Die Weimarer Republik
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Die nur zweimonatige Kanzlerschaft des Reichswehrgenerals Kurt von Schleicher,
die der Machtübernahme des NS-Regimes vorausging, ist in der zeitgeschichtlichen
Forschung sehr unterschiedlich charakterisiert worden: Von der Einordnung als
bloße Übergangsregierung in einen geradlinigen "Faschisierungsprozeß",
der über Brüning, Papen und Schleicher bruchlos zu Hitler führte,
bis zur Glorifizierung als angeblich demokratische Alternative zum "Dritten
Reich" reicht das Spektrum der Bewertungen.(1) Auch die
Frage, ob die letzte Reichsregierung vor Hitler über realistische und erfolgversprechende
Strategien verfügte oder von vornherein zum Scheitern verfolgt war, bleibt
umstritten. Die geheimen Verhandlungen und politischen Intrigen, die zur Regierung
des Generals und dann zu seinem Scheitern führten, haben die Entscheidungsprozesse
lange in ein geheimnisvolles Dunkel gehüllt und verschiedene Spekulationen
begünstigt.
Hervorzuheben sind deshalb zunächst folgende unstrittige Fakten:
1. Die Reichswehrführung, in der General von Schleicher als politischer
Stratege eine tragende Position besaß, spielte eine höchst aktive
und drängende Rolle beim Übergang von den parlamentarischen zu den
allein durch präsidiales Vertrauen gestützten und mit Notverordnungen
regierenden Kabinetten seit 1930 und beim Übergang von der Regierung Brüning
zur Kanzlerschaft von Papens, der bereits von Zeitgenossen lediglich als "Hut"
Schleichers betrachtet wurde.(2)
2. Die Reichswehrführung um General von Schleicher verfolgte, wie nahezu
alle konservativen gesellschaftlichen Kräfte am Ende von Weimar, gegenüber
der eruptiv anschwellenden NS-Massenbewegung eine Integrations- und "Zähmungsstrategie".(3)
Die Nazipartei, als Element "nationaler Gesundung" positiv bewertet
und gleichzeitig ob ihrer plebejischen Züge misstrauisch beobachtet, sollte
in ein Präsidialkabinett einbezogen werden, um diese Regierungsform populär
zu machen und um die Dynamik der braunen Bewegung in kontrollierbare Bahnen
zu lenken.(4) Fixpunkt aller derartigen Überlegungen
war die Ablehnung einer von der NSDAP geführten Regierung, die bis Ende
1932 nur wenige einflussreiche Persönlichkeiten in Schwerindustrie und
Großlandwirtschaft befürworteten.
3. Die mit dem Namen Schleichers verbundene Konzeption kann als eine spezifische
Ausgestaltung der genannten "Zähmungsstrategie" verstanden werden,
die besonders sensibel die Problematik der fehlenden Massenbasis des Präsidialregimes
erfasste. Die Wahlen des Jahres 1932 hatten deutlich gezeigt, dass die NSDAP
ihren Mobilisierungshöhepunkt überschritten hatte. Die Reichstagswahlen
im November hatten ihr einen Verlust von 2 Millionen Stimmen beschert und sie
von 37 Prozent auf 33 Prozent zurückfallen lassen. Es wuchs die Besorgnis,
dass die faschistische Massenbewegung zerfallen und sich Teile der proletarisierten
Anhängerschaft nach links wenden könnten - die Kommunisten hatten
mit 17 Prozent ihr bis dahin bestes Ergebnis erhalten. Deshalb setzte man in
der Umgebung des Generals auf eine Verbreiterung der Basis durch eine "Querfront",
d. h. auf die Unterstützung einer auf der Macht des Militärs basierenden
Präsidialregierung durch die NS-Bewegung, aber darüber hinaus durch
Wehrverbände und Gewerkschaften unter Einbeziehung des Reichsbanners und
der Freien Gewerkschaften;(5) in diesem Falle hoffte man auf
Entfremdungstendenzen zwischen Reichsbanner- und ADGB-Führung auf der einen
und der SPD-Führung auf der anderen Seite.
4. Die Konstruktion dieser der Schwächung der Parteien und des Parlaments
dienenden "Querfront", organisiert vor allem als Unterstützung
von konjunkturfördernden Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Plänen
zur vormilitärischen Ausbildung,
scheiterte schon deshalb, weil der Reichsorganisationsleiter der NSDAP, Gregor
Strasser, der eine Unterstützung signalisiert hatte, sich gegen die auf
einer Kanzlerschaft Hitlers beharrende Mehrheit in der Parteiführung nicht
durchzusetzen vermochte; die Einordnung in eine Präsidialregierung hätte
der Logik des faschistischen Führermythos grundsätzlich widersprochen.
5. Auf Skepsis und Gegnerschaft bei konservativen Wirtschaftseliten traf Schleicher
mit der Betonung der sozialpolitischen Komponente seiner Pläne und der
Andeutung von Veränderungen im Verhältnis von Kapital und Staat bis
hin zu Eingriffen
in die Verfügungsgewalt des privaten Kapitals entscheidender Wirtschaftssektoren,
um den militärischen und politischen Wiederaufstieg abzusichern. Die Verhandlungen
des Schleicher-Vorgängers Franz von Papen mit Hitler und hochrangigen NS-Funktionären
im Januar 1933 sind vor dem Hintergrund des Widerstands gegen diese sich erst
in Umrissen abzeichnende Konzeption zusehen.
2. Dezember 1932
Der geschäftsführende Reichskanzler Franz von Papen
erklärt dem Reichspräsidenten Hindenburg, dass er nicht
in der Lage sei, ein neues Kabinett zu bilden und schlägt
den bisherigen Reichswehrminister General Kurt von
Schleicher als Nachfolger vor. Schleicher wird noch am
gleichen Tag zum Reichskanzler ernannt
6.-9. Dezember 1932
Zusammentreten des neugewählten Reichstags (letztmalig
vor dem Machtantritt Hitlers), Misstrauensvoten
gegen die Regierung finden keine Mehrheit
8. Dezember 1932
Der Reichsorganisationsleiter der NSDAP, Gregor
Strasser, erklärt in einem persönlichen Brief an Hitler
seinen Rücktritt von allen Parteiämtern. Damit finden die
Auseinandersetzungen in der Nazi-Führung um eine
Beteiligung an der Regierung Schleichers ein Ende. In
den folgenden Tagen kommt es zu zahlreichen
Funktionärsversammlungen, um die kompromisslose Forderung
nach einer Kanzlerschaft Hitlers überall in der Partei
durchzusetzen.
11. Dezember 1932
Außenpolitischer Erfolg des Deutschen Reiches:
Prinzipielle Anerkennung der militärischen Gleichberechtigung
Deutschlands durch eine gemeinsame Erklärung mit den
Westmächten USA, Großbritannien, Frankreich und
Italien
15. Dezember 1932
Regierungserklärung Schleichers im Rundfunk: Zentrale
Aufgabe sei die Arbeitsbeschaffung, während Papens
Ideen einer Verfassungsreform als zweitrangig erklärt
werden
4. Januar 1933
In Köln erstes Treffen von Hitler und Papen, dessen
Geheimhaltung misslingt. Dieses Treffen war bereits Mitte
Dezember von Kurt von Schroeder als Mittelsmann
Papens und Wilhelm Keppler als Beauftragtem Hitlers
angebahnt worden.
Weitere Treffen folgen in dichter Folge bis zur
Machtübernahme Hitlers
9. Januar 1933
Papen unterrichtet Hindenburg und Schleicher von
seiner Version des ersten Treffens mit Hitler
11. Januar 1933 Heftige Kritik des Reichslandbundes an der
Wirtschaftspolitik der Regierung; die Kritik wird von Hindenburg
geteilt
15. Januar 1933
Landtagswahlen in Lippe: Der Stimmenanteil der NSDAP
steigt gegenüber den Reichstagswahlen im November
1932 leicht an, ein großer Propagandaerfolg
23. Januar 1933
Schleicher ersucht Hindenburg um Vollmacht zur
Auflösung des Reichstages; diese wird ihm verweigert
26. Januar 1933
Schleicher spricht in dieser Sache erneut ergebnislos bei
Hindenburg vor
28. Januar 1933
Demission des Kabinetts Schleicher nach einem letzten
vergeblichen Versuch, bei Hindenburg eine Vollmacht
zur Auflösung des Reichstags zu erhalten;
vom 28. bis 30. Januar 1933
weitere hektische Verhandlungen um
die Bildung eines neuen Kabinetts. Einbezogen sind die
Führungen der NSDAP, der DNVP und des Stahlhelm,
ferner von Papen und Vertreter der Umgebung
Hindenburgs
29. Januar 1933
Gerüchte über Putschabsichten der Reichswehr werden
von Vertrauten des Kanzlers zerstreut. Schleicher lässt
erkennen, dass er sich mit aller Kraft einer erneuten
Bestellung Papens als Reichskanzler widersetzen werde
30. Januar 1933
Hitler wird zum Kanzler eines Präsidialkabinetts berufen
Nach dem Rücktritt des Papen-Kabinetts am 17. November 1932, von Schleicher
gegen den Willen seines Kanzlers mit dem Argument herbeigeführt, nur damit
könne man die "auch in nationalen Kreisen betriebene Brunnenvergiftung
bekämpfen, wonach nur die jetzige Reichsregierung daran schuld sei, dass
eine breite nationale Front nicht zustande komme", (6)
begann eine zweiwöchige Phase intensiver Verhandlungen. Die Regierung blieb
währenddessen geschäftsführend im Amt. Wahrscheinlich war, nachdem
erneute Bemühungen um eine Einbeziehung der NSDAP in das von Papen geführte
Präsidialkabinett gescheitert waren, zunächst vor allem die Möglichkeit
einer radikalisierten Fortsetzung der Linie Papens:(7) Auflösung
des eben gewählten Reichstags und Umsetzung der von Innenminister Wilhelm
von Gayl befürworteten diktatorialen Verfassungspläne, die seit dem
Sommer als "Neuer Staat" regierungsoffiziös (z. B. von Papens
Redenschreiber, dem Herrenklub-Ideologen Walter Schotte) propagiert wurden.
Im Zentrum standen die Aufhebung des allgemeinen gleichen Stimmrechts (zusätzliche
Stimmen für Familienväter und Kriegsteilnehmer) und die Errichtung
einer zweiten Kammer als Kombination von Länderrat und berufsständischer
Vertretung, um das Parlament zu entmachten. Obwohl sich vor allem der Parteivorsitzende
der Deutschnationalen, Alfred Hugenberg, am 18. November im Gespräch mit
dem Reichspräsidenten für eine Fortsetzung des Kabinetts Papen aussprach,
barg diese Lösung keine Perspektive. Die Wahlen vom November hatten eindeutig
demonstriert, dass eine solche Regierung kaum Unterstützung in der Bevölkerung
besaß.
Dieser Umstand wurde durch ein Planspiel der Reichswehr zur innenpolitischen
Lage in den Wehrkreisen demonstriert, zu dem Schleicher gleichfalls am 18. November
die Einladungen versenden ließ. Es fand am 25. und 26. November unter
der Leitung des Obersten Eugen Ott, eines Vertrauten Schleichers, statt. Die
in der Tagesordnung formulierte Aufgabe des Planspiels, in das auch Vertreter
des Reichs- und preußischen Innenministeriums sowie der Polizei einbezogen
waren, lautete: Klarstellung der Fragen, die im Falle eines militärischen
Ausnahmezustandes auf den Gebieten der vollziehenden Gewalt und der polizeilichen
Exekutive an die Wehrmacht herantreten können (vgl. Dok.1).(8)
Dem Planspiel lag in erster Linie die Annahme zugrunde, dass die im Herbst 1932
einsetzende Streikwelle in einen Generalstreik münden würde. Im Ergebnis
wurde festgestellt, dass Reichswehr, Polizei und die mit Nazi-Sympathisanten
durchsetzte Teno (Technische Nothilfe) allein mit einer solchen Lage nicht fertig
werden würden, mithin unbedingt "Ergänzungsleute" notwendig
wären, aber "Menschenmaterial hierzu höchstens aus Stahlhelmkreisen
zu bekommen" sei.(9)
Eine andere Form der Regierungsbildung, ein durch einen "Treuepakt"
von zwei oder drei Parteiführern, auf jeden Fall aber denen der NSDAP und
des Zentrums gestütztes Kabinett mit breitem parlamentarischem Hintergrund,
nötigenfalls unter einem Nazikanzler, wie dem Reichspräsidenten vom
Parteivorsitzenden des Zentrums, Prälat Kaas, vorgeschlagen,(10)
schied als Möglichkeit von vornherein aus. Zum einen hatte Hindenburg beim
Rücktritt Papens deutlich erklärt, dass er nicht zu parlamentarischen
Methoden zurückzukehren gedenke; zum anderen lehnte auch die NSDAP, obwohl
sie seit dem Sommer 1932 dem "Kabinett der Barone" mit dieser Möglichkeit
gedroht hatte, nun unmissverständlich eine solche Lösung ab. Hitler
verweigerte jegliche Verhandlungen mit anderen Parteiführern. Hitler hielt
kompromisslos an der Forderung einer von ihm geführten Präsidialregierung,
wie er sie in seinem Antwortbrief an Papen am 16. November bekräftigt hatte,
fest. Dabei wiederholte er in zwei Unterredungen mit dem Reichspräsidenten
am 19. und 21. November sein Angebot, neben dem Posten des Kanzlers und Innenministers
lediglich zwei, drei untergeordnete Ministerien mit seinen Parteigängern
zu besetzen, ansonsten aber parteilose Fachleute in ihren Ämtern zu belassen
bzw. dem Reichspräsidenten die Vollmacht für die Zusammenstellung
des sonstigen Kabinetts, vor allem hinsichtlich des Wehrministers, zu erteilen.
Im übrigen forderte Hitler bereits zu diesem Zeitpunkt ein "Ermächtigungsgesetz"
zur Ausschaltung des Reichtags, wie es kein halbes Jahr später dann angenommen
werden sollte.(11) Aber noch schied die Form eines von der
NSDAP geführten Präsidialkabinetts - unterstützt durch eine von
Hjalmar Schacht mitorganisierte Eingabe namhafter Wirtschaftsführer an
den Reichspräsidenten am 19. November 1932 (vgl. Dok. 2)(12)
als Möglichkeit aus. Hindenburg hielt unter dem Einfluss seiner Berater
noch daran fest, dass Hitler nicht die Kanzlerschaft erhalten dürfe. In
dieser verfahrenen Situation wurde erstmals die Möglichkeit erörtert,
ein Präsidialkabinett unter der Führung Schleichers zu bilden,(13)
dem eine Beruhigung der innenpolitischen Situation und die Integration der NS-Bewegung
eher zugetraut wurde als Papen, der geradezu zum Symbol der Volksferne geworden
war. Schleicher bot Hitler in einem Gespräch am 23. November die Vizekanzlerschaft
in einem Kabinett unter seiner Führung an, was von diesem wie jede andere
Kombination, in der er nicht die Kanzlerschaft erhielte, sofort zurückgewiesen
wurde. Über dieses Gespräch berichtete Schleicher zwei Tage später
der Ministerrunde, wobei er nun zugleich betonte, dass der Reichskanzler nicht
auch zugleich Wehrminister sein dürfe", weil bei der zu erwartenden
Verhängung des Ausnahmezustandes - erwähnt wurde von ihm an dieser
Stelle das laufende "Planspiel Ott" - der Wehrminister im Lichte der
Öffentlichkeit stehen und die öffentliche Aufmerksamkeit vom Reichskanzler
abgelenkt würde, worin ein "gewisser Vorteil" zu sehen sei.(14)
Schleichers Zögern, sich selbst an die Spitze einer Präsidialregierung
zu stellen, war wohlbegründet. Die Reichswehrführung hatte ihre innenpolitische
Machtfülle in den zurückliegenden Jahren beträchtlich gesteigert.(15)
Sie hatte entscheidenden Anteil an der Abwendung von der parlamentarischen Regierungsform,
am Übergang von Brüning zu Papen, an der Aktion gegen die rechtmäßige
preußische Regierung am 20. Juli 1932 und an den Bemühungen zur Integration
der NS-Bewegung. Sie war die machtstarke Stütze des Präsidialregimes,
und die Durchdringung der politischen Kultur mit den Verhaltensmustern des Militarismus
deckte sich mit ihrem Interesse an der nationalen Mobilisierung des Volkes.
In einer Rundfunkrede als Wehrminister am 26. Juli 1932 führte Schleicher
aus:
"Der Staat muss zum aktiven Träger des Wehrgedankens werden. Der Wehrgedanke
muss zum Kitt einer neuen Staatsgesinnung werden. Er muss zum heilenden Serum
werden gegen die volkszersetzenden Giftstoffe eines selbstmörderischen
Pazifismus, der Staatsverleumdung und des Klassenkampfes. Opferbereitschaft,
Disziplin, Kameradschaft im Dienste des Vaterlandes müssen wieder nationale
Tugenden werden."

Auf der anderen Seite beobachtete die Reichswehr sehr genau die Massenstimmung.
In der gleichen Rundfunkrede brachte er auch dies zum Ausdruck:
"Wenn man unter Militärdiktatur eine Reg(ierun)g versteht, die sich
nur auf die Bajonette der Reichswehr stützt, so kann ich dazu nur sagen,
dass eine solche Reg(ierun)g im luftleeren Raum sich schnell abnutzen und letzten
Endes zum Misserfolg führen muss. In Deutschland vielleicht mehr noch als
in manchen anderen Ländern muss die Reg(ierun)g von einer breiten Volksströmung
getragen sein."(16)
Die Nichtachtung dieser Maxime durch sozialreaktionäre Attitüden und
anachronistische Verfassungspläne hatte Schleichers Vorbehalt gegen Papen
bestärkt, aber eine direkte Übernahme der Regierung durch die Reichswehr
barg das Risiko, den bisherigen Einfluss nicht mehr hinter den Kulissen ausüben
zu können, sondern vor der Öffentlichkeit die volle politische Verantwortung
auf sich nehmen zu müssen. Wenn dennoch in den letzten Novembertagen 1932
die Weichen in Richtung einer von Schleicher geführten Regierung gestellt
wurden, so gab es dafür vor allem zwei Gründe:" Zum einen hegte
der General nach wie vor die Hoffnung, über den Einfluss Gregor Strassers
in der NSDAP Hitler zur Übernahme der Vizekanzlerschaft drängen zu
können oder von diesem das Einverständnis zum Eintritt Strassers in
die Regierung zu erlangen; der Optimismus in dieser Frage resultierte auch aus
einem Gespräch Schleichers mit der Führung der Freien Gewerkschaften
am 28. November, aus dem er den Eindruck der Unterstützung eines von ihm
geführten Kabinetts gewann (s. u.). Zum anderen drängte Hindenburg
immer stärker darauf, wieder eine ordnungsgemäß bestellte Regierung
einzusetzen. Im Interesse Schleichers hätte es zwar gelegen, die Gespräche
zur politischen Unterstützung eines. von ihm geführten Kabinetts weiter
zu führen und zu einem Ergebnis kommen zu lassen, denn gerade erst, am
30. November, hatte Hitler sich - unter dramatischen Umständen - nochmals
dem Ansinnen Schleichers verweigert. Aber dafür war die Zeit nicht mehr
vorhanden. Am Abend des 1. Dezember empfing der Reichspräsident Papen und
Schleicher und verlangte eine Entscheidung. Schleicher warnte bei dieser Gelegenheit
vor den Plänen Papens, einen Ausweg im Ausnahmezustand zu suchen. Auch
wenn Hindenburg dieser Lösung zuneigte, zeigte schon die Kabinettsrunde
des folgenden Tages, dass die meisten Minister diesem Kurs nicht zu folgen bereit
waren. Der eindrucksvolle Vortrag von Eugen Ott über das bereits erwähnte
Planspiel tat ein übriges. Nun musste Schleicher trotz aller Bedenken antreten.
Auf formellen Vorschlag Papens betraute Hindenburg den General am 2. Dezember
1932 mit dem Kanzleramt.
Bei seinen Zeitgenossen galt der im Jahr 1932 fünfzigjährige Schleicher
im allgemeinen als undurchsichtiger Intrigant, als Taktierer ohne tiefgehende
Prinzipien, der sich schließlich in seinen eigenen Fallen verfing. Solche
Charakterzüge prägten sich wohl im politischen Tagesgeschäft
aus, aber der Berufsoffizier Schleicher verfolgte durchaus Grundsätze.
Während des Ersten Weltkriegs bereits, als `Mitarbeiter und enger Vertrauter
des Generalquartiermeisters Wilhelm Groener, erkannte Schleicher den Zusammenhang
von militärischen, Politischen,' sozialen und wirtschaftlichen Interessen
und wandte sich gegen die Sonderprivilegien privater Rüstungslieferanten.
Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs fungierte er als Verbindungsmann der
Obersten Heeresleitung zur sozialdemokratisch geführten provisorischen
Reichsregierung und hatte Anteil an der Festigung von deren Position.
Während der 20er Jahre folgte dann eine Karriere im Reichswehrministerium,
in der er sich beim komplizierten Krisenmanagement zur Aufrechterhaltung der
Staatsautorität, vor allem in der Phase des Ausnahmezustandes 1923, bewähren
konnte; nachdem sein Förderer Groener 1929 Wehrminister wurde, übernahm
Schleicher die Leitung des Ministerbüros, faktisch in. der Stellung eines
Staatssekretärs. Schleicher galt spätestens seit dieser Zeit als einflussreiche
Figur der Hindenburg-Kamarilla und verfügte über enge Beziehungen
zu konservativen und monarchistischen Kreisen; diese Kontakte hatte er in, seiner
politischen Schlüsselstellung seit Jahren geknüpft. Mit Kronprinz
Wilhelm duzte er sich, und auch mit dem Sohn des Reichspräsidenten, Oskar
von Hindenburg, war er vertraut. Zur NSDAP, zu den bürgerlichen Parteien
und Interessenverbänden, aber auch zu den Gewerkschaften besaß er
einige Kontakte. Eine führende Rolle erlangte Schleicher seit dem Frühjahr
1932, als er, der sich dabei mit Groener überwarf, die Regie für die
Einsetzung des Kabinetts Papen übernahm und dessen befristete Tolerierung
mit der Naziführung aushandelte. Als Wehrminister in der Regierung Papen
blieben die Integration der NS-Bewegung und eine "soziale Akzentuierung"
des Präsidialregimes Eckpunkte seiner politischen Überzeugung.
In der ersten Sitzung des neuen Kabinetts am 3. Dezember 1932 konnte der neue
Kanzler darauf hinweisen, dass es von einem großen Teil der Öffentlichkeit
als Erleichterung betrachtet werde, wenn er an Stelle von Papen Reichskanzler
geworden sei".(18) Allerdings wies die Kabinettsliste
eine recht hohe Kontinuität auf. Lediglich Wilhelm Freiherr von Gayl, mit
Papen Verfechter der erwähnten autoritären Verfassungsreformpläne,
wurde als Innenminister durch Franz Bracht ersetzt, der ohne Geschäftsbereich
schon der Papen-Regierung angehört hatte. Friedrich Syrup, Präsident
der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung,
ersetzte Hugo Schäffer, der durch die antisoziale Note der September-Notverordnung
. belastet war, als Arbeitsminister. Neu hinzu kam Günther Gereke, Präsident
des Deutschen Landgemeindetags, auf dem Posten eines Reichskommissars für
Arbeitsbeschaffung. Er wurde auf eigenen Wunsch nicht zum Minister ernannt,
um so einem eventuellen Sturz durch ein Misstrauensvotum des Reichstags entgehen
zu können. Seine Ernennung war die einzige, die auf einen konzeptionellen
Neuanfang hinwies. Ansonsten wies die Übernahme nahezu der gesamten alten
Ministerriege auf die überstürzte Kabinettsbildung hin. Der Posten
des Vizekanzlers blieb aus durchsichtigen Gründen vorerst vakant. Während
nach wie vor die Hoffnung vorhanden war, der neuen Regierung eine dauerhafte
Basis durch die Einbeziehung der NS-Bewegung, der Wehrverbände und der
Gewerkschaften zu ermöglichen, ging es zunächst um die innenpolitische
Beruhigung der Lage. Dieses Ziel schien zwei Wochen später erreicht, als
Schleicher auf einer Befehlshaberbesprechung rückblickend meinte, man habe
schon die Sorge gehabt, "dass man in wenigen Tagen gegen 9/10 des Volkes
mit M.G. auf der Straße" stehen müsste.(19)
Gegen die Regierung stellten sich zunächst nur die Sozialdemokraten und
Kommunisten, während sowohl die NSDAP, deren innerer Machtkampf noch nicht
ausgetragen war, als auch die bürgerlichen Parteien mehr oder weniger freundlich
gestimmt abwarteten.
Am 6. Dezember 1932 trat der neugewählte Reichstag zum ersten Mal für
eine viertägige Sitzungsperiode zusammen.(20) Es sollte
gleichzeitig die letzte Parlamentssession in der Weimarer Republik sein. Der
mit knapper Mehrheit wiedergewählte Reichstagspräsident Hermann Göring
trat zwar für die Respektierung des Parlaments ein und beschwor die Gefahr
einer Politisierung der Reichswehr, aber die NSDAP-Fraktion wagte noch keinen
direkten Angriff auf die Regierung des Generals. Ein Antrag des kommunistischen
Fraktionsvorsitzenden Torgeler, der "Schleicher-Regierung als einer neuen
verschärften Form der faschistischen Diktatur gegen die Arbeiterklasse"(21)
das Misstrauen auszusprechen, wurde auch von den Nazi-Abgeordneten niedergestimmt.
Mit den Stimmen von Zentrum, Bayerischer Volkspartei, SPD und NSDAP wurde schließlich
gegen die Voten der DNVP- und DVP-Abgeordneten die Aufhebung der Notverordnung
der Papen-Regierung vom 4. September in ihrem sozialpolitischen Teil gefordert.
