Die Weimarer Republik
|
|||
1. Seit Kurt Sontheimer 1962 seine breitangelegte Untersuchung zum "Antidemokratischen
Denken in der Weimarer Republik"(1) herausbrachte, fehlt
in kaum einer Darstellung der Geschichte oder des Systems der Weimarer Republik
ein Hinweis auf dieses Phänomen. Die Aufmerksamkeit von Wissenschaft (Zeitgeschichte
und Politikwissenschaft vor allem) und Publizistik ist auf diesen Problemzusammenhang
gerichtet; je nachdem, wo der Betrachter steht, wird er mal mehr als Phänomen
der Linken, mal mehr als Phänomen der Rechten verortet. Vom Ende der Weimarer
Republik und der Machtergreifung des Nationalsozialismus her gesehen, wird man
die rechte Variante des antidemokratischen Denkens und Handelns in ihrer politischen
Bedeutung höher einschätzen als die linke; gleichwohl wird man die
linke Variante nicht unterschätzen dürfen, einmal weil sie in der
frühen und mittleren Phase der Weimarer Geschichte politische Bedeutung
erlangte, zum anderen weil sie gerade in der Endphase wesentlich zur Schwächung
der Weimarer Republik beigetragen hat. Bildeten doch linke und rechte antidemokratische
Kräfte, Kommunisten und Nationalsozialisten etwa im Deutschen Reichstag,
eine unheilige Koalition, die zwar nicht in konstruktiver Politik, wohl aber
in der Destruktion des Weimarer Systems" vielfach zusammenging.
Was ist daraus zu lernen? Auf jeden Fall das, dass es nicht angeht, die antidemokratischen
Kräfte entweder nur auf der rechten oder nur auf der linken Seite des politischen
Kräftefeldes der Weimarer Republik zu suchen, sondern sowohl die linke
als auch die rechte Variante in ihrer Bedeutung ernstzunehmen und daher in die
Betrachtung einzubeziehen. Sind doch beide Varianten - wenn auch möglicherweise
in verschiedenen Intensitäten - ursächlich dafür verantwortlich,
dass die Demokratie von Weimar als Demokratie ohne Demokraten" nach nur
knapp 14 Jahre des Bestehens zusammenbrach und im Strudel des rechten Totalitarismus
unterging. Die Republik hatte zugleich gegen den linken und den rechten Antidemokratismus
zu kämpfen.
2. Um den genauen Sinn des Begriffs "antidemokratisches Denken" zu
verstehen, ist es angebracht, diesen Begriff mit zwei anderen ähnlichen,
bedeutungsmäßig aber verschiedenen Termini zu konfrontieren: mit
undemokratisch" und nvordemokratisch".
"Vordemokratisch" werden in manchen historischen Arbeiten die deutschen
Verhältnisse im Bismarckreich bezeichnet: die Machtverteilung z. B. zwischen
Parlament und Regierung; die Tatsache, dass die Regierung dem Reichstag nicht
verantwortlich war; aber auch die politische Kultur im Bismarckreich mit ihrer
stark traditionell-autokratischen Struktur, oder das damalige Dreiklassen-Wahlsystem
in Preußen und das deutsche Parteiensystem. In vordemokratischen Staaten
oder Gesellschaften sind demokratische Verhaltensweisen oder Strukturen (noch)
nicht ausgebildet und daher (noch) nicht zu erwarten; die politische Entwicklung,
vor allem die der politischen Kultur, ist (noch) nicht soweit fortgeschritten.
Diese Begriffsverwendung von "vordemokratisch" ist analytisch sicher
sinnvoll und erhellend. Mit diesem Begriff sind die Zustände in Deutschland
vor 1914 sicher angemessen zu beschreiben.
Ähnliches kann man auch von dem Begriff "undemokratisch" sagen;
in seiner Bedeutung wird er sich eher auf einzelne Verhaltensweisen von Individuen
oder Gruppen beziehen; diese oder jene Aussage oder Handlungsweise wird als
"undemokratisch" bezeichnet; man meint damit, sie weicht von (allgemein
anerkannten) Regeln und Verfahren der Demokratie ab - beabsichtigter- oder unbeabsichterweise;
man spricht auch von "undemokratischen" Verhältnissen oder Strukturen
und meint damit z. B. autoritäre oder totalitäre Machtkonstellationen,
die eine Entwicklung zur Demokratie hemmen oder hindern. Auch dieser Begriff
passt auf manchen Aspekt des Bismarckreiches.
Demgegenüber bezeichnet der Begriff "antidemokratisches" Denken
und Verhalten ein bewusst und entschlossen gegen (bestehende oder sich entwickelnde)
demokratische Verfassungsverhältnisse gerichtetes Denken und Verhalten
- mit der erklärten Intention, diese Demokratie zu zerstören. "Antidemokratisches"
Denken und Verhalten ist mithin wesentlich aggressiver und gefährlicher
als vor- oder undemokratisches. Eine Demokratie kann mit einem gewissen Maß
an vor- und undemokratischem Denken und Verhalten durchaus leben; schwerlich
hingegen mit antidemokratischem Denken und Verhalten, das von seiner Wesensart
sich nicht als mehr oder weniger passiver Zustand oder Habitus, sondern als
eine die bestehende politische Ordnung ausdrücklich und militant in Frage
stellende Aktivität darstellt. Antidemokratisches Denken und Verhalten
ist eine ausdrückliche "Kriegserklärung" an die Demokratie,
die auch vor Gewaltanwendung nicht zurückschreckt.
Im Hinblick auf die Weimarer Demokratie haben wir es phänomenologisch mit
vor- und un- und antidemokratischem Denken und Verhalten zugleich zu tun. Vor-
und undemokratisches Denken und Verhalten erwuchsen vor allem aus der Tatsache,
dass der Übergang von der (autoritären) Monarchie zur (demokratischen)
Republik 1918/19 abrupt und ohne Vorbereitung geschah. Das antidemokratische
Denken und Verhalten entstand demgegenüber aus einer mehr oder weniger
klar ideologisch definierten Antiposition und Reaktion zur westlichen Demokratie,
ihren Einrichtungen und ihrer politischen Kultur; es ging auf Ausschaltung und
Zerstörung von Demokratie aus.
Zwar gingen auch vom vor- und undemokratischen Denken und Verhalten während
der Weimarer Zeit, vor allem in ihrer Endphase, Gefahren für die Demokratie
aus; mit ihnen wäre man aber sicher fertig geworden, hätte es da nicht
auch noch linksextremes und (vor allem) rechtsextremes antidemokratisches Denken
und Handeln gegeben; von diesem ging die eigentliche Gefahr für die Weimarer
Demokratie aus; daher werden wir uns im folgenden auch hauptsächlich mit
diesem antidemokratischen Denken und Verhalten genauer befassen.
3. Zuvor ist zu klären: Welche gesellschaftlichen und politischen Bereiche,
welche Gruppenbildungen, welche Ideenbildungen müssen unter der Fragestellung
"antidemokratisch" in die Betrachtung einbezogen werden?
- Von den politischen Parteien ist in diesem Kapitel abzusehen, weil sie ja
bereits in einem vorangehenden Kapitel dieses Bandes behandelt wurden. Es ist
unbestritten, dass sich antidemokratische Parteien gebildet hatten, die gegen
die Weimarer Republik ankämpften.
- Das Volk im Ganzen ist schwer in eine Analyse einzubeziehen; auch gerade in
historischer Hinsicht, insofern es ja in der Weimarer Republik noch keine Meinungsbefragungen,
wie wir sie heute allmonatlich als "Politbarometer" zur
Verfügung haben, gab. Hier wird man auch eher vor- und undemokratische
Tendenzen antreffen, die eher diffusen Charakter zeigen.
- Man wird stattdessen besser wichtige gesellschaftliche Organisationen oder
Einrichtungen wie Kirchen, Universitäten, Amtseliten in den Vordergrund
stellen - als gesellschaftliche Führungsgruppen, die aufgrund dieser Führungsposition
nachdrücklich - positiv oder negativ - die politische Kultur der Gesamtgesellschaft
bestimmen (können), von denen insofern ein maßgeblicher Einfluss
auf andere gesellschaftliche Kreise, vielleicht sogar auf weite Teile der Bevölkerung
ausgeht, insofern sie andere Menschen in ihrem politischen Denken und Handeln
leicht beeinflussen und so nicht selten vor- und undemokratisches Denken und
Verhalten in antidemokatisches radikalisieren.
Für das politische Denken in der Weimarer Republik, in der es ja noch keine
Politikwissenschaft als etablierte Universitätsdisziplin gab, wird man
des weiteren die tonangebende zeitgenössische Staatswissenschaft für
diese Epoche, verkörpert in der juristischen "Staatslehre", in
die Analyse miteinbeziehen müssen. K. Sontheimer hat in seinem oben angeführten
Werk, aber auch noch in weiteren Schriften, die Bedeutung dieser "Staatslehre"
für das politische Denken der Epoche kritisch herausgearbeitet und ihr
antidemokratisches Potential aufgewiesen.
Schließlich wird man ganz allgemein den sogenannten Intellektuellen"
eine sozialrelevante Wirkung, eine politische Meinungsbildungsfunktion einräumen
müssen. Die entscheidende Frage, die sich hier - in Analogie zum Titel
eines einflussreichen zeitgenössischen Buches von Julien Benda - stellt,
lautet: Haben die Intellektuellen (oder Teile derselben) einen Verrat"
an der jungen deutschen Demokratie und ihren leitenden Ideen und Werten begangen;
kann man entsprechend von einem "Verrat der Intellektuellen" (Julien
Benda) auch in Deutschland sprechen? Auch auf diese Frage wird es keine glatte
und pauschale Antwort geben können; man wird auch hier differenzieren müssen.
Denn auch die Intellektuellen der Weimarer Zeit waren politisch nicht "freischwebend"
(K. Mannheim), sondern hatten jeweils ihre (partei)politischen und ideologischen
Optionen und Präferenzen und standen somit der Weimarer Demokratie teils
positiv-affirmativ, teils kritisch-ablehnend, teils auch gleichgültig und
indifferent gegenüber; sie waren teils linken Ideologien (Marxismus), teils
rechten Ideologien (z. B. der "konservativen Revolution") verpflichtet.
Exemplarisch werden diese Positionen und ihre politischen Auswirkungen an einzelnen
Persönlichkeiten und ihren Schriften zu beleuchten sein.
Damit ist im groben Umriss skizziert, worum es auf den folgenden Seiten gehen
soll. Man wird vorab schon - gerade aufgrund der Erfahrungen mit der ersten
deutschen Demokratie von 1918 bis 1933, besonders aber in ihrer Schlussphase
1929 bis 1933behaupten können, dass geistige Kräfte so verschiedener
Herkunft und Wirkung wesentlich das Schicksal der Demokratie von Weimar mitbestimmt
haben - neben der problematischen Verfassungsstruktur, neben den außenpolitischen
Belastungen, neben den ökonomischen und sozialen Problemen und neben der
Parteienzersplitterung. Dass die geläufige Rede von der Weimarer Republik
als Republik ohne Republikaner", als "Demokratie ohne Demokraten"
- trotz ihres Schlagwortcharakters - die Situation sehr gut trifft, hat darin
seine überzeugende Begründung.
1929
Literatur-Nobelpreis an Thomas Mann
Alfred Döblin: "Berlin Alexanderplatz"
Ernst Cassirer: "Philosophie der symbolischen Formen"
Martin Heidegger: "Was ist Metaphysik?", "Kant und das Problem
der Metaphysik"
Karl Mannheim: "Ideologie und Utopie"
Albert Einstein: "Allgemeine Feldtheorie"
Ernst Jünger: "Das abenteuerliche Herz"
Erich Kästner: "Emil und die Detektive"
Erwin Piscator: "Das politische Theater"
Erich Maria Remarque: "Im Westen nichts Neues"
Kurt Tucholsky: "Deutschland, Deutschland über alles"
Karl Zuckmayer: "Katharina Knie"
"Deutsche Christen" bilden sich in der evangelischen Kirche, treten
für "artgemäßes" Christentum ein.
1930
Hans Fallada: "Bauern, Bonzen, Bomben"
Lion Feuchtwanger: "Erfolg"
Sigmund Freud: "Das Unbehagen in der Kultur"
Thomas Mann: "Die Forderung des Tages"
Robert Musik "Der Mann ohne Eigenschaften"
Alfred Rosenberg: "Der Mythos des 20. Jahrhunderts"
Werner Sombart: "Die drei Nationalökonomien. Geschichte und System
der Lehre von der Wirtschaft"
"Der blaue Engel", Tonfilm nach "Professor Unrat" von Heinrich
Mann
"Im Westen nichts Neues", Film nach Remarque Joseph Roth: "Hiob"
Ernst von Salomon: "Die Geächteten"
1931
Albert Einstein unterstützt die Internationale der Kriegsdienstverweigerer
Hermann Broch: "Die Schlafwandler"
Ernst Jünger: "Die totale Mobilmachung"
Erich Kästner: "Fabian. Die Geschichte eines Moralisten"
Karl Jasper: "Die geistige Situation der Zeit"
Max Scheler: "Die Idee des Friedens und der Pazifismus"
Walter Jellinek: "Grenzen der Verfassungsgesetzgebung"
Jürgen Kuczynski: "Die Lage des deutschen Industriearbeiters"
Erich Reger (eig. Hermann Dannenberger): "Union der festen Hand"
Erich Maria Remarque: "Der Weg zurück" Josef Roth: "Radetzkymarsch"
Rene Schickele: "Das Erbe am Rhein"
Karl Zuckmayer: "Der Hauptmann von Köpenick"
Arnold Zweig: "Junge Frau von 1914"
Oswald Spengler. "Der Mensch und die Technik"
NS-Studentenbund erlangt Mehrheit in der Deutschen Studentenschaft
"Die Dreigroschenoper" (Film von Pabst)
1932
Letzte deutsche Verfassungsfeiern im Zeichen des Goethejahres
Internationale Feier des 100. Sterbetages Goethes Bert Brecht: "Heilige
Johanna der Schlachthöfe"
Hans Fallada: "Kleiner Mann - was nun?"
Gerhart Hauptmann: "Vor Sonnenuntergang"
Karl Barth: "Kirchliche Dogmatik"
Karl Jaspers: "Philosophie"
Ludwig Klages: "Der Geist als Widersache der Seele"
Hugo von Hofmannsthal: "Andreas oder die Vereinigten"
Ernst Jünger: "Der Arbeiter, Herrschaft und Gestalt"
Thomas Mann: "Goethe als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters"
"Kuhle Wampe" ("Wem gehört die Welt", Film von S. Th.
Dudow nach Brecht und Weill, wird verboten)
1933
"Warum Krieg?" (Antwortbrief Sigmund Freuds an Albert Einstein)
Theodor Haecker: "Was ist der Mensch?"
Max Planck: "Wege zu physikalischer Erkenntnis"
Ernst von Salomon: "Die Kadetten"
Franz Werfel: "Die vierzig Tage des Musa Dagh"
Der plötzliche und unvorbereitete Übergang Deutschlands aus Niederlage
und Revolution von der (autoritären) Monarchie zur (demokratischen) Republik
1918/19 konnte natürlicherweise nicht unmittelbar eine Gesamtsituation
bewirken, in der alle Individuen und Gruppen in Deutschland einmütig der
neuen politischen Ordnung zustimmten und sich für sie entschlossen engagierten.
Man wird wohl zumindest drei Richtungen unterscheiden können: einmal die
demokratische Richtung, d. h. die Deutschen, die schon im Kaiserreich auf die
Demokratisierung Deutschlands mit allen ihren Kräften hingearbeitet hatten
und sich jetzt in der Phase der Erfüllung dieser politischen Wünsche
wiederfanden und die also zurecht als Demokraten zu bezeichnen sind. Zum anderen
die gesellschaftlichen Kreise, die bisher in einem loyalen Verhältnis zu
Kaiser und Reich gestanden waren, die aufgrund dieser traditionellen Bindung
die Revolution vom Grund ihres Herzens ablehnten und jetzt - nach deren Vollzug
- sich mit den neuen politischen Gegebenheiten - mit Republik und Demokratie
- abzufinden bereit waren; sie nannten sich selbst (mit einem Wort des Historikers
Friedrich Meinecke) "Vernunftrepublikaner" und engagierten sich als
solche in den Jahren der Weimarer Republik ernsthaft und glaubhaft für
diesen Staat und seine Verfassung; man wird sich indes nicht darüber verwundern
können, dass Vertreter dieser Gruppe in der abschließenden Krise
des Weimarer Staates sich von diesem und seinem Schicksal mehr und mehr distanzierten.
