Das Attentat vom 20. Juli 1944 und die Operation „Walküre“
Am 20. Juli 1944 kurz nach 12.40 Uhr detonierte unter dem Kartentisch in der Lagebaracke der „Wolfsschanze“, dem „Führerhauptquartier“ bei Rastenburg in Ostpreußen, eine Bombe. Von den 24 in der Baracke anwesenden Personen wurden vier schwer, neun mittel und elf weitere leicht verletzt. Adolf Hitler, dem der Anschlag gegolten hatte, erlitt nur leichte Verbrennungen und Schürfwunden.
Der Attentäter Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg, Chef des Stabes beim Befehlshaber des Ersatzheeres, hatte kurz vorher unter einem Vorwand hastig den Ort des Geschehens verlassen und schlüpfte zusammen mit seinem Adjutanten und Mitverschworenen Oberleutnant Werner von Haeften gerade noch durch die strengen Absperrungen, die sofort veranlasst worden waren. In der Meinung, das Attentat sei geglückt, flog er unverzüglich mit einem eigens bereitgestellten Flugzeug nach Berlin, um zusammen mit dem Chef des Allgemeinen Heeresamtes General Friedrich Olbricht, dem ehemaligen Generalstabchef Ludwig Beck, Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben, Generaloberst Erich Hoepner und Oberst Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim, um nur einige wenige zu nennen, vom Gebäude des Oberkommandos des Heeres in der Bendlerstraße aus einen Staatsstreich ins Werk zu setzen. Dieser sollte, unter dem Decknamen „Walküre“, sofort nach dem Anschlag anlaufen. Die Planung sah vor, das Attentat als Revolte „einer gewissenlosen Clique frontfremder Parteiführer“ und der SS gegen den „Führer“ und die „rechtmäßige Reichsregierung“ auszugeben, um die NS-Institutionen unter diesem Vorwand ausschalten zu können, gleichzeitig in allen Wehrkreisen den militärischen Ausnahmezustand zu verhängen und so die vollziehende Gewalt im Reich in die Hände des Heeres zu übertragen. Die Verschwörer wollten auf diese Weise ältere Mobilisierungspläne des Generalstabs zur Abwehr innerer Unruhen oder feindlicher Luftlandeunternehmen zu ihren Zwecken nutzbar machen.
Gegen 13 Uhr berichtete der an der Verschwörung beteiligte und für die zeitweilige Sperrung aller Nachrichtenverbindungen zur „Wolfsschanze“ abgestellte Chef des Heeresnachrichtenwesens Erich Fellgiebel nach Berlin, dass die Bombe zwar explodiert sei, Hitler aber überlebt habe. Über die weiteren Umstände war zunächst nichts zu erfahren. Olbricht und Fellgiebels Stabschef Fritz Thiele, die alleine von dieser Entwicklung wussten, waren einigermaßen verunsichert und unternahmen zunächst nichts.
Erst als Stauffenberg gegen 15 Uhr Berlin erreichte, geriet wieder Bewegung in die Sache. Durch einen Anruf in der Bendlerstraße gelang es Haeften, die Beteiligten zu überzeugen, dass Hitler doch tot sei und „Walküre“ unverzüglich zu beginnen habe. Als nun Olbricht gegen 16 Uhr mit diesem Vorhaben bei dem teilweise eingeweihten, aber nicht weiter am Umsturz beteiligten Chef des Ersatzheeres Generaloberst Friedrich Fromm erschien, hatte der schon mit Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel in Rastenburg telefoniert, der ihm wiederum vom Überleben Hitlers berichtet hatte, und ließ ihn abblitzen.
Zeitgleich hatte Mertz von Quirnheim jedoch eigenmächtig die „Wallküre“-Maßnahmen eingeleitet. Per Fernschreiben wurden die militärischen Dienststellen davon informiert, dass wegen des angeblichen Versuchs von SS- und Parteiführern, die Macht an sich zu reißen, Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben der Oberbefehl über die Wehrmacht und die vollziehende Gewalt übertragen worden sei. Im Rahmen des Ausnahmezustands seien alle wichtigen Anlagen zu sichern, u.a. alle Gauleiter der NSDAP, Minister, Polizeipräsidenten und die Höheren SS- und Polizeiführer sofort festzunehmen sowie die Konzentrationslager militärisch zu besetzten. Diese Befehle wurden jedoch einzeln abgesetzt und gingen überdies wegen der hohen Geheimhaltungsstufe erst nach einer – wie sich später zeigen sollte – verhängnisvoll langen Zeitspanne von knapp drei Stunden heraus. Fromm ließ Mertz von Quirnheim daraufhin verhaften.
