalunion mit Russland vereinigt. Trotz einiger Versuche (Novemberaufstand 1830/31, Aufstandsversuche in Galizien 1846 und Posen 1848, Januaraufstand 1863) gelang es Polen zunächst nicht, seine Unabhängigkeit wiederzuerlangen.
Auch die baltische Region geriet unter russischen Einfluss. Russlands Herrschaft über das Baltikum begann Anfang des 18. Jahrhunderts, als der russische Zar Peter I. den schwedischen König Karl XII. im Zweiten Nordischen Krieg (1700–1721) besiegte. Dadurch geriet Estland unter russische Herrschaft, seine autonome Stellung wurde zunehmend abgebaut; im 19. Jahrhundert setzte eine starke Russifizierungspolitik ein. Schließlich gehörte auch das gesamte lettische Territorium zum russischen Kaiserreich.
Während Estland und Livland abwechselnd immer zu anderen Staaten gehörten und nie unabhängig waren, verstand es Litauen lange Zeit, selbstständig zu bleiben. Großfürst Gedimin (1316–41) schuf das litauische Großreich durch Ausdehnung nach Osten; er unterwarf u.a. Minsk und Witebsk seiner Oberhoheit. Unter Gedimins Sohn Algirdas (1345–77) dehnte sich Litauen bis zur Oka und zum Dnjepr aus. Großfürst Jogaila (polnisch Jagiello, 1377–1434) schloss zum Schutz gegen den Deutschen Orden eine Union mit Polen, ließ sich taufen und erhielt nach Heirat mit der polnischen Thronerbin Hedwig 1386 die polnische Königskrone als Wladyslaw II. (Begründer der Dynastie der Jagiellonen). Im Unionsvertrag von Brest (1446) sicherte König Kasimir Litauen die Selbständigkeit und Souveränität zu; es verlor jedoch immer mehr Gebiete an Russ-land. Während des Livländischen Krieges stimmten 1569 auf einem polnisch-litaui-schen Reichstag in Lublin die litauischen Vertreter unter polnischem Druck der völligen Vereinigung beider Länder zu. Kämpfe rivalisierender Adelsfamilien schwächten das Doppelreich stark und führten zu einer bürgerkriegsähnlichen Situation, die – wie be-reits erwähnt – Österreich, Russland und Preußen nutzten, um Polen 1772, 1793 und 1795 zu teilen. Mit der dritten Teilung kam der Hauptteil des litauischen Siedlungsgebietes an Russland. Die einsetzende Russifizierungspolitik bewirkte sowohl eine starke Auswanderungsbewegung in die USA und nach Kanada als auch die Entstehung einer litauischen Nationalbewegung.
Auch während die baltischen Gebiete unter dem Einfluss Polens, Schwedens und Russlands lagen, spielten die Baltendeutschen in der Oberschicht der Städte und als adelige Großgrundbesitzer weiter eine wichtige Rolle und konnten ihre Privilegien wahren. Die Deutschen blieben zwar eine Minderheit, stellten jedoch weitgehend – außer in Litauen – die Oberschicht der Gesellschaft.
Estland und Lettland (Livland) gelang es erst nach dem Ersten Weltkrieg, ihre Unabhängigkeit zu erreichen. Auch Litauen wurde 1918 erneut unabhängig. Zwischen den Weltkriegen lebten in Litauen rund 30 000, in Lettland 70 000 und in Estland 20 000 Deutsche. In der Zwischenkriegszeit wurde der Einfluss der Deutschen z. B. durch Agrarreformen stark zurückgedrängt. In Estland etwa wurden die deutschen Großgrundbesitzer (1300 Rittergüter) 1920 enteignet. Vorbildlich war jedoch die tolerante Minderheitengesetzgebung in diesem kleinen Staatswesen, so dass alle nationalen Minderheiten, wie Deutsche oder Schweden, von der wirtschaftlichen und kulturellen Blüte Estlands zu dieser Zeit profitieren konnten.