Schließlich vertagte sich der Reichstag am 9. Dezember nach einigen weiteren
Beschlüssen auf unbefristete Zeit - bis zu einem Einberufungsbeschluss
des Ältestenrats und des Reichstagspräsidiums. Der relativ friedliche
Verlauf der Reichstagssitzung - er wurde nur von einer Tätlichkeit zwischen
Naziabgeordneten und Kommunisten gestört - hatte sich sehr von der dramatischen
Sitzung am 12. September unterschieden, als Papen das Misstrauensvotum nicht
abwenden konnte, das nahezu vom gesamten Parlament mitgetragen worden war.

Schleicher seinerseits kam dem Parlament entgegen, indem er wenige Tage später,
am 14. Dezember, dem Beschluss des Reichstags nachkam und den sozialpolitischen
Teil der Septembernotverordnung aufhob, womit die Tarifsicherheit wiederhergestellt
wurde. Einen Tag später ließ er mit einer Verordnung "Maßnahmen
zur Förderung der Arbeitsbeschaffung und der ländlichen Siedlung"
veröffentlichen. Selbst Groener und Brüning, die durch tätige
Mithilfe von Schleicher ihre Posten verloren hatten, signalisierten ihre Unterstützung
dieses Kurses einer sozialpolitischen Entspannung.
Am 15. Dezember verkündete der neue Reichskanzler seine Regierungserklärung
im Rundfunk (vgl. Dok. 3),(22) Symbol
einer Verbindung von Präsidialregime und modernem Medium (immerhin hatte
sich die Zahl der Rundfunkhaushalte von 1928 bis 1932 trotz der sozialen Not
auf 4 Millionen verdoppelt). Darin richtete er "an alle Volksgenossen"
die Bitte, in ihm "nicht nur den Soldaten, sondern den überparteilichen
Sachwalter der Interessen aller Bevölkerungsschichten für eine hoffentlich
nur kurze Notzeit zu sehen". Er sei schon zufrieden, wenn das Parlament
ihm Gelegenheit gebe, sein Programm durchzuführen:
"Dieses Programm besteht aus einem einzigen Punkt: Arbeit schaffen! Alle
Maßnahmen, die die Reichsregierung in den nächsten Monaten durchführen
wird, werden mehr oder weniger diesem einen Ziel dienen. Ich habe mich in den
letzten Wochen auf Fahrten durch die deutschen Lande davon überzeugen können,
dass den Deutschen aller Stände ausschließlich der eine Gedanke beherrscht:
Gebt uns Arbeit und damit die Hoffnung zum wirtschaftlichen Wiederaufstieg!
Alles andere interessiert uns nicht, am wenigsten Verfassungsänderungen
und sonstige schöne Dinge, von denen wir nicht satt werden."
Dieser deutliche Kontrapunkt zum innenpolitischen Papen-Kurs wurde ergänzt
durch einen Umschwung der Wirtschaftspolitik. Sicher sei es richtig, führte
Schleicher aus, dass die "Arbeitslosigkeit auf die Dauer nur durch die
Wiederbelebung der Wirtschaft bekämpft" werden könne, aber dies
werde die verzweifelten Menschen nicht trösten; neben den wirtschaftlichen
müssten in' einer solchen Situation "auch psychologische Gesichtspunkte"
zur Geltung kommen. Die Aufgabe des neuernannten Reichskommissars für Arbeitsbeschaffung
sei es, ein großzügiges Arbeitsbeschaffungsprogramm aufzustellen
und über seine Durchführung zu wachen, wobei er "bürokratischen
und sonstigen Hemmungen gegenüber die Rolle eines Schäferhundes"
übernehmen müsse.
Der Gedanke der vom Staat dirigierten Arbeitsbeschaffung war nicht neu, wurde
aber nun energisch aufgegriffen und mit einer besonderen Akzentsetzung versehen.
Der Zeitpunkt dafür war kein Zufall. Zum einen war mit der Lausanner Konferenz
Mitte 1932 das Ziel erreicht worden, mit Hilfe der Krise die Reparationslasten
endgültig abzuschütteln, so dass konjunkturpolitische Maßnahmen
nun nicht mehr einem zentralen außenpolitischen Ziel entgegenstanden.
Zum anderen war der Tiefpunkt der Krise in Sicht bzw. bereits durchschritten,
so dass solche Maßnahmen erfolgversprechend schienen. Schon im April 1932
hatte Groener als Reichswehrminister an Brüning eine Denkschrift gesandt,
die zwei parallel zu beschreitende Wege vorgeschlagen hatte: Zum einen die Vergabe
notwendiger Arbeiten (z. B. im Wegebau; Deichbau, bei. Meliorationen und in
der Siedlung) zur "Beschäftigung möglichst zahlreicher Arbeitsloser"
durch die öffentliche Hand, wobei die Aufträge in der Regel an private
Unternehmen vergeben werden sollten; zum anderen sollten dieselben Stellen notwendige
Beschaffungsaufträge an die Industrie geben, vor allem für die Belange
der Reichswehr.(23) Die als Papen-Plan bekanntgewordenen
Septembernotverordnungen hatten zwar den Grundgedanken aufgegriffen, die durch
Reduzierung staatlicher Beihilfen für Arbeitslose einzusparenden Mittel
für eine Konjunkturbelebung zu nutzen. Aber diese Mittel sollten, bis auf
eine sehr geringe Summe für öffentliche Aufträge, allein den
Unternehmen zur Belebung der privaten Initiative zugeführt werden, indem
Steuergutscheine (sog. Steueranrechnungsscheine) für die Mehreinstellung
von Arbeitskräften ausgegeben wurden, die zudem unter den bestehenden Mindesttarifen
bezahlt werden konnten. Als Schritt zur Zerschlagung des Tarifsystems von den
Unternehmerverbänden begrüßt und eine vorübergehende Börsen-Hausse
auslösend, hatte diese Maßnahme bis zum Rücktritt der Papen-Regierung
indes nur zu 75 000 Einstellungen geführt und blieb letztlich ökonomisch
wirkungslos. Während Schleicher im Herbst 1932 vorsichtig Distanz erkennen
ließ, ging der Deutsche Landgemeindetag , mit seinem Vorsitzenden Günther
Gereke auf Konfrontationskurs.(24) Der nach ihm benannte
Gereke-Plan argumentierte auf der Linie von Groener und setzte auf Vergabe von
Aufträgen durch die öffentliche Hand - und zwar zu den tariflichen
Löhnen. Die Ernennung von Gereke zum Reichskommissar für Arbeitsbeschaffung
war insofern bereits Programm. Konkrete Ausführungen hierzu sparte Schleicher
deshalb in seiner Regierungserklärung aus und überließ sie seinem
"Schäferhund" Gereke, der eine Woche später, am 23. Dezember,
im Rundfunk sprach (vgl. Dok. 4).(25)
Kern seines Sofortprogramms war die Bereitstellung von 500 Millionen RM Darlehen
- weniger als zunächst geplant - für die Ausführung öffentlicher
Aufträge; sämtliche Arbeiten sollten "volkswirtschaftlich wertvoll
und notwendig sein" und möglichst im Laufe des Jahres 1933 beendet
werden; Berücksichtigung finden sollten in erster Linie mittlere und kleinere
Betriebe in Handwerk und Gewerbe; menschliche Arbeitskraft sollte den Vorrang
vor Maschinen haben; bei den Neueinstellungen sollten nur inländische Erwerbslose,
vornehmlich "langfristig erwerbslose Familienernährer, vor allem kinderreiche",
berücksichtigt werden, die durch die Arbeitsämter vermittelt würden,
zu geltenden Tarifsätzen zu entlohnen waren und deren Arbeitszeit 40 Stunden
in der Woche nicht überschreiten sollte.
Auf dem Programm Gerekes, besonders auf dem komplizierten Mechanismus der Aufbringung
der Mittel außerhalb des staatlichen Etatbereichs durch verkappte Geldschöpfung
mit Hilfe bei der Reichsbank diskontfähiger öffentlicher Wechsel ("Mefo-Wechsel"),
basierte die spätere Arbeitsbeschaffungsoffensive des NS-Regimes. In diesem
Punkt profitierte es von der konzeptionellen Arbeit in der Zeit der Präsidialkabinette
und besonders der Schleicher-Regierung.
Arbeitsbeschaffung war der Kern, hatte Priorität im Regierungsprogramm.
Aber es wäre verfehlt, sie allein als wirtschafts- und sozialpolitische
Problematik zu verstehen. Schleicher hatte in seiner Regierungserklärung
selbst darauf hingewiesen, dass eine enge Verbindung von Arbeitsbeschaffung
und Siedlungsmaßnahmen aus militärpolitischen Erwägungen bestehe:
"Gerade auch als Wehrminister muss ich auf die Besiedlung unserer Ostmark
den größten Wert legen. Denn letzten Endes sind es noch immer die
Menschen auf eigener Scholle gewesen, die den besten Grenzwall gegen das Vordringen
fremden Volkstums abgeben." Die Zielbestimmung einer "stärkeren
Ausnutzung unseres dünn bevölkerten Ostens im Sinne der inneren Kolonisation
Friedrichs des Großen" und der Pflege des sätraditionsgemäß"
engen Verhältnisses zwischen den "Soldaten und der landwirtschaftlichen
Bevölkerung" wies deutlich auf Kontinuitäten eines preußisch-konservativen
Bewusstseins und Opferdenkens unter dem Primat des Militärischen: "
Also ein sozialer General, höre ich manchen meiner Zuhörer mit zweifelndem
oder sogar spöttischem Achselzucken sagen. Ja, meine Damen und Herren,
es hat in der Tat nichts Sozialeres gegeben als die Armee der allgemeinen Wehrpflicht,
in der Arm und Reich, Offizier und Mann in Reih und Glied zusammenstanden und
in den Wundertaten des Weltkrieges eine Kameradschaft und ein Zusammengehörigkeitsgefühl
bewiesen haben, wie es die Geschichte nicht seinesgleichen kennt." Eine
in soldatischer Disziplin zusammengeschweißte opferbereite Volksgemeinschaft
- diese soziale" Gemeinschaftsideologie zum Zweck äußeren Wiederaufstiegs
war die gesellschaftspolitische Vision des Generals.(26)

Ein Schritt in diese Richtung war die in der Regierungserklärung genannte
Heranführung der Jugend an den Staat". Dafür gebe es keine bessere
Schule als die allgemeine Wehrpflicht, in der "Selbstdisziplin, äußere
und innere Bescheidenheit und Kameradschaft" erlernt werde. Solange das
"Diktat von Versailles" dies nicht erlaubt habe, hätten andere
Mittel gefunden werden müssen. Neben den bündischen Organisationsformen
seien dies das Kuratorium für Jugendertüchtigung und die Organisation
des Freiwilligen Arbeitsdienstes (FAD) gewesen. Das Kuratorium für Jugendertüchtigung,
von Schleicher bereits 1931 gefordert und im September 1932 unter der Leitung
des Generals Joachim von Stülpnagel ins Leben gerufen, war zuständig
für die Organisation vormilitärischer Übungen; das größte
Teilnehmerkontingent stellten im November 1932, obwohl vom "Völkischen
Beobachter" als Konkurrenzorganisation beargwöhnt, SA und HJ.(27)
Der Ausbau des unter Brüning eingerichteten FAD unter Papen von 56 000
Teilnehmern im Mai auf 286 000 im November 1932 - selbst im November lag die
Relation von FAD-Teilnehmern zu Arbeitslosen freilich immer noch bei 1:20 -
basierte fast ausschließlich auf der Erfassung arbeitsloser Jugendlicher,
die meist nicht zu den Unterstützungsempfängern gehörten. Sie
von der Straße zu holen passte in das Konzept der Heranführung der
Jugend an den Staat, wobei die Freiwilligkeit nur als Durchgangsstadium für
die Einrichtung einer Arbeitsdienstpflicht gedacht war, wie sie nicht nur von
der NS-Bewegung gefordert wurde. Auch Schleicher hatte schon im Juli 1932 hierfür
plädiert.(28) In seiner Regierungserklärung kündigte
er für das kommende Frühjahr zunächst zwei Maßnahmen im
Rahmen des FAD an: ein freiwilliges Werkjahr der Abiturienten und eine freiwillige
Bauernhilfe, um die Jugend im "Geiste der Heimatliebe und der Verbundenheit
mit Volk und Staat zu erziehen". Als Perspektive und Gipfelpunkt aber wurde
von Schleicher die Verwirklichung einer allgemeinen dreimonatigen Wehrpflicht
im Rahmen einer Miliz angesehen. Diese in der Führung der Reichswehr nicht
unumstrittene Milizkonzeption, von ihm schon länger vertreten, die sich
ohne größere finanzielle Mittel verwirklichen ließ, sollte
nicht die Berufsarmee durch ein Milizheer ersetzen. Die Miliz sollte vielmehr
als Ergänzung und Vorwegnahme einer regulären allgemeinen Wehrpflicht
dienen, der bisher der Versailler Vertrag entgegengestanden hatte.(29)
Eben diese Sperre war vier Tage vor der Regierungserklärung, am 11. Dezember
1932, gefallen. In einer Fünf-Mächte-Erklärung (der USA, Großbritanniens,
Frankreichs, Italiens und Deutschlands) wurde Deutschland die prinzipielle "Gleichberechtigung"
in Rüstungsfragen zugestanden, de facto eine Aufhebung des darauf bezogenen
Teils V des Versailler Vertrags.(30) An diesem diplomatischen
Erfolg hatte Schleicher einen hervorragenden Anteil gehabt, Seit 1930 hatte
er sich darum bemüht, die Verhandlungen mit den Westalliierten um Abrüstungsfragen
dahingehend zu beeinflussen, aus den Bemühungen um Abrüstung eine
Anerkennung der Gleichberechtigung Deutschlands abzuleiten. Vom Beharren auf
einer kompromisslosen Haltung der deutschen Delegation in Genf hatte er im Juli
sein Verbleiben im Kabinett Papen abhängig gemacht; die deutsche Delegation
hatte nach der Weigerung der Westmächte, die deutsche Forderung nach Gleichberechtigung
anzuerkennen, am 23. Juli 1932 die Abrüstungskonferenz verlassen. Um die
Stagnation in den Verhandlungen zu überwinden, erklärten sich die
Westalliierten schließlich mit der Erklärung einer Sonderkonferenz
vom 11. Dezember bereit, die deutsche Gleichberechtigungsforderung prinzipiell
anzuerkennen, die dann Basis für die nächste Gesprächsrunde sein
sollte. Allerdings gab es hinsichtlich der konkreten Ausfüllung dieser
Formel weiterhin Gegensätze, erwarteten die Westmächte (allen voran
Frankreich) doch, dass Deutschland dies nicht zum Anlass einer schrankenlosen
Aufrüstung nehmen werde. Kein Jahr später löste Hitler diese
Widersprüche einseitig - mit dem Austritt aus dem Völkerbund, dem
der Beginn der gewaltsamen Revision des Versailler Vertrags folgte. Auch auf
außenpolitischein Feld konnte das "Dritte Reich" an die Erfolge
der Diplomatie der Präsidialregierungen anknüpfen, die in der Zeit
des Kabinetts Schleicher sichtbar geworden waren.
Oberste Priorität hatte für Schleicher der Gedanke, für das Präsidialregime
eine Basis in der Bevölkerung zu gewinnen. Ohne den erreichten Stand der
Entmachtung des Parlaments und der autoritären Formierung der Gesellschaft
aufzugeben, sollte das Regime populär gemacht werden. Um die zentralen
Themen der Arbeitsbeschaffung und Miliz herum sollte Unterstützung organisiert
werden, die quer zum Parteiensystem aufgebaut werden sollte. Gedacht war in
erster Linie an Gewerkschaften und Wehrverbände; auch die erstrebte Einbeziehung
der NSDAP galt nicht der Partei, sondern der Bewegung, im übrigen deren
eigenes Selbstverständnis aufnehmend. Die Besonderheit an diesem Konzept
bestand darin, gegenüber anderen "zeitgenössischen Sammlungsbewegungen
zur Unterstützung der Präsidialherrschaft ausdrücklich auch die
Freien Gewerkschaften und das Reichsbanner, also Organisationen aus dem politisch-kulturellen
Umfeld der Sozialdemokratie - aber nicht diese selbst! - einzubeziehen. Christliche
Gewerkschaften, Deutschnationaler Handlungsgehilfenverband, Stahlhelm und andere
Organisationen des bürgerlich-konservativen Lagers allein, so die Annahme,
würden für eine Verankerung einer Präsidialregierung in der Bevölkerung
nicht ausreichen. Diese strategische Zwecksetzung, die in Schleichers Reden
und Verlautbarungen kaum jemals deutlich artikuliert, allerdings in seiner Umgebung
intensiv erörtert wurde, wies in die Richtung einer endgültigen Überwindung
des Weimarer Parlamentarismus. Ziel war: ein zugleich populäres und autoritäres
Militärregime, ausgerichtet auf die Wiedergewinnung einer starken Weltgeltung.
Wichtigste Ideenwerkstatt für die "Querfront" war die im Diederichs-Verlag
erscheinende Zeitschrift "Die Tat"(31) die Ende
der 20er Jahre von einem Kreis junger, ."konservativ-revolutionär"
ausgerichteter Publizisten übernommen worden war: Hans Zehrer, Ferdinand
Fried (= Ferdinand Friedrich Zimmermann), Giselher Wirsing und Leopold Dingräve
(= Ernst Wilhelm Eschmann) bildeten die Kernmannschaft. Zehrer, der Chefredakteur,
hatte sich bereits 1929 erstmals mit Schleicher getroffen und hielt auch danach
den Kontakt zu ihm. Zehrer hatte sich auf Fragen der Staatstheorie und politischen
Strategie konzentriert. Seine vor allem auf Gedanken von Carl Schmitt und Hans
Freyer fußenden Überlegungen kreisten um die gesellschaftliche Verankerung
des fraglos befürworteten autoritären Staates, der neben "auctoritas"
und "potestas", Autorität und Macht also, auch den "Volkswillen"
zu berücksichtigen habe. Die auctoritas enthalte alle Reste des Glaubens,
dass die Obrigkeit nur von Gott sein kann, in den Jahren des Präsidialregimes
angeblich allein verkörpert durch den greisen Reichspräsidenten Hindenburg.
Die eigentliche Macht, die postestas, sei infolge der demokratischen Zersetzung
von Bürokratie und namentlich preußischer Polizei unversehrt allein
in der Reichswehr aufbewahrt. Der Volkswille, notwendige Basis von potestas
und auctoritas, setze sich aus drei Elementen zusammen, dem Religiösen,
dem Nationalen und Sozialen. Nach der Säkularisierung des Religiösen
ruhe das Schwergewicht auf dem Nationalen und Sozialen. Da das Soziale die Einheit
der gesellschaftlichen Kräfte repräsentiere, sei es dabei wiederum
das Stärkere. Nationale Kräfte, vor allem die NS-Bewegung, und soziale
Kräfte, vor allem die von der Sozialdemokratie zu lösenden Gewerkschaften,
sollten sich versöhnen und gemeinsam ein von der Reichswehr geführtes
Präsidialregime stützen.
Untermauert wurde diese politisch-ideologische Konzeption in der "Tat"
von ökonomischen und soziologischen Beweisführungen, nach denen die
gesellschaftlichen Kräfte der "Querfront" eine "Revolution
von rechts" (Hans Freyer) durch den von Proletariat und Großkapital
pauperisierten Mittelstand anzeigten. Die Weltwirtschaftskrise sei der negative
Gipfel einer dem deutschen Volk nicht wesensgemäßen kapitalistischen
Industrialisierung, des internationalen Freihandels und letztlich des rationalistisch-liberalistischen
Fortschrittsglaubens des 19. Jahrhunderts. Das bereits eingeläutete "Ende
des Kapitalismus" (Fried) sollte ` wiederum den Übergang zu einer
geordneten "nationalen Planwirtschaft" nach sich ziehen, zielte aber
tatsächlich auf eine nach kriegswirtschaftlichem Vorbild durchgesetzte
Vergrößerung des Staatseinflusses bei Aufrechterhaltung der Eigentumsstrukturen.
Die deutsche Wirtschaftsordnung der Zukunft wurde mit dem Begriff der "Autarkie"
in Zusammenhang gebracht, womit tatsächlich eine deutsche Hegemonie im
mitteleuropäischen Wirtschaftsraum ("Zwischeneuropa") gemeint
war, ein Hinweis auf die beabsichtigte Ausdehnungsrichtung des angestrebten
starken Militärstaats.
Alle Entwicklungen, die eine Verständigung im Dreieck von Reichswehr, NSDAP
und Gewerkschaften befördern konnten, wurden vom Tat-Kreis nicht nur analysiert,
sondern auch unterstützt, und zwar nicht nur publizistisch, sondern' auch
in der Anbahnung von Gesprächskontakten. Diese ergaben sich z. B. in der
Berliner Zahnarztpraxis von Hellmuth Elbrechter, eines Mitarbeiters der "Tat",
die sowohl Gregor Strasser als auch Kurt von Schleicher und übrigens auch
Heinrich Brüning aufsuchten. Elbrechter soll der Ideengeber einer aufsehenerregenden
Rede gewesen sein, die Gregor Strasser am 10. Mai im Reichstag hielt.(32)
In dieser Rede entwickelte Strasser sein Arbeitsbeschaffungsprogramm, das in
der Frage der Finanzierung, der zu fördernden Projekte sowie in dem Grundsatz
der tarifmäßigen Bezahlung dem späteren Gereke-Programm weitgehend
entsprach. Die Rede gab ganz offensichtlich nicht die übereinstimmende
Meinung in der Führung der NSDAP wieder, wurde ihr Wortlaut doch von der
Parteipresse verkürzt und verfälscht. Am meisten Aufsehen aber erregte
Strassers Differenzierung zwischen SPD und ADGB. Während die SPD als jüdisch-internationalistische
und klassenkämpferische Kraft zu bekämpfen sei, wurde das in der Tendenz
ähnliche Arbeitsbeschaffungsprogramm der Freien Gewerkschaften ausdrücklich
gelobt.
Zwei Wochen später benannte Gregor Strasser den Ansatzpunkt in einer Rede
im Münchner Zirkus Krone nochmals: "Der jüdisch-intellektualistische
Einfluss hat sich in den Gewerkschaften, die mit der Arbeiterschaft in näherer
Berührung stehen, nicht so breitmachen können wie in der Sozialdemokratie."(33)
Diese Behauptung war, eine Mischung aus Analyse realer Entfremdungserscheinungen
zwischen SPD- und ADGB-Spitze und Wunschvorstellungen des Redners. Die Publizisten
des Tat-Kreises taten in den folgenden Monaten alles, um mit einer Mischung
aus Schmeichelei und Überredung den Gewerkschaften deren angebliche Wesensverschiedenheit
von der Sozialdemokratie nahezubringen, sie zur Verständigung. mit der
NS-Bewegung zu bringen und gleichzeitig für Strasser in den internen Auseinandersetzungen
des "Braunen Hauses" Partei zu ergreifen. Vom Tat-Kreis, der mit Geldern
der Reichswehr oder des mit Schleicher verbundenen Schwerindustriellen Otto
Wolff im September 1932 auch die kleine Berliner Tageszeitung "Tägliche
Rundschau" als propagandistisches Sprachrohr übernehmen konnte,(34)
wurde die Alternative für die NSDAP im Herbst 1932 grundsätzlich wie
folgt gesehen:
"Man kann diesen Kampf um das Volk nie zu einem liberalistischen Kampf
gegen den autoritären Staat zuspitzen. Dieser Staat ist ein Fortschritt
gegenüber dem Chaos der letzten vierzehn Jahre. Es geht heute nicht um
die Form dieses Staates, es geht um seinen sozialen Inhalt. Diesen Kampf aber
kann man nur innerhalb des Rahmens dieses Staates führen und niemals gegen
die gewerkschaftlich-verbundenen Kräfte der Arbeiterschaft, zu denen man
heute noch keine Brücken geschlagen hat. Auf dem schwarz-braunen Weg wird
die NSDAP scheitern. Es wäre bedauerlich, wenn sie den rotbraunen zu spät
beschreiten sollte. "(35)
Im Januar 1932 hatten drei führende Gewerkschafter" Wladimir Woytinsky,
Fritz Tarnow und Fritz Baade, jenen Plan zur Arbeitsbeschaffung durch staatliche
Kreditfinanzierung vorgelegt, der von Gregor Strasser so gelobt wurde.(36)
Dieser nach den Initiatoren als WTB-Plan bezeichnete Vorstoß für
eine aktive öffentliche Arbeitsbeschaffung wurde von der SPD-Spitze mit
dem Argument abgelehnt, dass solche Maßnahmen von der Forderung nach der
40-Stunden-Woche ablenkten und inflationäre Gefahren heraufbeschwören
würden. Dennoch wurde der WTB-Plan auf dem Außerordentlichen Kongress
des ADGB im April 1932 zur offiziellen Gewerkschaftsprogrammatik erhoben. Die
daraus resultierende Entfremdung zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften
muss zusätzlich vor dem Hintergrund nationalistischer und sogar vereinzelter
antisemitischer Untertöne gesehen werden, die in der gewerkschaftlichen
Publizistik seit Ausbruch der Weltwirtschaftskrise zugenommen hatten.
Eine Reihe jüngerer Funktionäre des Apparats - so Franz Josef Furtwängler,
Walther Pahl, Lothar Erdmann und Hermann Seelbach - mit einigem Einfluss auf
den Vorsitzenden Theodor Leipart suchten den Meinungsaustausch mit Vertretern
des Reichswehrministeriums, der Strasser-Richtung in der NSDAP und Tat-Kreis-Leuten.
