
Inhalt
Einleitung
Versailles – die Hypothek der Weimarer Außenpolitik
Der Völkerbund
Reparationen und Sanktionen
Gustav Stresemann – Republikaner aus Vernunft
Verständigung und Revision – Stresemanns außenpolitische Konzeption
Erste Schritte aus der Sackgasse
Der Geist von Locarno
Reise nach Genf mit Hindernissen
Bilanz
Inmitten dieser außen- wie innenpolitisch höchst prekären Situation nahm ein Politiker als Reichskanzler und Außenminister das Heft in die Hand, der wie kaum ein anderer das Gesicht der Weimarer Außenpolitik im Ausland geprägt hat: Gustav Stresemann. Dies ist umso bemerkenswerter, da der Mann, der in der Retrospektive vor allem als Friedensnobelpreisträger, Begründer für die deutsch-französische Freundschaft und Vorkämpfer für ein geeintes Europa in Erinnerung geblieben ist, nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in kritischer Distanz zum republikanischen Deutschland gestanden hatte.
Gustav Stresemann wurde am 10. Mai 1878 im Berliner Stadtteil Luisenstadt geboren. Seine Eltern betrieben einen Flaschenbierhandel mit angeschlossener Schankwirtschaft. Die Vermögensverhältnisse der Familie erlaubten ihm den Besuch einer höheren Schule und das anschließende Studium der Nationalökonomie, das er Anfang 1901 mit dem Erwerb eines Doktorgrades an der Universität Leipzig abschloss. Das Thema seiner Dissertation: Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts. Es folgte ein rascher Aufstieg zum Syndikus und stellvertretenden Geschäftsführer des „Bundes der Industriellen“. Als Mitglied der Nationalliberalen Partei wurde er bereits mit 28 Jahren – als jüngster Abgeordneter – in den Reichstag gewählt, wo er es 1917 zum Fraktionsvorsitzenden seiner Partei brachte.
Seiner liberalen Einstellung entsprach Stresemanns Einsatz für die Abschaffung des preußischen Drei-Klassen-Wahlrechts und die Parlamentarisierung des Reiches. Zugleich war er aber auch ein treuer Verfechter der Monarchie und als Mitglied im „Alldeutschen Verband“ und Autor von Schriften wie „Michel, horch, der Seewind pfeift“ ein begeisterter Anhänger des deutschen Imperialismus. Während des Krieges galt er schon bald als Ludendorffs „junger Mann“, weil er sich vor allem in der Anfangszeit offensiv für einen annexionistischen Siegfrieden eingesezt hatte – mit der Vorstellung einer Ausdehnung Deutschlands von Calais bis zum Baltikum.
Dementsprechend schwer trafen ihn die Erfahrungen von Kriegsniederlage und Revolution in den letzten Monaten des Jahres 1918. In der Folge war Stresemann maßgeblich an der Gründung der Deutschen Volkspartei (DVP) mitbeteiligt, in welcher die national-liberalen Strömungen des Kaiserreichs eine neue politische Heimat fanden und deren Vorsitz er von 1918 bis zu seinem Tod 1929 innehaben sollte.
So sehr er die Revolution auch aus seiner monarchisch-nationalen Gesinnung heraus ablehnte, so schnell fand er sich dann jedoch bereit, die Republik als politische Realität anzuerkennen und sie als Basis seiner politischen Betätigung zu akzeptieren. Entgegen allen Widerständen in seiner eigenen Partei sah Stresemann das Ziel der DVP schon bald in der Übernahme von Regierungsverantwortung, wobei er bereit war, über breite innenpolitische Gräben hinweg den Ausgleich und die Zusammenarbeit mit möglichst vielen Parteien zu suchen.