Schließlich gab es noch eine dritte, in sich nochmals gespaltene Richtung:
dies waren die, die sich vom ersten Augenblick als strikte Gegner der neuen
Demokratie und Republik verstanden und bekannten. Sie waren unter sich gespalten,
je nach den maßgeblichen Gründen, die sie zur Ablehnung der Weimarer
Republik führten. Auf eine kurze Formel gebracht: die einen, weil ihnen
die Revolution von 1918/19 nicht weit genug ging, die anderen, weil es überhaupt
eine Revolution und damit eine Zerstörung der alten Herrschaftsstrukturen
durch. den verlorenen Weltkrieg und durch die revolutionären Umstürze
gegeben hatte. Die einen (Kommunisten und Linkssozialisten) engagierten sich
für eine Fortsetzung der Revolution im Sinn der sowjetischen Revolution
in Russland; für sie war die Weimarer Republik mithin nur eine Durchgangsstation
auf dem Wege des Sozialismus. Die anderen (reichstreue, rechtskonservative Nationalisten,
Nationalsozialisten etc.) engagierten sich für die Überwindung des
"Schandfriedensdiktats" von Versailles und die aus der Niederlage
Deutschlands entstandene Demokratie. Unter ihnen gab es solche, die an eine
Restauration der Monarchie in Deutschland dachten, weil sie die Monarchie für
die den Deutschen am besten zukommende Staatsform hielten, und solche, die eine
konservative Revolution faschistischer oder nationalsozialistischer Form vorbereiten
wollten, weil sie mit der Normalität einer demokratischen Republik für
sich nicht zurechtkamen.
Diese politischen Polarisierungen, die gleich mit dem Entstehen der Weimarer
Demokratie entstanden, schwächten sich zwar in der mittleren Phase (1924-1929)
unter dem sich verbessernden Bedingungen der Innen- und Außenpolitik,
Sozial- und Wirtschaftspolitik deutlich ab, brachen aber in der Schlussphase
(1929-1933) erneut und noch heftiger wieder auf, als unter den wachsenden Krisen
die Stabilität der Republik schwand. Ihre wachsende Virulenz wurde zu einem
ernsten Faktor der der Destabilisierung der politischen Ordnung und' politischen
Kultur des Weimarer Staates.
Gerade gegenüber diesen wachsenden Krisenerscheinungen schwand auch die
Loyalität der Bürger, die aus dem genannten Vernunftrepublikanismus"
zur Weimarer Demokratie gehalten hatten. Kurz gesagt: die wachsende ökonomische
und soziale Notlage in der Folge der Weltwirtschaftskrise seit 1929 verstärkte
deutlich die antidemokratischen Tendenzen in Deutschland. Damit wurde das antidemokratische
Denken zur ernsthaften Gefahr für die ohnehin noch schwach ausgebildete
Demokratie.
Wenn wir uns jetzt zunächst den Kirchen als vordemokratischen gesellschaftlichen
Kräften zuwenden, so ist vorab festzuhalten, dass diese Institutionen und
die Menschen, die in ihnen als Amtsträger tätig waren, kein starkes
Interesse oder gar Engagement für die neue Demokratie mitbrachten. Von
Hause aus, d. h. durch die ,lange Gewöhnung an die alten Herrschaftsverhältnisse
und die eingeübte Treue gegenüber den alten Machtträgern der
monarchischen Systeme geprägt, standen sie der neuen Demokratie eher skeptisch
bis ablehnend gegenüber. Sie hätten lieber eine Restauration der alten
Herrschaft in Reich und Ländern gesehen.
Weder in der katholischen noch in der protestantischen Tradition war damals
bereits ein positives Demokratieverständnis entwickelt worden. Insofern
konnte man nicht erwarten, dass die Kirchen einen besonderen Einsatz brachten,
um demokratische politische Kultur zu verbreiten und zu festigen. Dass der neue
demokratische Staat durch eine (wenn auch weitgehend gemäßigte) Revolution
durchgesetzt worden war, dass die neuen tragenden politischen Kräfte zunächst
stärker aus der Arbeiterbewegung und der Sozialdemokratie rekrutiert wurden,
musste die neue Demokratie in kirchlichen Kreisen eher suspekt machen. So kam
für sie zunächst nicht einmal generell eine "vernunftrepublikanische
Haltung" infrage.
Diese grundsätzlich skeptische und distanzierte Haltung der Kirchen gegenüber
der Republik von Weimar ist eigentlich bis zu deren Ende wirksam geblieben.
Zwar traten die Kirchen offiziell für Loyalität der Christen zum Staat
ein; der Verfassung und dem demokratischen Verfahren in der Politik gegenüber
hielt man aber durchweg auf Distanz. Das wurde auch nicht dadurch voll kompensiert,
dass es in der Weimarer Republik zumindest auf katholischer Seite im "Zentrum"
eine politische Partei gab, die - im Rahmen der "Weimarer Koalition"
gemeinsam mit der SPD und der DDP - zu den verfassungs- und staatstragenden
Parteien gehörte; dass es in dieser Partei engagierte Katholiken als zugleich
engagierte Demokraten gab, die sich gerade auch in den Anfängen für
die Demokratie einsetzten; man denke an den ersten Finanzminister der Weimarer
Republik Matthias Erzberger oder an den Kölner Oberbürgermeister Konrad
Adenauer, der antidemokratischen Äußerungen des Kardinals Faulhaber
auf dem Katholikentag 1922 entschieden entgegentrat, oder an die Reichskanzler
Wirth und Brüning und an andere katholische Politiker mehr. Ähnliches
könnte man von protestantischen Christen feststellen: man denke an Friedrich
Naumann, Ernst Troeltsch u. a., die vor allem in der Frühphase einen wesentlichen
Beitrag für die ideenmäßige Fundierung der Republik leisteten.

(Der Berliner Bischof Dr. Schreiber beim Verlassen des Wahllokals bei der
Reichstagswahl am 14. September 1930)
Gleichwohl bleiben die Kirchen als Institutionen der religiösen Heilsverkündigung
und -vermittlung zur Weimarer Demokratie auf Distanz und wirkten entsprechend
auf ihre Gläubigen. Auch in der dritten und letzten Phase der Weimarer
Geschichte (1929-1933), die durch die verschiedenen Herausforderungen zur eigentlichen
Krisenepoche der Weimarer Republik wurde, in der die Nazis unter Hitler jetzt
ihre ebenso überraschenden wie folgenreichen Erfolge und Einbrüche
durchsetzen konnten, haben sich die Kirchen nie voll und ganz für die Weimarer
Republik und ihre Verfassungsordnung engagiert. Diese bleibende Distanz hat
negativ auf die politische Kultur von Weimar gewirkt; wenn die Kirchen auch
nicht im strikten Sinn antidemokratisch waren, so blieben sie doch gleichwohl
in ihren Formen und in ihren Gedanken über Politik deutlich vordemokratischen
Vorstellungen und Ideen verpflichtet.
Ähnlich schwer fiel es den Hochschulen und weiten Teilen der Professorenschaft
sowie den Studenten, ein positives Bild vom neuen demokratischen Staat zu gewinnen
und die Demokratie zu bejahen und zu unterstützen. Das hatte durchaus ähnliche
Gründe wie bei den Kirchen.
Auch die deutschen Universitäten und mit ihnen die Professoren- und Studentenschaft
waren zu Beginn der Weimarer Republik nicht demokratisch. Dazu waren sie viel
zu stark in das kaiserliche System integriert gewesen. So wie es zwischen. Thron
und Altar' zu einer engen Verbindung gekommen war, so auch zwischen Thron und
Universitätskatheder: In beiden Fällen beruhte dies nicht zuletzt
auf der Identifizierung von Kirchen und Universität mit dem traditionellen
Herrschaftssystem; ein entsprechendes System der Sozialisation (Erziehung, Bildung,
Rekrutierung des Nachwuchses) sorgte dafür, dass keine oder nur wenige
Opponenten zu diesem politischen System in das Kirchen- und Universitätswesen
Zugang fanden.
Als 1918/19 das kaiserliche Deutschland durch die demokratische Republik von
Weimar abgelöst wurde, stand die deutsche Universität keineswegs engagiert
auf der Seite der Republik; weder Professoren noch Studenten!
Viele der Professoren, die aus dem Kaiserreich in die Republik übergingen,
blieben eindeutig Anhänger des alten Regimes; so feierten sie auch nicht
den Weimarer Verfassungstag am 11. August, sondern den Reichsgründungstag
im Januar; das Argument, dass der Verfassungstag im August in die Semesterferien
fiele und so im akademischen Bereich nicht wirklich gefeiert werden könne,
war eine schlichte Ausrede, die kaum die in dieser Handlung geoffenbarte anti-
oder undemokratische Gesinnung verdeckte. Man blieb in den kaiserlichen Vorstellungen
verhaftet - auch in der Demokratie.
Nur eine Minderheit der Professoren der Weimarer Zeit fand den Weg zu einem
"Vernunftrepublikanismus", wie Friedrich Meinecke das nannte: das
bedeutete im Kern, dass die neue Republik auch ihnen keine "Herzenssache"
war, dass sie vielmehr nur die historischen Tatsachen des Endes der Monarchie
und der Einrichtung von Demokratie und Republik verstandesmäßig wahrnahmen
und akzeptierten und darauf eine entsprechend eher schwache Loyalität gegenüber
dem neuen Staat aufbauten. Wie wenig tiefgreifend diese Loyalität war,
zeigt der Vorfall an der Berliner Universität, als man dort die Anwesenheit
des (sozialdemokratischen) Reichspräsidenten Friedrich Ebert bei einer
Veranstaltung der Universität von Seiten der Professorenschaft missbilligte!
Überzeugte Demokraten, die es auch wagten, in Universität und Öffentlichkeit
beherzt und überzeugend für die neue Republik und ihre Werte einzutreten,
gab es während der ganzen Zeit der Weimarer Republik nur wenige. Der Staatsrechtler
Hermann Heller zählte sicher zu ihnen. Sie fanden mehr Ablehnung als Zustimmung
und Unterstützung bei ihren Kollegen.
Die Zahl der (häufig auch unpolitischen) "Vernunftsrepublikaner",
die gewissermaßen die Mitte der Professorenschaft ausmachte, war kräftemäßig
nicht so stark und so engagiert, dass von ihr - auch gerade in der wachsenden
Krise der Weimarer Republik ab 1929/30 - etwas Positives und Rettendes für
die Republik ausgehen konnte; gesinnungsmäßig waren sie vielfach
selbst nicht so von Demokratie und Republik überzeugt, als dass man von
ihnen eine bedeutende demokratiestützende Wirkung auf die Studentenschaft
und die Öffentlichkeit hätte erwarten können. Die größte
Gruppe - quer durch alle Fakultäten der damaligen deutschen Universitäten
- war wohl die Schar der un- oder gar antidemokratisch eingestellten Professoren,
von denen viele auch keine Skrupel hegten, diese ihre ablehnende Einstellung
gegenüber der Weimarer Republik, ihren Institutionen und Repräsentanten
vom geschützten Platz der Lehrkanzel herab ihren studentischen Zuhörern
zu offenbaren und diese dadurch mit antidemokratischem Gedankengut zu infizieren.
Bemerkenswert ist darüber hinaus die Tatsache, dass auch in der Studentenschaft
' der Weimarer Zeit die Ideen und Werte der Demokratie von Anfang an wenig positiven
Widerhall fanden und sich auch später kaum entfalten konnten. Als Thomas
Mann 1922 seine berühmte Rede "Von deutscher Republik" in der
Berliner Universität zu Ehren von Gerhart Hauptmann hielt, hatte der Redner
nicht zufällig mit den pfeifenden und scharrenden Studenten unter den Zuhörern
zu kämpfen, die von seiner Herleitung des demokratischen Gedankens aus
der deutschen Geistesgeschichte, speziell aus der Romantik, wie Thomas Mann
dies in seiner Rede versuchte, hörbar nichts wissen wollten.
Man muss als Erklärung für dieses Verhalten und die entsprechenden
antidemokratischen Einstellungen der Studenten in der Weimarer Zeit sicher in
Anschlag bringen, dass die soziale Situation der rd. 100 000, überwiegend
noch aus bürgerlichen und kleinbürgerlichen Verhältnissen stammenden
Studenten extrem schlecht war; Not und Krankheit, Wohnungsnot herrschten durchweg;
und die Studenten, die zum Teil unmittelbar aus dem Kriegsdienst an die Hochschulen
zurückkamen, mussten sich von Staat und Gesellschaft verlassen fühlen.
Es ist nicht übertrieben, von Verelendung der Studenten zu sprechen; Unterernäherung,
Krankheiten wie Tuberkulose waren an der Tagesordnung; die Wohnungssituation
war katastrophal; die finanzielle Ausstattung absolut unzureichend.
Zwar entstanden in dieser wohl extremsten Notlage der deutschen Studenten mit
dem "Deutschen Studentenwerk" (seit 1929), der "Studienstiftung
des Deutschen Volkes" (seit 1925) und anderen sozialen Einrichtungen, die
Wohnheime, Mensen und auch Stipendien zur Verfügung stellten, wirksame
Hilfsinstitutionen, die allerdings nicht ausreichten, die extreme studentische
Not zu beseitigen. Die Studenten mussten zur Selbsthilfe greifen: Das "Werkstudententum"
kam damals auf; während des Semesters arbeiteten im Jahr 1923 z. B. 53
Prozent der Studenten; und in den Ferien über 90 Prozent, zwei Fünftel
davon in der Industrie. Auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise nach 1929
konnte diese Arbeit allerdings kaum mehr die größte Not der Studenten
lindern. Die Studenten Jobs fielen der wachsenden Arbeitslosigkeit zum Opfer.
Staatliche Hilfe gab es zunächst kaum; 1920 wurde ein Betrag von 50 000
Reichsmark (!) "zur unmittelbaren Unterstützung der sozialen Bestrebungen
der Studentenschaft" zur Verfügung gestellt; 1922 kam dieser Posten
in den außerordentlichen, 1924 in den ordentlichen Haushalt der Republik;
zwischen 1924 und 1930 wurden staatlicherseits nur rd. 30 Millionen Mark - für
Darlehen und Studentenheime - zur Verfügung gestellt. Auf dem Höhepunkt
der Krise um 1930 wurde diese geringe Förderung sogar noch reduziert.
Diese Erfahrung der Not hat nicht dazu beigetragen, die Studenten für die
Demokratie und ihre Werte zu begeistern; im Gegenteil! Es ist angesichts dieser
desolaten Lage der deutschen Studenten nicht erstaunlich, dass die Studenten,
die unter ihrer sozialen Lage litten, politisch in ein kritisches Verhältnis
zur neuen Republik traten. Dazu trugen einmal die traditionellen Studentenverbindungen
bei, die überwiegend antiquiertes und konservatives Gedankengut pflegten
und vielfach über ihre "Alten Herren" mit dem kaiserlichen Regime
sympathisierten; auch die katholischen Verbindungen (CV und KV) bewahrten -
auch aufgrund ihres Herkommens - Distanz zur Republik und Demokratie.
Entscheidender indes für die Stellung der Studentenschaft zu Politik und
Staat war die Tatsache, dass sich schon sehr früh rechtsradikale und nationalsozialistische
Studentengruppen bildeten und dass es ihnen noch vor Ende der Weimarer Republik
gelang, die Deutsche Studentenschaft zu beherrschen mit der Folge, dass die
deutschen Universitäten bereits vor der NS-Machtergreifung (1933) weitgehend
von den NS-Studentenorganisationen erobert waren; die Universitäten, die
Professorenschaft und auch die Kultusministerien (etwa in Preußen) konnten
diesen Handstreich nicht verhindern.

Bereits im Februar 1926 wurde der "Nationalsozialistische Studentenbund"
von dem Münchner Jurastudenten W. Tempel gegründet. Zweck des Verbandes
sollte sein "nach innen Heranbildung des geistigen Nachwuchses für
die (NS-)Bewegung, nach außen Verbreitung der NS-Idee unter den Akademikern"
sowie "die Erkämpfung einer maßgebenden Stellung in der Studentenschaft"(2)
Offensichtlich "zog" dieses Programm; denn Ende 1926 existierten
bereits 21 NS-Hochschulgruppen mit rd. 300 Mitgliedern. 1928 kam es zu einem
wichtigen Führungswechsel: Der Germanistikstudent Baldur von Schirach übernahm
als enger Hitler-Vertrauter die Führung der NS-Studentenschaft; der Verband
wuchs rasch; 1931 waren schon 4000 Studenten in ihm Mitglied; sie gehörten
allen Fakultäten an; Sozial kamen sie vorwiegend aus dem unteren Mittelstand.
Sie gewannen rasch Einfluss auf andere Studentenorganisationen. Durch aufsehenerregende
Wahlsiege zwischen 1927 und 1931 konnten sie sich als starke politische Kraft
unter den Studenten etablieren; durch Propaganda und Demonstrationen (u. a.
gegen überzeugte Republikaner unter den Professoren) erzielten sie Aufmerksamkeit
und Beifall bei anderen Studenten. So war es nur noch eine Frage der Zeit, dass
die NS-Studentenschaft bestimmenden Einfluss in den ASTAS an vielen deutschen
Universitäten gewann: 1926 in München und Berlin erste ASTA-Sitze;
1927 Vorsitz im ASTA Kiel, 1928 Mehrheiten in Erlangen und Greifswald; 1931
errang er die absolute Mehrheit bei den ASTA-Wahlen an 28 Hochschulen mit 51
Prozent.(3) So war es erklärlich, dass die NS-Studenten
auf dem 14. Deutschen Studententag im Juli 1931 den ersten und zweiten Vorsitz
gewannen. "Achtzehn Monate vor der Machtergreifung Adolf Hitlers war die
Organisation der Deutschen Studentenschaft (bereits) fest in nationalsozialistischer
Hand."(4)
- Zu dieser NS-Machtergreifung unter den Studenten, die eine der wichtigsten
Voraussetzungen für die Gleichschaltung der deutschen Universitäten
nach Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933 war, konnte es eigentlich nur
kommen, weil es
keine wirkungsvollen und engagierten demokratischen oder republikanischen Studentengruppen
gab, die sich für die Weimarer Republik einzusetzen bereit waren.
