
Wandzeitung 01/2008

Vorweg: Es gibt zwei Kongo – die kleinere Republik Kongo, eine ehemals französische Kolonie mit der Hauptstadt Brazzaville, und die Demokratische Republik Kongo, ehemals belgische Kolonie und zeitweise auch Zaire genannt, mit der Hauptstadt Kinshasa. Beide leiten ihren Namen vom Bantu-Wort für den Fluss Kongo ab. Im Folgenden ist ausschließlich von der Demokratischen Republik Kongo die Rede.
Der Kongo wurde seinen Ureinwohnern in der Mitte des 19. Jahrhunderts in einem skrupellosen Verfahren entrissen. Er war das erste und bis dato einzige Land mit dem völkerrechtlich unzulässigen Status eines „Privatbesitzes“. Unter dem Regime seines „Besitzers“ König Leopold II. von Belgien wurde das Land geplündert und das Volk terrorisiert. In einem Genozid unvorstellbaren Ausmaßes wurden 10 Millionen Kongolesen ermordet, das war die Hälfte der damaligen Bevölkerung. Leopold II. zahlte seinen Offizieren Prämien für abgehackte Hände und Köpfe. Auf zunehmenden Druck einer kritischen Öffentlichkeit wurde das Land zur staatlichen belgischen Kolonie. Im Zweiten Weltkrieg mussten Kongolesen für ihre Unterdrücker in den Krieg ziehen.
Erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts schien das Land eine eigene Perspektive entwickeln zu können. In der Aufbruchsstimmung der lang ersehnten Unabhängigkeit wurde Patrice Lumumba der erste frei gewählte Ministerpräsident des Landes. Nur wenig später wurde er mit Hilfe des belgischen Geheimdienstes und der amerikanischen CIA weggeputscht und gefangen genommen. Auf der Flucht wies ihm eine UNO-Mission die Tür, er wurde erneut festgenommen und seinem Erzfeind Moise Tschombé ausgeliefert. Er wurde getötet, zerstückelt und in Salzsäure aufgelöst.
Es folgten erneut Jahrzehnte der Diktatur unter der brutalen und korrupten Herrschaft von Joseph-Désiré Mobutu, der Milliarden Finanzhilfen in die eigenen Taschen lenkte sowie in seine Paläste im Kongo und an der Côte d’Azur. In den 80er Jahren eskalierte ein Machtkampf in einen Bürgerkrieg, der neue Machthaber Laurent-Désiré Kabila starb kurz darauf bei einem Attentat. Zwischenzeitlich fielen Armeen der Nachbarländer in den Kongo ein, um die reichhaltigen Bodenschätze des Landes zu plündern.
Der heutige Kongo ist mit einer Hypothek belastet: Der Terror der vergangenen 150 Jahre hat unauslöschliche Spuren hinterlassen und die Infrastruktur sowie die nationale Souveränität des Landes nachhaltig erschüttert und ruiniert. Die UNO registriert über 125 nationale und multinationale Konzerne, die illegal Bodenschätze abbauen, die Kreditlast ist erdrückend, die Staatseinnahmen tendieren gegen Null.
Die zweiten freien Wahlen wurden 2006 von einer UN- und einer EU-Mission unter deutschem Kommando abgesichert, wenig später standen der nun rechtmäßig gewählte Sohn des letzten Diktators und der Wahlverlierer vor einem Bürgerkrieg über die Frage, ob der Verlierer eine Privatarmee unterhalten darf oder nicht.
Erste Spuren einer Besiedelung auf dem Gebiet der heutigen Demokratischen Republik Kongo finden sich um 10.000 v. Chr. Die vorkoloniale Zeit ist geprägt von verschiedenen Bantu-Reichen. Ab dem 13. Jh. gibt es mächtige Reiche wie das der Luba, der Lunda, der Kuba und später das Königreich Kongo.
Nach der Landung der ersten Potugiesen im Jahr 1482 beginnt an den Küsten Afrikas ein systematischer Sklavenhandel. Dennoch ist um 1870 das Wissen der Europäer über den afrikanischen Kontinent marginal. Mit Ausnahme von Handelsposten entlang der Küsten sowie von Algerien und Südafrika, weiß man nichts oder nur wenig vom Inneren des Landes.
Doch dann geht die Entdeckung und Eroberung Afrikas ganz schnell. Innerhalb von nur 30 Jahren bis zum Ende des Jahrhunderts vollzieht sich in Afrika eine der größten politischen Umwälzungen der Geschichte. Sechs rivalisierende europäische Mächte, Portugal, Spanien, das gerade geeinte Italien, Deutschland und die großen Widersacher England und Frankreich beginnen den Kontinent zu erobern und wie einen großen Kuchen unter sich aufzuteilen.
Was bringt die Kolonialmächte dazu, sich gleichsam über Nacht so engagiert um die riesigen Ländereien im Inneren Afrikas zu bemühen, sie gewaltsam in ihren Griff zu bekommen und darum zu streiten? Zum einen sucht ein immenser Kapitalüberschuss aus der Industrialisierung nach Absatzmärkten und Anlagemöglichkeiten. Erste Berichte von Expeditionen lassen vermuten, dass Afrika dies bieten könne. Zum anderen liefern sich England und Frankreich einen heftigen Konkurrenzkampf um globalen Einfluss und setzen darauf, diesen über ein koloniales Engagement erweitern zu können. Und schließlich trifft das Interesse der impe-rialistischen Mächte auf willfährige und berechnende afrikanische Führer, die eine Chance zur Verwirklichung ihrer eigenen Machtansprüche sehen. Ein Blick auf die Karte der Kolonien zeigt, dass sich die Briten bemühten, eine Nord-Süd-Achse auf der Westseite Afrikas zu schaffen, während die Franzosen zunächst versuchten, entlang der Mittelmeerküste, später auch im Subsahel, von West nach Ost vorzudringen. Die französischen Ambitionen wurden nicht ganz erfüllt, da sie in der Faschoda-Krise von 1898 von den Briten aus den Gebieten von Ägypten und Sudan zurückgedrängt wurden. Belege der ehemaligen kolonialen Zuordnung der nun 47 afrikanischen Staaten finden sich noch heute in der Sprache sowie in den Grenzverläufen, die oft willkürlich, wie mit dem Lineal gezogen, erscheinen.
Die Kolonialisierung Afrikas beginnt vergleichsweise harmlos als Privatinitiative wagemutiger Entdecker, allen voran David Livingstone. War dieser noch ein reiner Forscher ohne politische oder koloniale Ambitionen, so sehen andere, Geografen, Missionare oder Kaufleute ihre Mission auch darin, den Afrikanern die drei „C“ nahe zu bringen, nämlich Commerce, Christianity, Civilization (Handel, Christentum und Zivilisation). Männer wie Burton und Spekes, der Journalist Henry Morton Stanley, der französische Seefahrer und Diplomat Pierre Savorgnan de Brazza, der deutsche Pädagoge Carl Peters, der britische Soldat Frederick Lugard oder der Gold- und Diamantenhändler Cecil Rhodes sind von ganz unterschiedlichen Idealen oder Motiven getrieben. Sie suchen den persönlichen Erfolg als Entdecker und den nationalen Erfolg als Wegbereiter für Niederlassungen und Kolonien. Weil aber die versuchten Aneignungen des Kontinents sowohl auf lokalen Widerstand als auch auf den Argwohn anderer Mächte treffen, gerät die verwegene Erkundung einiger Abenteurer bald zum gewaltsamen Vordringen, die drei „C“ werden ergänzt durch ein viertes: Conquest – Eroberung.
Der belgische König Leopold II., einer der reichsten Männer Europas, kann dem Wettlauf der starken imperialistischen Mächte nur tatenlos zusehen. Mit seinem lang gehegten kolonialen Wunschtraum macht er sich in der eigenen Regierung und beim Volk nur lächerlich. Seine Versuche, den Spaniern die Philippinnen, den Portugiesen Angola, Mozambique oder Timor abzukaufen, schlagen fehl, auch die Briten sind an privaten Investitionen in den kolonialen Besitz nicht interessiert. Aber Leopold hält an seinen Ambitionen fest, auch weil er fest daran glaubt, dass in Afrika ein immenser Reichtum schlummert, eine Überzeugung, die damals nur wenige teilen. 1876 unternimmt er einen ersten Schritt, um mit List und Diplomatie und gleichsam durch die Hintertür doch noch zu einer Kolonie zu gelangen. Er beruft eine geografische Konferenz über Zentralafrika ein und gründet die International African Association als Tarnung für seine Bemühungen um Besitz in Afrika. Er hört von David Livingstone und dessen Suche nach den Quellen des Nils und von Henry Morton Stanley, der diese im Auftrag des New York Herald und des Londoner Telegraph ebenfalls sucht und findet. Stanley wird Leopolds Mann. 1876 bereist er erstmals das Kongobecken von Ruanda her kommend und erhält eine Ahnung vom Reichtum der Region und von seiner Geographie. Er liefert sich ein Wettrennen mit dem Franzosen Pierre Savorgnan de Brazza, der von Norden, von Gabun aus auf den Kongo-Fluss zusteuert. Allerdings sind beide zunächst nicht in der Lage, Gebietsansprüche durchzusetzen, da weder die Briten noch die Franzosen daran interessiert sind. Die Kirchen schicken Missionare, dass Zentralafrika reich sei, will man nicht glauben.
