Die Weimarer Republik
|
|||
Bei den Reichstagswahlen vom Juli 1932 erzielte die NSDAP fast doppelt so viel
Mandate wie die zweitstärkste Partei, die SPD. 1930 konnte die Hitlerbewegung"
ihren Stimmenanteil gegenüber 1928 sogar nahezu verzehnfachen - ein in
der deutschen Wahlgeschichte bisher einmaliger Vorgang. Diese Ergebnisse verlangen
nach einer genaueren Erforschung der NSDAP-Wählerschaft, ihrer sozialen
und demographischen Zusammensetzung und ihrer parteipolitischen Herkunft.
Über die Hälfte der Weimarer Wahlberechtigten gehörte der Mittelschicht
an, über deren Wahlverhalten es zwar viele Vermutungen, aber kaum methodisch
stichhaltige wahlhistorische Untersuchungen gibt. Nach einer detaillierten Definition
des Mittelstandsbegriffs wird im vorliegenden Beitrag zunächst das Wahlverhalten
der Mittelschicht untersucht. Die verwendeten statistischen Verfahren werden
umfassend erklärt, auf Daten- und Analyseprobleme wird hingewiesen. Als
Ergebnis zeigt sich, dass neben der Konfession und Unterschieden zwischen ländlichen
und städtischen Gebieten Differenzen zwischen Arbeitern und Selbständigen
zu den entscheidenden Wahlfaktoren zählten. Erstaunlich hoch scheint neben
einer Überrepräsentation evangelischer Selbständiger der Arbeiteranteil
innerhalb der NSDAP gewesen zu sein.
Der zweite Hauptteil des Beitrags widmet sich der Analyse der Reichspräsidentenwahlen
von 1925 und 1932, die m. W. im deutschen Sprachraum unter wahlhistorischen
Aspekten bisher noch nicht ausführlich untersucht worden sind. Es zeigt
sich, dass die weitaus meisten (national-konservativen) Wähler, die 1925
Hindenburg gewählt hatten, 1932 Hitler die Stimme gaben und dass die Faktoren,
die 1932 die Wahl Hitlers begünstigten, 1925 für die Wahl Hindenburgs
ausschlaggebend waren.
20. Mai 1928
Reichstagswahl
14. September 1930
Reichstagswahl
13. März 1932
Reichspräsidentenwahl, 1. Wahlgang
10. April 1932
Reichspräsidentenwahl, 2. Wahlgang
24. April 1932
Landtagswahlen in Preußen, Bayern, Württemberg, Hamburg und Anhalt
20. Mai 1932
Reichstagswahl
6. November 1932
Reichstagswahl
15. Januar 1933
Landtagswahlen in Lippe
5. März 1933
Reichstagswahlen
Adolf Hitler ist nicht durch Wahlen an die Macht gekommen. Vielmehr wurde ihm
die Macht als Reichskanzler durch den Reichspräsidenten in einem Moment
übertragen, als sein politischer Stern bereits wieder zu sinken schien.
Dennoch bleibt unbestreitbar, dass "die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler
... die Massenhaftigkeit der NS-Bewegung voraus(setzt). Ihr Anhang war während
der Endphase der Republik erheblich größer, als der aller anderen
deutschen Parteien bis dahin gewesen war ... Bemerkenswert ist nicht, wie häufig
suggeriert wird, dass Hitler in freien Wahlen nie die absolute Mehrheit erreichte,
sondern dass er in den Reichstagswahlen 1932/33 mehr als doppelt so viele Mandate
erzielte wie die zweitstärkste Partei, die SPD, und ein mehrfaches gegenüber
den anderen Parteien".(1) Die nationalsozialistischen
Wahlerfolge stellten mithin eine notwendige, wenn auch sicherlich nicht eine
hinreichende Bedingung der Hitlerschen Machtübernahme dar. Ihre Bedeutung
gewinnen sie dadurch, dass Hitler ohne sie wohl nicht zum Reichskanzler ernannt
worden wäre. Dies verlangt nach einer genaueren Erforschung der Wählerschaft
der NSDAP, ihrer sozialen und demographischen Zusammensetzung, ihrer parteipolitischen
Herkunft und der Umstände und Grenzen Ihrer Ausbreitung.
Den ersten großen Aufschwung nahm die NSDAP im Jahre 1930. Diese Wahl
stand bereits unter dem Einfluss der sich kontinuierlich verschärfenden
Weltwirtschaftskrise und der wachsenden Arbeitslosigkeit. Zwar blieb die SPD
stärkste Partei, sie musste aber beträchtliche Anteilseinbußen
hinnehmen, während es der KPD gelang, ihre Stimmenzahl gegenüber der
Vorwahl um mehr als 40 Prozent zu steigern. Bei weitem übertroffen wurde
dieser Anstieg allerdings vom Zuwachs der NSDAP, die gegenüber 1928 fast
6 Millionen neue Wähler gewann und damit ihren Stimmenanteil nahezu verzehnfachte.
Ein, zumindest in der deutschen Wahlgeschichte, bisher einmaliger Vorgang. Die
NSDAP zog damit als zweitstärkste Fraktion nach den Sozialdemokraten in
den Reichstag ein. Statt zwölf wies sie nun 107 Reichstagsabgeordnete auf,
nur 36 weniger als die SPD und 30 mehr als die drittstärkste Fraktion,
die KPD. Alle zwischen den beiden Extremen des politischen Spektrums liegenden
Gruppierungen, mit Ausnahme der beiden katholischen Parteien und der Klein-
und Kleinstparteien, hatten Stimmen verloren, die NVP und die DVP relativ stark,
SPD und DDP etwas schwächer. Mit einem Schlag gehörten mindestens
225 der 577 Abgeordneten des deutschen Reichstages republikfeindlichen bzw.
verfassungsoppositionellen Gruppen an.
Der Aufstieg der NSDAP zwischen 1928 und 1930 kam allerdings nicht aus heiterem
Himmel. Er zeichnete sich, wenn auch noch nicht in seiner vollen Stärke,
in einer Serie von Landtags- und Kommunalwahlen ab, die zwischen den beiden
Reichstagswahlen stattgefunden hatten. Eine deutliche Zunahme der NSDAP-Stimmen
ist praktisch von Wahl zu Wahl zu erkennen. So wuchs ihr Stimmenanteil in Mecklenburg-Schwerin
von 1926 bis 1929 von 1,7 auf 4,1 Prozent, in Baden zwischen 1925 und 1929 von
1,4 auf 7 Prozent und in Thüringen zwischen 1927 und 1929 von 1,6 auf 11,3
Prozent. In Sachsen gelang es der NSDAP, ihren Stimmenanteil zwischen Mai 1929
und Juni 1930 beinahe zu verdreifachen. Nach der Reichstagswahl 1930 ging der
Aufstieg der NSDAP praktisch ungebremst weiter.
Abbildung 1: Die regionale Ausbreitung der NSDAP
Dass er sich regional - bei sich zugleich dramatisch verschlechternder Wirtschaftslage
- noch verstärkte, belegen die zwischen 1930 und Juli 1932 stattfindenden
Landtagswahlen, bei denen die NSDAP stellenweise - namentlich in den nord- und
ostdeutschen Landesteilen - weit überdurchschnittliche Steigerungsraten
erzielen konnte, während sie in Süd- und Westdeutschland etwas unter
dem allgemeinen Trend blieb (vgl. Abb. 1).
Im Jahre 1932 erreichte die Wirtschaftskrise mit über 6 Millionen Arbeitslosen
ihren Höhepunkt. Viele von ihnen waren inzwischen als sogenannte Wohlfahrtserwerbslose
auf das - damals noch sehr viel härter als heute ausfallende - Los von
Sozialhilfeempfängern gesunken. Den Mittelstand erschütterten Konkurse
und Gehaltskürzungen. In diesem Jahr fanden nicht nur im Juli und November
zwei Reichstagswahlen statt, sondern auch die Reichspräsidentenwahl mit
zwei Wahlgängen sowie einige Landtagswahlen, unter anderem in Preußen,
wo immerhin fast zwei Drittel der Reichsbevölkerung lebten. Zwar gelang
es noch einmal, in einer kuriosen Umkehrung der Koalitionen von 1925 und durch
eine gemeinsame Anstrengung aller die Republik tragenden Kräfte, die Wiederwahl
des greisen Reichspräsidenten von Hindenburg im zweiten Wahlgang zu sichern.
Aber auch hierdurch wurde der Aufstieg des Nationalsozialismus nicht nennenswert
gebremst. Gegenüber der Reichstagswahl 1930 erreichte die "Hitlerbewegung",
wie sich die Partei auch auf dem Stimmzettel nannte, bei der Juliwahl eine Verdopplung
ihres Stimmenanteils (absolut gesehen konnte die NSDAP ihre Stimmenzahl wegen
der höheren Wahlbeteiligung gegenüber 1930 sogar um 115 Prozent steigern),
während sich die bürgerlichen Mittelparteien ebenso wie die partikularistisch
orientierten Interessen- und Regionalparteien nahezu vollständig auflösten
(vgl. Tab. 1 und 2). Auf der Linken nahm die KPD im Vergleich zu 1930 um 20
Prozent zu, was sich allerdings wegen der gestiegenen Wahlbeteiligung auf ihren
Stimmenanteil nur geringfügig auswirkte. Im Gegenzug verlor die SPD in
etwa dem gleichen Maße Wähler. Schon von der zeitgenössischen
Wahlforschung wurde dies im Sinne eines ausschließlich blockintern verlaufenen
Wähleraustauschs gedeutet.(2) Die beiden extremistischen
Flügelparteien, NSDAP und KPD, verfügten jetzt über die absolute
Mehrheit der Reichstagsmandate, wodurch es, auch rein arithmetisch, unmöglich
wurde, die seit zwei Jahren regierenden Präsidialkabinette auf eine parlamentarische
Basis zu stellen.
Im Juli 1932 lagen die "Rekordkreise" der NSDAP, also die Gebiete,
wo sie den höchsten Stimmenanteil erzielte, vor allem in Mittelfranken.
Angeführt von Rothenburg ob der Tauber mit 83 Prozent und Uffenheim mit
81 Prozent der gültigen Stimmen - beides übrigens Kreise, in denen
die DNVP bis 1928 Stimmenanteile bis zu 87 Prozent erzielt hatte (vgl: Tab.
3). Am schwächsten schnitt die NSDAP in einigen ländlichen Zentrums-
und BVP-Hochburgen ab, wo sie, wie etwa im südoldenburgischen Vechta oder
im niederbayerischen Landau an der Isar, noch deutlich unter 10 Prozent der
abgegebenen gültigen Stimmen blieb. Von den Zeitgenossen wurde das Wahlergebnis,
je nach politischem Standort, gefeiert oder heruntergespielt. So schreibt der
VORWÄRTS, "der nationalsozialistische Vormarsch ist zum Stillstand
gebracht worden". Ähnlich auch der Tenor der VOSSISCHEN ZEITUNG, die
unter der Überschrift "Volksmehrheit gegen Diktatur" von der
Enttäuschung der Nationalsozialisten berichtet, die "diesmal ... sehr
nahe an die 50 Prozent heranzukommen hofften". Ein klein wenig Enttäuschung
scheint auch bei Joseph Goebbels mitzuschwingen, wenn er das Wahlergebnis in
seinem Tagebuch mit dem Ergebnis der Reichspräsidentenwahl verglich: "Wir
haben eine Kleinigkeit gewonnen. Der Marxismus sehr... Zur absoluten Mehrheit
kommen wir so nicht."(3) Die im Gegensatz zu Goebbels
eher auf Außenwirkung abzielende Pressestimme der Reichsleitung der NSDAP
merkte dagegen laut "DER VÖLKISCHE BEOBACHTER" zum Wahlergebnis
an, dass es "von der NSDAP mit größter Befriedigung aufgenommen
(wird)".
Tabelle 2: Die Stimmanteile für die einzelnen Parteien bei den Reichstagswahlen 1930 bis 1933
Von den 608 Abgeordneten des Deutschen Reichstages stellte die NSDAP nunmehr
allein 230. Sie war damit zur mit Abstand stärksten Fraktion vor der SPD
avanciert, die es nur auf 133 Abgeordnete brachte. Zusammen mit den 89 Reichstagsabgeordneten
der KPD war sie also in der Lage, eine negative Sperrmajorität der Republikgegner
zu bilden. Mit parlamentarischen: Mitteln war Deutschland spätestens ab
dem Juli 1932 nicht mehr zu regieren.
Zwar hatte die nationalkonservative DEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG am Tag nach
der Juliwahl formuliert: "Die Wahl ist vorbei. Es wird für längere
Zeit die letzte gewesen sein." Doch war angesichts dieses Wahlergebnisses
die nächste Reichstagsauflösung durch den Reichspräsidenten schon
vorhersehbar. Die Neuwahlen im November 1932 führten bei einem Rückgang
der Wahlbeteiligung um rund 1,4 Millionen Stimmen zu bemerkenswerten Stimmenverlusten
der NSDAP - gegenüber der Juliwahl rund 2 Millionen Wähler -, während
sich die KPD auf nunmehr 16,9 Prozent der gültigen Stimmen steigern konnte.
Auch die DNVP erholte sich wieder leicht. Die übrigen Parteien blieben
mehr oder weniger stabil oder verloren Stimmen, was sich jedoch wegen des Rückgangs
der Wahlbeteiligung kaum in größeren Anteilsänderungen niederschlug.