Fasst man das Bild der deutschen Professorenschaft und der Studentenschaft in
der letzten Phase der Weimarer Republik zusammen, so ergibt sich eigentlich
ein trostloser Gesamteindruck: Eine der wichtigsten Institutionen der Weimarer
Republik, die Universitäten, war schon früh von antidemokratischen
Kräften durchsetzt, die professoralen Vernunftrepublikaner unter Professoren
und Studenten waren zu schwach, dagegen Widerstand zu leisten; linke Kräfte
gab es nur in schwacher Ausprägung; so konnte das antidemokratische Denken
durch die NS-Bewegung schon früh deutlichen Einfluss in den deutschen Hochschulen
gewinnen, die somit der bald darauf erfolgenden NS-Machtergreifung in Staat
und Gesellschaft keinen nennenswerten Widerstand entgegensetzen konnten.
Mit den führenden Kreisen in Kirchen und Universitäten ist bereits
im Vorblick die Haltung der sog. Amtseliten zur Republik und Demokratie als
kritisch in den Blick gekommen. Wir hatten die prekäre Situation in den
Universitäten betrachtet. Dies musste sich in doppelter Weise auch auf
andere Amtseliten auswirken; dafür sei beispielhaft die deutsche Staatsrechtslehre,
die deutsche Justiz bzw. die Richter der Weimarer Republik betrachtet.
Kurt Sontheimer hat in seinem Buch "Antidemokratisches Denken in der Weimarer
Republik" und in seiner Schrift "Politische Wissenschaft und Staatsrechtslehre"
(1963) den besonderen Beitrag der deutschen Staatsrechtslehre zum antidemokratischen
Denken der Weimarer Epoche herausgearbeitet; andere Historiker und Interpreten
sind ihm darin später gefolgt und haben das Bild noch differenziert und
ergänzt, ohne es aber in den Grundlinien infrage zu stellen.
Angesichts des weitreichenden Einflusses dieser Wissenschaft einmal auf die
Ausbildung der Studenten an den Universitäten, zum anderen auf die öffentliche
Meinung durch Bücher, Artikel, Gutachten, Prozesse etc. ist sie besonders
hervorzuheben. Haben ihre Vertreter doch über die Weimarer Republik hinaus
einen wesentlichen Einfluss auf das Rechts- und Staatsdenken sowie die Rechtspraxis
des nachfolgenden NS-Regimes ausgeübt. Insofern nahmen sie eine Schlüsselposition
im Staatsdenken der Weimarer Republik ein.
Ausgangspunkt einer Analyse der Weimarer Staatsrechtslehre muss die Krise dieser
Disziplin sein, die mit dem Wechsel vom Kaiserreich zur Republik am Ende des
Weltkriegs (1918/19) evident wurde. Die dem Rechtspositivismus verpflichtete
und mit dem Bismarcksystem aufs engste verbundene ältere Staatsrechtslehre
musste den Systemwechsel als eine Gefährdung der Grundlagen ihres Rechtsdenkens
auffassen. Die traditionelle, bis zum Ende des Ersten Weltkrieges geltende und
wirksame Rechtskultur geriet im Umbruch ins Rutschen. Die alte Auffassung, dass
Recht ist, was Gesetz ist, d. h. was in formaler Weise im Gesetzgebungsprozess
zu Gesetzen gemacht wird, war durch die eingetretenen sozialen und ökonomischen
Veränderungen, die sich auf die politischen Überzeugungen und Wertvorstellungen,
d. h. auf die Politische Kultur allgemein auswirkten, nicht mehr zu halten.
Die Klassengegensätze brachen vehement durch und bestimmten auch die Rechtsvorstellungen
in der deutschen Gesellschaft und demokratischen Republik. Hinzu kam, dass die
tonangebenden Vertreter der Staatsrechtslehre Paul Laband, Georg Jellinek u.
a. keineswegs auf dem Boden der Demokratie und Republik standen, sondern ihre
speziellen und allgemeinen "Staatslehren" aus dem traditionellen Erfahrungshintergrund
und Rechtsdenken der Kaiserzeit geschaffen hatten. Das trifft auf besondere
Weise für das klassische Werk "Allgemeine Staatslehre" von Georg
Jellinek zu, das erstmals 1900 erschien und dann in mehreren kaum veränderten
Auflagen bis gegen Ende der Weimarer Republik wieder nachgedruckt wurde. Die
maßgeblichen verfassungsrechtlichen Werke zum Staatsrecht der Weimarer
Republik, das "Handbuch des (deutschen) Staatsrechts" von Anschütz
und Thoma (2 Bde. 1930 und 1932) sowie der maßgebliche Kommentar zur Weimarer
Reichsverfassung von Gerhard Anschütz ("Die Verfassung des Deutschen
Reichs vom 11. August 1919",1929) bauten weitgehend auf diesem positivistischen
Rechts- und Verfassungsverständnis auf.

Diese traditionelle, auf dem Rechtspositivismus aufbauende Verfassungslehre
geriet in der Weimarer Epoche von verschiedener Seite in die Kritik: Vor allem
kritisiert wurde der Mangel, die moderne soziale Realität des Staates einzubeziehen.
Neue Versionen von Staats- und Verfassungslehren entstanden, die indes zum größeren
Teil ein problematisches Verhältnis zur neuere Demokratie auszeichneten.
Hier sei nur auf drei der wichtigsten Autoren und ihre Hauptwerke kurz eingegangen.
Am einflussreichsten und bis in die heutige Gegenwart fortwirkend war unzweifelhaft
der faszinierende und umstrittene Rechtswissenschaftler Carl Schmitt (1888-1985)
mit seinen Schriften, vor allem mit seiner Verfassungslehre" (1928), die
nach 1945 verschiedene Nachdrucke erlebte (vgl. Dok.1).
Carl Schmitt hatte seit dem Beginn der Weimarer Epoche mit Werken wie "Die
geistesgeschichtlichen Lage des heutigen Parlamentarismus" (1923), "Der
Begriff des Politischen" (1932), "Die Diktatur" (1921) die verfassungsrechtliche
Diskussion in Wissenschaft und politischer Öffentlichkeit maßgeblich
bestimmt und durch seine Thesen etwa über Souveränität oder das
Freund-Feind-Kriterium im Begriff des Politischen extrem polarisierend gewirkt.
Er hat sich später, nach Hitlers Machtergreifung 1933, mit zahlreichen
Aufsätzen (z. B. "Der Führer schützt das Recht" (1934))
als Verteidiger und Rechtfertiger des neuen totalitären Regimes hervorgetan.
Einige seiner prominenten Schüler (Ernst Rudolf Huber und Ernst Forsthoff)
schrieben ebenfalls damals zur Legitimierung des NS-Regimes; sie haben später
nachhaltige Bedeutung für die Staatsrechtslehre nach 1945 gewonnen.
So begründet die implizite Kritik C. Schmitts und seiner Schüler an
der alten, rechtspositivistisch orientierten Staatslehre auch war, von diesen
Arbeiten ging im Grunde kein Effekt aus, der die Weimarer Demokratie gegen ihre
Feinde von rechts oder links verteidigt und gestärkt hätte; im Gegenteil:
dieses Verfassungsdenken übte aufs ganze gesehen eine destabilisierende
und destruktive Wirkung auf die Weimarer Verfassung aus.
Weniger extrem und radikal als die Position von Carl Schmitt war die von Rudolf
Smend (1882-1975), der ebenfalls einen Weg aus der Krise der deutschen Staatsund
Verfassungslehre suchte. Nachdem er sich einen Namen gemacht hatte durch eine
Reihe von rechts- und verfassungshistorischen Arbeiten, versuchte er durch eine
neue Integrationslehre Einfluss auf die aktuelle Verfassungstheorie zu gewinnen;
sein Hauptwerk "Verfassung und Verfassungsrecht" (1928) entwickelte
Gedanken, die zwar einerseits für das verfassungstheoretische Denken wichtige
innovative Impulse enthielten, die aber andererseits bestimmten Ideen des Nationalsozialismus
(Volksgemeinschaft und Staat) vorarbeiteten, auf jeden Fall eine deutliche Distanz
zur pluralistischen Demokratie- und Gesellschaftsauffassung hielten.(5)
Unter den Staatstheoretikern, die einen Weg aus der Krise der Staatsrechtslehre
als Wissenschaft suchten und dabei ein neues demokratisches Verfassungsverständnis
vorbereiten halfen, ist Hermann Heller (1891-1933) mit Vorrang zu nennen. Er
hat auf verschiedenen Gebieten - der politischen Ideengeschichte, dem internationalen
und Völker-Recht sowie der Verfassungslehre - gearbeitet und sich auch
politisch im Umkreis der Sozialdemokratie für die Republik engagiert. Dabei
stand er in der Endphase der Weimarer Republik in scharfer Auseinandersetzung
mit Carl Schmitt. So verteidigte Hermann Heller das Land Preußen vor dem
Reichsgericht gegen den "Preußenschlag" der Reichsregierung
unter Reichskanzler von Papen, die ihrerseits von Carl Schmitt juristisch vertreten
wurde.
Es ist bedauerlich, dass H. Heller seine "Staatslehre" nicht mehr
vollenden konnte, in der er seine Verteidigung der (Weimarer) Demokratie entfaltete
und zugleich einer neuen politischen Wissenschaft von Staat, Verfassung und
Gesellschaft vorarbeitete; sein Werk erschien erst 1934 nach seinem Tode im
spanischen Exil. Das war ein Grund dafür, dass Hermann Hellers Werk und
Ideen erst sehr viel später in der Bundesrepublik und auch da nur zögerlich
und beschränkt zur Wirkung kommen konnten.
Ähnlich erging es auch einigen anderen, jüngeren Staats- und Verfassungstheoretikern,
die wie Otto Kirchheimer, Franz Neumann und Ernst Fraenkel stärker der
linken Opposition zuzurechnen sind und in ihrem Denken von marxistischen Positionen
bestimmt waren. Sie konnten in der Endphase weniger konstruktive als vielmehr
kritische Gedanken publizieren, die erst nach der Zeit eines erzwungenen Exils
und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, angereichert durch die konkrete Erfahrung
der amerikanischen oder britischen Demokratie für die Gründung der
zweiten deutschen Demokratie wichtige Impulse beisteuern konnten.(6)
So stand das Staats- und Verfassungsdenken in der Weimarer Epoche einerseits
in der Tradition des Rechtspositivismus, andererseits in einer eher rechtskonservativen
Strömung; ein neues, demokratisches Verfassungs- und Staatsverständnis
konnte von den herrschenden Denkrichtungen in der Staats- und Verfassungslehre
eigentlich noch nicht entwickelt werden; man muss dieses Denken nach seiner
Herkunft als vordemokratisch und in seiner rechts- und verfassungspolitischen
Wirkung eher als antidemokratisch bezeichnen. In diesem Zusammenhang ist es
nicht unwichtig, darauf hinzuweisen, dass die Lehren von Carl Schmitt und Rudolf
Smend nach 1945 sehr einflussreich und schulebildend waren und das verfassungstheoretische
Denken in der Bundesrepublik in mehr als einer Hinsicht maßgeblich mitbestimmt
haben und auch gegenwärtig noch bestimmen.
Von dieser geistesgeschichtlichen und politischen Lage der Rechtswissenschaft
allgemein und der Staats- und Verfassungslehre speziell war natürlich auch
die Stellung und Orientierung der deutschen Justiz im Weimarer Zeitalter entscheidend
mitbestimmt.
Das war zunächst eine Folge der Sozialisation und Ausbildung der deutschen
Juristen dieser Zeit. Die älteren Amtsträger an den deutschen Gerichten
hatten ihre juristische Ausbildung noch in der Kaiserzeit erhalten - ihre fachliche,
aber auch ihre politisch-gesinnungsmäßige; sie fühlten sich
von daher nach wie vor der vordemokratischen Wirklichkeit Deutschlands verpflichtet;
ihre Arbeit als Richter bei der Rechtsprechung und der Rechtsauslegung entsprach
vielfach dieser Sozialisation. Die Rede, die deutsche Justiz sei während
der Weimarer Republik in unzähligen kleinen und größeren Prozessen
"auf dem rechten Auge blind" gewesen, erfüllt sicher nicht den
Tatbestand der "üblen Nachrede", sondern entspricht exakt den
Tatsachen. Darüber sind wir durch Untersuchungen zeitgenössischer
und späterer kritischer Juristen hinlänglich und sachgemäß
unterrichtet.(7)
Da die Ausbildung von neuen, jungen Juristen an den deutschen juristischen Fakultäten
der Weimarer Zeit in der Regel von Professoren und Dozenten durchgeführt
wurde, die ihrerseits derselben vordemokratischen, konservativen Sozialisation
im wilhelminischen Reich ausgesetzt gewesen waren, reproduzierten sich so auch
für den Nachwuchs dieselben oder ähnliche überkommene Einstellungen.
Da die juristischen Standesorganisationen (Richterbund etc.) auch in der Weimarer
Republik einen Verhaltenskodex anerkannten, der wesentlich älteren, vordemokratischen
und klassenbezogenen Standpunkten folgte, war auch von den meisten jüngeren
Richtern und Staatsanwälten kaum eine andere Haltung der Demokratie und
Republik gegenüber als von den älteren Kollegen zu erwarten. In ihrer
Rechtsprechung kam so unweigerlich derselbe Klassenjustiz-Standpunkt zur Geltung
wie bei den älteren Kollegen.
Es ist eine gesicherte Erkenntnis zur Weimarer Geschichte, dass die Justiz durch
ihre Rechtsprechung einen nicht unerheblichen Beitrag zur Destabilisierung und
zur Desintegration der Weimarer Demokratie und Sozialstaatlichkeit beigetragen
hat; dies vor allem dadurch, dass die Vertreter der Justiz sich in der Regel
lediglich einer formalen und positivistischen Rechtsstaatsauffassung verpflichtet
fühlten; materielle Gesichtspunkte der (sozialen) Gerechtigkeit waren ihnen
aufgrund ihres fixierten Klassenstandpunkts nur schwer zugänglich. Die
Rechtsprechung zum Grundrecht des privaten Eigentums z. B. bestätigt dies;
je länger je mehr ließen die Entscheidungen des obersten Gerichts
in Deutschland den verfassungsrechtlichen Gesichtspunkt der sozialen Bindung
und Verpflichtung von privatem Eigentum, speziell Eigentum an Boden außer
acht. Wichtige sozialstaatliche Wohnungsbauprogramme in Ballungsgebieten der
Städte wurden gegen Ende der Weimarer Republik bis zur Unmöglichkeit
erschwert. Soziale Unzufriedenheit und politische Radikalisierung nach links
oder rechts waren die Folge. Otto Kirchheimer hat diesen "Mechanismus"
in einer großen Untersuchung über "Die Grenzen der Enteignung
- ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des Enteignungsinstituts und zur Auslegung
des Art. 153 der Weimarer Reichsverfassung" (1930) aufgedeckt.(9)
Ein noch wichtigerer Aspekt der politischen Wirkung der juristischen Amtselite
der Weimarer Republik ist abschließend zu erwähnen: die Rechtsprechung
in politischen Fragen - speziell gegen rechtsradikale und rechtsextreme Tatbestände.
Aus diesem Bereich stammt auch der oben zitierte Slogan "Die Justiz von
Weimar war auf dem rechten Auge blind".

Kritische Analysen haben längst aufgewiesen, dass rechtsradikale Straftäter
in der Weimarer Epoche bedeutend "gnädigere" Richter fanden als
linksradikale; das betraf sowohl die Aufnahme von Prozessen als auch die Häufigkeit
der Verurteilung und auch die Höhe des Strafmaßes. Damit war ein
wesentlicher Grundsatz der Rechtsprechung - der Grundsatz der Gleichheit vor
dem Gesetz und damit der elementaren Gerechtigkeit und Rechtssicherheit missachtet.
Der Begriff der "politischen Justiz" kam zur Bezeichnung dieser Tatbestände
auf. Otto Kirchheimer hat diesem (nicht nur deutschen!) Problem eine umfängliche,
vergleichende Untersuchung und einen Aufsatz mit dem gleichen Titel gewidmet.
"Wenn gerichtsförmige Verfahren politischen Zwecken dienstbar gemacht
werden, sprechen wir von politischer Justiz. Der politische Zweck kann revolutionär
oder staatserhaltend sein."(10) und: "Politische
Justiz bezweckt, politische Gegner auszuschalten. Dazu kommt die psychologische
Wirkung politischer Prozesse auf die Bevölkerung. Es wird deshalb versucht,
der Bevölkerung ein Bild der politischen Wirklichkeit zu suggerieren, das
die Angeklagter} zur Verkörperung von gesellschaftsfeindlichen Tendenzen
macht."(11)
Wir wissen aus zeitgeschichtlichen Erfahrungen mit rechten oder linken totalitären
Regimen, dass diese Funktionalisierung der Justiz und Rechtssprechung zu politischen
Zwecken an der Tagesordnung war. "Untertotalitären Bedingungen steht
der Justizapparat vollkommen zur Verfügung der Machthaber."(12)
Schauprozesse aus der Stalin- und Hitlerzeit vermögen leicht zu illustrieren,
wie leicht und wirkungsvoll sich die Politik die Justiz zu ihren politischen
Zwecken dienstbar machen kann.