Stanley ist frustriert und sucht nach einer neuen Mission. Die erhält er nun von Leopold. Dieser bezahlt ihm ein Expeditionskorps mit dem klaren Auftrag, das Gebiet des oberen Kongo zu erfassen und das Land über Verträge mit lokalen Clans und Ethnien an den belgischen König zu binden. 1879 bricht Stanley auf, im „Gepäck“ ein zerlegbares Dampfboot,mit dem er nach Überwindung der zahlreichen Stromschnellen am Unterlauf des Flusses den schiffbaren Oberlauf befahren will. Doch Stanley kommt nur mühsam voran. Nach fünf Jahren muss er erfahren, dass Brazza ihm zuvorgekommen ist und mit einem Häuptling einen Vertrag geschlossen hat, der ein Gebiet nordöstlich des Kongo der französischen Fahne unterstellt. Daraufhin beginnt Stanley mit der Eintreibung von 450 Verträgen mit lokalen Herrschern, die – des Schreibens und Lesens nicht mächtig – bestätigen, dass sie die Verfügungsgewalt über ihr Volk und Territorium einem ihnen unbekannten Herrscher in Europa abtreten. 1884 überreicht Stanley dieses erschwindelte und haltlose Konvolut von Verträgen seinem Auftraggeber Leopold.
Jetzt geht es darum, diesen Anspruch auf den Kongo deutlich zu machen und ihm die diplomatische Anerkennung der anderen Mächte zu sichern. Dazu schickt Leopold den amerikanischen Unternehmer Sandford als Lobbyisten in die USA. Sandford bearbeitet den Präsidenten Chester Arthur, den US-Kongress und die New Yorker Handelskammer mit einem Paket aus Lügen, Behauptungen und Versprechungen. Er verweist auf die edlen und humanistischen Motive des Königs, der vorgibt, im Kongo einen zivilisatorischen Modellstaat für „Neger“ schaffen zu wollen. Das kommt an. Denn die USA hatten schon 1820 Liberia als Staat für zurückgeschickte Sklaven gegründet, und viele sehen in Leopolds Plan eine Gelegenheit, weitere Schwarze aus Amerika „zurückzuschicken“. Außerdem verspricht Leopold, er würde den amerikanischen Unternehmen weitreichende Beteiligung anbieten. Der Coup gelingt und sichert Leopold umfassende Besitzrechte über das Gebiet „aus dem der Kongo sein Wasser bezieht, mit seinen Nebenflüssen und angrenzenden Wasserläufen“. Damit besitzt er fast ganz Zentralafrika.
Die diplomatische Anerkennung Frankreichs erreicht er mit einem Vorkaufsrecht auf seine Kolonie, falls er scheitern sollte. Die Franzosen stimmen zu, um auszuschließen, dass dieser Besitz an die britische Krone fällt. Den deutschen Reichskanzler Bismarck ködert er mit Freihandelsgarantien. Nach der von Bismarck im November 1884 einberufenen Berliner Afrika-Konferenz besitzt Leopolds Kongo volle diplomatische Anerkennung. Der Monarch kann sich als unangefochtener Herrscher und Besitzer über das Herzstück des Kontinents samt seiner 20 Millionen Bewohner fühlen. Dies, ohne jemals nach den Verträgen gefragt worden zu sein, ohne je einen Fuß in das Land gesetzt zu haben und ohne dass je ein Afrikaner an einem Verhandlungstisch gesessen hätte.
Die Belgier aber reiben sich die Augen, als sie erfahren, dass ihr König, dem weltweit für seine edlen Absichten stehend applaudiert wird, nun auch ein Land besitzt, das sechsundsiebzig mal größer ist als Belgien und das mit diesem nicht das geringste zu tun hat, der „Etat libre du Congo“, der Freistaat Kongo oder wie es der Schriftsteller Joseph Conrad später nennen wird, das „Herz der Finsternis“.
Einmal im Besitz des Landes schickt Leopold Händler, Missionare, Soldaten und Verwaltungsbeamte zum Aufbau einer Infrastruktur. Oberstes Ziel ist die Errichtung einer Eisenbahnlinie zur Umgehung der Stromschnellen. Damit sowie mit Dampfbooten sollen die Schätze des Landes zum Meer gelangen und von dort aus per Schiff nach Europa. Für dieses Vorhaben sind große Geldmengen nötig, die selbst Leopold nicht aus eigener Tasche bereitstellen kann. Er beschafft sich die Mittel auf Anti-Sklaverei-Konferenzen, wo er erklärt, dass seine Eisenbahn eine bessere Kontrolle des Sklavenhandels ermöglichen würde – das Gegenteil war der Fall. Außerdem hintergeht er – nicht zum letzten Mal – fremde Regierungen, indem er Zölle just von den Nationen verlangt, denen er für die diplomatische Anerkennung des Kongo Freihandel versprochen hatte. Und er erhält ein zinsloses Darlehen vom belgischen Staat.
Den afrikanischen Besitz verwaltet der Herrscher von seinen Büros in Brüssel aus, ein Gouverneur in Boma fungiert als verlängerter Arm seiner de facto Ein-Mann-Herrschaft. Leopold will nun schnell viel Geld verdienen und richtet sein Hauptaugenmerk zunächst auf das Elfenbein, das in Europa für Klaviertasten, Korsagen, Schmuck und künstliche Zähne verwendet wird. Der Handel mit Elfenbein verspricht grandiose Gewinne. Leopold lässt zu Hunderten Elefanten töten, verbietet den Einheimischen eigenen Handel und requiriert sämtliches im Land vorhandene Material. Zudem zwingt er die Bewohner des Kongos, einen Großteil der landwirtschaftlichen Erträge zur Versorgung seines Heeres abzuliefern.
Zum Bau der Eisenbahnlinie und für Transporte verpflichtet er Zehntausende Schwarzer, die er in Halsketten und mit der Nilpferdpeitsche zur Arbeit zwingt. Zur Durchsetzung seines Systems schafft er sich ein Söldnerheer, die „Force Publique“. Es besteht aus europäischen Offizieren und afrikanischen Soldaten, die wie Tiere behandelt werden. Mit 19.000 Mann ist es die größte Streitmacht in Afrika. Seit ihrem Bestehen ist die Force Publique damit beschäftigt, massive und jahrelange Aufstände der Eingeborenen und Tausender meuternder Soldaten niederzuschlagen. Die Reihen seiner Soldaten füllt Leopold mit Kindern, die durch sein System von Zwangsarbeit, Versklavung und Mord zu Waisen wurden. In Kinderkolonien werden sie zu Soldaten ausgebildet.
Nachdem 1890 der Schotte John Boyd Dunlop den Fahrradschlauch entwickelt hat, entsteht in Europa eine Fahrrad-Begeisterung und damit eine gewaltige Nachfrage nach Kautschuk, der Grundlage des Gummis. Im zentralafrikanischen Urwald ist reichlich Kautschuk zu ernten und dieser ersetzt schon bald das Elfenbein als Haupteinnahmequelle.
Erneut entsteht ein riesiger Bedarf an Arbeitskräften, die Leopold durch ein perfides System verpflichtet: Da die Arbeiter tief in den Regenwald vordringen müssen, um den Kautschuk zu ernten, kann er sein übliches System der Zwangsarbeit durch Aneinanderketten und vorgehaltene Waffen hier nicht einsetzen. Also nimmt er die Frauen und Kinder der Männer als Geiseln und lässt ihnen Hände, Nasen oder Ohren abschneiden, wenn der Mann oder Vater die geforderte Quote nicht erreicht. Die Gliedmaßen sind der Verwaltung vorzulegen und dokumentieren aufgelistet in Tabellen und Journalen diesen grausamen Aspekt von Leopolds Verwaltung. Der Historiker Christoph Marx: „Bald entwickelte sich das Einsammeln von Händen zu einem eigenständigen Erwerbszweig. Über kurz oder lang wurde der Massenmord zu einem einträglichen Geschäft für die Soldaten, die willkürlich die Bevölkerung abmetzelten, ohne dass dies noch in einem nachvollziehbaren Verhältnis zur Kautschuk-Ablieferung stand.“
So übt eine Schar von Mördern, Dieben, Vergewaltigern, Brandschatzern und Plünderern auf ausdrückliche, in Handbüchern festgelegte Anweisung des Königs Terror unter der Bevölkerung aus. Gleichzeitig erblüht ganz Belgien in der Pracht neuer Schlösser, Gartenanlagen, Pferderennbahnen, Museen, Golfplätze und Promenaden; finanziert aus dem Raub von Tropenholz, Kautschuk, Elfenbein und dem Sklavenhandel. Alles wird in einem schier endlosen Strom von Dampfern nach Europa, vornehmlich in den Hafen von Liverpool gebracht. Hier sitzt der unscheinbare Angestellte Edmund Morel und überwacht im Auftrag einer Frachtgesellschaft Ladung und Frachtpapiere der ein- und auslaufenden Schiffe. Dabei stellt er fest, dass in den Kongo hauptsächlich Waffen verschifft werden und dass der Wert der gelieferten Waren die offiziellen Zahlen bei weitem übersteigt. Morel zieht hieraus den einzig möglichen Schluss: Hier wird kein Handel getrieben, es fehlt der Gegenwert. Wie aber, so Morels Gedanke weiter, kann dieser immense Reichtum dann anders zustande gekommen sein, als durch Zwangsarbeit?
