Die Weimarer Republik
Band III

WERNER K. BLESSING
Zerfaserung des Parteiensystems und politische Radikalisierung

Inhaltsverzeichnis

WERNER K. BLESSING

Einführung

Chronik

Die Krise in Sicht: Kampf um den Young-Plan

Erschöpfung des Parlamentarismus

Die "Weimarer Parteien" in der Defensive

Die bürgerliche Rechte: Obstruktion und Niedergang

Linker Radikalismus: KPD und Roter Frontkämpferbund

Rechter Radikalismus: NSDAP und SA

Die Kolonnen der "nationalen Opposition":
Stahlhelm und "Harzburger Front"

Republikwehr: das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold

Das Szenarium politischer Gewalt

Die Gemeinsamkeit der Extreme

Spontane Gewalt aus bäuerlichem Protest

Mühsame Gegenwehr des bedrängten Staates

Parlamentarismus und Präsidialregime in der Sackgasse

Krisenmentalität

Literatur

Dokumente:

Dok. 1 Erklärung der Reichsregierung Hermann Müller
zum Volksbegehren gegen den Young-Plan vom 25. November 1929

Dok. 2 Aus einem Interview des
preußischen Ministerpräsidenten Braun vom März 1929

Dok. 3 "Warum fort von Hugenberg? Die Gründe für die Spaltung
der Deutschnationalen." Artikel des Hauptgeschäftsführers
des Vereins Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller,
Jakob Wilhelm Reichert, vom September 1930.

Dok. 4 Aus einer Rede Alfred Hugenbergs auf einer Versammlung
der Parteivertreter der DNVP im Festsaal des Preußischen Landtags
zu Berlin, 2. Dezember 1931

Dok. 5 Die Görlitzer Richtlinien der Reichspartei des
Deutschen Mittelstandes (Wirtschaftspartei) vom 29. Juni 1926

Dok. 6 Aufruf des kommunistischen "Maikomitees"
der Berliner Arbeiterschaft vom 26. April 1929

Dok. 7 Bundesbefehl der zweiten Illegalen
Reichs-Führerkonferenz des Roten Frontkämpfer Bundes (RFB)

Dok. 8 "Hassbotschaft" des Stahlhelms auf der Tagung vom
4. September 1928 in Fürstenwalde

Dok. 9 Aufruf des Bundesvorsitzenden
Karl Höltermann, Anfang Januar 1932

Dok. 10 Dr. Goebbels zum Tode von
Horst Wessel, 27. Februar 1930

Dok. 11 Protestaufruf Hitlers gegen das Urteil
des Sondergerichts Beuthen vom 23. August 1932 (Auszug)

Dok. 12 Mitteilung über die Polizeiaktionen
gegen Alarmvorbereitungen der SA in Preußen, 17. März 1932




 

Einführung


Der Untergang der Weimarer Republik wird verschieden gedeutet - als Auflösung durch Machtverfall, als Selbstpreisgabe, als verspielte Freiheit, als gescheiterte Zähmung der nationalsozialistischen Gefahr, wie die Thesen in einigen prominenten Titeln verdichtet lauten. Nicht einig ist sich die Forschung besonders darin, ob man in den Ereignissen seit 1929/30 eher einen zwangsläufigen Verlauf zur ,Machtergreifung" Hitlers sehen muss, oder ob es noch immer Spielräume für einen Ausweg, Handlungsalternativen gegeben habe und folglich stärker nach persönlicher Schuld zu fragen sei. Dies leitet die Diskussion über den Anteil der Verfassung am Scheitern der Demokratie ebenso wie die Debatte über die Möglichkeiten einer politischen Dämpfung der Wirtschaftskrise, der die Massenflucht aus der Weimarer Ordnung hauptsächlich zugeschrieben wird.
Einigkeit hingegen besteht bei allen Kontroversen darin, dass den Parteien eine Schlüsselrolle zukam. Die Verfassung mit ihrem ausgeprägten, ihrem "echten Parlamentarismus" (R. Redslob) wies ihnen - auch wenn sie gar nicht erwähnt waren - mit der Repräsentation des Volkes die Verantwortung für die Regierung zu. Doch offenkundig erfüllten sie diese Aufgabe im ersten Jahrzehnt zeitweise nur mühsam, ab 1930 aber gar nicht mehr. Einhellig sieht man heute rückblickend im Versagen der Parteien nicht nur einen wichtigen Faktor des politischen Systemverfalls; hier ortet man am ehesten auch die schwindende gesellschaftliche Zustimmung zu Weimar, die "Republik ohne Republikaner".
Dem Parteienspektrum mit seiner Zersplitterung durch Interessenpartikularismus, der Schwäche der republiktragenden Parteien, der Abkehr der bürgerlichen Rechten, dem Anschwellen totalitärer Bewegungen und dem parlamentarischen Umgang allgemein wird daher ein erster Blick gelten. Die vom angeschlagenen Parlamentarismus nicht mehr erfüllten politischen Funktionen fing die quasikonstitutionelle Autorität des Reichspräsidenten auf. Denn die dualistische Verfassung stellte mit den weit= gehenden Vollmachten des vom Volk gewählten, d. h. auch plebiszitär legitimierten Staatsoberhauptes eine "Reserveverfassung" bereit. Sie erlaubte, als sich ab 1930 keine Regierungsmehrheit im Reichstag mehr fand, dennoch eine Regierung, die sich allerdings zunehmend vom Geist der Verfassung entfernte. Diese Entwicklung - der Verfall des Parlamentarismus und die Funktionsverlagerung zum Reichspräsidenten - trieben hauptsächlich radikale politische Bewegungen voran, die von der Wirtschaftskrise ungemein begünstigt wurden. Ihre gegen Weimar gerichteten Ziele verfolgten sie in doppelter Weise: Sie nutzten die parlamentarischen Mittel der Demokratie, um diese von innen zu lähmen, und sie inszenierten - zum Teil scheinlegal an Plebiszite anknüpfend - massenhafte Werbung und Drohung auf der Straße.

Bei dieser sich in den späten Weimarer Jahren rapide ausbreitenden Agitation spielten militant formierte Gruppen eine tragende Rolle. Nach dem Beispiel der Wehrverbände der Nachkriegszeit waren große Parteiarmeen entstanden. Mit ihrem Kampf gegeneinander und gegen die Republik, für die sich aber auch eine loyale Formation, das Reichsbanner, schlug, wurde in einem Maß politische Macht demonstriert und' Gewalt geübt, dass Staatsautorität und innere Sicherheit bis an die Schwelle des Bürgerkriegs bedrängt waren. Es war eine für Weimar spezifische Szene unkontrollierter Gewalt, die erhebliche politische Macht an sich zog. Um sie geht es im folgenden vor allem. Betrachtungsrahmen ist in erster Linie das Reich, wo die Hauptentscheidungen fielen. Doch da die Weimarer Republik ein föderaler Staat war, wenngleich mit unitarischem Grundzug, wird auch die Länderebene einbezogen.



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Chronik


Herbst 1928, 1929

Anschläge der Landvolkbewegung

1. Mai 1929
Kommunistische Demonstration in Berlin (Blutmai")

3. Mai 1929
Verbot des Roten Frontkämpferbundes

September bis Dezember 1929
Agitation der "nationalen Opposition" gegen den Young -Plan

3./4. Dezember 1929
Spaltung der Deutschnationalen Volkspartei

23. Januar 1930
NSDAP an Landesregierung in Thüringen beteiligt

25. März 1930
Zweites Republikschutz-Gesetz

30. März 1930
1. Kabinett Brüning; Beginn des Weges vom Parteienstaat zum Präsidialstaat

Juli 1930
Deutsche Demokratische Partei und Jungdeutscher Orden schließen sich zur Deutschen Staatspartei zusammen

14. September 1930
Reichstagswahl: Erdrutsch zur NSDAP, Höhepunkt der Zersplitterung

1. Oktober 1930
NSDAP an Landesregierung in Braunschweig beteiligt

Dezember 1930/ Januar 1931
Hitler übernimmt das Amt des Obersten SA-Führers, Röhm wird Stabschef

10. Februar 1931
Geschäftsordnungsänderung im Reichstag zur Einschränkung der Obstruktion; Auszug der Rechtsparteien Januar bis August 1931 Vom Stahlhelm ausgelöster Kampf um eine vorzeitige Auflösung des preußischen Landtags: die Kommunistische Partei schließt sich der "nationalen Opposition" an

11. Oktober 1931
Treffen der "nationalen Opposition" in Bad Harzburg: "Harzburger Front"

8. Dezember 1931
Notverordnung zum Schutz des inneren Friedens

16. Dezember 1931
Proklamation der "Eisernen Front" aus SPD, Freien Gewerkschaften, Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und Arbeitersportlern

13. April 1932
Notverordnung zur Sicherung der Staatsautorität: SA-Verbot

24. April 1932
Landtagswahlen in Preußen, Bayern, Württemberg, Hamburg und Anhalt: die NSDAP wird stärkste, in Bayern zweitstärkste Partei

1. Juni 1932 Präsidialkabinett von Papen

14. Juni 1932
Notverordnung zur Abwehr politischer Ausschreitungen: Aufhebung des SA-Verbotes

Juli 1932
Höhepunkt des politischen Terrors; 17. Juli Altonaer "Blutsonntag"

31. Juli 1932
Reichstagswahl: NSDAP und KPD erhalten zusammen die absolute Mehrheit

9./10. August 1932 Nationalsozialistischer Überfall in Potempa (Oberschlesien)

9. August 1932 Verordnung gegen politischen Terror

3.-7. November 1932
Berliner Verkehrsstreik: Kommunisten und Nationalsozialisten wirken zusammen

6. November 1932
Reichstagswahl: die NSDAP erleidet Verluste

7. Dezember 1932
Blutiger Tumult im Reichstag



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Die Krise in Sicht: Kampf um den Young-Plan


Im Herbst 1929 drängte sich den Deutschen die Politik mit einer Schärfe auf, wie es seit den Bürgerkriegsspannungen der frühen Weimarer Republik nicht mehr der Fall gewesen war. Mit Flugblättern, die das Land überschwemmten, mit zahllosen Versammlungen und Umzügen agitierte die nationale Rechte gegen die Neuregelung der Reparationen durch den Young-Plan. Dieser Plan, auf dessen Grundlage seit August in Den Haag mit den Siegern des Weltkriegs verhandelt wurde, begrenzte die deutschen Zahlungsverpflichtungen zeitlich - auf insgesamt 59 Jahre -und löste sie aus der unmittelbaren Verbindung mit dem Versailler Vertrag. Damit fielen die Beschränkungen der deutschen Souveränität und die letzte Besatzungszone im Westen sollte vorzeitig geräumt werden. Es war für jeden realistisch Denkenden ein wesentlicher Fortschritt gegenüber dem Dawes-Plan von 1924 und eingroßer Erfolg der deutschen Regierung unter Reichskanzler-Müller, die sich auf eine Große Koalition von der Sozialdemokratie bis zur industrienahen Deutschen Volkspartei stützte.
Ihre Gegner aber suggerierten angesichts der langen Laufzeit des Planes eine erneute Demütigung Deutschlands, ein zweites Versailles: "Bis in die dritte Generation müsst ihr fronen!" Stahlhelm, Alldeutscher Verband, Reichslandbund und die Vaterländischen Verbände bildeten, getragen vom taktischen Zusammengehen der Nationalsozialisten mit der Deutschnationalen Volkspartei und der Landvolkpartei, einen "Reichsausschuss für das Volksbegehren", um die Ratifizierung der Haager Übereinkunft zu verhindern. Das "Gesetz gegen die Versklavung des deutschen Volkes" (lapidar "Freiheitsgesetz" genannt), dem das Volksbegehren galt, trug mit seinen politischen Maximalforderungen an die Siegermächte und einer Zuchthausdrohung für alle "Erfüllungspolitiker" die scharfe Handschrift des Medienzaren Alfred Hugenberg, der seit 1928 Vorsitzender der DNVP war. Er hatte die Kampagne nicht nur als Fanal einer aggressiven Außenpolitik inszeniert; sie war darüber hinaus ein Generalangriff auf das "System" von Weimar. Dabei folgten ihm freilich, zumal auch Reichspräsident Hindenburg mittelbar angegriffen wurde, die nationalkonservativen Kreise nur zum Teil.
Da zugleich Reichsregierung und preußische Regierung an der Seite der republikloyalen Parteien entschiedene Ablehnung bekundeten, auch mit dem neuen Werbemittel Rundfunk, fand das Volksbegehren gerade noch die Mindestunterstützung von einem Zehntel der Eintragungsberechtigten. Der Volksentscheid am 22. Dezember, für den 50 Prozent nötig waren, scheiterte mit knapp 14 Prozent Ja-Stimmen klar; er blieb weit hinter dem Reichstagswahlergebnis der Rechten von 1928 zurück. Hugenbergs Versuch, die nationale Opposition zu sammeln und Weimar "plebiszitär zu überrumpeln" (H. Mommsen), endete im Fiasko. Der Young-Plan wurde, obwohl Reichsbankpräsident Schacht, der ihn zunächst mitunterzeichnet hatte, nun querschoss und daraufhin der Reichspräsident kritisch intervenierte, im März 1930 vom Reichstag mit deutlicher Mehrheit angenommen. In einer Lebensfrage hatte sich die parlamentarische Demokratie somit des demagogischen Populismus erwehrt (vgl. Dok.1).(1)
Solche Erfolge sollte sie freilich danach kaum mehr erringen. Die Umrisse ihrer Endkrise konnte man in dreierlei Hinsicht bereits am Streit um den Young-Plan ablesen.


Erstens: Sichtlich nahm wieder die Polarisierung in Anhänger und Gegner des Weimarer Staates zu. Auch in den stabileren Jahren war diese nicht völlig verschwunden, wie etwa die Reichspräsidentenwahl 1925 erwies. Vor allem stellte sich die DNVP erneut gegen die Republik, wobei sie nicht nur wie gewohnt von den etablierten Verbänden der Rechten unterstützt wurde. Ihren gegen Weimar gerichteten Attacken auf Versailles schloss sich nun auch die NSDAP an, die bisher den Nationalkonservativen und Monarchisten die kalte Schulter gezeigt hatte. Freilich war bereits erkennbar, dass dadurch weniger die Hitler-Bewegung gebunden als die DNVP geschwächt werden würde.
Zweitens: Hinter dem Gegensatz der politischen Gruppierungen, der besonders über den Kriegsfolgen aufbrach, standen konträre gesellschaftliche Erfahrungen mit der Republik. Ihr haftete für die alten Eliten und die der Monarchie innerlich verbundenen Schichten - Bauern, Handwerk, Beamtenschaft - das in der Dolchstoß-Legende verdichtete Stigma von Niederlage und Revolution an. Diesem Makel, keine legitime Nachfolgeordnung zu sein, schrieb man die äußere Schwäche wie die inneren Nöte Weimars unmittelbar zu, so dass Widerstand gegen alle "Erfüllungspolitik" zur vaterländischen Tat wurde.
Besondere Dynamik gaben dem antirepublikanischen Widerstand die Ideen einer konservativen Revolution und der völkische Radikalismus. Sie schienen vor allem in der jungen Generation vielen als ein dritter, ein deutscher Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus aus den Nöten der Zeit. Dagegen standen die Mehrheit der Arbeiterschaft und ein Teil des Bürgertums loyal zu dem neuen Staat als einer Ordnung sozialen und politischen Fortschritts - allerdings durch nicht wenig Enttäuschungen belastet. Die Arbeiter, denen schon die Verfassung eine ungebrochene bürgerliche Wirtschafts- und Sozialordnung zugemutet hatte, litten unter der Drosselung der eingeleiteten Wirtschaftsdemokratie und dem Abbau sozialer Errungenschaften. Liberale Bürger beklagten die Labilität der Regierung und die zähe Geltung vorrepublikanischer Werte in öffentlichen Institutionen.
Für alle genannten Sozialgruppen war die Republik mit ihrer hohen Arbeitslosigkeit, der Inflationsenteignung und einer kurzatmigen Konjunktur gegenüber der Vorkriegserfahrung auf bedrängende Weise wirtschaftlich instabil. Neue Schwierigkeiten, wirtschaftliche zumal, bestärkten die Vorbehalte, nährten Veränderungswillen. So drifteten Teile der republikloyalen, der Weimarer" Gemeinschaft nach links und rechts ab. Es war kennzeichnend, dass wichtige Gruppen die Stresemannsche Außenpolitik nur mehr akzeptierten, solange sie ihren inneren Sonderinteressen entsprach; allein dadurch fand der Young-Plan noch eine Mehrheit. Der Weimarer Staat konnte die scharfen Gegensätze seiner Ausgangssituation niemals in einem krisensicheren Grundkonsens aufheben, der das politische Gemeinwesen vor einem politischen Fundamentalkonflikt bewahrt hätte.(2)
Drittens: Auch die Formen solchen Konflikts führte der Kampf um den Young Plan vor. Ein diplomatisches Konzept des Interessenausgleichs ehemaliger Kriegsgegner wurde von seinen Gegnern zur Schicksalsfrage der Nation dramatisiert und geriet in die Demagogie des Plebiszits. Ähnlich hatte 1926 die KPD gegen eine von Regierung und Reichstagsmehrheit geplante Vermögensabfindung der 1918 gestürzten deutschen Fürsten ein Volksbegehren zu deren Enteignung initiiert und in beachtlichem Maß Arbeiter und inflationsgeschädigte Kleinbürger mobilisiert. Auch wenn der Volksentscheid seinerzeit scheiterte, so hatten hauptsächlich die Kommunisten doch demonstriert, welche Möglichkeiten an politischer Agitation die Zuspitzung auf eine Streitfrage im Plebiszit außerhalb des Parlaments bot. Im Streit um den Young-Plan nutzten das mehr oder weniger alle Beteiligten, am intensivsten aber die Hitler-Bewegung. Erstmals entfaltete diese ihren radikalen Aktivismus mit suggestiver Werbung und militanter Drohung in vollem Maße, ein durchschlagendes Muster direkter Repräsentation und bedenkenloser Aktion.(3)




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Erschöpfung des Parlamentarismus


Wie mühsam Willensbildung und Regierung auf parlamentarischer Grundlage Ende der zwanziger Jahre geworden waren, zeigten die Kontroversen und Widersprüche des Kabinetts Müller um Flottennachrüstung ("Panzerkreuzer A"), zerrüttete Finanzen oder die Sanierung der Arbeitslosenversicherung. Begrenzte Sachprobleme luden sich zu weitreichenden, dogmatisch geführten Konflikten zwischen den Parteien auf. Diese waren vor allem um ihre Identität besorgt, auch gegenüber dem von ihnen getragenen Kabinett. So überschritten die Reibungen im Reichstag und mit der Regierung immer häufiger das in einer parlamentarischen Demokratie funktionsverträgliche Maß. Wie die Parteien miteinander umgingen, war aber für den politischen Prozess entscheidend. Zunächst hatte die Weimarer Koalition mit sicherer Mehrheit und beachtlicher Kompromissfähigkeit tragfähige Grundlagen gelegt. Doch seitdem die Wahlen von 1920 ihre Gegner wesentlich gestärkt hatten und allenthalben der Charakter der Gesinnungspartei sich wieder versteifte, war der Parlamentarismus störanfälliger geworden (vgl. Dok. 2).
Ende der zwanziger Jahre geriet der Parlamentarismus mit Einbruch der Weltwirtschaftskrise unter erneute Belastungen, zumal die wieder selbstbewusst gewordenen alten Eliten verstärkt auf eine Revision der 1918/19 entstandenen Ordnung drängten. Die politische Kompromissfähigkeit sank rasch infolge des Rechtsrucks bei DVP und DNVP, durch das Auftreten enger Interessenparteien im bürgerlichbäuerlichen Spektrum und die zunehmende Lähmung der Sozialdemokratie. Je mehr eine steigende Wählerfluktuation die Gewichte verschob, um so ideologie- und interessenbewußter traten auch die nichtextremen Parteien auf. Dadurch gingen politische Initiative und Entscheidung zunehmend auf andere, dem Parlament nicht verantwortliche Kräfte über, deren Einflusslinien sich in der Kamarilla um Hindenburg trafen. Zwar lenkte der Funktionsschwund des Parlaments bis weit in die Verfassungsparteien, bis in die Sozialdemokratie hinein die Blicke auf die präsidiale Gewalt. Von ihr erhofften viele, auf unterschiedliche Weise, wieder eine Stärkung der Regierungsmacht und Staatsautorität: Doch andere, führende Kreise aus ostelbischem Gutsadel, Schwerindustrie, Reichswehrführung, hoher Beamtenkaste und Universitäten strebten über Hindenburgs Autorität die Rückkehr zu einer autoritären Regierungsform an. Ziel war ein Abbau des Sozialstaates und der Tarifpartnerschaft, eine offensive Außenpolitik gegen Versailles und statt des "zersetzenden" Pluralismus eine geistig-moralische Führung im nationalen Sinn.(5) Das war nicht nur reaktionär, sondern illusionär. Statt einer Restauration bahnte man die totale Macht einer nationalrevolutionären Bewegung an. Der Machtkonzentration beim Präsidenten und der Verlagerung von Politik in die außerparlamentarische Öffentlichkeit, auf die Straße, gaben allerdings die Parteien selbst Raum - teils fatalistisch, teils bewußt.(6)

 

 


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Die "Weimarer Parteien" in der Defensive