Da es sich nicht um offizielle Kontakte handelte, konnten sie auch stets dementiert
werden, wenn sie von der Presse beachtet wurden. Anders als die SPD blieb die
ADGB-Spitze selbst nach dem Preußen-Putsch gesprächsbereit. Die Gewerkschaftsspitze
(Theodor Leipart, Peter Grassmann, Wilhelm Eggert) traf sich am 30. Juli 1932
minder Regierungsspitze (Papen, Schleicher, Gayl und Erwin Planck, Staatssekretär
der Reichskanzlei). Nach den für die Sozialdemokraten enttäuschend
verlaufenen Reichstagswahlen tags darauf intensivierte der ADGB seine Mitarbeit
in der Organisation der staatlichen Arbeitsbeschaffung. Schon am 3. August stellte
sich Pahl auf Vorschlag Leiparts dem ADGB-Vorstand als Kandidat für die
zu schaffende gewerkschaftliche Zentralstelle für den FAD vor, die dann
unter dem Namen "Reichsarbeitsgemeinschaft sozialer Dienst -Hilfswerk der
Arbeiterschaft für die erwerbslose Jugend" ins Leben gerufen wurde
und besonders mit dem Reichswehrministerium eng zusammenarbeitete.(37)
Zur "Gereke-Front", in der u. a. Vertreter der Christlichen Gewerkschaften,
der NSDAP, des Stahlhelm und auch des Reichsbanners das Arbeitsbeschaffungsprogramm
des Deutschen Landgemeindetags diskutierten, wurde im August 1932 Kontakt hergestellt.
Allenthalben war in den letzten Augusttagen überall bereits von fertigen
Ministerlisten eines Kabinetts Schleicher-Strasser-Leipart zu lesen;(38)
auch die gewerkschaftliche Kritik an der Septembernotverordnung lag ganz auf
der beschriebenen Linie Gerekes. Dass von einer linksradikalen Gruppe, dem "Leninbund",
Ende 1932 gefälschte Protokolle über das erwähnte Treffender
Gewerkschaftsspitze mit den Vertretern des Papen-Kabinetts von Ende Juli und
eines angeblichen Treffens zwischen ADGB-Spitze und NS-Wirtschaftsexperten des
Strasser-Flügels am 9. September in Umlauf gebracht wurden, die derart
glaubwürdig wirkten, dass sie trotz sofortiger Dementis allgemein als wahr
unterstellt wurden und sogar Eingang in die zeitgeschichtliche Forschung fanden,
hängt mit den tatsächlich nachweisbaren Verbindungen zusammen.(39)
Im Herbst verstärkte sich der Eindruck, dass die Gewerkschaften Anschluss
an den Trend zur im Volk verankerten Militärdiktatur suchten. Theodor Leipart
hielt am 14. Oktober 1932 in Bernau eine Rede, die wiederum Gregor Strasser
einige Tage später begeistert begrüßte. In dieser Rede, die
offenbar aus der Feder Lothar Erdmanns stammte, wurde, eingebettet in eine Mischung
von demonstrativer Staatsbejahung und Bekenntnis zum deutschen Irrationalismus,
"der soldatische Geist der Einordnung und der Hingabe für das Ganze"
gefeiert.(40) Resümiert man die Gewerkschaftsentwicklung
im Jahre 1932, so war es nicht verwunderlich, dass Schleicher, der am 28. November
mit Vertretern des ADGB zusammentraf und nach deren Wünschen an ein von
ihm geführtes Kabinett fragte, den Eindruck gewinnen durfte, dass eine
Unterstützung der Gewerkschaften im Bereich des Möglichen lag. Auf
die Alternative Papen oder Schleicher angesprochen, beschwor Leipart den General
sogar, die Regierung selbst zu übernehmen: "Wenn es wirklich so steht,
dann halte ich es für meine Pflicht, Sie zu bitten, dass Sie dann annehmen
(vgl. Dok. 5)."(41)
Ein weiterer Ansatzpunkt für die "Querfront" war die Einbeziehung
des offiziell republikanisch-überparteilichen, tatsächlich aber sozialdemokratisch
geführten Wehrverbandes, des Reichsbanners, . in das Kuratorium für
Jugendertüchtigung. Auch im Reichsbanner gab es eine Reihe von Spitzenfunktionären,
für die eine enge Zusammenarbeit mit der Reichswehr hohen Vorrang besaß,
angefangen beim Vorsitzenden Karl Höltermann. Auch hier gab es eine gewisse
geistige Nähe zu nationalistisch-soldatischen Ideologien. Über die
Beteiligung am Stülpnagel-Kuratorium musste es zum Konflikt zwischen Reichsbanner
und SPD-Parteivorstand kommen, denn die Teilnahme am Wehrsport als Element der
milizvorbereitenden . Maßnahmen wurde als endgültige öffentliche
Anerkennung auch der damit verbundenen innenpolitischen Regierungsmaßnahmen
gewertet. In der Sitzung des Parteiausschusses am 10. November 1932 stießen
die gegensätzlichen Auffassungen aufeinander. Die Reichsbannerführung
hatte ihrerseits die Unterstützung des ADGB-Vorstandes, der seine Linie
zuvor festgelegt hatte: "Wir sollten auf die Partei einwirken, dass sie
ihren Widerstand fallen lässt. Überhaupt sollte sie eine Schwenkung
der Reichswehr gegenüber vornehmen."(42) In der
Parteiausschusssitzung wurde diese Position von der Mehrheit heftig kritisiert.
Otto Wels befürchtete sogar eine Spaltung der Sozialdemokratie im Falle
einer Reichsbanner-Beteiligung am Kuratorium.(43) Wenn dies
das Reichsbanner nicht daran hinderte, zwei Tage später auf einer Gauführertagung
erneut die Bereitschaft zur Mitarbeit im Kuratorium zu erklären, so wird
daran die schwindende Autorität der Partei deutlich, der gegenüber
man sich auf den ADGB-Vorstand berufen konnte.
Nachdem es in den letzten Novembertagen trotz größter Anstrengungen
der Emissäre Schleichers nicht gelang, Hitler doch noch zu einem Kabinettseintritt
oder zumindest einer Tolerierung der Regierung des Generals zu bewegen (unter
dramatischen und bisher nicht vollständig geklärten Umständen
wurde ein persönliches Gespräch zwischen Schleicher und dem Naziführer
in der Nacht vom 29. auf den 30. November verhindert(44),
fiel kurz nach Antritt der neuen Regierung die endgültige Entscheidung
in. der NSDAP-Führung über den künftigen Kurs. Die katastrophale
finanzielle Situation der Partei nach den verlorenen Reichstagswahlen vom November
1932, sich häufende Parteiaustritte und eine erneute schwere Niederlage
bei den Gemeindewahlen in Thüringen am 4. Dezember, bei welcher die Nazis
nahezu die Hälfte ihrer dort im Sommer erreichten Stimmen einbüßten,
festigten die Überzeugung Gregor Strassers, der für den Eintritt in
die Regierung des Generals warb. In diesen Tagen war der Reichsorganisationsleiter
der NSDAP auf dem höchsten Gipfel seiner innerparteilichen Macht angelangt.(45)
Anders als es in zahlreichen zeitgeschichtlichen Darstellungen verbreitet wird,
handelte Gregor Strasser aber nicht gegen Hitler oder hinter dessen Rücken,
sondern kämpfte um dessen Zustimmung, während andere Paladine ihn
ebenso hartnäckig davon zu überzeugen suchten, dass der kompromisslose
Kurs der Partei beizubehalten sei.

Auf einer Reichsführertagung der NSDAP in Berlin am 4. und 5. Dezember
kam es zu heftigen Auseinandersetzungen. Strasser, der sich am Abend des 4.
Dezember mit Schleicher getroffen hatte, glaubte nun an eine Durchsetzung seiner
Position, die vor allem in der Reichstagsfraktion viele Anhänger besaß,
und akzeptierte das Angebot Schleichers, als Vizekanzler in die Regierung einzutreten.
Doch wenige Tage später hatte sich das Blatt offenbar wieder zu seinen
Ungunsten gewendet. Am B. Dezember schickte Strasser einen an Hitler persönlich
gerichteten Rücktrittsbrief in das Hotel Kaiserhof, das Berliner Quartier
der NSDAP-Führungsriege in jenen Tagen (vgl. Dok. 6).(46)
Als Gründe für seinen Rücktritt nannte er in erster Linie den
starrsinnigen Kurs, daneben Einmischungen Hitlers in seine Belange als Reichsorganisationsleiter.
Zugleich betonte er, nicht zum Zentrum einer Oppositionsgruppe in der Partei
werden zu wollen; deshalb werde er sich für einige Tage ins Ausland begeben.(47)
Dennoch verursachte der Brief Strassers offenbar höchste Unruhe in Hitlers
Umgebung. In den sicherlich im nachhinein überarbeiteten Erinnerungen von
Goebbels `an die "Kampfzeit" der NS-Bewegung, die im "Dritten
Reich" einige Dutzend Auflagen erlebten, kommt die Dramatik dieses Tages
aus der Sicht eines Anhängers der kompromisslosen Linie in der Regierungsfrage
plastisch zum Ausdruck:
"8. Dezember 1932.
In der Organisation herrscht schwere Depression. Die Geldsorgen machen jede
zielbewusste Arbeit unmöglich.
Es laufen Gerüchte um, dass Strasser eine Palastrevolution plane. Wie sie
im einzelnen verlaufen soll, konnte ich noch nicht erfahren. Man ist innerlich
so wund, dass man nichts sehnlicher wünscht, als für ein paar Wochen
aus all diesem Getriebe zu entfliehen.
Mittags platzt die Bombe: Strasser hat an den Führer einen Brief geschrieben,
in dem er ihm mitteilt, dass er seine sämtlichen Parteiämter niederlege.
Er gibt dafür ganz faule und indiskutable Beweggründe an. Man müsse
die Partei an den Staat führen, es sei jetzt der Augenblick gekommen, einzulenken,
die Bewegung verbrauche sich in nutzloser Opposition, er könne diesen Kurs
nicht mehr gutheißen und lehne die Verantwortung dafür ab. .
Natürlich sind all diese Gründe nicht stichhaltig. Sie beweisen nichts
als höchstens, dass bei Strasser der Drang zum Ministeramt stärker
ist als die Treue zum Führer und zur Partei.
Man liest aus der ganzen Argumentation Schleichers Gedankengänge unschwer
heraus.
Die Inspekteure der Partei sind beim Führer versammelt. Alle sind in sehr
gedrückter Stimmung. Der Unmut und die Empörung der gesamten Parteiführung
richtet sich gegen Strasser und seinen Adjutanten Oberleutnant Schultz. Abends
ist der Führer bei uns zu Hause. Es will keine rechte Stimmung aufkommen.
Wir sind alle sehr deprimiert, vor allem im Hinblick darauf, dass nun die Gefahr
besteht, dass die ganze Partei auseinander fällt und alle unsere Arbeit
umsonst getan ist.
Wir stehen vor der entscheidenden Probe. Jede Bewegung, die an die Macht will,
muss sie bestehen. Sie kommt meist kurz vor dem entscheidenden Sieg und ist
ausschließlich eine Sache der Nerven.
Wir dürfen jetzt den Kopf nicht hängen lassen; wir werden schon Mittel
und Wege finden, diese verzweifelte Situation zu überwinden. Ausschlaggebend
bleibt nur, dass wir uns nicht selbst verlassen.
Anruf von Dr. Ley: Die' Lage in der Partei spitzt sich von Stunde zu Stunde
zu. Der Führer muss augenblicklich wieder in den Kaiserhof zurück.
Um 2 Uhr nachts werde ich wieder von dort aus angerufen. Ich fahre gleich herunter
und treffe Himmler schon dort an. Die Morgenausgabe der Täglichen Rundschau`
bringt einen Artikel, in dem der bis dahin geheimgehaltene Rücktritt Strassers
von seinen Parteiämtern ausposaunt wird mit ausführlicher Darlegung
aller Gründe; diese können nur von ihm selbst inspiriert sein. Hier
wird Strasser als der große Mann der Partei ausgegeben, der einzig und
allein in der Lage ist, die Bewegung aus ihrer heillosen Verwirrung wieder herauszulavieren.
Der Artikel läuft auf nichts anderes heraus, als Strasser an Hitlers Statt
zum Führer der Bewegung zu machen. Öffentlich lässt Strasser
verlautbaren, dass er in Urlaub gefahren sei. Sein Brief an den Führer
ist der Höhepunkt einer dialektischen Rabulistik. Uns steht allen der Verstand
still vor so viel Niedertracht. Verrat! Verrat! Verrat! "(48)
Trotz dieser überlieferten Melodramatik handelte Hitler offenbar in dieser
Situation umsichtig. Er ließ sich noch am 8. Dezember von seinen im Kaiserhof
versammelten Unterführern die Treue schwören. In den folgenden Tagen
sprach er auf einer` Reihe von sogenannten "Amtswaltertagungen" in
verschiedenen Städten zu `den` Nazi-Funktionären.(49)
Direkte Angriffe auf Strasser unterblieben dabei, wusste Hitler doch immer noch
nicht, dass das Reichswehrministerium von dem Rücktritt Strassers genau
so überrascht worden war wie er selbst. In einer schwierigen politischen
Situation, die eine Offensive gegen die Regierung nicht erlaubte, blieb die
NSDAP auch in den folgenden Tagen. Andererseits war mit der Lösung der
"Strasser-Krise" im Sinne des Festhaltens an der Forderung nach der
Kanzlerschaft Hitlers eine zentrale Voraussetzung der Regierung Schleicher,
erfolgreicher als ihre Vorgängerin die Nazipartei integrieren zu können,
entfallen. Die Gewinnung der Freien Gewerkschaften für eine "Querfront"
hatte von vornherein die Schwächung und Ausschaltung der Sozialdemokratie
zur Voraussetzung: Die SPD war eine entscheidende Stütze der parlamentarischen
Demokratie, von der sich die konservativen Machteliten, allen voran die Reichswehrführung,
seit 1930 immer weiter entfernt hatten und zu der man keinesfalls zurückkehren
wollte. Für eine völlige Herauslösung der Gewerkschaften und
des Reichsbanners aus dem Einflussbereich der Sozialdemokratie aber fehlten
trotz der erwähnten Entfremdungserscheinungen zwischen den Spitzengremien
doch die Voraussetzungen. Zum einen gab es in den Gewerkschaften durchaus kritische
Stimmen zum Kurs der ADGB-Zentrale, etwa aus der Gewerkschaftsführung der
Bauarbeiter oder der Angestellten (AfA), zum anderen gab es vielfältige
enge lokale und personelle Verbindungen zwischen SPD, Reichsbanner und ADGB.
Zwar existierte auch in der SPD, etwa um die Zeitschrift "Neue Blätter
für den Sozialismus", eine ideologische Strömung, die "signifikante
Übereinstimmungen"(50) zum Tat-Kreis aufwies. Aber
Schleicher war eben nicht an einer Veränderung der Sozialdemokratie gelegen,
diese Partei kam in seiner. Zukunftsperspektive gar nicht mehr vor. eine Hoffnung
bestand eher darin, durch die Dynamik der "Querfront"-Aktivitäten
die Sozialdemokraten zumindest soweit unter Druck setzen zu können, dass
sie die Unterstützung der Regierung durch Gewerkschaften und Wehrverbände
nicht zu behindern wagten.
Am 28. November war Schleicher nicht nur mit den Führern der Gewerkschaften
zusammengetroffen, sondern auch mit dem SPD-Vorstandsmitglied Rudolf Breitscheid.
Schleicher ging es hier nicht um eine Tolerierung durch die SPD; er fragte aber,
"ob es denn keine Möglichkeit gäbe, wenigstens zunächst
zu verhindern, dass der Reichstag am ersten Tag wieder auffliege". Breitscheid
antwortete, es sei für die SPD "natürlich auch wesentlich angenehmer,
wenn wenigstens eine Debatte im Reichstag zu ermöglichen wäre".
Wesentlicher Hinderungsgrund für ein positives Verhältnis zur Regierung
sei aber die schwelende Preußen-Frage. Schleicher zeigte sich konziliant
und stimmte zu, "dass der gegenwärtige Zustand und die Art, wie er
herbeigeführt würde, unmöglich sei", wofür er vor allem
den' früheren Innenminister Gayl als verantwortlich bezeichnete.(51)
In der Sache machte Schleicher zwar keine Zugeständnisse, zumindest aber
wurde die Kraftprobe bis zu einem Gespräch zwischen dem preußischen
Ministerpräsidenten Otto Braun und Schleicher, das am 6. Januar 1933 stattfand,
vertagt. Zwischenzeitlich gab es in der SPD allein einen taktischen Streit um
die Frage, ob man offen, erklären sollte, "lasst Schleicher arbeiten",(52)
oder ob man die offizielle Oppositionshaltung durch einen Misstrauensantrag
unterstreichen sollte,' darauf bauend, dass dieser nicht angenommen würde.-,
In der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion sprachen sich ca. 20 Abgeordnete
gegen einen solchen Misstrauensantrag aus, unter ihnen Carl Severing, Rudolf
Hilferding und Peter Graßmann, unterlagen aber der Mehrheit. Der Misstrauensantrag
der SPD wurde erwartungsgemäß im Reichstag abgelehnt. Die sozialdemokratische
Parteiführung drängte nun insgesamt darauf, Geschlossenheit zu demonstrieren.
Am 16. Dezember wurde im Parteiausschuss auch die widerstrebende Reichsbannerführung
zum Verzicht auf eine Beteiligung am Stülpnagel-Kuratorium bewogen. (53)
Zum letzten Versuch eines Übereinkommens zwischen Schleicher und der SPD
kam es, als dieser sich am 6. Januar 1933 mit dem preußischen Ministerpräsidenten
Otto Braun traf. Braun machte folgenden Vorschlag: ,,Heben Sie die Verordnung
über den Reichskommissar in Preußen auf. Ich will dann ohne Rücksicht
auf meine Gesundheit die Führung der Staatsgeschäfte wieder fest in
die Hand nehmen. Sie lösen den Reichstag auf, ich führe die Auflösung
des Landtags herbei. Wir schieben die Wahlen bis weit in das Frühjahr hinaus,
regieren inzwischen mit Verordnungen und führen einen einheitlichen nachdrücklichen
Kampf gegen die Machtansprüche der Nationalsozialisten."(54)
Schleicher ging auf diesen Vorschlag nicht ein und antwortete ausweichend. Dies
war aus seiner Sicht folgerichtig. Ein Zurückgehen hinter die einmal vollzogene
Neuordnung des Reich-Länder-Verhältnisses, die Ausschaltung der parlamentarischen
Bastion Preußen, kam für ihn nicht in Frage, er wollte nicht die
SPD integrieren, sondern lediglich deren Tolerierung gewinnen, um Zeit für
die Realisierung der eigenen politischen Ziele zu gewinnen. Die SPD-Führung
änderte nach dem Scheitern der Bemühungen Brauns um eine Verständigung
ihre zwiespältige Oppositionshaltung nicht. Der Vorwurf von Otto Wels,
Schleicher diffamiere die Sozialdemokratie, blieb aufrechterhalten, verbunden
mit der scharfen Warnung. vor einer Rückkehr Papens. Die Freien Gewerkschaften
wiederum betonten im Januar 1933, bei aller Unterstützung der Arbeitsbeschaffungspolitik
Gerekes, dass es keine Differenzen zur Sozialdemokratie gäbe.(55)
Lediglich die Kommunisten, die das Kabinett als weiteren Schritt zur "Faschisierung"
ansahen, hatten sich bedingungslos gegen Schleicher gestellt. Die Sozialdemokratie
und die NS-Bewegung, jeweils aus unterschiedlichen Gründen öffentlich
auf ihrer Oppositionsstellung beharrend, gingen gegen die Regierung jedenfalls
im Dezember. 1932 nicht in die Offensive. Alle anderen Parteien, Gewerkschaften
und sonstigen politischen Organisationen verhielten sich, mehr oder weniger
sympathisierend eingestellt, abwartend.
Das Zentrum stand der Regierung positiv, wenn auch nicht ohne Misstrauen, dann
zunehmend aufgeschlossener gegenüber, zumal sich Brüning für
Schleicher einsetzte, weil er von ihm eine Beseitigung der Papen-Notverordnung
erwartete.(56)
Eine entscheidende Stellungnahme für die Regierung des Generals erfolgte
von der Jugendorganisation des Zentrums und von den Christlichen Gewerkschaften,
denen in den Überlegungen zur Bildung einer "Querfront" eine
tragende Rolle zukam.(57) Abwartend verhielten sich die in
Erosion befindlichen beiden liberalen Parteien, die weit nach rechts gerückte
Deutsche Volkspartei und die ehemals linksliberale Staatspartei, in denen Schleicher
jeweils seit den 20er Jahren Ansprechpartner besaß. Zu nennen ist besonders
der Vorsitzende der Volkspartei, Eduard Dingeldey, der ausgezeichnete Kontakte
zum General hatte. Die liberalen Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften waren wiederum
als weiteres Element der Querfront" von Interesse.
Im konservativen Lager besaß Schleicher die Sympathien der kleinen abgespaltenen
Gruppen, die sich seit dem Ende der 20er Jahre von der Deutschnationalen Partei
gelöst hatten, seitdem dort Alfred Hugenberg seinen kompromisslosen alldeutsch-sozialreaktionären
Kurs diktatorisch durchgesetzt hatte. Aber diese Grüppchen (Volkskonservative,
Deutsche Bauernpartei, Christlich-Sozialer Volksdienst u. a.) hatten ihren Einfluss,
den sie in besonderem Maße in den ländlichen Gebieten und namentlich
im Reichslandbund besessen hatten, zwischenzeitlich weitgehend zugunsten der
NS-Bewegung eingebüßt.
Der bei weitem größere Teil des politisch organisierten Rechtskonservatismus,
Hugenbergs Deutschnationale, wartete gleichfalls ab. Allerdings hatte Hugenberg
gegenüber dem Reichspräsidenten Hindenburg im Herbst 1932 hinreichend
deutlich gemacht, dass seine Sympathie der Papen-Lösung gegolten hatte,
einem Staatsstreich mit klarem antiparlamentarischem Kurs.(58)
Das Abwarten der DNVP gegenüber Schleicher war insofern lediglich taktisch
bestimmt. Bei der übermächtigen Konkurrenz der NSDAP durfte man sich
nicht zu früh mit der Regierung überwerfen, sondern musste versuchen,
"nach Möglichkeit zeitlich vor den Nationalsozialisten sich im gegenwärtigen
Präsidialkabinett eine Position zu sichern" (59)
Die Position der überparteilichen rechten Verbände - vor allem des
Stahlhelm - folgte dem Kurs der Deutschnationalen, obwohl Schleicher auch hier
über einige eifrige Anhänger verfügte, wie z. B. Erich Lübbert,
der für den Stahlhelm an den von Gereke organisierten Gesprächen über
Arbeitsbeschaffung im Herbst teilgenommen hatte.
Papen konnte im Herbst 1932 eine breite, z. T. begeisterte Zustimmung der Industriellen
und Bankiers für seine Notverordnungen registrieren. Die Aushöhlung
des Tarifsystems und die direkte Unterstützung für die privaten Großunternehmer
hatten im Reichsverband der Industrie (RDI) nahezu ungeteilten Beifall gefunden.
Andererseits wuchs bald wieder die Besorgnis wegen der als sozialrevolutionär
empfundenen Streikwelle, die in Reaktion auf diese Politik sich erhob. Es ist
sehr viel über das Verhältnis von Unternehmerinteressen, Staat und
NSDAP am Ausgang der Weimarer Republik geschrieben worden, ohne bislang gänzlich
Klarheit in die Geschehnisse bringen zu können. Unstrittig ist wohl, dass
Ende 1932 wenigstens drei verschiedene Fraktionen und Reaktionen auf die Regierung
Schleicher im Lager der Großindustriellen zu erkennen sind. Da gab es
zum einen eine Minorität besonders krisenbetroffener schwerindustrieller
Magnaten, die energisch für die Kanzlerschaft Hitlers eintraten (z. B.
Thyssen). Zum anderen gäbe es die überwiegende Mehrheit der Unternehmer,
die Papen unterstützt hatten, wie z. B. der Schwerindustrielle Paul Reusch.
Sie sahen voller Misstrauen auf Schleichers Bemühungen, die Gewerkschaften
zur Mitarbeit zu bewegen und die Notverordnungen seines Vorgängers zu revidieren.
Die öffentlichen Arbeitbeschaffungsmaßnahmen wurden von vielen Unternehmern
als staatsinterventionistische Gefahr beargwöhnt, und insgesamt befürchtete
man einen Stillstand des unter Papen begonnenen Abbaus der politischen Demokratie.
Sehr klein war offenbar die dritte Fraktion, die Gruppe der Befürworter
einer stärkeren Staatstätigkeit. Zu nennen ist der eng mit Schleicher
verbundene Schwerindustrielle Otto Wolff, aber auch der rheinische Schwerindustrielle
Paul Silverberg.(60) Außerdem aber sahen viele Unternehmer
die Schleicher-Regierung zumindest für die notwendige innenpolitische Beruhigung
als unumgänglich an. Ergebnis der widerstreitenden Positionen war zunächst
der Versuch des RDI und des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT), auf
die Regierung Schleicher einzuwirken und eigene Positionen einzubringen, die
sich gegen die Fronde der "Querfront"-Aktivisten richteten. Der DIHT
verlangte in einem Brief an den neuen Reichskanzler am B. Dezember 1932, am
Wirtschaftsprogramm der Papen-Regierung "im wesentlichen festzuhalten".(61)
Auf der Hauptausschusssitzung des RDI am 14. Dezember 1932 forderte der
Vorsitzende Krupp, auf jegliche "kredit- und währungspolitischen Experimente"
zu verzichten.(62) Dieser Strategie, auf eine Kontinuität
der Wirtschaftspolitik zu dringen, kam es entgegen, dass das Kabinett und noch
mehr die nachgeordnete Ministerialbürokratie Anfang Dezember fast ausnahmslos
mit dem gleichen Personal weiterarbeiteten: So wurde nicht zuletzt durch die
Aktion des Wirtschafts- und des Finanzministers das Volumen des Sofortprogramms
für Arbeitsbeschaffung, das Gereke kurz vor Weihnachten verkündete,
beträchtlich gekürzt und dieser Initiative ein Teil ihrer Signalwirkung
genommen, eine nicht unwichtige Schwächung der Regierung.