Allgemein wurde das Ergebnis als Wahlniederlage Hitlers, ja als Anfang des NSDAP-Abstiegs
interpretiert. So lautete ein Aufmacher des VORWÄRTS nach der Wahl: "Abwärts
mit Hitler"; ähnlich sprach die VOSSISCHE ZEITUNG vom "Niedergang
Hitlers", der dem 6. November "das charakteristische Gepräge"
gebe, und die DEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG sah im Wahlergebnis eine "politische
Mahnung an die Nationalsozialisten, weil der Zauber der Unwiderstehlichkeit
gebrochen ... ist"(4)
In der Tat war der Rückgang der Nationalsozialisten, die nach 1928 immer
nur Stimmengewinne zu verbuchen gehabt hatten, bemerkenswert. Zwar blieb Rothenburg
ob der Tauber auch jetzt wieder mit 76 Prozent der gültigen Stimmen NSDAP-Rekordkreis,
doch schoben sich nun einige oberhessische Kreise wie etwa Schotten, Lauterbach
und Alsfeld mit Stimmenanteilen zwischen 71 und 76 Prozent in die Spitzengruppe.
Den Wahlergebnissen entsprechend, fiel dann auch die Kommentierung im VÖLKISCHEN
BEOBACHTER eher defensiv aus: "Die Wahlkampfhoffnungen der vereinigten
Gegner des Nationalsozialismus von Papen bis Thälmann sind an der inneren
Festigkeit und Geschlossenheit der Bewegung zusammengebrochen. Die NSDAP hat
ihre Feuerprobe glänzend bestanden und damit den endgültigen Beweis
erbracht, dass sie als der entscheidende Machtfaktor aus dem politischen Leben
Deutschlands nicht mehr auszuschalten ist . . . Nur ein verschwindender Prozentsatz
von Konjunkturrittern und weltanschaulich noch nicht gefestigten Wählern
ist den leeren Versprechungen des Herrn von Papen und den hinter ihm stehenden
Splitterparteien gefolgt. Der Nationalsozialismus sieht in diesem Vorgang für
sich nur einen inneren Gewinn, der sich in einer Erholung seiner inneren Kampfkraft
auswirken wird." Weitaus realistischer klingt im Vergleich dazu Goebbels'
Tagebucheintragung vom 6. 11. 1932: "Jede neue Meldung (des Rundfunks)
bringt eine neue Niederlage. Im Ergebnis haben wir 34 Mandate verloren . . .
Wir haben eine Schlappe erlitten."(5) Der anscheinend
durch nichts aufzuhaltende Anstieg des Nationalsozialismus schien gebremst,
während sich fern am Horizont erste Anzeichen einer leichten wirtschaftlichen
Besserung bemerkbar machten. Dass der Nationalsozialismus an Dynamik zu verlieren
begann, belegen auch einige Landtagswahlergebnisse zwischen Juli 1932 und März
1933, in denen die NSDAP ihren Stimmenanteil im Vergleich zur Juliwahl nicht
mehr nennenswert zu steigern vermochte. Begleitet wurde die Stagnation von innerparteilichen
Meinungsverschiedenheiten um die Koalitionsstrategie der Partei. Finanziell
stand die NSDAP vor leeren Kassen, die Industriespenden flossen langsamer als
erwartet. Kurz: Die Stimmung innerhalb der NSDAP war alles andere als optimistisch,
worüber auch der mit letztem Propagandaeinsatz geführte Wahlkampf
in dem Ländchen Lippe, der der NSDAP nochmals ein als großen Sieg
gefeiertes Wahlergebnis von 39,5 Prozent einbrachte, nicht hinwegtäuschen
darf.(6) Da wurde am 30. Januar 1933 - für viele zu diesem
Zeitpunkt überraschend - Adolf Hitler vom Reichspräsidenten mit der
Kanzlerschaft betraut.
Die nun - vor allem nachdem Reichstagsbrand-einsetzende Verfolgung der politischen
Linken, insbesondere der Kommunisten, und die mannigfachen Einschüchterungsversuche
gegenüber den anderen Parteien lassen die Märzwahl von 1933 nicht
mehr als ganz freie Wahl erscheinen. Der zu einer Propagandaschlacht ohne Vorbild
stilisierte Wahlkampf, für den der NSDAP jetzt auch der staatliche Rundfunk
mit immerhin 5 Millionen Teilnehmern zur Verfügung stand, führte nochmals
zu einer Steigerung der Wahlbeteiligung auf 88,8 Prozent; dies hätte damals
kaum noch jemand für möglich gehalten. Trotz des sozialen und politischen
Drucks, der vor allem aus kleineren Gemeinden berichtet wird,(7)
gab es aber noch immer die Möglichkeit, auf dem Stimmzettel innerhalb des
gesamten parteipolitischen Spektrums auszuwählen, was von den Bürgern
- die Wahlergebnisse beweisen es - zum letzten Mal vor der endgültigen
Etablierung des Dritten Reiches genutzt wurde.
Trotz eines beträchtlichen Stimmenzuwachses erhielt die NSDAP jedoch nicht
die erwartete absolute Mehrheit. Nur mit Hilfe des deutschnationalen Koalitionspartners
erreichte sie über 50 Prozent der, Reichstagsmandate. Eine Mehrheit der
Wahlberechtigten blieb selbst dieser Koalition versagt. Tatsächlich vermochte
sie trotz der für sie überaus günstigen politischen Umstände
"nur" 20 der insgesamt fast 45 Millionen Wahlberechtigten hinter sich
zu vereinigen. Die Siegeshoffnungen, die sich etwa in den Tagebucheintragungen
von Joseph Goebbels in Formulierungen niederschlugen wie: "Es wird ein
ganz großer Sieg werden ... ; diesmal kann es kaum schief gehen",
werden anscheinend dennoch, wenn man seinen Tagebuchaufzeichnungen und öffentlichen
Äußerungen trauen darf, erfüllt, ja übererfüllt. Die
mit Sicherheit damals nicht für den unmittelbaren und öffentlichen
Gebrauch bestimmten privaten Aufzeichnungen von Goebbels schlagen einen geradezu
emphatischen Ton an: "Dann kommen die ersten Resultate. Sieg über
Sieg, phantastisch und unglaubhaft ... Der gloriose Triumph (ist) errungen.
Er ist in seinem Ausmaße überwältigender, als einer von uns
das zu hoffen gewagt hatte... Unglaubliche Zahlen; wir sind wie in einem Rausch.
Jede Stunde bringt eine neue, unwahrscheinliche Überraschung. Der Führer
ist ganz gerührt vor Freude." Auch Göring sprach, wie viele andere
Kommentatoren, von einem "Sieg auf der ganzen Linie".(8)

Dass die Durchsetzung der NSDAP im März 1933 regional in der Tat beträchtlich
war, illustrieren einige Kreisergebnisse. Erneut lagen die Kreise mit den höchsten
Wahlerfolgen in Mittelfranken (Rothenburg mit 83 Prozent, Neustadt/Aisch mit
79 Prozent der gültigen Stimmen), in Hessen (Schotten mit 83 Prozent) und
jetzt auch in Ostpreußen (Neidenburg mit 81 Prozent, Lyck mit 80 Prozent).
In den "negativen Rekordkreisen" erreichte die NSDAP dagegen wiederum
nur Stimmenanteile von knapp über 10 Prozent: Im südoldenburgischen
Vechta 11,7 Prozent, im niederrheinischen Bocholt 12,3 Prozent, in Olpe im Sauerland
12,7 Prozent und im unterfränkischen Aschaffenburg-Land 16,5 Prozent. Die
übrigen Parteien hielten mit Ausnahme der KPD weitgehend die bei den Reichstagswahlen
vom November 1932 eingenommene Position. Diese Ergebnisse deuten darauf hin,
dass das Wählerpotential der NSDAP mit dieser letzten Anstrengung zunächst
einmal erschöpft war. Selbst nach der "Machtergreifung" waren
Adolf Hitler und seine Gefolgsleute sichtlich nicht in der Lage, eine Mehrheit
des deutschen Volkes oder auch nur der Wähler von 1933 hinter sich zu scharen.
Auch war es der NSDAP bei keiner der zwischen 1930 und 1933 stattfindenden Landtagswahlen
gelungen, eine absolute Mehrheit zu erzielen. Selbst eine relative Mehrheit
der abgegebenen gültigen Stimmen erreichte sie während dieses Zeitraums
nur in 9 der 17 Reichsländer, nämlich in Anhalt, Hamburg, Hessen,
Lippe, Mecklenburg-Schwerin, Oldenburg, Preußen, Thüringen und Baden
sowie Württemberg. Übersehen werden darf darüber jedoch nicht,
dass spätestens ab 1932, selbst bei großzügigster Auslegung
des Begriffes, die "demokratischen Parteien" auch keine Mehrheit der
Wähler mehr repräsentierten. Zählt man die Stimmen von NSDAP,
DNVP und KPD zusammen, so votierten am 5. März 1933 fast zwei Drittel der
Wähler für diese, trotz aller programmatischen Unterschiede, erklärten
Gegner der Weimarer Republik. Die republiktreuen Parteien, zu denen man 1933
weder das Zentrum noch gar die Bayrische Volkspartei ohne Einschränkung
zählen konnte, wurden dagegen nur noch von einem knappen Drittel der Abstimmenden
gewählt. 1919 hatten dagegen noch rund Dreiviertel der Wählerschaft
die Parteien der Weimarer Koalition unterstützt: Wohl kaum ein anderer
Vergleich belegt deutlicher den Niedergang und schliesslichen Zusammenbruch
des Weimarer Regierungssystems. Der Mangel an Loyalität gegenüber
der 'Republik und an tieferen Bindungen zu den sie tragenden Parteien setzte
sie nahezu schutzlos den Unbilden der politischen und vor allem wirtschaftlichen
Klimaschwankungen aus. So konnte jener eigendynamische Prozess entstehen, der
schließlich zur Etablierung des Dritten Reiches führte. In den Jahren
seiner Existenz scheint es diesem schließlich gelungen zu sein, jene grundsätzliche
Zustimmung innerhalb der Bevölkerung zu erhalten, derer jedes Staatswesen
bedarf, um auch ungünstigere Zeiten überstehen zu können.(9)
Der Weimarer Republik war dies in den wenigen Jahren ihrer Existenz nicht vergönnt
- zum Schaden nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa,
ja für große Teile der Menschheit.

Im folgenden soll zunächst ein etwas intensiverer Blick auf die soziale
Basis der Wählerschaft der Weimarer Parteien gelegt werden, insbesondere
unter dem Blickwinkel der sozialen Basis der NSDAP. Danach beschäftigt
sich der Beitrag mit der Reichspräsidentenwahl von 1932, die vor dem Hintergrund
der Reichspräsidentenwahl von 1925 analysiert wird.
Zur Fragestellung
Die erwerbstätigen Angehörigen der Mittelschicht stellten in der Weimarer
Republik mehr als ein Drittel der Wahlberechtigten. Rechnet man die im Wahlalter
befindlichen Familienmitglieder ohne eigenen Hauptberuf und die im Ruhestand
lebenden Mittelschichtangehörigen dazu, so rekrutierten sich die Wahlberechtigten
sogar zu etwas mehr als 50 Prozent aus der Mittelschicht. Rund 45 Prozent der
Wähler stammten aus Arbeiterhaushalten, der Rest zählte zur Oberschicht
(vgl. Abb. 2).
Angesichts der zahlenmäßigen Bedeutung der Mittelschichtwähler
verwundert es, dass das, Wahlverhalten dieser bedeutenden Sozialgruppe bisher
lediglich im Hinblick auf seine Affinität zum Nationalsozialismus genauer
untersucht worden ist. Für die frühen und mittleren Weimarer Jahre
bis zur Reichstagswahl 1930 und die Haltung der Mittelschicht gegenüber
den anderen Parteien dagegen gibt es über das Wahlverhalten von Mittelschichtwählern
zwar viele Vermutungen, aber so gut wie keine über lokale oder regionale
Wahlereignisse hinausgehende, methodisch stichhaltige, historische Forschung.
Will man die Frage untersuchen, wie die Angehörigen der Mittelschicht in
der Weimarer Republik gewählt haben, stellen sich gleich mehrere beträchtliche
Probleme: Zunächst gilt es festzulegen, was überhaupt unter Mittelschicht
verstanden werden soll. Denn so sehr dieser Begriff inzwischen in die historische
Alltagssprache vorgedrungen ist, so unscharf ist er. Dann ist zu klären,
welche Daten dem Wahlhistoriker zur Beantwortung der Ausgangsfrage zur Verfügung
stehen und welche inhaltlichen Schlussfolgerungen sich aus diesen Daten ziehen
lassen. Wir werden sehen, dass die Antworten auf die Frage nach dem Wahlverhalten
der Mittelschichten bei weitem nicht so eindeutig ausfallen, wie dies im historischen
Schrifttum über die Weimarer Republik bisweilen unterstellt wird.
Zum Begriff der Mittelschicht
Nach einer gängigen, von zeitgenössischen Soziologen entwickelten
und auch heute noch stellenweise verwendeten sozialhistorischen Klassifizierung
unterscheiden wir nach der historischen Abfolge ihres Auftretens zunächst
zwischen "alter" und "neuer" Mittelschicht. Zur Alten Mittelschicht
zählen mittlere und kleine Selbständige in Handel, Handwerk und Landwirtschaft,
ferner die vornehmlich im Agrarsektor tätigen mithelfenden Familienangehörigen
sowie die Vertreter der akademischen und nicht-akademischen freien Berufe. Dieser
Schicht gehörten 1925 nach den Berechnungen des deutschen Soziologen Theodor
Geiger rund 18 Prozent der Bevölkerung an.(10) Zur (in
etwa gleichstarken) Neuen unselbständigen Mittelschicht gehören die
Angestellten und Beamten. Zur Mittelschicht im weiteren Sinne zählte Geiger
schließlich noch die - nach seinen Berechnungen rund 13 Prozent der Bevölkerung
umfassenden - "Proletaroiden", zu denen er die "Tagewerker auf
eigene Rechnung" und den abgeglittenen alten Mittelstand" rechnete.