Die Stützen der Republik, die Parteien der Weimarer Koalition, verloren entscheidend an politischem Einfluss. Zwar stellte die Sozialdemokratie, die 1928 mit fast 30 Prozent ihr bestes Ergebnis seit 1919 erzielt hatte und 1930 nur mäßig verlor, bis zur Juli-Wahl 1932 im Reichstag die größte Fraktion. Sie führte in mehreren Ländern die Regierung, voran in Preußen Dieses weitaus größte Land hatte die SPD seit der Revolution nahezu ununterbrochen geleitet und seine Staatlichkeit, seine Verwaltungs- und Polizeipraxis wesentlich geprägt. Die SPD besaß reichsweit auf der kommunalen Ebene, wo Politik am unmittelbarsten erfahren wurde, eine starke Stellung, insbesondere in den Großstädten. Hinzu kam das Gewicht der im ADGB vereinigten und der SPD eng verbundenen Freien Gewerkschaften, denen 1929 fast 5 Millionen angehörten. Doch so wie die Gewerkschaften von der Wirtschaftskrise entscheidend geschwächt wurden, als sie in kaum drei Jahren über ein Viertel der Mitglieder verloren, lähmten die politische Polarisierung und die Machtverlagerung aus dem Parlament die SPD. Ihr Einfluss sank merklich unter das Gewicht ihrer Zahl. Schon beim Ende der von ihr geführten Großen Koalition reagierte sie mehr als dass sie handelte. Im Streit um die Arbeitslosenversicherung, dieses "Symbol der Sozialpolitik" (H. Timm), agierte die DVP, die seit Stresemanns Tod vom republikanischen Konsens abrückte und nach der Reparationsregelung durch den Young-Plan den Sinn der Koalition erschöpft sah, für Ziele der Großindustrie, die seit dem Ruhreisenstreit von 1928 offenkundig waren: Abbau des Staatsinterventionismus und der Sozialpolitik. Letztere aber war für die Legitimation Weimars in der Arbeiterschaft zentral. Da die KPD steigenden Zulauf fand, glaubte die SPD-Führung, Arbeiterinteressen nicht mehr länger der Staatsräson opfern zu können. Sie zog sich, um die Rolle ihrer Partei als Hauptvertretung der Arbeiterklasse besorgt, in die Opposition zurück.
Am Kabinett Brüning war die SPD nicht mehr beteiligt. Trotzdem wurde sie von dessen einschneidender Notpolitik, die gerade die Arbeiter traf, mit belastet. Denn mit dem Appell an ihre Anhänger, bis zur wirtschaftlichen Besserung durchzuhalten, stützte sie die bürgerliche Präsidialregierung durch Tolerierung, ohne doch zugunsten ihrer Klientel sichtbaren Einfluss nehmen zu können. Mehr als die bürgerlichen Parteien auf das Parlament als Forum und Machtmittel angewiesen, wurde sie von seinem Funktionsschwund besonders getroffen. Und wie sie die Ablösung des parlamentarischen Regierungssystems durch ein halb autoritäres hinnahm, stellte sie sich auch hinter dessen "Ersatzmonarchen", weil sie keine Alternative mehr sah, um dem Rechtsradikalismus zu wehren. Bei der Reichspräsidentenwahl 1932 votierte sie gegen Hitler für Hindenburg, der nach der Revolution die Dolchstoßlegende vertreten hatte, die "Sozen" wenig schätzte und von ihnen vor seiner ersten Wahl 1925 auch entschieden bekämpft worden war. Das SPD-Zentralorgan "Vorwärts" schrieb hierzu:

"Bei der vorigen Reichspräsidentenwahl hat die Sozialdemokratie ... für den Kandidaten der Mitte gegen den der Rechten gestimmt. Genau dasselbe wird sie auch diesmal tun. Geändert hat sich nur insofern etwas, als der Kandidat der Rechten von 1925 heute der Kandidat der Mitte gegen die Rechte ist ... Die Sozialdemokratie ist entschlossen, alles, was in ihren Kräften steht, zu tun, um dem Faschismus eine Niederlage zu bereiten."(7)

Der Schritt fiel nicht wenigen Anhängern schwer; von der kommunistischen Agitation wurde das weidlich ausgenutzt. Zwar wurden Sozialdemokraten durch ihre traditionelle Disziplin zusammengehalten - bis auf die linke Absplitterung der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP). Aber Führung und Apparat der ziemlich bürokratisierten Partei waren überaltert, hatten seit Jahren nur wenig Impulse gegeben und waren jetzt angesichts "unerhörter" Herausforderungen entweder zu gewohnheitsfest und ideologiegebunden oder illusionslos im Blick auf die eigene und die gegnerische Stärke. Sie resignierten weithin; dem Kampfwillen unter den Jungen gaben sie keine Chance. Dieser Kurs wurde besiegelt, als Reichskanzler Papen im Juli 1932 Preußen, ihr "Bollwerk", gleichschaltete und dessen Regierungschef Braun, ein Mann pragmatischer Tatkraft, ohne Hoffnung auf einen erfolgreichen Widerstand wich. Die größte, die eigentliche Staatspartei Weimars lag in ohnmächtiger Defensive.(8)
Dagegen blieb die zweite demokratische Kraft, die sich bis zum Ende Weimars relativ stabil hielt, das Zentrum, machtnah und mehrseitig aktiv. Als Basis des Kanzlers Brüning setzte es seine seit 1923 fast ununterbrochene Regierungsbeteiligung im Reich fort. Die einstige katholische Außenseiterpartei war, seit sie sich nach der Revolution auf den Boden der Tatsachengestellt und im Kompromiss mit Sozialdemokraten und Linksliberalen die Verfassung gestaltet hatte, zu einer Säule des politischen Systems geworden. Vor allem als Mittler zwischen der Linken und der Rechten überstieg ihr Einfluss das Gewicht ihres von 1928 bis 1932 ziemlich konstanten Stimmenanteils von rund 12 Prozent. Wie im Reich konnte sie sich in allen Ländern mit einem größeren katholischen Bevölkerungsanteil nach links an Koalitionen des Weimarer Typs wie nach rechts an Bürgerbündnissen beteiligen. Während sie etwa in Baden von 1918 bis 1931 zusammen mit SPD und DDP/ Staatspartei regierte, hatte sie in Württemberg 1924 diese Koalitionspartner mit der DNVP vertauscht, zu der 1928 noch die zwischen beiden stehenden bürgerlichen Parteien kamen.
Diese einzigartige Koalitionsfähigkeit gründete in drei Umständen: Das Zentrum umgriff als Konfessionspartei alle sozialen Schichten, besaß das Selbstbewusstsein und die Schlagkraft weltanschaulicher Geschlossenheit und war in vielen politischen Grundfragen flexibler als andere Parteien, weil auf kein bestimmtes Modell von Staatsform oder Regierungsform festgelegt, wenn diese nur christliche Werte und die Stellung der Kirche garantierten. Der christliche Gewerkschafter Stegerwald sagte auf dem Kölner Parteitag Ende 1928:

Da "eine Mehrheitsregierung von rechts oder eine Mehrheitsregierung von links bis auf weiteres ... ohne aktive Beteiligung der Zentrumspartei nicht möglich ist . . .", auch "ein Minderheitskabinett von links oder rechts sich seine Mehrheit in 90 bis 95 Prozent aller Fragen ... bei der Zentrumspartei suchen muss ... gibt es für die Zemtrumspartei kaum einen anderen Weg, als dass sie die Politik im ganzen, universell sieht".(9)

Was Stärke gab, barg jedoch zugleich Schwächen. Denn die soziale Bandbreite erzeugte erhebliche Interessenkonflikte, die als stete Spannung zwischen Zinksund Rechtsorientierung nach außen wirkten. Ihre ausschließlich konfessionelle Bindekraft hielt die Partei trotz dauerhafter Regierungsbeteiligung und unterschiedlicher Koalitionen zur nichtkatholischen Mehrheit der deutschen Gesellschaft wie zur säkularen Republik in einer gewissen Distanz.
Dass die hohe Wählerstabilität dieser Partei mit Richtungsbeweglichkeit und ihre kulturelle Eindeutigkeit mit politischer Wendigkeit einherging, wirkte sich in den späten Weimarer Jahren verstärkt aus. Das Zentrum spielte, als seine Integrationskraft schwand, einen zwiespältigen Part. Den Widerstreit zwischen linkem und rechtem Flügel, der 1928 mit dem Eintritt in die Große Koalition nach Jahren bürgerlicher Koalitionen erneut aufgeflammt war, hatte zwar bereits im selben Jahr der neue Vorsitzende noch einmal geglättet: Prälat Kaas galt als Personifizierung der alle umschließenden Katholizität. Doch brachte seine Wahl eine Tendenz nach rechts, die der Kritik am "erschöpften" Parlamentarismus Nahrung gab. Brünings Präsidialregierung, die zudem unter dem Druck Hindenburgs stand, eine "nationale" Regierung zu führen, bestätigte dieses Bild dann in der Praxis. Auch der Einfluss des Zentrums selbst ging ja gegenüber der vormaligen Rolle als Träger einer parlamentarischen Regierung zurück. Dass Brüning anders als Kaas die parlamentarische Demokratie durch eine Monarchie englischer Art vor dem Nationalsozialismus retten wollte, trat, damals hinter seiner Außenwahrnehmung als entschieden nationaler, konservativer, der Sozialdemokratie abgeneigter Mann kaum zutage. Schon vorher, als neuer Zentrums-Fraktionsführer im Reichstag, schien er jenen Zug nach rechts zu bestätigen. Geistig unterstützt wurde die Demokratiekritik durch die päpstliche Enzyklika "Quadragesimo anno" von 1931 mit ihrem autoritär-korporativen Ordnungsbild. Doch der Versuch des Zentrums, als Kanzlerpartei und auch noch nach Brünings Sturz eine "nationale Sammlung" zu bilden, kam nicht über die schon stark dezimierte DVP hinaus. Weder konnte man sich mit der durch die nationalsozialistische Konkurrenz weit nach rechts getriebenen DNVP einigen noch gewann man gar die NSDAP, die bereits die Führung beanspruchte. Brüning bot ihr, ungeachtet der Verurteilung des Nationalsozialismus durch die Bischöfe, Koalitionen an - in der Hoffnung, sie durch Regierungsverantwortung zu zähmen. Eine politische Sammlung aus Staatsräson gelang dem Zentrum auf Reichsebene nur noch einmal punktuell, als Brüning im Frühjahr 1932 Hindenburgs Wiederwahl sicherte.
In Preußen allerdings blieb das Zentrum fast durchgehend von 1919 bis 1932 im Bündnis mit Sozialdemokraten und Demokraten, freilich zunehmend auf Abruf. Nicht zuletzt um dieser preußischen Koalition willen tolerierte die SPD Brünings Politik im Reich. Die besondere Klammerwirkung des Zentrums bestand darin, durch Dauerbeteiligung an den beiden Berliner Kabinetten auch in den Zeiten bürgerlicher Reichsregierungen faktisch eine Große Koalition um Reich und größtes Land zu knüpfen; diese Bindewirkung ließ jetzt nach. Das Anschwellen der NSDAP, die allgemeine Polarisierung und eigene Verengung entzogen dem Zentrum seine Mittlerfähigkeit. Ab Frühjahr 1932 auch ohne Teilhabe an der Macht, suchte es erfolglos nach einer neuen politischen Sicherung katholischer Interessen. Dabei zeigte sich eine bisher verdeckte Ermüdung. Der politische Katholizismus war mit dem gesamten katholischen Milieu nach seiner historischen Leistung, Deutschlands kirchenverbundene Katholiken in die moderne Gesellschaft hineinzuholen und dort ihre Stellung zu stärken, einer Erosion ausgesetzt. Interne Konflikte, Wählerstagnation, Spannungen mit der Kirche ließen den.
"Zentrums-Turm" brüchig werden; dem Angriff des NS-Regimes 1933 widerstand er dann kaum mehr. Auch diese in die Isolation gleitende Partei vermochte den Weimarer Staat nicht mehr zu stützen, zumal sie selbst von ihm zusehends abrückte.(10)
Das galt noch mehr für die regionale Schwesterpartei des Zentrums, die 1918 verselbständigte Bayerische Volkspartei. Sie war agrarisch geprägt, entschieden föderalistisch, konservativ und gegenüber der Republik nicht ohne Vorbehalt. In Bayern dominierte sie derart, dass sie von 1920 bis 1933 ununterbrochen die Regierung führte (zuletzt geschäftsführend) und zur Staatspartei wurde. Obwohl ihr das auf Reichsebene im allgemeinen nur eine Nebenrolle erlaubte, hatte die BVP in einigen Situationen eines parlamentarischen oder plebiszitären Gleichgewichts mit den Ausschlag gegeben- vor allem bei der Reichspräsidentenwahl 1925. Ihr Votum für Hindenburg, gegen den Kandidaten des Zentrums, war der Höhepunkt eines eigenständigen Kurses gewesen; vor allem eine Zusammenarbeit mit der SPD lehnte sie lange ab. In den späten zwanziger Jahren aber näherten sich beide katholische Parteien einander so an, dass die BVP praktisch den rechten Zentrums-Flügel verstärkte und mit ihm eine "nationale Sammlung" bis hin zur NSDAP versuchte.

Als der BVP nach Hitlers Machtergreifung bis zur Gleichschaltung Bayerns dort noch einige Wochen Galgenfrist in der Regierung blieben, erwog man eine monarchische Restauration zur Selbstbewahrung des Landes. Vom Weimarer Staat, unitarisch und parlamentarisch wie er war, hatte sie sich in den letzten Jahren wieder zunehmend entfernt.(11)
Mit diesem Staat identifizierte sich dagegen keine Partei so wie die Deutsche Demokratische Partei. In der demokratischen Tradition des Linksliberalisrnus stehend, die nach der Schwächung im Kaiserreich 1918 wieder aufblühte, hatte sie mit ihrem konzentrierten Sachverstand die Weimarer Verfassung am stärksten geprägt. Und die DDP hatte sich mit der Sozialdemokratie verbunden,. um als Brücke zur Arbeiterschaft diese mit der bürgerlichen Gesellschaft zu versöhnen und zugleich das Bürgertum für die Republik zu gewinnen, die aus einer Revolution unter sozialistischem Zeichen hervorgegangen war. Ein Musterfall wurde die von 1919 bis 1933 währende SPD-DDP-Koalition in Hamburg. Die DDP hätte, tolerant und vernunftgeleitet, eine ideale Rolle spielen können für die Integration Deutschlands angesichts dessen politischen Kompromisscharakters, seiner ausgeprägten Klassengesellschaft und dem kulturellen Gegensatz weltanschaulicher Lager. Doch ihre breite Resonanz unmittelbar nach der Revolution, als sich im Bürgertum viele - aus Einsicht oder Kalkül - den Opponenten der bisherigen Herrschaft zugewandt hatten, hielt nicht an. Die Partei hatte kaum mehr zugkräftige Ziele, nachdem ihr Programm von der Verfassung weithin verwirklicht war; ihr fehlten eine schlagkräftige Organisation und hinreichend Mitglieder. Außerdem gereichte ihr, je mehr sich bürgerliche Kreise wieder konservativ orientierten, die Nähe zur SPD zum Nachteil. Ihre Beteiligung an den meisten Regierungen im Reich sowie an zahlreichen Landesregierungen belastete sie überdurchschnittlich mit den politischen und wirtschaftlichen Schwächen Weimars. So wandten sich ihre Hauptwähler, Bildungsbürger wie gewerblicher Mittelstand, zunehmend nach rechts zu den Kritikern oder Feinden des Weimarer Staates. Dessen Ansehensverfall im Bürgertum war nirgends so deutlich wie in der Abnutzung dieser Verfassungspartei par excellence zur Splitterpartei. 1919 noch von fast 19 Prozent gewählt, errang sie 1930 nur mehr knapp 4 Prozent.
Um einen neuen, vor allem jüngeren Wählerkreis zu gewinnen, schloß sich die Honoratiorenpartei DDP mit einer Gruppe bündischen Charakters zusammen, wie er damals die von bürgerlicher Parteipolitik enttäuschte Jugend anzog. Die DDP fusionierte mit der Volksnationalen Reichsvereinigung zur Staatspartei, d. h. faktisch mit dem Jungdeutschen Orden, der hinter der Reichsvereinigung stand. Dieser hatte sich vom einstigen Freikorps, das 1922/23 im größten Teil des Reiches vorübergehend verboten gewesen war, zu einer politischen Organisation gewandelt. Er bejahte nun die Republik, doch blieb sein Ordnungsbild organisch", dem "Parteiismus" abgeneigt. Obgleich diese Verbindung nach rechts der Zeitströmung entgegenkam, war sie schief und hielt den rapiden Abstieg nicht mehr auf. Zwar blieb die Staatspartei als bürgerlicher Mittler zur Sozialdemokratie auch im Kabinett Brüning sowie in Preußen und einigen anderen Ländern bis 1932/33 - in der Regierungsverantwortung, doch eben dies trieb weitere Wähler zur radikalen Alternative, zu Hitler. Ein früherer DDP-Reichsminister nach der Juli-Wahl 1932:

"Das sogenannte Volk der Dichter und Denker eilt mit fliegenden Fahnen der Diktatur entgegen .. . Bürgertum hat sich selbst als Faktor der politischen Willensbildung ausgeschaltet, und wird vermutlich dafür bitterschweres Lehrgeld bezahlen müssen." (12)

Als man in letzter Minute, im Herbst 1932, den Zusammenschluss mit anderen, gleichfalls wegschmelzenden bürgerlichen Parteien suchte, scheiterte das am Dissens mit der DVP über die Haltung zur NSDAP sowie am Eigengewicht der Parteiapparate. Gegen eine Selbstauflösung aber stand die Hoffnung, mit einer Besserung der wirtschaftlichen Lage werde sich das Bürgertum wieder politisch mäßigen und zurückkehren. So rückte man ganz an den Rand. Wahrend Sozialdemokratie und politischer Katholizismus nach 1930 immerhin numerisch noch gewichtig waren, wenngleich auf unterschiedliche Art zunehmend machtlos wurden, blieb von der dritten für Weimar konstitutiven Kraft, dem Linksliberalismus, nur ein Relikt.(13)



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Die bürgerliche Rechte: Obstruktion und Niedergang


Widerpart der Weimarer Koalition - und erster Nutznießer des Schwunds der DDP - war in der frühen Republik die bürgerliche Rechte gewesen. Ihre Systemfeindschaft galt jedoch nicht so prinzipiell, wie sie von linksaussen durch die Kommunisten formuliert wurde. Denn man hatte sich zögernd zwar, aber doch so weit dem Staat genähert, dass man während der mittleren Jahre die meist bürgerliche Reichsregierung mittrug und sich an einer Reihe von Länderregierungen - u. a. in Bayern, Sachsen, Thüringen, Württemberg, beiden Mecklenburg - beteiligte. Freilich war das in unterschiedlichem Grad geschehen: Die Deutsche Volkspartei, als Vertretung von Besitz und Bildung und mit starkem Einfluss der Schwerindustrie, war von dem zum Vernunftrepublikaner bekehrten Stresemann ab 1922123 und noch über seinen Tod 1929 hinaus ununterbrochen in der Reichsregierung gehalten worden. Dort arbeitete sie vorübergehend, in einigen Ländern wie Sachsen und Mecklenburg-Schwerin auch länger, selbst mit der SPD in einer Großen Koalition zusammen. (14)
So weit ging die Deutschnationale Volkspartei nicht. In dieser gegen die Revolution gegründeten, sozial heterogenen und daher politisch unruhigen Sammlungspartei besaßen Agrarier und Industrielle in protestantischen Gebieten eine wirkliche Massenbasis mit monarchischer, antidemokratischer, zum Teil scharf nationaler und auch völkischer Gesinnung. In der Reichstagswahl vom Dezember 1924 war die DNVP mit gut 20 Prozent- doppelt soviel wie 1919 - stärkste Partei geworden. Nach heftigen Spannungen zwischen konservativen und reaktionären Kräften hatte sie sich im Reich zu zeitweiser Tolerierung der Regierung, ab 1925 sogar zu vorübergehender Beteiligung an ihr durchgerungen. Das währte in mehreren Ländern wie Württemberg und Thüringen auch länger; in Sachsen saß man sogar zwei Jahre mit einem Altsozialisten (rechte Abspaltung von der SPD) am Kabinettstisch. Als die DNVP jedoch 1928 über ein Viertel ihrer Wähler verlor, setzten sich mit Hugenberg die unbelehrbaren Republikgegner mit ihrem Antiparlamentarismus und Antisozialismus durch. Aus einem Wahlaufruf im Sommer 1930:

"Eine Katastrophe von nie gesehenem Umfang steht bevor, wenn nicht durch Verlagerung des politischen Schwergewichts nach rechts die grundlegende Abkehr von falscher Außenpolitik und klarer Systemwechsel im Innern erreicht wird ... Die Deutschnationale Volkspartei ist als Kampfbund gegründet. Sie hat die historische Aufgabe, unter der Parole Rechts heran' klare Front gegen den Marxismus zu schaffen und dieser Frontrichtung Takt und Tempo zu ihrem politischen Vormarsch zu geben."(15)


Man traute Hugenberg mehrfach einen Staatsstreich zu. Das zu verhindern, war u. a.1931 ein Motiv Brünings für ein Koalitionsangebot an Hitler. Scharf attackierten die Deutschnationalen vor allem dies rot-schwarze" Regierung des Landes Preußens, für das sie in besonderem Maß eine traditionelle Führungsrolle beanspruchten. Doch der Ruck nach rechts hielt den Wählerstrom zur Hitler-Bewegung im alten und neuen Mittelstand wie im Bauerntum zwar nicht mehr auf, aber er führte zur Spaltung der Partei. Zum Kompromiss mit der Republik bereite Personen - Konservative alten Stils, Christlich-Soziale und Jung-Konservative, darunter prominente Abgeordnete - verließen 1929 und 1930 die Partei, als Hugenberg die Agitation gegen den Young-Plan anführte und im folgenden Jahr die Sicherung des Reichshaushalts hintertrieb. Die Dissidenten machten fast die Hälfte der Reichstagsfraktion aus. Manche zogen sich aus der Politik ganz zurück; andere schlossen sich kleinen Rechtsparteien an. Der im württembergischen Pietismus verankerte Christlich-Soziale Volksdienst, entschieden national und ebenso antikapitalistisch wie antisozialistisch, strebte vergeblich danach, einen politischen Protestantismus parallel zum Zentrum zu organisieren. Die Christlich-nationale Bauern- und Landvolkpartei suchte die bäuerlichen Interessen in Süd- und Mitteldeutschland von der Führung durch den ostelbischen Großgrundbesitz zu lösen.