Die Unabhängigkeit der baltischen Länder war nur von kurzer Dauer: Deutschland überließ im Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939, in dessen geheimem Zusatzprotokoll die Aufteilung Polens und die Berücksichtigung der jeweiligen Interessensphären zwi-schen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion beschlossen wurden, die baltischen Staaten der sowjetischen Einflusssphäre. Die UdSSR besetzte im August 1940 alle drei baltischen Staaten und gliederte sie ihrem Staatsgebiet an.
Kurz nach August 1939 begannen für viele Baltendeutsche, aber auch andere Deutsche im Osten außerhalb des Reichsgebietes Umsiedlungen nach Deutschland. Am 15. Oktober 1939 schloss Hitler ein Abkommen mit Estland über die Umsiedlung von knapp 14 000 Baltendeutschen, es folgte ein entsprechendes Abkommen mit Lettland (davon waren etwa 51 000 Baltendeutsche betroffen), der Sowjetunion und einigen anderen Staaten. Insgesamt wurden zwischen 1939 und 1943 im Zuge der „Heim-ins-Reich-Politik“ rund 535 000 Deutsche aus dem Osten nach Deutschland (im Fall der Baltendeutschen in die „Reichsgaue Wartheland und Danzig-Westpreußen“) umgesiedelt.
Die Sowjetunion nahm in den besetzten baltischen Staaten ebenfalls umfangreiche Deportationen vor: Balten wurden nach Russland verbracht, Russen in den baltischen Ländern angesiedelt. Von 1941 bis 1944 waren die baltischen Staaten dann vom nationalsozialistischen Deutschland besetzt. Die Juden in der Region wurden rücksichtslos verfolgt und vernichtet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fielen die baltischen Staaten erneut an die Sowjetunion.
Auch die polnische Eigenstaatlichkeit konnte erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wieder hergestellt werden. Laut Versailler Vertrag bekam Polen von Preußen dabei den größten Teil der Provinz Westpreußen sowie fast die ganze Provinz Posen zugesprochen und erhielt damit Gebiete, die sich zuvor Preußen angeeignet hatte, wieder zurück. Über den sogenannten polnischen Korridor hatte Polen nun wieder einen Zugang zur Ostsee. Danzig erhielt den Status einer Freien Stadt unter Verwaltung des Völkerbundes zugesprochen. Oberschlesien wurde zwischen Deutschland und Polen geteilt. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den dort lebenden Deutschen und Polen. Von Österreich erhielt Polen das weitgehend ukrainische Galizien. In einem Krieg gegen Russland eroberte Polen 1921 weitere Gebiete im Osten, die v.a. von Ukrainern, Weißrussen und Litauern besiedelt waren.
Neben Polen und den baltischen Staaten waren nach dem Ersten Weltkrieg auf Bestreben der Siegermächte einige weitere Staaten in Europa wieder- bzw. neugegründet worden (z.B. Tschechoslowakei, Jugoslawien). Doch entstand dadurch in Europa keine tragfähige Friedensordnung. Zum einen gab es in vielen der neuen bzw. wiedergegründeten Staaten oft tiefgreifende Probleme mit Minderheiten, so auch in Polen. 31 Pro-zent der polnischen Bevölkerung gehörten einer Minderheit an, so gab es viele Deutsche, Ukrainer, Weißrussen und Juden. Obwohl Polen wie auch andere Staaten mit starken Minderheiten Minderheitenschutzabkommen unterzeichnet hatten, lösten sich die Pro-bleme nicht. Zum zweiten wollten sich die im Ersten Weltkrieg besiegten Staaten, allen voran Deutschland, Österreich und Ungarn, mit den ihnen auferlegten Gebiets-verlusten nicht abfinden. Revisionistische Bestrebungen waren die Folge, die zunächst zu kleinen Auseinandersetzungen und unfreiwilligen Gebietsabtretungen führten, und schließlich Hitler auch einen Vorwand für den Zweiten Weltkrieg lieferten.
Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Eine Geheimklausel im Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 sah die Aufteilung Polens unter den beiden Vertragspartnern vor. Das polnische Heer konnte der deutschen Wehrmacht und der ab dem 17. September einrückenden Roten Armee nicht lange standhalten. Polen wurde zwischen Deutschland und Russland entlang den Flüssen Narew, Bug und San aufgeteilt. Polen hatte unter dem nationalsozialistischen und sowjetischen Terror besonders hart zu leiden. Es kam zu Zwangsverpflichtungen, Deportationen und der Vernichtung der polnischen Juden durch die Nationalsozialisten. Mehrere Aufstände wurden von der deutschen Wehrmacht blutig niedergeschlagen. Das in Polen eingerichtete Vernichtungslager Auschwitz wurde zu einem traurigen Symbol für den Rassenwahn und die Judenvernichtung im Dritten Reich, es wurden aber in Polen noch weitere Vernichtungslager errichtet: Treblinka, Sobibor, Chelmno, Majdanek und Belzec. Während der deutschen und sowjetischen Besatzung kamen rund sechs Millionen Polen ums Leben, davon fielen etwa drei Millionen polnische Juden dem Holocaust zum Opfer. Auch viele der 250 000 Juden, die vor dem Zweiten Weltkrieg in den baltischen Staaten lebten, wurden während des Holocausts ermordet. Zum Teil kamen sie im KZ Kaiserwald in Riga ums Leben.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs musste Polen auf das Gebiet östlich der Curzon-Linie zugunsten der Sowjetunion verzichten und erhielt daher die deutschen Ostgebiete bis zur Oder und Neiße sowie das südliche Ostpreußen und Danzig zuge-sprochen (Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945), die bis zu einer endgültigen friedensvertraglichen Regelung „unter polnische Verwaltung gestellt“ wurden. Die in den nun zu Polen gehörenden deutschen Ostgebieten lebende deutsche Bevölkerung wurde rasch systematisch vertrieben: Riesige Trecks von Vertriebenen machten sich auf nach Westen in die vier Besatzungszonen in Deutschland. Zuvor schon waren massenweise Deutsche aus dem Baltikum, Polen und Ostpreußen nach Westen vor der heranrückenden Roten Armee geflohen. Dabei kamen zahlreiche Flüchtlinge ums Leben. Ein besonders tragischer Fall ist der Untergang der „Wilhelm Gustloff“ am 30. Januar 1945. Das ehemalige Kreuzfahrtschiff der nationalsozialistischen Organisation „Kraft durch Freude“ sollte Tausende Deutsche evakuieren. Es stach von Gdingen (damals Gotenhafen genannt, polnisch Ggynia) aus in See und wurde von einem russischen U-Boot vor der pommerschen Küste versenkt. Schätzungsweise kamen bei der bislang größten Schiffskatastrophe der Geschichte über 9000 Menschen ums Leben. Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat den Untergang der „Wilhelm Gustloff“ in seiner Novelle „Im Krebsgang“ von 2002 literarisch verarbeitet. Insgesamt haben bis 1950 etwa 7 Millionen Deutsche aus den deutschen Ostgebieten und etwa 5 Millionen aus den deutschen Siedlungsgebieten in Mittel-, Ost- und Südosteuropa ihre Heimat verlassen müssen. Darüber hinaus fanden dabei schätzungsweise mehr als 2 Millionen Menschen den Tod oder werden bis heute vermisst.
Die Sowjetunion sicherte sich einen starken Einfluss auf Polen, das bald kommunistisch regiert wurde. Als der Ost-West-Konflikt wenige Jahre nach Kriegsende Europa und die Welt in zwei Lager spaltete, fand sich Polen auf der sowjetischen Seite, wurde 1949 Mitglied der Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) und 1955 des Warschauer Paktes. Westdeutschland und Polen standen sich wieder als Gegner gegen- über, die Wunden aus dem Zweiten Weltkrieg und durch die Vertreibung der Deutschen aus den deutschen Ostgebieten waren ohnehin noch frisch. Mit der DDR hingegen hatte Polen in Rahmen des RGW und Warschauer Paktes intensive Kontakte.