Hinter dem vereinheitlichenden Begriff "Mittelschicht"(11)
verbergen sich nach dieser Betrachtungsweise also sehr unterschiedliche Lebensformen
und Wirtschaftsweisen. Die Spannweite reicht innerhalb der Alten Mittelschicht
von den Parzellenpächtern und Hausgewerbetreibenden auf eigene Rechnung
bis zu den Großbauern, mittleren und größeren Kaufleuten, kleinen
und mittleren Industriellen sowie gut verdienenden Ärzten und Rechtsanwälten.
Innerhalb der Neuen Mittelschicht vom sogenannten Handlungsgehilfen, der Stenotypistin
und der Verkäuferin bis zu hohen Beamten und leitenden Angestellten großer
Firmen. Von dieser Kategorisierung her gesehen, erweist sich die Angehörigkeit
zur Mittelschicht folglich eher als negativ definiert, nämlich durch die
Nicht-Zugehörigkeit zur Arbeiterschaft oder zur - zahlenmäßig
außerordentlich geringen, nur rund ein Prozent der Bevölkerung umfassenden
und daher in Analysen statistischer Massendaten nicht in Erscheinung tretenden
- Oberschicht der Großunternehmer, Großgrundbesitzer und Großrentner.
Die Spannweite der Lebensverhältnisse in der Mittelschicht erstreckte sich
folglich von proletaroiden Existenzen mit Einkommen, die unter denen qualifizierter
Arbeiter lagen, bis zur oberen Mittelschicht mit zehn- oder zwanzigmal so hohen
Einkommen und einem entsprechend bürgerlichen Lebensstil.(12)
Quer zu dieser sozialhistorisch älteren Einteilung in Alte und Neue Mittelschicht
steht die Unterscheidung nach dem sozialen Status in Obere und Untere (und manchmal
auch noch Mittlere) Mittelschicht, die nicht nach der Selbständigkeit der
Berufstätigkeit, sondern beispielsweise nach Einkommen, Besitz, Berufsprestige
und Bildung innerhalb der sozialen Mittellage differenziert. So einfach die
Definition von Alter und Neuer Mittelschicht erscheint, so schwierig und umstritten
erweist sich die Abstufung von Berufen und Lebenslagen nach den Maßstäben
von "oben" und "unten". Von der modernen Sozialwissenschaft
wurden daher diverse Indices entwickelt, mit deren Hilfe eine entsprechende
Einteilung nach Status und Prestige vorgenommen werden kann. Der Beruf allein
genügt hierfür offensichtlich nicht, da beispielsweise ein Rechtsanwalt
einerseits als der sprichwörtliche Winkeladvokat eine Kümmerexistenz
führen, andererseits als etablierter Anwalt für Zivilstreitigkeiten
sowohl einkommens- als auch prestigemäßig zu den I Spitzen der bürgerlichen
Gesellschaft zählen kann. Gleiches gilt für Kaufleute, Landwirte und
viele Angestellte. Aus diesem Grunde zieht ein häufig gebrauchter, in den
fünfziger Jahren entwickelter Schichtungsindex neben dem Beruf des Haupternährers
dessen monatliches Nettoeinkommen und seine Schulbildung als multiple Indikatoren
des sozialen Status heran.(13) In die Obere Mittelschicht,
der um 1960 zwischen 5 und 6 Prozent der Gesamtbevölkerung angehörten,
fallen danach z. B. leitende Angestellte und Beamte, Professoren, Ärzte,
Richter und Rechtsanwälte. In die Mittlere Mittelschicht, zu der damals
rund 15 Prozent der Bevölkerung zählten, fallen die mittleren Angestellten
und Beamten, ferner Ingenieure, Fachschullehrer, mittlere Geschäftsinhaber
und Apotheker. Und in die Untere Mittelschicht, die 1960 nochmals rund 20 Prozent
der Bevölkerung umfasste, fallen Malermeister, Friseurmeister und Kleinhändler
sowie untere Angestellte und Beamte. Dass die beiden Kategorisierungsschemata
(Alte vs. Neue bzw. Obere vs. Untere Mittelschicht) nicht deckungsgleich sind,
sonder lediglich - wenn auch beträchtliche - Teilmengen des jeweiligen
anderen Ordnungsschemas umfassen, wird deutlich, wenn man wie Scheuch und andere
moderne Schichtungsforscher die höchstqualifizierten Arbeiter und Werkmeister,
also Angehörige der Arbeiterschaft, zur Unteren Mittelschicht zählt,
während unterste Angestellte und Beamte nach diesem multiplen Schichtungsindex
bereits in die Obere Unterschicht fallen.
Daten- und Analyseprobleme
Diese partielle Unvereinbarkeit der beiden Einteilungsmuster beeinträchtigt
die wahlhistorische Untersuchung der Mittelschichten erheblich. Die wichtigsten
historischen Wahlverhaltenstheorien über die Weimarer Republik, vor allem
die auf den Aufstieg der NSDAP bezogenen, stützen sich stärker auf
die Unterscheidung von Ober-, Mittel- und Unterschicht bzw. von Oberem und Unterem
Mittelstand als auf die Differenzierung nach Altem und Neuem Mittelstand. Stellvertretend
für viele sei hier der amerikanische Soziologe Seymour Martin Lipset mit
seiner bekannten Theorie des Nationalsozialismus als Extremismus der Mittelklasse
genannt.(14) Das verfügbare statistische Material erlaubt
jedoch bestenfalls eine (angenäherte) Analyse des Wahlverhaltens von Altem
und Neuem Mittelstand. Lipset setzt denn auch, bei seiner statistischen Beweisführung
stillschweigend die historische Realität für seine Zwecke zurechtbiegend,
den Alten Mittelstand mit der Unteren Mittelschicht, den Neuen Mittelstand dagegen
mit der Oberen Mittelschicht gleich.(15)
Leider hat der Wahlhistoriker, der sich mit der Weimarer Republik beschäftigt, keinerlei Einstellungs- und Meinungsdaten zur Verfügung, die den Informationen der modernen Demoskopie entsprächen. Verfügbar sind lediglich Wahlresultate, eine große Zahl von Volkszählungsdaten, von Arbeitslosigkeits- und Steuerstatistiken, die alle entweder auf der Ebene der Gemeinden oder der Stadt- und Landkreise des Deutschen Reiches gesammelt wurden. Aus diesem Grunde stehen dem historischen Wahlforscher auch keine direkten Informationen über die politischen Präferenzen der sozialen Schichten oder bestimmter Berufsgruppen zur Verfügung. Das wiederum bedeutet, dass er keine direkten Kenntnisse über die soziale Zusammensetzung der Wähler der verschiedenen Parteien hat. Die einzige Information, die streng genommen zur Verfügung steht, ist, wie die verschiedenen Parteien in Gemeinden oder Kreisen mit - beispielsweise - einem bestimmten Prozentsatz von Mittelklassewählern, Arbeitslosen, Katholiken usw. abgeschnitten haben.
Diese Beschränkung wirft erhebliche interpretatorische Probleme auf. Denn
statistisch gesehen ist es nicht erlaubt, die Beziehungen von Merkmalen der
Individualebene (also etwa das Wahlverhalten der sozialen Gruppen) aus Zusammenhängen
der Aggregatebene (also etwa der Gemeinden oder Kreise) abzuleiten, ohne dass
relativ starke (und in den meisten Fällen nicht überprüfbare)
statistische Verteilungsannahmen zugrunde gelegt werden. Wenn wir beispielsweise
eine starke positive Korrelationsbeziehung zwischen dem Anteil der Selbständigen
und dem Prozentsatz der NSDAP-Wähler bei einer bestimmten Wahl entdecken,
können wir diesen für die Kreis- oder Gemeindeebene geltenden Zusammenhang
nicht unbesehen mit dem tatsächlichen Wahlverhalten der Selbständigen
gleichsetzen. Analog gilt, dass die negative statistische Beziehung zwischen
dem Anteil der Arbeiter und der DVP-Wähler in den Kreisen nicht so gedeutet
werden darf, als hätte die DVP keinerlei Stimmen von Arbeitern erhalten.
Wer diese Einschränkungen nicht berücksichtigt, läuft Gefahr,
statistische Fehlinterpretationen, die unter dem Namen "ökologischer
Fehlschluss" bekannt geworden sind, zu produzieren. Die Volkszählungsstatistik
des Deutschen Reiches enthält auf der Ebene der größeren Gemeinden
und der Stadt- und Landkreise zwar die Berufsstatistik, differenziert diese
aber nicht weiter nach dem sozialen Status oder anderen schichtmäßigen
Kriterien aus. So umfasst die Kategorie der Selbständigen sowohl Pächter
und Eigentümer von Handwerksbetrieben und Einzelhandelsgesellschaften als
auch Industrielle und Großkaufleute. Zusätzlich schließt sie
eine kleine Zahl von Spitzenmanagern und hohen Beamten ein, die zwar nur zwischen
1,6 und 4,5 Prozent dieser Kategorie ausmachen, diese aber noch unschärfer
werden lassen, als sie es ohnehin schon ist. Die Kategorie der Beamten und Angestellten
(in der Volkszählung von 1925 noch gemeinsam, 1933 dann getrennt ausgewiesen)
umfasst analog alle Angehörigen dieser beiden Gruppen bis auf diejenigen
(etwa 3,5 Prozent) leitenden Angestellten und hohen Beamten, die schon in der
Selbständigenkategorie enthalten sind.(16) Diese Aufteilung
hat zur Folge, dass in der "Unteren Mittelklasse" Lipsets kaum das
Existenzminimum verdienende, proletaroide Kleinstunternehmer und Großindustrielle
vom Schlage eines Krupp oder Thyssen zusammengefasst sind, während sich
seine Kategorie des "Oberen Mittelstandes" von der Ebene schlecht
bezahlter Handlungsgehilfen und Verkäuferinnen bis zu der Stufe relativ
hoher Beamter und Angestellter erstreckt. Diese enorme Spannweite der Lebensverhältnisse
und damit verbunden der sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Interessenlagen
innerhalb beider Mittelschichtkategorien verbietet es, die eine als "unteren",
die andere als "oberen" Mittelstand zu charakterisieren.

Sozialgruppen und ihre Parteineigungen I: Wähleranteile nach Schichtzugehörigkeit
und Konfession in Stadt- und Landkreisen
Angesichts der enormen inneren Vielfalt der Mittelschicht ist ein einheitliches
Wahlverhalten also kaum zu erwarten. Tatsächlich wurde, wie im Verlaufe
dieser Analyse noch zu zeigen sein wird, das Wahlverhalten der Mittelschichten
in der Weimarer Republik innerhalb des katholischen Bevölkerungsteils,
der immerhin rund ein Drittel aller Wahlberechtigten umfasste, weitestgehend
von der konfessionellen Auseinandersetzung des 19. Jahrhunderts geprägt.
Soziale Differenzierungen spielten eine geringere Rolle. Katholische Mittelschichtangehörige
wählten, sofern sie kirchlich gebunden waren, bevorzugt das Zentrum oder
die Bayerische Volkspartei. Evangelische Mittelschichtangehörige hingegen
wiesen, wie wir sehen werden, ein sehr disparates Abstimmungsverhalten auf.
Vor 1930 stimmten sie für nahezu die gesamte Palette des politischen Spektrums
von den Sozialdemokraten (SPD) bis zu den Deutschnationalen (DNVP).
Mit dem Wahlverhalten der einzelnen Mittelstandsgruppen befasst sich der nächste
Abschnitt. Zunächst gilt das Augenmerk dem statistischen Zusammenhang zwischen
dem Anteil der Mittelschichtangehörigen in den Stadt- und Landkreisen des
Deutschen Reiches und den Wahlergebnissen der verschiedenen Weimarer Parteien.
In Tabelle 4 wird in Form von sogenannten Korrelationskoeffizienten die statistische
Beziehung einiger ausgewählter Sozialmerkmale mit den Wahlerfolgen der
verschiedenen Weimarer Parteien wiedergegeben. Diese Korrelationskoeffizienten
können sich von +1.0 (was einen perfekten linearen positiven Zusammenhang
zweier Merkmale anzeigt) bis -1.0 (was einen perfekten negativen linearen Zusammenhang
ausdrückt) erstrecken. Werte nahe oder gleich 0 zeigen, dass keine systematische
(lineare) Beziehung zwischen den beiden miteinander rechnerisch in Bezug gesetzten
Größen besteht. Ein relativ hoher Koeffizient, wie er nach 1920 etwa
zwischen Arbeiter- und KPD-Anteil besteht, besagt, dass im Schnitt der Prozentsatz
der KPD-Wähler um so höher lag, je größer der Arbeiteranteil
in den Stadt- und Landkreisen des Deutschen Reiches war, und dass umgekehrt
die Wahlchancen der KPD tendenziell um so schwächer ausfielen, je niedriger
der Arbeiteranteil lag.