Mit dieser Erkenntnis ist der junge Verwaltungsbeamte von kaum 25 Jahren auf dem Weg, zum gefährlichsten Gegner des reichen und mächtigen Königs zu werden. Er verlässt die Frachtgesellschaft und gründet 1903 sein eigenes Organ der Anklage, die West-African Mail. Er beschäftigt sich intensiv mit Leopolds System und wird damit zum ersten bedeutenden Vertreter eines investigativen Journalismus. Sein engagierter Einsatz, der Prominente auf der ganzen Welt zur Unterstützung veranlasst, ist ein PR-Manöver, dessen Metho-den von späteren Menschenrechtsbewegungen wie Amnesty International nachgeahmt werden. Noch heute gilt Morel als erster PR-Stratege einer Nicht-Regierungs-Organisation (NGO). Seine faktenreichen, gut recherchierten und zweifelsfrei belegten Schriften finden zunehmend Gehör in der Propagandaschlacht, die nun Leopold seinerseits lostritt. Und sie polarisieren die europäische und amerikanische Öffentlichkeit sowie deren Regierungen. Das britische Unterhaus fordert 1903 in einer Entschließung zum Kongo die „Grundsätze der Menschlichkeit“ zu achten. Damit hat Leopold die wichtigste europäische Macht und die größte Kolonialregierung zum Gegner. Diese beauftragt Roger Casement, einen sanften und zugleich kritischen Geist mit 20 Jahren Afrika-Erfahrung, Ermittlungen über das Regime Leopolds im Kongo aufzunehmen. Casement reist dazu in das Landesinnere des Kongo. Er verfasst einen nüchternen und detailreichen Bericht, der 1904 veröffentlicht wird. Es gibt Versuche, den Bericht zu unterdrücken, aber die Gegenbewegung gegen das Regime Leopolds ist stärker. Casement und Morel vereinen ihre Aktivitäten in der gemeinsamen Congo Reform Asssociation, in den USA gründen William Wilberforce und William Pitt die Abolitionisten-Bewegung, die für die Abschaffung der Sklaverei kämpft. Zusammen schaffen sie eine engagierte Bewegung, die Veranstaltungen vor Tausenden Zuhörern sowie Lichtbildervorträge und Pressekampagnen organisiert.
Es entstehen Ortsvereine und Auslandssektionen in ganz Europa und den USA, Informanten erstellen Dossiers und verschaffen der Bewegung die nötigen Fakten zur Untermauerung der Anklage. Gleichzeitig gewinnt die Bewegung eine Reihe prominenter Fürsprecher wie Mark Twain, Joseph Conrad, Sir Arthur Conan Doyle oder Anatol France, die Druck auf europäische Regierungen ausüben, damit diese sich gegen Leopolds Engagement stellen. In Amerika gelangt das Thema bis vor den Kongress und den amerikanischen Präsidenten. Leopold selbst unternimmt gewaltige Anstrengungen, um seinen Ruf als Philanthrop zu verteidigen, aber die Stimmung schlägt um, seine Gegenoffensive aus Schmiergeldzahlungen und gekauften Presseberichten läuft ins Leere. Und in Belgien verliert der 65jährige Mo-narch jeglichen Rückhalt wegen seiner Beziehung zu einer 16jährigen Prostituierten. Zugleich reift die Erkenntnis, dass die afrikanischen Unternehmungen des Regenten zwar vom belgischen Volk vorfinanziert werden, das Land selbst jedoch keinerlei Nutzen daraus bezieht.
Belgier und die ausländischen Gegner Leopolds diskutieren aber eine Veränderung nie als Übergang in eine afrikanische Selbstverwaltung, sondern ausschließlich als Besitzerwechsel. Der Kongo soll nun nicht etwa den Kongolesen gehören, sondern dem belgischen Staat. Und dieser Besitzerwechsel wird von Leopold noch einmal genutzt, um einen hervorragenden finanziellen Abschluss unter die einzigartige Unternehmung zu setzen. Der belgische Staat erklärt sich zur Übernahme von 110 Millionen Francs Schulden des Kongo bereit. Diese sind an Leopold zu entrichten, weitere rund 45 Millionen werden zur Fertigstellung privater Bauvorhaben des Königs in Belgien entrichtet und 50 Millionen Francs erhält er „als Zeichen der Dankbarkeit für die großen Opfer, die er im Kongo erbracht hatte“. Dieser Zynismus wird nur überboten durch die Tatsache, dass für die rund 200 Millionen Francs nicht etwa der belgische Steuerzahler aufzukommen hat, sondern die Bevölkerung des Kongos.
Nach dem 1908 feierlich vollzogenen Besitzerwechsel ist nicht zu erwarten, dass sich die Verhältnisse im Land grundlegend ändern. Die Force Publique bleibt erhalten, die Beamten der Verwaltung bleiben im Amt und das System der Zwangsarbeit und Konfiszierung zunächst bestehen.
1909 stirbt Leopold II., sein Nachfolger wird Albert I. Dieser bereist selbst den Kongo und verpflichtet sich nach einer ersten Erschütterung über die grausamen Verhältnisse im Land zu grundlegenden Reformen und zur Abschaffung der Zwangsarbeit. Tatsächlich wird Leopolds Strafsystem auch deshalb abgeschafft, weil die Arbeiter durch die Einführung des Plantagen-Kautschuk leichter zu kontrollieren sind. Andererseits führt der belgische Staat nun eine Kopfsteuer ein, die alle Kongolesen zu einem Beitrag an den kolonialen Unternehmungen verpflichtet und weiterhin für einen beträchtlichen Geldstrom aus dem Kongo nach Belgien sorgt. Im Ersten Weltkrieg findet sich noch eine weitere Verwendung für die kongolesischen Männer. Als die Force Publique 1916 Deutsch-Ostafrika, das heutige Tansania, überfällt, um sich ein weiteres Kuchenstück aus dem afrikanischen Besitz zu sichern, werden dafür Zehntausende Kongolesen militärisch zwangsverpflichtet, um auch an dieser Front zu kämpfen.
Belgische, britische und auch amerikanische Unternehmen machen sich in den nächsten Jahrzehnten vermehrt an die Erschließung und Ausbeutung des Landes und seiner Rohstoffe. Insbesondere im Kongobecken eröffnen sie Gold-, Kupfer- und Zinn-Minen. Weiterhin fließt jeglicher Reichtum aus dem Land ab, politische oder soziale Reformen bleiben aus, die Bevölkerung verharrt in der Agonie von Ausbeutung und sozialem Elend. Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als Briten und Franzosen in ihren Kolonien erste Versuche zur Heranbildung einer afrikanischen Elite unternehmen, regiert der belgische Staat noch mit Paternalismus. Dahinter steckt die rassistische Vorstellung, man müsse die Kongolesen anleiten, führen und kontrollieren. Sie bleiben rechtlos und der Diskriminierung und Willkür von Polizei, Verwaltung und kolonialen Gesellschaften ausgesetzt. Jeder Kongolese kann von einem Gouverneur grundlos einen Monat in Haft genommen werden, es besteht eine Verpflichtung zur Arbeit nach Anforderung.
Die Krise des belgischen Kolonialsystems kommt Mitte der 50er Jahre. Gründe sind eine Krise der kolonialen Wirtschaft, ihre sozialen Auswirkungen, ein wachsendes anti-koloniales Bewusstsein in Europa und bei ersten Teilen der schwarzen Bevölkerung sowie ein Regierungswechsel in Belgien. 1954 verliert die christlich-soziale Regierung die Wahl an eine Koalition aus Sozialistischer Partei und Liberalen. Vor diesem Hintergrund unternimmt der amtierende König Baudouin 1955 eine ausführliche Reise in den Kongo und lässt anschließend einen „30 Jahresplan für die politische Befreiung Belgisch-Afrikas“ entwickeln – auf Seiten der Kolonialherren denkt man in Bezug auf die Unabhängigkeit eher langfristig. Tatsächlich aber treten nun erste Schwarze mit erwachendem politischen Bewusstsein auf den Plan, die diesen langfristig gedachten Prozess erheblich verkürzen sollten. 1956 schreibt der junge Aktivist und Chefredakteur einer kongolesischen Zeitschrift, Joseph Iléo, ein erstes programmatisches Manifest, das „Manifeste de la Conscience Africaine“ mit der klaren Forderung nach Unabhängigkeit. Die Forderung mobilisiert die Bevölkerung, zahlreiche Bewegungen unterschiedlicher Richtung entstehen, der Ruf nach Unabhängigkeit eint sie. Die größte Bewegung entsteht im Oktober 1959 auf Initiative von Patrice Lumumba und Joseph Iléo, die „Mouvement National Congolaise“ (MNC). Sie mobilisiert Kongolesen im ganzen Land, die nun ihre Forderungen deutlich und unüberhörbar vortragen. Schließlich erzwingt die MNC eine erste aktive Teilnahme der Schwarzen am politischen Diskurs über die Zukunft des Landes. Kongolesische Politik soll fortan nicht mehr ausschließlich in Europa beschlossen werden.
Die Kolonialregierung reagiert auf die zunehmende Mobilisierung der Bevölkerung und erste Massen-Aktionen mit ganzer Härte. Lumumba als Wortführer der MNC kommt in Haft und wird gefoltert. Zunehmend relativiert Belgien aber seine langfristigen Pläne zur Unabhängigkeit und konzediert erste Reformen sowie im Januar 1960 eine Konferenz über die Zukunft des Landes. An dieser Konferenz nehmen zahlreiche schwarze Bewegungen teil, die zwar im Kern uneins sind, aber unisono auf der sofortigen Unabhängigkeit bestehen. Die Konferenz endet mit dem Beschluss, den Kongo am 30. Juni 1960 für unabhängig zu erklären. Belgien jedoch nutzt die Verhandlungen, um sich massive wirtschaftliche Rechte zu sichern und die schwarzen Gruppierungen gegeneinander auszuspielen. Der Kongo soll zwar endlich unabhängig werden, ist aber mit einer wirtschaftlichen, sozialen und politischen Hypothek belastet.