Eine auf die Macht der Reichswehr gestützte populäre Präsidialregierung,
die Konstruktion einer unterstützenden "Querfront" aus NS-Bewegung,
Gewerkschaften und Wehrverbänden hinein bis in das Lager der Sozialdemokratie
- bei gleichzeitiger Isolierung der SPD - hatte sich nicht verwirklichen lassen.
Dies wurde schon sehr bald deutlich, spätestens durch den Ausgang der "Strasser-Krise"
der NSDAP am B. Dezember. Andererseits war eine gewisse innenpolitische Beruhigung
eingetreten, die dem neuen Kabinett gutgeschrieben wurde. Die Aussichten für
die Regierung Schleicher im neuen Jahr wurden nicht ohne Optimismus gesehen.
Die saisonbedingte winterliche Zunahme der Arbeitslosigkeit erreichte nicht
mehr ganz das Ausmaß des Vorjahres, auch wenn sie immer noch 6 Millionen
Menschen umfasste, und die Industrieproduktion ging nicht weiter zurück.
Der Hoffnung, den tiefsten Punkt der Krise durchschritten zu haben, wurde in
zahlreichen Zeitungen Ausdruck gegeben. In einem Brief an seinen "lieben,
jungen Freund" versicherte Hindenburg seinem' Reichskanzler "seine
größte Zufriedenheit mit der Regierungsführung". Die Bedrohung
durch die NSDAP schien vorüber zu sein. In der "Frankfurter Zeitung"
hieß es zum Neujahrstag 1933: "Der gewaltige nationalsozialistische
Angriff auf den Staat ist abgeschlagen."

Völlig überrascht wurde Schleicher aber nur wenige Tage später,
am 5. Januar 1932, von einer Meldung der ihm nahestehenden "Täglichen
Rundschau", deren Reporter Papen und Hitler tags zuvor an einem geheimen
Konferenzort in Köln aufgespürt hatten. Dieses Treffen war bereits
am 16. Dezember am Rande eines Vortrags von Papen im Berliner Herrenklub durch
den Bankier Kurt von Schroeder, der über gute Kontakte zu Hitlers Wirtschaftsberater
Wilhelm Keppler verfügte, angebahnt worden - fest terminiert wurde es kurz
nach Weihnachten.(63) Papen hatte gegenüber Schroeder
angedeutet, dass Schleicher dafür verantwortlich gewesen sei, dass die
Gespräche zwischen Hitler und dem Reichspräsidenten im August 1932
mit einer Abfuhr der NSDAP geendet hatten; er, Papen, habe die Integration der
NS-Bewegung hingegen ehrlich angestrebt.
Über Verlauf und Ergebnis des nicht geheim gebliebenen Gesprächs zwischen
dem Vorgänger und dem Nachfolger Schleichers am 4. Januar - im Nebenzimmer
warteten Kurt von Schroeder und aus der Begleitung Hitlers Rudolf Hess, Heinrich
Himmler und Wilhelm Keppler - gibt es abweichende Darstellungen Papens und Schroeders.
Papen beschrieb es in seinen Memoiren später so, als hätte er den
Naziführer doch noch, völlig uneigennützig, zum Eintritt in die
bestehende Reichsregierung bringen wollen. Zu dieser Version passt allerdings
nicht die Geheimhaltung des Treffens, das nach Schroeders Aussage zunächst
die Beilegung früherer Differenzen brachte und ferner Übereinstimmung
darüber, weiter über eine Präsidialregierung zu beraten, in der
sowohl die Nazis als auch die Deutschnationalen vertreten sein sollten, ohne
dass schon über die Führung eines solchen Kabinetts näher gesprochen
worden wäre.
Diese Version wird durch den Fortgang der Angelegenheit gestützt. Papen
berichtete zwar am 9. Januar 1933 dem Reichspräsidenten von seinem Gespräch
und hatte zuvor auch mit Schleicher eine Unterredung.(64) Aber
nur einen Tag später traf er in der Nacht erneut mit dem Führer der
NSDAP zusammen, diesmal in der Berlin-Dahlemer Villa von Joachim von Ribbentrop,
den Papen vom Ersten Weltkrieg her kannte. Am 12. Januar traf man sich am gleichen
Ort zum Mittagessen, Auftakt für eine ganze Serie weiterer Treffen, in
die immer mehr Interessenten einer Ablösung Schleichers, auch aus dem Unternehmerlager,
einbezogen wurden. Von seiten Papens waren schon nach dem ersten Treffen mit
Hitler am 7. Januar Fritz Springorurn, Albert Vögler und andere Vertreter
der westdeutschen Schwerindustrie in Dortmund informiert worden. Die NSDAP war
wieder "im Spiel", und Papen galt nun als Beauftragter des Reichspräsidenten
zur Sondierung eines neuen Kabinetts unter Einschluss der NS-Bewegung.(65)
Von allen wesentlichen politischen Kräften isoliert, waren die Tage der
Regierung Schleicher nun gezählt. Zum Angriffsfeld derb reiten Rechtsfront
gegen Schleicher wurde die Agrarpolitik. Die internen Widersprüche der
Regierung waren nur allzu bekannt. Bevor Wirtschaftsminister Hermann Warmbold
und Landwirtschaftsminister Magnus von Braun überhaupt weiter am Kabinettstisch
Platz nehmen durften, hatten sie sich über die widerstreitenden Interessen
zwischen Einfuhrkontingentierungen oder höheren Zöllen zum Schutz
der ostelbischen Großlandwirtschaft und den industriellen Interessen an
freiem Außenhandel verständigen müssen. Dabei hatte Braun in
einigen Punkten nachgeben müssen, aber das zähe Ringen ging weiter.
Am 5. Januar hatte Braun sogar seinen Rücktritt für den Fall angedroht,
dass sich die Linie durchsetze, ganze Zweige der Landwirtschaft für die
Exportindustrie zu opfern"(66)
Am 11. Januar 1933 erschien das Präsidiums des Reichslandbundes (RLB) bei
Hindenburg und führte bittere Beschwerde über die angebliche Untätigkeit
der Regierung in der Schutzzollpolitik. In einer dramatischen Aussprache mit
Schleicher soll Hindenburg klar seine Parteinahme für die Beschwerdeführer
ausgedrückt haben: "Ich ersuche Sie, Herr Reichskanzler von Schleicher,
und als alter Soldat wissen Sie ja, dass das Ersuchen nur die höfliche
Form eines Befehls ist, dass noch heute nacht das Kabinett zusammentritt, Gesetze
in dem dargelegten Sinne beschließt und mir morgen vormittag zur Unterschrift
vorlegt. Und nun wollen wir uns noch einmal die Hand geben."(67)
Noch während dieses Gesprächs, an dem neben Schleicher auch Warmbold
und Braunteilnahmen, veröffentlichte der RLB eine Presseerklärung,
in der dem Kabinett die Verantwortung für die Verelendung der Landwirtschaft
zugunsten der international eingestellten Exportinteressen und ihrer Trabanten"(68)
zugewiesen wurde.
Während die Regierung daraufhin alle Kontakte zum RLB abbrach, stellte
sich Hindenburg, der sich junkerlichen Kreisen stets solidarisch verbunden fühlte
und von diesen mit nicht unbeträchtlichen Gratifikationen bedacht wurde,(69)
wie schon in der Besprechung am 11. Januar hinter diesen Angriff. Eben dies
war bezweckt gewesen, und angesichts der starken Präsenz der NSDAP in der
Führung des RLB wird man davon ausgehen können, dass der Vorstoß
nicht selbständig geplant gewesen war. Er gab der Naziführung die
Gelegenheit, die Kaltstellung Schleichers zu betreiben, ohne damit im Falle
eines Misserfolgs identifiziert zu werden. Entsprechend solidarisierte sich
die NSDAP mit dem RLB öffentlich, während sich gleichzeitig der einflussreiche
Keppler-Kreis in der Partei mit Hitler in der Ablehnung der protektionistischen
Landwirtschaftspolitik einig wußte.(70) Interessanterweise
kam Schleicher auch der RDI nicht zu Hilfe. Dieser nahm zwar Stellung gegen
die antiindustriellen Ausfälle des RLB, folgte aber nur wenige Tage später
mit einer eigenen regierungskritischen Stellungnahme.
In diesem Punkt glich die Lage des Schleicher-Kabinetts im Januar 1933 der Schlussphase
der Regierung Brüning: Das Kampffeld der Agrarpolitik wurde von den Kabinettsgegnern
bewusst gewählt, um vor allem die Hindenburg-Kamarilla zu einer Auswechslung
der Regierung zu bewegen. Neben dem RLB-Konflikt war Hindenburg besonders verärgert
über die Behandlung der Osthilfe im Haushaltsausschuss am 13: Januar 1933,
bei der die Aufdeckung zahlreicher Fälle unberechtigter Subventionierung
bankrotten Großgrundbesitzes drohte, die auch Hindenburgs Ruf gefährdeten.
Wieder wurde von seiten der ostelbischen Junker der Vorwurf des "Agrarbolschewismus"
gegen die Regierung laut.(71) Am 13. Januar scheiterten auch
Verhandlungen, die von Schleicher mit Hugenberg, von diesem wohl hauptsächlich
aus taktischen Gründen, über den Eintritt in das Kabinett als Wirtschaftsminister
geführt worden waren. Wenige Tage später ging die DNVP offen auf die
Seite der Regierungsgegner über.
Für den 15. Januar waren in dem Kleinstaat Lippe die regulären Landtagswahlen
anberaumt worden. Lediglich 100 000 Wähler waren zum Urnengang aufgerufen,
aber die NSDAP warf alle ihre propagandistischen Kräfte in diesen Wahlkampf,
sah sie doch die Chance, das gesunkene Selbstvertrauen aufzurichten, den erneuten
Aufschwung der Partei zu beweisen und damit ihren Kurswert in den Verhandlungen
mit Papen und anderen Gegnern Schleichers zu steigern.(72)
Das Ergebnis ergab einen Zugewinn von 4,8 Prozent gegenüber den Reichstagswahlen
vom November 1932, hauptsächlich auf Kosten der DNVP, aber einen bei weitem
geringeren Stimmenanteil als bei den Reichstagswahlen im Juli 1932. Dennoch
wurde der "Sieg" in der NS-Presse gebührend herausgestellt. Am
16. Januar gelang es Hitler außerdem auf einer Gauleiter-Tagung in Weimar,
"die "Strasser-Krise" weitgehend zu bereinigen. Die NSDAP hatte
sich damit zusehends erholt, und Goebbels triumphierte: "Das Kabinett Schleicher
ist von allen Vernünftigen bereits aufgegeben."(73)
Die wahrlich nicht günstige Situation wurde in der Ministerbesprechung
am 16. Januar ausführlich erörtert (vgl. Dok. 7).
Alle Hoffnungen auf eine gesellschaftliche Verankerung der von der Reichswehr
geführten Präsidialregierung waren Mitte Januar 1933 zerstoben. Nach
der ergebnislosen Unterredung mit dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten
Otto Braun, der Formierung der Papen-Hitler-Fronde sowie den Angriffen des RLB
wandte sich auch der Interessenverband der Großindustriellen, der RDI,
gegen Schleicher. In der Präsidiumssitzung des RDI am 19. Januar wurde
bedauert, "dass von der Politik her neue Unruhe in die Wirtschaft getragen
wird". Der RDI forderte nun energisch neue Möglichkeiten der Tarifunterschreitung
und damit eine vollständige Rückkehr zur Linie Papens.(74)
Am 21. Januar gingen auch die Deutschnationalen zur offenen Opposition über.
In einer Entschließung warf ihre Reichtagsfraktion der Regierung in der
Wirtschaftspolitik "einneues Abgleiten in sozialistisch-internationale
Gedankengänge" vor, befürchtete insgesamt eine "Liquidation
des autoritären Gedankens" und forderte schließlich "eine
vollständige Neubildung des Kabmetts.(75) Am 22. Januar
wurde ein-selbstverständlich wieder konspiratives - Treffen zwischen Hitler
und dem in der Umgebung des Reichspräsidenten einflussreichen Sohn Hindenburgs,
Oskar von Hindenburg, arrangiert. Mit diesem Gespräch sollten noch vorhandene
Vorbehalte gegen eine Betrauung Hitlers mit der Kanzlerschaft ausgeräumt
werden. Auch Papen versprach, sich dafür beim Reichspräsidenten zu
verwenden, Schleicher, der von diesem vertraulichen Treffen im Hause Ribbentrops
erfahren hatte, sprach am nächsten Tag bei Hindenburg vor. Er verlangte
Vollmacht zur Auflösung des Reichstags und zur Erklärung des Staatsnotstands,
um NSDAP und KPD zu verbieten. Hindenburg erinnerte den General an dessen eigene
Argumentation gegen entsprechende Pläne Papens von Anfang Dezember, die
zur Demission seines Vorgängers geführt hatte. Schleicher führte
demgegenüber an, dass durch den günstigen Stand der Abrüstungsverhandlungen
beim Eingreifen einer- durch Freiwillige verstärkten Reichswehr kein Widerspruch
der Westmächte zu" befürchten sei. Innenpolitisch sei zumindest
von einer Duldung durch SPD, Gewerkschaften und Reichsbanner auszugehen, auch
ein Generalstreik drohe nicht. Aber der greise Reichspräsident ließ
sich durch diese Argumente nicht überzeugen. Selbst die Auflösung
des Reichstags, die er Schleicher noch wenige Wochen zuvor zugesichert hatte,
verweigerte Hindenburg nun.(76) Scharfe Proteste von SPD,
Staatspartei und Zentrum gegen Schleichers Planungen, Reaktionen auf Gerüchte,
die sofort umliefen, führten zu einem Dementi der Reichspressestelle am
24. Januar.
Ohne Massenbasis, ohne das Vertrauen des Unternehmerlagers und vom Reichspräsidenten
im Stich gelassen, zerbrach auch der letzte Pfeiler der Politik Schleichers,
die geschlossene Unterstützung der Reichswehr, bei der sich nun - oberflächlich
betrachtet -eine Kluft zwischen: "Büro" und "Front",
zwischen der politischen Zentrale des Wehrministeriums und verschiedenen Truppenoffizieren
auftat. Dies schuf für die Konstrukteure der Hitler-Papen-Verbindung die
Möglichkeit, General Werner von Blomberg, mit dem bereits seit Mitte Januar
verhandelt worden war, von den Genfer Abrüstungsverhandlungen nach Berlin
zurückzubeordern und als neuen Wehrminister zu verpflichten." Als
Schleicher am 26. Januar erneut beim Reichspräsidenten vorsprach und die
bereits erbetenen Vollmachten einforderte, wusste er nicht, dass Blomberg Hindenburg
kurz zuvor erklärt hatte, eine nationale Konzentration unter Führung
Hitlers würde von der Reichswehr begrüßt, während Schleichers
Pläne schon wegen der Sympathien vieler jüngerer Offiziere für
die NS-Bewegung aussichtslos seien.(78)
Wenn eine Konstante der Politik Schleichers während der letzten Januartage
hervorgehoben werden kann, dann die ernste und häufig wiederholte Warnung
vor einer Rückkehr zu Papen, dem Hindenburg immer noch zuneigte, während
der Vorgänger des Generals sich bereits in den permanenten Verhandlungen
für Hitler als Reichskanzler einsetzte. Am 26. Januar konnte Papen den
Stahlhelm-Führer Franz Seldte für ein NSDAP-geführtes Kabinett
verpflichten, gegen den Widerstand eines Teils der Stahlhelm-Funktionäre,
die sich mit Theodor Duesterberg einer solchen Lösung verweigerten. Einen
Tag später sprach Papen bei Hindenburg vor und erklärte ihm, dass
ein neues Kabinett unter seiner Führung unmöglich geworden sei. Der
Vorgänger Schleichers war zum eifrigsten Fürsprecher einer Kanzlerschaft
Hitlers geworden.
Am 28. Januar trat Schleicher seinen letzten Gang zu Hindenburg an. Er trug
drei politische Möglichkeiten vor: Eine - wenig wahrscheinliche - parlamentarische
Mehrheitsregierung Hitlers, eine Minderheitsregierung Hitlers oder die Beibehaltung
der bisherigen Form der Präsidialregierung, allerdings keinesfalls auf
der Basis alleiniger Unterstützung durch die Deutschnationalen; dies führe
zu "revolutionären Erscheinungen und zu einer Staatskrise". Wenn
er vor den Reichstag trete, müsse er um die Zusage zur Auflösung bitten.
Als Hindenburg dies erneut verweigerte, äußerte Schleicher als letzten
Wunsch für die neu zu bildende Regierung, "das Reichswehrministerium
keinem Parteigänger Hitlers zu übertragen". Hindenburg erwiderte,
dass er "einen solchen Gedanken auch von sich aus absolut ablehne"(79)

Der nächste Tag war angefüllt von Beratungen der Konstrukteure des
Hitler-Kabinetts, um einige Probleme auszuräumen; So musste Papen zu Hindenburg
eilen, um das Einverständnis für eine Auflösung des Reichstags
zu erhalten, mit der Versicherung, dass es sich um die letzten Wahlen handeln
würde.(80) Am gleichen Tag liefen in Berlin Putschgerüchte
um, die von den Nazis absichtsvoll kolportiert wurden, um letzte Widerstände
Hindenburgs zu beseitigen. Den Gerüchten zufolge sollte gegen eine bevorstehende
Ernennung Hitlers mit Gewalt vorgegangen werden. Dies konnte schon deshalb nicht
den tatsächlichen Planungen entsprechen, weil für Schleicher immer
noch die Gefahr einer Wiederkehr Papens als Reichskanzler im Vordergrund stand.
Jedenfalls haben die Gerüchte den letzten Akt der Berufung Hitlers erheblich
beschleunigt. Noch am Abend des 29. Januar hat Papen Hindenburg die komplette
Ministerliste vorgelegt. Als sich in Papens Arbeitszimmer am Morgen des 30.
Januar die ersten Kandidaten, eilig herbeitelephoniert, einfanden, erklärte
der designierte Vizekanzler, nur durch die sofortige Vereidigung der Regierung
könne eine bevorstehende Militärdiktatur Schleichers verhindert werden.
Mit dieser Lüge konnten letzte Bedenklichkeiten beiseite geräumt werden,
war die Bahn frei für die neue Regierung der :"nationalen Konzentration",
das Kabinett Hitler-Papen-Hugenberg, das innerhalb weniger Monate aus einem
Koalitionsbündnis zum Werkzeug der Nazi-Diktatur wurde.
1 Für das erstgenannte Extrem ist auf ältere Darstellungen
der DDR-Geschichtswissenschaft zu verweisen, die damit der zeitgenössischen
Interpretationslinie der KPD folgte; für das Extrem der Stilisierung der
Schleicher-Lösung zur demokratischen Alternative vgl. zuletzt noch Friedrich-Karl
von Plehwe, Reichskanzler Kurt von Schleicher. Weimars letzte Chance gegen Hitler,
Esslingen 1983; eine zugleich kritische und ausgewogene Wertung bei Hans Mommsen.
Die verspielte Freiheit. Der Weg der Republik von Weimar in den Untergang 1918
bis 1933, Berlin 1989, S. 495 ff.
2 Erwein Frhr. v. Aretin, Krone und Ketten, München 1957,
S. 419
3 Als neueren Überblick vgl. Gotthard Jasper, Die gescheiterte
Zähmung. Wege zur Machtergreifung Hitlers 1930-1934, Frankfurt/M. 1986
4 Immer noch grundlegend die Dokumentation von Thilo Vogelsang,
Reichswehr, Staat und NSDAP. Beiträge zur deutschen Geschichte 1930-1932,
Stuttgart 1962
5 Axel Schildt, Militärdiktatur mit Massenbasis? Die Querfrontkonzeption
der Reichswehrführung um General von Schleicher am Ende der Weimarer Republik,
Frankfurt/ New York 1981
6 Das Kabinett von Papen. 1. Juni bis 3. Dezember 1932, Bd.
2, bearbeitet von Karl-Heinz Minuth, Boppard am Rhein 1989, S. 958
7 Zum folgenden vgl. Karl Dietrich Bracher, Die Auflösung
der Weimarer Republik. Eine Studie zum Problem des Machtverfalls in der Demokratie,
5. Auflage, Villingen 1971, S. 575 ff.
8 Zit. nach Karl Naß, Militär und Wiederaufrüstung
in der Weimarer Republik. Zur politischen Rolle und Entwicklung der Reichswehr,
Berlin (Ost) 1977, S. 288; vgl. Vogelsang (wie Anm. 4), S. 484 f.; Otto-Ernst
Schüddekopf, Das Heer und die Republik. Quellen zur Politik der Reichswehrführung
1918 bis 1933, Hannover/Frankfurt 1955, S. 374 f.
9 Tagebuchaufzeichnung des Reichsfinanzministers Schwerin v.
Krosigk über den Verlauf der Ministerbesprechung vom 2.12. 1932, 9 Uhr,
in: Das Kabinett von Papen, Bd. 2 (wie Anm. 6), S. 1036-38
10 Rudolf Morsey, Die Deutsche Zentrumspartei, in: Erich Matthias/Rudolf
Morsey (Hg.), Das Ende der Parteien 1933. Darstellungen und Dokumente, Bonn
1960, S. 281--453 (hier S.330)
11 Bracher, (wie Anm. 7), S. 582 ff.
12 Dok. u. a. in Eberhard Czichon, Wer verhalf Hitler zur
Macht? Zum Anteil der deutschen Industrie an der Zerstörung der Weimarer
Republik, 3. Auflage, Köln 1972, S.69f.
13 In den Verhandlungen der letzten Novemberwochen waren etliche
Namen ins Gespräch gebracht worden -u.a. General Joachim von Stülpnagel,
der frühere Reichswehrminister Otto Geßler, Außenminister Konstantin
Freiherr von Neurath, Justizminister Franz Gürtner, der Reichsminister
ohne Geschäftsbereich Franz Bracht, der ehemalige Reichsbankpräsident
Hjalmar Schacht und Karl Friedrich Goerdeler, Oberbürgermeister von Leipzig
und bis Mitte Dezember 1932 Reichskommissar für Preisüberwachung.
Allerdings kamen sie sämtlich nicht näher in Betracht
14 Das Kabinett von Papen, Bd. 2 (wie Anm. 6), S. 1013 ff.
(Zitate: S. 1016)
15 Vgl. den Überblick über die neuere Forschung
von Hans-Adolf Jacobsen, Militär, Staat und Gesellschaft in der Weimarer
Republik, in: Karl Dietrich Bracher u: a. (Hg.), Die Weimarer Republik 1918-1933.
Politik. Wirtschaft. Gesellschaft, Düsseldorf 1987, 5.343-368
16 Zit. nach Schildt (wie Anm. 5), S. 59
17 Vgl. zum folgenden Volker Hentschel Weimars letzte Monate.
Hitler und der Untergang der Republik, Düsseldorf 1978, S. 76 ff.; Schildt
(wie Anm. 5), S. 150 ff.
18 Das Kabinett von Schleicher. 3. Dezember 1932 bis 30. Januar
1933, bearbeitet von Anton Golecki, Boppard am Rhein 1986, S. 1
19 Zit. nach Schildt (wie Anm. 5), S. 158
20 Vgl. Bracher (wie Anm. 7), S. 593 ff.
21 nach Das Kabinett Schleicher (wie Anm. 18), S.101, Anm.
2; vgl. zu der Debatte im Reichstag Bracher (wie Anm. 7), S. 593 ff.
22 Dok. in Das Kabinett Schleicher (wie Anm. 18), S. 101 ff.
23 Vgl. Schildt (wie Anm. 5), S. 88 f.
24 Ebd., S. 91 f.
25 Dok. in Das Kabinett Schleicher (wie Anm. 18), S. 156 ff.
26 Vgl. zum Hintergrund Schildt (wie Anm. 5), S. 103 ff.
27 Vgl. ebd., S. 73 f.
28 Ebd., S. 94
29 Vgl. Das Kabinett Schleicher (wie Anm. 18), S. 193, Anm.
4
30 Vgl. Schildt (wie Anm. 5), S. 60 ff.; zur Gesamteinordnung
Peter Krüger, Die Außenpolitik von Weimar, Darmstadt 1985
31 Vgl. Schildt (wie Anm. 5), S. 97 ff.; zur Geschichte des
Tat-Kreises umfassend Klaus Fritzsche, Politische Romantik und Gegenrevolution.
Fluchtwege in der Krise der bürgerlichen Gesellschaft: Das Beispiel des
"Tat"-Kreises, Frankfurt/M. 1976
32 Udo Kissenkoetter, Gregor Strasser und die NSDAP, Stuttgart
1978, S. 83 ff.
33 Zit. nach Schildt (wie Anm. 5); S. 131
34 Vgl. ebd., S. 113
35 Hans Zehren, Schwarzbraun oder rotbraun?, in: Tägliche
Rundschau vom 4. 9. 1932
36 Vgl. die umfassende Darstellung von Michael Schneider, Das
Arbeitsbeschaffungsprogramm des ADGB. Zur gewerkschaftlichen Politik in der
Endphase der Weimarer Republik, Bonn-Bad Godesberg 1975
37 Schildt (wie Anm. 5), S. 144
38 Axel Schilds, Militärische Ratio und Integration der
Gewerkschaften. Zur Querfrontkonzeption der Reichswehrführung am Ende der
Weimarer Republik, in: Richard Saage (Hg.), Solidargemeinschaft und Klassenkampf.
Politische Konzeptionen der Sozialdemokratie zwischen den Weltkriegen, Frankfurt/M.