Negative Korrelationskoeffizienten sind entsprechend zu interpretieren: Je höher
beispielsweise der Katholikenanteil, desto niedriger fielen im Durchschnitt
die Wahlchancen der SPD aus. Nahe bei 0 liegende Korrelationskoeffizienten (und
hierzu gehören zumindest alle Koeffizienten unter wie sie etwa zwischen
dem Arbeiteranteil und den Wahlerfolgen der DVP zwischen 1920 und 1932 bestehen,
sollten im Sinne von Nicht-Zusammenhängen interpretiert werden; auch die
zwischen ±0.10 und ±0.20 liegenden Korrelationskoeffizienten stellen
bestenfalls äußerst geringe, nur mit Vorsicht zu interpretierende,
statistische Zusammenhänge
Zu beachten ist bei der Interpretation der einzelnen Koeffizienten ferner, dass in Tabelle 4 zwei verschiedene Arten von Korrelationskoeffizienten wiedergegeben werden: im Falle des Katholikenanteils sind es "normale", sogenannte bivariate Koeffizienten ohne Kontrolle von Drittvariablen, das heißt, hier wurde allein der Zusammenhang zwischen (katholischer) Konfession und Parteipräferenz ermittelt. Bei allen anderen Merkmalen handelt es sich um sogenannte Partialkorrelationen mit Kontrolle einer Drittvariablen (nämlich des Katholikenanteils). Inhaltlich sind Partialkorrelationen so zu interpretieren, als seien die Untersuchungseinheiten, in unserem Falle also die Stadt- und Landkreise des Deutschen Reiches, konfessionell alle mehr oder minder gleich. Damit ist man in der Lage, den um den Effekt des (Stör)-Faktors "Konfession" bereinigten Einfluss der übrigen Sozialmerkmale auf die Parteianteile zu untersuchen.(17)
Ausgewählt wurden vor allem solche Sozialmerkmale, die für unsere
Fragestellung von theoretischer Bedeutung sind.(18) Dabei
zeigt sich deutlich der Einfluss von I zumindest drei, das politische System
Deutschlands bis heute prägenden, politischen Spannungslinien:(19)
a) Die Konfession trennt klar zwischen den beiden katholischen Parteien auf
der einen und den übrigen Parteien auf der anderen Seite, wobei die Beziehung
im Falle der KPD allerdings nur sehr schwach ist;
b) Eine zweite Trennungslinie wird durch die Merkmale Arbeiter-" und "Selbständigenanteil"
repräsentiert: in Kreisen mit überdurchschnittlich hohen Arbeiter-
(und entsprechend niedrigeren Selbständigen-) Anteilen ist im Mittel
der Stimmenanteil der KPD und - wenn auch deutlich schwächer - der SPD
überdurchschnittlich hoch, während die Anteile der übrigen Parteien
hier tendenziell unter ihrem Reichsdurchschnitt liegen;
c) Eine dritte Spannungslinie wird an ihrem positiven Pol durch den Anteil der
Agrarbevölkerung und an ihrem negativen Pol durch den Prozentsatz der Angestellten
und Beamten gekennzeichnet: Die Deutschnationalen in evangelischen und - wenn
auch in abgeschwächter Form - Zentrum und BVP in katholischen Regionen
erzielten zwischen 1920 und 1933 im Mittel dort größere Wahlerfolge,
wo der Anteil der im Agrarsektor beschäftigten Personen über dem Reichsdurchschnitt
lag. Die am anderen Pol dieser Spannungslinie beheimateten beiden sozialistischen
und liberalen Parteien dagegen erzielten in den Agrarregionen des Deutschen
Reiches im allgemeinen nur unterdurchschnittliche Stimmenanteile;
d) Die vierte, im Kaiserreich noch sehr bedeutsame, in der Weimarer Republik
durch die Gebietsabtretungen des Versailler Vertrags aber weitestgehend hinfällig
gewordene Spannungslinie schließlich, die regionale oder ethnische Konflikte
repräsentiert, spielt im Hinblick auf unsere Fragestellung keine oder bestenfalls
eine marginale und daher zu vernachlässigende Rolle.
Was die Dauerhaftigkeit der statistischen Zusammenhänge betrifft, behält,
zumindest auf der Kreisebene, die konfessionelle Spannungslinie ihren Einfluss
für die beiden katholischen Parteien ohne irgendwelche Einbrüche bis
zum Ende der Weimarer Republik bei. Dies gilt im Prinzip auch für die beiden
sozialistischen Gruppierungen, insbesondere die SPD, und die dezidiert evangelisch
orientierte DNVP. Lediglich für die beiden nahezu vollständig von
der Wählerebene verschwindenden liberalen Parteien scheint der konfessionelle
Faktor zwischen 1928 und 1932 signifikant an Bedeutung zu verlieren.
Ebenfalls nur relativ geringen Schwankungen unterliegt die zweite, durch den
Industriearbeiteranteil repräsentierte Spannungslinie. Allerdings scheint
hier im Verlaufe der Weltwirtschaftskrise eine weitere, vom Arbeitslosenanteil
markierte Trennungslinie hinzugetreten zu sein, durch die vor allem die immer
mehr zur Partei der Arbeitslosen werdende KPD begünstigt wurde.(20)
Was schließlich die dritte, vom Anteil der im Agrarsektor tätigen
Bevölkerung repräsentierte, Spannungslinie angeht, so ist auch hier
bei allen Parteien wenig Veränderung festzustellen. Lediglich die DNVP
verliert in zunehmendem Maße ihre Verankerung in den ländlich-protestantischen
Regionen des Reiches. An ihre Stelle scheint nach 1930 die NSDAP zu treten,
deren Wahlerfolge ab 1932 im Schnitt um so höher ausfielen, je größer
der Anteil der (protestantischen) Landbevölkerung in den Kreisen lag.
Abbildung 3: Parteistärke und Mittelschichtanteil im Juli 1932
Aufschlussreich ist ein etwas genauerer Blick auf die einzelnen Mittelschichtgruppierungen.
Wie Abbildung 3 belegt, schnitten in Kreisen mit einem hohen, d.h. überdurchschnittlichen
Angestelltenanteil die beiden liberalen Parteien (die wir hier der besseren
Übersichtlichkeit wegen zusammengefasst haben) tendenziell besser ab als
in Kreisen mit einem unter dem Reichsdurchschnitt liegenden Angestelltenanteil.
Verwundern mag, dass sowohl 1924 als auch 1932 ein ganz ähnlicher, wenn
auch etwas weniger stark ausgeprägter Zusammenhang zwischen 'dem Angestelltenanteil
und dem Abschneiden von SPD und KPD nachgewiesen werden kann: Wo vergleichsweise
viele Angestellte wohnen, schneiden SPD und KPD im Schnitt besser ab als in
Kreisen mit weniger Angestellten. Dagegen besteht zwischen dem Anteil der Angestellten
und den Wahlergebnissen der beiden katholischen Parteien (Zentrum und Bayerische
Volkspartei) ein negativer. statistischer Zusammenhang. Wo viele Angestellte
lebten, hatten es diese beiden Parteien sowohl 1924 als auch 1932 ersichtlich
schwerer als in Kreisen mit weniger Angestellten. Überraschen mag, dass
auch die NSDAP im Juli 1932 in Gebieten mit vergleichsweise vielen Angestellten
unterdurchschnittliche Wahlergebnisse erzielte. Im folgenden wird noch zu zeigen
sein, dass es sich hierbei nicht um eine statistische Scheinbeziehung handelt,
wie man vielleicht vermuten könnte, sondern um einen "echten",
nicht auf Störeinflüsse zurückzuführenden Zusammenhang.
Mit der anderen Gruppe des Neuen Mittelstandes, den Beamten, treten bei den
einzelnen Parteien recht ähnliche, wenn auch insgesamt schwächer ausgeprägte
korrelative Zusammenhänge auf wie bei den Angestellten.
Sehr viel stärkere statistische Beziehungen bestehen zwischen den Prozentanteilen
der beiden Teilgruppierungen des Alten Mittelstandes, den landwirtschaftlichen
und gewerblichen Selbständigen, und den Wahlergebnissen der Parteien. Sowohl
1924 als auch 1932 fällt der Prozentsatz von SPD und KPD, aber auch der
(wiederum kombinierte) Anteil der beiden liberalen Parteien, im Schnitt dort
stark unterdurchschnittlich aus, wo viele Bauern leben, während Zentrum
und Bayerische Volkspartei in agrarisch strukturierten Kreisen insgesamt gut
abschneiden. Dagegen gelingt es den beiden liberalen Gruppierungen und (wenngleich
deutlich abgeschwächt) auch den beiden sozialistischen Parteien, in Gebieten
mit einem vergleichsweise hohen Anteil von Selbständigen in Handwerk und
Handel überdurchschnittliche Erfolge zu erzielen. Des weiteren schneiden
vor allem das Zentrum und die Bayerische Volkspartei in Gebieten mit einem hohen
Prozentsatz gewerblich Selbständiger schlechter ab. Die Wahlergebnisse
der NSDAP und ihrer (nicht mit ihr identischen) Vorgängergruppierung, der
Deutsch-Völkischen Freiheitspartei, werden dagegen ebenso wie die der Deutschnationalen
(DNVP) von der Höhe des Selbständigenanteils in Landwirtschaft und
Gewerbe kaum beeinflusst.
Sozialgruppen und ihre Parteineigungen II: Überlagerungseffekte von
Konfession, Schicht und Verstädterungsgrad
Man sollte sich davor hüten, aus diesen Korrelationsbeziehungen zu weitreichende
Schlüsse zu ziehen. Denn zum einen handelt es sich um einfache, d. h. immer
nur zwei oder drei Merkmale gleichzeitig berücksichtigende Zusammenhänge,
hinter denen sich mannigfache Störeinflüsse verbergen können;
dies dürfte beispielsweise für den Zusammenhang zwischen den SPD-Stimmen
und dem Anteil der gewerblichen Selbständigen gelten, die vornehmlich in
Städten leben, wo bekanntlich auch die SPD traditionell stärker vertreten
ist. Zum anderen sind es ausschließlich auf Kreisebene geltende Beziehungen,
aus denen keinesfalls unbesehen Rückschlüsse auf das Wahlverhalten
der verschiedenen Mittelschichtgruppierungen gezogen werden dürfen. Daher
sollen in einem zweiten Schritt weitere potentielle Einflussgrößen
in die Betrachtung einbezogen werden. Dies erfolgt auf zweierlei Weise: mittels
eines sogenannten Kontrastgruppenvergleichs und mittels des statistischen Verfahrens
der multiplen Regressionsanalyse.
Intuitiv eingängiger als die Regressionsanalyse ist für den statistischen
Laien zweifelsohne der sogenannte Kontrastgruppenvergleich. Er geht von der
simplen Überlegung aus, dass Sozialmerkmale in der Realität sowohl
bei Individuen als auch bei Territorialeinheiten, wie sie die Stadt- und Landkreise
darstellen, niemals isoliert, sondern stets in Kombination mit einer Vielzahl
anderer Merkmale auftreten. Kein Wähler ist nur evangelisch oder katholisch,
sondern gleichzeitig auch noch Arbeiter oder Beamter, Klein- oder Großstädter,
ledig oder verheiratet etc. Das Gleiche trifft demgemäss für Gebietseinheiten
zu, die ja primär durch solche Individualmerkmale beschrieben werden: Es
gibt keine Mittelschicht- oder Arbeitergemeinden an sich, sondern katholische
oder evangelische, städtische oder ländliche, von der Arbeitslosigkeit
stärker oder schwächer betroffene Gemeinden etc.
Dass die Überlagerung solcher Merkmale (und damit die Überkreuzung
von sozialen Einflüssen) die politischen Effekte dieser Merkmale verstärken,
aber auch abschwächen oder gar neutralisieren kann, erscheint plausibel.
Das Verfahren des Kontrastgruppenvergleichs versucht, den Effekt solcher Merkmalsüberlagerungen
herauszuarbeiten. Hierbei wird die Gesamtheit aller untersuchten Gebietseinheiten,
in unserem Falle also der rund 1200 Stadt- und Landkreise des Deutschen Reiches,
in mehreren aufeinanderfolgenden Schritten so zerlegt, dass in sich immer homogenere,
untereinander aber um so schärfer unterscheidbare Untergruppen, die sogenannten
Kontrastgruppen, entstehen. Aufteilungskriterien sind dabei die interessierenden
Sozialmerkmale, im vorliegenden Falle die Urbanisierung, der Konfessionsanteil
und der Mittelschichtanteil (vgl. Tab. 5).

Im ersten Schritt werden die Stadt- und Landkreise des Deutschen Reiches, je
nachdem, ob in ihnen über- oder unterdurchschnittlich viele Mittelschichtangehörige
leben, in 503 Kreiseinheiten mit einer Mehrheit der Mittelschicht und 327 Einheiten
mit einer Mehrheit von Arbeitern unterteilt.(21) Im zweiten
Schritt erfolgt eine Aufteilung nach der Konfession in überwiegend katholische
und überwiegend evangelische Einheiten; Aufteilungskriterium ist hierbei,
ob die Mehrzahl der Einwohner eines Kreises katholisch ist oder nicht. So grob
dieses Aufteilungskriterium erscheinen mag, so differenzierungsfähig erweist
es sich, wenn man in Tabelle 5 etwa die NSDAP-, die KPD- oder die Zentrumsstimmenanteile
betrachtet. So liegen die NSDAP-Anteile in evangelischen Kreisen mit Mittelschichtmehrheit
im Juli 1932 mit rund 41 Prozent mehr als doppelt so hoch wie in den gleichstrukturierten
katholischen Kreisen, wo die NSDAP nur von 19 Prozent der Wahlberechtigten gewählt
wurde. Im dritten und letzten Aufteilungsschritt werden dann die überwiegend
katholischen und evangelischen Kreiseinheiten nach ihrem Verstädterungsgrad
- gemessen an dem Anteil der Kreisbewohner, die in Gemeinden mit mehr oder weniger
als 5000 Einwohnern leben in eine eher ländliche und eine eher städtische
Gruppe zerlegt. Man erhält auf diese Weise zwei eher urbane und zwei eher
ländliche Kreistypen mit jeweils überwiegend katholischer oder nichtkatholischer
Bevölkerung.