Nun war die Weimarer Republik natürlich kein totalitäres Regime, im
Gegenteil; es wurde erst durch die NS-Machtergreifung dazu gemacht. Indes gab
es in der kurzen Geschichte der Weimarer Demokratie viele kleine und größere
Beispiele für politische Justiz. Heinrich und Elisabeth Hannoverhaben in
ihrem Buch "Politische Justiz 1918-1933" (1977) eine umfassende Dokumentation
und Interpretation dieser politischen Wirkung der deutschen Justiz jener Epoche
geliefert, in dem sie einfach der Chronologie der Ereignisse von 1918 bis 1933
folgten und so zudem zusammenfassenden Urteil kamen: "Richter zerstörten
die Demokratie." Dass dies keine leere, unbegründete Behauptung ist,
sei an zwei besonders spektakulären Prozessen politischer Justiz wenigstens
ansatzweise verdeutlicht: Am Hitler-Prozeß von 1924 und am Ossietzky-Prozeß
von 1931.
Im Hitler-Prozeß, der in München stattfand, ging es um die gerichtliche
Beurteilung des Putsches vom November 1923, der an der Münchner Feldherrenhalle
zusammenbrach Obwohl dieser Putsch gegen die Weimarer Republik gerichtet gewesen
war, erhielten die Beteiligten äußerst milde Urteile: Hitler und
einige andere Rädelsführer wurden zu je 5 Jahren Haft verurteilt -
zugleich mit der ungewöhnlichen Zusicherung, nach Abbüßung einer
Haft von 6 Monaten für den Strafrest Bewährung zu bekommen. General
Ludendorff wurde sogar freigesprochen; andere Angeklagte erhielten geringe Strafen,
die zur Bewährung ausgesetzt wurden. Besonders wesentlich und folgenreich
war, dass die Bestimmung des Republikschutzgesetzes, nach dem wegen Hochverrats
verurteilte Ausländer umgehend auszuweisen ("abzuschieben") seien,
gegen den Österreicher Adolf Hitler nicht angewendet wurde. In der Urteilsbegründung
des Münchner Gerichts hieß es dazu: "Auf einen Mann, der so
deutsch denkt und fühlt wie Hitler, ... kann nach Auffassung des Gerichts
die Vorschrift ... des Republikschutzgesetzes ... keine Anwendung finden."(13)
Wenn man einmal spekuliert: Was wäre für Deutschland, Europa, die
Welt alles vermieden oder verhindert worden, wenn 1924 ein bayerisches Gericht
verfassungsgemäß gehandelt hätte und den Ausländer Adolf
Hitler "abgeschoben" hätte? Nicht auszudenken!
Wie anders war es im Vergleich dazu mit dem Prozess gegen Carl von Ossietzky
1931! Worum ging es in diesem Prozess? - Carl von Ossietzky, Mitherausgeber
der Zeitschrift Weltbühne" (mit Kurt Tucholsky) (vgl., Dok.
2) und späterer Friedensnobelpreisträger für das Jahr 1936,
hatte in einem Artikel "Windiges aus der deutschen Luftfahrt" (1929),
eine geheime militärische Zusammenarbeit zwischen der Roten Armee der Sowjetunion
und der Reichswehr der Weimarer Republik, eine Zusammenarbeit, die eindeutig
gegen den Versailler Vertrag verstieß, behauptet und belegt. Für
diesen Aufsatz wurde Ossietzky wegen Landesverrat angeklagt; die Eröffnung
des Strafverfahrens vor dem Reichsgericht in Leipzig zog sich allerdings bis
Ende 1931 hin.
Trotz dieses Tatbestands der Verfassungswidrigkeit der enthüllten Tatbestände
wurde Ossietzky vom Reichsgericht zu anderthalb Jahren Gefängnis wegen
des Verrats militärischer Geheimnisse verurteilt. Die Entrüstung über
dieses Urteil war weit verbreitet, die Kritik daran ebenfalls; so schrieb die
"Frankfurter Zeitung" am 24. 11. 1931:
"Wir haben zwar eine Demokratie, aber wer von ihren Grundsätzen auch
gegenüber militärischen Instanzen und solchen, die es sein möchten,
Gebraucht macht, wird mit Gefängnis und - was schlimmer ist - mit dem Odium
des Landesverrates bestraf t. "(14)
Ossietzky trat die verhängte Strafe an; kurz vor Hitlers Machtergreifung
wurde er aus dem Gefängnis entlassen, um am Morgen nach dem Reichstagsbrand
am 28. Februar 1933 von den Nazis erneut verhaftet und in ein Konzentrationslager
gesperrt zu werden. Auch als Ossietzky 1936 den Friedensnobelpreis erhielt,
blieb er im KZ, in dem er bald darauf umkam. Nach der Urteilsverkündigung
im Herbst 1931 hatte er geschrieben:
"Noch leben wir aber in der demokratischen Republik, auf deren Grundsätze
ich schwöre und die ich vom Tage ihrer Geburt an verteidigt habe. Noch
leben wir im Zustand verbürgter Meinungsfreiheit, noch immer in einem Staat,
in dem das Militär den zivilen Behörden unterworfen ist. Deshalb werde
ich weiter dafür einstehen, dass der Geist der deutschen Republik nicht
durch eine missverstandene Staatsräson verfälscht wird."
Diese Beurteilung des Reichsgerichtsurteils klingt angesichts der Ungeheuerlichkeit
der politischen Justiz fast zu vornehm. Sie bringt nicht eigentlich zum Ausdruck,
welche demokratischen und rechtsstaatlichen Werte durch dieses Urteil aufs tiefste
verletzt wurden. Das hat Thomas Mann in einem Brief vom 10. Januar 1932 deutlicher
zum Ausdruck gebracht:
"Es ist eine furchtbare und demütigende Vorstellung, in einem Lande
zu leben, wo über Erscheinungen der Unordnung gewaltsam mit Hilfe der Justiz
Stillschweigen gebreitet werden soll, und ich meine, man sollte die Mundtotmachung
der öffentlichen Kritik der faschistischen Diktatur vorbehalten, unter
der dann, was in einem freien Volke offen ausgesprochen wird, heimlich und feige
von Mund zu Mund geht."(15)
Ein Jahr später wurde Deutschland durch die NS-Machtergreifung zu einer
faschistischen Diktatur; und es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass
die deutsche Justiz mit Prozessen wie dem gegen Carl von Ossietzky verhängnisvoll
zum Wegbereiter des Totalitarismus in Deutschland wurde. Es war dann auch keine
Überraschung für Zeitgenossen und spätere Zeithistoriker, dass
dieselbe Justiz sich 1933 ohne große Umstellungsprobleme in den Dienst
des NS-Regimes stellen konnte und unter dem Hakenkreuz weiter "Recht sprach".
Es ist wohl keine Übertreibung, dass die deutsche Justiz als Amtselite
in der Weimarer Republik in besonderem Maße problematisch agierte und
so der Demokratie von Weimar großen Schaden zufügt und dem Nationalsozialismus
zugearbeitet hat.
Andere Amtseliten traten im Vergleich dazu nicht so spektakulär in Erscheinung,
obwohl auch sie hinsichtlich ihrer Treue zur Verfassung und zur demokratischen
Republik dieselben Loyalitätsprobleme hatten.
Gemeint ist hier auch durchaus die allgemeine Staatsverwaltung oder die Beamtenschaft.
Der Grund für diese Schwierigkeiten, die neue Demokratie nicht nur formal,
sondern von ihren Werten her zu akzeptieren, ist ähnlich wie bei der Justiz:
auch die allgemeine Verwaltung oder Beamtenschaft hatte z. T. noch ihre berufliche
und auch politische Sozialisation im Kaiserreich erfahren; sie hatte durch die
-Revolution von 1918/19 keinen Kontinuitäts- und Karrierebruch erfahren.
Entsprechend stand die Arbeit dieser Beamtenschaft unter einem gewissen Loyalitätskonflikt.
den alten Werten des Kaiserreiches und seinen Grundsätzen staatlicher Verwaltung
ursprünglich verpflichtet, hatten sie sich jetzt zu einer parlamentarischen
Demokratie loyal zu verhalten, in der nicht mehr ein Monarch, sondern das Volk
der (jetzt: demokratische) Souverän war. Dieser Loyalitätskonflikt
wurde symbolisch greifbar in der bizarren Tatsache, dass der zweite Weimarer
Reichspräsident Hindenburg immer wieder bei der Erfüllung seiner republikanischen
und zivilen Amtspflichten in seiner alten Uniform als Generalfeldmarschall des
untergegangenen Kaiserreichs auftrat; wenn sich dieser Konflikt sogar an der
Staatsspitze so deutlich symbolisch manifestieren konnte, wie weit verbreitet
musste er dann auf den untergeordneten Rängen der Staatsverwaltung und
Beamtenschaft sein? Wenn diese Frage noch einer besonderen Beantwortung bedarf,
so mag man sie aus der Tatsache gewinnen, dass breite Teile dieser Amtseliten
sich nach der Machtergreifung Hitlers 1933 ohne weiteres auch dem neuen totalitären
Regime loyal zur Verfügung stellten und ihm treu dienten bis zu dessen
Zusammenbruch 1945.
Man sieht, dass die erstaunlich weitreichende Kontinuität im Berufsverständnis
und in der Funktionserfüllung dieser Amtseliten - vom Kaiserreich über
die Weimarer Republik in das Dritte Reich hinein, nicht selten nach dessen Zusammenbruch
1945 weiter fortgesetzt in die Nachkriegszeit und dann (ab 1949) in die Bundesrepublik
- ein besonderes belastendes Problem für die schwankende Demokratieentwicklung
in Deutschland im 20. Jh. darstellt, ein Problem, auf das in unserem Zusammenhang
lediglich aufmerksam gemacht werden kann. Zur vollen Analyse bedürfte es
noch einer genaueren berufs- und mentalitätssoziologischen Untersuchung
dieser Amtsträgergruppen. Im Grundsätzlichen würde eine solche
differenziertere Analyse das hier gewonnene skizzenhafte Bild aber nicht verändern,
sondern lediglich vertiefen. Der entscheidende Tatbestand bleibt: dass die Weimarer
Demokratie nicht zuletzt durch die undemokratischen und antidemokratischen Einstellungen
der zentralen Amtseliten in ihrer Entwicklung und Entfaltung wesentlich gestört
und geschwächt worden ist; das hatte die wichtige Konsequenz, dass bei
der Hitlerschen Machtergreifung 1933 aus dem Staat selbst, d. h. von seinen
beamtlichen Funktionsträgem auf den verschiedenen Ebenen, kein Widerstand
aus demokratischem Ethos erfolgte. Dass sich ein solches Ethos später zum
Teil in der Widerstandsbewegung doch noch bildete, hatte den langen Leidensweg
vieler Amtsträger im totalitären Regime Hitlers zur Voraussetzung;
so kam es schließlich auch dazu, dass sich Repräsentanten dieser
Gruppen in der Auseinandersetzung mit dem totalitären Staat aus Gewissensgründen
der deutschen Widerstandsbewegung anschlossen und mit ihr untergingen. Für
die Weimarer Demokratie was dies zu spät.
Auf der Suche nach den Erscheinungsformen antidemokratischen Denkens in der
Weimarer Republik müssen wir uns noch einer letzten, soziologisch eher
diffusen Gruppe, der der Intellektuellen zuwenden, von der ebenfalls zeitweise
wichtige Impulse auf das antidemokratische Denken von Weimar ausgingen und die
insofern für die Schwächung und die Krise der ersten deutschen Demokratie
mit verantwortlich ist.
Der Begriff des Intellektuellen hat (wie Dietz Bering in seiner Studie "Die
Intellektuellen - Geschichte eines Schimpfwortes" nachgewiesen hat(16)
in der deutschen Tradition eine eher negative Bedeutung - was auch noch
in den aktuellen Diskussionen über die Rolle der Intellektuellen im Prozess
der deutschen Wiedervereinigung nachklingt. Das ist in anderen Ländern,
in West- wie in Osteuropa, keineswegs so. Dort gelten Intellektuelle - wie z.
B. Jean Paul Sartre - viel, und ihre Äußerungen zu politischen Themen
und Problemen werden auch von Politikern ernstgenommen.
Die negative Bedeutung des Begriffs "Intellektuelle" in der deutschen
Tradition trifft auch schon für die Zeit der Weimarer Republik zu. Wir
wollen demgegenüber diesen wichtigen Begriff in einer wertungsfreien oder
wertungsneutralen Weise als analytischen Begriff auf die Situation in der Weimarer
Republik verwenden.
Für das Thema "Intellektuelle und Politik in der Weimarer Epoche"
müssen wir davon ausgehen, dass wir einerseits vorwiegend freischaffende
Schriftsteller, Publizisten, Künstler etc. unter diesem Begriff subsumieren
und dass wir es andererseits unter politischer Perspektive mit drei Gruppen
zu tun haben, die auf unterschiedliche Weise die neue politische Wirklichkeit
der Weimarer Republik in ihren Reden und Texten reflektieren. Oder anders gewendet:
Im Hinblick auf die Weimarer Demokratie können wir (1.) eine linke (2.)
eine mittlere und (3.) eine rechte Gruppe von Intellektuellen unterscheiden;
die Bezeichnungen "links", "mitte" und "rechts"
sind politisch gemeint und entsprechen der bekannten Differenzierung des politischen
Spektrums von Parteien oder der Zusammensetzung von Parlamenten.
Unter dem uns hier allein interessierenden Gesichtspunkt des antidemokratischen
Denkens sind für uns sowohl linke als auch rechte Intellektuelle der Weimarer
Epoche interessant; von diesen beiden Gruppen kann behauptet werden, dass sie
- aus unterschiedlichen Gründen und von verschiedenen Ideologien aus -
die Weimarer Demokratie abgelehnt und - wo immer es ihnen möglich war -
mit literarischen Mitteln bekämpft haben.
Zwischen diesen beiden extremen Gruppen, die in sich durchaus nicht homogen
und übereinstimmend waren, stand die mittlere Gruppe der Intellektuellen,
die - auch hier trotz aller Unterschiede und Differenzierungen - sich für
die erste deutsche Demokratie einsetzte und sie zu ihrer eigenen Sache machte.
Dieses Eintreten für die Demokratie war in sich noch einmal differenziert:
es gab sicher in Deutschland Intellektuelle (wie z. B. Heinrich Mann), die sich
von Herzen und mit aller Kraft prinzipiell für die Demokratie in Deutschland
einsetzten und das schon immer, auch vor 1918 getan hatten; es gab andere, wie
z. B. Thomas Mann, die man eher zu den "Vernunftrepublikanern" rechnen
muss und die mitunter eine längere Anlaufszeit brauchten, um sich von älteren,
traditionellen politischen Vorstellungen zu lösen und dann schließlich
doch entschieden und auch überzeugend kämpferisch für die Erhaltung
und Festigung der Weimarer Demokratie einzusetzen.
Aufgrund dieser Konstellation ist bereits darauf zu schließen, dass die
linken und rechten antidemokratischen Intellektuellen nicht nur zahlenmäßig,
sondern auch durch ihre politische Radikalität der mittleren Gruppe der
systemtreuen und stützenden Intellektuellen überlegen waren; man kann
daraus weiter schließen, dass die Weimarer Republik - außer von
anderen politischen Gruppen (Parteien, Verbände etc.) und Institutionen
(wie Kirchen, Justiz, Beamtenschaft) - auch noch von einer Mehrheit der deutschen
Intellektuellen bedroht war. Vom Ende der Weimarer Republik und von der NS-Machtergreifung
her gesehen, wird man in diesem Kontext den rechten Intellektuellen sicher eine
größere destruierende Bedeutung beimessen; allerdings darf man die
linken extremen Intellektuellen in ihrer destruktiven Wirkung auf die Weimarer
Republik aber auch nicht unterschätzen; in einer kritischen Diagnose der.
antidemokratischen intellektuellen Kräfte der Weimarer Zeit wird man mithin
beide Konstellationen angemessen einbeziehen müssen.
Blicken wir - um die intellektuelle Szene in Weimar im Ganzen zu charakterisieren
- zunächst auf die mittlere Gruppe, die sich um die Grundlegung und Förderung
der erst deutschen Demokratie durchaus verdient gemacht hat. Diese Gruppe ist,
wenngleich sie zahlenmäßig schwächer besetzt war als die beiden
anderen, durch besonders herausragende Persönlichkeiten des deutschen Geisteslebens
repräsentiert; damit ist schon implizit mitausgesprochen, dass sie keine
innere oder auch inhaltliche Festigkeit und Geschlossenheit aufwies, sondern
von einem allerdings fundamental wichtigen Minimalkonsens in den politischen
Grundwerten ausgehend - eine ziemliche Bandbreite von gemäßigt konservativen
bis gemäßigt sozialistischen Positionen und Optionen vertrat. Innerhalb
dieses mittleren Intellektuellenlagers bildeten die sog. "Vernunftrepublikaner"
eine relativ große Gruppe, zu der besonders viele Hochschullehrer gehörten,
deren Stellung zur Republik oft durchaus ambivalent war, so soll der Historiker
Delbrück einmal gesagt haben: "Man dient der Republik, aber man liebt
sie nicht." Von dem Historiker Friedrich Meinecke ist der Dialog überliefert:
"E.: Du hast die Demokratie geheiratet, ohne sie zu lieben.