Die afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen, die nach dem Ersten Weltkrieg entstehen, sind getragen von wenigen Männern, die die Chance hatten, trotz eines systematischen Ausschlusses der afrikanischen Bevölkerung von Bildungsmöglichkeiten zu studieren. Impulse kommen von den Schwarzen in den USA und den wenigen Afrikanern, die in Europa studieren, meist mit der Absicht ihrer Kolonialregierung, sie als zukünftige Elite einer späteren afrikanischen Teil- oder Selbstverwaltung zu verwenden. Unter diesen zukünftigen schwarzen Führern und Bewegungen zeichnen sich zwei unterschiedliche politische Strömungen ab, die später den gesamten Kontinent prägen und auch im Kongo wesentlich auf den Verlauf der Geschichte einwirken sollen.
Eine dieser Strömungen fußt auf dem Begriff „Négritude“. Dieser wurde von dem aus den Antillen stammenden Autor Aimé Césaire und dem Senegalesen Léopold Senghor entwi-ckelt. Der Begriff wendet sich gegen das oft geäußerte Vorurteil, Schwarze seien minderwertig und geschichtslos. Er verweist auf die vorkolonialen afrikanischen Reiche mit ihrer eigenen Kultur, eigenem Reichtum und eigenen politischen Systemen.
Négritude beschwört die schwarze Identität, das Kulturerbe Afrikas und die Gemeinsamkeit aller Afrikaner als Gegenentwurf zu der von den Weißen erzwungenen Unterwürfigkeit und zu den von den Weißen verfassten Gesellschaftsformen. Der Begriff ist gepaart mit der Vorstellung eines Pan-Afrikanismus, der die Gemeinsamkeit der Hautfarbe betont. Er beeinflusst Führer und spätere Staatsmänner wie Kwame Nkrumah (Ghana), Sékou Touré (Guinea), Julius Nyere (Tansania), Felix Houphouet-Boigny (Elfenbeinküste) oder Kenneth Kaunda (Sambia).
Andere schwarze Politiker hingegen greifen die Ideen des Sozialismus auf. Sie wollen Unabhängigkeit nicht nur im Zusammenhang eines eigenen schwarzen Staates sehen, sondern auch im Zusammenhang eines wirtschaftlichen Systemwechsels. Sie beziehen sich dabei auf die Vorstellung der Klassengesellschaft und formulieren ihre Forderung in dem Slogan „Black and White – unite, unite!“ Sie orientiere sich an der Sowjetunion und richten ihre spätere Herrschaft am Bündnis mit der damaligen Weltmacht aus.
Beide Strömungen finden sich im Kongo wieder, der nun 1960 seine Unabhängigkeit erhalten soll. Abgesehen von einer idealistischen Aufbruchsstimmung sind die Bedingungen, das Land souverän weiterzuführen, denkbar ungünstig. Belgien hat die Unabhängigkeit nicht vorbereitet. Von 5.000 leitenden Beamten im Kongo sind nur drei Kongolesen, es gibt nur dreißig Afrikaner mit Hochschulabschluss, sämtliche Offiziere, Ärzte und Ingenieure sind Weiße, deren Loyalität gegenüber dem neuen Souverän mehr als zweifelhaft ist. Die Indus-trien der Belgier, Briten und Amerikaner haben den Kongolesen im Zuge der Übergangsverhandlungen Konzessionen abgetrotzt, die die eigenen Bodenschätze auch weiterhin dem Zugriff der schwarzen Bevölkerung, bzw. ihres eigenen Staates entziehen werden. Die gemeinsam nach Unabhängigkeit strebenden Bewegungen und Parteien sind zersplittert, eine Zentralgewalt existiert nicht.
In dieser Situation wird Lumumba in den ersten freien Wahlen des Landes zum Ministerpräsidenten gewählt. Seine Bewegung MNC, die als einzige landesweit organisiert ist, erhält die meisten Stimmen. Staatspräsident wird Joseph Kasavubu, der spätere Diktator des Kongo, Mobutu Sese Seko, wird Staatssekretär.
Lumumba ist ein charismatischer Führer. Er steht für den Aufbruch und die Begeisterung der neuen Freiheit und in ihm vereinen sich die Hoffnungen von Millionen Kongolesen auf ein Leben in Freiheit und Würde. Als König Baudouin in den Kongo reist, um an den Feierlichkeiten der Übergabe teilzunehmen, wird Lumumba schlagartig auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt, weil er dem König in einer scharfen Replik erwidert. Baudouin hat zuvor in Anwesenheit von Honoratioren aus dem In- und Ausland die Errungenschaften und zivilisatorischen Freiheiten der Kolonial-Herrschaft gelobt. Eingedenk des millionen-fachen Mordes und der jahrzehntelangen Unterdrückung seines Volkes erhebt sich darauf Lumumba und erinnert mit folgenden Worten an über 80 Jahre „erniedrigender Sklaverei, die uns mit Gewalt auferlegt wurde. [...] Wir haben zermürbende Arbeit kennen gelernt und mussten sie für einen Lohn erbringen, der es uns nicht gestattete, den Hunger zu vertreiben, uns zu kleiden oder in anständigen Verhältnissen zu wohnen oder unsere Kinder als geliebte Wesen großzuziehen. [...] Wir kennen Spott, Beleidigungen, Schläge, die morgens, mittags und nachts unablässig ausgeteilt wurden, weil wir Neger waren. [...] Wir haben erlebt, wie unser Land im Namen von angeblich rechtmäßigen Gesetzen aufgeteilt wurde, die tatsächlich nur besagen, dass das Recht mit dem Stärkeren ist. [...] Wir werden die Massaker nicht vergessen, in denen so viele umgekommen sind, und ebenso wenig die Zellen, in die jene geworfen wurden, die sich einem Regime der Unterdrückung und Ausbeutung nicht unterwerfen wollten“.
Das reicht, um Lumumba zum Kommunisten zu erklären, in Zeitungen wird er fortan als „Negerpremier“ oder Satan diskreditiert. Mit dieser Rede schafft er sich nicht nur den eigenen Mythos als Symbolfigur des jungen Afrika, sondern auch Todfeinde, die weder ihm noch seinem Land eine Chance auf ruhige Entwicklung lassen.
Während zunächst der zivile Übergang gelingt, verweigert sich das belgische Militär der Machtübergabe und provoziert damit einen Aufstand der kongolesischen Einheiten. Mobutu gelingt es in Verhandlungen, die Soldaten in die Kasernen zurückzubringen, doch es ist klar, dass der belgische Staat nicht gewillt ist, seinen Einfluss im Land einzuschränken. Am 11. Juli 1960 proklamiert Moise Tschombé die gewinnträchtige Bergbauprovinz Katanga im Süden als eigene Republik und zerstört damit die Einheit des Landes.
Wenig später erklärt sich Albert Kalonji zum Kaiser der Provinz Karsai. Damit sind die wirtschaftlich wichtigsten Teile des Landes der Kontrolle der machtlosen Zentralgewalt entzogen. Die Spaltung wird von Strippenziehern in europäischen Unternehmen, Militärstäben und Kabinetten unterstützt, die Sezessionstruppen der abtrünnigen Provinzen stützen sich vorwiegend auf europäische Söldner. Am 10. Juli, einen Tag vor der Abspaltung Katangas, haben belgische Fallschirmspringer strategisch wichtige Punkte im Lande besetzt.
Lumumba sucht nun nach militärischer Unterstützung gegen die fremden Truppen und die sezessionistischen Armeen. Der amerikanische Präsident, der ihn später einen „Castro oder noch schlimmer“ nennen wird, weist ihn ab. Daraufhin ersucht er die UdSSR um Unterstützung, doch dieses Telegramm stempelt den verzweifelt um Einheit seines Landes bemühten Präsidenten endgültig zum Kommunisten. Er wendet sich schließlich an Dag Hammarskjöld, den UNO-Generalsekretär, und erreicht die Entsendung von UNO-Truppen und damit den ersten Blauhelm-Einsatz in der Geschichte der Organisation. Gleichzeitig erklärt er Belgien den Krieg. Die UNO-Truppen wenden sich allerdings nicht gegen die Aufständischen in den Provinzen, sondern entwaffnen die kongolesische Armee und etablieren sich de facto als Befehlsgewalt im Land derer, die sie um Hilfe gebeten hatten. Jetzt verliert Lumumba die Unterstützung seiner politischen Weggefährten, des Staatspräsidenten Kasavubu und des von ihm selbst zum Heereschef ernannten Mobutu. Auf ihr Drängen wird Lumumba am 12. September als Ministerpräsident entlassen und soll verhaftet werden, er kann aber untertauchen. Zwei Tage später putscht sich Mobutu an die Macht und tritt mit Billigung und auf Drängen der USA an die Spitze der Zentralregierung. Erst 1962 unternimmt die UNO Aktionen gegen die Katanga-Sezessionisten und zwingt die Provinz zum Jahreswechsel 62/63 militärisch zurück unter die Hoheit der Zentralregierung.
Zu diesem Zeitpunkt ist Lumumba bereits zwei Jahre tot. Im November 1960 ist dem ersten und auf lange Zeit letzten demokratisch gewählten Ministerpräsidenten des Kongo die Flucht aus Kinshasa gelungen, er ersucht an einem UNO-Posten um Hilfe, wird aber abgewiesen und schließlich gefangen genommen und an seine Erzfeinde in Katanga ausgeliefert. Am 17. Januar 1961 wird er mit politischen Weggefährten unter einem kongolesisch-belgischen Kommando erschossen. Um seinen Anhängern den Leichnam zu entziehen und ihn dadurch symbolisch auszulöschen, wird dieser zerstückelt, in Säure aufgelöst und verbrannt.
