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Kompetent für die Zukunft
Umweltbildung auf nachhaltigen Wegen

Herausgeber: Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit
Bearbeitung: Plankstettener Kreis
Volltext-Version für Internetpublikation

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Karingard Vangerow-Döhner,

Diplom-Verwal-tungswirtin im Referat
Umweltbildung des Bayerischen Staatsministeriums für Landesentwicklung und Umweltfragen.

Emil Hartmann,

Gesamtleiter des Don Bosco Jugendwerks Bamberg.

Panem et circenses

Zirkus als neues Medium der Umweltbildung

Umweltbildungsangebote als solche und isoliert veranstaltet finden bei der breiten Bevölkerung nur wenig Interesse, insbesondere wenn man sich hierbei auch noch konservativer Vermittlungsmethoden bedient. Neue Zielgruppen zu gewinnen, erscheint fast aussichtslos. Die große Konkurrenz auf dem Freizeit- und Bildungsmarkt tut hierzu ein Übriges.

Umweltzirkus FELUWA geht auf Tournee

Wie könnte so ein Projekt aussehen, das sich nicht in einem "just for fun" verliert, dem es aber trotzdem gelingt, unsere "Spaßgesellschaft" für ihre Um- und Mitwelt zu interessieren, zu motivieren und zu engagieren - mit dem nahezu unerreichbaren Ziel eines nachhaltigen Wertewandels? Eine mögliche Antwort: So wie der Umweltzirkus FELUWA, einem Projekt benachteiligter Kinder, Jugendlicher und junger Erwachsener, das in Bamberg entstanden ist.

Projektträger ist das Don Bosco Jugendwerk in Bamberg, eine Einrich-tung der Salesianer Don Boscos. Es gibt Eltern und Sorgeberechtigten Hilfen bei der Erziehung und Bildung verhaltensauffälliger Kinder. In ambulanten, teilstationären und stationären Bereichen werden von rund 75 Mitar-beitern (Sozialpädagogen, Pädagogen, Psychologen, Handwerksmeistern etc.) täglich über 300 Kinder und Jugendliche betreut, in Kinderhorten, Jugendwohn-gruppen, heilpädagogischen Gruppen, einer heilpädagogischen Tagesstätte, einer Schule zur Erziehungshilfe, im Schülercafé und in einer Zirkuswerkstatt. Seit 1993 existiert hier bereits der Zirkus "Giovanni" als Angebot der Jugendhilfe.

Ziel des Projektes FELUWA ist es, das Medium Zirkus als heilpädagogisches Instrument mit einem umweltpädagogischen Programm zu verknüpfen. Dabei werden innovative Vermittlungsmethoden erprobt und öffentlichkeits- und breitenwirksame Veranstaltungen im Rahmen der Umweltbildung unter maßgeblicher Beteiligung und Einbindung einer bislang nicht erreichten Zielgruppe erarbeitet.

Die Leitlinien des Projektes sind:

* Ganzheitliche Umweltbildung von und mit jungen Menschen, realisiert in der Entwicklung und Aufführung eines bunten Zirkuspro-gramms unter dem Motto "Mensch und Umwelt - (wieder) Lust auf Leben"
* Verbindung von Unterhaltung und Lernen, Spaß und Aufklärung, Inspiration und Spannung mit dem Ziel, die Achtung vor der Schöpfung und Anregungen zu einem nachhaltigen Lebensstil zu vermitteln
* Ermutigung für die jungen Zirkuskünstler, deren Selbstgefühl und Erlebnisfähigkeit durch das Projekt gestärkt werden
* Multiplikationseffekte durch überregionale Auftritte, Nutzung des Mediums "Zirkuspädagogik" für die Vermittlung bzw. das Schaffen von Umweltbewusstsein
* Förderung der Kooperation zwischen Umweltbildung und Jugendhilfe
* Entwicklung neuer methodischer Modelle an der Schnittstelle zwischen Umweltbildung und der Förderung benachteiligter junger Menschen.