R.: Wenn man nichts zum lieben hat, muss man versuchen zu lieben, was man hat."
Trotz derartiger emotionaler Reserven bildeten die "Vernunftrepublikaner"
unter den Intellektuellen, zu denen man durchaus auch Thomas Mann zählen
darf, gerade in der krisenhaften Zuspitzung der Verhältnisse ab 1929 eine
wichtige Gruppe von Demokratieverteidigern. So hatte Friedrich Meinecke (vgl.
Dok. 3) z. B. bekannt, "dass das Alte, das uns bis
dahin in Ehren gestanden hatte, 1919 vergangen war, und das Neue, das unser
nationales Dasein damals retten und fortan erhalten konnte, im großen
gesehen gar keine andere Form tragen konnte als die der Demokratie der Weimarer
Verfassung".(17)
So trat Friedrich Meinecke z. B. in der Endphase der Weimarer Republik seit
1930 engagiert für eine Reform des Parteiwesens ein:
"Die Demokratie, ohne die ein friedliches Zusammenwirken aller Volksschichten
heute nicht mehr denkbar ist, muss lernen, sich selbst zu beschränken.
Davon wird das Schicksal abhängen. Möge sie die Kraft finden, den
Egoismus der Parteien zurückzudrängen und dem Reichspräsidenten,
dem Vertrauensmann der Nation, die Ausübung der Rechte erleichtern, die
ihm die Verfassung schon gibt und deren Erweiterung zu wünschen wäre."
(18)
Es ist bemerkenswert, dass Meinecke damals bereits angesichts der extremen Parteienzersplitterung
Erwägungen anstellt, die offensichtlich auf die Fünf-Prozent-Klausel
des bundesrepublikanischen Wahlrechts vorauszuweisen scheinen:
"Man könnte wohl einen Schritt weitergehen und solchen Parteien, die
eine bestimmte Mandatszahl im Reichstag nicht erreichen, den Reichstag überhaupt
verbieten (1929)."(19)
Doch nicht nur diese zurückhaltende, von Skepsis und Sorge durchzogene
Art des Vernunftrepublikanismus, sondern mitunter auch eine erstaunliche politische
Rat- und Hilflosigkeit und damit verbunden eine politische Orientierungslosigkeit
gehörte mit zu dem typischen Erscheinungsbild dieser mittleren Intellektuellengruppierung;
dafür ein knappes Beispiel: In einem Artikel mit dem Titel: "Die Revolte
gegen die Langsamkeit" hatte Stefan Zweig den Erfolg der Nazis bei den
Reichstagswahlen von 1930, in der sie ihre Reichstagsmandate von 12 auf 107
dramatisch steigern konnten, mit einer "vielleicht nicht klugen, aber im
Innern natürlichen und durchaus zu bejahenden Revolte der Jugend gegen
die Langsamkeit und Unentschlossenheit der hohen Politik(20)
(gemeint war die stagnierende Abrüstungs- und Friedenspolitik des Völkerbundes)
zu verstehen versucht. Auf diese politische Ahnungslosigkeit entgegnete der
damals 24jährige Klaus Mann:
" Es gibt auch ein Alles-Verstehen-Können, eine Bereitwilligkeit der
Jugend gegenüber, die zu weit geht."(21)

Zu den eigentlichen Vertretern eines kämpferischen Republikanismus gehörten
in der Weimarer Republik mit zunehmendem Einsatz und entsprechender Wirkung
die Gebrüder Heinrich und Thomas Mann. Heinrich Mann hatte sich in Essays
(z. B. über Zola) und Romanen (z. B. "Der Untertan" geschrieben
vor 1914, veröffentlicht schließlich 1918) schon vor und im Ersten
Weltkrieg für eine Demokratisierung Deutschlands eingesetzt und diese am
französischen Vorbild orientierte Haltung während der Weimarer Epoche
konsequent fortgesetzt. Thomas Mann brauchte zur gleichen republikanischen Haltung
länger: nach der eher nationalistischen Position in "Friedrich und
die große Koalition" (1915) und den antirepublikanischen "Betrachtungen
eines Unpolitischen" (1918) gewann er erst in seiner Rede "Von deutscher
Republik" (1922) eine positive Einstellung zu Demokratie und Republik -
eine Einstellung, die je stärker die antidemokratischen Kräfte in
Deutschland wurden und je gefährdeter die erste deutsche Demokratie dastand,
immer kämpferischer wurde und vor 1933 ihren Höhepunkt in Essays und
Reden wie "Kultur und Sozialismus" (1928), "Die Stellung Freuds
in der modernen Geistesgeschichte" (1929), "Deutsche Ansprache-Appell
an die Vernunft" (1930) und "Rede vor Wiener Arbeitern" (1932)
erreichte. Überzeugt "vom kommenden Sieg der Demokratie" (so
der Titel eines 1938 in den USA gehaltenen Vortrags) setzte sich Thomas Mann
für die Werte der Demokratie ein und nahm nach 1933 wie viele deutsche
Intellektuelle, wie sein Bruder Heinrich, Exil und Verlust der deutschen Staatsbürgerschaft
auf sich, um vom Ausland her den Kampf gegen Hitler fortzusetzen.
Diesen die Weimarer Republik und ihre Verfassung als Grundlage des pluralistischen
Gemeinwesens unterstützenden und verteidigenden Intellektuellen der demokratischen
Mitte standen auf der einen Seite linke, auf der anderen Seite rechte Intellektuelle
gegenüber, die sich - aus verschiedenen Motiven - mit der Weimarer Republik
und Demokratie nicht voll identifizieren konnten oder sie strikt ablehnten und
prinzipiell bekämpften.
Die linken Intellektuellen oder Linksintellektuellen waren zum größeren
Teil Marxisten, für die die deutsche Revolution 1918/19 in den Anfängen
stecken geblieben war. Sie bildeten durchaus keine einheitliche Gruppierung;
gemeinsam war ihnen aber ein mehr oder weniger extremer und revolutionärer
Utopismus, der die schlechte Realität der Weimarer Republik möglichst
rasch und radikal und ein für allemal hinter sich zurücklassen wollte
- zugunsten einer revolutionär zu verwirklichenden sozialistischen oder
kommunistischen Ordnung eines neuen Menschentums. Die Zahl der Autoren und Publikationen
aus dem linksintellektuellen Lager war verwirrend groß; hier seien nur
einige der wichtigsten Namen und Titel angeführt. Z. B. Karl Korsch, der
zu den prominentesten und aktivsten, dem Marxismus verpflichteten Intellektuellen
der Weimarer Zeit gehörte. Zeitweilig Reichstagsabgeordneter für die
Kommunisten, vertrat er auch gegen den orthodoxen Marxismus der KPD eine revolutionäre
marxistische Philosophie; so in seiner Schrift "Marxismus und Philosophie"
(1923). Bekannter als Korsch war der (ungarische, aber im Deutschland der Weimarer
Zeit wirkende) Philosoph Georg Lukacs, der z. B. mit seinem einflussreichen
Werk "Geschichte und Klassenbewusstsein" (1923) einen aktivistischen
und revolutionären Marxismus vertrat. Als Mitarbeiter der Zeitschrift "Die
Linkskurve" und als Leiter der kommunistischen Fraktion im "Schutzverband
Deutscher Schriftsteller" (SDS) begründete Lukacs eine einflussreiche
Position der marxistischen Literaturtheorie und Literaturkritik. Die polemische
Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Autoren und Richtungen in der Literatur
diente primär politischen Zwecken und war eindeutig ein kämpferisches
Element einer kommunistischen Strategie zur Herbeiführung der proletarischen
Revolution in Deutschland, wo die Agonie der Weimarer Republik nach 1929 günstige
Bedingungen für eine proletarische Machtergreifung zu bieten schien.
Es ließen sich hier noch zahlreiche weitere Autoren aufführen - wie
etwa Ernst Bloch, Walter Benjamin, Bert Brecht -, die in ihren politischen Schriften
der damaligen Zeit keinen Hehl aus ihrer Ablehnung der Weimarer Republik machten.
Das gilt auch für Kurt Tucholsky, dem Mitherausgeber der "Weltbühne",
der zuletzt von Paris aus seine polemische Kritik an den deutschen Zuständen
radikalisierte - so etwa in seiner Schrift "Deutschland, Deutschland über
alles" (1929), ein Rundumschlag gegen die Weimarer Republik und ihre Verfassungszustände,
der bei aller Berechtigung einzelner Kritik insgesamt jedoch die Ablehnung der
Republik förderte. Dies hat schon der Zeitgenosse Herbert Ihering Tucholsky
vorgeworfen, wenn er in einer Polemik gegen ihn schreibt: "Es scheint mir
eine Polemik ohne Risiko zu sein, wenn Kurt Tucholsky immer wieder gegen dasselbe
Militär, gegen dieselbe Justiz mit einer zwar oft treffenden, sehr amüsanten,
sehr wirkungsvollen Typenschilderung losgeht."(22)

Wenden wir uns jetzt aber den Rechtsintellektuellen der Weimarer Erpoche zu,
die fraglos für die Aushöhlung und den Zusammenbruch der Weimarer
Republik 1933 und die Machtergreifung des Nationalsozialismus am meisten bewirkt
und damit auch am stärksten verantwortlich waren.
Dass Vertreter dieser Richtung durchweg entschieden antidemokratisch dachten
und sich artikulierten, ist hinreichend bekannt; Kurt Sontheimer hat sich mit
ihr in seinem Buch "Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik"
(1962) gründlich beschäftigt. Zahlreiche Monographien zu einzelnen
Autoren wie Martin Heidegger oder Ernst Jünger bestätigen und differenzieren
diese Ergebnisse.(23)
Dementsprechend machten Vertreter des Rechtsintellektualismus oder der "Konservativen
Revolution" gerade in der Endphase der Weimarer Republik, als das ihnen
verhasste Regime der Agonie verfiel, keinen Hehl aus ihrer antidemokratischen
Einstellung. Eindrucksvoll wird diese Haltung durch die Eröffnungssätze
von Oswald Spenglers Schrift Jahre der Entscheidung" (1933 vgl. Dok.
4) bestätigt, wo es heißt:
"Niemand konnte die nationale Umwälzung dieses Jahres mehr herbeisehnen als ich. Ich habe die schmutzige Revolution von 1918 vom ersten Tage an gehasst, als den Verrat des minderwertigen Teils unseres Volkes an dem starken, unverbrauchten, der 1914 aufgestanden war, weil er eine Zukunft haben konnte und haben wollte. Alles, was ich seitdem über Politik schrieb, war gegen die Mächte gerichtet, die sich auf dem Berg unseres Elends und Unglücks mit Hilfe unserer Feinde verschanzt hatten, um die Zukunft unmöglich zu machen. Jede Zeile sollte zu ihrem Sturz beitragen, und Ich hoffe, dass das der Fall gewesen ist. "(24)
Dieser Text enthält bereits das ganze Vokabular und auch die verschiedenen
Ressentiments der deutschen Rechtsintellektuellen gegen die Weimarer Republik
- zugleich auch das eindeutige Bekenntnis, diese Republik zerstören zu
helfen. Ähnlich Unzweideutiges findet sich auch bei dem Schriftsteller
Ernst Jünger, der I schon in seinen Kriegstagebüchern seine unüberwindliche
Distanz zur Weimarer Republik markiert hatte. Um 1930 publizierte Jünger
in dieser Tradition seine bekannten Essays "Die totale Mobilmachung"
und "Über den Schmerz", in denen er Gedanken aus seiner frühen
Schrift "Der Kampf als inneres Erlebnis wieder aufnahm. Besonders weitgreifend
war die politische Wirkung seines Hauptwerkes "Der Arbeiter - Herrschaft
und Gestalt" (1932), in dem er den Arbeiter als zeitbestimmende Gestalt
aus dem Soldaten des Ersten Weltkriegs und dem Industrialismus der Epoche hervorgehen
ließ und in der Folge der Herrschaft des Arbeiters für den "totalen
Staat" als die maßgebliche politische Herrschaftsform der Zukunft
optierte.
Es ist bekannt, dass Ernst Jünger mit seiner kompromisslosen Haltung gegen
die Weimarer Demokratie kein Einzelgänger war; man muss allerdings festhalten,
dass er zum praktischen Totalitarismus des NS-Staates bald nach 1933 auf Distanz
ging. Sein Roman "Auf den Marmorklippen" (1938) sowie_ seine Schriften
nach 1945 ("Der Waldgang", "An der Zeitmauer", "Maxima-Minima")
und seine Tagebücher "Strahlungen" bezogen eine veränderte
politische Position. Jünger schloss sich dem Offiziers-Widerstand gegen
Hitler an.
Im Kontext der kurzen Analyse der deutschen Staatslehre sind wir bereits auf
Carl Schmitt eingegangen; sein antidemokratisches Staatsdenken zeichnet sich
durch mehrere Optionen aus: einmal durch die fundamentale Kritik am zeitgenössischen
Parlamentarismus in seiner frühen Schrift "Die geistesgeschichtliche
Lage des heutigen Parlamentarismus" (1923), durch seine Kritik am gesellschaftlichen
und politischen Pluralismus - so in seinen Aufsätzen "Staatsethik
und Pluralismus" (1930) und "Der Hüter der Verfassung" (1931)
- sowie durch die wiederholten eindeutigen Optionen für den "totalen
Staat' - so in den Aufsätzen "Die Wendung zum totalen Staat"
(1930) und "Die Weiterentwicklung des totalen Staates in Deutschland"
(1933). Den Gipfel dieser antidemokratischen Argumentation bildete unbestritten
der berührnt-berüchtigte Artikel "Der Führer schützt
das Recht", der 1934 zur Rechtfertigung Hitlers nach dem Röhm-Putsch
erschien. Schon vorher hatte er weitere politische Wirkung durch seine einflussreiche
Studie "Der Begriff des Politischen" (1928, 2. Aufl. 1932) und durch
seine weitverbreitete "Verfassungslehre" (1928) 'erzielt, die die
verfassungsrechtliche Diskussion der ausgehenden Weimarer Epoche maßgeblich
bestimmte und auch noch 1945 zahlreiche Neuauflagen erlebte.

Carl Schmitts Einfluss war groß; er erstreckte sich von katholischen
Kreisen, denen er konfessionell verbunden war, über die deutschen Juristen
(Staatsrecht und Völkerrecht) bis auf die zeitgenössische Philosophie
und Literatur. Auch Schmitt hat sich bald nach der NS-Machtergreifung von Hitler
und seiner Bewegung distanziert und sein Interesse auf staatsphilosophische
und ideengeschichtliche Themen verlagert; so schrieb er eine vielbeachtete Studie
über den "Leviathan" (1938) von Thomas Hobbes; doch wandelte
er sich - auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht in einen Demokraten; vielmehr
blieb er seinen antidemokratischen Lehren treu, lebte aber zurückgezogen
als Privatgelehrter im westfälischen Plettenberg.
Zu den antidemokratischen Kräften, die weitreichende Geltung gewannen,
gehörte auch der Philosoph Martin Heidegger - vor allem durch seine nationalsozialistische
Schrift "Die Selbstbehauptung der deutschen Universität", der
seine Rektoratsrede an der Freiburger Universität zugrunde lag. Auch Heidegger
distanzierte sich etwas später vom Nationalsozialismus, vermochte es aber
bis zuletzt nicht, die Wirklichkeit von Auschwitz als deutsches Verbrechen anzuerkennen.
In jüngster Zeit haben Untersuchungen von Hugo Ott und Victor Farias die
politischen Implikationen der Heideggerschen Philosophie offengelegt.
Abschließend sei noch auf den Dichter Gottfried Benn (vgl. Dok.