1986, S. 346-364 (hier S. 355)
39 S. die Dokumentation in Das Kabinett Schleicher (wie Anm.
18), S. 83 ff.; ergänzend Frank Deppe/Wittich Roßmann, Wirtschaftskrise,
Faschismus, Gewerkschaften. Dokumente zur Gewerkschaftspolitik 1929-1933, Köln
1981, S. 212 ff. - Die Gewerkschaften in der Endphase der Weimarer Republik
1930-1933. Bearbeitet von Peter Jahn unter Mitarbeit von Detlev Brunner, Köln
1988, S. 577ff.; aus der neueren Diskussion jeweils mit Hinweisen auch auf ältere
Literatur) vgl. u. a. Heinrich Muth, Schleicher und die Gewerkschaften 1932.
Ein Quellenproblem, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jg. 29,198
1, S.189-215; Peter Jahn, Gewerkschaften in der Krise. Zur Politik des ADGB
in der Ara der Präsidialkabinette 1930 bis 1933, in: Erich Matthias/Klaus
Schönhoven (Hg.), Solidarität und Menschenwürde. Etappen der
deutschen Gewerkschaftsgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bonn
1984, S. 233-254; Bernd Martin, Die deutschen Gewerkschaften und die nationalsozialistische
Machtübernahme. Von der Anpassungspolitik während der Präsidialkabinette
zur Selbstausschaltung im totalitären Staat, in: Geschichte in Wissenschaft
und Unterricht, Jg. 36, 1985, S. 605-631; Heinrich August Winkler, Der Weg in
die Katastrophe. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1930
bis 1933, Berlin/Bonn 1987, S. 817 ff.
40 Zit. nach Schildt (wie Anm. 38), S. 356
41 Zit. nach Schildt (wie Anm. 5), S. 167; die Wiedergabe der
Unterredung von Gewerkschaftsseite in Die Gewerkschaften (wie Anm. 39), S. 766
ff.
42 Leipart im ADGB-Vorstand am 26. 10. 1932, zit. nach Schildt
(wie Anm. 5) S. 149
43 Anpassung oder Widerstand? Aus den Akten des Parteivorstands
der deutschen Sozialdemokratie 1932/33. Hg. und eingeleitet von Hagen Schulze,
Bonn-Bad Godesberg 1975, S. 15 ff.
44 Kissenkoetter (wie Anm. 32), S. 169
45 Ebd., S. 65 ff.
46 Dok. ebd., S. 202 f.
47 Schildt (wie Anm. 5), S. 160; Hentschel (wie Anm. 17), S.
88 f.
48 Joseph Goebbels, Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei, Eine historische
Darstellung in Tagebuchblättern (vom 1. Januar 1932 bis zum 1. Mai 1933),
München 1934, S. 220
49 Schildt (wie Anm. 5), S.160 f.
50 Hans Mommsen, Der lange Schatten der untergehenden Republik,
in: Ders., Der Nationalsozialismus und die deutsche Gesellschaft. Ausgewählte
Aufsätze, Reinbek 1991, S. 362-404 (Zitat: S. 364)
51 Schildt (wie Anm. 5), S. 169
52 Ebd., S. 170
53 Anpassung (wie Anm. 43), S. 95-130 (bes. 114 ff.); Winkler
(wie Anm. 39), S. 821 ff.
54 Dok. u. a. in Schüddekopf (wie Anm. 8), S. 375-378
55 Schildt (wie Anm. 5), S. 173
56 Morsey (wie Anm. 10), S. 333
57 Umfassend zu diesem Teil der Gewerkschaftsbewegung Michael
Schneider, Die Christlichen Gewerkschaften 1894-1933, Bonn-Bad Godesberg 1982
58 Vgl. Friedrich Frhr. Hiller von Gaertringen, Die Deutschnationale
Volkspartei, in: Matthias/Morsey (wie Anm. 10), S. 543-652 (hier S. 562 ff.)
59 Zit. nach Schildt (wie Anm: 5), S. 180
60 Reinhard Neebe, Großindustrie, Staat und NSDAP 1930-1933.
Paul Silverberg und der Reichsverband der Deutschen Industrie in der Krise der
Weimarer Republik, Göttingen 1981, S. 140 ff.; die Gesamteinschätzung
von Neebe, RDI und DIHT hätten das "Konzept Schleichers nachdrücklich"
gebilligt, ist eine übertriebene Sicht der Dinge (s. u.); Ders., Die Großindustrie
und die Machtergreifung, in: Wolfgang Michalka (Hg.), Die nationalsozialistische
Machtergreifung, Paderborn u. a. 1984, S. 111-123 (Zitat: S. 120)
61 Das Kabinett Schleicher (wie Anm. 18), S. 42
62 Zit. nach Schildt (wie Anm. 5), S.176; vgl. Henry A. Turner,
Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers, Berlin 1985, S. 366 ff.
(mit der irreführenden Kapitelüberschrift "Die Kapitalisten arrangieren
sich mit dem `roten General`")
63 Details bei Heinrich Muth, Das "Kölner Gespräch"
am 4. Januar 1933, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, Jg. 37, 1986,
S. 463-480, 529-541
64 Vogelsang (wie Anm. 4), S. 356
65 Bracher (wie Anm. 7), S. 608
66 Zit. nach Schildt (wie Anm. 5), S. 180
67 Walter Görlitz, Hindenburg: Ein Lebensbild, Bonn 1953,
S. 399; im offiziellen Protokoll ist diese Aussage des Reichspräsidenten
nichtenthalten (Das Kabinett Schleicher wie Anm. 18`, S. 208 ff.)
68 Zit. nach Schildt (wie Anm. 5), S. 180
69 Wolfgang Wessling, Hindenburg, Neudeck und die deutsche
Wirtschaft, in:. Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte,
Jg. 64, 1977, S. 41-73
70 Schildt (wie Anm. 5), S. 180
71 Ebd., S. 181
72 Bracher (wie Anm. 7), S. 612 ff.
73 Goebbels (wie Anm. 48), S. 243
74 Schildt (wie Anm. 5), S. 177
75 Das Kabinett Schleicher (wie Anm. 18), S. 282 ff. vgl. Hentschel
(wie Anm. 17), S. 85 f.
76 Ebd.:, S. 620f.
77 Schildt (wie Anm. 5), S. 181
78 Bracher (wie Anm. 7), S. 624
79 Das Kabinett Schleicher (wie Anm. 18), S. 310f.
80 Bracher, (wie Anm. 7) S. 629
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Vortrag.
Betr.: Lage bei einem Generalstreik.
1. Beispiele für eine Lage, wie sie sich beim Generalstreik Aller ergeben
kann, anliegende Lagen für Berlin und Provinz Sachsen aus der Planübung.
2. Zur Aufrechterhaltung lebenswichtiger Betriebe nur Teno verfügbar. Teno
infolge Mittelbeschränkung in letzten Jahren nur bedingt leistungsfähig.
Außerdem personelle Schwierigkeiten, da ein Teil der Nothelfer (Studenten)
sicher Nationalsozialisten sind.
3. Arbeit der Teno muss durch Polizei geschützt werden. Weitgehende Zersplitterung
der Polizeikräfte hierzu nötig.
4. Örtliche Aufgaben der Polizei verhindern bewegliche Verwendung von Polizeireserven.
Alles gebunden. Völlige Räumung und Opferung von Unruhegebieten für
Staatsautorität nicht tragbar.
5. Verstärkung der Wehrmacht, der Polizei und der Teno durch Ergänzungsleute
unbedingt nötig. Menschenmaterial hierzu höchstens aus Stahlheimkreisen
zu bekommen. Alles andere, einschließlich Christliche und Freie Gewerkschaften
wird wahrscheinlich unzuverlässig sein.
6. Generalstreik in Form passiver Resistenz (ohne Straßenunruhen) sehr
schwer zu bekämpfen. Ingangsetzung der Lebensmittelversorgung, Lieferung
vom Lande, mit Gewalt kaum in Gang zu bringen. Vertrauen des Handels lässt
sich nicht erzwingen.
7. Psychologische Lage für Wehrmacht und Polizei sehr schwierig. Gegenseite
wird mit Agitation arbeiten, dass Einsatz nicht für Ruhe und Ordnung, sondern
im Interesse einer Oberschicht gegen das ganze Volk erfolgt.
gez. 0 2/12
(aus: Vogelsang, S. 484)
Ew. Exzellenz, November 1932 Hochzuverehrender Herr Reichspräsident! Gleich
Eurer Exzellenz durchdrungen von heißer Liebe zum deutschen Volk und Vaterland,
haben die Unterzeichneten die grundsätzliche Wandlung, die Eure Exzellenz
in der Führung der Staatsgeschäfte angebahnt haben, mit Hoffnung begrüßt.
Mit Eurer Exzellenz bejahen wir die Notwendigkeit einer vom parlamentarischen_
Parteiwesen unabhängigen Regierung, wie sie in den von Eurer Exzellenz
formulierten Gedanken eines Präsidialkabinetts zum Ausdruck kommt. Der
Ausgang der Reichstagswahl vom 6. November d. J. hat gezeigt, dass das derzeitige
Kabinett, dessen aufrechten Willen niemand im deutschen Volk bezweifelt, für
den von ihm eingeschlagenen Weg keine ausreichende Stütze im deutschen
Volk gefunden hat, dass aber das von Eurer Exzellenz gezeigte Ziel eine volle
Mehrheit im deutschen Volk besitzt, wenn man - wie es geschehen muss - von der
staatsverneinenden Kommunistischen Partei absieht. Gegen das bisherige parlamentarische
Parteiregime sind nicht nur die Deutschnationale Volkspartei und die ihr nahestehenden
kleinen Gruppen, sondern auch die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei
grundsätzlich eingestellt und haben damit das Ziel Eurer Exzellenz bejaht.
Wir halten dieses Ergebnis für außerordentlich erfreulich und können
uns nicht vorstellen, dass die Verwirklichung dieses Zieles nunmehr an der Beibehaltung
einer unwirksamen Methode scheitern sollte.
Es ist klar, dass eine des öfteren wiederholte Reichstagsauflösung
mit sich häufenden, den Parteikampf immer mehr zuspitzenden Neuwahlen nicht
nur einer politischen, sondern auch jeder wirtschaftlichen Beruhigung und Festigung
entgegenwirken muss. Es ist aber auch klar, dass jede Verfassungsänderung,
die nicht von breitester Volksströmung getragen ist, noch schlimmere wirtschaftliche,
politische und seelische Wirkungen auslösen wird.
Wir erachten es deshalb für unsere Gewissenspflicht, Eure Exzellenz ehrerbietigst
zu bitten, dass zur Erreichung des von uns allen unterstützten Zieles Eurer
Exzellenz die Umgestaltung des Reichskabinetts in einer Weise erfolgen möge,
die die größtmögliche Volkskraft hinter das Kabinett bringt.
Wir bekennen uns frei von jeder engen parteipolitischen Einstellung. Wir erkennen
in der nationalen Bewegung, die durch unser Volk geht, den verheißungsvollen
Beginn einer Zeit, die durch Überwindung des Klassengegensatzes die unerlässliche
Grundlage für einen Wiederaufstieg der deutschen Wirtschaft erst schafft.
Wir wissen, dass dieser Aufstieg noch viele Opfer erfordert. Wir glauben, dass
diese Opfer nur dann willig gebracht werden können, wenn die größte
Gruppe dieser nationalen Bewegung führend an der Regierung beteiligt wird.
Die Übertragung der verantwortlichen Leitung eines mit den besten sachlichen
und persönlichen Kräften ausgestatteten Präsidialkabinetts an
den Führer der größten nationalen Gruppe wird die Schwächen
und Fehler, die jeder Massenbewegung notgedrungen anhaften, ausmerzen und Millionen
Menschen, die heute abseits stehen, zu bejahender Kraft mitreißen.
In vollem Vertrauen zu Eurer Exzellenz Weisheit und Eurer Exzellenz Gefühl
der Volksverbundenheit begrüßen wir Eure Exzellenz
mit größter Ehrerbietung
Dr. Hjalmar Schacht, Berlin
Kurt Freiherr von Schroeder, Köln
Fritz Thyssen, Mülheim
Eberhard Graf von Kalckreuth, Berlin
Friedrich Reinhart, Berlin
Kurt Woermann, Hamburg
Fritz Beindorff, Hamburg
Kurt von Eichborn, Breslau
Emil Helfferich, Hamburg
Ewald Hecker, Hannover
Carl Vincent Krogmann
Dr. Erwin Lübbert, Berlin
Erwin Merck, Hamburg
Joachim von Oppen, Dannenwalde
(aus: Czichon, S. 69f.)
Reichskanzler von Schleicher hielt heute im Rundfunk eine programmatische Rede,
die über alle deutschen Sender verbreitet wurde. Der Reichskanzler führte
aus:
Meine Damen und Herren,
Ich habe gegen die Annahme des Kanzleramtes die allerschwersten Bedenken gehabt_
Einmal, weil ich nicht der Nachfolger meines Freundes Papen, dieses Ritters
ohne Furcht und Tadel, sein wollte, dessen vom reinsten Wollen und hoher Vaterlandsliebe
getragenes Wirken erst eine spätere Zeit voll anerkennen wird, vor allen
Dingen aber deshalb, weil der Wehrminister als Reichskanzler nach Militär-Diktatur
riecht, und weil die Gefahr nicht von der Hand zu weisen ist, dass durch eine
Verbindung dieser beiden Ämter die Wehrmacht zu stark in
die Politik gezogen werden könnte. Nur die Überlegung, dass eine solche
Maßnahme den Ernst der Situation so scharf kennzeichnen und auf gewisse
Unruhestifter so abkühlend wirken würde, dass dadurch der tatsächliche
Einsatz der Wehrmacht verhindert werden kann, hat mich zur Zurückstellung
meiner Bedenken veranlasst. Ich möchte deshalb heute auch an alle Volksgenossen
die Bitte richten, in mir nicht nur den Soldaten, sondern den überparteilichen
Sachwalter der Interessen aller Bevölkerungsschichten für eine hoffentlich
nur kurze Notzeit zu sehen, der nicht gekommen ist, das Schwert zu bringen,
sondern den Frieden. Ich glaube das hier um so mehr sagen zu dürfen, als
meine Ansichten über Militär-Diktatur nicht erst von heute sind und
allgemein bekannt sein dürften. Ich habe es schon verschiedentlich zum
Ausdruck gebracht und wiederhole es heute: Es sitzt sich schlecht auf der Spitze
der Bajonette, d. h. man kann auf die Dauer nicht ohne eine breite Volksstimmung
hinter sich regieren. Diese Stimmung in den breiten Schichten der Bevölkerung
wird sich aber gerade eine Regierung wie die von mir geführte erst durch
ihre Taten erwerben müssen, und ich gebe mich über die Schwere dieser
Aufgabe keiner Illusion hin. Zunächst werde ich schon zufrieden sein, wenn
die Volksvertretung, der ich für diese Zeit gern eine starke Dosis gesunden
Misstrauens zubillige, {der Regierung ohne Hineinreden und ohne die hinlänglich
bekannten parlamentarischen Methoden) Gelegenheit gibt, ihr Programm durchzuführen.
Dieses Programm besteht aus einem einzigen Punkt: "Arbeit schaffen!"
Alle Maßnahmen, die die Reichsregierung in den nächsten Monaten durchführen
wird, werden mehr oder weniger diesem einen Ziel dienen. Ich habe mich in den
letzten Wochen auf Fahrten durch die deutschen Lande davon überzeugen können,
dass den Deutschen aller Stände ausschließlich der eine Gedanke beherrscht:
"Gebt uns Arbeit und damit die Hoffnung zum wirtschaftlichen Wiederaufstieg!"
Alles andere interessiert uns nicht, am wenigsten Verfassungsänderungen
und sonstige schöne Dinge, von denen wir nicht satt werden. . . .
Sicher ist zum Beispiel der Gesichtspunkt richtig, dass die Arbeitslosigkeit
auf die Dauer nur durch die Wiederbelebung der Wirtschaft bekämpft werden
kann. Aber Menschen, die der Verzweiflung nahe sind, kann man mit Auseinandersetzungen
darüber nicht trösten, dass nach den Gesetzen wirtschaftlicher Vernunft
auf jedes wirtschaftliche Tief ein Hoch zu folgen pflege. Sie wollen alsbaldige
tatsächliche Hilfe sehen. Deshalb muss man rechtzeitig Dämme einbauen,
damit die Fluten nicht über uns weggegangen sind, bevor die wirtschaftliche
Erholung sichtbar wird, auch wenn diese Dämme nicht 100-prozentig den strengsten
Gesetzen der wirtschaftlichen Vernunft entsprechen. ich habe deswegen dem Herrn
Reichspräsidenten die Ernennung eines Reichskommissars für Arbeitsbeschaffung
vorgeschlagen. Seine Aufgabe wird es sein, jeder Arbeitsmöglichkeit nachzuspüren,
ein großzügiges Arbeitsbeschaffungsprogramm aufzustellen und seine
Durchführung zu überwachen, wobei er bürokratischen und sonstigen
Hemmungen gegenüber die Rolle des Schäferhundes übernehmen muss.
Fraglos ist eine solche Arbeitsbeschaffung volkswirtschaftlich betrachtet mit
größeren Risiken behaftet, als
eine auf natürlichem Wege eintretende Arbeitsvermehrung. Luxus-Aufwendungen
scheiden daher aus dem Arbeitsbeschaffungsprogramm vollkommen aus. Das Programm
muss in erster Linie auf die Instandsetzung der vorhandenen Produktionsgüter
und auf ihre Verbesserung abgestellt werden, und die Vergebung der Arbeiten
an Unternehmer ist der Ausführung in eigener Regie vorzuziehen. Außerdem
wird sichergestellt werden, dass die bereitgestellten Geldmittel ausschließlich
für die Finanzierung dieser Arbeiten verwendet werden. Entscheidend wichtig
war es, dass für diese Finanzierung eine Lösung gefunden wurde, die
jede Inflation vollkommen ausschließt. Dafür bietet die Mitarbeit
des Reichsbankpräsidenten Luther, den man wohl als den Gralshüter
der Währung bezeichnen darf, die sicherste Garantie, ebenso wie es für
eine allmähliche Besserung der immer noch recht gespannten Finanzlage des
Reiches keine bessere Garantie gibt, als das berechtigte Vertrauen, das dem
derzeitigen Reichsfinanzminister aus allen Kreisen des In- und Auslandes entgegen
gebracht wird. In kurzen Sätzen kann man diese Finanzlage folgendermaßen
charakterisieren:
1. Wir werden im laufenden Etatsjahr im Reiche ohne neue Steuern und ohne weitere
Kürzungen der Personalausgaben durchkommen, was immerhin einen erheblichen
Fortschritt gegen die beiden letzten Krisenjahre bedeutet.
2. Das Reich hilft Ländern und Gemeinden, deren finanzielle Verhältnisse
zum Teil sehr schwierig liegen, durch organisatorische und finanzielle Maßnahmen.
Mit der Frage der Arbeitsbeschaffung hängt die Siedlung eng zusammen. Über
die Notwendigkeit zu siedeln, und zwar so schnell und so viel wie möglich,
sind wir uns alle einig. Aber wir wollen uns nichts vormachen. Mit dem Vollbringen
des Guten hat es bislang arg gehapert. Ich will die Gründe dafür nicht
untersuchen; aber die vielen, die den verlorenen Krieg dafür verantwortlich
machen wollen, möchte ich doch darauf hinweisen, dass der große König
nach einem siebenjährigen Kriege, der an Preußen beispiellose wirtschaftliche
Anforderungen gestellt hatte, in kurzer Zeit blühende Provinzen durch Siedlung
geschaffen hat. Gerade auch als Wehrminister muss ich auf die Besiedlung unserer
Ostmark den größten Wert legen. Denn letzten Endes sind es noch immer
die Menschen auf eigener Scholle gewesen, die den besten Grenzwall gegen das
Vordringen fremden Volkstums abgeben. Um in der Siedlungsfrage zukünftig
schneller vorwärts zu kommen, ist innerhalb des Reichskabinetts dem Reichskanzler
und in seiner Vertretung dem Reichskommissar für die Arbeitsbeschaffung,
ein besonderer Einfluss auf das Siedlungswesen eingeräumt.
Für das Jahr 1933 sind zunächst 50 Millionen RM für die Siedlungen
im Haushaltsplan bereitgestellt worden und weitere 50 Millionen werden unter
Mitwirkung der Reichsbank vorfinanziert. In den Landbezirken Ostpreußen,
Grenzmark, Pommern und Mecklenburg wird der Siedlung folgendes Land zugeführt
werden:
in Ostpreußen etwa 800 000 Morgen
in der Grenzmark etwa 100 000 Morgen
in Pommern etwa 280 000 Morgen in beiden Mecklenburg etwa 120 000 Morgen. Es
ist damit zu rechnen, dass sich diese Zahlen in der weiteren Abwicklung des
Osthilfeverfahrens, die aufs äußerste beschleunigt werden wird, noch
sehr erheblich erhöhen werden. Das sind gewiss erfreuliche Zahlen, aber
man darf nicht die Augen davor verschließen, dass jeder Siedlung, der
alten wie der neuen, durch die Entwicklung der deutschen Agrarwirtschaft, insbesondere
durch den Tiefstand der Preise der Veredelungsprodukte ernste Gefahren drohen.
Die Reichsregierung hat bereits durch den Rentensenkungserlass geholfen und
wird durch weitere Maßnahmen die Notlage der Siedler zu lindern versuchen.
. . .
Es liegt auf der Hand, dass alle diese Probleme aufs engste mit der Frage unserer
Gesamt-Wirtschaftsführung verbunden sind, ein Gebiet, auf dem die Meinungen
sogenannter Sachverständiger und Wirtschaftler besonders scharf aufeinanderprallen.
Für den Chef einer Regierung wird es nicht immer ganz leicht sein, aus
dem Wirrwarr der verschiedenen Ansichten eine Lösung zu finden, die nach
Möglichkeit allen Berufsständen gerecht wird. Ich habe dazu das Mittel
angewandt, den Herren Reichswirtschafts- und Reichsernährungsminister -
die Herren mögen mir diese Indiskretion verzeihen -, die beide ganz hervorragende
Sachkenner und Verfechter ihrer Ansichten sind, in ein Konklave zu schließen,
um die richtige Mittellinie zu finden. Aus der Tatsache, dass die beiden Herren
heute friedlich und arbeitsfreudig im Kabinett zusammensitzen, können sie
den Erfolg dieses Verfahrens ersehen. Worin liegen eigentlich die Hauptschwierigkeiten,
zu vernünftigen Lösungen zu kommen? [Nicht so sehr in der gegensätzlichen
Meinung über die zu ergreifenden Mittel, sondern in dem Nichtwegkommen
von gewissen Dogmen und Glaubensbekenntnissen. Ich bin ketzerisch genug, einzugestehen,
dass ich weder ein Anhänger des Kapitalismus noch des Sozialismus bin,
dass für mich Begriffe wie "Privat- oder Planwirtschaft" ihre
Schrecken verloren haben, ganz einfach, weil es diese Begriffe in absoluter
Reinheit im Wirtschaftsleben gar nicht mehr gibt, auch gar nicht mehr geben
kann. Und deshalb vertrete ich den Standpunkt, man soll in der Wirtschaft das
tun, was im gegebenen Moment vernünftig ist und aller Wahrscheinlichkeit
nach zu den besten Resultaten für Volk und Land führt, und sich nicht
eines Dogmas wegen die Köpfe einschlagen.] In diesem Sinne hält die
Reichsregierung zur Zeit folgende wirtschaftlichen Richtlinien für vernünftig,
was nicht ausschließt, dass nach Jahr und Tag die Situation andere Maßnahmen
erfordert. Es gilt, den erfreulich hohen Stand der Erzeugung an Nahrungsmitteln
zu erhalten und der Landwirtschaft gesunde Erzeugungsbedingungen zu verschaffen.
Die Arbeitslosigkeit kann auf die Dauer nur vermindert werden, wenn es gelingt,
den Umfang der gewerblichen und industriellen Tätigkeit erheblich zu verbreitern.
Die Regierung wird daher nach wie vor ihr Augenmerk in erster Linie auf eine
Belebung des Binnenmarktes richten, der die stärksten Schrumpfungen aufweist.
Sie ist sich aber darüber klar, dass auch die größte Belebung
des Binnenmarktes nicht ausreicht, um für Brot und Arbeit zu sorgen. Vom
Binnenmarkt allein aus wird es nicht möglich sein, im eigenen Lande genügend
Arbeitsmöglichkeiten bereitzustellen. Wir müssen vielmehr für
einen erheblichen Teil unserer Bevölkerung Beschäftigung dadurch schaffen,
dass wir Waren für das Ausland erzeugen. Unsere Wirtschaft kann nur gedeihen,
wenn wir nebeneinander sowohl die Nutzung des heimischen Bodens wie auch die
gewerbliche Tätigkeit für den Inlandsmarkt und schließlich den
Warenaustausch mit dem Auslande im zweckmäßigen Verhältnis zueinander
pflegen. Von dieser Grundeinstellung aus hat die frühere Regierung ihr
bekanntes Wirtschaftsprogramm aufgebaut. Dieses Wirtschaftsprogramm hält
auch die gegenwärtige Regierung in seinen wesentlichen Teilen für
eine geeignete Grundlage zur Lösung der wirtschaftlichen Entwicklung. Sie
Ist davon überzeugt, dass dieses Programm dazu beigetragen hat, die wenn
auch zunächst noch bescheidene Verbesserung unserer wirtschaftlichen Lage
herbeizuführen, wie sie sich in den Ziffern über die Belebung der
gewerblichen Produktion, die Zunahme des Verkehrs und den relativen Rückgang
der Arbeitslosigkeit kennzeichnet. Sie ist sich aber ebenso darüber klar,
dass es noch einer größeren Zeitspanne als der bisher vergangenen
bedarf, um die vollen Auswirkungen jenes Programms festzustellen. Das gilt um
so mehr, als wichtige Teile dieses Programms wie z. B. die Steuergutscheine
und die Beschäftigungsprämien erst zu einem geringen Bruchteil oder
noch gar nicht in Wirkung treten konnten. Auch die Durchführung der öffentlichen
Arbeitsbeschaffung, jenes Programms von etwa 1 Milliarde Reichsmark, hat zwar
begonnen, doch wird sie in ihrer vollen Wirkung erst nach mehreren Monaten in
Erscheinung treten. Darüber hinaus wird die Reichsregierung die öffentliche
Arbeitsbeschaffung noch erheblich erweitern, wie ich schon des näheren
ausgeführt habe. . . .