Zirkus macht Lust auf Leistung

Selbständigkeit, Gemeinschafts-, Leistungs-, Erlebnis- und Glaubensfähigkeit gehören zu den festgelegten Grundsätzen des salesianischen Leitbildes. Diese könnten zukünftig durch das Ziel "Umweltfähigkeit" ergänzt werden.

Hinter all diesen Zielen steht als methodische Orientierung das Empowerment bzw. die Res-sourcenorientierung der jungen Menschen. Dabei ist nicht mehr der professionelle Helfer als Experte gefragt. Der Helfer versteht sich nur mehr als Assistent, der die Kinder und Jugendlichen dabei unterstützt, ein selbstorga-nisiertes Leben zu führen. Die Betroffenen sollen ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen, sich ihrer eigenen Ressourcen bewusst werden und soziale Möglichkeiten dafür beanspruchen. Anknüpfungspunkt bei der Arbeit mit den jungen Menschen sind nicht die individuellen Defizite, sondern die Stärken, Fähigkeiten und Potentiale der Kinder und Jugendlichen.

Empowerment ist auch das Prinzip, das hinter dem Zirkusprojekt steht. Der Zirkus übt mit seinem exotischen Flair eine besondere Anziehungskraft auf junge Menschen aus. Das heilpädagogische Projekt hat sich seit 1993 mit großer Dynamik entwickelt und erweckt heute den Eindruck eines ganz normalen Zirkus: ein gelb-rotes Zirkuszelt mit Manege und Tribüne, einige Zirkuswagen, eine Zugmaschine, ein Requisiten- und Artistenzelt, Ton- und Beleuchtungstechnik, eine Werkstatt, eine große Zahl von Requisiten - das alles bildet für die Kinder und Jugendlichen (und das Publikum) eine authentische Zirkuswelt. Das Programm wird ausschließlich von Kindern und Jugendlichen gemacht, die vom Canisiusheim Bamberg betreut werden. Die jungen Leute zwischen 6 und 20 Jahren üben im Unterricht, während der heilpädagogischen Maßnahmen und in ihrer Freizeit Fertigkeiten, die sie für den Zirkus benötigen: Einradfahren, Jonglieren, Fakir- und Clownsnummern, Feuerspucken, Diabolokunststücke, Zaubern, Vertikalseil- und Trapezakrobatik und vieles mehr. In der Zirkuswerkstatt arbeiten Jugendliche, die bisher keine Chance auf dem ersten Ausbildungs- und Arbeitsmarkt hatten. Sie erhalten hier eine Qualifizierung in den Bereichen Holz, Metall, Farbe. Neben dem Aufbau kümmert sich die Zirkuswerkstatt um das Zelt, die Technik, den Fuhrpark, die Innenausstattung des Zirkuszeltes und stellt die Requisiten her.

Junger Clown trainiert für FELUWA

Das neue große Projekt der Zirkusarbeit im Don Bosco Jugendwerk Bamberg ist die thematische Spezifizierung und Erarbeitung eines Umweltprogramms. Mit der finanziellen Unterstützung durch das Bayerische Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen ist eine Realisierung dieser ehrgeizigen Pläne möglich geworden. Zwar war der Weg bis zur Bewilligung des Projektes nicht ganz einfach und man konnte zeitweise den Eindruck gewinnen, dass zwischen der "Welt der Bürokratie" und der "Zirkuswelt" eine so große Kluft besteht, dass darin die Idee zu einem Umweltzirkusprogramm auf Nimmerwiedersehen verschwinden müsste, aber Geduld und Hartnäckigkeit haben sich dann doch im wahrsten Sinne des Wortes ausgezahlt.