Heute ist der Mord an Lumumba nach vielen Jahren der Unwissenheit aufgeklärt. Sein Sohn François hat in Belgien auf Aufklärung geklagt und konnte eine Untersuchungs-Kommission erzwingen. Diese kam zu dem Ergebnis, dass der belgische König Baudouin von der Ermordung wusste und dass belgische und amerikanische Regierungsstellen unmittelbar daran beteiligt waren. Schon im August 1960 hatte der amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower den CIA beauftragt, Methoden zur Eliminierung Lumumbas zu entwickeln.
Mit dem Tod Lumumbas endet nur wenige Monate nach der Unabhängigkeit des Landes ein kurzer Lichtblick in der Geschichte des Kongo. Die Verheißung des Neubeginns nach Jahren der Finsternis endet im Chaos. Fremde Interessen und uneinige schwarze Führer destabilisieren das Land, das nun auf eine 35jährige Diktatur zusteuert.
Die neue Regierung als Zweckbündnis zwischen dem Präsidenten Kasavubu und dem Premier Tschombé kann sich nicht lange halten. Das Land mit seinen 29 Millionen Einwohnern zerbricht an Separatismus und ethnischen Spannungen, es herrscht ein permanenter Kriegszustand. Im Oktober 1965 greift Joseph-Désiré Mobutu in einem unblutigen Militärputsch nach der Macht und vereint alle politischen Ämter auf sich.
Mobutu, 1930 geboren, stammt aus Lisala. Er wuchs in einer Priesterschule auf und wurde mit 19 Jahren in die Force Publique eingezogen. Der neue Herrscher regiert in tiefster Überzeugung seiner eigenen Einzigartigkeit und schafft sich eine fast mystische Aura. Dabei helfen ihm sein Charme, seine physische Präsenz, sein manipulatives Geschick und sein Elefantengedächtnis. In den nächsten Jahren wird er diese Fähigkeiten einsetzen, um sich als uneingeschränkter Herrscher in einem Geflecht von Abhängigkeiten und unter Ausnutzung von ihm geförderter primitiver Instinkte durchzusetzen und das Land zu beherrschen.
1966 beginnt Mobutu sein Programm der Authenticité, der Rückbesinnung auf afrikanische Werte. Er benennt die Hauptstadt Leopoldville um in Kinshasa, das Land benennt er 1971 nach dem alles prägenden Fluss Zaire, dem Lingala-Wort für den Kongo. Er schafft eine neue Währung und fordert afrikanische Vornamen. Er selbst nennt sich fortan Mobutu Sese Seko und trägt eine Leopardenfellmütze nebst Abacost. Das hochgeschlossene Kleidungsstück symbolisiert rein äußerlich den Bruch mit den Moden der Europäer. Sein Name leitet sich ab von der Forderung „a bas le costume – runter mit dem Anzug!“ Der Zoll schneidet Einreisenden daraufhin die Krawatten vom Hals. Mobutu schafft auch die formellen Anreden Madame und Monsieur ab und ersetzt sie durch Citoyen – Citoyenne (Bürger – Bürgerin), dies eine Anspielung auf die französische Revolution.
1967 erhält das Land eine Verfassung und ein Präsidialsystem, im gleichen Jahr gründet Mobutu die Mouvement Populaire de la Revolution (MPR). Jeder Kongolese ist qua Geburt Mitglied der einzigen Partei des Landes.
Im Programm der Authenticité unternimmt Mobutu den Versuch, sein in den Sezessions-kriegen zerrissenes Volk zu einen und ihm ein positives Selbstverständnis als Afrikaner und Kongolesen nahezubringen. Nachdem soziale Spannungen wachsen und sezessionistische Konflikte wieder aufflammen, führt der neue Herrscher 1973 ein Zaireanisation (Zaireanisierung) genanntes Programm ein. Es sieht vor, die Ausländern gehörenden Betriebe zu natio-nalisieren und den „Söhnen des Landes“ zu übereignen. Damit setzt er einen beispiellosen Pro-zess der Bereicherung und des Diebstahls in Gang und mittelfristig auch den totalen Ruin der kongolesischen Wirtschaft. Sämtliche Unternehmungen des Landes werden nun von Mobutu und seinen Günstlingen auf kongolesische Eigentümer übertragen. Dieses Vorgehen sichert dem Präsidenten die langfristige Abhängigkeit und Loyalität einer neuen ökonomischen Elite. Allerdings führt es auch zu einem breiten wirtschaftlichen Niedergang, da die Betriebe und Unternehmen nun Leuten gehören, die ohne jede Eignung und nur an Bereicherung interessiert sind. Lediglich der Rohstoff-Sektor wirft weiterhin satte Profite ab, die Mobutu fast ausnahmslos privat kassiert oder generös an seine Günstlinge verteilt. Bis zum Einbruch der Rohstoffpreise und zur Ölkrise sind dies mehrere 100 Millionen Dollar jährlich.
Mobutu regiert nun wie ein Diktator, die politische Klasse der Kleptokraten beherrscht er durch das Prinzip der Drehtür – Symbol für das ständige Auswechseln seiner Günstlinge in den Ämtern, gleichzeitig ein Instrument, um Machtkonkurrenz zu verhindern. Das Volk lebt im Elend und wird von Militärs und lokalen Machthabern terrorisiert. Einzig ein System gegenseitiger Hilfe und alternativer Marktstrukturen im Kleinen sichert den einfachen Menschen das Überleben.
Unterstützt wird dieser so genannte informelle Sektor vor allem durch die Kirchen. Sie sichern ein Minimum an Gesundheitswesen und Bildung. Entwicklungshilfe kommt meist nicht bei der Bevölkerung an, sie wandert in der Regel direkt in die Taschen Mobutus und seiner korrupten Clique. Die westlichen Industriestaaten leisten dennoch weiterhin Wirtschaftshilfe in Milliardenhöhe.
Was veranlasst diese Länder dazu, so dezidiert wegzusehen von der Not der Bevölkerung, den Menschrechtsverletzungen, der Zweckentfremdung der Gelder und der anhaltenden Ruinierung des Landes? Der Schlüssel hierfür liegt im Kalten Krieg. Wie oben ausgeführt gibt es zahlreiche afrikanische Führer, die einen sozialistischen Weg verfolgen wollen. Die Sowjetunion möchte auf dem afrikanischen Kontinent ihren Einfluss erweitern. Der Westen fürchtet um seine Kontrolle in der Region. Ganz Afrika wird zum Schauplatz eines Stellvertreter-Konflikts zwischen dem Westen und den Warschauer Pakt-Staaten. In diesem Szenario positioniert sich Mobutu als Freund des Westens und sein Land als Bollwerk gegen den Kommunismus. Also ist der Kalte Krieg Mobutus Lebenselixier. Zwar ist er eine Marionette, aber eine sehr selbstbewusste; er fordert und bekommt mehr „Wirtschaftshilfe“ als jeder andere Staatschef in Afrika.
Mit dem Fall der Mauer in Berlin gerät der steinreiche Mann mit der Leopardenfellmütze unter Druck, sein Land beginnt erneut zu zerfallen und steht vor der nächsten schweren Prüfung. Zuvor unternimmt Mobutu noch Versuche, dem internationalen Druck durch politische Reformen zu entsprechen. Jedoch die Umsetzung erfolgt halbherzig, die Rolle des starken Mannes will er nicht aufgeben. 1992 kündigt die internationale Gemeinschaft die Entwicklungszusammenarbeit mit Mobutu auf, die Europäische Union leitet ihre Gelder nun an der Regierung vorbei direkt an Selbsthilfenetzwerke. Man erhofft sich dadurch eine Stärkung der Zivilgesellschaft und einen Druck in Richtung Demokratie und bürgerlicher Freiheiten.
Der Umbruch beginnt mit dem Völkermord in Ruanda. 1994 schlachten dort die Hutu innerhalb von 100 Tagen 600.000 Tutsi ab. Daraufhin flüchten über eine Million Ruander in die kongolesischen Grenzgebiete im Osten. Mobutu erlässt ein Gesetz zur Ausweisung der Flüchtlinge und droht all jenen mit dem Tod, die sich weigern, das Land zu verlassen. Da-raufhin rebellieren die Ruander im Land und verbünden sich mit anderen Oppositionsgruppen zur AFDL (Alliance des Forces pour la Démocratie et la Libération du Congo-Zaire). Die AFDL wird von den USA geduldet und von Ruanda, Burundi und Uganda unterstützt: Sie marschiert vom Oktober 1996 westwärts, um schließlich im Mai 1997 Kinshasa zu erobern. Die Rebellenstreitmacht wird von Laurent-Désiré Kabila angeführt, der nun den alten, kranken und isolierten Mobutu stürzt und sich selbst zum Präsidenten ernennt. Das Land benennt er um in Demokratische Republik Kongo. Mobutu geht ins Exil nach Marokko und stirbt kurz darauf.
Einmal an der Macht, entpuppt sich Kabila als ähnlich diktatorisch wie sein Vorgänger. Auch er verbietet Parteien und verletzt Menschenrechte. Die AFDL, seinen bisherigen Bünd-nispartner, drängt er aus der Übergangsregierung und installiert dort Familienangehörige. Zudem tauchen Vorwürfe auf, seine Milizen hätten auf ihrem Siegeszug nach Kinshasa Massaker an der Zivilbevölkerung begangen. Eine UN-Kommission, die dies untersuchen soll, wird systematisch behindert und muss die Arbeit einstellen.