Ihr ganz besonderes Augenmerk wird die Reichsregierung auf die Beseitigung der
Vermischung von Staats- und Privatwirtschaft richten. Es geht nicht an, dass
gerade Unternehmungen alle Vorteile der Privatwirtschaft genießen wollen,
alle Nachteile aber, vor allen Dingen also das Risiko, auf den Staat abwälzen.
Für Betriebe, die in irgendeiner Form mit Staatsgeldern arbeiten, dürfen
in Zukunft nur die Grundsätze für Staatsbetriebe Geltung haben. Jede
andere Regelung bedeutet eine nicht zu rechtfertigende Bevorzugung Einzelner
auf Kosten der Allgemeinheit. Mit besonderer Freude habe ich festgestellt, dass
der Vorsitzende des Reichsverbandes der Deutschen Industrie, Dr. Krupp von Bohlen
und Halbach, in seiner gestrigen programmatischen Rede die gleichen Gedankengänge
zum Ausdruck bringt, wenn er u. a. sagt: "Wir müssen alle einen Strich
ziehen unter das böse Kapitel der Subventions-Wirtschaft. Der Reichsverband
hat wiederholt in eingehender Form gegen die Fortsetzung der Subventions-Wirtschaft,
gegen jede Sozialisierung der Verluste Stellung genommen und ich möchte
diese Stellungnahme hier aufs neue mit aller Entschiedenheit unterstreichen."
Und weiter sagt er über die in der Öffentlichkeit besonders viel kritisierte
Frage der Bezüge leitender Beamter in Industrie und Wirtschaft: "Ein
jeder, der für das von ihm geleitete Werk in der Notzeit um staatliche
Subvention eingekommen ist, sollte der Erste sein, der sich in seinen Ansprüchen
an das Werk freiwillig und aus eigener Überzeugung weitestgehend bescheidet.
Aber auch ein jeder, der ein Werk leitet, das mit Verlust arbeitet, sollte sich
hinsichtlich seiner Ansprüche auf feste Bezüge die größte
Zurückhaltung auferlegen." Das sind goldene Worte, deren Beachtung
das beabsichtigte Vorgehen der Reichsregierung ganz wesentlich erleichtern würde.
Alle diese Maßnahmen, Arbeitsbeschaffung, Siedlung und Ankurbelung der
Wirtschaft müssen aber erfolglos verpuffen, wenn das Vertrauen auf stabile
Verhältnisse und der Glauben an eine bessere Zukunft fehlen. Wie ist dieses
Vertrauen und dieser Glaube zu schaffen? Nur durch freudige Mitarbeit aller
Bevölkerungsschichten und durch möglichst weitgehende Ausschaltung
von Reibungen und absichtlichen Störungen. Es ist etwas viel verlangt,
in dieser schweren Krisenzeit freudige - ich unterstreiche das Wort "freudige"
- Mitarbeit zu verlangen und doch weiß ich, dass beim deutschen Volke
auch dies möglich ist, wenn bei allen notwendigen Anordnungen der soziale
Gesichtspunkt berücksichtigt wird. Also ein sozialer General, höre
ich manchen meiner Zuhörer mit zweifelndem oder sogar spöttischem
Achselzucken sagen. Ja, meine Damen und Herren, es hat in der Tat nichts Sozialeres
gegeben als die Armee der allgemeinen Wehrpflicht, in der Arm und Reich, Offizier
und Mann in Reih und Glied zusammenstanden und in den Wundertaten des Wettkrieges
eine Kameradschaft und ein Zusammengehörigkeitsgefühl bewiesen haben,
wie es die Geschichte nicht seinesgleichen kennt. Vor einigen Tagen ist mir
eine Ausarbeitung vorgelegt worden, die sich mit der inneren Disziplin der Truppe
im Weltkriege befasst und die ein besonders eindrucksvolles Bild davon gibt,
von welch' ausschlaggebender Bedeutung für Disziplin und Geist der Truppe
die soziale Einstellung der Führer aller Grade gewesen ist. Damals wie
heute das Gefühl: Wir wollen für Volk und Land die größten
und schwersten Opfer bringen, aber nur wenn diese Opfer allen Bevölkerungskreisen
gleichmäßig auferlegt werden! Das ist die Zauberformel. Ich betrachte
es daher im Sinne der Neudecker Botschaft des Herrn Reichspräsidenten,
der erst kürzlich wieder bei einer Unterredung mit den Führern der
Christlichen Gewerkschaften seine Volksverbundenheit zum Ausdruck gebracht hat,
als eine meiner Hauptaufgaben, den sozialen Gesichtspunkt bei allen Regierungsmaßnahmen
zur Geltung zu bringen. . . .
Die Reichsregierung bekennt sich zur Sozialversicherung. Sie wird alles tun,
um die Versicherungsträger leistungsfähig zu erhalten. Dem Zwang zur
Einfachheit und Sparsamkeit wird sich auch die Sozialversicherung nicht entziehen.
Die Organisation der Arbeitslosenhilfe, wie sie jetzt ist, kann nicht befriedigen.
Die Reichsregierung will die Spannungen, die hier bestehen, beseitigen, die
Beitragszahler zu ihrem Recht kommen lassen und die vertrauensvolle Zusammenarbeit
aller beteiligten Körperschaften herbeiführen.
Ich weiß sehr wohl, welche Not heute unter den Millionen von Arbeitslosen,
Sozialrentnern, Kleinrentnern und Kriegsopfern herrscht. Auch beim besten Willen
wird es uns nicht gelingen, diese Not in den nächsten Monaten völlig
zu beseitigen. Ich werde aber alle meine Kräfte einsetzen, um die Not im
Rahmen des wirtschaftlich Möglichen zu mildern und namentlich unbillige
Härten zu beseitigen.
Ich hoffe dabei auf die Mithilfe und die Opferbereitschaft aller, die vor der
schlimmsten Not bewahrt geblieben sind.
Als besondere Winterhilfe wird von der Regierung folgendes veranlasst werden.
Sie wird vor allem die Frischfleischverbilligung verstärken und, wie im
Vorjahre, über die Hilfsmaßnahmen der Kohlenerzeuger und der Reichsbahn
hinaus eine weitere Verbilligung der Hausbrandkohle für die notleidende
Bevölkerung auf Reichskosten vornehmen. Ferner wird sie den Kreis der Empfänger
auch auf die alleinstehenden Unterstützungsberechtigten, zu denen auch
die Kleinrentner gehören, ausdehnen. Ob es möglich ist, die Hilfsmaßnahmen
noch über diesen Rahmen hinaus zu erweitern, vor allen Dingen in der Verbilligung
von Milch und Brot, hängt von dem Ergebnis der Verhandlungen ab, die in
diesen Tagen gepflogen werden.
Die zur wirtschaftlichen Beruhigung notwendige Ausschaltung aller absichtlichen
Störungen hat in der Vergangenheit leider eine große Zahl von Ausnahmebedingungen
nötig gemacht. Ich gestehe offen, dass ich es für verhängnisvoll
halten würde, wenn wir in Deutschland auf die Dauer nicht ohne diese scharfen
Bestimmungen auskommen könnten. Ich habe deshalb den Herrn Reichspräsidenten
gebeten, die zweifellos eingetretene Beruhigung zum Anlass zu nehmen, um derartige
Ausnahmebestimmungen aufzuheben, um endlich einmal wieder zu normalen Rechtsverhältnissen
zurückzukehren. Der Herr Reichspräsident will diesem Vorschlag im
Vertrauen auf den gesunden Sinn der ordnungsliebenden Bevölkerung entsprechen,
hat dabei aber zum Ausdruck gebracht, dass er nicht zögern würde,
eine scharfe Verordnung zum Schutze des deutschen Volkes zu erlassen, falls
er sich in seinen Erwartungen getäuscht sieht. Den gewerbsmäßigen
Unruhestiftern ebenso wie einer gewissen aufreizenden, die Atmosphäre vergiftenden
Presse darf ich in diesem Zusammenhang warnend zur Kenntnis bringen, dass eine
solche Verordnung fertig im Schubkasten liegt und in der Tat in ihrer Lückenlosigkeit
eine ausgezeichnete Arbeit darstellt.
Ich hoffe, dass ihre Anwendung ebenso wenig nötig werden wird, wie der
Einsatz der Wehrmacht. Ich möchte aber auch die staatsfeindliche kommunistische
Bewegung nicht im Zweifel darüber lassen, dass die Reichsregierung auch
vor drakonischen Ausnahme-Bestimmungen gegen die kommunistische Partei nicht
zurückschrecken wird, falls sie die Lockerung der Zügel zur vermehrten
Verhetzung der Bevölkerung missbrauchen sollte.
Eine Frage, die dem Wehrminister besonders am Herzen liegen muss, ist die körperliche
und geistige Ertüchtigung der Jugend. Ich gehöre allerdings nicht
zu den Leuten, die der Jugend jeden Tag einmal erzählen, dass sie das Salz
der Erde und die Blüte der Nation sei. Das führt nur zu einer Überheblichkeit
und zu einer äußerlichen und innerlichen Disziplinlosigkeit, die
uns in den vergangenen Jahren die Jugend manchmal ungenießbar machte.
Wie viel Väter, Mütter und Erzieher haben in diesen Zeiten sorgenvolle
Briefe an den Wehrminister gerichtet mit der dringenden Bitte, die allgemeine
Wehrpflicht wieder einzuführen. Und in der Tat gibt es keine bessere Schule
für die Jugend, um Selbstdisziplin, äußere und innere Bescheidenheit
und Kameradschaft zu lernen. Das ist auch ein Hauptgrund, warum ich mich wieder
und wieder für die allgemeine Wehrpflicht im Rahmen einer Miliz einsetze.
Solange das Diktat von Versailles uns diese wirkliche Lösung unmöglich
machte, mussten andere Mittel gefunden werden. Zunächst erschienen die
verschiedenen Bünde auf dem Plan und nahmen sich der Erziehung der Jugend
an. Dafür soll man ihnen Dank wissen, auch wenn man Auswüchse bekämpfen
musste. Dann hat sich der Staat der Dinge selbst angenommen. Das Kuratorium
für Jugendertüchtigung und die Organisation des freiwilligen Arbeitsdienstes
sind neben den staatlich unterstützten Sportvereinen aller Art die Früchte
dieser Bemühungen. Das Erfreuliche an diesen Einrichtungen ist die Überwindung
des Parteigeistes in einem Maße, dass Parteihäupter und Verbandsgrößen
schon anfangen unruhig zu werden, und um die Seelen- ihrer Schäfchen zu
fürchten.
Die Winternot der erwerbslosen Jugend stellt uns vor eine neue Aufgabe von weittragendster
Bedeutung. Keine Kampfmaßnahme gegen die Arbeitslosigkeit kann verhindern,
dass mit dem Anbruch des Winters erneut eine erschütternde Zahl junger
Deutscher mit dem Schicksal der Erwerbslosigkeit zu ringen hat. Um ihretwillen
ruft die Reichsregierung zum Notwerk der deutschen Jugend auf. Die Reichsregierung
wird allen geeigneten Einrichtungen, Insbesondere auch freiwilligen Kameradschaften
jugendlicher Erwerbsloser öffentliche Mittel zur Verfügung stellen,
wenn sie gewillt sind, den Teilnehmern gemeinsame Verpflegung, körperliche
Übungen und geistige Fortbildung zu verschaffen. Die Unterstützung
soll ein Anreiz zur Hilfe aller Schichten des Volkes sein und den Verbänden
und Bünden ein großes Feld segenbringenden Dienstes in Verbindung
mit Staat und Selbstverwaltung eröffnen. Die Erfahrungen von Bünden
und Stadtverwaltungen beweisen, dass das Notwerk in großem Ausmaße
erfolgreich gestaltet werden kann.
Zwei weitere Dinge gedenkt die Reichsregierung im kommenden Frühjahr in
Angriff zu nehmen: das freiwillige Werkhalbjahr der Abiturienten und die freiwillige
Bauernhilfe. Das freiwillige Werkhalbjahr der Abiturienten soll dem Nachwuchs
aller überfüllten Hochschulen Gelegenheit geben, im Zusammenhang mit
dem Freiwilligen Arbeitsdienst, der Erntehilfe, dem Geländesport und dem
Notwerk der deutschen Jugend gemeinsam mit Altersgenossen aller Volkskreise
diese in praktischer Tätigkeit zu schulen und einen beispielhaften Volksdienst
abzuleisten. Die Freiwillige Bauernhilfe soll jugendliche städtische Erwerbslose
auf dem Lande in solchen Bauernwirtschaften, die sich bezahlte Arbeitskräfte
nicht halten können, als mitarbeitende Haus- und Familiengenossen unterbringen.
Der Gesamtplan der Reichsregierung zur Heranführung der Jugend an den Staat
wird durch die geschilderten Maßnahmen umso sicherer gelingen, wenn die
Jugend auf der Schule in dieser Richtung eingestellt und vorgebildet wird. Die
Reichsregierung bittet deshalb die Landesregierungen, mit allen ihren Kräften
mitzuwirken, das ganze öffentliche Erziehungswesen zu überprüfen,
ob es die Jugend im Geiste der Heimatliebe und der Verbundenheit mit Volk und
Staat zu erziehen geeignet ist.
Ich will hier keine schönen Worte über die Grundsätze der Kulturpolitik
machen. Wir wissen, dass die Mittel überall knapp sind und dass wir auch
weiterhin nur das Notwendigste aufwenden können, damit Kirche, Schule und
Wissenschaft ihre Aufgaben für die Erziehung der Nation und für die
Geltung unseres Volkes in der Welt weiterhin erfüllen können. Auch
in diesem Rahmen gibt es allerdings eine Menge dringender Fragen, z. B. die
drohende Überalterung und Vergreisung unseres Lehrerstandes, die Unübersichtlichkeit,
ja Planlosigkeit der Organisation des mittleren und höheren Schulwesens,
der Unfug des überspitzten und deshalb wertlosen Berechtigungswesens. Die
geistige und materielle Not des akademischen Nachwuchses hat das Reich zu den
schon berührten Maßnahmen veranlasst. Daneben bleibt die Aufgabe
der Hochschulen außer der Pflege der Wissenschaft, die Erziehung ihrer
Jugend zum Staat. Aber so wichtig Bildung und Lehre für den Geist unseres
Volkes sind, so warne ich doch vor der Überschätzung des Intellektuellen.
Die geistige Erneuerung der Nation, die das Ergebnis der Krisenzeit sein muss,
in der wir stehen, wird mehr von unten als von oben geleistet werden müssen.
Ich glaube daher, ihre besonderen Stätten werden die freiwilligen Organisationen
sein, in denen heute die Volksgemeinschaft neu erlebt wird: der Arbeitsdienst,
die Verbände der Jugendertüchtigung, die berufsständischen Genossenschaften
und ähnliche Zellen, die zu einer Gemeinschaft streben. Ich sehe die besondere
Aufgabe des Reiches darin, diese Ansätze zu fördern und hier einen
Rahmen zu schaffen, in dem die Kräfte der- Nation von selbst heranwachsen
können.
Ich habe oben von der allgemeinen Wehrpflicht gesprochen. Das führt mich
zu unserer Stellung in der Abrüstungsfrage. Unser Standpunkt war und ist
so einfach, einleuchtend und unangreifbar, dass ich nicht nochmals darauf einzugehen
brauche. Nur mit meinen Kritikern muss ich mich mit einigen Worten auseinandersetzen.
Man hat mir im Auslande und, allerdings nur ganz vereinzelt, auch im Inlande
vorgeworfen, dass ich in groben Militärstiefeln marschiere und damit viel
diplomatisches Porzellan zerschlagen hätte und dass ich von Aufrüstung
gesprochen hätte. Was die grobe Methode anbetrifft, so hat sie einzig und
allein darin bestanden, dass ich die Wahrheit offen herausgesagt habe, weil
ich das immer noch für die beste Art halte, um zu einer Verständigung
zu kommen. Was die Aufrüstung anbetrifft, so habe ich immer wieder betont
und tue das auch heute, dass wir bereit sind, unsere Wehrmacht nur noch mit
Messer und Pappschild auszurüsten, wenn unsere Nachbarn desgleichen täten.
Das sieht nicht gerade nach Aufrüstung aus. Ich habe allerdings auch mit
aller Deutlichkeit ausgesprochen, dass das deutsche Volk nicht gewillt sei,
sich wehrlos den Hals abschneiden zu lassen, dass seine Wehrmacht ihm also dieselbe
Sicherheit garantieren müsste wie jedem anderen. Ein Volk, das in der Wehrfrage
unter Ausnahmerecht steht, ist nicht souverän, und der italienische Regierungschef,
[der unseren Anspruch auf Gleichberechtigung in jeder Verhandlungsphase wärmstens
unterstützt hat, wofür ihm das deutsche Volk Dank weiß,] hat
ganz recht, wenn er in diesem Zusammenhang einmal äußerte, dass das
Gewehr für den Deutschen ein Symbol bedeute, das Symbol des freien Mannes
auf freier Scholle. Ich bin überzeugt, dass wir durch die Genfer Vereinbarung
einen großen Schritt vorwärts gemacht haben und dass wir dem Herrn
Reichsaußenminister dankbar sein müssen für die zähe und
erfolgreiche Verteidigung deutscher Interessen. Ich möchte dabei aber auch
dankbar den Verdienste des Reichskanzlers Brüning gedenken, der es verstanden
hat, ebenso wie in der Reparationsfrage, in der Abrüstungsfrage in der
Welt Verständnis für den deutschen Standpunkt zu wecken [und ebenso
auch meines Herrn Amtsvorgängers, der in Lausanne die Reparationen zum
Abschluss brachte und die Gleichberechtigungsfrage mutig und energisch anpackte
und vorwärtstrieb].
Das Schicksal den Abrüstungsfrage wird, darüber ist sich alle Welt
einig, auch für das Schicksal des Völkerbundes und damit für
unsere weitere Mitarbeit im Völkerbund von maßgebender Bedeutung
sein. Gelingt es dem Völkerbund, den Gedanken der allgemeinen Abrüstung
wirklich in die Tat umzusetzen, so wird auch auf anderen Gebieten ein neuer
Ausgangspunkt, eine neue Grundlage für seine Betätigung gegeben sein,
die im vergangenen Jahre in so hohem Maße Anlass zur Skepsis und Kritik
gegeben hat. Vor allem wird es notwendig sein, dass die im Völkerbund vertretenen
Regierungen die Genfer Einrichtung über die einmalige geschichtliche Konstellation,
wie sie zur Zeit ihrer Gründung gegeben war, hinauswachsen lassen und sie
nicht benutzen, um auch an denjenigen aus der Vergangenheit herrührenden
Positionen festzuhalten, die mit einer fortschreitenden, vernünftigen Entwicklung
nicht mehr vereinbar sind. Eine Politik, die sich den auf eine solche Entwicklung
hindrängenden lebendigen Kräften der Völker entgegenstellt, anstatt
sie zu einem friedlichen und organischen Ausgleich zu bringen, wird in Genf
und außerhalb Genfs auf die Dauer zum Scheitern verurteilt sein. Im übrigen
sind sich über die Ziele, die wir in der Außenpolitik zu verfolgen
haben, im Grunde alle Deutschen einig. Das deutsche Volk will als freie, gleichberechtigte
und geachtete Nation im Kreise der Völker den Platz einnehmen, auf den
es nach seiner Größe, seinen Vergangenheit und seiner Leistungsfähigkeit
Anspruch hat. Um diesen Anspruch zu verwirklichen, wird die Reichsregierung
in ruhiger Entschlossenheit und Stetigkeit an die großen Aufgaben herangehen,
die sich aus den augenblicklichen Lage ergeben. Sie weiß, dass den deutschen
Lebensinteressen, die hierbei auf dem Spiele stehen, nicht mit gewagten politischen
Experimenten, nicht mit abenteuerlichen politischen Kombinationen gedient sein
kann. In nüchterner Würdigung der politischen Realitäten, zugleich
aber auch im Vertrauen auf die gesunde innere Kraft unseres Volkes sind wir
bereit zur aufrichtigen freundlichen Zusammenarbeit mit allen den Regierungen,
die auch ihrerseits gewillt sind, eine Lösung der offenen internationalen
Probleme auf dem Wege gerechter und billiger Verständigung zu suchen. .
. .
An Verbände, Gruppen und Parteien möchte ich aber in dieser Stunde
die Mahnung richten, daran zu denken, dass sie nicht Selbstzweck sind und ihre
Daseinsberechtigung verlieren, wenn sie sich der Mitarbeit am Staate entziehen.
Das deutsche Volk hat ein sehr feines Gefühl für ein Versagen auf
diesem Gebiet und wird sich enttäuscht von denjenigen abwenden, denen es
im reichsten Maße sein Vertrauen geschenkt hat, weil es große positive
Leistungen von ihnen erwartete und nicht Taktik und Negation. Denen aber, die
da meinen, eine autoritäre Staatsführung könne des Rückhalts
im Volke entbehren, die darüber hinaus sogar jede Zusammenarbeit mit einem
Parlament ablehnen, möchte ich entgegenhalten, [dass Wille und Mut allein
zum Regieren nicht genügen,] dass auch Verständnis für das Empfinden
des Volkes und das Erkennen des psychologischen Momentes dazu gehören.
Deshalb wird die von mir geführte Reichsregierung für ihre Arbeit
den besten Moltke-Spruch "Erst wägen, dann wagen" zur Richtschnur
nehmen.
(aus: Das Kabinett Schleicher, S. 101-117)
Der Reichskommissar für Arbeitsbeschaffung Dr. Gereke hielt Freitag
abend im Rundfunk eine Rede, die über alle deutschen Sender verbreitet
wurde. Er führte u. a. aus:
Immer klarer hat sich in diesem Jahre herausgestellt, dass wir zu außergewöhnlichen
Mitteln greifen müssen, um die Massenarbeitslosigkeit in Deutschland zu
bekämpfen. Dazu zwingt uns ebenso das Elend der Erwerbslosen, wie die Notlage
der privaten Wirtschaft. Die Ausgaben für die gesamte Arbeitslosenfürsorge
sind auf mehr als drei Milliarden Mark im Jahr gestiegen. Sie haben die Haushalte
der öffentlichen Körperschaften auf das Stärkste erschüttert,
denn diese Mehrausgaben mussten besonders verhängnisvoll wirken, weil infolge
des Schrumpfungsprozesses der Wirtschaft die Steuereinnahmen ständig zurückgegangen
sind. Sinkenden Einnahmen der öffentlichen Körperschaften stehen steigende
zwangsläufige soziale Ausgaben gegenüber. Um den Zusammenbruch der
öffentlichen Haushalte zu verhindern, sind infolgedessen überall einschneidende
Abstriche auf der Ausgabenseite vorgenommen: Von 1929 bis 1932 hat sich der
Gesamtbetrag der öffentlichen Haushalte von 20,8 Milliarden Mark auf 14,8
Milliarden Mark vermindert! Von dem Unterschied entfällt aber ein sehr
erheblicher Teil, und zwar mehr als die Hälfte, auf die Sachausgaben der
öffentlichen Hand, und das bedeutet wiederum, dass auch die private Wirtschaft
entsprechend weniger Aufträge von der öffentlichen Hand bekommen hat.
Dadurch ist die Arbeitslosigkeit weitergestiegen, die Steuereingänge sind
zurückgegangen, die sozialen Lasten haben sich erhöht. Aus diesem
verhängnisvollen Kreislauf müssen wir herauskommen.
Der Herr Reichspräsident von Hindenburg hat bereits bei der Berufung der
Regierung von Papen dieser zur Pflicht gemacht, Maßnahmen zur Bekämpfung
der Arbeitslosigkeit durchzuführen. Er hat in seiner Neudecker Botschaft
betont, dass diese Maßnahmen die Lebenshaltung der deutschen Arbeiterschaft
gewährleisten und dem sozialen Frieden dienen müssen. Aus der Rundfunkrede
des Herrn Reichskanzlers von Schleicher wissen Sie, dass er als Hauptpunkt seines
Programms bezeichnet hat: "Arbeit schaffen!" Das bedeutet, dass das
im Sommerbegonnene Werk der Wiederbelebung der Wirtschaft und Bekämpfung
der Arbeitslosigkeit ausgebaut und ergänzt werden muss. Um eine beschleunigte
und nach einheitlichen Richtlinien erfolgende Arbeitsbeschaffung zu ermöglichen,
hat der Herr Reichspräsident einen besonderen Reichskommissar für
Arbeitsbeschaffung berufen. Ich bin mir der ungeheuren Verantwortung wohl bewusst,
die ich mit der Übernahme dieses Postens auf mich genommen habe. Wenn ich
nicht den festen Glauben an die Leistungsfähigkeit und den Selbstbehauptungswillen
des deutschen Volkes hätte, der sich in der Geschichte Immer wieder gezeigt
hat, würde ich diese Verantwortung nicht auf mich nehmen können.
Es ist nach meiner Ernennung in der Öffentlichkeit eine lebhafte Auseinandersetzung
darüber gewesen, was denn nun so ein Reichskommissar für Arbeitsbeschaffung
tun soll. Der Herr Reichskanzler hat in seiner Rundfunkrede meinen Auftrag dahin
erläutert, dass er das volkstümliche Bild vom '"Schäferhund"
gebrauchte, der wachsam alle Arbeitsmöglichkeiten aufspüren und alle
Beteiligten zur beschleunigten Arbeit anhalten soll. Wohlmeinende Kritiker haben
daraufhin erklärt, es sei vielleicht besser, wenn der Schäferhund
etwas an die Leine genommen würde und sogar einen Beißkorb erhielte,
damit er sich nicht allzu sehr tummeln könne. Nun, meine verehrten Hörerinnen
und Hörer, ich bin gerade der Meinung, dass ich im Interesse der Bekämpfung
der Arbeitslosigkeit mich recht tummeln muss, um alle Schwierigkeiten zu überwinden,
die mir manchmal von freundlichen Mitmenschen in den Weg gestellt werden.