5 und 6) eingegangen, der - nicht zuletzt aus Opportunismus
-1933 eine entschiedene positive Einstellung zum Nationalsozialismus demonstrativ
bekundete - so in seiner Rundfunkrede "Der neue Staat und die Intellektuellen"
(1933), die auch gerade bei jungen Deutschen wie Klaus Mann kritische Reaktionen
auslöste. Klaus Mann stellte Benn, den er als Dichter bewunderte, in einem
berühmten "offenen Brief" scharf zur Rede:
"Was konnte Sie dahin bringen, Ihren Namen, der uns der Inbegriff des höchsten
Niveaus und einer geradezu fanatischen Reinheit gewesen ist, denen zur Verfügung
zu stellen, deren Niveaulosigkeit absolut beispiellos in der europäischen
Geschichte ist und von deren moralischer Unreinheit sich die Welt mit Abscheu
abwendet?"(27)
In einer "Antwort an die literarischen Emigranten" (1933) suchte Benn
sich zu rechtfertigen, verschlimmerte er seine Position jedoch erheblich. Erst
nach dem Zweiten Weltkrieg hat Benn sich in seiner autobiographischen Schrift
"Doppelleben" von seiner Haltung distanziert und in Bezug auf Klaus
Mann gesagt:
"Dieser Siebenundzwanzigjährige hatte die Situation richtiger beurteilt,
die Entwicklung der Dinge genau vorausgesehen, er war klarer denkend als ich,
meine Antwort ... war demgegenüber romantisch, überschwänglich,
pathetisch."(28)
Das ist - auch aus der Distanz heraus - noch eine schönfärberische
Selbstcharakterisierung, die andeutet, dass Benn sich während des Dritten
Reiches zwar vom NS-Regime distanzierte, dass er aber politisch den Weg zur
Demokratie noch nicht gefunden hatte und auch später nicht mehr fand. Darin
glich er durchaus den Jünger, Schmitt und Heidegger und anderen Rechtsintellektuellen,
die antidemokratische Positionen einnehmen und sich für den Nationalsozialismus
engagieren. Dieser Starrheit des politischen Denkens, die Uneinsichtigkeit und
Unbelehrbarkeit macht einen wesentlichen Aspekt des antidemokratischen Denkens
in Deutschland aus. Die ersten Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung haben
deutlich werden lassen, dass dieses Denken auch nach 45 Jahren Nachkriegsgeschichte
überlebt hat und sich als neuer alter Nationalismus in unseren Tagen erneut
bedenklich und gefährlich artikulieren konnte.
Aus der Darstellung und Analyse des antidemokratischen Denkens in der Schlussphase
der Weimarer Republik ist mindestens zweierlei zu lernen:
- einmal dass die NS-Machtergreifung nicht am 30. Januar 1933 mit der Ernennung
Hitlers zum Reichskanzler begann, sondern sich schon lange vorher vorbereitet
hat;
- zum anderen, dass das Ende der Weimarer Republik nicht allein durch innenpolitische
Strukturprobleme, durch Verfassungskonflikte, ökonomische und soziale Notlagen,
durch die Härten des Versailler Friedensvertrags bewirkt worden ist, dass
vielmehr die politische Kultur der ersten deutschen Demokratie tiefgreifende
Brüche und Ungleichzeitigkeiten aufwies, die eine Befestigung und Konsolidierung
der Demokratie in Deutschland verhinderten.
wir haben gesehen, wie sich zum Teil vom Beginn an (1919), zum Teil im Übergang
zur krisenhaften Endphase der Republik un- und antidemokratisches Denken ausbreitete
und verstärkte. Betroffen waren davon nicht nur vereinzelte Individuen
und gesellschaftliche Gruppen, sondern wesentliche gesellschaftliche und politische
Funktionseliten.
Wir haben gezeigt, wie z. B. beide Kirchen, die protestantische wie die katholische,
von ihrem Weltbild her eher dazu neigten, die alten, am Ende des Ersten Weltkriegs
zusammengebrochenen monarchischen Herrschaftsverhältnisse weiterhin anzuerkennen
und die durch eine Revolution herbeigeführten staatsrechtlichen und politischen
Systemveränderungen von der (autoritären) Monarchie zur (demokratischen)
Republik abzulehnen. Wir wissen, dass diese bedeutenden gesellschaftlichen Einrichtungen
sicherst im Konflikt mit und im Widerstand gegen den Nationalsozialismus ab
1933 zu einem positiven Verhältnis zur pluralistischen Demokratie durchringen
konnten.
Wir haben erfahren müssen, wie die deutschen Universitäten, ebenfalls
durch ihre Traditionsbeziehungen zum alten Regime, nur in ganz geringem Umfang
sich positiv zur Demokratie einstellten und sich für sie engagierten; sowohl
die Professorenschaft als auch die Studentenschaft standen- wenn auch aus verschiedenen
Gründen der neuen politischen Ordnung von Weimar eher kritisch bis ablehnend
gegenüber, so dass sich unter ihnen eine Hinwendung zum antidemokratischen
rechtsradikalen und nationalsozialistischen Denken und Handeln bereits vor der
NS-Machtergreifung im Januar 1933 vollziehen konnte.
Während der ganzen Geschichte der Weimarer Zeit gibt es gravierende Zeugnisse
dafür, dass wichtige Funktionseliten wie Justiz und Beamtenschaft in kritischer
Distanz zur neuen demokratischen Ordnung, ihrer Verfassung und ihren Prinzipien
standen. Die Geschichte Weimars weist zahllose Fälle "politischer
Justiz" auf, in denen deutsche Richter von ihrer Sympathie für rechtsorientiertes
antidemokratisches Denken und Handeln keinen Hehl machen, während sie linkes
politisches Denken und eine entsprechende Praxis unnachsichtig und oft unverhältnismäßig
streng verfolgten und verurteilten und damit als für eine Demokratie unannehmbare
Klassenjustiz handelten.
Wir haben gesehen, wie auch die allgemeine Beamtenschaft in Deutschland, vielfach
aufgewachsen und sozialisiert noch im vordemokratischen Deutschland vor 1914,
eher antidemokratisch orientiert war, so dass die Republik in ihrer Krise ab
1929 kaum auf ihre loyale und engagierte Unterstützung rechnen konnte.
Die zum beträchtlichen Teil noch aus dem Kaiserreich stammende Beamtenschaft
hatte keine Probleme, ihre Dienste nach 1933 ohne Unterbrechung, und Zögern
dem neuetablierten NS-Staat zur Verfügung zu stellen und ihren Beitrag
zum Aufbau des totalitären NS-Regimes zu leisten.
n Schließlich ist sichtbar geworden, dass auch ein beträchtlicher
Teil der Intellektuellen in Deutschland antidemokratisch eingestellt war und
gegen die Weimarer Republik mit den Mitteln antidemokratischer Agitation gekämpft
hat.
Rechnet man all diese antidemokratischen Kräfte, Erscheinungsformen und
Aktivitäten zusammen, so wird erst das ganze Ausmaß der demokratiefeindlichen
Tendenzen in der Weimarer Republik sichtbar. Die NS-Machtergreifung war kein
Betriebsunfall der Weimarer Republik; sie war vielmehr wesentlich bedingt durch
demokratiefeindliche Aktivitäten antidemokratischer Kräfte. Diese
verschiedenen gesellschaftlichen, politischen und intellektuellen Kräfte
haben für Krise und Untergang der Weimarer Republik eine schwere historische
Verantwortung zu tragen.
1 Studienausgabe 1968; DTV-Taschenbuchausgabe
2 Zitat nach K. H. Jarausch, Deutsche Studenten 1800-1970,1984,
S. 153
3 Zahlen nach K: H. Jarausch, Deutsche Studenten, S. 159
4 K. H. Jarausch, Deutsche Studenten, S. 160
5 Vgl. Hans-Joachim Koch (Hrsg.), Die juristische Methode im
Staatsrecht, Frankfurt 1977, S. 95 ff.
6 Wolfgang Schluchter, Entscheidung für den sozialen Rechtsstaat,
Hermann Heller und die staatstheoretische Diskussion in der Weimarer Republik,
Baden-Baden 1983
7 Vgl. die Arbeiten von Emil Julius Gumbel Ilse- Staff, Heinrich
und Elisabeth Hannover und Otto Kirchheimer
8 Vgl. Ernst Fraenkel, Zur Soziologie der Klassenjustiz, 1927,
Nachdruck Darmstadt 1968
9 Vgl. Otto Kirchheimer, Funktionen des Staates und der Verfassung,
Frankfurt 1972, S. 223 ff.
10 Otto Kirchheimer, Politik und Verfassung, 1964, S. 96 und
Otto Kirchheimer, Politische Justiz, 1965
11 Otto Kirchheimer, a. a. O., S. 99
12 Otto Kirchheimen, a. a. O., S. 99
13 Zitat nach: H. und E. Hannover. Politische Justiz 1918-1933;
1977, S. 151
14 Zitiert nach H. und E. Hannover, a. a. O., S. 189
15 Zitat nach H. und E. Hannover, a. a. O., S. 190
16 Dietz Bering, Die Intellektuellen - Geschichte eines. Schimpfwortes,
1978, TB-Ausgabe 1980
17 Friedrich Meinecke, Politische Schriften und Reden, 1958,
S. 427
18 Friedrich Meinecke, a. a. O., S. 434
19 Friedrich Meinecke, a. a. O:, S. 433. Vgl. auch Friedrich
Meinecke, die deutsche Katastrophe - Betrachtungen und Erinnerungen, Wiesbaden
1946
20 Stefan Zweig, zitiert nach: W. Laqueur, Weimar - Die Kultur
der Republik, 1976, S.132
21 Klaus Mann, Jugend und Radikalismus, 1981, S. 7 ff.
22 Zitiert nach W. Laqueur, Weimar, S. 75
23 Vgl. Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland.
Heidegger und seine Zeit, München 1994; Martin Meyer, Ernst jünger,
München 1990; Detlev Felken, Oswald Spengler. Konservativer Denker zwischen
Kaiserreich und Diktatur, München 1988
24 O. Spengler, Jahre der Entscheidung, 1933, Nachdruck 1982,
S. 13
25 Vgl. Paul Noack, Carl Schmitt - eine Biographie, Berlin
1993
26 Hugo Ott, Martin Heidegger. Unterwegs zu seiner Biographie,
Frankfurt 1988; Victor Farias, Heidegger und der Nationalsozialismus, Frankfurt
1987
27 Klaus Mann, Jugend und Radikalismus, 1981, S. 12-14
28 Gottfried Benn, Werke, Bd. IV, S. 74
Bering, Dietz: Die Intellektuellen-Geschichte eines Schimpfwortes, Frankfurt/Berlin
1978 (TB-Ausgabe 1980)
Berking, Helmuth: Masse und Geist - Studien zur Soziologie in der Weimarer Republik,
Berlin 1984
Bleuel, Hans-Peter/Klinnert, Ernst:. Deutsche Studenten auf dem Weg ins Dritte
Reich, Gütersloh 1967
Böckenförde, Ernst-Wolfgang (Hrsg.): Staatsrecht und Staatsrechtslehre
im Dritten Reich, Karlsruhe 1985
Bracher, Karl-Dietrich: Die Gleichschaltung der deutschen Universität,
in: Nationalsozialismus und die deutsche Universität, Berlin 1966, S. 126-142
Corino, Karl (Hrsg.): Intellektuelle im Bann des Nationalsozialismus, Hamburg
1980
Ellwein, Thomas: Die deutsche Universität vom Mittelalter bis zur Gegenwart,
Frankfurt 1985 (3. Teil, S. 228 ff.)
Flitner, Andreas (Hrsg.): Deutsches Geistesleben und Nationalsozialismus, Tübingen,
1965 Beitrag von Theodor Eschenburg: Aus dem Universitätsleben vor 1933,
S. 23-46
Fraenkel Ernst: Zur Soziologie der Klassenjustiz (1927), Darmstadt 1968 Greiffenhagen,
Martin: Von Potsdam nach Bonn. Zehn Kapitel zur politischen Kultur Deutschlands,
München 1986
Grunde, Reinhold/Hermand, Jost (Hrsg.): Faschismus und Avantgarde, Frankfurt
1980
Hannover, Heinrich und Elisabeth: Politische Justiz 1918-1933, Frankfurt 1966
Hermand Jost/Trommler, Frank: Die Kultur der Weimarer Republik, München
1979
Jarausch, Karl-Heinz: Deutsche Studenten 1880-1970, Frankfurt 1984
Jasper, Gotthard: Die gescheiterte Zähmung - Wege zur Machtergreifung 1930-1934,
Frankfurt 1986
Kirchheimer, Otto: Politische Justiz, Neuwied 1965
Klemperer, Klemens von: Konservative Bewegungen zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus,
München/Wien 1967
Klose, Werner: Freiheit schreibt auf eure Fahnen, 800 Jahre deutsche Studenten,
Oldenburg/Hamburg 1967
Koch, Hans-Joachim (Hrsg): Die juristische Methode im Staatsrecht, Frankfurt
1977 Koebuer, Thomas (Hrsg.): Weimars Ende, Prognosen und Diagnosen in der deutschen
Literatur und politischen Publizistik 1930-1933, Frankfurt 1982
Krockow, Christian von: Die Entscheidung. Eine Untersuchung über Ernst
Jünger, Carl Schmitt und Martin Heidegger, Stuttgart 1958
Kurucz, Jonö: Struktur und Funktion der Intelligenz während der Weimarer
Republik, Köln 1967
Laqueur, Walter: Weimar - Die Kultur der Republik, Frankfurt/Berlin 1976 (TB-Ausgabe
1979)
Meinecke, Friedrich: Die deutsche Katastrophe, Wiesbaden 1946
Meinecke, Friedrich: Politische Schriften und Reden, München/Berlin 1958
Mohler, Armin: Die konservative Revolution in Deutschland 1918-1932, Darmstadt
1989
Rothe, Wolfgang (Hrsg.): Die deutsche Literatur der Weimarer Republik, Stuttgart
1974
Schluchter, Wolfgang: Entscheidung für den sozialen Rechtsstaat, Hermann
Heller und die staatstheoretische Diskussion in der Weimarer Republik, Baden-Baden
1983
Schumacher, Joachim: Die Angst vor dem Chaos - Über die falsche Apokalypse
des Bürgertums (1937), Frankfurt 1978
Sontheimer, Kurt: Das antidemokratische Denken in der Weimarer Republik, München
1962, TB-Ausgabe
Sontheimer, Kurt: Politische Wissenschaft und Staatsrechtslehre, Freiburg 1963
Staff, Ilse: Justiz im Dritten Reich, Frankfurt 1964
Stammen, Theo: Verrat der Intellektuellen? - in: J: Becker (Hrsg.): 1933 - fünfzig
Jahre danach, München 1983, S. 105-151 (Schriften der Philosophischen Fakultäten
der Universität Augsburg;
Stürmer, Michael (Hrsg.): Die Weimarer Republik- Belagerte Civitas, Königstein/Ts.
Dok. 1 Carl Schmitt: Weiterentwicklung des totalen Staats
in Deutschland
(Januar 1933)
I.
Es gibt einen totalen Staat. Man kann den "totalen Staat" mit irgendwelchen
Empörungs- und Entrüstungsschreien als barbarisch, sklavisch, undeutsch
oder unchristlich von sich weisen, die Sache selbst ist damit nicht aus der
Welt geschafft. Jeder Staat ist bestrebt, sich der Machtmittel zu .bemächtigen,
die er zu seiner politischen Herrschaft braucht. Es ist sogar das sichere Kennzeichen
des wirklichen Staates, dass er das tut. Auch stehen wir alle unter dem Eindruck
der gewaltigen Machtsteigerung, die heute jeder Staat durch die Steigerung der
Technik, namentlich der militärtechnischen Machtmittel, erfährt. Selbst
einem kleinen Staat und seiner Regierung verleihen die modernen technischen
Mittel eine solche Einwirkungsmöglichkeit, dass daneben die alten Vorstellungen
sowohl von staatlicher Macht als auch vom Widerstand gegen sie verblassen. .
. .
Auf die neuen technischen Mittel, Film und Rundfunk, dagegen muss jeder Staat
selbst die Hand legen. Es gibt keinen noch so liberalen Staat, der über
das Film- und Lichtspielwesen und den Rundfunk nicht mindestens eine intensive
Zensur und Kontrolle für sich in Anspruch nimmt. Kein Staat kann es sich
leisten, diese neuen technischen Mittel der Nachrichtenübermittlung, Massenbeeinflussung,
Massensuggestion und Bildung einer "öffentlichen", genauer: kollektiven
Meinung einem andern zu überlassen. Hinter der Formel vom totalen Staat
steckt also die richtige Erkenntnis, dass der heutige Staat neue Machtmittel
und Möglichkeiten von ungeheurer Intensität hat, deren letzte Tragweite
und Folgewirkung wir kaum ahnen, weil unser Wortschatz und unsere Phantasie
noch tief im 19. Jahrhundert stecken. Der totale Staat in diesem Sinne ist gleichzeitig
ein besonders starker Staat. Er ist total im Sinne der Qualität und der
Energie, so, wie sich der faschistische Staat einen "stato totalitario"
nennt, womit er zunächst sagen will, dass die neuen Machtmittel ausschließlich
dem Staat gehören und seiner Machtsteigerung dienen. Ein solcher Staat
lässt in seinem Innern keinerlei
staatsfeindliche, staatshemmende oder staatszerspaltende Kräfte aufkommen.
Er denkt nicht daran, die neuen Machtmittel seinen eigenen Feinden und Zerstörern
zu überliefern und seine Macht unter irgendwelchen Stichworten, Liberalismus,
Rechtsstaat oder wie man es nennen will, untergraben zu lassen. Ein solcher
Staat kann Freund und Feind unterscheiden. In diesem Sinne ist, wie gesagt,
jeder echte Staat ein totaler Staat; er ist es, als eine societas perfecta der
diesseitigen Welt, zu allen Zeiten gewesen; seit langem wissen die Staatstheoretiker,
dass das Politische das Totale ist, und das Neue sind nur die neuen technischen
Mittel, über deren politische Wirkungen man sich klar sein muss.