Ein Jahr später kommt es seitens der enttäuschten Mitstreiter zum Aufstand gegen Kabila. Zusammen mit Rebellen aus Uganda, Ruanda und Burundi versuchen sie nun ihrerseits die Kontrolle über das Land zu erhalten, müssen aber zurückweichen, da Kabilas Truppen Unterstützung durch die anderen Nachbarländer Simbabwe, Namibia, Angola, Tschad, Sudan und die Zentralafrikanische Republik erhalten. Dies stürzt das Land und seine Nachbarstaaten in ein jahrelanges Chaos und Blutbad. Bis 2005 sollen nach Angaben des International Rescue Committees allein im Kongo 3,8 Millionen Menschen ihr Leben lassen, auch dies eine in Europa und den USA kaum bekannte Tragödie. Madeleine Albright, die US-Außen-ministerin unter der Regierung Clinton, nennt diesen Kongo-Krieg den „ersten Weltkrieg Afrikas“.
Anfang 2001 stirbt Kabila bei einem Attentat, wie selbstverständlich ernennt sich sein 29jähriger Sohn Joseph zum Nachfolger. Allerdings scheint es dieser ernst zu meinen mit einer Demokratisierung der Gesellschaft und einer Aussöhnung der Ethnien und Rebellengruppen. Er verhandelt einen Waffenstillstand und erreicht 2003 ein Friedensabkommen mit dem Ziel, Wahlen abzuhalten und die territoriale und politische Souveränität des Landes wieder herzustellen. Die Probleme allerdings sind gewaltig: Marodierende Banden durchstreifen das Land, Infrastruktur, Verwaltung und die Wirtschaft liegen in Trümmern, der Staat ist bankrott und außerstande, die rohstoffreichen Gebiete des Ostkongo zu kontrollieren, wo nach wie vor Nachbarländer in großem Stil Bodenschätze plündern.
Kabilas Verhandlungen und sein Bemühen um Stabilität und Frieden nähren erstmals seit 50 Jahren wieder Hoffnung auf eine bessere Zukunft des Landes. Zum zentralen Ereignis der Konsolidierung sollen die ersten freien Wahlen seit Lumumbas Amtsantritt werden. Sie werden am 30. Juni 2006 stattfinden. Zuvor ist eine Volksabstimmung zur Bestätigung der für die Wahlen erforderlichen Verfassung vorgesehen. Kern dieser Verfassung ist eine stärkere Rolle der Regionen und eine Verringerung der Macht des Staatspräsidenten sowie der Zentralregierung in Kinshasa. Gewählt werden der Präsident sowie 500 Parlaments-Abgeordnete. Die 25 Millionen Wahlberechtigten können sich zwischen 32 Präsidentschaftskandidaten und fast 10.000 Bewerbern auf einen Parlamentssitz entscheiden. Favoriten um das Präsidentenamt sind Joseph Kabila und der aus dem Gefolge des früheren Diktators Mobutu stammende Jean-Pierre Bemba. Diese und weitere Kandidaten sind allerdings teils erheblich vorbelastet und führen weiterhin eigene Privatmilizen, die für die Zeit der Wahlen und danach das Schlimmste befürchten lassen. Insgesamt unterhalten die Warlords zum Zeitpunkt der Wahl noch rund 300.000 nichtstaatliche Kämpfer.
Auch aus diesem Grund wird die seit 1999 im Land stationierte UN-Mission MONUC (s. Kasten) mit 17.600 Soldaten zur Überwachung und Absicherung der Wahlen herangezogen. Nachdem der UN-Sicherheitsrat eine Aufstockung des Kontingents verweigert, entsendet die EU mit der Mission EUFOR RD CONGO weitere 2.000 Soldaten unter deutscher Führung, davon 780 deutsche Soldaten. Mit 80.000 kongolesischen Sicherheitskräften sowie fast 1.200 internationalen Wahlbeobachtern genießt die Abstimmung ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit im In- und Ausland.
Wie erwartet sind die Vorbereitungen von Zwischenfällen begleitet. Es kommt zu Protesten, Ausschreitungen, Feuergefechten sowie Angriffen auf EUFOR-Fahrzeuge und Wahllokale. Als zwei Tage vor der Wahl eine Aufklärungsdrohne in ein Wohngebiet von Kinshasa stürzt, ist diese ausgerechnet aus dem Arsenal Belgiens, der ehemaligen Kolonialmacht. Kabila wird schließlich am 21. August 2006 als Präsident bestätigt, laut Wahlergebnis erhält er fast 50 Prozent der Stimmen. Sofort kommt es zu heftigen Kämpfen zwischen seinen und Bembas Milizen. Als Raketen in Bembas Residenz einschlagen, muss der deutsche Botschafter Reinhard Buchholz evakuiert werden, der dort gerade Gespräche mit Bemba führt.
Der geschlagene Kandidat setzt sich schließlich ins Ausland ab. Seither gilt das Wahlergebnis als unangefochten, das Carter Center des ehemaligen US-Präsidenten sowie die MONUC bestätigen trotz zahlreicher Zwischenfälle ein weitgehend korrektes Wahlprozedere. Seither gibt es wieder eine demokratisch gewählte Regierung im Kongo, von Normalität allerdings ist das Land nach wie vor sehr weit entfernt.
Die Mission war anfangs wegen des Konflikts UdSSR – USA um Lumumba nur eingeschränkt handlungsfähig und handelte sich damit den Vorwurf der Parteilichkeit ein. Später beendete sie die Abspaltung Katangas in einer Großoffensive. Der amtierende UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld starb 1961 während der Mission unter ungeklärten Umständen bei einem Flugzeugabsturz in Sambia.
Auch diese Mission, einer der größten friedenssichernden Einsätze der UN, stand nicht immer unter einem guten Stern. Die Soldaten kommen zumeist aus Ländern ohne eigene demokratische Tradition, das Mandat war nicht immer robust genug, UN-Kräfte mussten mehrmals tatenlos zusehen, einzelne Soldaten und Truppenteile machten sich des sexuellen Missbrauchs, des illegalen Handels sowie anderer schwerwiegender Rechtverletzungen schuldig.
Eine 3-monatige Mission der multinationalen Militärstreitmacht der EU in Bunia im Osten des Kongos zur Befriedung schwerer Unruhen, durchgeführt und kommandiert hauptsächlich von französischen Truppen. Deutsche Soldaten führten Lufttransporte aus und hielten Kapazitäten zur Evakuierung bereit.
Aufbau und Schulung von an internationalen Standards orientierten Polizeikräften in der kongolesischen Hauptstadt.
Hilfestellung bei der Einführung und Aufrechterhaltung von Rechtsstandards.
Unterstützung der MONUC bei der Absicherung der Wahlen durch die EUFOR. Bis zu 2.400 Soldaten, davon 780 Soldaten der Bundeswehr, Einsatz in der Hauptstadt Kinshasa und im Nachbarland Gabun (Reserve). Einsatzführung durch das Koordinationszentrum der Bundeswehr in Potsdam.
Als drittgrößter afrikanischer Staat nach dem Sudan und Algerien bedeckt der Kongo mit über 2,3 Millionen km2 ein Gebiet, das fast siebenmal größer ist als Deutschland. Der Flächenstaat im Herzen des Kontinents grenzt im Norden an die Zentralafrikanische Republik und den Sudan, in der Great Lake-Region im Osten bilden der Albert-, Edward-, Kivu- und Tanganyika-See eine natürliche Grenze zu den Nachbarländern Uganda, Ruanda, Burundi und Tansania. Im Süden grenzen Sambia und Angola an den Kongo, im Westen bildet ein etwa 40 Kilometer breiter Küstenstreifen einen Zugang zum Atlantischen Ozean, nördlich davon bildet der Kongo-Fluss eine weitere natürliche Grenze zum westlichen Nachbarstaat, der Republik Kongo.
Von zentraler Bedeutung für Klima, Verkehr und Wirtschaft ist der Tropische Regenwald des Kongobeckens, der rund zwei Drittel der Landesfläche bedeckt. Der undurchdringliche Urwald verhindert großflächige Landwirtschaft und erschwert die Erschließung von Verkehrswegen. Nur im Süden und Norden finden sich breite Streifen von Feuchtsavanne, die für den Ackerbau genutzt werden können. Um das Kongobecken herum ziehen sich Gebirgszüge, die teils vulkanischen Ursprungs sind. Sie enthalten reichhaltige Vorkommen an Gold, Kupfer, Uran, Eisen, Zinn, Kohle und Gas und begründen den Rohstoff-Reichtum des Landes.
Die wichtigste Verkehrs- und Wasserader ist der Kongo-Fluss, mit 4.700 Kilometern Länge der wasserreichste Fluss Afrikas und der sechstgrößte Strom der Erde. Er ist über weite Stre-cken schiffbar und somit eine der wesentlichsten Verkehrsadern des Landes. Und er bietet mit weit über hundert Fischarten die Grundlage des Fischfangs als bedeutendem Wirtschaftszweig. Nicht zuletzt liefert er durch Wasserkraftwerke elektrische Energie.
Der 8-Millionen-Moloch Kinshasa, die Hauptstadt, liegt im Westen des Landes. Nur getrennt vom teils braun-schlammigen, teils von Wasser-Hyazinthen bedeckten Kongo-Fluss liegt die Hauptstadt in Sichtweite Brazzavilles, der Hauptstadt der Republik Kongo. Von Kinshasa aus regieren Parlament und Präsident ein dünn besiedeltes und undurchdringliches Land von gewaltiger Ausdehnung. Weitere größere Städte wie Matadi, Kisangani, Lubumbashi oder Bukavu sind alle deutlich kleiner und liegen an den Rändern des Kongo. Ihre Beziehungen und Bindungen zu den Nachbarstaaten sind meist deutlich enger als die zur Zentralregierung.