Nun, meine verehrten Damen und Herren, ist Ihnen ja allen bekannt, dass das
September-Programm der früheren Reichsregierung eine Entlastung der Wirtschaft
und daraus folgend eine Belebung erstrebt mit Steuergutscheinen. Außerdem
war damals schon ein öffentliches Arbeitsbeschaffungsprogramm vorgesehen.
Und es wird jetzt eine der vordringlichsten Aufgaben sein, dass die bisher geplanten
und eingeleiteten Arbeiten beschleunigt durchgeführt werden. Das sind zunächst
die Arbeiten mit einem Aufwand von 342 Millionen Mark, die in der Hauptsache
für Land- und Wasserstraßen, landwirtschaftliche Meliorationen und
für einige andere Zwecke, dienen. Nebenher laufen die öffentlichen
Notstandsarbeiten sowie die Sonderprogramme der Reichsbahn in Höhe von
280 Millionen Mark und der Reichspost in Höhe von 60 Millionen Mark. Außerdem
wird der freiwillige Arbeitsdienst, der Anfang Dezember 285 000 Arbeitsdienstwillige
beschäftigte, auch in den Wintermonaten im Rahmen des Möglichen weitergeführt
werden. Für vorstädtische Kleinsiedlungen und die Schaffung von Kleingärten
sind in diesem Jahre 73 Millionen bereitgestellt und damit über 26 000
Siedlerstellen und über 74 000 Kleingärten geschaffen worden. Weitere
10 Millionen gelangen jetzt zur Verteilung und das Ziel ist, übersetzte
Industriezentren aufzulockern und die bevölkerungspolitisch notwendige
Umschichtung und Hinführung zum Lande zu fördern. Dabei denke ich
an eine nebenberufliche Landsiedlung, die den Siedler befähigt, seinen
Lebensunterhalt zum Teil aus seiner Lohnarbeit, zum anderen Teil aus seiner
eigenen Scholle zu gewinnen. Diesem Ziele, möglichst viel[e] Dauerexistenzen
zu schaffen, muss auch die verstärkte bäuerliche Siedlung dienen.
Der Herr Reichskanzler hat ja in seiner Rundfunkrede bereits betont, welchen
Wert die Reichsregierung auf die energische, beschleunigte Förderung der
Siedlung legt. Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, dass gerade
auch im Interesse der Siedler und zwar der alten wie der neuen, alles getan
werden muss, um die Rentabilität unserer schwer leidenden Landwirtschaft
wiederherzustellen. Ich werde deshalb nach Kräften alle Maßnahmen
unterstützen, die zur Erleichterung der Lage der Landwirtschaft führen,
und ich glaube, dass ich dieser Aufgabe am besten damit dienen kann, dass ich
bemüht bin, möglichst viele Erwerbslose wieder in dauernde Arbeit
zu bringen und damit die Kaufkraft der Massen zu heben; jene unerlässliche
Voraussetzung für die Verbesserung des Absatzes der Erzeugnisse von Landwirtschaft
und Industrie.
Auf Grund eines Beschlusses der Reichsregierung sind ferner noch zur Förderung
des Eigenheimbaues in den Haushaltsjahren 1933/34 20 Millionen bereitgestellt
worden, aus denen schon jetzt kleine Hypotheken zum Bau von Eigenheimen zugesagt
werden können. Bei einem durchschnittlichen Darlehen von 1500 Mark werden
etwa 13 000 Eigenheime gefördert. Durch den Zwang für den Bauherrn,
die übrigen Kosten selbst zu tragen, wird ein Arbeitseffekt von rund 100
Millionen Mark erzielt. Um für Handwerk und Baugewerbe auch in den Wintermonaten
weitere Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen, werden die vom Reichsarbeitsministerium
im September eingeleiteten Maßnahmen zur Instandsetzung von Wohngebäuden,
Teilung von Wohnungen, Umbau gewerblicher Räume zu Wohnungen weitergefördert.
Da über die bisherigen Reichszuschüsse in Höhe von 50 Millionen
Mark in kurzer Zeit verfügt ist, habe ich sichergestellt, dass zunächst
mindestens weitere 50 Millionen bereitgestellt werden. Die Bestimmungen werden
so gefasst, dass die Arbeiten sofort einsetzen, wobei entsprechend der Jahreszeit
die Innenarbeiten bevorzugt werden. Da der Hausbesitzer das Mehrfache des Reichszuschusses
aus eigenem beitragen muss, wird auch hier der tatsächliche Arbeitseffekt
vervielfältigt.
Nun aber, meine Damen und Herren, den Kern des von mir seit längerem vorgeschlagenen
öffentlichen Arbeitsbeschaffungsprogramms.
Sie wissen, dass ich seit langem dafür eingetreten bin, eine möglichst
umfassende Arbeitsbeschaffung durch die öffentliche Hand zu erreichen.
Dabei bin ich von der Voraussetzung ausgegangen, dass es in einer so tiefgehenden
Krise, wie der heutigen, nicht möglich sein wird, allein von der Privatinitiative
her die Schwierigkeiten zu lösen. Das ergibt sich schon aus der Tatsache,
dass ein sehr namhafter Teil unserer Privatwirtschaft vornehmlich auf die Annahme
und Durchführung von Arbeiten angewiesen ist, die von jeher von der öffentlichen
Hand finanziert worden sind. Ich wies bereits darauf hin, wie stark die Ausgaben
der öffentlichen Haushalte gekürzt worden sind. Gelingt es nicht,
die öffentlichen Arbeiten wenigstens teilweise wieder durchzuführen,
dann werden wesentliche Zweige der Privatwirtschaft ohne Aufträge bleiben.
Es besteht also keinerlei Gegensatz .zwischen einem öffentlichen Arbeitsbeschaffungsprogramm
und den Interessen der Privatwirtschaft; im Gegenteil, gerade die Privatwirtschaft
muss das größte Interesse haben, wie früher von dem größten
Auftraggeber, nämlich der öffentlichen Hand, wieder Aufträge
zu erhalten. Jeder Anreiz zur Produktionssteigerung kann sich jedoch nur dann
auswirken, wenn die wichtigste Frage, nämlich die des Absatzes, positiv
geklärt ist. Gerade in Krisenzeiten wie den heutigen, ist es meines Erachtens
Pflicht der öffentlichen Hand, der Privatwirtschaft auch durch Arbeitsaufträge
neben der notwendigen steuerlichen Entlastung jede nur mögliche Unterstützung
angedeihen zu lassen.
Auf diesem Grundsatz baut sich mein Programm auf. Dabei möchte ich vorausschicken,
dass es im Augenblick nicht darauf ankommt, einen festen Plan auf Jahre hinaus
festzulegen, wie es vielfach in der Öffentlichkeit gewünscht wird,
sondern ganz real und nüchtern alle vorhandenen Möglichkeiten für
den Augenblick auszuschöpfen. Die Not ist so groß, dass die mit der
Festlegung eines solchen Planes unweigerlich verbundene Hinauszögerung
des Beginns der öffentlichen Arbeiten nicht verantwortet werden kann. Daher
bitte ich, meine weiteren Ausführungen unter dem Gesichtspunkt des Sofortprogramms
zu betrachten, das zunächst einmal mit größter Beschleunigung
durchgeführt werden muss. An der Auswirkung dieses Sofortprogramms werden
sich später die entsprechenden Schlüsse um so leichter ziehen lassen.
Nach diesem Sofortprogramm erhalten Träger öffentlicher Arbeiten zunächst
bis 500 Millionen RM Darlehen. Die Durchführungsbestimmungen werden in
Kürze veröffentlicht. Die Finanzierung dieser Summe ist gesichert.
Die Reichsbank hat die vorgeschlagene Finanzierung gebilligt. Die Sicherheit
der Währung ist auch für mich selbstverständliche Voraussetzung
für jede Arbeitsbeschaffung. Als Darlehnsgeber sind die Gesellschaft für
öffentliche Arbeiten und die Rentenbankkreditanstalt vorgesehen. Träger
der Arbeit können zunächst nur Reich, Länder, Gemeinden, Gemeindeverbände
und sonstige Körperschaften des öffentlichen Rechts sowie gemischtwirtschaftliche
Versorgungsbetriebe sein.
So sehr ich Wert darauf lege, dass die Arbeitsbeschaffung zentral überwacht
wird, so sehr verfolge ich andererseits den Grundsatz gesunder Dezentralisation
bei der Auswahl der Arbeitsprojekte. Alle öffentlichen Körperschaften
sollen von sich aus die Initiative ergreifen und beschließen, welche Arbeiten
sie für vordringlich und unentbehrlich halten. Die Laufzeit der Darlehen
soll der voraussichtlichen Lebensdauer der zu erstellenden Anlagen angepasst
werden. Die Darlehen sind von den Darlehnsnehmern in gleichen Raten zu tilgen.
Bei einer Tilgungszeit von beispielsweise 20 Jahren beträgt die Rente jährlich
6 Prozent des Darlehns. Bei längerer oder kürzerer Tilgungszeit tritt
eine entsprechende Verminderung oder Erhöhung der Rente ein. Damit ist
erreicht, dass die Träger der Arbeit außer der Rückzahlung des
Darlehns nur einen in der Rente enthaltenen Beitrag leisten, den man als Abgeltung
für Verwaltungsunkosten ansehen kann. Die übrigen Kosten des Kapitaldienstes
trägt das Reich. Außerdem werden noch zwei Freijahre vorgesehen,
die in Ausnahmefällen um ein Jahr zugestanden werden. Für werbende
Anlagen, z. B. Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke und dergl., werden
dagegen die Kreditbedingungen so gestaltet, dass die Träger die normalen
Zins- und Tilgungslasten aufzubringen haben. . . .
Die Vergebung der Arbeiten soll auch grundsätzlich an Unternehmer erfolgen,
wobei die Vergebung der Arbeiten an Generalunternehmer möglichst auszuschalten
ist. Die mittleren und kleineren Betriebe in Handwerk und Gewerbe sind ausreichend
zu berücksichtigen und eine Schwarzarbeit muss unterbunden werden. Im Rahmen
des technisch Vertretbaren soll auch menschliche Arbeitskraft den Vorrang vor
der Maschine haben. Außerdeutsche Baustoffe dürfen nur verwendet
werden, wenn geeignete inländische Baustoffe nicht beschafft werden können,
eine Selbstverständlichkeit für mich. Bei Neueinstellungen dürfen
nur inländische Erwerbslose berücksichtigt werden, die durch die Arbeitsämter
vermittelt werden. Vornehmlich sollen langfristig erwerbslose Familienernährer,
vor allem kinderreiche, berücksichtigt werden. Die bei den Arbeiten beschäftigten
Arbeitnehmer sind zu den geltenden Tarifsätzen zu entlohnen. Um möglichst
vielen Deutschen Arbeit schaffen zu können, soll die Arbeitszeit 40 Stunden
wöchentlich nicht überschreiten.
Sehr ernster Prüfung bedarf selbstverständlich die Frage, wie weit
insbesondere die Gemeinden bei ihrer schwierigen Finanzlage überhaupt Anleihen
aufnehmen und tilgen können. Die Bedingungen für die einzelnen Kredite
müssen deshalb so gestaltet werden, dass sie auch den in schwerster Bedrängnis
befindlichen Kommunen die Möglichkeit geben, im Interesse der Bekämpfung
der Arbeitslosigkeit Kredite aufzunehmen.
Wenn allerdings von der anderen Seite oft jetzt erklärt wird, erst müsse
eine Sanierung der Haushalte erfolgen, müsse ein gerechter Finanz- und
Lastenausgleich da sein, müsse die Umschuldung durchgeführt sein,
dann glaube ich allerdings, meine sehr verehrten Damen und Herren, dass wir
in der heutigen Not der Arbeitslosen gar nicht warten können, bis all das
durchgeführt ist. Wir müssen im Gegenteil im Rahmen dieses Arbeitsbeschaffungsprogramms
durch entsprechende Maßnahmen die Wohlfahrtsausgaben der Gemeinden herabdrücken
durch Schaffung von Lohn und Brot für die Arbeitslosen, damit die Gemeinden
in die Lage kommen, einen Haushaltsplan aufzustellen, in dem der heutige Unsicherheitsfaktor
der zwangsläufigen Wohlfahrtsausgaben möglichst ausgeschaltet und
so der Weg
zur Umschuldung frei wird. Ich weiß, dass zur Erreichung dieses Zieles
auch noch andere Maßnahmen ergriffen werden müssen, die aber in die
heutige Betrachtung nicht hineingehören. Meine verehrten Damen und Herren!
Ich bin mir wohl bewusst, dass man gegen das soeben skizzierte Programm Bedenken
geltend machen kann. Mit der negativen Kritik kommen wir aber nicht weiter.
Ich habe die dringende Bitte an alle Deutschen, dass jeder im Rahmen seiner
Möglichkeiten mithilft, unser deutsches Schicksalsproblem zu lösen.
Wie schaffen wir Arbeit und Brot, wie erlösen wir Millionen von dem Fluch
der Arbeitslosigkeit, wie machen wir sie wieder zu frohen Menschen, die nicht
zur Untätigkeit verdammt sind und der Verzweiflung anheimfallen? Die Bekämpfung
der Arbeitslosigkeit ist ja nicht nur ein wirtschaftliches, sondern ebenso ein
staatspolitisches und soziales Problem. Sie bietet vielleicht die zur Zeit noch
einzig vorhandene Möglichkeit zur Milderung der ungeheuren sozialen Spannungen,
und sie kann wohl allein nur noch die Grundlage schaffen, von der aus man das
von dem Herrn Reichspräsidenten von Hindenburg erstrebte Ziel erreicht:
Sicherung des sozialen Friedens und Schaffung einer deutschen Volksgemeinschaft.
Arbeit schaffen bedeutet Vertrauen schaffen. Wir brauchen beides, Arbeit und
Vertrauen. Ich weiß, dass dieses Weihnachtsfest, vor dem wir stehen, für
viele Millionen Deutsche kein Fest der Freude und des Lichterglanzes sein kann,
dass alle Gedanken des Friedens und der Versöhnung, des Glaubens und der
Hoffnung nur schwer ihren Einzug halten können. Aber gerade deshalb werde
ich, mögen die Hindernisse auch noch so groß sein, alles daran setzen,
dass eine große Offensive gegen die Arbeitslosigkeit beginnen kann, damit
uns alle nicht nur die Hoffnung, sondern der feste Glaube an die deutsche Zukunft
erfüllt!
(aus: Das Kabinett Schleicher, S. 156 - 162)
In einer Bürobesprechung am Montag, den 28. Nov. 1932, berichten die Kollegen
Leipart und Eggert über ihren soeben erfolgten Besuch bei General v. Schleicher.
Leipart führt aus: Heute vormittag rief das Reichswehrministerium bei mir
an und bat mich zu einer Rücksprache zu General v. Schleicher. Auf Wunsch
des Genossen Wels, den ich sofort verständigte, begaben Kollege Eggert
und ich uns zunächst zum Parteivorstand. Wir einigten uns über eine
Antwort auf die erwartete Frage Schleichers, ob ich meinen Einfluss auf die
sozialdemokratische Fraktion dahin geltend machen wolle, dass sie ein Kabinett
Schleicher toleriert.
Die Besprechung bei Schleicher fand dann um 12 Uhrstatt. Die vorerwähnte
Frage wurde nicht gestellt. Schleicher führte aus, dass er vorläufig
noch fest entschlossen sei, die Berufung zum Reichskanzler nicht anzunehmen.
Für den Fall, dass er aber doch vom Reichspräsidenten gedrängt
werde, müsse er schließlich das Opfer bringen. Für diesen Fall
wolle er uns zwei Fragen vorlegen.
1. Ob wir in der Lage seien und ihm helfen könnten, einen geeigneten Arbeitsminister
" zu finden. Am liebsten würde er einen von uns beiden nehmen, aber
ersehe selber ein, dass das nicht möglich sei. Er könne durchaus verstehen,
dass die SPD in Opposition bleiben müsse. Für ihn handele es sich
darum, in der Person des künftigen Arbeitsministers, der der wichtigste
Minister im Kabinett sein werde, die Gewähr für eine Entspannung der
Lage zu schaffen.
2. Welche dringenden sozialpolitischen Maßnahmen wir für die nächste
Zeit von der neuen Regierung fordern oder erwarten würden.
Ich antwortete: Die erste Frage sei schwer zu beantworten, zumal wir ja nicht
wissen, in welcher Gesellschaft sich dieser neue Arbeitsminister befinden werde.
Hier wich Schleicher etwas aus. Ich fragte dann, ob er sich schon mit Personen
befasst habe, die er uns nennen könne. Auch hier wich er zunächst
aus, so dass ich ihm dann direkt die Frage vorlegte: Kommt Stegerwald in Frage?
Er sagte darauf, Siegerwald sei ihm von den Christen in erster Linie empfohlen
worden. Wie wir uns dazu stellen würden, ob er die nötige Entspannung
bringen könnte. Ich antwortete: Stegerwald habe früher bei uns einen
ganz guten Namen gehabt. Durch die sozialpolitischen Abbaumaßnahmen der
Regierung Brüning, die er zum guten Teil vorbereitet habe, hat er aber
stark in seinem Ansehen gelitten.
Die zweite Frage sei leichter zu beantworten. Wir wünschten in erster Linie
Arbeitsbeschaffung. Die Maßnahmen müssten so gehalten
sein, dass die Arbeiterschaft sehe, es sei der Regierung wirklich ernst. Ich
benutzte die Gelegenheit, um unsere Erhebungen über die Neueinstellungen
vorzulegen. (Bisher 42 000, in den letzten Wochen liefen überhaupt keine
Berichte mehr ein). Diese Feststellungen waren ihm sehr interessant. Ich sagte
ihm, dass nach den vorgelegten Erhebungen von den bereitgestellten 700 Millionen
noch mindestens 680 Millionen vorhanden sein müssten. Dieser Betrag müsse
für wirkliche Arbeitsbeschaffung verwendet werden. Diese Forderung wollten
wir ohnedies schon schriftlich unterbreiten. Er antwortete, es sei gar keine
Rede davon, dass wirklich schon 20 Millionen verbraucht seien. Es sei auch nach
seiner Meinung selbstverständlich, dass die Lohnbestimmungen der Notverordnung
beseitigt werden müssten. Im Kabinett sei bereits darüber gesprochen
worden. Ich erwiderte, dass wir von diesen Beratungen des Kabinetts gehört
hätten. Uns wurde aber gesagt, dass gerade Schleicher, obgleich er sich
anfänglich gegen die Notverordnung gewehrt habe, aus Prestigegründen
gegen die Aufhebung der Notverordnung gestimmt habe. Er lehnte das entschieden
ab. Er habe im Gegenteil den Antrag auf Aufhebung gestellt. Es müssten
öffentliche Aufträge in weitem Umfange erfolgen. Auf die Frage, ob
er denn mit Luther übereinkommen würde, ließ er durchblicken,
dass er durchaus bereit sei, stärkeren Druck auf ihn auszuüben, als
es bisher geschehen sei. Arbeitsbeschaffung sei das A und O jeder Regierungspolitik.
Auf meine Frage, wie er zu Siedlungen in großem Umfange stehe, antwortete
er durchaus positiv. Den Großagrariern gegenüber werde er sich durchsetzen.
Ihre Meinung sei ihm gleichgültig. Öffentlich würden sie.es nicht
wagen, gegen ihn aufzutreten. Dass sie im stillen Minen gegen ihn legen, sei
durchaus möglich. Das geschehe auch jetzt schon. Aber er fühle sich
stark genug, mit ihnen fertig zu werden.
Es sei übrigens ein großer Irrtum, dass Hindenburg den Einflüssen
aus Ostelbien unterliege. Hindenburg erhalte fortgesetzt Briefe, in denen er
vor Schleicher gewarnt werde. Diese Briefe zeige er ihm alle. Kürzlich
habe Hindenburg ihn mal gefragt: "Wir kennen uns doch nun schon so lange
und sind miteinander befreundet. Ist es wirklich wahr, dass Sie mich umbringen
wollen?" Ich fragte dann unvermittelt: "Stimmen die Pressenotizen,
nach denen 'nur noch Papen oder Schleicher in Frage kommen?" Er bestätigte
das sehr ernst und bestimmt. Papen sei immer noch der Vertrauensmann von Hindenburg.
Da Hindenburg aber von verschiedenen Seiten eindringlich vorgestellt worden
sei, dass es nicht mehr gehe mit Papen, denke er an Schleicher. Ich habe darauf
geantwortet: "Wenn es wirklich so steht, dann halte ich es für meine
Pflicht, Sie zu bitten, dass Sie dann annehmen."
Kollege Eggert machte dann noch verschiedene Bemerkungen, denen Schleicher uneingeschränkt
zustimmte.
Er machte dann noch verschiedene kritische Bemerkungen über seine Regierungskollegen.
Vor seiner Urlaubsreise habe er einen Kabinettsbeschluss herbeigeführt,
dass über Verfassungsfragen nicht geredet wird. Man habe jetzt mehr zu
tun, als die Öffentlichkeit zu reizen. Trotzdem sei nach seiner Abreise
über die Verfassungsreform gesprochen worden. Das sei Unsinn. Über
Verfassungsfragen könne man erst reden, wenn die Leute satt zu essen haben.
Die kritischen Bemerkungen Schleichers und sein ganzes Auftreten machten den
Eindruck, dass er nicht Theater spielte. ich habe den Eindruck, dass Schleicher
ein offener Charakter ist. Die Kontingentierungspolitik seines Kollegen Braun
bezeichnete er als Unfug. Die Maßnahmen seien aus wahlagitatorischen Gründen
erfolgt. Schleicher äußerte sich ehrlich empört über die
Dummheiten des Kabinetts Papen. Papen sei ein grundehrlicher Kerl, aber seine
Fähigkeiten seien begrenzt. Gayl sei stockreaktionär, aber mit einem
weichen Herzen; ein Widerspruch in sich. Er verleugne seine eigenen Anschauungen
und Maßnahmen mit seinem weichen Herzen.
Auf meine Bemerkung, eine Regierungserklärung des Kabinetts Schleicher
dürfe aber nicht wieder vom Wohlfahrtsstaat sprechen, erwiderte er: "Für
ganz so dämlich dürfen Sie mich nicht halten."
Er gestand zu: Arbeitsbeschaffung im weitesten Umfange, öffentliche Aufträge,
kein Angriff mehr auf die Arbeiterrechte und Löhne. Er ersuchte um schriftlichen
Bescheid über unsere Wünsche an das neue Kabinett und um Äußerung
über den neuen Arbeitsminister. Ihm sei
auch noch der Schlichter Brahn genannt worden. Wie wir über ihn dächten.
Wir haben ausweichend geantwortet. Da es aber nicht gut tragbar ist, dass wir
uns schriftlich an der Ministersuche beteiligen, habe ich beim Weggehen gesagt:
Wenn wir uns nicht mehr äußern, können Sie annehmen, dass wir
uns mit Brahn abfinden. In bezug auf Stegerwald sagte er: Gern würde er
ihn nicht ins Kabinett nehmen. Einmal habe er sich unter Brüning ziemlich
verbraucht und außerdem dauere jede Kabinettssitzung mit ihm 2 Stunden
länger. Das koste ihm zuviel Zeit.
Eggert ergänzt den Bericht wie folgt: Schleicher sagte u. a.: Wenn er der
Not gehorchend das Amt annehmen würde, dann sei er der Meinung, dass die
Regierung den Reichstag als kontrollierendes Organ brauche. Er denke aber an
einen Waffenstillstand bis in das nächste Jahr hinein. Dazu brauche er
die Nazis. Er fügte hinzu: "Sie werden zugeben müssen, dass ich
die Nazis kirre gekriegt habe. Ich habe ihnen damals Ruhe und Arbeit versprochen.
Das erste Versprechen habe ich eingelöst. Ich habe den Antrag auf Todesstrafe
gegen Nazis im Kabinett gestellt. Dass Sie damit nicht einverstanden sind, verstehe
ich, aber ich habe mein Ziel erreicht. Das zweite Versprechen bleibt noch einzulösen."
Dass wir oder die SPD die Kritik aufgeben, erwarte er nicht. Aber man müsse
doch sehen, wie man über die jetzige Zeit hinwegkomme. Sobald die schlimmste
Zeit überwunden sei, würde er wieder zurücktreten, denn die Verbindung
zwischen Wehrministerium und Kanzleramt sei nicht lange tragbar.
Leipart: Auf die Frage, ob Schleicher sich auch der unteren Offiziere der Reichswehrsicher
sei, antwortete er, er sei sich der Reichswehr hundertprozentig sicher. Auf
die Frage, ob er dieses Vertrauen nicht aufs Spiel setze, wenn er das Kanzleramt
übernehme, antwortete er: Ja, das befürchte er, und deshalb wolle
er sich mit dem Kanzleramt nicht länger als unbedingt nötig belasten.
Er würde überhaupt nur annehmen, wenn der Reichspräsident seine
Richtlinien über Verfassungsreform, Arbeitsbeschaffung usw. gutheißt.
Er denke daran, Landrat Gereke zum Arbeitsbeschaffungskommissar zu machen. (Gereke
befand sich bereits im Vorzimmer.)
Ich fragte Schleicher dann noch, wie die Verhältnisse im Nazilager stünden.
Ob tatsächlich, wie die Presse berichte, Uneinigkeit herrsche.