Die Reichstagswahl vom Mai 1924 wurde als Ausgangspunkt des Kontrastgruppenvergleichs
u. a. deshalb gewählt, weil hier nicht nur die NSDAP - wenn auch als "Juniorpartner"
einer Wählerkoalition mit der Deutsch-Völkischen Freiheitsbewegung
- erstmals bei reichsweiten Wahlen auftritt, sondern auch, weil auf der Linken
sich jenes bipolare Neben- und Gegeneinander von SPD und KPD herausbildet, das
bis zum März 1933 die Handlungsfähigkeit der Sozialdemokratie entscheidend
begrenzen sollte.(22) Die Juliwahl von 1932 ist als jener
Wahlgang vor der sogenannten Machtergreifung von Interesse, bei dem die NSDAP
mit 37,4 Prozent der gültigen Stimmen nicht nur ihren höchsten Wähleranteil
auf Reichsebene bei einer vollständig freien Abstimmung erzielen konnte,
sondern auch zur mit Abstand stärksten Partei im Reichstag avancierte.
Aus dem Kontrastgruppenvergleich in Tabelle 5 ergibt sich, dass der Konfessionsfaktor
selbst dann, wenn die Faktoren der Urbanisierung und des Mittelschichtanteils
kontrolliert sind, von eminenter Bedeutung nicht nur für die Zentrums-,
sondern auch für die SPD- und nicht zuletzt die NSDAP-Stimmenanteile bleibt.
So liegt der Wähleranteil der SPD in den evangelischen Landregionen 1932
je nach Mittelschichtanteil zwischen 17 und 23 Prozent der Wahlberechtigten,
in den katholischen Landregionen dagegen beträgt er nur 7 bis 11 Prozent.
Insgesamt zeigt sich, dass innerhalb der einzelnen Konfessions- und Urbanisierungskategorien
die Stimmenanteile der beiden liberalen Parteien, aber auch der DNVP und selbst
der NSDAP bei weitem nicht so stark mit dem Mittelschichtanteil schwanken, wie
man das vielleicht aufgrund der stillschweigenden Gleichsetzung von Mittelschicht
und bürgerlichen Mittel- und Rechtsparteien erwarten würde. Lediglich
in den evangelisch-ländlichen Regionen scheint der Faktor Mittelschicht
im Juli 1932 von größerer Bedeutung für das Abschneiden der
NSDAP gewesen zu sein. Für die beiden katholischen Parteien hingegen ergibt
sich in den überwiegend katholischen Regionen ein klarer Zusammenhang:
Wo der Mittelschichtanteil hoch ist, erzielen Zentrum und BVP sowohl 1924 als
auch 1932 im Schnitt weit überdurchschnittliche Wahlerfolge, in Kreisen
mit unterdurchschnittlichem Mittelschichtanteil bleiben sie erheblich hinter
ihrem Durchschnittserfolg in katholischen Regionen zurück. Im Falle der
beiden sozialistischen Parteien, insbesondere aber der KPD, ergibt sich auch
in den überwiegend evangelischen Regionen ein klarerer, wenngleich erwartungsgemäß
negativ verlaufender Zusammenhang mit dem Mittelschichtanteil: Wo viele Arbeiter
wohnen, schneidet die KPD (und in abgemilderten Maße auch die SPD) im
allgemeinen überdurchschnittlich gut ab; wo Wähler aus der Mittelschicht
überwiegen, verzeichnen beide Parteien dagegen deutlich unter dem Durchschnitt
liegende Wahlergebnisse.
Die in Tabelle 6 dargestellte multiple Regressionsanalyse verdeutlicht und vertieft
dieses Ergebnis. Sie belegt, dass unter Berücksichtigung der konfessionellen
Färbung und des unterschiedlichen Urbanisierungsgrades der Untersuchungseinheiten
der Selbständigenanteil für das Abschneiden der linksliberalen DDP
(23) und der NSDAP in positiver Hinsicht sowie der SPD und
der KPD in negativer Hinsicht verantwortlich war. Der 'Angestelltenanteil dagegen
beeinflusst den Prozentsatz der DDP- und der SPD-Stimmen positiv; negativ hängt
er, wie schon im bivariaten Analysemodell gezeigt, mit dem NSDAP-Stimmenanteil
zusammen. Wo viele Angestellte lebten, hatte es folglich die NSDAP auch dann
schwerer, wenn man die unterschiedliche Konfessionsfärbung und den Verstädterungsgrad
berücksichtigt.(24) Positiv wird das NSDAP-Ergebnis
dagegen vom Beamtenanteil beeinflusst, während die KPD-Erfolge damit negativ
zusammenhängen. Der relativ stärkste Einflussfaktor jedoch ist fast
immer die durch den Katholikenanteil gemessene Konfessionsfärbung der Kreise.
Im Falle von Zentrum und Bayerischer Volkspartei überlagert, ja neutralisiert
sie auf Reichsebene alle anderen Merkmale. Lediglich die KPD-Anteile schwanken
weitgehend unabhängig von der Konfession je nach Verstädterungsgrad
und dem Selbständigen- und Beamtenanteil der Kreise. Aber auch bei den
meisten anderen Parteien erweist sich der Konfessionsfaktor als erstaunlich
robuste, relativ konstant wirkende Einflussgröße, die das Wahlergebnis
in den Städten und Gemeinden des Deutschen Reiches erheblich stärker
bestimmt zu haben scheint als die verschiedenen Schichtmerkmale.(25)
Auf der Aggregatebene der Stadt- und Landkreise entspricht mithin der recht
heterogene Zusammenhang zwischen dem Mittelschichtanteil und dem Ergebnis der
Parteien weitgehend den oben geäußerten theoretischen Erwartungen.
Das Wahlverhalten der verschiedenen Sozialgruppen
Eine Schätzung des Wahlverhaltens der verschiedenen Sozialgruppen
Die Aussagen des vorangehenden Abschnitts basieren nicht nur auf Aggregatdaten,
sondern sie beziehen sich auch ausschließlich auf die Aggregatebene, in
unserem Falle also auf die rund 1200 Stadt- und Landkreise des Deutschen Reiches.
Die Frage nach dem Wahlverhalten der Mittelschichten in der Weimarer Republik
verlangt daneben aber auch sogenannte Individualdaten, d. h. Informationen,
die sich direkt auf den einzelnen Wähler oder auf Gruppen von Wählern
als Träger sozialer Merkmale beziehen. Die obigen Aggregatanalysen ermöglichen
aber lediglich Aussagen, die Merkmale auf Gebietsebene miteinander in Beziehung
setzen (etwa: "SPD-Wahlerfolge und Katholikenanteil verhalten sich gegenläufig
zueinander"), womit jedoch noch nichts über den Prozentsatz von SPD-Wählern
unter den katholischen Wahlberechtigten ausgesagt wird. Die im Rahmen der meisten
wahlhistorischen Erklärungsversuche notwendigen Informationen über
das Wahlverhalten der sozialen Gruppen können mangels direkt erhobener
Angaben über vormaliges oder' beabsichtigtes Wahlverhalten, wie sie uns
heutzutage aus Umfragen zur Verfügung stehen, nur statistisch geschätzt
werden. Eines der dazu wohl am besten geeigneten Schätzverfahren ist die
sogenannte ökologische Regressionsanalyse: Falls die (relativ restriktiven)
Modellannahmen dieses Verfahrens zutreffen, drücken die ermittelten Schätzwerte
die "wahren", d. h also die tatsächlichen Wählerpräferenzen
aus. Falls sie nicht zutreffen, liefern sie immer noch statistisch hinreichend
abgesicherte Hinweise auf das Wahlverhalten der verschiedenen sozialen Schichten
und Gruppierungen. (26)


Tabelle 7 gibt die Ergebnisse zweier solcher ökologischer Regressionsanalysen
für drei Wahlzeitpunkte wieder. Die dort aufgeführten Prozentzahlen
zeigen die Wahrscheinlichkeit, mit der (wahlberechtigte) Katholiken bzw. Nichtkatholiken
und die (wahlberechtigten) Angehörigen der drei Sozialschichten bei den
hier ausgewählten Wahlen für eine der angegebenen Parteien gestimmt
haben. Angesichts der erwähnten Risiken solcher ökologischer Schätzungen
sollten eher globale Größenordnungs- als kleinere Prozentpunktdifferenzen
interpretiert werden. (27)
Wiederum erweist sich die Konfession als außerordentlich stabile erklärende
Größe - positiv hinsichtlich des Zentrums und der Bayerischen Volkspartei,
negativ hinsichtlich von SPD, Liberalen und DNVP. Für die Wahl der KPD
scheint es keinen allzu großen Unterschied gemacht zu haben, ob man der
katholischen Kirche angehörte (was natürlich nicht bedeutete: praktizierender
Katholik zu sein) oder nicht. Die NSDAP erwies sich nach 1928 als überwiegend
"evangelische" Partei, die von Katholiken weit unterdurchschnittlich
gewählt wurde. Unseren Daten zufolge stimmten rund 40 Prozent der Katholiken
für eine der beiden katholischen Parteien; von Nichtkatholiken erhielten
Zentrum und BVP bis 1932 dagegen so gut wie keine Stimmen.(28)
Umgekehrt votierten bei der Reichstagswahl 1928 nur 10 Prozent der Katholiken,
aber 29 Prozent der Nichtkatholiken für die Parteien des sogenannten bürgerlich-protestantischen
Lagers, d. h. die DNVP, die linksliberale DDP, die nationalliberal orientierte
DVP und, je nach Zurechnungsweise, auch die NSDAP.(29)


Auch das Wahlverhalten der Arbeiterschicht erwies sich als recht stabil: Rund
40 bis 45 Prozent der wahlberechtigten Arbeiter scheinen zwischen 1924 und 1932
für eine der beiden sozialistischen Parteien gestimmt zu haben, rund 10
Prozent für die katholischen Parteien und zwischen 20 und 30 Prozent für
eine der bürgerlichen Gruppierungen (unter Einrechnung der "Sonstigen"),
davon ab 1930 die weitaus meisten für die NSDAP.(30)
Die vermutlich von "national" orientierten Arbeitern stammenden Stimmen
der NSDAP gingen möglicherweise nicht zu Lasten der beiden Arbeiterparteien,
sondern kamen vor allem von den "Sonstigen" und den Nichtwählern.
Die zum Alten Mittelstand der Selbständigen gehörenden Wähler,
zu denen wir neben den Handwerkern und Gewerbetreibenden auch die Landwirte
und mithelfenden Familienangehörigen zählen, gaben den beiden Parteien
des linken Blocks nur ganz wenige Stimmen. Ein relativ hoher, ab Mitte der 20er
Jahre allerdings deutlich zurückgehender Prozentsatz der Katholiken unter
ihnen wählte Zentrum oder Bayerische Volkspartei, während die evangelischen
Angehörigen dieser Sozialschicht ihre Gunst zwischen den verschiedenen
Gruppierungen des bürgerlich-protestantischen Lagers aufteilten. Nach 1930
trat beim protestantischen Alten Mittelstand die NSDAP das Erbe dieser politischen
Gruppierungen an (vgl. Abb. 4). Aus der Perspektive der parteipolitischen Lager
oder Wählerblöcke betrachtet, orientierte sich somit das Wahlverhalten
des Alten Mittelstandes stärker an den vorgegebenen Lagergrenzen als etwa
das der Arbeiter.
Dagegen fiel das Abstimmungsverhalten der Neuen Mittelschicht der Angestellten
und Beamten erheblich differenzierter aus: Zwischen 20 und 30 Prozent von ihnen
wählten regelmäßig eine der beiden linken Parteien, wobei, unseren
Ergebnissen zufolge, die SPD nach 1930 aus dieser Sozialschicht sogar relativ
mehr Stimmen erhielt als aus der Arbeiterschaft. Knapp 40 Prozent der Beamten
und Angestellten stimmten für Parteien des bürgerlich-protestantischen
Lagers; die NSDAP fungierte ab Juli 1932 auch hier - analog zum Alten Mittelstand
- als Sammlungsbewegung der vorher so zersplitterten Kräfte dieses Lagers;
allerdings erhielt sie dabei von der Neuen Mittelschicht bei weitem nicht so
viel Unterstützung wie vom Alten Mittelstand. Lediglich die katholische
Neue Mittelschicht scheint der NSDAP etwas stärker zugeneigt zu haben (vgl.
Abb. 4).
Als Fazit lässt sich somit festhalten, dass auch aus der Perspektive der
(statistisch geschätzten) individuellen Wählerpräferenzen die
schon auf der Aggregatebene festgestellten politischen Vorprägungen das
Verhalten der einzelnen Sozialschichten in der Tendenz bis zum Ende der Weimarer
Republik bestimmt haben. Änderungen fanden vornehmlich innerhalb des bürgerlich-protestantischen
Lagers statt, wo die liberalen Gruppierungen praktisch von der politischen Bildfläche
verschwanden und die deutschnational-agrarischen Parteien erheblich an (zahlenmäßiger)
Bedeutung verloren. Festzuhalten bleibt aber auch, dass keines der Parteilager
in der Lage war, alle oder auch nur eine absolute Mehrheit der Klassen- oder
Konfessionsgleichen an sich zu binden. Lediglich der evangelische Alte Mittelstand
scheint nach 1930 mehrheitlich für eine der Parteien des bürgerlichprotestantischen
Lagers votiert zu haben, wobei die NSDAP ab 1932 aus dieser Sozialschicht erheblich
mehr Anhänger für sich zu mobilisieren vermochte als aus jeder anderen
Schicht.