Der alles beherrschende Regenwald beheimatet auch Latex-Bäume und Palmen. Kaffeesträucher und Baumwollstauden werden angebaut, außerdem viele Fruchtsorten: Bananen, Kochbananen, Mangos, Papayas, Avocados, Ananas, Kokosnüsse und als wichtigstes Grundnahrungsmittel Maniok. Auch die Tierwelt ist überreichlich repräsentiert. Im Kivu-See tummeln sich Tausende Nilpferde, am Edward-See riesige Vogelkolonien, im Kongo-Fluss und in den Seen Hunderte Fischarten und Krokodile. Im Grenzland zu Ruanda und Burundi leben die einzigartigen Berg-Gorillas. Außerdem gibt es dort Löwen, Antilopen, Gazellen, Riesenwildschweine, Hyänen und nicht zu vergessen die Elefanten, deren Elfenbein-Stoßzähne Leopolds Gier so sehr erregt hatten.
Die Bevölkerung des Kongos wurde in einigen Regionen immer wieder dezimiert. Unter Leopolds Herrschaft verlor die Hälfte aller Einwohner ihr Leben, in den letzten zehn Jahren starben Millionen an den Folgen der Kriege im Osten. Dennoch wächst die Zahl der Kongolesen ungebrochen. 2007 lebten geschätzte 66 Millionen Menschen im Land, fünf Jahre zuvor waren es noch zehn Millionen weniger.
Die Bevölkerung ist in viele ethnische Stämme und Untergruppen zersplittert. Ethnologen sprechen von bis zu 300 verschiedenen Gruppen. Mit rund 80 Prozent zahlenmäßig am stärksten vertreten sind die Bantuvölker, 15 Prozent der Einwohner stammen von Sudanvölkern ab, der Rest sind Minderheiten, darunter Niloten sowie etwa 50.000 Pygmäen. Viele Europäer, meist Belgier, haben dem Land den Rücken gekehrt, ihre Zahl wird heute auf weniger als 20.000 geschätzt. Die Bevölkerung verteilt sich auf die Städte entlang des Unterlaufs des Kongos sowie auf die Bergbaugebiete. In großen Teilen des Landes gibt es keine nennenswerte Besiedelung.
Wie überall in Afrika, so ist auch im Kongo die Sprache der ehemaligen Kolonialherren nach der Unabhängigkeit Amtssprache geblieben. Neben Französisch gibt es noch vier Hauptsprachen, nämlich Lingala, Kikongo, Suaheli und Tschiluba. Sie ermöglichen eine überregionale, wenngleich eingeschränkte Kommunikation. Zusätzlich existieren noch rund 200 weitere Sprachen.
Über 90 Prozent der Bevölkerung des Kongos gehören der katholischen oder protestantischen Kirche, bzw. einer anderen christlich orientierten Glaubensrichtung an. Zahlreiche Religionsgemeinschaften mischen den christlichen Glauben mit Naturlehren und afrikanischen Riten (Synkretismus). Muslime bilden eine Randgruppe. Aberglaube und traditionelle Vorstellungen spielen eine große Rolle. Selbst viele der verhältnismäßig gebildeten Kämpfer Che Guevaras, der in den 70er Jahren Tschombé von Tansania aus bekämpfte, rannten blindlings in den Kugelhagel, weil sie sich unverwundbar wähnten nach der Einnahme von Medizin oder dem Segen der Juju-Männer.
Die europäische Afrika-Rezeption war immer geprägt von mystischen Vorstellungen, rassistischem Irrglauben, Vorurteilen und Halbwissen. Kein anderes Land war hierfür so sehr Projektionsfläche wie der Kongo. Er war ein Symbol für Afrika als das „Grab des Weißen Mannes“ und seine Einwohner wurden zu Stereotypen des „Schwarzen Mannes“. Nachfolgend einige Beispiele, die dies illustrieren, oft entstellt, teils realistisch und immer ideologisch:
Kaiser Franz von Österreich ließ „seinen Mohren“ Angelo Soliman nach dessen Tod 1796 ausstopfen und ins Museum stellen. Das war kein Einzelfall aus Wien, Völkerschauen auf Jahrmärkten und Museen mit ausgestopften „Negern“ waren eine Attraktion und lieferten erfolgreiche Vorlagen für die Schrammel-Musik der Heurigen-Lokale. Der besungene Neger kam natürlich aus dem Kongo.
Joseph Conrad bereiste als Dampferkapitän selbst den Kongo Leopolds. Sein Roman über Mr. Kurtz, den Leiter einer Handelsstation tief im Urwald, ist eine Metapher über die Verrohung und die Abgründe der menschlichen Seele im Angesicht der perversen Gewaltexzesse der Kolonialherren. Das Buch gilt auch als Vorlage für den Vietnam-Film „Apocalypse Now“ von Francis Ford Coppola.
1930 veröffentlicht der belgische Comic-Zeichner Hergé (eigentlich George Remi) seinen zweiten Tim und Struppi-Band und der spielt – natürlich – im Kongo! Der Band des katholisch-monarchistischen Autors und Zeichners bedient alle gängigen Klischees des Kolonialismus und liefert eine paternalistische Verklärung der belgischen Regierung über die „Wilden“ Afrikas. Nach Klagen eines kongolesischen Studenten ist der Band mittlerweile in einzelnen afrikanischen Ländern verboten, politisch-korrekte Buchhandlungen in den USA und England führen den Band seither nicht mehr im Sortiment.
Der Diktator Mobutu versuchte, sich und den Kongo als Avantgarde des „Neuen Afrika“ zu positionieren. Im Rahmen seines Programms Authenticité stilisierte er 1975 den Boxkampf zwi-schen dem damals arrogant auftretenden und von deutschen Schäferhunden begleiteten George Foreman und dem zum Islam konvertierten Wehrdienstverweigerer Muhammad Ali, beides US-Amerikaner, zu einem Kampf zwischen guten und schlechten Schwarzen. Mobutu finanzierte einen Großteil des Events, das mit Gastauftritten von Miriam Makeba, James Brown, B.B. King und anderen Soul-Größen auch zu einem riesigen Happening schwarzer Kultur und Musik wurde. Norman Mailer dokumentierte all dies in seinem Buch „The Fight“, der Film „When we were Kings“ erhielt 1997 den Oscar für den besten Dokumentarfilm. Die TV-Übertragung des Kampfes war das drittgrößte Fernsehereignis nach der Krönung der Queen und der Mondlandung.
1910 weihte Leopold II. den nach dem Vorbild von Versailles geschaffenen und aus seinen Kongo-Erlösen finanzierten Museumspalast in Tervuren bei Brüssel ein. Die künstlerische und naturwissenschaftliche Sammlung war bis vor kurzem noch eine zynische Verklärung des kolonialen Völkermordes als Zivilisationsfortschritt. Erst langsam gelingt den zumeist ahnungs-losen Belgiern eine realistische Einschätzung der eigenen Kolonialgeschichte, die gegen zahl-reiche Widerstände durchgesetzt werden muss und nun bis 2010 zu einer Neukonzeption des Museums führen soll. Dann wird wohl auch der Name Morel dort erstmals Erwähnung finden.
Die Demokratische Republik Kongo ist seit 1978 eine Präsidialrepublik. Seit Anfang 2007 ist Joseph Kabila in freien und demokratischen Wahlen als Präsident bestätigt, Premierminister und Regierungschef ist Antoine Gizenga, ein ehemaliger Wegbegleiter Lumumbas. Ein Zweikammern-Parlament besteht aus einer Nationalversammlung mit 500 Sitzen und einem Senat mit 108 Sitzen.
Das Land ist derzeit noch in 10 Regionen und einen Hauptstadt-Distrikt gegliedert und wird zentral verwaltet. Damit kommt den Provinzgouverneuren und ihrer politischen Nähe zum Präsidenten eine entscheidende Bedeutung bei der Durchsetzung nationaler Politik zu. Die neue Verfassung, die im Dezember 2005 mittels eines Referendums bestätigt wurde, sieht demnächst eine politische Neuordnung der Verwaltungsbezirke vor.
In den Wahlen vom 30. Juli 2006 wird die „Parti du Peuple pour la Reconstruction et la Démocratie“ (PPRD-Volkspartei für Wiederaufbau und Demokratie) mit 22,8 Prozent zur stärksten politischen Kraft und stellt seither die Mehrheit in der Nationalversammlung. Den zweiten Platz belegt die „Mouvement pour la Liberation du Congo“ (MLC-Bewegung für die Befreiung des Kongo) des Herausforderers Bemba. Sie erhält 12,8 Prozent der Stimmen. Im direkten Vergleich der Bewerber auf das Präsidentenamt kommt Kabila zunächst auf 44,8 Prozent der Stimmen, Bemba unterliegt mit 20 Prozent. Da keiner der Kandidaten eine absolute Mehrheit erhält, kommt es im Oktober 2006 zur Stichwahl, die Kabila mit 58 Prozent für sich entscheidet. Im Kongo existiert heute ein breites Spektrum von fast 400 politischen Parteien, die meist ethnisch oder regional fokussiert sind. Neben den beiden Kandidatenparteien PPRD und MLC spielen diese Parteien keine tragende Rolle in der Landespolitik.
Die Durchführung dieser ersten freien Wahlen nach über 45 Jahren Diktatur wäre in dem riesigen Land mit seinen Infrastruktur-Problemen nicht möglich gewesen ohne die Hilfe von außen. Die logistische Unterstützung durch das Ausland, aber vor allem die Präsenz deutscher Soldaten als „Wahlpolizei“ in der Hauptstadt waren wesentlich für die Durchführung der Wahl, aber auch für die Anerkennung des Ergebnisses durch die unterlegene Partei.