II.
... Der Zwang zur totalen Politisierung scheint unentrinnbar. Keine Parteiorganisation
kann sich ihm entziehen. Die rücksichtslos totalen Parteien bestimmen den
Typus und treiben die andern viertel-, halb- oder dreivierteltotalen Parteien
zur Konsequenz des erfolgreichen Typus. Vor jeder Dezision eines konsequenten
Nationalismus oder Sozialismus oder Atheismus erscheinen die lavierenden Halbheiten
als hilflose Kleinigkeiten.
Das Nebeneinander mehrerer solcher totaler Gebilde, die auf dem Wege über
das Parlament den Staat beherrschen und ihn, solange es pluralistisch zugeht,
zum Objekt ihrer Kompromisse machen, ist die Ursache jener merkwürdigen
quantitativen Ausdehnung des Staates. Zwischen den Staat und seine Regierung
auf der einen und die Masse der Staatsbürger auf der anderen Seite hat
sich heute ein sehr festes durchorganisiertes, aber pluralistisches Nebeneinander
mehrerer totaler Parteien eingeschoben und handhabt das Monopol der Politik,
das erstaunlichste aller Monopole. Aller politischer Wille, alle Umschaltung
der Interessen, die es selbstverständlich geben muss, in den Staatswillen,
ist auf den Weg über einen Parteiwillen angewiesen. Nur ist die heutige
Partei etwas anderes als die alte liberale Meinungspartei. Sie ist, wie Otto
Koellreutter schon seit langem festgestellt hat, eine aktivistische Partei,
sie benutzt die der Opposition zugedachten liberalen Freiheiten und alle legalen
Möglichkeiten, Einrichtungen und Befugnisse einer liberalen Verfassung
kaltblütig als Instrument ihrer Aktion und zwingt auch die bisher liberalen
Parteien zu dieser verfassungzerstörenden Wandlung. Der Zwang, sich ihrem
politischen Monopol zu unterwerfen, unter dem heute jedes Lebensgebiet und jede
größere Menschengruppe in Deutschland steht, verändert und verfälscht
alle Einrichtungen der Weimarer Verfassung. Wichtiger als jedes wirtschaftliche
Monopol ist dieses politische Monopol einer Reihe von starken politischen Organisationen,
die eine Regierung nur unter der Bedingung tolerieren, dass der Staat ihr Ausbeutungsobjekt
bleibt.
Das eigentliche Instrument dieses politischen Monopols - oder, da es sich um
einen pluralistischen Staat handelt, dieses Polypols" - ist die Aufstellung
der Kandidatenliste. Das Ergebnis jeder Wahl hängt von der Kandidatenliste
ab. Die Masse der Wähler kann keinen Kandidaten von sich aus aufstellen,
und der Regierung fehlt das selbstverständlichste und natürlichste
Recht einer Regierung, nämlich das jus agendi cum populo. Damit ist die
große Masse der angeblichen "Wähler" und der Volkswille
selbst restlos durch etwa fünf Parteilisten parzelliert. Die Wahl ist entgegen
der Verfassung, die eine direkte Wahl verlangt, längst keine direkte Wahl
mehr. Der Abgeordnete wird von der Partei ernannt, nicht vom Volk gewählt.
Die sogenannte Wahl ist eine durchaus mittelbare Stellungnahme der "Wähler"
zu einer Parteiorganisation. Dass von unmittelbarer Wahl heute nicht mehr die
Rede sein kann, hat sich als eine unbestreitbare Erkenntnis heute allgemein
durchgesetzt. Ich behaupte aber, dass der Vorgang, wie er sich heute abspielt,
überhaupt keine Wahl mehr ist. Denn was geht vor sich? Fünf Parteilisten,
auf eine höchst geheime, okkulte Weise entstanden, von fünf Organisationen
diktiert, erscheinen. Die Massen begeben sich sozusagen in fünf bereitstehende
Hürden, und die statistische Aufnahme dieses Vorganges nennt man "Wahl".
Was ist das in der Sache?
Man sollte sich diese Frage doch endlich einmal deutlich zum Bewusstsein bringen,
ehe Deutschland an derartigen Methoden politischer Willensbildung zugrunde gegangen
ist. Es ist in der Sache eine geradezu phantastische Option zwischen fünf
untereinander völlig unvereinbaren, völlig entgegengesetzten, in ihrem
Nebeneinander sinnlosen, aber jedes in sich geschlossenen und in sich totalen
Systemen mit fünf entgegengesetzten Weltanschauungen, Staatsformen und
Wirtschaftssystemen. Zwischen fünf organisierten Systemen, von denen jedes
in sich total ist und jedes, konsequent zu Ende gedacht, das andere aufhebt
und vernichtet, also z. B. zwischen Atheismus oder Christentum, gleichzeitig
zwischen Sozialismus oder Kapitalismus, gleichzeitig etwa zwischen Monarchie
oder Republik, zwischen Moskau, Rom, Wittenberg, Genf und Braunem Haus und ähnlichen
inkompatiblen Freund-Feind-Alternativen, hinter denen feste Organisationen stehen,
soll ein Volk mehrmals im Jahre optieren! Wer sich klarmacht, was das bedeutet,
wird nicht mehr erwarten, dass aus einer solchen Prozedur eine handlungs- und
aktionsfähige, auch nur lose zusammenhaltende, für eine politische
Willensbildung geeignete Mehrheit hervorgehen könnte. Ein solcher Vorgang
bedeutet nur, dass der Volkswille sofort an seiner Quelle In fünf Kanäle
und nach fünf verschiedenen Richtungen abgeleitet wird, so dass er niemals
zu einem Strom zusammenfließen kann. Das Ergebnis sind immer nur fünf
verschiedene Volksteile mit fünf verschiedenen politischen Systemen und
Organisationen, die sich in ihrem zusammenhanglosen, ja, feindlichen Nebeneinander
gegenseitig zu besiegen oder zu betrügen suchen und, zu jeder positiven
Arbeit unfähig, sich immer nur im Negativen begegnen und höchstens
einmal - wie bei Misstrauensbeschlüssen, Aufhebungsverlangen, Amnestieforderungen
oder bei dem verfassungsändernden Gesetz über die Stellvertretung
des Reichspräsidenten vom 17. Dezember 1932 - in einem Nullpunkt treffen.
Mit solchen Methoden politischer Willensbildung sind wir in den Zustand eines
quantitativ totalen Staates hineingeraten, der nichts mehr unterscheiden kann,
weder Wirtschaft und Staat, noch Staat und sonstige Sphären menschlichen
und sozialen Daseins. Die Wahl ist keine Wahl mehr, der Abgeordnete kein Abgeordneter
mehr, wie ihn die Verfassung sich denkt. Er ist nicht der unabhängige,
gegenüber Parteiinteressen das Wohl des Ganzen vertretende freie Mann,
sondern ein in Reih und Glied marschierender Funktionär, der seine Befehle
außerhalb des Parlaments erhält und für den die Beratung in
der Vollversammlung des Parlaments zur leeren Farce werden ruß. Wie der
Abgeordnete kein Abgeordneter, ist das Parlament kein Parlament mehr. Auf dem
demokratischen System der Weimarer Verfassung lastet ein solches Parlament mit
seiner gleichzeitig machtunfähigen und machtzerstörenden Negativität
wie ein körperlich und geistig kranker Monarch auf den Einrichtungen und
dem Bestand einer Monarchie. Der heutige deutsche Reichstag ist kein Reichstag
im Sinne der Weimarer Verfassung; der heutige deutsche Reichsrat, in dem sich
mehr geschäftsführende als normale Landesregierungen treffen, in dem
für das Land Preußen, also zwei Drittel des Deutschen Reiches, amtsenthobene
Minister einer früher geschäftsführenden Regierung erscheinen,
kein Reichsrat im Sinne der Weimarer Verfassung. Auch das Misstrauensvotum ist
kein Misstrauensvotum im Sinne eines parlamentarischen Regierungssystems, denn
ihm entspricht heute weder die Fähigkeit noch die Bereitschaft, eine handlungsfähige
und verantwortungsbewusste Regierung zu bilden. Alle diese Verfassungseinrichtungen
sind hinfällig geworden und gänzlich denaturiert, alle legalen Befugnisse,
selbst alle Auslegungsmöglichkeiten und Argumente sind instrumentalisiert
und werden taktische Mittel des Kampfes jeder Partei gegen jede andere und aller
Parteien gegen Staat und Regierung. Hätte nicht die eine letzte Säule
der Weimarer Verfassungsordnung, der Reichspräsident und seine aus vorpluralistischen
Zeiten stammende Autorität, bisher standgehalten, so wäre wahrscheinlich
das Chaos auch in aller Sichtbarkeit und in der äußerlichen Erscheinung
bereits vorhanden und selbst der Schein der Ordnung verschwunden.
(aus: Carl Schmitt: Positionen und Begriffe. Im Kampf mit Weimar-Genf-Versailles
1923 bis 1939, Berlin 1988)
Dok. 2 Carl von Ossietzky: Deutschland wartet!
In einer Reihe von Rechtsblättern und namentlich in solchen, die den Deutschnationalen
nahestehen, stößt man gelegentlich auf eine Art Bedauern, dass die
Massen der sozialistischen Arbeiter die Inthronisierung des neuen ' Regimes
mit einer solchen Gelassenheit hingenommen haben. Viel lieber wären ihnen
Drohungen und rabiate Kampferklärungen, damit es "Ordnung" zu
schaffen gibt und der marxistischen Riesenschlange endlich der Kopf zertreten
werden kann.
Es ist das Unglück unsrer Reaktionäre, dass sie den deutschen Arbeiter
ebenso wenig kennen wie das deutsche Volk überhaupt. Sie phantasieren zwar
ständig von "Blutsverbundenheit", aber von dem deutschen Durchschnittsmenschen,
der seine Bezüge nicht von der Osthilfe erhält, wissen sie so wenig
wie von einem Marsbewohner. Sie betrachten die Welt durch die Dachluke ihrer
Ideologie, sie sehen nur den Rauch vom nächsten Schornstein. Sonst würden
sie wissen, dass der Arbeiterschaft auch heute alles ferner liegt als ein wilder
Radikalismus. Sie hat der Machtergreifung der Rechten jahrelang widerstanden
und in ihr ein allgemeines Unglück erblickt. Heute, wo dies endlich vollzogene
Tatsache ist, ballt sie nicht etwa die Fäuste in ohnmächtiger Verzweiflung,
sie stellt sich einfach hin und wartet. Sie wartet auf die sozialen Taten der
Regierung. Sie gibt ihr offensichtlich einen anständigen Vorsprung.
Man darf in der Tat gespannt sein, in welcher Weise die Reichsregierung zu
einer Synthese der ihr innewohnenden sozialen Widersprüche kommen will.
Die Arbeiterschaft hat im Laufe einer langen Tradition gute Haltung gelernt.
Sie wartet ohne Vertrauen, aber sie wartet.
Sie hat ihr Augenmerk vor allem auf das Reichsarbeitsministerium gerichtet,
in dem der Chef des Stahlhelms jetzt regiert, dessen Aufgabe es sein wird, die
Brücke zu schlagen vom nationalen Pathos zur wirtschaftlichen Realität.
Jede deutsche Regierung muss es sich heute gefallen lassen, zunächst nach
ihren wirtschaftlichen Leistungen beurteilt zu werden. Die Regierung Schleicher
ist unbestreitbar mit einem Enthusiasmus begrüßt worden, der kritischen
Köpfen schwerverständlich schien. Aber nach ein paar Wochen schon,
da wurde die ungemütliche Frage laut: "Wo bleibt die verheißene
Arbeitsbeschaffung?", und damit war's vorbei, und jetzt ging es so wie
im Märchen: alles sah, dass der König keine Kleider anhatte. Es kann
schwer sein, mit einer Opposition fertig zu werden, die auf die Straße
drängt. Aber eine Opposition, die auf Leistungen wartet, ist schwieriger.
Gewiss sind bei uns die Parteiduelle zu ungeheurer Intensität entwickelt,
aber die Menschen sind auch des Kampfes der Schlagworte herzlich müde;
sie haben sich daran satt gegessen und wünschen jetzt festere Kost. Gruppen,
die jahrelang agitiert und angeklagt haben, sind endlich oben. Deutschland wartet.
Die Regierung steht jetzt unter einem unerbittlichen Gesetz.
Niemand hat eine solche Situation plastischer geschildert als der Berliner Nationalökonom
Professor Ludwig Bernhard, der Freund Hugenbergs und Chronist seines Aufstiegs.
Bernhard, der als Wissenschaftler immer den schroffsten Arbeitgeberstandpunkt
vertreten hatte, schrieb in dem vor etwa drei Jahren erschienenen Sammelbuch
"Der Prozess der Diktatur" diese unheimlich aktuellen Sätze:
"Man kann nicht mehr verzehren, als vorhanden ist. - Das ist die Nachtqual
jedes Diktators. Solange Bewaffnete hinter ihm stehen, kann er spielen mit der
Politik, kann er diplomatisch verhandeln mit der Kirche, und die Kultur kann
er schminken lassen. Alle jauchzen oder lächeln oder schweigen.
Die Wirtschaft aber spricht zu ihm und seinen Mannen: Ihr könnt nicht mehr
verzehren, als vorhanden ist. Er ist der Herr; aber dem Gesetze des wirtschaftlichen
Ausgleichs muss er gehorchen. Die Bilanz ist stärker als die Diktatur.
Deshalb muss der Diktator, wenn die wirtschaftliche Lage bedrohlich wird, mit
der Bilanz paktieren. Dies geschieht, indem er um einen Aufschub bittet: Der
Fünfjahresplan, die Pjatiletka, ist die Grundlage aller Sowjetpolitik.
Bis
zum 1. Oktober 1933 ist positiv daran zu arbeiten und nicht zu kritisieren',
so Stalin. Und Mussolini: In fünf bis zehn Jahren wird Italien wirtschaftlich
vom Auslande unabhängig sein. Bis dahin ist die Weizenschlacht zu schlagen,
und im übrigen ist zu schweigen.' So wird mit der Bilanz paktiert. Die
wirtschaftliche Krise der politischen Diktatur wird hinausgeschoben; der Schuldschein
prolongiert. . . .
Es entspricht also einer tiefen innern Gesetzmäßigkeit, wenn die
Regierung zunächst zwei Vierjahrespläne zur Behebung der ärgsten
wirtschaftlichen Not ankündigt; sie braucht Aufschub. . . .
Was das Volk erwartet, ist Brot und Arbeit. Die Regierung aber traktiert es
mit Politik, sie dekretiert, sie verordnet. Ihr erster wirtschaftlicher Akt
von Bedeutung aber ist eine den Agrariern erwiesene Gefälligkeit. Damit
enthüllt sie nur die Gegensätze in ihrer Konstruktion. Die hinter
ihr stehenden Parteien führen den Wahlkampf so, als wären sie noch
immer die nationale Opposition"; sie schmettern furchtbar gegen die Sozis,
die Mordkommune, sie verwechseln Versailles und Weimar, sie säbeln, wie
der dürre kastilische Ritter, zu Dutzenden imaginäre schwergepanzerte
Feinde nieder. In Wahrheit ist dieser Wahlkampf weniger ein Appell ans ganze
Volk als vielmehr eine interne Auseinandersetzung der Harzburger Koalition.
(aus: Carl v. Ossietzky: Rechenschaft. Publizistik aus den Jahren 1913-1933,
Berlin u. Weimar 1982)
Die Reichsregierung hat, indem sie die Reform der Weimarer Verfassung als eine
ihrer dringlichsten Aufgaben erklärt hat, die Fahne über einen zu
erstürmenden Wall geworfen. Es ist neben allen anderen schweren, kühn
und zum Teil gewaltsam von ihr angepackten und in ihrem Ausgang noch sehr umdunkelten
Aufgaben wohl die allerschwerste, die sie sich zugemutet hat. Hier handelt es
sich nicht nur um die Behebung einer akuten Not, hier reicht auch die schon
überscharf geschliffene Waffe des Artikels 48 nicht mehr aus, um das Gewollte
durchzusetzen, hier soll eine neue Dauerform für das
öffentliche Leben geschaffen werden, deren geschichtliche Auswirkungen
in der heutigen aufgewühlten Zeit kein Mensch mit voller Sicherheit vorausberechnen
kann.
Geben wir das eine zunächst zu, was wir selbst von jeher schon publizistisch
vertreten haben, dass gewisse Änderungen der Weimarer Verfassung dringend
erwünscht sind, um den Missbrauch der parlamentarischen Rechte und, soweit
menschenmöglich, die Ämterpatronage zu verhüten. Man könnte
damit prinzipiell wohl der Regierung die Hand reichen, wenn man nicht fürchten
müsste, dass man von ihr gar zu fest gepackt und auf Wege geführt
würde, die aus dem bisherigen Chaos nur in ein neues hinabgleiten.
Diese Besorgnis wird erregt durch die Struktur der Regierung Papen-Schleicher-Gayl.
Sie ist vielleicht das merkwürdigste und riskierteste Experiment der neueren
deutschen Verfassungsgeschichte. Sie lebt von politischem Leihkapital, und dazu
noch einem recht kurzfristig angelegten, und wagt damit sehr große Dinge.