Polen lag zwar nach dem Zweiten Weltkrieg im sowjetischen Einflussgebiet, hatte aber seine Staatlichkeit bewahren können. Anders die drei baltischen Staaten, sie wurden nach 1945 Teil der Sowjetunion und verloren ihre Unabhängigkeit. Deutschland überließ im Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 die baltischen Staaten der sowjetischen Einflusssphäre. Die UdSSR besetzte wenig später alle drei baltischen Staaten, gliederte sie ihrem Staatsgebiet an und begann mit ihrer „Russifizierung“. Es wurde die Einwanderung von Russen, Weißrussen und Ukrainern gefördert und über 200 000 unliebsame Esten, Letten und Litauer nach Sibirien deportiert. Der Widerstand gegen diese Politik durch die „Waldbrüder“ dauerte zwar bis in die 1950er Jahre an, blieb aber erfolglos. Betrug der Bevölkerungsanteil von Russen, Weißrussen und Ukrainern beispiels-weise in Estland 1934 rund 8,2 Prozent, so lag er 1959 schon bei 22,3 Prozent und wuchs bis 1989 auf 35,2 Prozent an.
Polen hat an der Beendigung des Ost-West-Konflikts einen großen Anteil. Schon früh wurde in Polen versucht, die Zwänge des Kommunismus zu lockern. V.a. die 1980 an der Danziger Leninwerft gegründete Gewerkschaft Solidarität (Solidarnosc) unter ihrem Führer Lech Walesa, der später Staatspräsident Polens wurde, spielte dabei eine wichtige Rolle. Sie wurde zwar bald wieder verboten, doch 1989 erneut als Gesprächs-partner der Regierung zugelassen. Die Anfang 1989 mit der Opposition am sog. „Runden Tisch” aufgenommenen Gespräche führten zur Einrichtung einer zweiten Parla-mentskammer, später zu Parlamentswahlen, an denen auch die Opposition teilnehmen konnte. Der „Runde Tisch” in Polen wurde zu einem Symbol für den Wandel im ehemaligen Ostblock. Nach der Öffnung und Demokratisierung Polens 1989/90 und dem Abschluss des Deutsch-Polnischen Grenzvertrags 1990, in dem die Oder-Neiße-Grenze und damit der Verbleib Schlesiens, Pommerns und Ostpreußens bei Polen völkerrechtlich anerkannt wurde, konnte ein neues Kapitel in den Beziehungen zwischen Deutschland und Polen aufgeschlagen werden. Mit dem Beitritt zur Nato 1999 und zur Europäischen Union (EU) 2004 ist Polen voll und ganz in Europa angekommen.
Während Polen bereits eine Eigenstaatlichkeit bei Ende des Ost-West-Konflikts besaß, mussten sich die baltischen Staaten als Teil der Sowjetunion ihre Unabhängigkeit erst wieder erkämpfen. Nach ersten Demonstrationen 1987 gegen die sowjetische Besatzungsmacht, gründeten sich 1988 in allen drei baltischen Sowjetrepubliken Volksfronten zur Befreiung ihrer Länder. Der Kampf um die Freiheit gipfelte am 23. August 1989, dem 50. Jahrestags des Hitler-Stalin-Pakts, als rund eine Million Menschen eine 600 Kilometer lange Kette von Tallinn nach Vilnius bildete und singend für ihre Freiheit demonstrierte („singende Revolution“). Am 11. März 1990 erklärte als erster baltischer Staat Litauen seine Unabhängigkeit, es folgten am 20. August und am 21. August 1991 die Unabhängigkeitserklärungen von Estland und Lettland. Am 6. September wurde die Unabhängigkeit der drei Länder von der Sowjetunion anerkannt, wenige Tage später wurden sie Mitglied der Vereinten Nationen. 2004 traten die baltischen Staaten der NATO und der Europäischen Union bei. Am 1. Januar 2011 wird Estland als erster baltischer Staat den Euro einführen.