Stauffenberg, der gut eine halbe Stunde später in der Bendlerstraße eintraf, versuchte Fromm davon zu überzeugen, dass Hitler tatsächlich tot sei („diese Detonation war so, als ob eine 15-cm Granate eingeschlagen habe: Da kann kaum noch jemand am Leben sein“). Fromm zeigte sich jedoch keineswegs beeindruckt und erklärte Stauffenberg und Olbricht ebenfalls für verhaftet. Daraufhin ließen die beiden Verschwörer Fromm im Zimmer von Olbrichts Adjutanten unter Bewachung festsetzten. Der Befehl über das Ersatzheer wurde Generaloberst Erich Hoepner übertragen. Bald erschienen Beck, der Berliner Polizeipräsident Helldorf und der in die Planung des Attentats involvierte Abwehrmann Hans Bernd Gisevius im Bendlerblock, um sich über die Lage zu unterrichten.
Es scheinen sich jedoch offenbar auch im Kreis der Verschwörer mit der Zeit leise Zweifel an Hitlers Tod breit gemacht zu haben, denn anders ist die Äußerung Becks, unabhängig ob Hitler lebe oder tot sei, müsse die Sache nun zu Ende gebracht werden, kaum zu verstehen. Auf der Grundlage dieser Überlegungen machte er sich, als designiertes Staatsoberhaupt, an die Vorbereitung einer Rundfunkansprache für den Abend. Die einstweilen reibungslose Durchführung der „Walküre“-Maßnahmen in der Reichshauptstadt durch den Stadtkommandanten und das Wachbataillon schien ihm zunächst Recht zu geben.
In der „Wolfsschanze“ war derweil, nicht zuletzt durch ein fehlgeleitetes Fernschreiben aus der Bendlerstraße, klar geworden, dass in Berlin Verschwörer das Heft in die Hand genommen hatten. Als erste Gegenmaßnahme wurde zunächst Himmler zum Befehlshaber des Ersatzheeres ernannt und Keitel befahl den Wehrkreisen, Anordnungen aus der Bendlerstraße zu ignorieren. Nun rächten sich die Verzögerungen des Nachmittages, denn teilweise erreichten die Befehle aus der „Wolfsschanze“ die betreffenden Dienststellen gleichzeitig oder sogar eher als die Fernschreiben aus Berlin. In einigen Fällen liefen letztere bei den Wehrkreisen erst nach Dienstschluss oder überhaupt nicht ein. Einige Wehrkreiskommandanten verhielten sich bei der widersprüchlichen Befehlslage zunächst abwartend, andere fragten selbstständig in der „Wolfsschanze“ oder in Berlin an. Dies alles hatte zur Folge, dass in den meisten Fällen die „Walküre“-Befehle gar nicht oder nur sehr zögerlich ausgeführt wurden. Die Zeit arbeitete offensichtlich gegen die Männer des „20. Juli“.
Am weitesten wurden die Pläne der Verschwörer in Paris verwirklicht, da hier mit Carl-Heinrich von Stülpnagel, dem Militärbefehlshaber von Frankreich, ein Mann aus dem engeren Kreis der Verschwörung an wichtigen Schalthebeln saß. Der Oberbefehlshaber West Günther von Kluge, der immer wieder zeitweilig Kontakt zum Widerstand hatte, verhielt sich zumindest schwankend. Zunächst schien alles nach Plan zu laufen und Stülpnagel ordnete im Laufe des Nachmittags sowohl die Verhaftung aller SS- und Polizeiführer, als auch die Ausschaltung der SS- und SD-Dienststellen an. Am Abend jedoch, als klar geworden war, dass Hitler lebte, machte Kluge einen Rückzieher, widerrief die Befehle des Nachmittags und enthob Stülpnagel seines Postens. Die bis dahin festgesetzten SS-Führer wurden im Laufe des späten Abends wieder freigelassen.