Die soziale Zusammensetzung der Wählerschaft der Parteien
Tabelle 8 enthält Informationen über die soziale und konfessionelle Zusammensetzung der Wählerschaft der hier analysierten Parteien. Sie stellt eine Umrechnung (von Spalten- auf Zeilenprozent) der in Tabelle 7 wiedergegebenen Werte dar. Es wird nun also 'nicht mehr danach gefragt, für welche politischen Gruppierungen der Neue oder der Alte Mittelstand votierte, sondern der Blick ist im Sinne der oben formulierten Fragestellung darauf gerichtet, wie, von ihren Wählern her gesehen, die Zusammensetzung der politischen Parteien ausgesehen haben mag. Am deutlichsten fällt auch hier wieder die Wirkung der Konfession ins Auge: Während das Zentrum und seine bayerische Schwesterpartei fast ausschließlich von Katholiken gewählt wurden, bildeten katholische Wähler innerhalb der anderen politischen Lager - mit Ausnahme der Kommunisten und später auch der Nationalsozialisten - eine relativ unbedeutende Minderheit. Hieran änderte sich im Verlaufe der Weimarer Republik wenig. Auch die Spannungslinie, die Arbeiter und Alten Mittelstand trennte und deren Effekt bei Bundestagswahlen bis heute nachwirkt, tritt klar hervor: Vor allem die KPD scheint, trotz eines auch hier vorhandenen Angestelltenanteils, in der Tat eine zwar nicht mehr ganz lupenreine, aber dennoch eindeutige Arbeiterpartei gewesen zu sein. Dagegen entstammten über ein Drittel und nach 1930 sogar mehr als 40 Prozent der sozialdemokratischen Wähler der Mittelschicht, was sich bekanntlich auch in der sozialen Zusammensetzung der SPD-Mitgliederschaft niederschlug.

Die Wählerschaft der übrigen Parteien, allen voran der beiden liberalen
Gruppierungen, war unseren Ergebnissen zufolge erstaunlich gleichmäßig
zusammengesetzt. Überraschen vermag vielleicht noch, angesichts der eher
von der Eliten- und Mitgliederebene her argumentierenden herrschenden historischen
Meinung", der aus Tabelle 8 ersichtliche recht hohe Arbeiteranteil unter
den Wählern von DNVP und NSDAP. Auch hier gab es zwischen 1924 und 1932
nur relativ geringe Veränderungen, so dass von einer ausgeprägten
dauerhaften Rekrutierung derselben Kernklientel durch die Weimarer Parteien
ausgegangen werden kann.(31)
Zusammenfassung der Ergebnisse
Zweck der Analyse war es bisher, das Wahlverhalten der verschiedenen Sozialschichten
in der Weimarer Republik zu untersuchen. Dies erfolgte sowohl aus der Perspektive
der Neigung der Sozialgruppen zu den wichtigsten politischen Parteien bei Reichstagswahlen
als auch aus `der Perspektive der sozialen Zusammensetzung der Wählerschaft
dieser Parteien. Zu diesem Zwecke wurde versucht, mittels geeigneter statistischer
Verfahren (in erster Linie der sogenannten ökologischen Regressionsanalyse)
neben den parteipolitischen Bindungen der wichtigsten Sozialgruppen auch ergänzend
die soziale Zusammensetzung der Wählerschaft der einzelnen politischen
Parteien zu ermitteln.
Von besonderer Bedeutung für das Weimarer Parteiensystem ist die Konfession,
die sowohl auf der Aggregat- als auch auf der Individualdatenebene den relativ
stärksten Einfluss auf das Wahlverhalten ausgeübt hat. Ähnlich
war die Wirkung der zweiten, zwischen Arbeitern und Altem Mittelstand verlaufenden
soziopolitischen Verwerfungslinie. Bei den hier untersuchten Wahlen haben so
gut wie keine Selbständigen für die beiden Linksparteien gestimmt,
während sich der sozialistische Wählerblock nach wie vor hauptsächlich
aus der Arbeiterschaft rekrutierte. Allerdings profitierten auch alle übrigen
politischen Parteien in durchaus nennenswerter Weise von Arbeiterstimmen. Erstaunlich
hoch erscheint der von uns ermittelte Arbeiteranteil innerhalb der DNVP- und
der NSDAP-Wählerschaft gewesen zu sein. Auch dürfte die Anhängerschaft
der SPD, vor allem während der letzten Jahre der Weimarer Republik, sozial
sehr viel heterogener zusammengesetzt gewesen sein als weithin noch immer angenommen
wird. Zwar ist die KPD auch noch am Ende der Weimarer Republik tatsächlich
eine fast lupenreine Arbeiterpartei, für die Sozialdemokraten jedoch gilt
dies, wie gezeigt, weder auf der Mitglieder- noch auf der Wählerebene.
Die SPD umfasst am Ende der Weimarer Republik bereits einen beachtlichen Anteil
an Mittelschichtangehörigen, vornehmlich aus der Neuen Mittelschicht.
Im Vergleich zum Alten Mittelstand ist das Wahlverhalten der Neuen Mittelschicht
der Beamten und Angestellten sehr uneinheitlich und mit Sicherheit weniger eindeutig
als häufig im historischen Schrifttum vermutet. Innerhalb der NSDAP-Wählerschaft
scheint diese Schicht sogar eher unter- als überrepräsentiert gewesen
zu sein, ein Ergebnis, das den Auffassungen wohl der meisten Historiker diametral
entgegenstehen dürfte. Die (nicht-katholischen) Selbständigen endlich,
die meisten von ihnen kamen aus dem Agrarsektor, waren ab 1932 vermutlich mehrheitlich
NSDAP-Wähler. Der NSDAP ist es gelungen; ganz oder teilweise die liberalen,
konservativen und partikularistisch orientierten Parteien, gleichsam in deren
Funktionen eintretend, als politische Repräsentanz des bürgerlichprotestantischen
Lagers zu ersetzen. Angesichts ihrer Anziehungskraft für andere Sozialschichten
war sie aber andererseits, wie wir gesehen haben, die einzige wahrhaft teilkulturenübergreifende
Kraft. Dies vermutlich war das Geheimnis ihrer ungewöhnlichen Wahlerfolge
zwischen 1930 und 1933.
Die beiden Weimarer Präsidentenwahlen von 1925 und 1932 mit ihren jeweils
im März und April stattfindenden beiden Wahlgängen gehören zu
den faszinierendsten und historisch bedeutendsten Wahlen der neueren deutschen
Geschichte. Sie sind für den Wahlhistoriker wie auch für die Geschichtsschreibung
allgemein deshalb so reizvoll, da sie einen praktisch totalen Umschwung der
Wählerkoalitionen zwischen 1925 und 1932 markieren, die den schon bei seiner
ersten Wahl hochbetagten Feldmarschall Paul von Hindenburg unterstützten
und ins Amt brachten. Historisch sind diese Wahlen so ungeheuer bedeutend, da
es von Hindenburg war, der den schleichenden Prozess der Entparlamentarisierung
nach 1930 zumindest begünstigte, wenn nicht sogar aktiv unterstützte.
Durch diesen Prozess kam im Endresultat Adolf Hitler an die Macht. Die Spekulation
fällt leicht, dass ein anderer Präsident, etwa Wilhelm Marx, der Kandidat
der Weimarer Koalitionsparteien und Hindenburgs Hauptgegner bei der Wahl von
1925, nicht so einfach Reichskanzler Heinrich Brüning im Mai 1932 entlassen
hätte, wie es Hindenburg tax. Und Marx hätte ganz bestimmt nicht den
Rechtsabweichler der Zentrumspartei, Franz von Papen, zu Brünings Nachfolger
ernannt.
Hindenburg war 1925 von einer Koalition von Republikgegnern und -feinden ins
Amt gewählt worden. Er gewann damals ganz knapp gegen den Kandidaten der
Weimarer Koalitionsparteien, den Zentrumspolitiker Wilhelm Marx (vgl. Tab. 2).
Seine größten Wahlerfolge erzielte er vor allem in protestantisch-ländlichen
Gebieten mit hohem Anteil an agrarischer Bevölkerung, an Selbständigen
und Mithelfenden, sowie Landarbeitern: Trotz dieses Hintergrundes war seine
erste Amtsführung, zumindest bis 1930, mit Abstrichen sogar bis 1932, sehr
viel loyaler als viele liberale und sozialistische Kommentatoren erwartet hatten.
Im Jahre 1932 - die Weltwirtschaftskrise erreichte ihren Höhepunkt, die
Nationalsozialisten waren zur stärksten politischen Kraft im Land aufgestiegen
- sahen die Weimarer Koalitionsparteien (SPD, Zentrum und DDP) den greisen Feldmarschall
sogar als die letzte Chance an, Hitler und die NSDAP von der Macht fernzuhalten.
So wechselte im Alter von 85 Jahren Hindenburg - entgegen seinen eigenen Intentionen
(er wäre viel lieber ein unpolitischer Kandidat des ganzen Volkes oder
zumindest Kandidat der politischen Rechten geworden) - das politische Lager,
zumindest was die politischen Parteien betrifft, die ihn unterstützten.
Nunmehr setzten sich SPD und Zentrum, allen voran Reichskanzler Brüning,
für Hindenburg ein.
Die wahlhistorische Analyse zeigt, dass Hindenburgs Wahlerfolg im Jahre 1932
am größten in den Kreisen war, in denen er 1925 die geringsten Erfolge
erzielt hatte. Sein Gegenkandidat Hitler war andererseits in den alten Hindenburg-Hochburgen
von 1925 sehr viel erfolgreicher als Hindenburg selbst. Adolf Hitler erzielte
im April 1932 im Schnitt um so bessere Wahlergebnisse, je höher die Hindenburg-Stimmen
des Jahren 1925 lagen. Im Gegenzug war Hindenburg 1932 vor allem in den Regionen
erfolgreich, in denen sein Opponent von 1925, Wilhelm Marx, bei den vorangegangenen
Präsidentenwahlen besonders gut abgeschnitten hatte. Innerhalb von nur
sieben Jahren verlor Hindenburg seine alten Hochburgen, die nun von Hitler eingenommen
wurden, statt dessen übernahm er die Hochburgen seines früheren Konkurrenten
von der Zentrumspartei.
Ein Blick auf die sozialen Bezüge der Stimmabgabe deckt diese radikale
Umkehrung der Wählerkoalitionen auf, die Hindenburg zunächst ins Amt
brachten und ' dann im Amte hielten. Im Jahre 1925 war die Stimmabgabe zugunsten
Hindenburgs im Schnitt in katholischen, städtischen und industrialisierten
Kreisen sowie in Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit unterdurchschnittlich.
Dagegen nahmen die Hindenburg-Stimmen im Jahre 9932 tendenziell mit der Zahl
der in einem Kreis lebenden Katholiken und Selbständigen zu. Die Hochburgen
Hitlers von 1932 ähnelten stark - auch in ihrer sozialen Zusammensetzung
- denen Hindenburgs im Jahre 1925: Sie lagen vor allem in überwiegend evangelischen
Kreisen, in ländlichen Gebieten und in Regionen mit unterdurchschnittlicher
Arbeitslosigkeit.
Diese Informationen basieren lediglich auf dem statistischen Zusammenhang von
jeweils zwei Merkmalen. Die Realität ist jedoch anders: Soziale Merkmale
sind nicht nur bei den Individuen, sondern auch bei den territorialen Einheiten,
den Stadt- und Landkreisen, die auch in diesem Abschnitt Ausgangspunkte unserer
Analyse bleiben, überlagert: Um dies zu berücksichtigen, werden sie
in den Tabellen 9 A und 9 B wiederum in einem sogenannten Kontrastgruppenvergleich
miteinander kombiniert. Dies geschieht dadurch, dass zuerst die 831 Kreiseinheiten
des Reiches danach unterteilt werden, ob sie eher städtisch oder ländlich
strukturiert sind. Für die zwei Untergruppen von Kreisen, die sich dadurch
ergeben, kann man dann die durchschnittliche für Hindenburg, Hitler und
Thälmann abgegebene Stimmenzahl berechnen.
Es zeigt sich, dass Hindenburg in städtischen und ländlichen Kreiseinheiten
gleich erfolgreich war, während Hitler im April 1932 auf dem Lande deutlich
bessere Wahlergebnisse erzielte als in der Stadt. Für den kommunistischen
Kandidaten Thälmann gilt ein entgegengesetzter Trend.
Im nächsten Schritt des Kontrastgruppenvergleichs werden die beiden Teilgruppen
nachdem Konfessionsanteil gespalten. Wir erhalten auf diese Weise überwiegend
katholische bzw. überwiegend evangelische ländliche und städtische
Kreiseinheiten. Weder wird für die auf dieser Aufteilungsstufe konstruierten
Kreiseinheiten der durchschnittliche Stimmenanteil für die drei Kandidaten
berechnet. Nun treten bereits deutlichere Unterschiede auf: Es zeigt sich, dass
Hindenburg 1932 sowohl in den städtischen als auch in den .ländlichen
Kreisen vor allem dort erfolgreich war, wo die Katholiken die Mehrheit stellten,
während für Hitler und, wenn auch in abgeschwächter Form, auch
für Thälmann das Gegenteil zutrifft.