Die durch den Eisernen Vorhang lange eingeschränkten Beziehungen zwischen Deutschland und dem Ostseeraum wurden nach dem Ende des Ost-West-Konflikts wieder intensiviert. So ist Deutschland für Polen heute der wichtigste Handelspartner. 22 Prozent der polnischen Importe kamen 2009 aus Deutschland, 26 Prozent der polnischen Exporte gingen ins westliche Nachbarland. Auch für Estland, Lettland und Litauen ist Deutschland ein wichtiger Wirtschaftspartner. Die baltischen Staaten erlebten nach ihrer erneuten Unabhängigkeit einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung, der ihnen die Bezeichnung „baltische Tiger“ einbrachte. Sie gelten bis heute in der EU als Musterschüler, was politische Stabilität, wirtschaftliche Entwicklung, solide Finanzpolitik und die Übernahme europäischer Standards anbelangt – allerdings traf die baltischen Staaten die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 wesentlich härter als die meisten anderen EU-Staaten.
Einen besonders hohen Stellenwert besitzt für Deutschland seit dem Ende des Ost-West-Konflikts die Aussöhnung mit Polen. 1993 wurde z.B. das Deutsch-Polnische Jugendwerk gegründet, über 400 Städte jenseits und diesseits von Oder und Neiße sind durch Partnerschaften verbunden. Auch die Verbände der deutschen Heimatvertriebenen spielen eine wichtige völkerverbindende Rolle. Einen Beitrag zur Versöhnung zwischen Deutschen und Polen soll auch die 2008 von der Bundesregierung gegründete Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ leisten. Ihr Zweck ist es, „im Geiste der Versöhnung die Erinnerung und das Gedenken an Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert im historischen Kontext des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik und ihren Folgen wachzuhalten”. Allerdings zeigt der Streit um die Besetzung des Stiftungsbeirats, der zu internationaler Kritik führte, wie sensibel das Thema Flucht und Vertreibung auf allen Seiten nach wie vor gesehen wird.
Zwischen Polen und Litauen liegt die „Oblast Kaliningrad“. Die russische Exklave, die das nördliche Ostpreußen umfasst, gehört, anders als die Anrainerstaaten nicht zur EU, sondern zu Russland. Wer eine Reise in die baltischen Staaten unternimmt, wird oft auch Kaliningrad (Königsberg) besuchen. Auch hier stößt man auf viele Spuren der deutschen Vergangenheit: Königsberg war einst Teil des Deutschen Reichs und bis 1945 die Hauptstadt der Provinz Ostpreußen.
Zwar wurde die Innenstadt Königbergs während des Zweiten Weltkriegs fast vollständig zerstört, doch erinnern noch einige ältere Bauten an das Königsberg vor dem Krieg. Unzerstört blieben die Pfarrkirche Juditten aus dem 14. Jahrhundert und Teile des Speicherviertels sowie einige Vorstädte. Die Burg Königsberg wurde 1255 vom Deutschen Orden erbaut. 1544 gründete Herzog Albrecht die Universität, die 1945 aufgelöst wurde. Von 1755 bis 1796 lehrte hier der Philosoph Immanuel Kant, dessen Hauptwerk die „Kritik der reinen Vernunft“ ist. Auch der bekannte Schriftsteller der Romantik E.T.A. Hoffmann (1776–1822) stammt aus Königsberg, ebenso die bildende Künstlerin Käthe Kollwitz (1867–1945). Im Mai 1945 kam das Gebiet um Königsberg unter sowjetische Verwaltung und stellte seitdem eine „russische Exklave auf dem Territorium der UdSSR“ dar, 1947/48 terfolgte die Aussiedlung der restlichen deutschen Bevölkerung.
Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts zog und zieht es zahlreiche Touristen in die baltischen Länder und nach Polen. Der Tourismus ist v.a. für die baltischen Staaten mitt-lerweile ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Es locken ehemalige Hansestädte, aber auch herrliche Landschaften. Und so manch deutscher Tourist kommt auch in die Länder an der Ostsee, um familiäre Spuren zu suchen.