Die neu gegründete Konservative Volkspartei schließlich vertrat einen kompromissfähigen Konservativismus und beteiligte sich an der Regierung Brüning. Aus ihrem Gründungsaufruf vom Juli 1930:

"Im Bewusstsein der Gefährdung von Staat und Wirtschaft sind wir entschlossen, in staatspolitischer Gemeinschaftsarbeit ... mit wesensverwandten Parteien und Gruppen in Stadt und Land zusammenzuarbeiten. Wir sind überzeugt, dass sich Parteien nicht nur zu bekämpfen, sondern im Blick auf das Ganze zu ergänzen haben (vgl. Dok. 3)."(16)

Doch den aus der DNVP ausgeschiedenen Mandatsträgern folgten weder Mittel (Organisation, Presse, Finanzen) noch Mitglieder in nennenswertem Umfang. So gingen sie in der wachsenden Schütterzone rechter Splitterparteien auf, die, von ihnen vorübergehend aufgewertet, lediglich 1930 einen gewissen Wahlerfolg hatten. Dann wurden sie auf kleinste Anteile reduziert.
Aber auch den Niedergang der derart bereinigten" Deutschnationalen hielten ihre straffe Führung und eine mächtige Presse nicht mehr auf. 1930 halbierte sich die Wählerzahl auf 7 Prozent, einen Kern, der dann bis 1933 hielt, während die NSDAP die ihre versiebenfachte. Die NSDAP in erster Linie beerbte den traditionsreichen preußisch-deutschen Konservativismus. Die vormals größte Oppositionspartei der Rechten, erstarkt als Feindin Weimars, dann vorübergehend auf halbem Weg zur Integration, vermochte sich auch durch erneut betonte Systemgegnerschaft nicht mehr zu halten, als ein radikalerer Konkurrent auftrat. Der Hugenberg-Kurs brachte die Obstruktionsposition nicht zum Erfolg, brach aber die für den Weimarer Staat hoffnungsvolle, eben angebahnte Entwicklung zu einer kooperationswilligen konservativen Volkspartei ab. Die Republik hätte ihrer als Vertretung des 1918/19 unterlegenen alten Deutschland dringend bedurft. Zuletzt konnten die Deutschnationalen - in einer auf Illusionen gegründeten Koalition - nur noch Hitler zur Macht verhelfen.(17)
Die bürgerliche Rechte befand sich an der Jahrzehntwende in einem Dilemma: Mit einer Annäherung an den Weimarer Staat fand sie bei den am Kaiserreich orientierten Schichten, denen ihre Klientel großenteils angehörte, nach wie vor wenig Resonanz. Aber sie konnte auch durch erklärte Gegnerschaft zur Republik viele, vor allem Jüngere, nicht mehr von der aggressiveren nationalsozialistischen Konkurrenz abhalten. Besonders spürte diese Zwangslage die DVP. Als jahrelang regierungsloyaler liberal-konservativer Partner, der vor allem für eine Außenpolitik stand, die dem nationalen Bürgertum erheblichen Gesinnungsverzicht zumutete, hatte sie deutlich Stimmen verloren. Nach Stresemanns Tod setzte sich in der Partei daher gegen die Vernunftrepublikaner, die 1925 sogar eine liberale Vereinigung mit der DDP versucht hatten, eine rechtsbürgerliche, dezidiert antisozialistische Richtung durch.' Offen rückte man vom Weimarer Staat wieder ab. Aus ihren Kampfzielen" vom April 1931:

"Wir kämpfen gegen das Zerrbild eines Zwangsstaates, der das freie Leben der nationalen Kräfte in Ketten schlägt. Wir fordern einen organisch gegliederten Staat ... Alles, was undeutsch und wesensfremd im Verfassungsleben ist, alles, was die Massenherrschaft an die Stelle der Herrschaft der Leistung setzt, muss beseitigt werden ... Wir bekämpfen einen übertriebenen Parlamentarismus ... wir verlangen, dass der Reichspräsident künftighin zugleich Oberhaupt des Landes Preußen wird. . .".(18)

Indem die DVP im Reich die Große Koalition preisgab und auch in Ländern kaum mehr eine Regierung mit der SPD akzeptierte, näherte sie sich der DNVP, wenn es auch nicht zur Fusion kam, auf welche die Industrie teilweise drängte. Wohl aber setzte man seit 1931 wie die DNVP auf eine Zähmung der Nationalsozialisten durch ihre Beteiligung an der Regierung, ging für die Reichstagswahl 1932 eine Listenverbindung mit den Deutschnationalen ein und unterstützte gleich ihr nun die Regierung Papen. Doch hielt dies den Niedergang der zwar finanzstarken, aber organisationsschwachen Honoratiorenpartei nicht auf. Als sich 1930 die DVP-Stimmen auf gut 4 Prozent, 1932 noch einmal auf unter 2 Prozent halbierten, war das Erbe der Nationalliberalen, dieser mächtigen Reichsgründungspartei, aufgezehrt. Von der Kampffront Schwarz-Weiß-Rot aus DNVP und Stahlhelm für die Märzwahl 1933 wurde die DVP bereits ignoriert.(19)
Dass Träger großer Traditionen marginal wurden wie die beiden liberalen Parteien oder zu einem Schatten ihrer selbst verkamen wie die DNVP, erscheint bemerkenswert. Kleinstparteien an sich waren hingegen - wie schon im Reichstag und, je nach Wahlrecht, in Landtagen des Kaiserreichs - eine gewöhnliche Erscheinung in den Parlamenten der Weimarer Republik. Dass sie Stimmen und Mandate banden, wirkte sich allerdings in einem auf stabile Mehrheiten angewiesenen parlamentarischen Regierungssystem stärker aus als in der konstitutionellen Monarchie. Krieg, Revolution und der Verlust ethnisch fremder Randgebiete des Reiches hatten das Parteienspektrum zunächst verengt und nur auf der Linken durch Abspaltungen von der Sozialdemokratie erweitert. Seit 1920 aber fraktionierten es Organisationen partikularer Interessen wieder zunehmend: Auf dem Höhepunkt der Zersplitterung 1930 gab es - außer BVP, DDP und DVP - immerhin 7 Parteien unter 5 Prozent der Stimmen mit 3 bis 23 Abgeordneten. Zum Teil repräsentierten sie klassische Sonderbelange wie die regionalistische Deutsch-Hannoversche Partei (Welfen) und der erwähnte, aus pietistischer Wurzel wachsende Christlich-soziale Volksdienst oder, wie die gemäßigte Konservative Volkspartei, eine abgedrängte politische Linie.
Andere Gruppierungen aber waren Ausdruck der akuten Probleme und Enttäuschungen vorindustrieller Wirtschaftsgruppen - schiere Standesorganisationen ohne weltanschauliches Profil und allgemeinpolitische Konzeption, die alles auf ihre speziell ökonomischen Interessen bezogen. Die aus dem Landbund kommende Christlich-nationale Bauern- und Landvolkpartei sowie der nun als Bauernpartei firmierende, schroff föderalistische Bayerische Bauernbund fanden in der einsetzenden Agrarkrise vermehrt Echo. Den meisten Zulauf aber erhielt die 1920 gegründete Reichspartei des deutschen Mittelstandes (Wirtschaftspartei), die ausschließlich Gruppenbelangen folgte, wenig republikloyal war und politisch widersprüchlich taktierte, konsequent nur in ihrem Antisozialismus. Sie artikulierte ein erbittertes Interessendenken, das durch Krieg, Inflation und Weltwirtschaftskrise sowie ganz allgemein durch die Zwänge der Modernisierung bei Handwerkern, Einzelhändlern und im Hausbesitz genährt wurde. Mit ihrer Mandatszahl kam sie im Reichstag 1928 der DDP nahe und übertraf sie 1930. Gewissen Erfolg, ja zum Teil eine Schlüsselstellung hatte sie seit Mitte der zwanziger bis Anfang der dreißiger Jahre vor allem in Kommunen und Ländern. Sie gehörte mehreren meist bürgerlichen Landesregierungen an (vgl. Dok. 4).(20)

Dass man die Wirtschaftspartei benötigte, war ein Symptom für die Ausweitung der Regierungskoalitionen, die der Verfall der bürgerlichen Parteien um 1930 - ähnlich wie 1928 im Reich - in einer Reihe von Ländern erzwang. In der frühen Republik hatten auf Länderebene meist die beiden Linksparteien SPD und USPD regiert - nach dem Ende letzterer in Sachsen und Thüringen 1922/23 bzw. 1923/24 SPD und KPD - oder eine Weimarer Koalition. In Preußen, Baden und Hessen bestand diese länger als ein Jahrzehnt; in Bayern führte bereits seit 1920 ebenso kontinuierlich die BVP, ergänzt zunächst durch DDP, dann durch DNVP und Bauernbund. Andernorts aber wechselte während der mittleren Jahre die Regierung, teilweise über eine Große Koalition, zu (rechts)bürgerlichen Bündnissen. Gerade deren Partner aber schrumpften; weitere mussten gewönnen werden. So bildeten in Württemberg 1928 Landvolk, DNVP, DVP und DDP die Regierung, in Thüringen 1930 Landvolk, DNVP, DVP, Wirtschaftspartei und NSDAP, in Mecklenburg-Strelitz 1931 DNVP, DVP, Staatspartei und Wirtschaftspartei. Oder nun wich wie 1930 in Sachsen - nach einer kurzlebigen Koalition aus DVP, DNVP, Wirtschaftspartei, Altsozialisten und Parteilosen - auf ein Kabinett von Fachministern unter einem DVP-Ministerpräsidenten aus. In beiden Varianten offenbarte sich die Zerfaserung der Parteien im bürgerlich-bäuerlichen Bereich: im Zwang zu bunten Koalitionen, labil und wenig leistungsfähig, wie in der Flucht in das vom politischen Volkswillen abgehobene Beamtenkabinett.
Weniger die Tatsache, dass die Länderkoalitionen zum Teil dem Kurs der beteiligten Parteien auf Reichsebene oder in anderen Ländern widersprachen, diskreditierte den Parlamentarismus, sondern die Erschwerung jeglicher über unabweisbare Notmaßnahmen hinausgehender, jeder gestaltenden Politik. Der Zweck parlamentarischer Regierung, gesellschaftliche Interessen und Herrschaft miteinander zu vermitteln, schien vollends verfehlt, als zwischen 1930 und 1932 in Bayern, Württemberg, Preußen und anderswo Regierungen nurmehr geschäftsführend amtierten; weil sie ihre parlamentarische Mehrheit verloren. Sie wurden - wie die Reichsregierung Brüning - toleriert von Parteikombinationen, die für eine Koalition zu heterogen waren. Diese verband, wie der 2. Wahlgang der Reichspräsidentenwahl zeigte, lediglich der Minimalkonsens, den Staat nicht den Feinden von rechts und links auszuliefern.(21) Alle Abwehr nach rechts war jedoch vergebens. Die Zwischenzone der liberalen, konservativen und Standesparteien wurde seit 1930 zusehends von den Nationalsozialisten aufgesogen.




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Linker Radikalismus: KPD und Roter Frontkämpferbund


Seit dem Zusammenbruch des Hitler-Putsches 1923 schien bis zum Ende der zwanziger Jahre der Bürgerkrieg von rechts gebannt. Die Sorge um politische Stabilität und öffentliche Ordnung konzentrierte sich auf die Kommunisten. Die KPD hatte sich mit der Spaltung der USPD 1920 rasch von einer Splitterpartei zur gewichtigen Fundamentalopposition aufgeschwungen, zur Massenpartei mit schlagkräftiger Organisation und Presse. Sie erreichte 1930 nach Wähleranteilen den dritten Platz hinter SPD und NSDAP. Zunächst hatte die Partei zwischen dem Radikalsozialismus Rosa Luxemburgs, einer Annäherung an die SPD im Sinne einer proletarischen "Einheitsfront" und der Ausrichtung auf Moskau geschwankt. Mitte der zwanziger Jahre setzte sich nach heftigen Flügelkämpfen und mehrfachem Führungswechsel eine scharfe Bolschewisierung durch. Die KPD war, als Thälmann 1928 mit russischem Druck seine Führung endgültig behauptete, von einer linksradikalen Arbeiterpartei mit innerer Demokratie zur zentralistischen, straff disziplinierten Filiale der Kommunistischen Internationale (Komintern) geworden: ein letztlich von Stalin gelenktes, totalitäres Instrument sowjetischer Interessen.


In den mittleren Jahren Weimars verfolgte die Partei, die nach einem letzten Aufstand in Hamburg Ende 1923 erschöpft war, von Säuberungen" geschwächt wurde und bei der allgemeinen Stabilisierung wenig Chancen sah, die Arbeiter zu mobilisieren, eine vorwiegend gewaltlose Taktik: organisatorische Stärkung, Schulung und Agitation, nicht zuletzt auf der Bühne des Parlaments. Dennoch beunruhigte sie Bürger und Bauern nach wie vor. Mit dem Schreckbild der Russischen Revolution und einem deutschen Umsturztrauma - Berliner Spartakistenputsch, Münchner Räterepublik, mitteldeutscher Aufstand 1921-wurden vielerlei Ängste in einen übersteigerten Antikommunismus projiziert. Aber auch für den Großteil der Sozialdemokratie war diese stark gewordene Abspaltung nicht nur eine mächtige Konkurrenz. Sie war ein Gegner aufgrund der Erfahrungen aus den blutigen Konflikten 1918/19, des Streites um die Haltung zur Komintern, der die USPD gespalten hatte, und der Stalinisierung, mit der die KPD die letzten demokratischen und nationalen Fäden zu Weimar zerriss. Dies galt um so mehr, seit die KP-Führung in der Weltwirtschaftskrise nach einem Komintern-Beschluß von 1928 für die angebrochene "allgemeine Krise des Kapitalismus" und "revolutionäre Situation" wieder einen verschärften Klassenkampf proklamierte. Zum Hauptfeind erklärte man dabei die Sozialdemokratie, die 1918 die Arbeiter verraten habe: sie sei die "Hauptstütze" des Kapitalismus und ein Wegbereiter des Faschismus. In dieser Konfrontation wurde auch die abgesplitterte Revolutionäre Gewerkschaftsorganisation (RGO) zur kommunistischen Gewerkschaft ausgebaut.

"Ohne im Kampf gegen die Sozialdemokratie zu siegen, können wir nicht den Faschismus schlagen"; "Verjagt die Sozialfaschisten aus den Funktionen in Betrieb und Gewerkschaften".(22)

Der Vorwurf des "Sozialfaschismus" ließ keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Hitler-Bewegung und Sozialdemokraten mehr gelten. Das musste diese in ihrem Weimarer Verfassungspatriotismus empören. So gab es von beiden Seiten erklärtermaßen keine "Einheitsfront". Allerdings versuchte die KPD mit dieser Parole mehrfach an der Basis sozialdemokratische Arbeiter von ihrer Parteilinie abzuziehen. Und im Rahmen lokaler oder betrieblicher Solidarität kam es tatsächlich bis ins Jahr 1933 zu manch gemeinsamen Vorgehen gegen Nationalsozialisten.
Da die KPD eine radikale Neuordnung versprach, hatte sie in der Arbeiterschaft mit ihren vielfach unerfüllten Erwartungen an die Republik erheblichen Erfolg, auch unter Facharbeitern. Jede Rezession nutzte ihr; die Weltwirtschaftskrise brachte ihr aus dem Heer der Arbeitslosen großen Zulauf. Diese Sogwirkung auf ihre eigene Anhängerschaft engte die Sozialdemokraten, wie erwähnt, seit 1929 politisch nachhaltig ein. Seit einem Jahrzehnt sahen sich diese nun von den Kommunisten bedrängt, zum Teil mit beiden Parteien gerneinsamen sozialistischen Zielen, die die SPD selbst nicht verwirklichen konnte, weil sie der Verfassungskompromiss mit dem Bürgertum band. Auch dies erklärt, neben der Sorge für Staatsschutz und öffentliche Sicherheit, die scharfe Abwehr kommunistischer Gewalt durch sozialdemokratische Politiker und Beamte, deren Vorgehen sich von der konservativen Reaktion nicht allzu sehr unterschied.
Drastisch zeigte das die blutige Maifeier 1929 in Berlin. Die inzwischen straff stalinistische, durch die Reichstagswahl 1928 gestärkte KPD hatte angesichts der wirtschaftlichen Verschlechterung, die ein harter Winter verschärfte, ihre Agitation auf dem "ultralinken Kurs" der Komintern radikalisiert. Zunehmend stießen militante Gruppen mit der Polizei zusammen, mit gleichfalls gewaltbereiten Nationalsozialisten, auch mit Reichsbanner-Leuten. Ein Hauptschauplatz war die Reichshauptstadt. Der sozialdemokratische Polizeipräsident Zörgiebel erließ deshalb ein generelles Demonstrationsverbot - wie übrigens in Bayern der BVP-Innenminister für das ganze Land. Er sah sich bald bestätigt, als der preußische Innenminister Grzesinski, gleichfalls SPD-Mitglied, der "Ausartung des politischen Kampfes" energisch entgegentrat und die Behörden anwies, bedenkliche Versammlungen und Umzüge vorbeugend zu unterbinden sowie Vereine aufzulösen. Der sozialdemokratische Reichsinnenminister Severing stellte sich ebenfalls hinter das Berliner Verbot. Davon waren auch die traditionsreichen Kundgebungen am 1. Mai - der noch kein Feiertag war - betroffen, große Aufmärsche der Arbeiterschaft, die 1928 noch einmal Freie Gewerkschaften, SPD und KPD vereint hatten. Die KPD rief dennoch zur Demonstration auf und drohte dem "Polizeiterror" der "Sozialfaschisten" mit dem Generalstreik. Die Berliner Arbeiter folgten dem Appell in großer Zahl. Deshalb gelang der Polizei keine rasche Auflösung der Umzüge, die von Verbänden des Roten Frontkämpferbundes gesichert wurden. Die Demonstration mündete, besonders im Wedding und in Neukölln, in aufstandsähnliche Straßenschlachten; es gab mindestens 19 Tote unter den Arbeitern und über 200 Verletzte auf beiden Seiten. Erst nach Tagen waren die Unruhen erstickt. Noch im Reichstag lösten sie einen heftigen Tumult aus, als die KPD die "Mordhetze" und "Blutschuld" der SPD anprangerte (vgl. Dok. 5).(23)
Der preußische Staat reagierte auf diese Herausforderung nach dem Republikschutz-Gesetz von 1922 mit einem vorübergehenden Verbot des KPD-Zentralorgans "Rote Fahne" und einem unbegrenzten Verbot des Roten Frontkämpferbundes. Auf Initiative des Reichsinnenministers von allen Ländern übernommen, galt letzteres reichsweit bis zum Ende Weimars. Allerdings bestand der Bund zum Teil illegal weiter oder gab Männer und Waffen an andere Gruppen wie den Kampfbund gegen den Faschismus. Zu Gewalttaten fanden daher Kommunisten bis 1933 ununterbrochen Mittel und Wege. In Preußen etwa führten die Behörden die
"Aktivität besonderer kommunistischer Trupps oder Gruppen, die auch vor Mordtaten nicht zurückschrecken", auf "ehemalige[n] Mitglieder des aufgelösten RFB und der Roten Jungfront, wahrscheinlich auch ... . des Kampfbundes gegen den Faschismus" zurück.(24)
Ein vom preußischen Innenminister erwogenes Verbot der KPD selbst schien jedoch zu prekär. Aber die KP-Führung rechnete seither damit und bereitete sich auf den Untergrund vor. Übrigens wurde ein von Baden, Württemberg und Hessen angeregtes paralleles Verbot rechtsradikaler Organisationen gleichfalls nicht erlassen. Der Berliner "Blutmai" endete zwar mit einer Niederlage der KPD. Doch wirkte diese Bündelung von Agitation, Streik und revolutionärer Demonstration mit der Perspektive von Massenstreik und bewaffnetem Aufstand weiter als Signal der Entschlossenheit, den Weimarer Staat mit seiner bröckelnden Autorität gewaltsam zu attackieren und zu zermürben, bis er zum Umsturz reif sei (vgl. Dok. 6).(25)




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Rechter Radikalismus: NSDAP und SA


Während der letzten Monate des Jahres 1929 trat auch der vielerorts fast vergessene Rechtsradikalismus wieder mit scharfer Propaganda, völkisch-nationalem Kult und steter Gewaltbereitschaft öffentlich auf. Jahrelang war die NSDAP - nach dem vorübergehenden Wahlerfolg der Völkischen 1924 im Nachklang des Krisenjahres 1923 - eine Splitterpartei gewesen; bei der Reichstagswahl 1928 errang sie nicht einmal 3 Prozent. Doch diese Schwäche täuschte eine auf die parlamentarische Repräsentation blickende Öffentlichkeit über die tatsächliche Energie der Hitler-Bewegung hinweg. Wenig beachtet, reorganisierte sich diese in den späten zwanziger Jahren, als sie für viele eher ein Gegenstand des Spottes war, ungewöhnlich rasch und effizient mit totalitären Zügen, auch in Norddeutschland. Daher konnte sie in überraschender Weise die Chance nutzen, während der Wirtschaftskrise den breiten Missmut über das herrschende "System" und vielfältigen Protest zu bündeln und für ihre Ziele zu nutzen.
Bei der Agitation der "vaterländischen Kräfte" gegen den Young-Plan trat die NSDAP öffentlich wie schon 1922/23, doch nun reichsweit und wesentlich wirksamer hervor. Auch wenn der von Hugenberg geführte Angriff auf die Republik scheiterte, nutzte er den Nationalsozialisten allemal. Sie erhielten erhebliche Gelder und gewannen ein großes Forum auf den Straßen und in Versammlungssälen, aber auch in Hugenbergs Presse. Zum anderen brachte den Nationalsozialisten im Dezember die Landtagswahl in Thüringen nach einer massiv betriebenen Wahlschlacht erstmals in einem Land eine parlamentarische Schlüsselstellung: Ohne sie gab es keine Mehrheit. Da die konservativen Parteien - Bauern- und Landvolk und die Wirtschaftspartei - noch nicht auf ein Minderheitskabinett auswichen, trat die NSDAP Anfang 1930 in die Regierung ein, wo sie - wenn auch nur für ein gutes Jahr - mit Frick einen der drei Minister stellte. Sogleich erprobte sie rücksichtslos eine nationalsozialistische Innen- und Kulturpolitik, vor allem die Ausrichtung von Polizei und Schule. Im Oktober dieses Jahres folgte eine Koalition mit der DNVP in Braunschweig. Die Bewegung der Putschisten von 1923 hatte somit an der Staatsmacht teil. Ihr doppelter Durchbruch im Schwellenjahr 1929 bestätigte ihre Doppelstrategie, sich im parlamentarischen Wettbewerb und in direkter Aktion zugleich durchzusetzen. Zu den legalen Mitteln politischen Machterwerbs sollte sich Hitler 1930 beim sog. Ulmer Reichswehrprozess vor dem Reichsgericht in Leipzig zwar feierlich bekennen; auch von anderen Nationalsozialisten wurden zahlreiche Legalitätsbekenntnisse abgelegt. Doch man suchte jede Gelegenheit provozierender Werbung und Drohung auf den Straßen, die oft genug in illegale Formen mündete.(26)
Es war ihre militante Präsenz, durch welche die Nationalsozialisten in den Städten und bald bis in die Dörfer auffielen und die bürgerlichen Parteien überspielten. Gegenwärtig waren sie - wie die Kommunisten bis zum Verbot des Roten Frontkämpferbundes - in erster Linie durch die großen Aufmärsche und kleinen Umzüge ihrer Parteiarmee. Theodor Heuss erinnert sich:

"Jetzt aber gab es Gruppen, die im gleichen Schritt und Tritt' und in Kolonnen durch die Straßen marschierten; man erfuhr aus der Zeitung, die, `Braunen', das seien SA, gleich ,Sturmabteilungen', die Schwarzen, die SS, gleich ,Schutzstaffel'. Wo es eigentlich zu `stürmen' gab, was oder wann es zu `schützen' galt, mochte unsicher sein; aber es verdeutlichte sich bald: geschulte Brachialgewalt für die Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner, Leibwache für den, für die Führer."(27)



Die SA war nach dem Ersten Weltkrieg aus antirevolutionären Wehrverbänden in Bayern hervorgegangen, gefördert von bayerischen Reichswehrstellen. Nach dem missglückten Hitlerputsch 1923 verboten und fast zerstreut, wurde sie mit der 1925 wiederbegründeten NSDAP neu aufgebaut als eine eng an die Partei gebundene Kampftruppe. Als die Hitler-Bewegung durch erdrutschartige Wahlerfolge seit 1930 zu starken Fraktionen in Reichstag und Landtagen kam und damit parlamentarische Kampfmittel aufgewertet wurden, als überhaupt die Züge, die ihr einen Parteicharakter gaben, sich sichtlich verstärkten, wuchsen die Spannungen zur aktionistischen SA, die den Bewegungscharakter verkörperte. Sie wollte sich nicht auf die Regeln des Weimarer Systems einlassen, auch nicht taktisch. Hitler setzte sich durch. Er übernahm selbst die Oberste SA-Führung und stützte sich politisch ebenso auf parlamentarischen Druck wie auf das unverhüllte Gewaltpotential der Parteiarmee. Doch deren innerer Rollenwiderspruch zwischen dem Propaganda- und Terrorinstrument der Partei und einem revolutionären Militär, wie es der SA-Stabschef Röhm anstrebte, war nur überdeckt: Dieser Konflikt sollte 1934, nachdem sich die NSDAP in den Besitz des Staates gesetzt und dessen Grundgefüge einschließlich Militär übernommen hatte, so scharf ausbrechen, dass Hitler die. Führung der SA liquidierte und ihren Einfluss drastisch beschnitt. In den letzten Weimarer Jahren aber war sie, an Zahl - bereits Anfang 1932 etwa 220 000 Angehörige - die bewaffnete Macht der Republik, die Reichswehr, weit überrundend, für Hitler ein eminentes politisches Druckmittel. Sie provozierte zwar das Gewaltmonopol des Staates bis zu ihrem zeitweiligen Verbot und empörte nicht wenige, da sie den inneren Frieden massiv bedrohte. Aber sie beeindruckte auch rasch wachsende Kreise einer verunsicherten Gesellschaft als dynamische Kraft der erhofften politischen Erneuerung. Dem diente nicht zuletzt ihr rabiates Sündenbock-Bild der Juden. Aus einem Tagesüberblick vom 13. September 1931:

"Am jüdischen Neujahrstag kam es in Berlin am Kurfürstendamm zu größeren Ausschreitungen durch Nationalsozialisten, die jüdisch aussehende Passanten überfielen, ein Kaffeehaus demolierten ... Nach 1 1/2 Stunden war die Polizei Herr der Lage."(28)

Viele derer, die an den Weimarer Staat gewohnt waren und ihn grundsätzlich bejahten, wurden so eingeschüchtert, dass sie ihn nicht mehr zu verteidigen wagten.