Das alles bedeutet nicht zwingend, dass Stresemann nach der Revolution einen radikalen politischen Gesinnungswandel erfahren und sich vom Monarchisten zum Republikaner gewandelt hatte. Es scheint vielmehr zutreffend, um hier dem weitgehenden Konsens der heutigen Forschung zu folgen, in Stresemann den Modellfall eines Vernunftrepublikaners zu sehen, der bereit war, Realitäten zu akzeptieren und aus Erfahrungen und Fehlern zu lernen. Dementsprechend war seine Politik von einem seltenen Pragmatismus und einer Kompromissbereitschaft geprägt, die ihn grundsätzlich von seinen Gegnern im rechten Lager und auch großen Teilen seiner eigenen Partei unterschied, die für eine solche Politik wenig Verständnis zeigten.
Nach dem Sturz des Kabinetts Cuno im August 1923 – also mitten auf dem Höhepunkt der Krise – fand sich Gustav Stresemann bereit, als Kanzler und gleichzeitiger Außenminister das schwere Erbe seines Vorgängers zu übernehmen. Stützen konnte er sich hierbei – ganz im Sinne seiner Bemühungen um den innenpolitischen Ausgleich
– auf eine Große Koalition aus SPD, DDP (Deutsche Demokratische Partei), Zentrum und DVP, die erste von zweien in der Geschichte der Weimarer Republik. Von der Einsicht in die Ausweglosigkeit der Lage und dem Mut zu unpopulären Entscheidungen getragen war die am 26. September 1923 getroffene Entscheidung der neuen Regierung Stresemann, den wirtschaftlich und finanziell ruinösen Ruhrkampf zu beenden. Damit nahm der Kanzler auch die Konzentration des Hasses der „nationalen Opposition“ auf seine Person in Kauf.
Die Einstellung des passiven Widerstands hatte indes keineswegs den prompten Abzug der französischen Truppen zur Folge. Stattdessen verweigerte die Regierung Poincaré die Annahme der „Kapitulation“ und erklärte, den passiven Widerstand erst dann als beendet zu betrachten, wenn die geforderten Reparationszahlungen und Sachlieferungen geleistet seien. Poincaré war nämlich bestrebt, die im Rheinland und in der Pfalz vorhandenen Autonomie- und Separatismusbestrebungen gezielt zu unterstützen, mit dem Ziel, das Versailler System ganz im Sinne der französischen Sicherheitsvorstellungen zu revidieren: Durch die Gründung eines oder mehrerer von Frankreich abhängiger Pufferstaaten sollte die schon 1919 während der Pariser Friedensverhandlungen geforderte Rheingrenze nachträglich durchgesetzt werden.
Der im Oktober/November von Frankreich protegierten Gründung der „Rheinischen Republik“ und einer „Autonomen Pfalz“ war jedoch kein Erfolg beschieden, zumal die Separatisten kaum Anhänger fanden. Stattdessen wurde Frankreichs internationale Position durch derartige Aktionen bald unhaltbar.
Die Reichsautorität musste derweil auch im unbesetzten Gebiet gegen Putschversuche und Aufruhr von links und rechts durchgesetzt werden. Einige Monate lang herrschte der militärische Ausnahmezustand in Deutschland. Eine weitere Maßnahme der Regierung Stresemann war die für jegliche innere und äußere Entspannung unerlässliche Sanierung der Währung und die Beendigung der Hyperinflation durch die Einführung der so genannten „Rentenmark“ und die Rückkehr zu einer straffen und effektiven Finanzpolitik.
In einem Rückblick auf seine Kanzlerschaft, die nach nur 103 Tagen Ende November 1923 endete, stellte Stresemann zu Recht fest: Beim Rücktritt seines Kabinetts
„war die Rentenmark geschaffen, Mitteldeutschland in Ruhe, der bayerische Aufstand zusammengebrochen, die Rheinlandfrage, die zeitweilig so aussah, als verlören wir das Rheinland, zur Ruhe gebracht durch die beginnende innere Gesundung, die Außenpolitik für künftige Entwicklung freigemacht durch eine Politik, die den Mut fand, den Ruhrkampf zu beendigen.“
Vor allem aber hatte Stresemanns Regierung in der Existenzkrise der Republik die Stabilität der parlamentarischen Demokratie in Deutschland aufrechterhalten, entgegen aller Forderungen nach diktatorischen Lösungen, die in den Krisentagen vielerorts laut geworden waren.