Bereits im 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts war die in der Nähe von Königsberg gelegene Kurische Nehrung ein Erholungsziel ersten Ranges. Die fast einhundert Kilometer lange Landzunge der Kurischen Nehrung trennt das Kurische Haff von der Ostsee. Sie zählt zu den schönsten und interessantesten Landschaften Europas mit einsamen Kiefernforsten, sumpfigen Niederungen, endlosen feinen Sandstränden und den höchsten Dünen des Kontinents. Die Kurische Nehrung ist heute ein Nationalpark.
In Nidda (Nidden), dem Hauptort der Kurischen Nehrung, ließ sich Thomas Mann ein Sommerhaus bauen, in dem er von 1930 bis 1932 wohnte und seine „Joseph”-Tetralogie verfasste. 1939, Thomas Mann war schon längst aus Hitlerdeutschland emigriert, wurde das Haus von den Nazis beschlagnahmt und diente Reichsmarschall Göring als Jagdhaus. Heute ist es ein Tagungsort der Thomas-Mann-Gesellschaft, und im Erd-geschoss sind Fotografien und Bücher des Nobelpreisträgers ausgestellt. Thomas Mann war nicht der einzige Künstler, den die einmalige Landschaft der Nehrung anzog. Schon bevor er sein Sommerhaus hier baute, hatte sich in Nidda eine Künstlerkolonie etabliert. Herzstück dieser Kolonie war das Gasthaus Blode. Hier konnten Künstler kostenlos übernachten, der Wirt Hermann Blode verlangte als Gegenleistung „lediglich“ ein Gemälde von seinen Übernachtungsgästen. Da hier vor allem expressionistische Maler wie Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel und Ernst Mollenhauer ihre Sommer verbrachten, hatte der Wirt bald eine bedeutende Sammlung expressionistischer Werke beisammen, die allerdings am Ende des Zweiten Weltkriegs verloren ging.
Südlich von Königsberg liegt im Nordosten Polens ebenfalls eine außergewöhnliche Landschaft – Masuren. Das ehemals zu Ostpreußen gehörende Masuren ist eine in weiten Teilen immer noch urtümliche, unberührte Seenlandschaft. Die Masurische Seenplatte umfasst rund 1600 größere und etwa 3000 kleinere Seen, die fast alle über Kanäle und Flüsse miteinander verbunden sind. Die Bevölkerung (Masuren) entstand aus einer Verschmelzung von altpreußischen und masowischen Bevölkerungsgruppen sowie deutschen Kolonisten, wobei die masowische Komponente überwog; die Masuren sprachen eine polnische, mit deutschen Lehnwörtern durchsetzte Mundart, gingen aber im 19. und 20. Jahrhundert immer mehr zur deutschen Sprache über.
Der 1926 in Masuren geborene Schriftsteller Siegfried Lenz vermittelt etwa in den Werken „So zärtlich war Suleyken” (1955) oder „Heimatmuseum” (1978) den Reiz dieser Landschaft und ihrer Menschen. Ein jüngerer aus Masuren stammender Autor ist Artur Becker. Er wurde 1968 als Sohn polnisch-deutscher Eltern in Bartoszyce geboren und lebt seit 1985 in Deutschland. Als deutsch-polnischer „Grenzgänger“ beschäftigt er sich in seinen Werken überwiegend mit der jüngeren polnischen Vergangenheit, etwa in seinem Roman „Wodka und Messer. Lied vom Ertrinken“, der 2008 erschien.
So idyllisch die masurischen Landschaften wirken, so viele kriegerische Auseinandersetzungen fanden hier statt: 1410 besiegten hier Polen, Litauer und Tartaren den Deutschen Orden. Die deutsche achte Armee schlug hier 1914 die russische Narew-Armee in einer der größten Vernichtungsschlachten des Ersten Weltkriegs. Und während des Zweiten Weltkriegs lag bei Rastenburg (Ke˛trzyn) die „Wolfsschanze”, ein Befehlszentrum Adolf Hitlers für den Russlandfeldzug. Hier explodierte am 20. Juli 1944 eine von Claus Graf Schenk von Stauffenberg gezündete Bombe, die Hitler töten sollte. Dieser aber überlebte den Anschlag und ließ die Männer der Widerstandsgruppe vom 20. Juli 1944 und z.T. deren Angehörige und Freunde hinrichten. Heute erinnert hier eine Ausstellung an den deutschen Widerstand im Dritten Reich.