Besonders große Wahlerfolge erzielte Hindenburg in den katholisch ländlichen
`' Kreisen mit knapp 60 Prozent Zustimmung durch die dort lebenden Wahlberechtigten.
Würde man die Zustimmung für die einzelnen Kandidaten auf die abgegebenen
gültigen Stimmen prozentual umrechnen, läge dieser Anteil noch deutlich
höher. In den gleichen Kreiseinheiten erreichte Hitler noch nicht einmal
20 Prozent. Seine Hochburgen lagen klar auf dem evangelischen Land, wo er mit
einem Anteil von 40 Prozent der Wahlberechtigten Hindenburg überholen konnte,
der hier nur 36 Prozent erzielte. Die Hochburgen des kommunistischen Kandidaten
Thälmann schließlich lagen mit 11 Prozent in protestantischen, städtischen
Kreisen.
In einem letzten Aufteilungsschritt werden die vier Kreiskategorien nochmals
nach dem Arbeiteranteil unterschieden. Wir haben es nun also mit insgesamt acht
Klassen von Kreisen zu tun, die von ländlich katholisch mit einem unterdurchschnittlichen
Arbeiteranteil bis zu städtisch evangelisch mit einem überdurchschnittlichen
Arbeiteranteil rangieren. Diese letzte Aufteilung bringt nur noch einen relativ
geringen Erklärungsgewinn. Dies liegt daran, dass der Arbeiteranteil nach
Kontrolle der Faktoren von Verstädterung und Konfession insgesamt nur noch
wenig zur Erklärung des Wahlverhaltens in der Weimarer Republik - nicht
nur bei der Präsidentschafts- sondern auch bei den Reichstagswahlen - beitragen
kann. Immerhin sind wir nun in der Lage, die Hochburgen- und Diasporagebiete
der verschiedenen Kandidaten zu identifizieren. Die meisten Stimmen erzielt
der konservative preußische Protestant von Hindenburg 1932 in den katholisch
ländlichen Kreisen mit wenig Arbeitern, die wenigsten Stimmen in evangelisch
ländlichen Kreisen mit wenig Arbeitern. Dagegen ist es in den stärker
urbanisierten Gebieten des Reiches für die Stimmabgabe zugunsten von Hindenburgs
relativ unwichtig, ob dort viele oder wenige Arbeiter leben. Hitler erreicht
mit 44 Prozent Zustimmung aller Wahlberechtigten in den ländlich protestantischen
Regionen mit wenig Arbeitern die höchsten Stimmenanteile. Am schlechtesten
schneidet er in den katholisch-ländlichen Gebieten mit vielen Arbeitern
sowie in den katholischstädtischen Kreisen mit vielen Arbeitern ab. Die
Hochburgen des KPD-Kandidaten schließlich liegen nicht ganz unerwartet
in den stärker urbanisierten evangelischen Regionen des Reiches mit vielen
Arbeitern. Thälmann wurde hier von 13 Prozent der Wahlberechtigten gewählt,
während er in den katholischen und evangelischen ländlichen Gebieten
mit wenigen Arbeitern nur 4 Prozent der Wahlberechtigten für sich mobilisieren
konnte.
Vergleicht man die Verteilung der 1932 für die einzelnen Kandidaten in
den Kreiskategorien abgegebenen Stimmen mit denen des Jahres 1925 (vgl. Tab.
9 A), so lässt sich leicht erkennen, dass sich die Hindenburg-Koalition
auch von der sozialgeographischen Basis her völlig verändert hatte:
Die Verteilung der Hindenburg-Stimmen von 1932 ist jener der Marx-Stimmen von
1925 sehr viel ähnlicher als der der Hindenburg-Stimmen von 1925. Umgekehrt
entsprechen die Hitler-Stimmen von 1932 in ihrer sozialgeographischen Struktur
weitgehend den Hindenburg-Stimmen von 1925. Dort, wo Hindenburg überdurchschnittliche
Wahlerfolge im zweiten Wahlgang der Präsidentenwahl von 1925 erzielen konnte,
schnitt Hitler 1932 überdurchschnittlich ab, und dort, wo Hindenburg 1925
schwach war, war Hitler dies 1932. Aus dieser Perspektive lässt sich die
konservative und rechtsorientierte Wählerkoalition, die Hindenburg während
der ersten Weimarer Präsidentenwahlen ins Amt brachte, als Vorbote des
Wahltriumphs der Nationalsozialisten in den Jahren 1932 und 1933 beschreiben.
Es handelt sich in der Tat bei der Hindenburg-Koalition von 1925 um die erstmalige
Zusammenfassung der antirepublikanischen Kräfte, die wenige Jahre später
der Weimarer Republik den Todesstoß versetzten.
Gegenüber dem ersten Wahlgang im März 1932 erreichte Adolf Hitler
im zweiten Wahlgang eine Stimmensteigerung von etwa 2 Millionen. Es ist in der
historischen Literatur häufiger darüber spekuliert worden, ob es sich
hierbei hauptsächlich um Wähler des KPD-Führers Ernst Thälmann
gehandelt habe, der vom ersten zum zweiten Wahlgang 1932 ungefähr 1,2 Millionen
Stimmen verlor. Diese Hypothese basiert hauptsächlich auf lokal begrenzten
Eindrücken und Gegebenheiten; als Beispiel möge die kommunistische
Eckkneipe dienen, die über Nacht die politischen Farben wechselte und statt
der roten Fahne die Hakenkreuzfahne hisste. Diese Wählerwanderungsannahme
wurzelt in der weit verbreiteten Überzeugung, dass letztlich die totalitären
Extreme gar nicht so weit voneinander entfernt waren und dass der Schritt von
den Kommunisten zu den Nationalsozialisten viel leichter zu vollziehen war,
als Ideologie oder Propaganda vermuten lassen. Diese Vorstellung von der relativen
Nähe der Extreme findet zusätzliche Unterstützung in der Überlegung,
dass viele, wenn nicht die meisten von Hitlers und Thälmanns Gefolgsleuten
eher unpolitische, sozial entwurzelte Produkte der Massengesellschaft gewesen
seien, sogenannte Protestwähler, die sich leicht durch unrealistische Versprechungen
verführen ließen und deshalb bereitwillige Opfer der totalitären
Verführungen der Zeit waren.
So plausibel dies zunächst klingen mag, so wenig zahlenmäßig
fassbare wahlhistorische Belege für oder gegen diese Annahme gibt es. Betrachtet
man das Verhältnis der Veränderung der Thälmann- und Hitler-Stimmen
vom ersten zum zweiten Wahlgang der Wahl von 1932, so zeigt sich zunächst
einmal eine nahezu perfekte Unabhängigkeit der Stimmentwicklung beider
Kandidaten. Auf Kreisebene gibt es keine lineare Beziehung zwischen der Zunahme
der Hitlerstimmen und- der Abnahme der für Thälmann abgegebenen Stimmen.
In den 166 Kreiseinheiten, in denen Hitler am meisten Stimmen hinzugewinnen
konnte (9,2 Prozentpunkte im Schnitt), verlor Thälmann nur 2,6 Prozentpunkte;
und in den 166 Kreiseinheiten, in denen Hitler am wenigsten Stimmen hinzugewinnen
konnte (im Schnitt 0,4 Prozentpunkte), fiel der Rückgang der Thälmann-Stimmen
praktisch genauso hoch aus wie in den Kreisen mit den höchsten NSDAP-Zugewinnen
(2,2 Prozentpunkte). Der Korrelationskoeffizient, der diese Beziehung beschreibt,
liegt daher auch bei 0 (0,01). Auf dieser Ebene lässt sich folglich kein
unterstützender Beleg für die Annahme einer nennenswerten Wählerwanderung
von Thälmann zu Hitler finden.
Wenn jedoch gleichzeitig die Entwicklung der Stimmabgabe für die anderen
Kandidaten berücksichtigt wird, erhält man andere Resultate. Es ergibt
sich ein zwar kleiner, aber substantieller positiver Zusammenhang zwischen der
Zunahme der Hitler-Stimmen zwischen März und April 1932 und dem Rückgang
der Thälmann-Stimmen. Der Anstieg der Hitler-Stimmen fiel demzufolge dort
etwas höher aus, wo die Thälmann-Stimmen im ersten Wahlgang über
dem Durchschnitt lagen bzw. wo Thälmann überdurchschnittlich viele
Stimmen zwischen dem ersten und zweiten Wahlgang verlor.
Wenn man mit Hilfe der sog. ökologischen Regressionsanalyseversucht, 'die
tatsächlichen Wählerwanderungen von Thälmann zu Hitler zu bestimmen,
so ergeben sich folgende (statistisch geschätzte) Wählerwanderungen:
Ungefähr 13 Prozent der früheren Thälmann-Wähler wechselten
im zweiten Wahlgang zu Adolf Hitler. Das würde bedeuten, dass fast 30 Prozent
der neuen Hitler-Wähler des zweiten Wahlganges im ersten Wahlgang für
Thälmann votiert hätten. Weitere 20 Prozent der Thälmann-Wähler
des ersten Wahlganges scheinen sich während der zweiten Wahlrunde der Präsidentenwahl
von 1932 der Stimme enthalten zu haben. Der Löwenanteil der im zweiten
Wahlgang zu Hitler gestoßenen neuen Wähler jedoch scheinen ehemalige
Duesterberg-Wähler gewesen zu sein. Falls diese statistischen Schätzungen
(um mehr handelt es sich nicht) zutreffen, dann waren es einige hunderttausend
Thälmann-Wähler aus dem ersten Wahlgang, die sich im zweiten Wahlgang
der Hitlerkoalition angeschlossen haben. Zwar machten sie weder eine Mehrheit
der Thälmann-Abwanderer noch der Hitler-Zuwanderer aus, doch sind sie zahlreich
genug, um die Berichte über lokale Ereignisse und persönliche Erfahrungen,
die in der historischen Literatur immer wieder zitiert werden, zu unterstützen.
(32)
1 Horst Möller, Weimar. Die unvollendete Demokratie. München
1987, S. 36
2 Vgl. Werner Stephan, Zur Soziologie der Nationalsozialistischen
Deutschen Arbeiterpartei. In: Zeitschrift für Politik, 20., 1931, S. 793-800;
Hans Neisser, Sozialistische Analyse der Wahlergebnisse. In: Die Arbeit, 7,193
1, S. 654-659; Hans Jäger, Wer wählte Hitler? In: Der rote Aufbau,
3, 1930, S. 529-535
3 VORWÄRTS vom 3. oder 4.8.1932, S.1; VOSSISCHE ZEITUNG
vom 1. 8.1932, S.1; Joseph Goebbels, Tagebücher, Teil I, Band 2, S. 211
4 VORWÄRTS vom 14. 11. 1932, S. 1; VOSSISCHE ZEITUNG vom
7: 11:,1932, S. 1; DAZ vom 7. 11.1932, S. 1
5 Vgl. VÖLKISCHER BEOBACHTER vom B. 11. 1932, S. 2; Goebbels
Tagebücher, Teil I, Band 2, S. 272
6 Goebbels notiert in seinem Tagebuch unter dem Datum vom 6.12.1932:
"Die Lage im Reich ist katastrophal, in Thüringen haben wir seit dem
31. Juli nahezu 40 Prozent Verluste erlitten.". Dass dies kein vorübergehendes
Stimmungstief des Tagebuchschreibers Goebbels ist, belegt die Eintragung vom
B. 12. 1932: In der Organisation herrscht schwere Depression. Geldsorgen machen
jede zielbewusste Arbeit unmöglich. Vgl. Goebbels, Tagebücher, Teil
I, Band 2, S. 295 (sog. Kaiserhof-Version)
7 Vgl. etwa die Belege bei Rainer Hambrecht, Der Aufstieg der
NSDAP in Mittel- und Oberfranken, 1925-1933. Nürnberg, 1976, S. 394-397
8 Goebbels, Tagebücher Teil I, Band 2, S. 387, Eintragung
vom 5. 3.1933. Zu Göring vgl. DAZ vom 6. 3. 1933, S. 2. Ganz ähnlich
die, Schlagzeile in DER VÖLKISCHE BEOBACHTER vom 6.3.1933: "Ein ungeheurer
Sieg ist errungen ... Die Vollmacht zum Handeln ist erteilt"
9 Vgl. hierzu u. a. Sebastian Haffner, Anmerkungen zu Hitler,
München, 1978, S. 36,41 ff., 46 (wenn auch ohne nähere Belege); ferner
einige wenige Stimmungsbilder in den Deutschland-Berichten der SOPADE, vor allem
aus den Jahren 1935 und 1936; vgl. für weitere Hinweise auch Thomas Schnabel,
Württemberg, Zwischen Weimar und Bonn 1928 bis 1945/54, Berlin, 1986, S.
520 ff., sowie Gunther Mai, Warum steht der deutsche Arbeiter zu Hitler? Zur
Rolle der deutschen Arbeitsfront im Herrschaftssystem des Dritten Reiches. In:
Geschichte und Gesellschaft, 12, 1986 und Ian Kershaw, Popular Opinion and Political
Dissent in the Third Reich. Bavaria, 1933-1945. Oxford, 1983
10 Vgl. Theodor Geiger, Die soziale Schichtung des deutschen
Volkes. Soziographischer Versuch auf statistischer Grundlage. (Soziologische
Gegenwartsfragen, Heft 1), Stuttgart 1932, S. 73. Die von Abbildung 2 abweichenden
Prozentwerte für den Alten und Neuen Mittelstand sind darauf zurückzuführen,
dass Geiger seine Anteilswerte auf die Gesamtbevölkerung bzw. die Erwerbstätigen
bezieht, während die Werte von Abbildung 2 auf der Basis der Wahlberechtigten
berechnet wurden
11 Im folgenden werden, der Einfachheit und der stilistischen
Abwechslung halber, die Begriffe Mittelschicht, Mittelstand und Mittelklasse
synonym verwendet, auch wenn sie im sozialhistorischen Schrifttum häufig
unterschiedlich definiert werden
12 Die Masse der Angehörigen der Alten Mittelschicht
dürfte nach marxistischer Terminologie zu den Kleinbürgern zählen.