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Die Kolonnen der "nationalen Opposition": Stahlhelm und "Harzburger Front"


Die Straßendemonstration politischer Überzeugung und Stärke - formiert und uniformiert - beschränkte sich freilich nicht auf die Extremisten rechts und links. Sie hatten bereits ein Vorbild im ältesten politischen Wehrverband, dem noch Ende 1918 gegründeten Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten. Auch er kam aus der bewegten Szene der Freikorps, Einwohnerwehren und Zeitfreiwilligenverbände, die im öffentlichen Raum wie im politischen Hintergrund der Nachkriegsjahre mit aus dem Krieg bewahrten Waffen und Einstellungen erhebliche Wirkung geübt hatten. Doch waren diese Verbände großenteils schon zwischen 1920 und 1923 wieder auf' gelöst worden. Der Stahlhelm dagegen hatte sich über die vorübergehende Mobilisierung von Bürgern und Bauern hinaus gehalten und war zur mächtigen paramilitärischen Organisation des nationalen Lagers geworden. Mitte der zwanziger Jahre umfasste er schätzungsweise etwa 400 000 Mitglieder; zu den jährlichen Frontsoldatentreffen kamen 100 000 und mehr. Seine Formationen gaben vaterländischen Gedenkfeiern, etwa am Reichsgründungstag, Kundgebungen der Rechten wie den "Deutschen Tagen" und Auftritten ehemaliger Fürsten oder Heerführer einen "feldgrauen" Rahmen, der die Macht des Kaiserreichs beschwor. Wo er öffentlich aufzog, verlängerte" der Stahlhelm oft die Front der Reichswehr, mit der er regen Kontakt hielt.
Bestimmt von der Ablehnung des "Versailler Diktats" und der als soziale Deklassierung beklagten Lage der Frontsoldaten, akzeptierte er den Weimarer Staat nicht. Er folgte einem von "soldatischen" Intellektuellen wie Ernst Jünger propagierten "neuen Nationalismus", welcher wilhelminisches Nationalbewusstsein durch "Frontsozialismus" und Antikapitalismus anreicherte. In diesem Sinn forderte er einen autoritären und egalitären Staat, zumindest eine Stärkung des Reichspräsidenten auf Kosten des Parlaments. Seitdem der Bund im Zug des Republikschutzes 1922/23 vorübergehend in weiten Teilen des Reiches verboten worden war, verhielt er sich legal. Offiziell überparteilich, war er tatsächlich der DNVP eng verbunden, nachdem er sich von der DVP seit Stresemanns Hinwendung zur Republik und "Erfüllungspolitik" distanziert hatte. Gestützt auf das nationale Bürgertum, das ihn als Bürgen eines antirevolutionären Deutschland sah, gewann er politisches Gewicht - nicht zuletzt dadurch, dass sein Ehrenvorsitzender Hindenburg mehrfach - u.a. gegen die preußische Regierung für ihn intervenierte und dafür öffentliche Kritik erntete. Mit Kundgebungen, der Einleitung von Plebisziten und steter Einwirkung auf den Reichspräsidenten agierte er neben der DNVP als Motor der "nationalen Opposition". Aus der. "Berliner Stahlhelmbotschaft" von 1927:

"Der Stahlhelm sagt den Kampf an jeder Weichlichkeit und Feigheit, die das Ehrbewusstsein des deutschen Volkes durch Verzicht auf Wehrrecht und Wehrwillen schwächen und zerstören wollen ... erklärt, dass er den durch das Versailler Friedensdiktat . . . geschaffenen Zustand nicht anerkennt ... fordert die Wiederanerkennung der Farben schwarz-weiß-rot. Unter dieser Flagge hat das Deutsche Reich die Zeit seiner höchsten Ehre erlebt ... widersetzt sich dem Gedanken des Klassenkampfes ... fordert Maßnahmen gegen die seit der Revolution gesteigerte Überfremdung unseres politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens. . .".(29)

Der Stahlhelm gehörte zu den Stützen der Regierung Papen und stellte schließlich mit Seldte, einem seiner beiden Vorsitzenden, einen Minister im Kabinett Hitler - einen schwachen freilich, der die Auflösung des Bundes 1935 nicht verhindern konnte (vgl. Dok. 7).(30)
Darin bestätigte sich noch nachträglich, dass das gesamte deutschnationale Lager seit 1930 in die Defensive geraten war. Das Problem, mit den Nationalsozialisten wichtige Ziele zu teilen, aber von der radikaleren SA überholt zu werden, erwies sich nicht nur in der Konkurrenz zwischen den beiden Wehrverbänden. Es wirkte sich auch intern aus, weil die NSDAP zunehmend Stahlhelm-Mitglieder anzog. Die rapide Expansion der Hitler-Bewegung traf den Bund um so mehr, als er zusammen mit der DNVP ihr Wegbereiter gewesen war. Er hatte nicht wenig dazu beigetragen, die Außenseiter mit dem Pöbelgeruch und einem Phantasten, einer gescheiterten Existenz als "Führer" in der nationalen Öffentlichkeit salonfähig zu machen. Doch schon bei der Agitation gegen den Young-Plan überrundeten die Nationalsozialisten die nationalkonservativen Kräfte, denen sie zunächst als Hilfstruppe galten.
Das Treffen in Bad Harzburg am 11. Oktober 1931 zeigte, wie weit die Wehrverbände schon in den Parteienstaat eingedrungen waren, wie sich parlamentarisches und paramilitärisches Handeln verschränkten. In diesem Jahr hatten bürgerliche Rechte und Nationalsozialisten bereits bei einem Volksbegehren gegen den preußischen Landtag und bei der Obstruktion im Reichstag zusammengespielt. Nun wollten Hugenberg und die Stahlhelm-Führung, denen sich der Alldeutsche Verband, die Vereinigten Vaterländischen Verbände, der Reichslandbund und eine Reihe Prominenter aus Adel, Militär und Politik anschlossen, zusammen mit der Hitler-Bewegung die Einigkeit der "nationalen Opposition" demonstrieren. Unter starker öffentlicher Aufmerksamkeit traf man sich im Land Braunschweig, wo DNVP und NSDAP zusammen regierten, zu einer gewaltigen Massenkundgebung mit Reden, einer "Entschließung der Nationalen Front" und dem Aufzug von Stahlhelm und SA. Man forderte die Regierungsgewalt im Reich und in Preußen - für einen starken Staat gegen die Bedrohung durch Bolschewismus und wirtschaftlichen Ruin. Hugenberg proklamierte

"ein neues, wahreres und jüngeres Deutschland... Die bisherigen Machthaber hinterlassen Berge von Sünden und Scherben ... Alles wartet nur auf die Parole zu den ersten Hammerschlägen des Neubaus." (31)...

Aufsehen erregte der frühere Reichsbankpräsident Schacht, ein international renommierter Finanzexperte, als er dem Weimarer Staat an gleicher Stelle ökonomischen, politischen und moralischen Bankrott vorwarf.
Doch die spektakuläre Abrechung wurde zum Fehlschlag. Weder fand sich ein Weg zum Sturz Brünings noch ein gemeinsamer Kandidat für die Reichspräsidentenwahl im folgenden Frühjahr. Die "Front" war von Anfang ein Trugbild. Rivalitäten brachen auf, die politisch wichtigen Männer der Industrie fehlten und Hitler zeigte ostentativ, dass er sich der bürgerlichen Opposition nicht einzuordnen gewillt war, sondern sie lediglich für seine Legalitätspose benutzte. Er brüskierte ihre Führer, indem er zu spät kam, eine gemeinsame Besprechung mied und die Tribüne vorzeitig verließ, nachdem er den Vorbeimarsch seiner SA abgenommen hatte.(32) Brüning erinnert sich: Auch

"im Reichstage selbst wurde die Harzburger Front in eine Defensivstellung hineinmanövriert.. . Die Regierung konnte die Tagung der Harzburger Front daher im allgemeinen ignorieren."(33)

Hitler ließ als eigenständige Machtdemonstration eine Woche später einen ganzen Tag lang über 70 000 SA-Männer durch Braunschweig marschieren. Anders als in Harzburg kam es dabei, als Kolonnen in Arbeiterquartiere eindrangen, zu blutigen Zusammenstößen. Der Vergleich beider Ereignisse zeigt Gemeinsames und Unterschiede. In dem vielfältigen Druck, der von rechts auf den Staatsorganen lastete, vereinten sich neben der Institutions- und Meinungsmacht von Wirtschaft, Militär und Presse zunehmend formierte Massen traditionaler wie revolutionärer Richtung. So sehr diese gleichermaßen Gegner der herrschenden Ordnung waren, unterschied sich doch ihre Gewaltbereitschaft erheblich.




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Republikwehr: das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold


In der Frühzeit Weimars hatte für die Vielzahl bewaffneter Gruppen neben dem Angriff auf Einrichtungen und Personen, in denen man Gegner sah, der Selbstschutz eine Hauptrolle gespielt. Auch in den politischen Wehrverbänden der späteren Jahre und bis in die Parteien hinein war dieses Motiv wirksam: Man fühlte sich als Verteidiger "heiliger" Werte und Güter, inmitten einer feindlichen Umwelt zwangsläufig auch mit Gewalt. In diesem Sinn rief etwa die DNVP im Herbst 1931 angesichts des steigenden Terrors, den sie vor allem von links sah, mit Blick auf den Stahlhelm zum bürgerlichen Selbstschutz auf. Denn der Weimarer Staat habe in der Sicherung von Ordnung, Eigentum und Leben versagt.
Der allgegenwärtige Selbstschutzgedanke hatte auch zu einer eben diesem Staat gewidmeten Organisation, zu einer republikanischen Schutztruppe geführt. Als Kampfverband der Weimarer Koalition und Bekenntnisbund für die Republik, überparteilich und defensiv, gewann das 1924 gegründete Reichsbanner Schwarz- Rot-Gold etwa 3 Millionen Mitglieder. Der tatsächliche Zustand entsprach allerdings nicht diesem imposanten Bild. Eine parteiübergreifende Einheit war das Reichsbanner nur sehr bedingt. Zu etwa 80 Prozent bestand es aus Sozialdemokraten; die Partner, vor allem das Zentrum, zogen sich im Zuge der verstärkten Selbstbehauptung der Parteien in den späten Jahren Weimars ziemlich zurück. Die innere Geschlossenheit litt daran, dass die dominierenden SPD-Politiker doch auf die beiden anderen Parteien Rücksicht nehmen mussten, aber auch mit den unterschiedlichen Haltungen zur Gewalt als Mittel der Politik in der eigenen Partei zu rechnen hatten. Nur eine Minderheit war den anderen Wehrverbänden vergleichbar geschult und bewaffnet. Auch der militärisch gegliederte Kern, die Schufo (Schutzformationen) mit ihrem Personalstand zwischen 160 000 und 400 000 Mann erreichte die Kampfmittel und Gewaltbereitschaft konkurrierender Wehrverbände in der Regel nicht (vgl. Dok. 8).


Das Reichsbanner hat dennoch bemerkenswert gewirkt. Zunächst vor allem durch Propaganda, sodann seit der Septemberwahl 1930, als der Durchbruch der Hitler-Bewegung die Republikverteidigung aufrüttelte, auch in aktiver Abwehr. Durch Massenkundgebungen für den Weimarer Staat, u. a. am Verfassungstag, und gegen dessen Feinde konnte das Reichsbanner vor allem in den unteren Schichten Republikloyalität vermitteln. Und es hat die gegenseitige Entfremdung der "Weimarer" Parteien verzögert; damit nützte es zumal der von ihnen getragenen preußischen Regierung, der es durch enge Verbindungen zu Polizei und Verwaltung generell eine Stütze war. Schließlich haben die Schufo gegen den Terror der Radikalen durchaus demokratische Wehrhaftigkeit demonstriert, sich dabei allerdings teilweise der Härte der Gegner angepasst und eigene Aggressivität entfaltet. Im schlesischen Brieg z. B. verurteilte ein Sondergericht Reichsbannerfunktionäre wegen eines Überfalls auf Nationalsozialisten, der 2 Tote und 20 Schwerverletzte kostete, zu mehrjährigen Zuchthausstrafen.
Das Reichsbanner agierte zuletzt im Rahmen der Eisernen Front, einem Ende 1931 proklamierten Zusammenschluss mit SPD, Freien Gewerkschaften und Arbeitersportlern zur "Überwindung der faschistischen Gefahr". Den Wall von Menschenleibern" stellten hauptsächlich Reichsbannerleute. Dass diese Organisation nun offen sozialdemokratisch ausgerichtet war (nur die Staatspartei leistete einen kleinen bürgerlichen Beitrag), ließ sie geschlossener, aber auch noch abhängiger
von der SPD handeln. Im Januar 1933 wurde das offenkundig. Obwohl es in ihren n Reihen nicht wenig Kampfwillen gab, nahm die Eiserne Front, so wie ein halbes ' Jahr vorher schon Papens Staatstreich in Preußen, auch den Übergang der Reichsregierung an Hitler widerstandslos hin. Der SPD-Vorstand, dem an sich eine Parteiarmee ungewohnt war und der ihrem Eigenleben leicht misstraute, hielt die Reichsbanner-Männer auf seinem legalistischen Kurs. Diesen Kurs legten Verfassungstreue, eine Unterschätzung des totalitären Charakters des Nationalsozialismus, aber auch ein wohl realistisches Bild der Kräfteverhältnisse nahe. Der republikanische Selbstschutz aus sozialdemokratischem Milieu konnte eine politische Ordnung nicht mehr stützen, als deren verfassungsmäßige Träger entweder gelähmt waren oder willens, den plebiszitär hochgeschwemmten Verfassungsfeind einzulassen. Noch viel weniger vermochten dies kleine Wehrverbände der späten Weimarer Zeit wie die vom Zentrum gegründete Volksfront oder die Bayernwacht der BVP, die mit etwa 30 000 Mitgliedern im katholisch-föderalen Milieu Bayerns den Nationalsozialisten durchaus Widerpart geboten hatte.(35)



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Das Szenarium politischer Gewalt


In aggressiver Weise waren seit Ende der zwanziger Jahre die Kampfverbände der Parteien zu politischen Akteuren geworden. Großkundgebungen, denen sie ein drohendes Bild gaben, Aufmärsche und Kampfappelle, die in Straßenschlachten endeten, Parteiversammlungen, die in Saalschlachten mündeten, brachten dem Bürger immer häufiger eine militante, oft genug brachiale Form politischer Agitation und Konfrontation vor Augen.

"Beinahe täglich werden ein oder mehrere blutige Zusammenstöße und Überfälle gegnerischer politischer Gruppen gemeldet. Zu einem größeren Zusammenstoß kam es ... zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten in Berlin. Auf beiden Seiten waren je 200 Parteigänger bei den Kampfgruppen. Es gab zwei Tote und sieben Verletzte."(36)

Zumal an den Wochenenden wurden die Städte zur dröhnenden Arena verfeindeter Kolonnen. In wuchtiger Marschformation oder lärmend mobil auf Lastwagen nahmen sie Besitz vom öffentlichen Raum. Sie erschienen als geschlossene Masse auch durch ihre einheitlichen Mützen, Hemden, Jacken, Riemen, durch- ihre Symbole - Hakenkreuz, Hammer und Sichel, die drei Pfeile der Eisernen Front - auf Fahnen und Armbinden, durch die je eigenen Formeln - Heil Hitler, Heil Moskau, Für die deutsche Republik - und Rituale, durch herausfordernd gesungene Lieder- die Internationale, das Horst-Wessel-Lied, die Arbeiter-Marseillaise. Häufig zog eine Musik voran; Militärkapellen und die Schalmeienzüge der Kommunisten gaben dafür das Vorbild. All diese sehr sichtbaren und hörbaren Zeichen, in denen sich eine Weltanschauung zu emotionalen Bekenntnischiffren verdichtete, dienten nicht nur der Demonstration, sondern auch der inneren Geschlossenheit. Welch politische und sozialpsychologische Bedeutung solchen Symbolen im Weimarer Spannungsfeld zukam, zeigt der Flaggenstreit, der bekanntlich die Nation bis in die offizielle Selbstdarstellung des Reiches hinein zerrissen hat; eine Regierung, das Kabinett Luther 1926, ist über ihn gestürzt. Das Widerspiel der Fahnen erregte auch die politischen Kampfverbände, wenn das Schwarz-Weiß-Rot des Stahlhelms gegen das Schwarz-Rot-Gold des Reichsbanners, die "Junkerfahne" des Kaiserreichs gegen den "Schmachfetzen" der "Versailler Republik" stand oder das revolutionäre Rot der Kommunisten gegen die rot-weiß-schwarze Hakenkreuz-Fahne der Hitler-Leute. Die unter diesen Identitätszeichen Umgekommenen wurden zu Märtyrern, mancher, wie Horst Wessel (auch wenn sein Tod ins Halbweltmilieu spielte), stieg postum zum Idol auf (vgl. Dok. 9).
Die Demonstration ging leicht in Provokation über. SA zog in die Arbeiterviertel, kommunistische Hochburgen, um die seit 1918 von den "Roten" beherrschte Straße zu besetzen, wo man sie bereits kampfbereit empfing. Der Rote Frontkämpferbund bzw. seine Nachfolgegruppen machten SA-Umzügen durch prompt angesetzte eigene Demonstrationen den Weg streitig oder störten Stahlhelm-Aufmärsche. Und beide drangen in Kundgebungen der Eisernen Front ein. Bewaffnete Kommunisten überfielen SA-Sturmlokale, braune Scharen die Sturmlokale der KPD. Zum Teil forderte man einen Dauerkampf heraus, indem man solche Stützpunkte neben die des Gegners setzte. Selbst Begräbnisse waren vor Zwischenfällen nicht sicher, Kommunisten attackierten z. B. Horst Wessels Trauerzug.
Dabei nahmen geplante Angriffe gegenüber spontaner Zusammenrottung zu. Wo immer der Radikalismus von rechts und links genügend Anhang hatte und den Kampfgruppen Rückhalt bot, wichen beide Seiten bald keinem Zusammenstoß mehr aus. Das verselbständigte sich nicht selten gegenüber der politischen Ebene; die KP-Führung etwa untersagte den individuellen Terror ob seiner hohen Verluste, doch mit wenig Erfolg. Es entwickelte sich eine regelrechte "Subkultur der politischen Gewalt". Vor allem in Berlin grassierte der Terror. Hier war die KPD stark: 1930 hatte sie in der Hälfte der 20 Reichstagswahlkreise die Mehrheit. Auf der anderen Seite suchte Goebbels, NSDAP-Gauleiter seit 1926, mit allen Mitteln die "Herrschaft der Kommune", wie sein Hetzblatt "Der Angriff" schrieb, zu brechen. Beide, SA und Rotfront, fühlten sich durch die vom Reichsbanner unterstützte sozialdemokratische Polizeiführung gereizt. Und der Stahlhelm mit seinem Rückhalt in Beamten- und Reichswehrkreisen erregte die Arbeiter kommunistischer wie sozialdemokratischer Richtung. Vielerorts wurde die kommunale Polizei der Ausschreitungen nicht mehr Herr, die militärisch organisierte Schutzpolizei musste eingreifen. Dies ließ aber nicht selten die Gewaltsamkeit noch mehr eskalieren, und es kam vor, dass sich die Kontrahenten gemeinsam gegen die Polizei wandten. Insgesamt griff man jedoch die Staatsmacht weniger direkt an als dass man sie, wenn ihre Kräfte zu schwach oder ungeschickt waren, lächerlich zu machen suchte. (37)


In erster Linie richtete sich die Gewalt gegen den weltanschaulich-politischen Feind. In ihm wollte man zugleich das herrschende System" treffen, für das er stellvertretend stand. Kommunisten wie Nationalsozialisten sahen im Reichsbanner einen Ausdruck des Weimarer "Verrats" am Volk und sozialdemokratischen "Bonzentums" in Preußen. Jene griffen den Stahlhelm als ein Organ und die faschistische SA als eine Hilfstruppe der "Bourgeoisie" an, die in Deutschland herrsche. Die Hitler-Leute ihrerseits attackierten die Kommunisten als bolschewistische Vorhut, von Juden gelenkt und mit den Sozialdemokraten in Wahrheit marxistisch-traut vereint. Bei den Radikalen beider Seiten hatte der gegnerische Kampfbund seinen Platz im kruden Bild einer weltumspannenden Macht des jeweils Bösen. Schlug man ihn, traf man zugleich die Agenten globalen Unheils im eigenen Land. Um dieses Unheil vom deutschen Volk abzuwehren, gelte es den Staat zu erobern. In den kommunistischen Reihen war man offen, bei der SA noch - höchstens halb verdeckt zum Umsturz bereit. Manches lokale Aufbegehren nahm ihn schon vorweg:

"In Mörfelden in Hessen kam es zu schweren Ausschreitungen. Der kommunistische Bürgermeister ... hatte sich geweigert, eine neu eingeführte Getränkesteuer auszuschreiben. Ein für ihn bestellter Vertreter weigerte sich, den Eid auf die Verfassung zu leisten. Die von der übergeordneten Behörde bestellten Gemeindeverwalter wurden von der Menge angegriffen, die herbeigeeilte Polizei musste von der Schusswaffe Gebrauch machen."(38)

Denen, die in Propagandatrupps für die eine oder die andere Heilslehre ausschwärmten, die das Feindbild mit Fausten, Messern und Schlagringen, mit Revolvern und Handgranaten traktierten und für Anschläge Sprengstoff stahlen,(39) war diese Haltung oft in einfachsten Schlagworten eingeübt worden.