Natürlich ziehen auch die ehemaligen Hansestädte wie z.B. Danzig, Riga und Tallinn viele Touristen nach Polen und in die baltischen Staaten. Den guten Ruf der mittelalterlichen Hanse möchten die ehemaligen Mitgliedsstädte übrigens auch heute wieder nutzen: 1980 hat sich im niederländischen Zwolle die Neue Hanse gegründet, ein Bund ehemaliger Hansestädte, mit der Zielsetzung, die wirtschaftliche Zusammenarbeit, aber v.a. auch den Tourismus in den Mitgliedsstädten zu fördern.
Polen
Landesfläche: 312 678 qkm
Einwohner: 38 Mio. (98,7 % Polen, ca. 300 000 bis 500 000 Deutsche)
Hauptstadt: Warschau (ca. 1,7 Mio. Einwohner)
Religion: 96 % Katholiken
Währung: Zloty
Bruttoinlandsprodukt 2009: 310 Mrd. Euro
Entwicklung des BIP 2009: + 1,7 % gegenüber Vorjahr
Litauen
Landesfläche: 65 301 qkm
Einwohner: 3,36 Mio., (84,6 % Litauer, 6,3 % Polen und 5,1 % Russen)
Hauptstadt: Vilnius (Einwohnerzahl: ca. 547 000)
Religion: 79 % Katholiken, 9 % Atheisten, 4 % orthodoxe Christen
Währung: Litas
Bruttoinlandsprodukt 2009: 26,6 Mrd. Euro
Entwicklung des BIP 2009: – 14,8 % gegenüber Vorjahr
Lettland
Landesfläche: 64 589 qkm
Einwohner: 2,3 Mio. Einwohner (57,6 % Letten, 29,6 % Russen, 4,1 % Weißrussen, 2,7 % Ukrainer, u.a.)
Hauptstadt: Riga (717 400 Einwohner, davon 42,3 % Letten, 42,1 % Russen, 4,4 % Weißrussen, 3,9 % Ukrainer, 2 % Polen, 5,3 % andere – Stand 1.1.2008)
Religion: 55 % Lutheraner, 24 % Katholiken, 9 % orthodoxe Christen
Währung: Lats
Bruttoinlandsprodukt 2009: 18,8 Mrd. Euro
Entwicklung des BIP 2009: – 18 % gegenüber Vorjahr
Estland
Landesfläche: 45 227 qkm
Einwohner: 1,34 Mio., davon 65,3 % Esten und 28,1 % Russen
Hauptstadt: Tallinn (410 050 Einwohner, davon 52,3 % Esten, 38,5 % Russen, 3,9 % Ukrainer, 5,3 % andere – Stand 1.9.2009)
Religion: 33 % Atheisten, 11 % Lutheraner, 10 % orthodoxe Christen
Währung: Estnische Krone; ab 1.1.2011: Euro
Bruttoinlandsprodukt 2009: 13,7 Mrd. Euro
Entwicklung des BIP 2009: – 14,1 % gegenüber Vorjahr
Infos zu Polen und zu den baltischen Staaten gibt es im Internet unter folgenden Adressen:
Textheft zur Wandzeitung „Gesellschaft und Staat“ Nr. 3/2010: „Ostsee“.
Herausgeber: Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, Praterinsel 2, 80538 München, Telefon (089) 2186-2170.
Redaktion: Dr. Zdenek Zofka (verantwortlich, Anschrift siehe Herausgeber), Robert Leiter
Text: Dr. Heinz Gmelch
Gestaltung, Koordination und Verlag: Lüders & Baran, Agentur für Kommunikation, München.
Druck: Neumann Druck, Landshut.
Die Wandzeitung erscheint mehrmals im Jahr und wird unentgeltlich abgegeben.