Karl Marx weist bereits 1848 im Kommunistischen Manifest auf den "reaktionären"
Charakter des Kleinbürgertums hin: "Der kleine Industrielle, der kleine
Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie alle bekämpfen die Bourgeoisie,
um ihre Existenz als Mittelstände vor dem Untergang zu sichern." In
doppelter Frontstellung gegen Bourgeoisie und Proletariat suchten sie das Rad
der Geschichte zurückzudrehen, um als Stand zu überleben. Vgl. Manifest
der kommunistischen Partei. Zitiert nach: Karl Marx. Auswahl und Einleitung
von Franz Borkenau, Frankfurt/M. 1956, S. 107. Seymour Martin Lipset griff Ende
der fünfziger Jahre in seinem bekannten Beitrag über den Faschismus
als Extremismus der Mittelklasse diese Argumentation von der reaktionären
oder, auf die Zwischenkriegszeit angewendet, faschistischen Rolle des Kleinbürgertums
fast wörtlich wieder auf. Vgl. hierzu seine Soziologie der Demokratie,
Neuwied 1962, S.131 ff. (die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem
Titel Political Man - The Social Bases of Politics, Garden City 1960)
13 Vgl. Erwin K. Scheuch unter Mitarbeit von Hans Jürgen
Daheim, Sozialprestige und soziale Schichtung. In: Glass, D. V. und König,
R (Hrsg.), Soziale Schichtung und soziale Mobilität, Köln/Opladen
1961 (Sonderheft 5 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie),
S. 103. Ferner Karl Martin Bolte, Dieter Kappe und Friedhelm Neidhart, Soziale
Schichtung, Opladen 1966, S. 64 f.
14 Vgl. Lipset 1962, S.131 ff. Eine Ausnahme von dieser Regel
stellt nur Theodor Geiger dar, der die von ihm behauptete besondere Affinität
der Mittelschicht zum Nationalsozialismus vor allem anhand der unterschiedlichen
Mentalitäten von Altem und Neuem Mittelstand zu erklären versucht.
Vgl. Theodor Geiger, Panik im Mittelstand. In: Die Arbeit, 7, 1930, Heft 1,
S. 637-654
15 Hierauf mach Richard Hamilton, Who Voted for Hitler?, Princeton
1982, S. 24 ff. zurecht aufmerksam
16 Vgl. Statistik des Deutschen Reiches, Bde. 402-405 (VZ
1925) und Bde. 453-456 (VZ 1933)
17 Die Kontrolle des Faktors Konfession bietet sich angesichts
der überragenden Bedeutung dieses Merkmals für das Wahlverhalten in
der Weimarer Republik an. Diese Einflusswirkung ist so groß, dass die
Effekte anderer, damit korrelierender Einflussfaktoren dadurch regelrecht unterdrückt
werden können. Da Katholiken- und Protestantenanteil nahezu perfekt negativ
miteinander korreliert sind (ein hoher Katholikenanteil schließt rein
rechnerisch einen hohen Protestantenanteil aus und umgekehrt), lässt sich
der um den Konfessionseffekt bereinigte Zusammenhang zwischen Protestanten-
bzw. Katholikenanteil und Parteianteilen nicht sinnvoll interpretieren. In Tabelle
1 wurde im Falle der Konfessionsvariablen deshalb auf eine Aussonderung möglicher
Störfaktoren verzichtet. Bei allen anderen Sozialmerkmalen von Tabelle
1 aber wurde der potentielle Störeffekt des Merkmals Konfession statistisch
kontrolliert
18 Vgl. für weitere sozialstatistische Korrelate der
Parteianteile: Jürgen W. Falter/Thomas Lindenberger/Siegfried Schumann,
Wahlen und Abstimmungen in der Weimarer Republik, München 1986, S. 163-170
19 Dieses Konzept geht zurück auf: Seymour Martin Lipset
und Stein Rokkan, Cleavage Structures, Party Systems, and Voter Alignments.
In: dies., Hrsg., Party Systems and Voter Alignments, New York 1967, S. 1-64
20 Vgl. hierzu v. a. Jürgen W. Falter/Dirk Hänisch,
Die Anfälligkeit von Arbeitern gegenüber der NSDAP bei den Reichstagswahlen
1928-1933, in: Archiv für Sozialgeschichte, XXVI (1986), S.179-216 sowie
Jürgen W. Falter, Unemployment and the Radicalisation of the German Electorate
1928-1933: An Aggregate Data Analysis with Special Emphasis an the Rise of National
Socialism. In: Peter Stachura (Hrsg.), Unemployment and the Great Depression
in Weimar Germany, Basingstoke/London 1986, S. 187-208
21 Um angesichts der vielen Gebiets- und Verwaltungsreformen
territoriale Stabilität der Kreise über die Zeit zu gewährleisten,
wurden die rund 1200 Stadt- und Landkreise zu insgesamt 831 zwischen 1920 und
1933 gebietsmäßig stabilen Kreiseinheiten zusammengefasst
22 Ausführliche Ergebnisse für alle Reichstagswahlen
und alle Parteigruppierungen bei J. W. Falter und R Zintl, The Economic Crisis
of the 1930's and the Nazi Vote. In: Journal of Interdisciplinary History 2/1988,
S. 55-85
23 Ab 1930: Deutsche Staatspartei oder DStP
24 Diese negative Beziehung zwischen Angestellten- und NSDAP-Anteil
bleibt auch dann erhalten, wenn man a) andere Merkmale als im vorliegenden Falle
kontrolliert, b) die Anteilsvariablen nicht auf Wahlberechtigte, sondern auf
die Wohnbevölkerung oder Erwerbspersonen prozentuiert etc. Vgl. hierzu
Jürgen W. Falter, Hitlers Wähler, München 1991, S. 230-241
25 Diese Aussage behält auch dann ihre Gültigkeit,
wenn man die Mittelschicht insgesamt statt der einzelnen Mittelschichtsegmente
von Tabelle 3 in die Regressionsanalyse einbezieht
26 Angesichts seiner Komplexität lässt sich das
Verfahren hier nicht näher darstellen. Einzelheiten bei J. W. Falter/D.
Hänisch 1986, S. 209 f. Siehe ferner J: W. Falter, Politische Konsequenzen
von Massenerwerbslosigkeit. Neue Daten zu kontroversen Thesen über die
Radikalisierung der Wählerschaft am Ende der Weimarer Republik. In: Politische
Vierteljahresschrift, 25 (1984), Anhang, und die dort zitierte Literatur. Da
wir einerseits aus den verfügbaren Informationen nicht genau wissen, ob
wirklich alle Voraussetzungen der ökologischen Regressionsanalyse erfüllt
sind und dieses Verfahren überdies recht sensibel auf unterschiedliche
Modellspezifikationen zu reagieren pflegt, empfiehlt es sich, die mit seiner
Hilfe ermittelten Schätzwerte zurückhaltend zu interpretieren und
kleinere Prozentdifferenzen nicht überzubewerten. Da andererseits mehrere,
sowohl auf der Kreis- als auch der Gemeindeebene unternommene Schätzversuche
und unterschiedlich spezifierte Schätzmodelle im vorliegenden Fall zu substantiell
den gleichen Ergebnissen führen, ist davon auszugehen, dass die im folgenden
referierten Resultate zumindest in den Größenordnungen zutreffen
27 Aufgrund der formalen Eigenschaften der statistischen Schätzmodelle
dürften die Ergebnisse für das Merkmal "Konfession" vermutlich
genauer ausgefallen sein als für das Merkmal "Schichtzugehörigkeit".
Vgl. hierz J.-B. Lohmöller u. a. Unemployment and the Rise of National
Socialism. Contradicting Results from Different, Regional Aggregations. In:
P. Nijkamp (Hrsg.), Measuring the Unmeasurable. Dordrecht etc. 1985, S.357-370
28 Dies ist eine durchaus beachtliche Ausschöpfungsquote,
da es sich im Falle des Merkmals Katholikenanteil" neben den kirchentreuen
auch um die nur noch nominell der katholischen Religionsgemeinschaft angehörenden
Wähler handelt und überdies in die Bezugsbasis auch die Nichtwähler
mit eingehen. Zu recht ähnlichen Schätzwerten kommt bereits J. Schauff,
Die deutschen Katholiken und die Zentrumspartei. Eine politischstatistische
Untersuchung der Reichstagswahlen seit 1871. Köln 1928
29 Hierzu müsste man noch die 1928 besonders starken Interessen-
und Regionalparteien zählen, die nach unseren Erkenntnissen von Katholiken
zu rund 10 Prozent und von Nicht-Katholiken zu etwa 11 Prozent gewählt
wurden
30 Zu beachten ist bei der Interpretation dieser Schätzwerte,
dass in der Gruppe der Arbeiter nicht nur Industriearbeiter, sondern auch Arbeiter
aus dem Agrar- und Dienstleistungssektor enthalten sind, die - wie an anderer
Stelle gezeigt - weniger stark für die beiden sozialistischen Parteien
gestimmt zu haben scheinen, sich dafür aber gegenüber dem Nationalsozialismus
als anfälliger erwiesen (vgl. Falter/Hänisch 1986, Die Anfälligkeit
von Arbeitern; ferner Falter 1991, Hitlers Wähler, S. 198-229)
31 Vgl. S. M. Lipset/S. Rokkan, Cleavage Structures, Party
Systems, and Voter Alignments. In: dies., Hrsg., Party Systems and Voter Alignments,
New York 1967, S. 1-64
32 Vgl. für weitere Einzelheiten: Jürgen W. Falter,
The Two Hindenburg Elections of 1925 and 1932: A Total Reversal of Voter Coalitions.
In: Central European History, 23, 1990, S. 225-241
Allen, William S.: Das haben wir nicht gewollt, Gütersloh 1966
Bracher, Karl Dietrich: Die Auflösung der Weimarer Republik. Eine Studie
zum Problem des Machtverfalls in der Demokratie, Villingen 1955
Childers, Thomas: The Nazi Voter. The Social Foundations of fascism in Germany,
1919 bis 1933, Chapel Hill/London 1983
Falter, Jürgen W./Lindenberger, Thomas/Schumann, Siegfried: Wahlen und
Abstimmungen in der Weimarer Republik, München 1986
Falter, Jürgen W.: Hitlers Wähler, München 1991
Falter, Jürgen W.: Wählerbewegungen zur NSDAP 1924-1933. Methodische
Probleme - abgesicherte Erkenntnisse - offene Fragen: In: Busch, Otto (Hrsg.),
Wählerbewegungen in der europäischen Geschichte, Berlin 1981, . 159-202
Falter, Jürgen W./Hänisch, Dirk: Die Anfälligkeit von Arbeitern
gegenüber der NSDAP bei den Reichstagswahlen 1928-1933. In: Archiv für
Sozialgeschichte, 26, S. 176-216
Hamilton, Richard F.: Who voted for Hitler? Princeton 1982
Hasselhorn, Fritz: Wie wählte Göttingen? Wahlverhalten und die soziale
Basis der Parteien in Göttingen 1924-1933, Göttingen 1983
Heberle, Rudolf: Landbevölkerung und Nationalsozialismus. Stuttgart 1963
Hänisch, Dirk: Sozialstrukturelle Bestimmungsgründe des Wahlverhaltens
in der Weimarer Republik. Eine Aggregatdatenanalyse der Ergebnisse der Reichstagswahlen
1924-1933, Duisburg 1983
Lepsius, M. Rainer: Extremer Nationalismus. Strukturbedingungen vor der nationalsozialistischen
Machtergreifung, Stuttgart 1966
Lipset, Seymour Martin: Soziologie der Demokratie, Neuwied 1962
Milatz, Alfred: Wähler und Wahlen in der Weimarer Republik, Bonn 1965 (Bundeszentrale
für politische Bildung)
Neumann, Sigmund: Die Parteien in der Weimarer Republik. Stuttgart 1965
Schanbacher, Eberhard: Parlamentarische Wahlen und Wahlsystem in der Weimarer
Republik. Wahlgesetzgebung und Wahlreform im Reich und in den Ländern,
Düsseldorf 1982
Schauff, Johannes: Die deutschen Katholiken und die Zentrumspartei. Eine politisch-statistische
Untersuchung der Reichstagswahlen seit 1871, Köln 1928
Striefler, Heinrich: Deutsche Wahlen in Bildern und Zahlen, Düsseldorf
1946
Winkler, Heinrich August: Mittelstand, Demokratie und Nationalsozialismus. Die
politische Entwicklung von Kleinhandel und Handwerk in der Weimarer Republik,
Köln 1972
Zofka, Zdenek: Die Ausbreitung des Nationalsozialismus auf dem Lande. München
1979
Dok. 1 I. Reichtagswahlen 1924 bis 1933

Dok. 2 II. Reichstagswahlen 1925 und 1932

Dok. 3 III. Landtagswahlen 1928 bis 1933

Fortsetzung Dok. 3