Den Parteiarmeen gehörten durchaus nicht nur Männer an, die ihren politischen Glauben unter allen Umständen verfechten wollten. Zu einem Gutteil kam der Zulauf zu SA und kommunistischen Gruppen aus der Massenarbeitslosigkeit der Weltwirtschaftskrise, von der die junge Generation überdurchschnittlich betroffen war. Zahllose Jugendliche und junge Männer fanden hier wie dort einen Mindestunterhalt und eine starke Bindung. Geboten wurde ihnen warmes Essen und Unterkunft, soziale Integration sowie mentaler Halt durch Disziplin, ein simples Weltbild mit klarem Freund-Feind-Schema und die Hoffnung auf Belohnung nach der - nationalen oder proletarischen - Revolution. Daher lag das Durchschnittsalter bei den radikalen Kampfbünden deutlich niedriger als im Reichsbanner und im Stahlhelm. In diesen beiden standen vorwiegend Weltkriegsteilnehmer, in der Regel eher besonnene Männer. Von den SA-Mitgliedern waren dagegen 1933 zwei Drittel nicht mehr im Feld gewesen, unter den in Berlin Verhafteten z. B. zählten die meisten noch keine 20 Jahre. Für die Kommunisten galt ähnliches. Es fehlte die zweischneidige Erfahrung der Frontgeneration mit der Macht und dem Schrecken der Gewalt auf dem Schlachtfeld und in den Konflikten der Revolution. Man war durch das jugendliche Alter leichter zu mobilisieren, ja zu fanatisieren und durch eine Kindheit im Krieg, eine Jugend im halben Bürgerkrieg an Gewalttätigkeit und Autoritätszerfall gewöhnt. So neigte man zu einer radikalen Haltung - doch vornehmlich, um mit der Welt der (klein)bürgerlichen oder sozialdemokratischen Väter zu brechen, die zuhause, im gesellschaftlichen Umgang und eben auch in der Politik als erstarrt, fruchtlos, ohne Zukunft erschien. Im Terror der Parteisoldaten äußerte sich nicht zuletzt die Revolte einer Generation, die zur Gewalt ungewöhnlich bereit war und in den Kampfbünden dafür nicht nur Gelegenheit fand, sondern auch Belohnung. Natürlich förderte das gewalttätige, aus jeder gewöhnlichen Ordnung ausgegrenzte Milieu in den Sturmlokalen aller Couleur auch blanke Schlägerlust und kriminelle Energie. Vor allem in den Großstädten berührte sich der politische Kampf nicht selten mit der Unterwelt.(40)
Insgesamt nahm die Gewalt, zeitlich wie im Ausmaß, einen dramatischen Verlauf: Binnen dreier Jahre eskalierte sie bis an die Schwelle des offenen Bürgerkriegs. 1929 flammte sie hauptsächlich von kommunistischer Seite auf - mit dem Fanal des Berliner "Blutmai". Sie nahm wesentlich zu, als eine Offensive der Nationalsozialisten nach ihrem großen Reichstagswahlsieg im September 1930 auf die unverminderte Aktivität der Kommunisten traf und beides das Reichsbanner herausforderte. Im Sommer 1931 kam es bereits zum bürgerkriegsähnlichen Flächenbrand; in diesem Jahr zählte man allein in Preußen rund 300 Todesopfer, meist SA-Leute und Kommunisten, aber auch Männer des Reichsbanners und der Polizei sowie Unbeteiligte. In solch überhitzter Atmosphäre fand schließlich 1932 eine nahezu ununterbrochene Folge von Wahlkämpfen statt: die Reichspräsidentenwahl mit zwei Wahlgängen, zwei Reichstagswahlen, Landtagswahlen in den meisten Teilen des Reiches, darunter in Preußen, Bayern und Württemberg am selben Tag, sowie eine Vielzahl von Kommunalwahlen. Da die Hitler-Bewegung wie eine Springflut wuchs, galten zumindest die Wahlen im Reich und in Preußen allseits als Entscheidung über Deutschlands' Schicksal. Wahlkämpfe waren zum Anlass für den Aufmarsch der Parteiarmeen entartet. Als die Regierung Papen das Brüningsche SA-Verbot vom April 1932, das merklich gedämpft hatte, als Konzession an Hitler bereits im Juni wieder aufhob,, ging eine Welle der Gewalt über das Land.

"Terrorakte rechts- und linksradikaler Personen haben sich zum Teil unter Verwendung von Bomben und Handgranaten auch Samstag und Sonntag in vielen Orten des Reiches zugetragen."(41)

Auf dem Höhepunkt, im Juli 1932, kamen innerhalb eines Monats bei Zusammenstößen in Preußen 86 Menschen um, über 1100 wurden verletzt. Deutschland glich vor der Reichstagswahl am 31. Juli einem Heerlager, zwischen dessen Armeen es bereits zu heftigen Vorhutgefechten kam. Barrikaden wurden errichtet; selbst Reichswehr musste eingesetzt werden. "Eine Tag für Tag und Sonntag für Sonntag fortlaufende Bartholomäusnacht". Von vielen Seiten wurde die Reichsregierung an ihre Verantwortung für den inneren Frieden erinnert; u.a. forderte die Fuldaer Bischofskonferenz, die Repräsentanz der katholischen Kirche, "endlich durchgreifende Maßnahmen". Die Regierung Papen handelte zwar, aber, unzulänglich.(42)

Am schlimmsten war der "Altonaer Blutsonntag" am 17. Juli. Ein nationalsozialistischer Massenaufmarsch mit mindestens 7000 Teilnehmern löste, als er die Arbeiterviertel erreichte, eine bewaffnete Abwehr der Kommunisten aus. Nur mühsam wurde sie von der Polizei niedergeschlagen. Diese hatte zwar kommunistischem Druck, die Demonstration zu verbieten, nicht nachgegeben; aber sie war taktisch zu schwach geblieben, um die Kontrolle über das Aufmarschterrain zu behalten. Immer häufiger geriet die Polizei, wenn sie nicht zu massiv drohen wollte, zwischen die Fronten; regelmäßig prangerte dann die Presse beider Seiten einhellig sie der Hilfe für den Gegner an. Als in Altona wieder. Ruhe und Ordnung herrschte, waren 18 Menschen tot, darunter Anwohner und Passanten, und eine große Zahl verletzt. Wenige Wochen später beleuchtete der Mord von Potempa in Oberschlesien grell, wie Gewaltverbrechen aus Parteifanatismus für politische Agitation und Integration instrumentalisiert wurden. Im Zug einer großflächigen Terrorkampagne überfielen fünf SA-Männer zwei polnische Landarbeiter, die der KPD, nahestanden; einen ermordeten sie bestialisch vor den Augen seiner Mutter. Zum Tode verurteilt, wurden die Täter bis in deutschnationale Kreise hinein zu Märtyrern, mit denen sich Hitler demonstrativ solidarisierte. Die von Papen in Preußen eingesetzte Kommissariatsregierung wandelte das Urteil in Zuchthaus um (vgl. Dok.10). (43)
Scharf enthüllte dieser krasse Fall, der auch eine abgestumpfte Öffentlichkeit erregte, die politische Funktion offener Gewalt: die Lager innerlich zu festigen und nach außen abzugrenzen. Sie schweißte alle Gesinnungsgenossen als mittelbare Täter, verfolgt von einer feindlichen Staatsautorität, zusammen und sie trennte vom Gegner durch immer neu genährten Hass, der Rache suchte.


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Die Gemeinsamkeit der Extreme


Und doch trafen sich die Extreme von rechts und links, indem sie gleichermaßen Staatsautorität und Sicherheit gewalttätig störten Nicht die ideologische Begründung, wohl aber die Formen, persönlichen Motive und Folgen stimmten weithin überein; totalitäre politische Gewalt an sich war im Grundmuster überall gleich. Deshalb konnte es eine erhebliche Fluktuation zwischen den Fronten, zwischen SA und kommunistischen Formationen geben. Beide zogen einen bestimmten, dem zivilen Umgang innerlich und äußerlich entfremdeten Typus junger Männer besonders an. Von außen, mit den Augen der um die verfassungsgemäße Ordnung Besorgten gesehen, unterschied man denn auch den einen Terror vom anderen wenig, so sehr die spezifische Schuldzuweisung - bei den Konservativen war sie primär an Kommunisten und Reichsbanner, bei den Republikanern an die Hitler-Leute gerichtet - differierte. Obwohl sich beide Seiten bis aufs Messer bekämpften und gegenseitig Vernichtung androhten, blieben sie gerade in ihrer Abweichung von der gesellschaftlichen Normalität aufeinander angewiesen: die Feinde waren Gewaltpartner füreinander, aber auch - mittelbar oder direkt - für den Kampf gegen das herrschende "System".(44)
In der Gewalt drückte sich die Gegnerschaft von Nationalsozialisten wie Kommunisten zur Republik nur am schärfsten aus. Ihr gleichgerichtetes Interesse, diese Republik zu treffen, die Regierung zu schwächen, konnte sie vorübergehend sogar zu gemeinsamen Aktionen führen, geeint durch ein negatives Ziel. 1931/32 gingen sie mehrfach in Parlamenten zusammen vor, etwa um nach ihrer beider starkem Zuwachs seit den letzten Wahlen eine vorzeitige Auflösung des württembergischen oder des preußischen Landtags zu erreichen oder um in letzterem Papens Reichskommissariat zu stören.
Auf der Straße unterbrachen sie, meist lokal, verschiedentlich ihre Auseinandersetzungen, um Weimarer Institutionen und Repräsentanten mit verdoppelter Radikalität anzugreifen. Das traf vor allem sozialdemokratische Politiker und Funktionäre, Beamte und Polizeioffiziere in Preußen und allgemein in großen Städten. Höhepunkt solch paradoxen Zusammenwirkens war der Berliner Verkehrsstreik im November des protest- und gewalterfüllten Jahres 1932. In diesem Jahr schwerer Depression löste der allgemeine Lohnabbau eine Reihe von Arbeitskämpfen aus. Besonders gravierend wirkte ein Verkehrsstreik in Hamburg, der Anfang Oktober die Wirtschaft ganz Norddeutschlands traf. Doch als der Reichsarbeitsminister den Schlichterspruch für verbindlich erklärte, brachen ihn die Gewerkschaften ab. Anders verlief vier Wochen später ein ähnlicher Konflikt in der Reichshauptstadt. Als die Berliner Verkehrs-A.G. (BVG), ein kommunales Unternehmen mit sozialdemokratischer Leitung, den Stundenlohn um zwei Pfennige senkte, wurde der neue Tarif zwar von den Beschäftigten in einer Urabstimmung mit zwei Dritteln abgelehnt, aber vom Verkehrsarbeiter-Verband - einer Freien, also der SPD nahestehenden Gewerkschaft - akzeptiert, da ein Streikbeschluss eine Dreiviertelmehrheit erfordert hätte.
Nun rief die kommunistische Revolutionäre Gewerkschaftsopposition (RGO), wenige Tage vor der Reichstagswahl am 6. November, zum wilden Streik auf. Ihm schloss sich - und das war spektakulär - die Nationalsozialistische Betriebsorganisation (NSBO) an, um der Gegenseite nicht das Feld zu überlassen. Das erhöhte seine Reichweite wesentlich. Für fast eine Woche wurde der öffentliche Verkehr der Reichshauptstadt lahmgelegt. Durch Sabotage und Terrorakte gegen Arbeitswillige - es gab über 100 Zwischenfälle mit 4 Toten - verhinderten RGO und' NSBO auch jeden Notdienst. Der Streik scheiterte zwar. Aber er hatte Stadtverwaltung, Regierung und Bevölkerung die Gefahr taktischer Zweckbündnisse von KPD und NSDAP mit ihrem leicht mobilisierteren Massenanhang vorgeführt. Es war offenkundig, dass beide durch einen Generalstreik von den städtischen Zentren aus Wirtschaft, Kommunikation und öffentliches Leben im ganzen Reich empfindlich stören könnten. Nicht zuletzt der unmittelbare Eindruck solcher Bedrohung trieb Ende 1932 in den Berliner Führungskreisen in Politik, , Reichswehr und Wirtschaft die Bemühungen um eine Stärkung der Exekutive hektisch an.(45)


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Spontane Gewalt aus bäuerlichem Protest


Bedrohlich wirkte die Radikalisierung durch die extremen Parteien vor allem auch deshalb, weil ostentative Gewalt in einem Sektor der Gesellschaft selbst spontan aufgebrochen war. 1928 kam es unerwartet zu gewalttätigem Protest in einem Stand, der besonders seitdem Umbruch 1918/19 nicht nur als grundkonservativ galt, sondern in Bürgerhäusern und Amtsstuben zum Hort von Ruhe und Ordnung idealisiert wurde: Bauern hatten mit Gewalt gegen Sachen und Personen die Staatsautorität herausgefordert. Das war brisant, denn Bauern stellten in weiten Teilen des Reiches, vor allem im Norden, Nordosten und Südosten, noch immer einen wichtigen, oft den maßgeblichen Bevölkerungsteil. Auch vom Land aus wurde also das Gefüge der Republik- Parlamentarismus, Rechtsstaatlichkeit und "Weimarer Geist" - angegriffen. Man verstieg sich zu brachialer Selbsthilfe gegen die Repräsentanten der Republik, weil man sich wirtschaftlich bedrängt und kulturell überfremdet fühlte. Die in den späten zwanziger Jahren einsetzende Agrarkrise traf mittelbäuerliche Gebiete mit vorherrschender Viehwirtschaft am stärksten. Nicht wenige Betriebe brachen zusammen; viele gerieten, auch weil sie sich seit der Inflation für eine Modernisierung der Höfe wieder hoch verschuldet hatten, zumindest so in Bedrängnis, dass sie keine Steuern und keine Zinsen mehr zahlten. Abgabenverweigerung war seit jeher ein Hauptmittel bäuerlichen Protests. Doch als Steuereintreibungen, Pfändungen, Zwangsversteigerungen einsetzten, steigerte sich der Widerstand rasch in eine politische Dimension. Dorfweise und bald überlokal verschworen sich bisher besitzsichere, selbstbewusste Bauern, nicht nur die Steuerbescheide zu ignorieren, sondern Vollstreckungen zu sabotieren und Amtsstädte als Lieferanten wie als Käufer zu boykottieren. Wer abwich, wurde geächtet Es kam zu Widersetzlichkeiten, zu Tumulten bei Demonstrationszügen in die Städte und auf den Viehmärkten, zu Widerstand gegen die Polizei, zu Bombenanschlägen auf Landrats- und Finanzämter. Ländlicher Anarchismus erschreckte von Ostpreußen, Pommern und Schleswig-Holstein über Oldenburg bis ins Hannöversche und weiter über Thüringen und Sachsen und Schlesien Polizei, Bürgermeister, hohe Beamte und das ordnungsgewohnte Bürgertum Hans Fallada hat das in seinem Kolportageroman "Bauen, Bonzen und Bomben" suggestiv beschrieben:
Der Regierungspräsident: Meine Herren, ich muss Ihnen gestehen, ich halte diese Bewegung... für äußerst gefährlich, für viel gefährlicher als KPD und NSDAP. Das Schlimmste, was geschehen kann, geschieht: der Verwaltungsapparat kommt ins Stocken. Ich ... sehe den Tag, da es unmöglich sein wird, das flache Land zu verwalten."(46)


Zentrum dieser Unruhen um 1930 war das Land zwischen Elbe und Eider. Hier hatte die Landvolkbewegung, die den Widerstand gegen die Bedrohung von herkömmlichem Status und Besitz formierte, im "Bauernkönig" Carl Heim ihren Führer. Die Gefahr lag darin, dass eine traditionale Widersetzlichkeit sich offensiv moderner Gewaltmittel bediente; dabei wurde sichtbar, wie in eine konservative Einstellung völkische Ideologie drang und sie aggressiv machte. Vor allem die Jungen nahmen die Schlagworte vom rassischen Wert des Bauern und einer nationalen Erneuerung aus "Blut und Boden" auf. Mit solchen Parolen lenkten Journalisten und Literaten Hass auf das "dekadente" Berlin, die preußische "Juden- und Marxisten-Regierung" und den ganzen Weimarer Staat. Von dort, wo man die Schuldigen für den eigenen materiellen Ruin sah, schien alles nationale Unheil zu kommen. Diese Erbitterung führte, wiederum besonders bei der jüngeren Generation, im Verfall der herkömmlichen Orientierung auch zu einer radikalen Parteineigung. Die NSDAP sog die DNVP-Klientel, die vorübergehend stark auf die Christlich-Nationale Bauern- und Landvolkpartei setzte, 1930 bereits erheblich und 1932 ganz überwiegend auf.(47)

 


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Mühsame Gegenwehr des bedrängten Staates


Natürlich suchte der Staat der politischen Gewalt zu wehren. Bereits gegen den Terror der frühen Weimarer Jahre hatte der Reichstag 1922 für fünf Jahre ein Gesetz zum Schutz der "verfassungsmäßigen republikanischen Staatsform" verabschiedet Es sah verschärfte Strafen, Vereins- und Versammlungsverbote sowie Eingriffe in die Presse vor. Ein Ausnahmezustand, so die Rechtfertigung, erfordere Ausnahmerecht Es bedurfte allerdings der verfassungsändernden Zweidrittelmehrheit des Parlaments. So fand das Republikschutzgesetz zwar 1927, als die DNVP vorübergehend Regierungsverantwortung übernommen hatte, noch einmal eine Verlängerung um zwei Jahre. 1929 kam es aber durch die Ablehnung von rechts und links (NSDAP, DNVP, Wirtschaftspartei, KPD) zu Fall. Da sogleich die Gefährdung der öffentlichen Ordnung in Zeitungen, Versammlungen und auf der Straße deutlich wuchs, musste die Lücke im staatlichen Selbstschutz angesichts wachsender wirtschaftlicher Bedrängnis und politischer Erregung ersetzt werden. Das Parlament konnte sich nicht mehr einigen. Deshalb setzte der Reichspräsident kraft Art. 48 WRV im März 1930 ein noch von der Regierung der Großen Koalition eingebrachtes Zweites Republikschutzgesetz in Kraft.
Dieses wirkte, obwohl es die Exekutive kaum weniger als das frühere ermächtigte, nur unzureichend. Zum einen wurden radikalisierte Überzeugungstäter, die zudem den baldigen Sieg ihrer Sache erwarteten, von den angedrohten Strafen wenig abgeschreckt. Zum anderen basierte der Republikschutz auf einem Zusammenwirken von Reichsregierung und Länderregierungen, denen das Vereins- und Presseverbot oblag; dieses Vorgehen aber war gegen dynamische Massenbewegungen zu schwerfällig und aufgrund der parteipolitischen Divergenzen zwischen vielen Regierungen wenig einigungsfähig. Notgedrungen griff die Reichsregierung erneut auf die Diktaturgewalt des Präsidenten zurück, dessen Verordnungen reichseinheitliche Maßnahmen ermöglichten. Sein unitarischer Verfassungsschutz überlagerte so in den Jahren 1930 bis 1932 den föderativen der Republikschutzgesetze. Öffentliche politische Versammlungen und Aufzüge unter freiem Himmel sowie politische Plakate und Flugblätter mussten polizeilich genehmigt werden. Wenn Verdacht auf eine Gefährdung von Sicherheit und Ordnung bestand, konnten sie ebenso wie Uniformen und Abzeichen politischer Vereinigungen verboten werden. Das wurde bald auch auf Presse und Film ausgedehnt. Zudem konnten Reichs- und Landesbehörden die Zeitungen zu amtlichen Stellungnahmen zwingen. Bei Verstoß drohten scharfe Strafen. Im weiteren wurden diese Regelungen noch verstärkt, u. a. durch ein allgemeines Uniform- und Abzeichenverbot. Indem sie eine Reihe von Grundrechten aussetzten, griffen sie tief in die Freiheitsgarantien der Verfassung ein.
Hinzu kamen vom Reichstag - mit einfacher Mehrheit- beschlossene Gesetze. Um dem Missbrauch der Abgeordnetenimmunität zu radikaler Presseagitation zu steuern, wurde Parlamentariern die Redaktion periodischer Schriften untersagt. Und um die steigende Gewalttätigkeit in ihrer Wirkung zu dämpfen, verschärfte man das Waffenrecht: Bei Treffen an öffentlichen Orten zu politischem Zweck waren hinfort alle Schuss-, Hieb- oder Stoßwaffen verboten. Doch der Vorbeugungseffekt auch all dieser reichsweit vollzogenen Normen war schwach. Demagogie und Gewalt drangen weiter vor. Dabei ging die Hauptgefahr ganz offensichtlich immer mehr von der enorm anschwellenden SA aus. Sie holte die Militanz der Kommunisten ein, doch mit größerer Zahl und weit mehr Rückhalt in' der Bevölkerung. Dies bestätigten, trotz aller Legalitätsbeteuerungen, außer dem Straßenterror auch aufgedeckte Unterminierungsversuche, aus denen man Umsturzpläne las: Fälle nationalsozialistischer Infiltration von Reichswehr und preußischer Polizei wurden bekannt sowie Ende 1931 die` sog. "Boxheimen Dokumente" über rigorose Maßnahmen nach der Ergreifung der Staatsgewalt". Hinzu kam seit 1930 die Erfahrung mit den ersten NSDAP-Ministern in Landesregierungen;, vor allem Thüringen war dabei mit dem Reich in Konflikt geraten. Im Sommer 1932 wurde schließlich in vier Ländern - Anhalt, Oldenburg, Mecklenburg-Schwerin, Thüringen - der Stil (fast) reiner NSDAP-Regierungen vorgeführt, die zum Teil die SA als Hilfspolizei mit Hoheitsaufgaben betrauten.