Der Zirkus übt mit
seinem exotischen Flair
eine besondere Anziehungskraft auf junge Menschen aus

In drei Workshops entwickelten Vertreter aus den Bereichen Sozialpädagogik und Jugendhilfe, Politik und Verwaltung, zusammen mit Umweltbildnern und Künstlern unter permanenter Einbindung der (benachteiligten) jungen Menschen sowie in Kooperation mit der Gruppe "Gegenfeuer" der Umwelt-Musik-Werkstatt im Kloster Ensdorf innerhalb eines Jahres ein auffüh-rungsreifes Konzept für das Umweltzirkusprogramm. Eine der großen Herausforderungen lag darin, dass die umweltpädagogischen Inhalte - den Gesetzen des Zirkus gehorchend - nahezu nonverbal vermittelt werden mussten, jedoch eine pure Aneinanderrei-hung artistischer Nummern unzureichend erschien. Einig war man sich, dass der rote Faden der Zirkusaufführung nicht aus einer Horrorstory im Sinne der ökologischen Katastrophenpädagogik bestehen sollte. Stattdessen kam man zu dem Ergebnis, anhand von Feuer, Erde, Luft und Wasser (= FELUWA) ein Programm aufzubauen, das durch die Faszination der vier Lebens-Elemente zu positiven Emotionen und zur Sensibilisierung für nachhaltige Lebensein-stellungen führen würde: "FELUWA - Faszination der Elemente".

Äußerste Konzentration bei der Aufführung

Für den Umweltzirkus und sein Programm wurde ein explizites Leitbild entworfen:

* Der Umweltzirkus ist ein Kooperationsprojekt der Umweltbildung und Jugendhilfe
* In die Projektentwicklung sind Referenten aus der Umweltbildung, Theologen, Pädagogen, Künstler, benachteiligte junge Menschen und Verantwortliche aus Politik und Verwaltung eingebunden
* Bei der Gestaltung des Programms werden die "starken Seiten" der jungen Menschen entdeckt und ins Zentrum gerückt
* Die jungen Künstler vermitteln dem Publikum die Faszination der Schöpfung, verbreiten Lebensfreude, mahnen zum sensiblen Umgang mit der Natur und den Menschen und motivieren zu einem nachhaltigen Lebensstil
* "Leben und Leben lassen" wird zum lustvollen Spektakel in der Manege, auf den Zuschauertribünen und rund um das Zirkuszelt; Musik, Artistik und Spiel werden zu einem Event ganzheitlicher Umweltbildung
* Im Umweltzirkus ist auch das Unvollständige liebens- und beachtenswert
* Aktives Mitmachen des Publikums, das Betrachten und Staunen, Zuhören und Spüren ist Kern dieser Veranstaltung
* Der Umweltzirkus spricht alle Altersgruppen an und gibt ein Beispiel für den wünschenswerten Umgang mit der Natur und den Menschen
* Das Rahmenprogramm vertieft die Themen der Manege; es wird von den örtlichen Gruppen und Initiativen der Umweltbildung gestaltet
* Der Umweltzirkus ist visionär

In den Workshops wurde die Spielhandlung entwickelt und in diese wurden die entsprechenden artistischen Einzeldarbietungen integriert. Außerdem wurde die Rolle des (erwachsenen) Zirkusdirektors definiert (er soll als "Life-Autor" der Geschichte agieren und durch das Programm führen). Die gesamte Projektplanung für Uraufführung und Folgeauftritte mit Entwicklung eines "Pflichtenheftes" für den jeweiligen Veranstalter wurde in Angriff genommen, Musik, Masken und Kostüme angedacht und Vorschläge für ein Rahmenprogramm erarbeitet.

Bayerns Umweltminister Dr. Werner Schnappauf war begeistert
vom Umwelt-Zirkus

Herausgekommen ist die zauberhafte Geschichte von FElix LUdwig WAchtel, einem "ziemlich degenerierten und introvertierten" Jungen, der sich im Laufe des Spielgeschehens durch verschiedene faszinierende Erlebnisse im Reich der vier Lebenselemente zu FELUWA verwandelt. Die Uraufführung des Umweltzirkusprogramms fand mit großem Erfolg und in märchenhaft-fesselnder Atmosphäre im Juni 2002 in Bamberg statt.

FELUWA ist aber damit natürlich nicht zu Ende, im Gegenteil: neben weiteren Aufführungen sind auch eine Musik-CD, ein Kinderbuch und ein Hörspiel geplant - ganz zu schweigen von der zukünftigen dauerhaften ökologischen Schwerpunktsetzung bei der weiteren heilpädagogischen Arbeit in Bamberg.