In Berlin erwies sich als verhängnisvoll, dass es den Verschwörern mißlungen war, den Deutschlandsender unter ihre Kontrolle zu bekommen, denn ab 17.42 Uhr wurde von dort regelmäßig eine Erklärung des „Führerhauptquartiers“ über das Scheitern des Attentats ausgestrahlt. Ein weiteres und bei weitem gewichtigeres Problem war der Kommandant des Wachbataillons Berlin Major Otto Ernst Remer, ein überzeugter Nationalsozialist, der im Rahmen der Operation Walküre mit den Sicherungsmaßnahmen in Berlin beauftragt war. Zwar befolgte Remer zunächst seine Befehle. Der NS-Führungsoffizier Leutnant Hans W. Hagen, der im Laufe des späten Nachmittags und frühen Abends zusehends argwöhnisch geworden war, stellte den Kontakt zu Joseph Goebbels, Reichspropagandaminister und Gauleiter von Berlin her. Gegen 19 Uhr entschloß sich Remer – entgegen den Befehlen des Stadtkommandanten -, selbst bei Goebbels vorzusprechen. Dieser vermittelte eine Telefonverbindung zu Hitler, der Remer persönlich die Vollmacht zur Besetzung des Bendlerblocks und zur Niederschlagung des Aufstandes erteilte. Bald darauf begann eine Abteilung des Wachbataillons das Gebäude abzuriegeln.
Da im Laufe des frühen Abends immer klarer wurde, dass das Attentat tatsächlich misslungen war, Hitler lebte und die Gegenmaßnahmen des „Führerhauptquartiers“ die Walküre-Maßnahmen lähmten bzw. ihnen erfolgreich entgegenwirkten, bröckelte die Front der Verschwörer zusehends. Zwar war Witzleben noch gegen 19.30 Uhr in der Bendlerstraße erschienen und hatte aus den Händen der Verschwörer den Befehl über das Ersatzheer übertragen bekommen. Gleichwohl war er sich über das nun offensichtliche Scheitern des Putsches im Klaren, worüber es mit Stauffenberg und Olbricht zu heftigen Auseinandersetzungen kam. Trotz der nicht mehr übersehbaren Auflösungserscheinungen versuchten die beiden in unzähligen Telefonaten mit den Wehrkreisen ebenso verzweifelt wie vergeblich ihre Version der Ereignisse aufrecht zu erhalten.
Als gegen 21 Uhr im Rundfunk die Ernennung Himmlers zum Befehlshaber des Ersatzheeres verbreitet und eine Ansprache Hitlers angekündigt worden war, womit der Widerspruch zu den im Hause kursierenden Informationen und Befehlen überdeutlich wurde, formierte sich im Bendlerblock unter den Offizieren, die nicht in die Pläne der Putschisten eingeweiht waren, offener Widerstand. Nachdem sich die Verschwörer keineswegs gewillt zeigten, ihre Karten auf den Tisch zu legen, kam es im Bendlerblock zu Schußwechseln, an deren Ende die Festsetzung von Beck, Stauffenberg, Olbricht, Hoepner, Haeften und Mertz von Quirnheim stand. Fromm, der zwischenzeitlich auf Ehrenwort in seine Dienstwohnung entlassen worden war, kehrte nach 22 Uhr an den Ort des Geschehens zurück, erklärte die Hauptverschwörer offiziell wegen Hochverrats für verhaftet und kündigte ein sofortiges Standgericht an. Da an dessen Ende nichts anderes als die Erschießung der Verschwörer stehen konnte, erbat Beck das Privileg, sich selbst „richten“ zu dürfen. Nachdem ihm jedoch zwei Selbstmordversuche misslungen waren, wurde der Schwerverletzte auf Fromms Weisung von einem Feldwebel erschossen. Kurz darauf starben Stauffenberg, Olbricht, Haeften und Mertz von Quirnheim im Hof des Bendlerblocks im Kugelhagel des eilig zusammengerufenen Erschießungskommandos. Die übrigen im Hause befindlichen Beteiligten kamen einstweilen in Haft.
Nicht zuletzt um seine eigene mittelbare Verstrickung in den Umsturzversuch zu verdecken, sprach Fromm unverzüglich bei Goebbels vor, um über die Niederschlagung des Aufstands und die Exekution der Verschwörer zu berichten. Noch in der Nacht ließ man ihn jedoch ebenfalls festsetzen und enthob ihn seines Postens. Fromm wurde später wegen Feigheit angeklagt, zum Tode verurteilt und im März 1945 hingerichtet.