Aufgrund dieser Vorgänge versuchte bereits im März 1932, vor dem zweiten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl, der preußische Innenminister Severing (SPD) wegen Putschverdachts mit Durchsuchungen und Beschlagnahmungen gegen die SA vorzugehen. Wenige Wochen später gelang es dann Reichsinnenminister Groener (der 1918 Hindenburgs letzter Generalquartiermeister gewesen war) und Brüning, dem Präsidenten eine Notverordnung zur "Sicherung der Staatsautorität" abzuringen. Groener zur Vorbereitung:

"Übermorgen kommen die Innenminister der größeren Länder zu einer Besprechung über die SA. Daran habe ich keinen Zweifel, dass wir ihrer Herr werden ... Die Loyalitätserklärungen der SA-Führer am laufenden Band lassen sich taktisch recht gut verwerten. Die SA untergräbt dadurch ihre Existenzberechtigung. Freilich gibt es noch schwere Wochen des politischen Spiels, bis die Landtagswahlen vorüber sind. Dann wird man daran gehen müssen, die Nazis regierungsfähig zu machen, da die sicherlich noch mehr anwachsende Bewegung durch Gewalt nicht mehr unterdrückt werden kann. . . . dürfen selbstverständlich nirgends allein an die Regierung gelassen werden, schon gar nicht im Reich. Aber in den Ländern wird der Versuch hie und da gewagt werden müssen, die Nazis in eine Koalition einzuspannen."(48)

Staatsräson und Zähmungskalkül griffen in der Regierung Brüning ineinander - wie in der Bürokratie und bei den Politikern der bürgerlichen Mitte ganz allgemein. Die "private Gewaltorganisation" SA wurde verboten. Das geschah nicht zuletzt in der Absicht, Hitler vor Preußen- und Reichstagswahl zum Losschlagen gegen Polizei und Reichswehr zu reizen oder durch Hinnahme in den eigenen Reihen zu schwächen. Er hielt indes am Legalitätskurs fest und die SA verschwand, meist ohne Widerstand, aus den Straßen. Doch blieb sie weiter in festem Zusammenhalt, also einsatzbereit, als Ausweis ihrer inneren Disziplin eher ein Zeichen von Stärke. Auch die Parteien der Mitte und selbst die DNVP hatten, des latenten Bürgerkriegs müde, das Verbot befürwortet. Als freilich rechts, unterstützt vom Reichspräsidenten, die Ausdehnung des Verbotes auf das Reichsbanner gefordert wurde, konnte die Regierung bei diesem wie beim Stahlhelm keinerlei vergleichbare "Gefährdung der Staatsautorität" sehen. Doch wurden alle paramilitärischen Verbände der Kontrolle des Reichs unterworfen (vgl. Dok.11).
Diese Abstufung zwischen Reichsbanner - für die DNVP eine unnationale "Bürgerkriegsgarde" - und SA sowie deren Gleichstellung mit dem seit Jahren verbotenen Roten Frontkämpferbund wurde von maßgeblichen Kräften aus den alten
. Eliten nicht mitgetragen. So kam Papen auch dem Kreis um Hindenburg entgegen, als er, kaum Kanzler geworden, durch eine neue Notverordnung gegen politische Ausschreitungen die bisherigen Maßnahmen abschwächte zugunsten der radikalen Rechten. Vor allem fielen das allgemeine Uniform- und Abzeichenverbot und das Verbot der SA, aber natürlich nicht das des RFB. Ein reaktionäres Kabinett, das vom autoritären Staat träumte, kapitulierte vor der Gewalt der Straße. Zwar hat die Regierung Papen etwas später, von den sich schlagartig häufenden Ausschreitungen erschreckt, die Todesstrafe für politischen Terror ausgedehnt, in den Hauptunruhegebieten Sondergerichte eingesetzt und vorübergehend alle Demonstrationen verboten. Doch das glich - auch psychologisch - die offenkundige Begünstigung der Rechtsradikalen nicht mehr aus. Zudem blieb deren Verfolgung durch die Gerichte eher mild.

Da die Lockerung der Reichsmaßnahmen den Ländern wieder mehr Handlungsfreiheit gab, hätte vor allem vom sozialdemokratisch geführten Preußen ein Gegensteuern kommen können. Allerdings war dieses "Bollwerk" des Weimarer Staates seit den Landtagswahlen im April 1932, die die NSDAP zur weitaus stärksten Partei gemacht hatten, wesentlich geschwächt: die Regierung Braun amtierte nur mehr geschäftsführend Papens Staatsstreich beseitigte dann im Juli diesen Widerpart ganz; der politische Dualismus zwischen dem Reich und Preußen war damit auch in Hinblick auf die - mehrfach abweichende - Haltung zum Radikalismus beendet. Die Zwangsangleichung Preußens mag vielleicht - so die These E. R Hubers - den Zusammenbruch der letztlich nur föderativ möglichen Gegenwehr des Staates und einen offenen Bürgerkrieg verhindert haben. In ihrer politischen Ausrichtung aber schwächte sie diese Abwehr entscheidend und ebnete den Nationalsozialisten die Bahn.(49)


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Parlamentarismus und Präsidialregime in der Sackgasse


Der Macht kamen die Nationalsozialisten gleichzeitig auf dem verfassungsgemäßen Weg entscheidend näher. Die Wahlen im Juli 1932, welche Papen nach einer leichtfertigen Reichstagsauflösung gegen den Geist der Verfassung ausgeschrieben hatte, um seinem frei schwebenden Kabinett eine parlamentarische Grundlage zu verschaffen, wurden zum Desaster für die Republik. Sie lähmten den Reichstag vollends. Die Mobilisierung durch die Radikalen rechts und links, die sich in der höchsten Wahlbeteiligung der gesamten Weimarer Zeit - 84 Prozent - niederschlug, brachte der NSDAP mit gut 37 Prozent und der KPD mit fast 15 Prozent zusammen eine negative Mehrheit von rund 52 Prozent. Zwar waren die Nationalsozialisten nicht so stark geworden, dass sie mit der geschrumpften DNVP als Juniorpartner regieren konnten, selbst nicht bei Einbeziehung der Splitter der gemäßigten Rechten. Aber umgekehrt hätte eine Weimarer Koalition, auch unter dem ohnedies schwierigen Einschluss der BVP, nicht einmal mehr 40 Prozent zusammengebracht. Nicht nur das bürgerlich-bäuerliche Spektrum von der gemäßigten Rechten bis zu den Linksliberalen war auf Reste geschrumpft; auch die Sozialdemokratie war mit nahezu einem Drittel Stimmenverlust gegenüber der Erfolgswahl 1928 auf ihr bisher schlechtestes Ergebnis, das von 1924, reduziert+ Zentrum und BVP hatten hingegen etwas zugenommen, u. a. offenbar durch konservative und liberale Wähler, die ihren angestammten Parteien keine Wirkung mehr zutrauten.
Eine - knappe - Mehrheit blieb, wie in Preußen nach der April-Wahl, rechnerisch nur für ein Bündnis von Nationalsozialisten und. Zentrum, das schon Brüning erwogen hatte. Doch einen derartigen Pseudo-Parlamentarismus" (E. R Huber) verhinderten Hitlers Streben nach der ganzen Macht sowie der wachsende Widerstand im Zentrum gegen diesen zweifelhaften Partner.(50) Die Wahl, die keine verfassungskonforme Regierung mehr zuließ, war ein Plebiszit gegen den Weimarer Parlamentarimus. Die demokratische Repräsentation, welche legal die Regierungsgewalt vergab, war gelähmt, während auf den Straßen die angemaßte Gewalt der Staatsfeinde den Staatsorganen immer mehr das innenpolitische Handeln diktierte.

Die Krise parlamentarischer Politik spätestens seit 1930 zeigte sich nicht nur am Vertrauensschwund der Wähler für die staatstragenden Parteien und an ihrer Flucht in Parteien zunächst partikularer Interessen und dann radikalen Protests. Der Lähmungszustand wurde am Parlamentsleben selbst, am Verhalten im Reichstag und in den Landtagen augenfällig. Auf der äußersten Rechten und Linken wurden alle Register der Obstruktion gezogen: eine Flut von Anträgen mit zeitraubender namentlicher Abstimmung, endlose Geschäftsordnungsdebatten, Ordnungsstörungen, der Auszug aus dem Plenum, um es beschlussunfähig zu machen. Um den Reichstag aktionsfähig zu halten, setzten Anfang 1931 die Mitte und die SPD, von denen die Regierung Brüning gestützt bzw. toleriert wurde, einschneidende Änderungen der Geschäftsordnung durch, Alle Anträge mit finanziellen Folgen konnten nun abgewiesen werden, wenn sie nicht bereits Deckungsvorschläge boten, wobei die Interpretation beim Reichstagspräsidenten lag. Anträge zur Vertrauensfrage sowie solche mit namentlichen Abstimmungen wurden beschränkt und das Mittel der Wortentziehung verschärft. Dass man so weit in die Rechte der Opposition eingriff und, dabei bisher gültige Verfassungsgrenzen überschritt, erhellt, wie sehr man im republikloyalen Lager, so heterogen es war, den Parlamentarismus bedrängt sah. DNVP und NSDAP zogen wegen dieser "Vergewaltigung" durch die "volksfeindliche Mehrheit" für längere Zeit aus dem Reichstag aus. Auch die KPD protestierte scharf, blieb aber, um diese "Tribüne" weiter "zum Kampfe für ein freies Sowjet-Deutschland" zu nutzen.
Landtage erlebten ähnliche Vorgänge. Es blieb nicht bei Verfahrensstreit und verbalen Attacken. Mit der politischen Erbitterung des Jahres 1932 kam es im Reichstag, im bayerischen, im preußischen und manch anderem Landtag zu Tumult und brachialer Gewalt, bis hin zu blutigen Schlägereien nationalsozialistischer mit kommunistischen, teils auch sozialdemokratischen Abgeordneten.

"Im Reichstag haben sich gestern ... schwere Tumulte und Schlägereien abgespielt... Anlass dazu gab das Verhalten eines kommunistischen Zuhörers auf der Tribüne, der laute Zwischenrufe machte ... Es gab zunächst einen heftigen Wortwechsel... als plötzlich in hohem Bogen ein Spucknapf durch die Luft flog. In demselben Augenblick entstand eine schwere Schlägerei zwischen etwa 40 bis 50 kommunistischen und nationalsozialistischen Abgeordneten, wobei nicht nur Aschenbecher und Pultdeckel als Waffen benutzt, sondern auch Telefonapparate und Schreibpulte, die man aus der Wand riss, verwandt wurden ... erlitten mehrere Abgeordnete blutige Verletzungen."(51)

Im Hohen Hause Preußens blieb einmal eine Reihe Schwerverletzter auf dem Platz. Solche Vorkommnisse fielen in der Öffentlichkeit um so mehr auf, als von der Arbeit der Parlamente in der Zeit der Präsidial- bzw. Geschäftsregierungen, die ihrer nurmehr bedingt bedurften, wenig zu berichten war. Der Reichstag hatte noch einmal im Februar/März 1931 länger getagt, um zum letzten Mal einen Haushalt sowie einige wichtige Gesetze zu verabschieden. Bis Anfang 1933 trat er dann nur mehr wenige Male für ein paar Tage zusammen. Doch auch das seit 1930, ersatzweise ausgedehnte Präsidialregime erlitt durch die Juliwahl 1932 einen entscheidenden Schlag. Die Absage an das Kabinett Papen, hinter dem lediglich ein Zehntel des Reichtags stand, war vernichtend Dieses Regime galt in konservativen; Kreisen indes nicht nur als Ausweg, sondern als Mittel zu einer dauerhaften Verfassungsalternative, zur inneren Reichsreform in autoritärem, nationalem und korporativem Sinn. Auf einen solch restaurativen Wandel aber setzten unter den herrschenden Krisenbedingungen offenbar weit weniger Wähler als auf eine radikale Lösung. Auch die präsidiale Transformation des Parteienstaates gab der Republik keine hinreichend breite Geltung mehr. Das isolierte Präsidialregime hielt sich zwischen erschöpftem Parlamentarismus und der Massendrohung radikaler Parteiarmeen noch mühsam als Notregierung.(52)
An dieser Konstellation änderte die Reichstagswahl im November 1932 wenig. Zwar war der Mythos vom unaufhaltsamen Aufstieg der Nationalsozialisten durch eine klare, bei Landtags- und Gemeindewahlen in mehreren Ländern zum Teil sogar schwere Schlappe gebrochen und die Überreizung einer nur destruktiven Agitation infolge der ersten Zeichen wirtschaftlicher Erholung deutlich geworden. Aber insgesamt hatte sich die Lage eher noch verschärft. Gerade die DNVP, trotz harter Konfrontation im Wahlkampf der wahrscheinlichste Mehrheitsbeschaffer für Hitler, erholte sich merklich; hingegen verloren SPD und nun auch Zentrum und BVP empfindlich. NSDAP und eine KPD, die erneut kräftig wuchs, hielten weiter zusammen eine negative absolute Mehrheit; beider taktisches Zusammenspiel drohte mehr denn je. Der Wahlkampf hatte erneut Terror ausgelöst, der über Weihnachtsunruhen ins neue Jahr hinüberreichte:

"In Dresden kam es bei Auflösung einer Versammlung des ,Kampfbundes gegen den Faschismus` zu Tumultszenen, in deren Verlauf die Polizei von den Waffen Gebrauch machte. 9 Zivilisten wurden getötet und 11 verletzt."(53)

Auch die NSDAP verhüllte ihre Umsturzbereitschaft kaum mehr. In dieser Situation der offenen Staatskrise entstand ein kühner Plan, um die innere Sicherheit und die Möglichkeit zur Verfassungsreform durch einen neuen Autoritätspakt zurückzugewinnen: Schleichers Konzept einer um die Reichswehr formierten "Querfront" aus national verantwortungsbewussten Kräften außerhalb des Parlaments, von der bürgerlichen Jugend über die Gewerkschaften aller Couleur bis zum "sozialistischen", koalitionsbereiten Flügel der NSDAP. Dies sollte dem Präsidialregime eine Massenbasis geben. Aber das Vorhaben scheiterte, musste wohl scheitern an der tief zerklüfteten politischen Kultur, in der die Gegensätze der Werte und Interessen sich bis zur Bereitschaft zu gewaltsamer Vernichtung verhärtet hatten. Damit kam die pseudolegale Regierung Hitler zum Zug. Der bisherige Staatsfeind monopolisierte die Gewalt und einte die gespaltene Gesellschaft gewaltsam, durch "Gleichschaltung" im totalitären Parteistaat.(54)



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Krisenmentalität


Die Lähmung des Parlamentarismus und die Entfaltung herausfordernder Privatgewalt in politischer Absicht trafen derart zusammen, dass Repräsentation von den Parlamenten zu außerparlamentarischen Gruppen abwanderte und die zur Präsidialdiktatur verschobene Regierung unter deren Druck geriet. Nirgends wurde die "Freund-Feind-Lage" (C. Schmitt), in welcher sich der auf den Kompromiss hin ausgerichtete politische Prozess zunehmend befand, so mitvollziehbar wie im dröhnenden Kolonnenschritt auf den Straßen. Dabei war die Straße als Schauplatz politischer Demonstration an sich nichts Ungewöhnliches. Im 19. Jahrhundert zum legitimen Ort der Demokratie geworden, musste sie als "Massenmedium" für den direkten Ausdruck von Ideen und Interessen gerade in der Weimarer Republik angemessen sein, deren Verfassung ja ein starkes plebiszitäres Element hatte. Doch entartete dieses Mittel politischer Artikulation in Form und Zwecksetzung: Es wurde, latent oder offen, gewaltsam und es gewann ein verfassungswidriges Gewicht. Die gegenrevolutionären Wehrverbände des Nachkriegs hatten das Muster formierter Gewalt an Parteiarmeen weitergegeben, die politisch von rechts bis gemäßigt links gegenseitig geduldet wurden; der allein ausgegrenzte linksradikale Bund bestand auch unter dem Verbot faktisch ebenfalls weiter. Dieses militante Potential stand bereit, als sich die Parlamente zunehmend lähmten und extreme Parteien ihre radikale Konfrontation in die Gesellschaft trugen. So drangen deren Kampfbünde weit in die Sphäre politischer Willensbildung und Partizipation vor und zogen die Verteidiger der Republik mit auf diesen Weg. "Überwältigendes" Ritual, geballte Drohung und illegale Gewalt wurden gängige Mittel politischen Wettbewerbs.(55)
Aufgrund des weiten Kreises der aktiv oder passiv Beteiligten kann das nicht allein einzelnen greifbaren Akteuren und Leitfiguren zugeschrieben werden. Ihnen muss eine verbreitete Grundeinstellung entgegengekommen sein. Weit über die Nachwirkungen des wilhelminischen Militarismus hinaus hatten Krieg und Nachkrieg der männlichen Bevölkerung männerbündische Formierung, Konfliktgewöhnung und Gewaltbereitschaft vermittelt. Solche Haltung wurde weitergegeben und von der nächsten Generation, die das Leid im Feld nicht mehr kannte, bedenkenloser übernommen und für politische Heilslehren eingesetzt, die in den Irritationen wirtschaftlicher Not und steigenden Traditionsverlusts eine einfache Orientierung und starke Hoffnung boten. Einstellungen, derer die parlamentarische Demokratie und ein liberaler Rechtsstaat bedurften wie Achtung des Individuums, Toleranz, Kompromissbereitschaft, Gewaltverzicht, verloren an ganzheitliche Ideologien, Gemeinschaftsmythen - ob Volk oder Proletariat - und einen Aktivismus der rettenden Tat offenkundig Boden. Dass auf diese Weise das von Anfang an nur begrenzt erwünschte "Experiment Weimar" (D. Peukert) krisenhaft an Geltung verlor, als existenzielle Ängste um sich griffen, hatte freilich noch eine tiefere Dimension. In den industrialisierten Gesellschaften erschütterte, vom Ersten Weltkrieg verschärft, eine Modernisierungskrise mit ihren Spannungen und Verwerfungen zwischen Fortschritt und Beharrung die Lebensordnungen, Umgangsweisen und Orientierungen. Deutschland war davon besonders betroffen, da es sich spät, doch sehr rasch modernisiert hatte, an der Kriegsniederlage traumatisch litt und den politischen Umbruch bewältigen musste. So erscheinen in seiner kollektiven Mentalität überdurchschnittlich labile Züge, waren besonders viele Menschen realitätsverschlossen, "erlösungsbedürftig", verführbar für radikalen Wandel. Wenn sich die politische Kultur so veränderte, dass die vor nicht mehr als einem guten Jahrzehnt mit Mehrheit begründete Demokratie gewissermaßen "ausrann" und vorn Totalitarismus überwältigt werden konnte, war dies ein dramatisches Symptom einer allgemeinen Lebenskrise der Deutschen.(56)