Neben der Staatsverschuldung, der schwierigen wirtschaftlichen Entwicklung, der fehlenden Durchsetzung staatlicher Autorität in allen Landesteilen und der sozialen Lage ist vor allem die humanitäre Situation im Osten besorgniserregend. Auch nach der Wahl kämpfen dort Rebellenverbände der Nachbarstaaten sowie Milizen um die Kontrolle der Rohstoffe. Dabei gehen sie massiv gegen die Zivilbevölkerung vor, es kommt zu Plünderungen, Vergewaltigungen, Terrorakten und Massakern. In den letzten zehn Jahren haben dabei 5,4 Millionen Kongolesen ihr Leben verloren, noch heute sterben monatlich rund 45.000 Menschen vorwiegend an Hunger und an den Folgen des Krieges.
Bestätigt durch die Wahlen und auf Druck und mit Unterstützung von außen hat die kongolesische Regierung unter Präsident Kabila ihre Bemühungen um Frieden in den Ostprovinzen verstärkt. Im Januar 2008 fand eine zweiwöchige Friedenskonferenz unter Ein-beziehung aller Konfliktparteien des Ostkongo statt. Am 23. Januar unterzeichneten diese ein Abkommen, das die Entwaffnung der kämpfenden Einheiten, deren Demobilisierung und Wiedereingliederung sowie eine Teilamnestie für die Rebellen beinhaltet. Eine Pufferzone unter der Kontrolle von UN-Blauhelmen soll die verfeindeten Gruppierungen trennen und für Sicherheit sorgen. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Frieden trägt. Der tatsächlich vorhandene große Reichtum des Landes könnte sich dann endlich nicht als Fluch, sondern als Segen für die Entwicklung des Landes erweisen.
Nachdem in den Jahren 1991 die internationale Gemeinschaft dem damaligen Diktator Mobutu die Zusammenarbeit aufgekündigt hatte, flossen in den darauf folgenden Jahren Hilfsgelder nur noch direkt an Nichtregierungsorganisationen oder zivile Strukturen. Nach der Wahl Kabilas ist die Bereitschaft gestiegen, das Land mit direkten Investitionen und Schuldenerlassen zu unterstützen. Schon 2003 erließen Weltbank und IWF dem Kongo Schulden in Höhe von 10 Mrd. US-Dollar, eine Geberkonferenz zum Wiederaufbau der Infrastruktur im Kongo überwies 3,9 Mrd. US-Dollar. Die Demokratische Republik Kongo ist ein Schwerpunktland bei der humanitären Hilfe der Bundesregierung. In 2007 gab das Auswärtige Amt 4,2 Mio. Euro für Flüchtlingshilfe frei, zwischenzeitlich wurden für Nothilfemaßnahmen zusätzliche Gelder bereitgestellt. Es scheint, dass sowohl die Bundesregierung, die zuvor bereits einen wesentlichen Beitrag zur Absicherung der Wahlen erbracht hat, als auch andere Industriestaaten nun die Krise des Kongos wahrnehmen und zu helfen versuchen. Gleichzeitig fokussiert sich das Interesse und der Druck der Weltgemeinschaft auf den Krisenherd Ostkongo, im besten Fall wird hier in den nächsten Jahren eine Art Normalität Einzug halten können.
Der Kongo verfügt über gewaltige Mengen an Rohstoffen. In den Erhebungen des Ostkongo lagern Rohölvorkommen, Zinn, Kupfer, Diamanten, Gold, Uran, Kobalt und Coltan. Coltan lässt sich in die Metallerze Tantal und Niob aufspalten. Tantal wird eingesetzt in der Handy-produktion und in Computerchips, Niob benötigt man für hitzebeständige Bauteile der Luft- und Raumfahrtindustrie, beide haben einen beträchtlichen Marktwert und sind unverzichtbar geworden für den technischen Fortschritt in den Industriestaaten. Der Abbau dieser Rohstoffe erfolgt meist auf einfachstem technischem Niveau, z.B. über „menschliche Förder-bänder“, das heißt durch Weitergabe von Hand zu Hand. Es gibt auch eine verarbeitende Industrie wie Rohölraffinerien, Reifenproduktion, Textil- und Schuhfabriken. Diese leidet jedoch an Stromausfällen, fehlenden oder desolaten Verkehrswegen sowie fehlenden Ersatzteilen. Die Rohstoffe, Agrarprodukte, Kaffee, Tropenhölzer und Vieh werden exportiert, die wichtigsten Abnehmer sind China, Indien, Südafrika, die USA, Belgien und Deutschland. Viele dieser Waren werden über die Nachbarländer Ruanda und Uganda umgeschlagen; da die Profite hoch und die Verkehrswege schlecht sind, dienen Frachtmaschinen als wichtigstes Transportmittel auf die Weltmärkte.
Es gibt kaum verlässliches statistisches Material über die Wirtschaft im Kongo, rund zwei Drittel der erwerbstätigen Bevölkerung arbeiten in der Landwirtschaft, diese dient jedoch vorwiegend der Selbstversorgung. Eine Subsistenzwirtschaft sichert die Ernährung und Basisversorgung der Bevölkerung. Weitergehende wirtschaftliche Beziehungen, aber auch soziale Einrichtungen werden durch Selbsthilfeorganisationen unterstützt. Dieser informelle Sektor steht mittlerweile auch im Fokus der Entwicklungszusammenarbeit westlicher Regierungen wie der Bundesrepublik.
Der Widerspruch zwischen dem riesigen Reichtum des Landes an Bodenschätzen einerseits und der Armut und Verzweiflung der kongolesischen Bevölkerung sowie dem desolaten Zustand des Staates andererseits ist auffällig. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber wesentlich ist wohl, dass große Teile des Landes der Macht des Staates entzogen sind. Er ist nicht in der Lage, die wesentlichen Reichtumsquellen zu kontrollieren und sich ein entsprechendes Steueraufkommen zu sichern. Dadurch verharrt er in der Rolle des unbeteiligten Dritten, muss dem Abtransport des Reichtums durch die Nachbarstaaten zusehen und vernachlässigt seine Aufgaben. Seine Angestellten und Beamten werden nur selten oder unzureichend bezahlt und fühlen sich zu illegalen Einnahmen berechtigt, Schmiergelder sind Teil des Alltags. Unternehmer beschweren sich, dass sie an bis zu 25 einzelne Stellen Steuern und Abgaben entrichten, ohne dafür eine Gegenleistung, etwa in Form sanierter Straßen, zu erhalten. Es ist schwer vorstellbar, dass sich dies bald ändert.
Nach der belgischen Kolonialherrschaft wurde das Land völlig unvorbereitet in die Unabhängigkeit entlassen, unter Mobutus und Laurent-Désiré Kabilas Diktaturen blieben jegliche Einnahmen aus Industrie, Landwirtschaft und Bodenschätzen in einem Netz von persönlicher Bereicherung und Vetternwirtschaft hängen, ein Beitrag zum Allgemeinwohl oder zur Finanzierung staatlicher Aufgaben entstand daraus nicht.
Zum Beispiel Coltan, das in der Region Ituri unter der Kontrolle ugandischer Militärs abgebaut wird: Ein 50-Kilo-Sack Coltan hatte im Jahr 2000 einen Handelswert von 40.000 US- Dollar, drei Jahre später waren es zwar nur noch 2.500 Dollar. Doch es lohnt sich trotzdem: Coltan wird ganz schlicht im Geländewagen über die Grenze nach Uganda gefahren. Früher wurde es zur Verschleierung seiner wahren Herkunft vom Fughafen Entebbe in die Vereinigten Arabischen Emirate geflogen und dann nach einem festen Schlüssel verteilt, nach Kasachstan und Indien. Das Coltan wurde dem kongolesischen Staat mittels eines kriminellen Systems und unter dem militärischen Schutz Ugandas geraubt. Dieses System liefert Coltan im Wert von 20 Millionen Dollar pro Monat am Staat vorbei und finanziert damit den Waffenhandel und die Kriege in der Region. In einem Bericht des UN-Generalsekretärs an den Weltsicherheitsrat vom 12. April 2001 heißt es dazu: „Die Ausbeutung der natürlichen Reichtümer des Kongo durch ausländische Armeen ist zum System geworden ... Eine Anzahl von Gesellschaften wurde hier involviert und hat den Krieg unmittelbar angeheizt, indem sie die Beschaffung von Rohstoffen mit Waffen bezahlten.“
Waffenhandel, eigenmächtige und illegale Zölle, mafiöse Beziehungen zwischen Militärs und Geschäftsleuten sowie Korruption fördern die Konflikte im Ostkongo. Sie verunsichern oder vertreiben ehrbare Kaufleute und Unternehmer, schwächen den Staat und drangsalieren die Bevölkerung und Unternehmen im ganzen Land. Keine seriöse Airline lässt heute ihr Flugzeug über Nacht in Kinshasa stehen, die Städte sind seit Jahren ohne Straßenbeleuchtung, Stromausfälle gehören zum Alltag.
Der Schlüssel zur Verbesserung der Lebensumstände und zur Konsolidierung des Staates liegt im Ostkongo. Im Januar 2008 haben zahlreiche Rebellenorganisationen, auch solche, die unter ausländischem Einfluss stehen, eine Friedensvereinbarung unterzeichnet. Wenn dieser Frieden hält, der kongolesische Staat als Souverän auftreten kann und die Menschen dort in Frieden leben können, dann mag es sein, dass sich auch im Kongo so etwas wie Wirtschaft in dem Sinne breit macht, wie wir sie kennen.
Redaktion: Dr. Zdenek Zofka
Text: Bernhard Haberfelner