Schleicher antwortete: Vorläufig sei Hitler noch der Führer. Einer
seiner engsten Mitarbeiter habe ihm erklärt: "Es ist ja alles Unsinn,
was da gemacht wird. Aber wenn ich mich dagegen auflehne, dann würde ich
mit allen Mitteln kaputt gemacht, dann ist meine Existenz zum Teufel."
Damit halte man vorläufig noch alles zusammen. Es gäbe zwei große
Richtungen im Nazilager, Goebbels und Strasser. Goebbels habe weitgehende Verbindung
mit den Kommunisten. Strasser dränge Hitler, vernünftig mitzuarbeiten.
In bezug auf das Preußenkabinett sagte Schleicher: Es sei ein Fehler von
Brüning gewesen,
dass er damals den Vorschlag Braun ablehnte. Jetzt sei es natürlich unmöglich,
die Sache rückgängig zu machen. Es sei aber geradezu unerhört,
in welcher Weise Papen sich in Leipzig habe vertreten lassen. Staatsmännern
wie Braun und Severing so zu begegnen, sei unfair. Er glaube, dass das Gespräch
zwischen Gayl und Severing tatsächlich so wie angegeben stattgefunden habe.
Es aber in dieser Weise auszuschlachten, sei unerhört. Solches Vorgehen
mache jede Unterhaltung auf Treu und Glauben unmöglich.
(aus: Die Gewerkschaften in der Endphase, S.766-770)
Gregor Strasser den 8. Dezember 1932 Herrn
Adolf Hitler z. Zt. Berlin Hotel Kaiserhof
Sehr geehrter Herr Hitler!
Mit diesem Schreiben bitte ich Sie zur Kenntnis zu nehmen, dass ich mein Amt
als Reichsorganisationsleiter der Partei niederlege und gleichzeitig meinen
Verzicht auf mein Reichstagsmandat aussprechen werde.
Zur Begründung dieses von mir nach schweren inneren Kämpfen unternommenen
Schrittes führe Ich folgendes an:
Es ist mir unmöglich, in einer Zeit, die infolge der politischen Verhältnisse
und des inneren Zustandes der Bewegung straffste autoritative Führung zur
allergrößten Notwendigkeit macht, die Organisationsarbeiten durchzuführen,
wenn der Führer der Bewegung die von ihm unterzeichneten Anordnungen den
wenigen die erhöhte Kontrolle mit Recht führenden Gauleitern gegenüber
heruntersetzt und sabotiert und dadurch diese Gauleiter, die durchweg zu den
schlechtesten Verwaltern ihres Amtes gehören, zur offenen Meuterei auffordert.
Das ist für mein soldatisches Denken unerträglich. Nachdem Sie auch
dritten gegenüber die von mir durchgeführte Neu-Organisation der Partei
als prinzipiell falsch bezeichnen, ist meine organisatorische Aufgabe unlösbar
geworden und ich ziehe daraus die Konsequenzen.
Ich glaube, dass kein Redner der Partei außer Ihnen so stark die weltanschaulichen
Fragen des Nationalsozialismus in den Vordergrund gerückt hat wie ich.
Darum habe ich das Recht zu sagen, dass die NSDAP nach meiner Auffassung nicht
nur eine zur Religion werdende Weltanschauungsbewegung ist, sondern eine Kampfbewegung,
die die Macht im Staate in jeder Möglichkeit anstreben muss, um den Staat
zur Erfüllung seiner nationalsozialistischen Aufgaben und zur Durchführung
des deutschen Sozialismus in allen seinen Konsequenzen fähig zu machen.
Die brachiale Auseinandersetzung mit dem Marxismus kann und darf nicht dem Einzelnen
überlassen - in dem Mittelpunkt der innerpolitischen Aufgabe stehen, sondern
ich sehe es als das große Problem dieser Zeit an, eine große breite
Front der schaffenden Menschen zu bilden und sie an den neugeformten Staat heranzubringen.
Die alleinige Hoffnung auf das Chaos als der Schicksalsstunde der Partei halte
ich für falsch, gefährlich und nicht im gesamtdeutschen Interesse
liegend. In allen diesen Fragen ist Ihre entscheidende Meinung eine andere und
damit ist meine politische Aufgabe als Abgeordneter und Redner der Partei unlösbar
geworden und ich ziehe daraus die Konsequenzen.
Ich war in meinem Leben nichts anderes als Nationalsozialist und werde es nie
anders sein; darum trete ich - ohne Rücksicht auf meine Person und ohne
persönlichen Groll - in die Reihe der einfachen Parteigenossen zurück
und mache den Platz frei für die Ratgeber, welche Sie zur Zeit mit Erfolg
zu beraten in der Lage sind.
Dieser mein Entschluss ist der schwerste meines Lebens; denn ich habe der Bewegung
und Ihnen 11 Jahre lang treu gedient.
Da ich unter allen Umständen ablehne, irgendwie der Mittelpunkt von Oppositionsbestrebungen
oder auch nur Erörterungen solcher Art zu werden, verlasse ich heute noch
Berlin und anschließend für längere Zeit Deutschland.
Als meinen Nachfolger schlage ich pflichtgemäß den früheren
Leiter der Organisationsabteilung 11 Herrn Oberst Hierl vor.
Von diesem Brief erhalten nur Sie Kenntnis. An die Presse werde ich keine irgendwie
gearteten Erklärungen meines Schrittes geben.
Mit deutschem Gruß stets Ihr ergebener gez. Gregor Strasser (aus: Kissenkoetter,
S. 202f.)
Anwesend. v. Schleicher, v. Neurath, Bracht, Graf Schwerin v. Krosigk, Warmbold,
Syrup, Gürtner, v. Eltz-Rübenach, v. Braun, Popitz, RKom. Gereke;
StS Planck, Meissner: MinDir. Marcks; Protokoll: MinR Wienstein.
[POLITISCHE LAGE.]
Der Reichskanzler führte aus, dass es sich im wesentlichen um zwei Fragen
handele, nämlich um die Fragen, ob es gelinge, die Nationalsozialisten
zur Mitarbeit zu gewinnen oder ob diese den Kampf gegen das Reichskabinett wünschten.
Bei der Mitarbeit gebe es natürlich noch gewisse Formen; denkbar sei eine
aktive Mitarbeit im Reichskabinett, denkbar sei auch die Form der Tolerierung
des Kabinetts oder etwas Ähnliches.
Er beabsichtige nicht, sich auf eine Verzögerung der Entscheidung einzulassen.
In eine Vertagung des Reichstags bis Ende März wolle er allenfalls dann
einwilligen, wenn die Nationalsozialisten auf Agitationsfreiheit verzichteten.
Hitler habe jedenfalls vor kurzem noch eine Vertagung des Reichstags bis ungefähr
zu diesem Zeitpunkt angestrebt, aber bei voller Agitationsfreiheit. Sollte es
demnächst zum Zusammentritt des Reichstags kommen, und sollten die Misstrauensvoten
als Punkt 1 auf die Tagesordnung gesetzt werden, dann werde er dem Reichstag
eine schriftliche Auflösungsorder zuschicken. Nach seiner Auffassung müsse
man vermeiden, dass ähnliche Situationen wie unter dem vorigen Kabinett
im Reichstag entständen.
Wenn es zur Auflösung des Reichstags kommen sollte, dann müsse man
nach seiner Ansicht den Wahlkampf ohne Bindung nach irgendwelcher Richtung,
aber doch mit breiterer Front führen. Die Wirtschaft lehne den Gedanken
baldiger Neuwahlen ab. Auch in der Arbeiterschaft sei diese Stimmung sehr verbreitet.
Bei dieser Sachlage halte er den Gedanken für sehr erwägenswert; die
Neuwahlen bis zum Herbst zu verschieben. Auf jeden Fall, ob man nun zu Neuwahlen
komme oder nicht, sei die Bindung breiterer Gruppen an das Reichskabinett erforderlich.
Der Reichsminister des Innern stimmte den Ausführungen des Reichskanzlers
im wesentlichen zu. Erwies darauf hin, dass jedenfalls eins erreicht sei: eine
Einheitsfront gegen das Kabinett bestehe nicht mehr.
Im übrigen bat er den Reichskanzler zu überlegen, ob er nicht vor
Fällung der letzten Entscheidungen eine ernste Aussprache mit Hitler halten
wolle. Wenn man zur Auflösung des Reichstags komme, solle man auch nach
seiner Ansicht erst im Herbst, und zwar entweder am 22. Oktober oder am 12.
November; neu wählen lassen. Unbedingt notwendig sei die baldige Bereinigung
des preußischen Problems. Vielleicht könne der Herr Reichspräsident
bis zur Herbeiführung geordneter Zustände in Preußen die Aufgaben
eines Preußischen Staatspräsidenten übernehmen. Notwendig werde
auch die Auflösung des Preußischen Landtags sein.
Der Reichskanzler erklärte gleichfalls eine baldige Aussprache mit Hitler
vor Fällung der letzten Entscheidungen für nötig. Er wies darauf
hin; dass Hugenberg heute (16. 1.) eine Unterredung mit Hitler haben werde.
Positive Ergebnisse werde diese Unterredung sicherlich nicht haben.
Er, der Reichskanzler, sei fest davon überzeugt, dass Hitler nicht an die
Macht wolle. Neuerdings habe er den Wunsch, Reichswehrminister zu werden. Das
beweise deutlich, dass er ernsthaft nicht an die Macht wolle, denn er müsse
selber wissen, dass der Herr Reichspräsident ihm das Reichswehrressort
nie anvertrauen werde.
Er, der Reichskanzler, komme immer wieder darauf zurück, dass eine breite
Basis, vielleicht von Strasser bis zum Zentrum einschließlich, für
die Reichsregierung notwendig sei. Man könne Politik gewissermaßen
nicht im luftleeren Raumtreiben.
Der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft warf die Frage
auf, ob Strasser auch in das Reichskabinett eintreten werde und ob er über
einen größeren Anhang verfüge.
Der Reichskanzlererwiderte, dass Strasser gern ins Kabinett eintreten werde.
Ob er viel Anhang mitbringen werde, erscheine ihm zweifelhaft. Die Erfahrungen,
die man mit Treviranus gemacht habe, müssten abschreckend wirken. Strasser
wolle im Falle seines Eintritts in das Reichskabinett auch nicht aus der Partei
ausscheiden, sondern, wie er sich ausdrücke, die nationalsozialistische
Partei positiv gestalten. Reichskommissar Dr. Gereke führte aus, dass Hitler
nach seiner Auffassung schnell werde zu Neuwahlen zum Reichstag kommen wollen,
damit Strasser sich in der Partei keinen Anhang schaffe. Vielleicht sei es doch
praktischer, zunächst den Versuch zu machen, eine weitere Tolerierung durch
den Reichstag zu erlangen. Der Reichskanzler erwiderte, dass das Reichskabinett
psychologisch schlecht vorgesorgt haben würde, falls es dann noch nach
Beendigung der Tolerierung zu Neuwahlen komme.
Der Reichsminister des Auswärtigen führte aus, dass auch nach seiner
Ansicht eine Klärung bald nötig sei. Das Reichskabinett müsse
auf Hinausschiebung der Neuwahlen bedacht sein. Außenpolitisch erblicke
er hierin keinerlei Gefahr. Er halte es auch für zweckmäßig,
wenn die Auflösung des Reichstags nicht in Gegenwart des Reichskabinetts
erfolge. Unklar sei ihm noch, wie das Reichskabinett untermauert werden solle.
Der Reichskanzler erwiderte, dass nach seiner Auffassung von den Nationalsozialisten
Strasser in das Reichskabinett eintreten solle. Von den Deutschnationalen müsse
man Hugenberg gewinnen, da man anderenfalls auf ihre Gefolgschaft nicht mit
Sicherheit werde rechnen können. Was das Zentrum anlange, so sei Prälat
Kaas grundsätzlich nicht auf die Vertretung des Zentrums im Reichskabinett
bedacht. Er habe immer noch die Vorstellung einer Art Treuegemeinschaft, die
sich hinter das Kabinett stellen müsse. Es werde aber wohl doch zweckmäßig
sein, auch einen Vertreter des Zentrums in das Kabinett aufzunehmen. Der Reichsminister
des Auswärtigen äußerte das Bedenken, dass man auf diese Weise
den Gedanken des Präsidialkabinetts verlasse und zu einem Parteienkabinett
gelangen werde.
Der Reichskanzler erwiderte, dass auf die Dauer in Deutschland nicht regiert
werden könne, wenn man nicht eine breite Stimmung in der Bevölkerung
für sich habe. Staatssekretär Dr. Meissner erklärte, dass er
in einem Verlassen des Gedankens des Präsidialkabinetts eine Gefahr für
die Stellungnahme des Herrn Reichspräsidenten erblicke.
Der Reichskanzler erwiderte, dass er hierüber eingehend mit dem Herrn Reichspräsidenten
gesprochen habe.
Reichskommissar Dr. Gereke verlieh seiner Sorge darüber Ausdruck, dass
die Regierung durch eine Umgruppierung sich nicht eine bessere Resonanz schaffen
werde. Eine Mehrheit im Reichstag würde auch durch die vom Reichskanzler
erwähnte Umbildung des Reichskabinetts nicht zu erreichen sein.
Der Reichskanzler erwiderte, er sei sich darüber klar, dass eine parlamentarische
Mehrheit für das Kabinett nur mit Hitler zu erreichen sei. Man müsse
jedoch auf einen allmählichen Umschwung in der Stimmung der Bevölkerung
hoffen, der sich zu Gunsten des Kabinetts auswirken müsse. Dieser Umschwung
sei nur durch Erfolge in der sachlichen Arbeit des Reichskabinetts zu erreichen.
Reichskommissar Dr. Gereke wies darauf hin, dass so große Erfolge bis
zum Herbst 1933 unmöglich erreicht werden könnten. Reichsminister
Dr. Popitz führte aus, dass die sachlichen Arbeiten des Reichskabinetts
durch die augenblicklich lavierende Taktik gehemmt seien. Er warf dann die Frage
auf, ob die für das Reichskabinett neu zu gewinnenden Herren mit den sachlichen
Zielen des Kabinetts einverstanden seien.
Der Reichskanzler erwiderte, dass er in dieser Hinsicht keine Schwierigkeiten
sehe. Der Reichsminister der Finanzen führte aus, dass im Falle der Auflösung
des Reichstags auch nach seiner Auffassung die Neuwahlen vertagt werden müssten.
Er stimmte dem Reichskanzler durchaus zu, dass gewisse Gruppen des Reichstags
an das Kabinett gebunden werden müssten. In gewisser Beziehung sei das
zu bedauern, aber auch nach seiner Auffassung nicht zu vermeiden. Auf jeden
Fall sei eine einheitliche Willensbildung des umgebildeten Kabinetts notwendig.
Der Reichsarbeitsminister führte aus, dass er eine Einbeziehung prominenter
Parteiführer in das Reichskabinett für durchaus möglich halte.
Keinerlei Schwierigkeiten erblicke er bei Strasser und bei der Beteiligung des
Zentrums. In bezug auf Hugenberg habe er gewisse Bedenken.
Der Reichsminister des Innern führte aus, dass das Zentrum wahrscheinlich
zum Schein über angebliche Verfassungsverletzung klagen werde, wenn man
die Neuwahlen zum Reichstag hinausschiebe. In diesem Zusammenhange werde es
jedoch zum Eintritt ins Kabinett bereit sein und den Eintritt damit begründen,
dass er geschehe, um Schlimmeres zu verhüten.
Der Reichsminister der Justiz führte aus, dass Hitler rasch Neuwahlen erstreben
müsse, das Reichskabinett jedoch das Gegenteil. Wenn man die Neuwahlen
hinausschiebe, müsse der Wahltermin möglichst publiziert werden. Württemberg
würde sich mit einer derartigen Hinausschiebung abfinden, Bayern wohl auch.
Für alle Fälle müsse man aber auch die Situation überlegen,
die im Herbst entstehen werde. Er sehe in dieser Beziehung skeptisch und glaube,
dass die Situation im Herbst nicht viel anders sein werde als jetzt.
Zu der beabsichtigten Umbildung des Reichskabinetts habe er das Bedenken, ob
sich die Fach- und die Parteiminister zu gemeinsamer Arbeit finden würden.
Reichsminister Dr. Popitz warf die Frage auf, ob es klug sei, sich sofort auf
einen Neuwahltermin festzulegen.
Der Reichsminister des Innern erwiderte, dass man den Termin sogleich publizieren
müsse. Andernfalls werde die Opposition dauernd auf Bestimmung des Neuwahltermins
drängen und es als Erfolg buchen, wenn ein Termin von der Regierung bekannt
gegeben werde.
Im Anschluss hieran warf der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft
die Frage auf, ob die Reichsminister in die Ausschüsse des Reichstags gehen
sollten. Er habe die Absicht, nur dann in einem Ausschuss zu erscheinen, wenn
er zitiert werde.
Der Reichskanzler stimmte dieser Auffassung zu.
Der Reichsminister der Finanzen teilte mit, dass die Verhandlungen im Haushaltsausschuss
im wesentlichen sachlich gewesen seien.
Der Reichswirtschaftsminister führte aus, dass er morgen (17. 1.) in den
Haushaltsausschuss gehen wolle. Die Aussprache über Wirtschaftspolitik
werde fortgesetzt werden. Man werde ihn sicherlich nach der beabsichtigten Handelspolitik
der Reichsregierung, nach dem Ergebnis des Konklave und nach der Stellungnahme
der Reichsregierung zur Bankenfrage fragen. Zum letzten Punkt werde er erklären,
dass eine Prüfung der gesamten Bankenfragen durch die Reichsregierung vorbereitet
werde. Der Reichsminister der Finanzen teilte mit, dass er nun allmählich
sich aus dem Haushaltsausschuss zurückziehen wolle. Er hoffe, dass der
Ausschuss ihn dann nicht weiter zitieren werde.
Die Aussprache über die politische Lage wurde sodann geschlossen.
[Anlage 1 ]
Auflösung des Reichstags.
II. Wegen eines Misstrauensvotums. 1. vordem Beschluss:
Nachdem ich festgestellt habe, dass sich die Mehrheit des Reichstags der gegenwärtigen
Reichsregierung entgegenstellt, löse ich, um eine Entscheidung des Deutschen
Volkes herbeizuführen, den . . .
2. nach dem Beschluss:
Um über die Beibehaltung der gegenwärtigen Reichsregierung, welcher
der Reichstag sein Vertrauen entzogen hat, eine Entscheidung des Deutschen Volkes
herbeizuführen, löse ich...
111. Parlamentarische Schwierigkeiten"! Parlamentarische Schwierigkeiten
machen die Beibehaltung der gegenwärtigen und gleichzeitig die Bildung
einer neuen Regierung auf der Grundlage einer planmäßigen und zielsicheren
Innen- und Außenpolitik unmöglich. Deshalb löse ich ...
IV. "Negative Mehrheit!"
1. Nichtmehrheitsfähiger Reichstag: Nachdem die Reichsregierung festgestellt
hat, dass sich für die notwendigen sachlichen Ziele und Pläne eine
Mehrheit des Reichtags nicht zusammenfindet, löse ich ...
Bemerkungen:
Entspricht der Auflösung vom 13.3.24. Ist stark plebiszitär, d. h.
bewirkt Bindung für die Neuwahl und Unterwerfung unter die Entscheidung
des Volkes.
Entspricht der Sache nach der Auflösung vom 18. 7. 30 (Brüning), doch
müsste die VO aufrechterhalten bleiben (keine Aufhebung und Neuerlass).
Gleichfalls stark plebiszitär!
Sog. ministerielle Auflösung! (Hier vorbeugend Volk als Schiedsrichter
zwischen Präsident und Reichstag.) Bindung an die in der Neuwahl enthaltene
Entscheidung.
Offene ministerielle Auflösung. Kein Rücktritt der Regierung, auch
nicht etwa nur Fortbestehen als Geschäftsregierung! Aber auch hier Bindung
an die in der Neuwahl enthaltene Entscheidung.
Entspricht der Auflösung vom 20. 10. 24. Idealer Fall! da ohne Bindung
für Neuwahlen, ohne inhaltliche Festlegung auf die Entscheidung durch die
Neuwahl und trotzdem starker präsidialer Charakter.
Neuwahl muss stattfinden, aber zweite Auflösung bleibt möglich.
2. Scheinkoalition:
Da sich im Reichstag eine Mehrheit nur zur Verhinderung und Störung dringend
notwendiger Maßnahmen zusammenfindet, während eine in sachlichen
Zielen und Plänen übereinstimmende Mehrheit nicht vorhanden ist, löse
ich
Keine Bindung auf Neuwahlen. Zweite Auflösung bleibt möglich.
V. Beispiel eines ganz speziellen Anlasses. Nachdem am 30. August durch einen
Beschluss des preußischen Landtags mit einer aus nationalsozialistischen
und kommunistischen Abgeordneten zusammengesetzten Mehrheit ein kommunistischer
Antrag angenommen worden ist, in welchem die Beamten zum Ungehorsam gegen Dienstanweisungen
aufgefordert worden sind, löse ich auf Grund des Art. 25 RV den von gleichen
oder ähnlichen Mehrheitsbildungen bedrohten Reichstag auf.
Setzt gründliche psychologische Vorbereitung und baldiges Zugreifen voraus.
Gleichzeitig müsste der preuß. Landtag wegen Störung der öffentlichen
Sicherheit und Ordnung durch Aufforderung zur Insubordination nach Art. 48 Abs.
2 aufgelöst werden.
Vl. Ausführungsgesetz zu Art. 48?
Kann nicht zum Gegenstand eines durch Neuwahl zu entscheidenden Konfliktes zwischen
Reichstag und Reichsregierung gemacht werden. Die in diesem Fall unbedingt notwendige
vorbeugende Auflösung müsste anders begründet werden!
[Anlage 2]
Vortrag.
Betr.: Vorgehen gegen den Reichstag.
Für eine aktive Regierungspolitik gegenüber dem Reichstag ergeben
sich, falls Neuwahlen vermieden werden sollen, drei Möglichkeiten: 1. Auflösung
des Reichstags bei Bevorstehen eines Misstrauensvotums. Aussetzung der Neuwahlen.
Vorteil. Völlige Ausschaltung des Parlaments. Nachteil. Die Aussetzung
der Neuwahlen wird von der Opposition als offene Verfassungsverletzung bezeichnet
werden. Die Parteien werden der Regierung Illegalität vorwerfen. Auch vom
Zentrum ist starker Widerstand zu erwarten. Die Regierung wird sich dauernd
in der Verteidigung gegen derartige Parteiagitation befinden.
2. Zwangsvertagung.
Begründung hierfür. Reichstag ist nicht arbeitsfähig. Der bestehende
Unsicherheitszustand schafft Beunruhigung und erschwert wirtschaftliche Stabilisierung.
Auflösung und Neuwahlen haben keinen Zweck, da sie wesentliche Änderung
der Parteiverhältnisse nicht bringen werden. Daher Reichstag auf bestimmte
Zeit vertagen. Falls Parteien Vorschlag zu positiver Mehrheit und Arbeit machen
können, kann über Aufhebung der Vertagung gesprochen werden.
Vorteil: Regierung erhält Atempause vor dem Reichstag. Entscheidung über
Dauer der Vertagung wird den Parteien zugeschoben. Auflösung und Frage
der Neuwahlen werden vermieden.
Nachteil: Zwangsvertagung stellt gleichfalls eine erhebliche Abweichung von
der Verfassung dar. Sie wird daher den Widerspruch nicht nur der N.S.D.A.P.,
sondern auch der parlamentarisch eingestellten Parteien (Zentrum) finden.
3. Nichtanerkennung eines Misstrauensvotums und Bestätigung der Regierung
durch den Reichspräsidenten.
Begründung hierfür: Das Misstrauensvotum bringt nur eine negative
Willensäußerung des Reichstags zum Ausdruck, ohne positive Wege zu
zeigen. Auflösung und Neuwahlen sind, solange der Reichstag derart arbeitsunfähig
ist, zwecklos. Da aber regiert werden muss, kann ein lediglich negatives Misstrauensvotum
nicht zum Sturz der Regierung führen. Diese wird vielmehr bestätigt,
bis der Reichstag einen anderen positiven Vorschlag macht. Mahnung an den Reichstag,
durch Gesetzgebungsarbeit seine Daseinsberechtigung zu erweisen.
Vorteil. Dieser Weg stellt den verhältnismäßig geringsten Konflikt
mit der Verfassung dar. Die Rechte der Regierung werden voll gewahrt, ohne dass
der Reichstag sich vergewaltigt fühlen kann. Staatsrechtlich wird der Schritt
gedeckt durch umfangreiches Schrifttum über die Unbrauchbarkeit des Artikels
54 RV. Der Reichstag wird selbst vor die Wahl gestellt, ob erarbeiten oder einflusslos,
wie der Preußische Landtag, hinvegetieren will. Tut er das, so beweisen
die Parteien täglich ihre Unfähigkeit vordem ganzen Volke, ohne die
Vergewaltigten spielen zu können.
Nachteil: Der Reichstag kann zum Fenster hinausreden und Agitationsentschlüsse
fassen. Das ist aber ungefährlich, da er seine schwerste Kanone mit dem
Misstrauensvotum schon abgeschossen hat. Wirksam werden könnte die Tätigkeit
des Reichstags erst, wenn er tatsächlich rechtsgültige Gesetze verabschieden
würde. Das ist aber seine eigentliche Aufgabe, zu der er sich wieder zurückfinden
muss. Sollte hierbei ein Konflikt mit der Regierung zu ernstlichen Schwierigkeiten
führen, so bleibt dann immer noch der Weg zur Auflösung offen.
Die unter 3. vorgeschlagene Lösung entspricht auch den Grundzügen,
nach denen eine Verfassungsreform wahrscheinlich verfahren muss: Beschränkung
des Reichstags im wesentlichen auf die Legislative. Rechtswirksamkeit eines
Misstrauensvotums nur, wenn hinter ihm der positive Wille einer Mehrheit anderer
Gestaltung der Politik steht.
(aus: Das Kabinett Schleicher, S. 230-249)