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Anmerkungen


1 Gotthard Jasper, Zur innenpolitischen Lage Deutschlands im Herbst 1929, in: VfZ Bd. 8 (1960), S. 280-289; Ernst Rudolf Huber, Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789, Bd. 7, Stuttgart u. x.1984, S. 691 ff.; Eberhard Kolb, Die Weimarer Republik, München, Wien 2. Aufl. 1993, S. 116 f.; Hagen Schulte, Weimar. Deutschland 1917-1933, Berlin 1982, S. 310 ff.; Hans Mommsen, Die verspielte Freiheit. Der Weg der Republik von Weimar in den Untergang 1918 bis 1933, Frankfurt/M., Berlin 1990, S. 275 ff.
2 Vgl. u. a. Kurt Sontheimer, Die politische Kultur der Weimarer Republik, in: Karl-Dietrich Bracher/Manfred Funke/Hans-Adolf Jakobsen (Hrsg.), Die Weimarer Republik 1918-1933. Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Bonn 2. Aufl. 1988, S. 454-464; Detlev J. K. Peukert, Die Weimarer Republik Frankfurt/M. 1987, S. 129 ff., 218 ff.
3 Huber (Anm. 1), Bd. 7, S. 577 ff., 590 ff.
4 Gotthard Jasper, Die gescheiterte Zähmung. Wege zur Machtergreifung Hitlers 1930-1934, Frankfurt/M. 1986, S. 17 ff; Gerhard Anschütz, Die Verfassung des deutschen Reiches vom 11. August 1919. Ein Kommentar für Wissenschaft und Praxis, 3. Bearbeitung, Berlin 11. Aufl. 1929, S. 219 ff.; Huber (Anm. 1), Verfassungsgeschichte, Bd. 6, Stuttgart a. a. 1981, S. 307 ff., 687 ff.; Horst Möller, Weimar. Die unvollendete Demokratie, München 1985, S. 182 ff.; Gotthard Jasper, Der Schutz der Republik. Studien zur Sicherung der Demokratie in der Weimarer Republik 1922-1930, Tübingen 1963
5 Karl Dietrich Bracher, Die Auflösung der Weimarer Republik, Königstein/Ts., Düsseldorf 6. Aufl. 1978, S. 26 ff; Michael Stürmer, Der unvollendete Parteienstaat- Zur Vorgeschichte des Präsidialregimes am Ende der Weimarer Republik, in: ders. (Hrsg.), Die Weimarer Republik. Belagerte Civitas, Königstein/Ts. 1980, S. 310-317; Martin Vogt, Das "Versagen` der politischen Parteien in der Weimarer Republik, in Wolfgang Michalka (Hrsg.), Die nationalsozialistische Machtergreifung, Paderborn u. a. 1984, S.60-73
6 Erich Matthias/Rudolf Morsey (Hrsg.), Das Ende der Parteien 1933, Königstein/Ts., Düsseldorf 2. Aufl. 1979; M. Rainer Lepsius, Parteiensystem und Sozialstruktur. Zum Problem der Demokratisierung der deutschen Gesellschaft, in: Gerhard A. Ritter (Hrsg.), Deutsche Parteien vor 1918, Köln 1973, S. 56-80
7 Ursachen und Folgen. Vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis zur staatlichen Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart. Eine Urkunden- und Dokumentensammlung zu Zeitgeschichte, Bd. 8, Berlin o. J., S. 394 f.
8 Vgl. Heinrich August Winkler, Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik, Bd. 3, Der Weg in die Katastrophe, Berlin 1987; Erich Matthias, Die Sozialdemokratische Partei, in: Matthias / Morsey (Anm. 6), S. 101-278; Mommsen, (Anm. 1), passim; Hagen Schulze, Otto Braun oder Preußens demokratische Sendung, Frankfurt/M. 1977, Kap. VI.
9 Ursachen und Folgen (Anm. 7), Bd. 7, Berlin o. J., S. 333 f.
10 Rudolf Morsey, Der Untergang des politischen Katholizismus, Stuttgart, Zürich 1977; Horst Hömig, Das preußische Zentrum in der Weimarer Republik, Mainz 1979; Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789-1945), hrsg. von Dieter Fricke u. a., 4 Bde, Köln 1983-86, Bd. 4, S. 552 ff.
11 Klaus Schönhoven, Die Bayerische Volkspartei 1924-1932, Düsseldorf 1972; ders., Zwischen Anpassung und Ausschaltung. Die Bayerische Volkspartei in der Endphase der Weimarer Republik 1932/33, in: HZ Bd. 224 (1977), S. 340-378; Lexikon zur Parteiengeschichte (Anm. 10), Bd. 1, S. 156 ff.
12 Wilhelm Külz, Staatspartei, MdR 1920-1932, in: Matthias/Morsey, S.85 f.
13 Dieter Langewiesche, Liberalismus in Deutschland, Frankfurt/M.1988, S. 233 ff; Werner Stephan, Aufstieg und Verfall des Linksliberalismus 1918-1933. Geschichte der Deutschen Demokratischen Partei, Göttingen 1973; Lexikon zur Parteingeschichte (Anm. 10), Bd. 1, S. 574 ff.; Bruce B. Frye, Liberal Democrats in the Weimar Republic. The History of the German Democratic Party and the German State Party, Carbondale 1985. Allg. Rudolf v. Thadden (Hrsg. Die Krise des Liberalismus zwischen den Weltkriegen, Göttingen 1978
14 Huber (Anm. 1 ), Bd. 6, S. 180 ff.
15 Ursachen und Folgen (Anm. 10), Bd. 8, S. 75 f.
16 Ebd., Bd. 7, S. 356
17 Friedrich Frhr. Hiller v. Gaertringen, Die Deutschnationale Volkspartei, in: Matthias/ Morsey (Anm. 6), S. 543-652; Heidrun Holzbach, Das System Hugenberg. Die Organisation bürgerlicher Sammlungspolitik vor dem Aufstieg der NSDAP, Stuttgart 1981; Erasmus Jonas, Die Volkskonservativen 1928-1933, Düsseldorf 1965
18 Ursachen und Folgen (Anm. 7), Bd. 7, S. 347 f.
19 Langewiesche (Anm. 13); Lothar Doehn, Politik und Interesse. Die Interessenstruktur der Deutschen Volkspartei, Meisenheim 1970
20 Martin Schumacher, Mittelstandsfront und Politik. Die Wirtschaftspartei, Reichspartei des deutschen Mittelstandes 1919-1933, Düsseldorf 1972; Lexikon zur Parteiengeschichte (Anm. 10), Bd. 1, S. 135 ff., 434 ff., 464 ff., Bd. 4, S. 423 ff.
21 Detaillierte Angaben bei Huber (Anm. 1 )), Bd. 7, S. 744 ff.
22 Ossip K. Flechtheim, Die Kommunistische Partei Deutschlands in der Weimarer Republik, Offenbach 1948, S. 168 f.
23 Schulthess` Europäischer Geschichtskalender, Bd. 70 (1929), S. 72 f.
24 Erlaß des Innenministers Severing 25. August 1931, in: Ursachen und Folgen (Anm. 7), Bd. 8, S. 339
25 Hermann Weber, Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik, 2 Bde, Frankfurt/M. 1%9; ders., Hauptfeind Sozialdemokratie. Strategie und Taktik der KPD 1929-1933, Düsseldorf 1982; Kurt G. P. Schuster, Der Rote Frontkämpferbund 1924-1929, Düsseldorf 1975; Eve Rosenhaft, Beating the Fascists? The German Communists and political Violence 1929-1933, Cambridge a. u. 1983
26 Huber (Anm. 1), Bd. 6, S. 771 ff., 837; Peter Longerich, Die braunen Bataillone. Geschichte der SA, München 1989; Peter H. Merkl, Formen der nationalsozialistischen Gewaltanwendung. Die SA der Jahre 1925-1933, in: Wolfgang J. Mommsen/Gerhard Hirschfeld (Hrsg.), Sozialprotest- Gewalt- Terror. Gewaltanwendung durch politische und gesellschaftliche Randgruppen im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart 1982, S. 422-440. Zum Aufstieg der NSDAP umfassend Jürgen Falter, Hitlers Wähler, München 1991
27 Theodor Heuß, Erinnerungen 1905-1933, Frankfurt/M. 2. Aufl. 1965, S. 239f.
28 Keesings Archiv der Gegenwart I/II.Jg. (1931/32) (Nachdruck 1962), S. 27 M (13. 9. 1931)
29 Ernst Posse, Die politischen Kampfbünde Deutschlands, Berlin 2. Aufl. 1931, S. 33 f.
30 Volker R Berghahn, Der Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten 1918-1935, Düsseldorf 1966; James M. Diehl, Paramilitary Politics in Weimar Germany, Bloomington 1977; Hans Jürgen Mauch, Nationalistische Wehrorganisationen in der Weimarer Republik. Zur Entwicklung des ,Paramilitarismus", Frankfurt/M. 1982
31 Ursachen und Folgen (Anm. 7), Bd. 8, S. 364 f.
32 Schulthess` Geschichtskalender Bd. 72 (1931), S. 224 ff.; Bracher (Anm. 5), S. 360 ff.; Mommsen (Anm. 1), S. 407f.
33 Heinrich Brüning, Memoiren 1918-1934, München 2. Aufl. 1972, Bd. 2, S. 455
34 Posse (Anm. 29), S. 66 f.
35 Karl Rohe, Das Reichsbanner Schwarz Rot Gold, Düsseldorf 1966; Diehl (Anm. 30), S.146 ff., 245 ff.; zur Verurteilung: Keesings Archiv Bd. I/II (1931/32), S. 425 C (22. 8. 1932)
36 Ebd. S. 134 J (19. 1. 1932)
37 Vgl. u. a. die Denkschrift des Reichsinnenministers Severing vom Dezember 1929, abgedruckt bei Jasper, Zur innenpolitischen Lage (Anm. 1); Keesings Archiv Bd. I/II, passim; Mommsen (Anm. 1), 349 f., 444 ff; eingehend Merkl (Anm. 26), hier auch S. 431 die Formulierung "Subkultur der politischen Gewalt"
38 Keesings Archiv Bd. I/II, S. 228 B (17. 3. 1932)
39 "Vor dem Reichsgericht fand ein Prozess gegen jene Kommunisten statt, die nach den umfangreichen Sprengstoffdiebstählen der letzten Monate festgenommen werden konnten. Nach den Ausführungen des Staatsanwaltes stellen die bei den Angeklagten beschlagnahmten, für 3000 Handgranaten ausreichenden Vorräte nur einen geringfügigen Bruchteil des tatsächlich entwerteten Materials dar." (ebd. S. 394 G (4. 7. 1932))
40 Merkl (Anm. 26), S. 435 ff:; Peukert (Anm. 2), S. 94 ff.
41 Keesings Archiv Bd. I/II, S. 437 F (6.-8. B. 1932)
42 Schulze (Anm. 1), S. 376
43 Schulthess' Geschichtskalender Bd. 73 (1932), S. 119 f., 137 f., 141 f.; Ursachen und Folgen (Anm. 7), Bd. 8, S. 644 ff.; Huber (Anm. 1), Bd. 7, S. 11064 ff.
44 Rosenhaft (Anm. 25); Longerich (Anm, 26); ; Merkl (Anm, 26). Vgl. die eindringliche Paralleluntersuchung von Gerhard Botz, Formen politischer Gewaltanwendung und Gewaltstrategien in der österreichischen Ersten Republik, in. Mommsen/Hirschfeld (Anm. 26), S. 349-380, eine Zusammenfassung von ders., Gewalt in der Politik. Attentate, Zusammenstöße, Putschversuche, Unruhen in Österreich 1918-1933, München 2. Aufl. 1983
45 Huber (Anm. l ), Bd. 7, S. 1114f.; Keesings Archiv I/II, S. 550 G (7.11.1932); Schulthess' Geschichtskalender, S. 194; Ursachen und Folgen (Anm. 7), Bd. 8, S. 343 ff.
46 Hans Fallada, Bauern, Bonzen und Bomben, Reinbek b. Hamburg 1964, S. 38
47 Walter Luetgebrune, Neu-Preußens Bauernkrieg. Entstehung und Kampf der Landvolkbewegung, Hamburg u. a. 1931; Rudolf Heberle, Landbevölkerung und Nationalsozialismus. Eine soziologische Untersuchung der politischen Willensbildung in SchleswigHolstein 1918-1932, Stuttgart 1963, S. 156 ff.; Mommsen (Anm. 1), S. 305; Schulze (Anm. 1), S. 309f.
48 Ursachen und Folgen (Anm. 7), Bd. 8, S. 449
49 Huber (Anm. 1), Bd. 6, S. 659 ff., Bd. 7, S. 680 ff., 736 ff., 819 f., 866 ff., 894 ff., 906 ff., 938 ff., 1052 ff., 1187 ff.; Schulze, Otto Braun (Anm. 8), S. 720 ff. Das Zitat "Bürgerkriegsgarde" (DNVP-MdR Dr. Kleiner 11. 5.1932) in Ursachen und Folgen (Anm. 7), Bd. 8, S. 471
50 Jasper, Zähmung (Anm. 4), S. 104 ff.; Jürgen Falter/Thomas Lindenberger/Siegfried Schumann, Wahlen und Abstimmungen in der Weimarer Republik, München 1986, passim; allg. Falter, Hitlers Wähler (Anm. 26)
51 Ursachen und Folgen (Anm. 7), Bd. 8, S. 720
52 Schulze (Anm. 1), S. 391 f.; Huber (Anm.1), Bd. 7, S. 810 ff., 1006 ff., 1049 ff.; zur Differenzierung von Brünings Reichsreform-Vorstellungen und denen der Kreise um Hindenburg und Papen vgl. Werner Conze, Die Reichsverfassungsreform als Ziel der Politik Brünings, in: Stürmer, Weimarer Republik (Anm. 5), S. 340-348
53 Keesings Archiv III, S. 671 H (26. 1. 1933)
54 Jasper, Zähmung (Anm. 4). S. 115 ff.; Mommsen (Anm. 1), S. 495 ff.
55 Vgl. Bernd Jürgen Warneken (Hrs.), Massenmedium Straße. Zur Kulturgeschichte der Demonstration, Frankfurt/M., New York 1991
56 Peukert (Anm, 2), bes. S. 13 ff.


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Literatur


Berghahn, Volker R: Der Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten 1918-1935, Düsseldorf 1966

Bracher, Karl Dietrich: Die Auflösung der Weimarer Republik, Königstein/Ts., Düsseldorf 6. Aufl. 1978

Diehl, James M.: Paramilitary Politics in Weimar Germany, Bloomington 1977

Doehn, Lothar: Politik und Interesse. Die Interessenstruktur der Deutschen Volkspartei, Meisenheim 1970

Falter, Jürgen/Lindenberger, Thomas/Schumann, Siegfried: Wahlen und Abstimmungen in der Weimarer Republik, München 1986

Falter, Jürgen: Hitlers Wähler, München 1991

Frye, Bruce B.: Liberal Democrats in The Weimar Republic. The History of the German Demokratic Party and the German State Party, Carbondale 1985

Huber, Ernst Rudolf: Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789, Bde 6 und 7, Stuttgart u. a. 1981, 1984

Jasper, Gotthard: Die gescheiterte Zähmung. Wege zur Machtergreifung Hitlers 1930-1934, Frankfurt/M. 1986

Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789-1945), hrsg. von Dieter Fricke u. a., 4 Bde, Köln 1983-1986

Longerich, Peter. Die braunen Bataillone. Geschichte der SA, München 1989

Matthias, Erich/Morsey, Rudolf (Hrsg.): Das Ende der Parteien 1933, Königstein/Ts., Düsseldorf 2. Aufl. 1979

Mommsen, Wolfgang J./Hirschfeld, Gerhard (Hrsg.): Sozialprotest - Gewalt - Terror. Gewaltanwendung durch politische und gesellschaftliche Randgruppen im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart 1982

Morsey, Rudolf: Der Untergang des politischen Katholizismus, Stuttgart, Zürich 1977 Neumann, Sigmund: Die Parteien der Weimarer Republik, Stuttgart 1965 (Originalausg. 1932)

Peukert, Detlev J. K.: Die Weimarer Republik. Krisenjahre der Klassischen Moderne, Frankfurt/M. 1987

Rohe, Karl: Das Reichsbanner Schwarz Rot Gold, Düsseldorf 1966

Rosenhaft, Eve: Beating the Fascists? The German Communists and political Violence 1929-1933, Cambridge u. a. 1983

Schönhoven, Klaus: Die Bayerische Volkspartei 1924-1932, Düsseldorf 1972 Schuster, Kurt G. P.: Der Rote Frontkämpferbund 1924-1929, Düsseldorf 1975

Schumacher, Martin: Mittelstandsfront und Politik. Die Wirtschaftspartei, Reichspartei des deutschen Mittelstandes 1919-1933, Düsseldorf 1972

Ursachen und Folgen. Vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis zur staatlichen Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart. Eine Urkunden- und Dokumentensammlung zur Zeitgeschichte, Bde 7 und 8, Berlin o. J.

Weber, Hermann: Hauptfeind Sozialdemokratie. Strategie und Taktik der KPD 1929-1933, Düsseldorf 1982

Winkler, Heinrich August: Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik, Bd. 3, Der Weg in die Katastrophe, Berlin 1987

Winkler, Heinrich August: Weimar 1918-1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie, München 1993




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Dokumente


Dok. 1 Erklärung der Reichsregierung Hermann Müller zum Volksbegehren gegen den Young-Plan vom 25. November 1929


Das Volksbegehren macht den Versuch, die Linien der deutschen Außenpolitik für die Zukunft in weitem Umfang durch ein Reichsgesetz festzulegen. Ein derartiger Eingriff in die Handlungsfreiheit der Reichsregierung ist schon an sich ein Beginnen, das mit einer gedeihlichen Führung der Staatsgeschäfte unvereinbar ist. Noch ernster sind die Bedenken, die gegen den Inhalt der einzelnen Bestimmungen des begehrten Gesetzentwurfs sprechen. Der Entwurf ist aufgebaut auf dem Gedanken, dass durch den einseitigen schriftlichen Widerruf der Bestimmungen des Vertrags von Versailles über die Schuld am Kriege eine neue Grundlage für die Erreichung der Ziele der deutschen Außenpolitik geschaffen werden könne und müsse. Er geht davon aus, dass auf dieser Grundlage die förmliche Beseitigung jener Vertragsbestimmungen, die sofortige und bedingungslose Befreiung der besetzten Gebiete und eine vorteilhafte Regelung der Reparationsfrage zu erzielen sei. Diese Annahme ist falsch.
Die Strafbestimmung des Entwurfs will grundsätzliche Entschließungen der deutschen Außenpolitik dem Urteil des Strafrichters unterstellen. Darüber hinaus soll diese Bestimmung aber, wie ihre Begründung zeigt, dem Ziele dienen, die bisherige deutsche Außenpolitik und ihre verantwortlichen Träger zu entehren.

Die Kontrolle über die Führung der Politik durch Reichskanzler und Reichsminister liegt verfassungsmäßig beim Reichstag. Von seiner Entscheidung in Form des Misstrauensvotums oder der Ministeranklage ist die Fortsetzung der Politik abhängig. Die Zuchthausandrohung des Entwurfs mit ihren strafrechtlichen Nebenwirkungen bedeutet die Umformung eines rein politischen Tatbestandes in einen kriminellen. Mit ihr wird bewusst das Ziel verfolgt, den verfassungsmäßigen Kontrollen der Reichspolitik die ausschlaggebende Bedeutung zu nehmen. Das ist mit dem Sinn und Zweck des parlamentarischen Systems nicht vereinbar.
Bei der Annahme des Gesetzentwurfs würde sich sofort erweisen, dass auf seiner Grundlage eine den deutschen Interessen dienende Führung der Außenpolitik unmöglich ist. Die in den vergangenen Jahren wiedererrungene Stellung Deutschlands wäre zerstört, jede Aussicht auf die Verwirklichung der in dem Entwurf aufgestellten Ziele wäre abgeschnitten. Diese Ziele können wie bisher auch in Zukunft nur auf dem Wege der Verständigungspolitik erreicht werden. Die Reichsregierung spricht sich deshalb mit aller Entschiedenheit gegen die Annahme des Gesetzentwurfs aus.
(aus: Huber, Dokumente, Bd. 4, S. 448f.)



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Dok. 2 Aus einem Interview des preußischen Ministerpräsidenten Braun vom März 1929


Vordem konnte das deutsche Volk eigentlich nur schimpfen und protestieren. Die erste große und schwere Feuerprobe: sich selbst unter unerhört schweren wirtschaftlichen, innen- und außenpolitischen Verhältnissen, unter Hungersnot, Geldentwertung, Putschversuchen, politischen Meuchelmorden und andauernden Gewaltdrohungen von links und rechts und angesichts einer riesenhaften Arbeitslosigkeit und Wirtschaftsdesorganisation eine neue Verfassung zu geben und dadurch

das Reich vor dem staatlichen Auseinanderfall und vor dem Hinabsinken in wirtschaftliches Chaos zu bewahren, hat das deutsche Volk glänzend bestanden.
Nicht so die zweite und schwerere Probe. Nach der republikanischen Verfassung ist alle politische Macht dem Volke gegeben, das sich aber weder als Wähler bei den Wählern noch als Gewählter im Parlament der daraus resultierenden Verantwortung voll bewusst geworden ist.

Trotz allem bin ich der festen Überzeugung, dass der Parlamentarismus die einzig mögliche Regierungsform für ein intellektuell hochstehendes und politisch reifes Kulturvolk ist. Der Ruf nach dem sogenannten starken Mann, den wir in gewissen Kreisen auch unseres Volkes jetzt oft hören, ist doch im Grunde genommen ein klägliches Geständnis der Schwäche.
Zur richtigen Handhabung des parlamentarischen Regierungssystems bedarf es freilich stärkerer Männer als zu jener brutalen Regierungsmethode, die nur durch völlige Unterdrückung jeder Geistesfreiheit politische Macht ausüben kann.
(aus: Ursachen und Folgen, Bd. 7, S. 242)



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Dok. 3 "Warum fort von Hugenberg? Die Gründe für die Spaltung der Deutschnationalen."
Artikel des Hauptgeschäftsführers des Vereins Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller, Jakob Wilhelm Reichert, vom September 1930.


Nach den scharfen, persönlichen Angriffen deutschnationaler Blätter gegen die ausgeschiedenen Abgeordneten kann ich über die tatsächlichen Gründe der Trennung von Hugenberg nicht länger schweigen.
1. Zum Reichspräsidenten hätten die alten vertraulichen Beziehungen erhalten werden müssen. Statt dessen hat man es infolge der taktlosen und maßlosen Angriffe deutschnationaler Blätter mit dem Reichspräsidenten gründlich verdorben.
4. Bei seiner Wahl zum Parteivorsitzenden hat Hugenberg nur eine geringe Stimmenmehrheit auf seine Person vereinigt. Dennoch versuchte er, diktatorisch innerhalb der Partei und Fraktion zu regieren. Die alte Parteileitung, die dem notwendigen politischen Ausgleich innerhalb der Partei diente, ist sofort beseitigt worden. Im Parteivorstand sind viele gegnerische Kräfte durch blindergebene Leute ersetzt worden.
5. In der Reichstagsfraktion verstand es Hugenberg nicht, sich das erforderliche Führervertrauen zu erwerben. Um sich dennoch durchzusetzen, griff er zu dem neuen Mittel des Fraktionszwanges, die Minderheit sollte sich stets der Mehrheit fügen ...
6. Den Gegensatz zwischen den einstigen Dawes-Ja-Sagern und Nein-Sagern hat Hugenberg offengehalten, indem er es duldete, dass seine nächsten Freunde das Ja-Sagen als "verbrecherisch" hinstellten.
7. In seiner Neigung zu grundsätzlicher und unbedingter Opposition hätte Hugenberg sogar
den Panzerkreuzerbau gefährdet, wenn die Fraktionsmehrheit nicht klarer gesehen [hätte] 12. Hugenberg und sein engerer Freundeskreis legt größeren Wert auf gute Beziehungen zu den revolutionären Nationalsozialisten als auf ersprießliche Zusammenarbeit mit bürgerlichen Parteien...
13. Hugenberg erstrebte mit Zustimmung der Partei die Zerschlagung der sozialistisch-bürgerlich gemischten "Großen Koalition". Warum führt er den gleichen Kampf gegen ein rein bürgerliches Kabinett fort, in dem auch alte Deutschnationale sitzen? ...
14. Die großen Reformarbeiten des Kabinetts Brüning-Schiele-Treviranus durften nicht abgelehnt werden, wenn man sich nicht gegen die staatspolitischen Belange und gegen das deutschnationale Programm selbst versündigen wollte...
15. Die Auseinandersetzungen betrafen endlich die Entscheidung der Frage, mit welchen Mitteln man die Reform unseres Verfassungslebens und die Herstellung einer starken Staatsgewalt und Staatsautorität wirksam vorbereitet. Vor allem mussten die Landwirtschaft und der Osten vor der Katastrophe gerettet werden. Es genügt nicht, dass man gegen den Marxismus und den Sozialismus den schärfsten Kampf ansagt: er muss aktiv durchgeführt werden.
Das ist unser Ziel!
(aus: Ursachen und Folgen, Bd. 7, S. 357)



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Dok. 4 Aus einer Rede Alfred Hugenbergs auf einer Versammlung der Parteivertreter der DNVP im Festsaal des Preußischen Landtags zu Berlin, 2. Dezember 1931


... Aus dem Lande kommen hunderte Anfragen an mich seit vielen Monaten. Die einen sagen: "Im Wahlkampf von 1930 hast Du gesagt: Macht mir den rechten Flügel stark! Das haben viele Tausende dahin verstanden, dass sie für die Nationalsozialisten stimmen sollten, denn sie bilden doch heute den rechten Flügel" Dazu ein kurzes Wort: Den rechten Flügel bilden noch heute wir Deutschnationalen. Im Geiste der nationalen Erweckung übertrifft uns niemand. Den Kampf gegen Marxismus und Bundesgenossen hat niemand mit solcher Klarheit geführt, wie die von mir geleitete Partei. In allen Wirtschafts- und sonstigen Fragen liegen die Grundzüge unserer Aufbaupläne für jedermann offen da. Wir brauchen in Deutschland nationale Erhebung der Geister und des Willens. Aber wir brauchen in dieser Zeit der Wirrnis und des Schwankens und der äußersten Gefahr auch Nüchternheit und Klarheit. Wer sie will, muss unsere Hausmacht stark machen. Wenn ich also heute sage: "Macht mir den rechten Flügel stark!", so heißt das: "Macht mir die Deutschnationale Volkspartei stark."
Andere Freunde im Lande sagen mir: "Die Nationalsozialisten unseres Bezirkes kämpfen
trotz der gemeinsamen Front auf das schärfste gegen uns. Der Hauptstoß richtet sich heute wahlpolitisch gegen die Bundesgenossen." Dazu muss ich bemerken: Ich kann mich nicht um jeden Stunk im Lande kümmern. Ihr müsst mit den Waffen kämpfen, mit denen ihr bekämpft werdet. Und wenn es irgendwo einmal zu schlimm werden sollte, so wird hoffentlich der gemeinsame Blick auf die Sache die Möglichkeit eröffnen, dass Herr Hitler und ich noch rechtzeitig Ordnung stiften. Damit- will ich in etwas deutlicherer Form das wiederholt haben, was ich kürzlich an anderer Stelle in die Aufforderung gekleidet habe, gegenüber gewissen Äußerungen jugendlichen Überschwanges mit dem gleichen jugendlichen Überschwange zu antworten. Keine nationale Partei darf etwas anderes sein, als ein Werkzeug des Vaterlandes. Ich glaube bewiesen zu haben, dass ich die Sache über die Partei stelle, indem ich zugunsten der nationalen Opposition als Gesamtheit im Juli 1930 die eigene Partei aufs Spiel gesetzt habe ...
(aus: Ursachen und Folgen, Bd. 7, S. 354)


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Dok. 5 Die Görlitzer Richtlinien der Reichspartei des Deutschen Mittelstandes (Wirtschaftspartei) vom 29. Juni 1926


1. Die Reichspartei als politische Standesvertretung. Die "Reichspartei des deutschen Mittelstandes (Wirtschaftspartei) e. V." ist die politische Vertretung des gesamten deutschen Mittelstandes. Ihre vornehmste Aufgabe ist die Erhaltung und Stärkung eines gesunden Mittelstandes. Sie erstrebt durch Ausbau der Verfassungen des Reiches und der Länder die allmähliche Abkehr von den entarteten Formen des Parlamentarismus.
z. Begriff des Mittelstandes. Die Partei bekennt, dass die Zugehörigkeit zum Mittelstand sich nicht auf vermögensrechtliche Merkmale, sondern auf Arbeit, Standesbewusstsein und Gesinnung gründet. Zum Mittelstand gehören alle schaffenden Kräfte im Volke, die sich weder zum klassenkämpferischen Proletariat zählen, noch den Gedanken des persönlichkeitsfeindlichen Kapitalismus vertreten, insbesondere die Angehörigen des Handwerks, des Handels,
des Gewerbes und der freien Berufe, die Bauern, die Hausbesitzer, die Künstler, die Berufsbeamten in öffentlicher oder privater Stellung, die zur Selbständigkeit strebenden, standesbewussten Angestellten, Gesellen, Gehilfen und Handarbeiter.
3. Schutz des selbständigen Mittelstandes. Die Wohlfahrt des Volkes beruht auf dem freien Schaffen möglichst vieler selbständiger Persönlichkeiten. Raum schaffen, dass Menschen Persönlichkeiten werden können, willig zum Folgen, fähig zum Führen, ist das Hauptziel der Partei ...
Die Partei sieht in der wirtschaftlichen und sittlichen Verantwortlichkeit des Einzelnen für sich und die Seinen die stärkste Quelle deutscher Volkskraft. Sie will diese Verantwortung von allen Fesseln befreien und bekämpft daher alle Bestrebungen und Unternehmungen wirtschaftlicher und politischer Art, die geeignet sind, selbständige Mittelstandsexistenzen zu vernichten oder den Aufstieg zum selbständigen Mittelstande zu erschweren.
4. Zusammenschluss des deutschen Mittelstandes. Die Partei will den gesamten geistig und praktisch arbeitenden Mittelstand vereinen und ihm die wirtschaftliche und politische Geltung wiederverschaffen, die ihm nach seiner geschichtlichen und kulturellen Bedeutung gebührt ...
Die Partei richtet durch die Vereinigung des praktischen und geistigen Mittelstandes zu einer sichtbaren Macht die alte deutsche Volks
Kulturgemeinschaft wieder auf. Diese Kulturgemeinschaft kennt keine politischen Grenzen. Gegenüber der internationalen Verbrüderung des Proletariats und dem internationalen Zusammenwirken des Großkapitals lautet der Ruf der Partei: "Nationaler Zusammenschluss des gesamten deutschen Mittelstandes in Europa!" So ersteht den misshandelten deutschen Volksgenossen jenseits der Grenzen im reichsdeutschen Mittelstand der ersehnte Nothelfer zum Heile des gesamten deutschen Volkes.
(aus: Ursachen und Folgen, Bd. 7, S.338f.)


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Dok. 6 Aufruf des kommunistischen "Maikomitees" der Berliner Arbeiterschaft vom 26. April 1929


Die Berliner Arbeiter haben in allen Betrieben beschlossen, am 1. Mai die Arbeit ruhen zu lassen und unter allen Umständen zu demonstrierend. Die Berliner Arbeiter werdender Tradition des Kampfaufmarsches am 1. Mai auch in diesem Jahre trotz Zörgiebel treu bleiben.
Der sozialdemokratische Polizeipräsident Zörgiebel rüstet fieberhaft, um seine Polizei gegen die demonstrierenden Arbeitermassen einzusetzen. Nach dem eigenen Eingeständnis sozialdemokratischer Zeitungen bereitet Zörgiebel "kaltblütig den Arbeitermord für den 1. Mai vor" und rüstet er dazu, "den 1. Mai zu einem Tag der Toten" zu machen. Das Maikomitee der Berliner Arbeiterschaft, gewählt von den Vertretern der wichtigsten Großbetriebe und zahl
reicher Arbeiterorganisationen, warnt den Polizeipräsidenten. Selbst im reaktionären München, selbst in Hamburg, in Kiel, in Schleswig-Holstein - überall sind am 1. Mai die Demonstrationsverbote aufgehoben. Nur der Polizeipräsident Zörgiebel will unter der unbewaffneten Demonstration der Berliner Arbeiterschaft ein Blutvergießen am 1. Mai provozieren. Das Berliner Maikomitee spricht im Namen der Berliner Arbeiterschaft aus, dass die Belegschaften der Betriebe mit dem politischen Massenstreik am 2. Mai antworten werden, wenn Zörgiebel es wagt, am 1. Mai Arbeiterblut zu vergießen.... Das Maikomitee der Berliner Arbeiterschaft. Straße frei für die Massendemonstration! (aus: Hahn, Dokumente, Bd. 4, S. 443f.)


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Dok. 7 Bundesbefehl der zweiten Illegalen Reichs-Führerkonferenz des Roten Frontkämpfer Bundes (RFB)


Kameraden! Danzig, Anfang Januar 1930 In der heutigen Situation, wo der grandiose Vormarsch des sozialistischen Aufbaues in der Sowjetunion von Sieg zu Sieg schreitet, wo die ausbrechende Krise die Grundfesten der kapitalistischen Weltwirtschaft erbeben lässt, wo das Gebäude der kapitalistischen Stabilisierung unter lautem Getöse zusammenkracht, wo Riesenarbeitslosigkeit wütet und die Hungerpeitsche des Kapitals auf das Proletariat niedersaust, wo der Faschismus sich anschickt, die aufflammende revolutionäre Bewegung im Blut zu ersticken, wo die sozialfaschistischen Banditen ihre staatlichen Futterkrippen durch
verschärften Terror gegen die Arbeiterklasse zu verteidigen suchen, wo die imperialistische Meute ein gesteigertes Wettrüsten zum Kriege gegen die Sowjetunion entfaltet, wo der Klassenkampf in allen Ländern eine rapide Zuspitzung erfährt und sich in heftigen Zusammenstößen mit der Ausbeuterklasse und ihren Lakaien ankündigt - in dieser Situation gilt es für die Soldaten der Roten Klassenfront, eine entscheidende Wendung ihrer Arbeit in der Richtung der Mobilisierung und Organisation der proletarischen Massen durchzuführen, um durch Entfachung von revolutionären Massenkämpfen die Entscheidungsschlacht vorzubereiten helfen.
Vorwärts, Kameraden! Formiert die Reihen! Mobilisiert die proletarischen Heerscharen. Im Geiste Karl Liebknechts, Rosa Luxemburgs
und Lenins vorwärts zu neuen Kämpfen, vorwärts zum Siege der proletarischen Revolution! Die zweite illegale Reichs-Führerkonferenz des R. F. B.
(aus: Ursachen und Folgen, Bd. 7, S. 309f.)


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Dok. 8 "Hassbotschaft" des Stahlhelms auf der Tagung vom 4. September 1928 in Fürstenwalde


Wir hassen mit ganzer Seele den augenblicklichen Staatsaufbau, seine Form und seinen Inhalt, sein Werden und sein Wesen. Wir hassen diesen Staatsaufbau, weil in ihm nicht die besten Deutschen führen, sondern weil in ihm ein Parlamentarismus herrscht, dessen System jede verantwortungsvolle Führung unmöglich macht. Wir hassen diesen Staatsaufbau, weil in ihm Klassenkampf und Parteienkampf Selbstzweck und Recht geworden sind. Wir hassen diesen Staatsaufbau, weil er die deutsche Arbeiterschaft in ihrem berechtigten Aufstiegswillen behindert, trotz aller hochtönenden Versprechungen. Wir hassen diesen Staatsaufbau, weil er uns die Aussicht versperrt, unser
geknechtetes Vaterland zu befreien und das deutsche Volk von der erlogenen Kriegsschuld zu reinigen, den notwendigen deutschen Lebensraum im Osten zu gewinnen, das deutsche Volk wieder frei zu machen, Landwirtschaft, Industrie, Gewerbe und Handwerk gegen den feindlichen Wirtschaftskrieg zu schützen und wieder lebensfähig zu gestalten. Wir wollen einen starken Staat, in dem die verantwortungsvolle Führung der Beste hat und nicht verantwortungsloses Bonzen- und Maulheldentum führt.
(aus: Ursachen und Folgen, Bd. 7, S. 423)


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Dok. 9 Aufruf des Bundesvorsitzenden Karl Höltermann, Anfang Januar 1932


... Das Jahr 1932 wird unser Jahr sein, das Jahr des endlichen Sieges der Republik über ihre Gegner. Nicht einen Tag, nicht eine Stunde mehr wollen wir in der Defensive bleiben - wir greifen an! Angriff auf der ganzen Linie! Unser Aufmarsch schon muss ein Teil der allgemeinen Offensive sein. Heute rufen wir - morgen schlagen wir! ...
Die Bürgerkriegspsychose wird und muss gebrochen werden. Die aus der Wirtschaftskrise kommende geistige Lähmung des deutschen Volkes wird weichen, und aus neu erwachendem politischen Tatwillen wird die frische Gestaltungskraft fließen, die zu wirtschaftlichem Aufstieg führt. Der Gehirnkrampf, der weite Teile des deutschen Volkes befallen hat, wird sich lösen, und die Hitlerei wird nicht Köpfe rollen" lassen, sondern mit Kopfschütteln abgetan werden. Es wird freilich eine gewaltige Kraftanstrengung kosten, Darauf kommt es an: von heute an bis zum Mai alle Kraft und alle Macht aller demokratisch gesinnten Deutschen auf den einen Punkt zu konzentrieren: den politischen Sieg! Es gibt keinen andern Weg, um die alles verschlingende Not dieser Zeit zu wenden. Alle gewerkschaftliche Arbeit und Mühe ist für die Katz gewesen; alle sportlichen und kulturellen Erziehungserfolge werden verschüttet, alle Opfer an Lohn- und sozialem. Leistungsabbau sind umsonst gebracht, wenn die Demokratie verloren ist. Aber nichts ist auf die Dauer verloren, und alles ist zu gewinnen, wenn wir den politischen Sieg erringen.... Ihr Kameraden vom Reichsbanner, ihr wisst, was Arbeitswille und Opferwille heißt! Es gilt, mit Reichsbannergeist und Reichsbanner-Opfersinn die Massen der deutschen Republikaner zu erfüllen. Wir wollen gern in vorderster Front stehen, wir wollen gern das Höchste leisten. Es kommt darauf an, Kameraden, durch unser Beispiel mitzureißen und vorwärtszureißen. Wir wollen nichts für uns - alles für Deutschland.
Fertig machen, Kameraden! Wir wollen die ersten sein, die "Fertig!" melden. Fertig zur großen Offensive!


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Dok. 10 Dr. Goebbels zum Tode von Horst Wessel, 27. Februar 1930


... Wenn später einmal in einem Deutschland Arbeiter und Studenten zusammenmarschieren, dann werden sie sein Lied singen, und er wird mitten unter ihnen sein. Er schrieb es hin in einem Rausch, in einer Eingebung, wie aus einem Guss, dieses Lied, das aus dem Leben geboren ward und dazu, wieder Leben zu zeugen. Schon singen es landauf, landab die braunen Soldaten. In zehn Jahren werden es die Kinder in den Schulen, die Arbeiter in den Fabriken, die Soldaten auf den Landstraßen singen. Sein Lied macht ihn unsterblich. So hat er gelebt, so ist er dahingegangen: Ein Wanderer zwischen zwei Welten; zwischen dem Gestern und dem Morgen, dem Gewesenen und dem Kommenden. Ein Soldat der deutschen Revolution! Wie er so manchmal, die Hand am Gurt, stolz und aufrecht, mit dem Lachen der Jugend auf den roten Lippen seinen Kameraden voranschritt, Immer bereit, sein Leben einzusetzen, so wird er mitten unter uns bleiben. Ich sehe im Geiste Kolonnen marschieren, endlos, endlos. Ein gedemütigtes Volk steht auf und setzt sich in Bewegung. Das erwachende Deutschland fordert sein Recht: Freiheit und Brot!
Hinter den Standarten marschiert er mit, in Schritt und Tritt. Vielleicht kennen ihn dann die Kameraden nicht mehr wieder. Viele gingen dahin, wo er jetzt ist. Neue kamen und kamen.
Er aber schreitet stumm und wissend mit. Die Banner wehen, die Trommeln dröhnen, die Pfeifen jubilieren; und aus. Millionen Kehlen klingt es auf, das Lied der deutschen Revolution:
"Die Fahne hoch!"
(aus: Ursachen und Folgen, Bd. 7, S. 371)


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Dok. 11 Protestaufruf Hitlers gegen das Urteil des Sondergerichts Beuthen vom 23. August 1932 (Auszug)


Über 300 niedergemetzelte, ja oft buchstäblich abgeschlachtete Parteigenossen zählen wir als tote Märtyrer. Zehntausende und abermals Zehntausende sind verletzt, und viele unter ihnen bleiben ihr Leben lang Krüppel. Der bürgerliche Rechtsstaat und auch die bürgerliche Journaille nahmen kaum davon Notiz. Erst in dem Augenblick, da endlich das Maß zum Überlaufen voll war und der Terror der roten Mord- und Verbrecherorganisationen unerträglich wurde, schwang sich die Regierung v. Papen blitzschnell zu einer Handlung auf. Am selben Tag fast, an dem die Mörder und Peiniger unserer Ohlauer Parteigenossen mit geringen Strafen davonkamen, obwohl wir bei diesem einen Überfall zwei Tote und 27 Schwerverletzte zu beklagen hatten, haben die Gerichte der Regierung des Herrn v. Papen fünf Nationalsozialsten zum Tode verurteilt.
Deutsche Volksgenossen! Wer von euch ein Gefühl für den Kampf um die Ehre und Freiheit der Nation besitzt, wird verstehen, weshalb ich mich weigerte, in diese bürgerliche Regierung einzutreten. Die Justiz des Herrn v. Papen wird am Ende viele Tausende von Nationalsozialisten zum Tode verurteilen. Glaubte man, dieses von Blindheit geschlagene, das ganze Volk herausfordernde Vorgehen auch mit meinem Namen decken zu können? Die Herren irren sich! Ich wünsche dem nationalen Deutschland den Sieg und seinen marxistischen Zerstörern und Verderbem die Vernichtung. Zum Henker der Freiheitskämpfer des deutschen Volkes aber eigne ich mich nicht. Mit dieser Tat ist unsere Haltung diesem nationalen Kabinett gegenüber endgültig vorgezeichnet.
Es mag der Himmel über uns Qualen über Qualen schicken. Unsere Bewegung wird auch mit dieser Regierung der Hinrichtung unserer Mitkämpfer fertig werden. Herr v. Papen kann ruhig solche Bluttribunale über unsere Bewegung setzen. Die Kraft der nationalen Erhebung wird mit diesem System so sicher fertig, wie sie den Marxismus trotz dieser Versuche zu seiner Rettung dennoch beseitigen wird. Angesichts dieses ungeheuerlichsten Bluturteils gibt es für uns erst recht nur einen einzigen Lebensinhalt: Kampf und wieder Kampf. . . . Wir werden den Begriff national" befreien von dieser Umklammerung durch eine Objektivität, deren wirkliches inneres Wesen das Urteil von Beuthen gegen das nationale Deutschland aufpeitscht. Der Kampf um das Leben unserer fünf Kameraden setzt nun ein.
(aus: Hahn, Dokumente, Bd. 4, S. 578f.)


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Dok. 12 Mitteilung über die Polizeiaktionen gegen Alarmvorbereitungen der SA in Preußen, 17. März 1932


Auf Anordnung des preußischen Ministeriums des Innern hat die Polizei heute vormittag in ganz Preußen in allen Geschäftsstellen der Nationalsozialistischen Partei und ihrer Sturmabteilungen (SA) Haussuchung abgehalten. Veranlassung dafür war, dass im Zusammenhang mit der Präsidentenwahl an zahlreichen Orten Feststellungen gemacht wurden, die eindeutig erkennen ließen, dass die Nationalsozialisten ihre SA für den Fall eines Wahlerfolges zum gewaltsamen Vorgehen gegen die übrige Bevölkerung, zur Anmaßung behördlicher Funktionen und zum bewaffneten Kampf gegen die politischen Gegner der Nationalsozialisten bereitgestellt hatten. Aus dem Material, das der preußischen Regierung in dieser Beziehung vorliegt, kann im folgenden nur eine Auswahl wiedergegeben werden:
Die polizeilichen Feststellungen im Gesamtgebiet des Freistaates Preußen haben ergeben, dass am Wahltage die sogenannten SA-Formationen der NSDAP in Alarmbereitschaft standen. Die Anordnung dieser Maßnahmen war von der Münchener Befehlsstelle ergangen. Es ist belanglos, ob die Leitung der NSDAP die Vorbereitungen ihrer Parteibezirke zum Bürgerkrieg offiziell billigt oder verleugnet. Die vielfachen Feststellungen der Polizei in fast allen Gebieten des preußischen Ostens und Nordens lassen keinen Zweifel darüber aufkommen, dass "System" in den Vorbereitungen lag, dass mindestens viele Gruppen- und Unterführer der SA ernsthafte Gewaltmaßnahmen ins Auge gefasst haben.
Im Kreise Oldenburg in Holstein war den Angehörigen der SA aufgegeben worden, sich am 12. März für längere Zeit mit Proviant zu versehen. Der Grund für diese Anordnung war die Absicht, die SA-Leute auf Kraftwagen nach Berlin zu transportieren. In die gleiche Richtung weisen die Feststellungen in Wandsbek; dort haben in den letzten Tagen vor der Wahl SA-Kommandos bei den Landwirten Quartier gemacht für das bevorstehende Zusammenziehen größerer SA-Formationen. Überall ist denn auch am Wahltage im südlichen Holstein die Zusammenziehung der SA in größeren Trupps beobachtet worden. Wie ernst es der SA-Leitung mit ihren Plänen gewesen ist, beweisen die Mitteilungen, die unter anderem im Kreise Süd-Tondern (Schleswig) ein SA-Führer in einer vertraulichen Führerbesprechung gemacht hat. Er wies auf die Notwendigkeit schleuniger Aufstellung von SA-Reserven hin, da ja nun die aktive SA vom Lande fortgezogen werden müsse. Denn die aktive SA müsse den zur Macht gekommenen Hitler in den Großstädten unterstützen, da dort die Polizeikräfte nicht ausreichten. Die aktive SA würde für diese Tätigkeit Gewehre aus den Beständen der Polizei erhalten.
In krassem Widerspruch zu der vom Führer der NSDAP beschworenen Verleugnung aller Gewaltpläne stehen auch die gerade in den letzten Tagen bei Angehörigen der SA gemachten Waffenfunde. Am 12. März 1932 ist, wie schon berichtet wurde, ein nationalsozialistischer Waffentransport im Kreise Einbeck (Hannover) von der Polizei gestellt worden. Mitgeführt wurden Infanteriegewehre, Gewehrmunition und 18 neue, vollständig gepackte Tornister, die namentlich ausgezeichnet waren und in denen sich Stahlhelme, Gewehr- und Pistolenmunition, Blechschachteln mit Sprengstoff, Sprengkapseln und Zündschnüren befanden. Die Waffen waren für SA- und SS-Leute bestimmt.
(aus: Ursachen und Folgen, Bd. 8, S. 447-449)

 


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letzte Änderung: 21.05.2004 13:55
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