Sie kam durch die Triebkräfte einer irrationalen Volksbewegung ans Ruder,
eines Sturmwindes, den sie zuerst zu benutzen und dann zu durchqueren versuchte.
So fühlen sich die Nazis heute ingrimmig in der Rolle des Mohren, der seine
Schuldigkeit getan hat und nun in die Ecke manövriert werden soll. Kann
es in absehbarer Zeit gelingen, die Hitlerbewegung derart zu spalten, dass eine
tragfähige Mehrheit für die Verfassungspläne der Regierung, mag
sie nun an Reichstag, Volksentscheid oder Nationalversammlung als Wege dafür
denken, herauskommt? Dann würde allerdings das kurzfristige politische
Leihkapital in eigenen Besitz umgewandelt sein. Aber auf wie lange? Denken wir
an die eigenste und zur Zeit stärkste Stütze dieser Regierung, an
den Reichspräsidenten und sein uns allen kostbares Leben. Denken wir ferner
daran, dass eine erhebliche Abwanderung von Naziwählern zu regierungsparteilichen
Gruppen nur dann zu erwarten ist, wenn die Wirtschaft sich bessert und die Arbeitslosigkeit
sich erheblich vermindert. Aber auch die Optimisten unter unseren Wirtschaftlern
warnen uns heute, auf eine rasche Belebung der Konjunktur zu hoffen, und rechnen
nur mit einer ganz langsamen, auf Jahre verteilten Wiedererholung. Dann könnten
aber auch die erhofften politischen Wirkungen der erhofften wirtschaftlichen
Konjunktur vielleicht nicht so rasch eintreten selbst wenn man in Rechnung stellt,
dass die Hitlerbewegung, die auf ein ununterbrochenes Krescendo angewiesen ist,
von dem Augenblick an, wo sie nicht mehr wächst, sondern wieder sichtlich
zurückgeht, den besten Teil ihres magischen Zaubers verlieren und sich
zersetzen wird. Nicht nur die Deutschnationalen, sondern auch die Kommunisten
stehen mit offenen Armen bereit, die enttäuschten Naziwähler aufzunehmen.
Wir sagen das alles nicht, um die Regierung von dem Wege zur Verfassungsreform
überhaupt abzuschrecken. Nachdem sie ihn einmal beschritten hat, muss sie,
wenn sie ihre Autorität nicht verlieren will, ihn weitergehen. Aber sie
muss ihn so gehen, dass sie nicht im Flugsande des heute noch zu durchwandernden
Terrains endet, sondern möglichst bald auf festen und für die Zukunft
tragbaren Boden gelangt. Mit anderen Worten, ihr Verfassungsprogramm muss so
beschaffen sein, dass es eine innere Beruhigung und einen dauerhaften Frieden
zwischen dem Rechts- und dem Linkslager in Deutschland, wenn nicht gleich herzaubert,
so doch möglich macht. Die Pendelschwingungen zwischen rechts und links
gehören nun einmal zu unserem Schicksal, gehören auch zu unserer inneren
Gesundheit, wenn sie nicht extrem ausfallen. Versucht man aber die Konstellation
einer einmaligen extremen Pendelstellung, mag sie rechts oder links stehen,
auszunutzen zur Schaffung von Verfassungseinrichtungen, die nur der Erhaltung
dieser extremen Pendelstellung dienen, so wird totsicher nach gewisser Zeit
eine mindestens ebenso extreme, den Staat schwer erschütternde Gegenwirkung
aus der anderen Ecke des Volkslebens einsetzen. Die Weimarer Verfassung, die
einst in einer sehr extremen Situation von Links- und Mittelparteien geschaffen
wurde, hat neben allen ihren großen geschichtlichen Verdiensten, - schade,
dass Herr v. Gayl in seiner Verfassungsrede von diesen geschwiegen hat - den
Fehler nicht ganz vermieden, ihre Einrichtungen zu sehr auf die damalige extrem
große Machtstellung des Linkslagers zuzuschneiden.
Und das ist nun die größte Besorgnis, die wir gegenüber den
Verfassungsplänen der Regierung haben, dass sie diesen Fehler heute in
umgekehrter Richtung wiederholt. Sie lebt zwar heute, wie wir sagten, von politischem
Leihkapital und hat von parteimäßig gebundenen Kräften wenig
hinter sich. Aber sie hat eine gewisse moralische Macht sich dadurch gewonnen,
dass sie das offensichtliche Bestreben zeigt, Deutschland vor den Schrecken
einer nationalsozialistischen Parteiherrschaft zu bewahren durch ein konservativ-autoritäres
Regime - gewissermaßen das vergiftete Blut des Volkskörpers zu heilen
durch ein aus ihm gewonnenes Serum. Darum kann sie sich der wachsenden Sympathien
dessen, was von gebildetem und besitzendem Bürgersinn noch übrig ist,
erfreuen. Aber diese und andere, aus der Zersetzung der Hitlerbewegung zu erhoffende
autoritär gesinnten Kräfte bilden eine viel zu schmale Basis, um daraufhin
das Wagnis eines radikalen Umbaus unserer Verfassung in konservativem Sinne
zu unternehmen. Dies Wagnis würde erst recht ins Abenteuer führen,
wenn man etwa - dies sei rein theoretisch gesagt - einmal daran denken sollte,
gestützt auf die Reichswehr, eine Oktroyierung zu versuchen. Man denke
also im Regierungslager nicht nur an heute und morgen, sondern auch an übermorgen!
Der Pendel, der heute nach rechts schwingt, wird bestimmt einmal wieder nach
links hinübergehen. Man spricht heute nicht mehr viel von der Sozialdemokratie.
Nachdem man sie aus Preußen hinausgeworfen hat, ohne sie dadurch zur Revolution
zu reizen, scheint es fast, als ob man sie fortan Ignorieren könne. Und
doch ist sie ein Faktor unseres Volkslebens, der noch einmal wieder sehr wirksam
werden wird, ohne dessen willige Einfügung in den Staat jedenfalls keine
dauernde innere Beruhigung, keine Schutzwehr gegen die Zukunftsgefahr des Linksradikalismus
möglich ist. Die Verfassungsreform muss also so ausfallen, dass sie, wenn
sie auch nicht die heute unerreichbare Zustimmung der Sozialdemokratie finden
wird, doch auf die Dauer von ihr toleriert werden könnte. Einen maßvollen
Umbau der Verfassung in autoritärer Richtung, der nur die Regierungsgewalt
gegenüber den Parteien stärkt, aber nicht der Etablierung reaktionärer
Gewalten dient, verträgt vielleicht die Dynamik unseres öffentlichen
Lebens. Alles, was darüber hinausgeht, gleicht einer Sprengbombe mit Uhrwerk,
das zu bestimmter geschichtlicher Stunde die Explosion verursacht.
Zu dieser Warnung fühlen wir uns gedrängt einmal dadurch, dass höchst
merkwürdige, sogar monarchistisch gefärbte Verfassungspläne,
die zwar nicht amtlichen, aber hinteramtlichen Ursprungs zu sein scheinen, in
der Luft schwirren. Und weiter dadurch, dass soeben der frühere Reichsminister
Schiffer eine sehr ernst zu nehmende und gehaltvolle Studie über "Die
neue Verfassung des Deutschen Reiches" (Berlin, R. Hobbing) veröffentlicht
hat, die schon einen durchdachten Entwurf, nach Artikeln gegliedert, bringt.
Die Schrift zeigt die ganze geistvolle Frische, die kräftig zupackende
und klar gestaltende Art des Verfassers, sie enthält ausgezeichnete Grundgedanken,
die eigentlich ganz in der Richtung der von uns eben entwickelten sich bewegen,
-und endet dann doch in Schlussforderungen, die die Gefahr enthalten, die heutige
Pendelschwingung nach rechts übermäßig und künstlich zu
fixieren.
Vier Fundamente des Weimarer Verfassungswerks gibt es, so setzt er mit überzeugender
Kraft auseinander, an denen nicht gerüttelt werden darf: die Republik,
die Demokratie, das Parlament und die Parteien. Republik und Demokratie sind
die unumstößlichen Ergebnisse der geschichtlichen Entwicklung. Wer
sie umstoßen will, kann nur gebrechliche und forcierte Formen an ihre
Stelle setzen. Und obwohl grade die Ausartung von Parlament und Parteien den
Ruf nach Reform der Verfassung erwirkt hat, so sind beide doch schlechterdings
unentbehrlich, wenn es zu einer demokratischen und nicht despotischen Willensbildung
Im Staate kommen soll.
Die Ausartung von Parlament und Parteien kann nun freilich nur bekämpft
werden durch Stärkung von Recht und Macht des Reichspräsidenten und
durch Schaffung einer wirksamen Gegeninstanz gegen den Reichstag durch ein wirkliches
Oberhaus. Diese Gedanken habe ich selber schon vor der Weimarer Nationalversammlung
im Winter 1918/19 vertreten. Sie bleiben durchaus im Rahmen der Demokratie,
die sich damit nur selber schützt, und sind verwirklicht in Nordamerika.
So kommt es zu einem Dualismus der unmittelbar vom Volke gewählten Gewalten,
der vor der Gefahr eines Kampfes untereinander auf Tod und Leben (wie er einst
in der zweiten französischen Republik 1850 zum Siege des Cäsarismus
geführt hat), behütet wird durch das Ventil des Oberhauses. Schiffer
denkt es sich durchaus erwägenswert zusammengesetzt aus Mitgliedern, die
an Aufträge nicht gebunden, von den Regierungen der Länder, den Obrigkeiten
der Gemeinden und Gemeindeverbände und den Organisationen des wirtschaftlichen,
kulturellen und sozialen Lebens bestimmt werden.
Nun aber, und hier setzen unsere Bedenken ein, soll jener Dualismus von Reichspräsidenten
und Parlament nach Schiffers Meinung überhaupt ersetzt werden durch einen
grundsätzlichen staatsrechtlichen Monismus. "Der Reichspräsident,
sagt er, "wird Träger der vom Volk ausgehenden Staatsgewalt. Er erhält
vorbehaltlich der Einschränkungen, die die Verfassung zugunsten anderer
Staatsorgane macht, die plenitudo potestatis und verhält sich alsdann zu
den neben ihm berechtigten Organen wie der Eigentümer eines Grundstücks
zu den dinglich Berechtigten: ein Eigentum umfasst das Recht am Grundstück
in seiner Totalität, soweit es nicht durch die dinglichen Rechte eingeschränkt
wird."
Diese radikale Machtverschiebung scheint uns übermäßig auf die
heutige wirre Lage und auf Hindenburgs Persönlichkeit zugeschnitten zu
sein. Man denke sich einen Mann von minderer Weisheit und Stärkerem, persönlichem
Ehrgeize an seiner Stelle, - würden die ihm gewährten Rechte ihn nicht
ebenso zur Expansion seiner Macht einladen, wie die durch die Weimarer Verfassung
den Parteien gewährten Möglichkeiten zu einer solchen Expansion verlockt
haben? Natürlich versucht nun auch Schiffer Sicherungen gegen einen Missbrauch
der Präsidialgewalt einzubauen. Aber sie sind meist auf derart extreme
Fälle zugeschnitten, dass sie im normalen Laufe der Dinge einen langsam
sich entwickelnden Missbrauch nicht verhindern würden. Auch die Beschränkung
der Amtsdauer des Präsidenten auf vier Jahre soll ein solches Sicherungsmittel
sein. Aber das bringt wieder mehr Unruhe und Verlust an Kontinuitätswerten
mit sich. Der auf vier Jahre Gewählte, dem so viel Macht in die Hand gedrückt
wird, wird sofort, wie wir es in Nordamerika erleben, Politik unter dem Gesichts
punkt des nächsten Wahltermins zu üben versucht sein.
Lassen wir es also bei dem durch ein Oberhaus zu überbrückenden Dualismus
der Volksgewalten, bei der siebenjährigen Amtsdauer des Präsidenten,
bei einer maßvollen Erweiterung seiner Befugnisse. Fügen wir dazu
Einrichtungen, wie sie Schiffer vorschlägt, um die Ämterpatronage
einzudämmen, Reform des Wahlrechts und Bereinigung des preußisch-deutschen
Problems, so könnte ein Gesamtprogramm zustandekommen, dem die gemäßigte
Rechte wie die gemäßigte Linke zustimmen oder mit dem sie sich wenigstens
abfinden würden.
Da aber diese Elemente heute noch nicht ausreichen zur Schaffung einer positiven
Mehrheit, so bleibt nach wie vor die Frage dunkel, wie diese einmal zustandekommen
soll. Wir wissen nur das eine, dass die latente Vernunftmehrheit im deutschen
Volke, an die wir noch immer glauben, nur dann einmal wieder aktualisiert werden
könnte, wenn das Misstrauen gegen reaktionäre Absichten oder Wirkungen
des Reformwerks überzeugend widerlegt wird.
(aus: Friedrich Meinecke: Politische Schriften und Reden, Darmstadt 1958)
Niemand konnte die nationale Umwälzung dieses Jahres mehr herbeisehnen
als ich. Ich habe die schmutzige Revolution von 1918 vom ersten Tage an gehasst,
als den Verrat des minderwertigen Teils unseres Volkes an dem starken unverbrauchten,
der 1914 aufgestanden war, weil er eine Zukunft haben konnte und haben wollte.
Alles, was ich seitdem über Politik schrieb, war gegen die Mächte
gerichtet, die sich auf dem Berg unseres Elends und Unglücks mit Hilfe
unserer Feinde verschanzt hatten, um diese Zukunft unmöglich zu machen.
Jede Zeile sollte zu ihrem Sturz beitragen, und ich hoffe, dass das der Fall
gewesen ist. Irgend etwas musste kommen, in irgendeiner Gestalt, um die tiefsten
Instinkte unseres Blutes von diesem Druck zu befreien, wenn wir bei den kommenden
Entscheidungen des Weitgeschehens mitzureden, mitzuhandeln haben und nicht nur
ihr Opfer sein sollten. Das große Spiel der Weltpolitik ist nicht zu Ende.
Die höchsten
Einsätze werden erst gemacht. Es geht für jedes der lebenden Völker
um Größe oder Vernichtung. Aber die Ereignisse dieses Jahres geben
uns die Hoffnung, dass diese Frage für uns noch nicht entschieden ist,
dass wir - wie in der Zeit Bismarcks - irgendwann wieder Subjekt und nicht nur
Objekt der Geschichte sein werden. Es sind gewaltige Jahrzehnte, in denen wir
leben, gewaltig - das heißt furchtbar und glücklos. Größe
und Glück sind zweierlei, und die Wahl steht uns nicht offen. Glücklich
wird niemand sein, der heute irgendwo in der Welt lebt; aber es ist vielen möglich,
die Bahn ihrer Jahre nach persönlichem Willen in Größe oder
in Kleinheit zu durchschreiten. Indessen, wer nur Behagen will, verdient es
nicht, da zu sein.
Der Handelnde sieht oft nicht weit. Er wird getrieben, ohne das wirkliche Ziel
zu kennen. Er würde vielleicht Widerstand leisten, wenn er es sähe,
denn die Logik des Schicksals hat nie von menschlichen Wünschen Kenntnis
genommen. Aber viel häufiger ist es, dass er in die Irre geht, weil er
ein falsches Bild der Dinge um sich und in sich entwickelt hat. Es ist die große
Aufgabe des Geschichtskenners, die Tatsachen seiner Zeit zu verstehen und von
ihnen aus die Zukunft zu ahnen, zu deuten, zu zeichnen, die kommen wird, ob
wir sie wollen oder nicht. Ohne schöpferische, vorwegnehmende, warnende,
leitende Kritik ist eine Epoche von solcher Bewusstheit wie die heutige nicht
möglich.
Ich werde nicht schelten oder schmeicheln. Ich enthalte mich jedes Werturteils
über die Dinge, die erst zu entstehen begonnen haben. Wirklich werten lässt
sich ein Ereignis erst, wenn es ferne Vergangenheit ist und die endgültigen
Erfolge oder Misserfolge längst Tatsachen geworden sind, also nach Jahrzehnten.
Ein reifes Verständnis Napoleons war nicht vor dem Ende des vorigen Jahrhunderts
möglich. Über Bismarck können selbst wir noch keine abschließende
Meinung haben. Nur Tatsachen stehen fest, Urteile schwanken und wechseln. Und
schließlich: Ein großes Ereignis bedarf des wertenden Urteils der
Mitlebenden nicht. Die Geschichte selbst wird es richten, wenn keiner der Handelnden
mehr lebt.
Aber das darf heute schon gesagt werden: Der nationale Umsturz von 1933 war
etwas Gewaltiges und wird es in den Augen der Zukunft bleiben, durch die elementare,
überpersönliche Wucht, mit der er sich vollzog, und durch die seelische
Disziplin, mit der er vollzogen wurde. Das war preußisch durch und durch,
wie der Aufbruch von 1914, der in einem Augenblick die Seelen verwandelte. Die
deutschen Träumer erhoben sich, ruhig, mit imponierender Selbstverständlichkeit,
und öffneten der Zukunft einen Weg. Aber eben deshalb müssen sich
die Mithandelnden darüber klar sein: Das war kein Sieg, denn die Gegner
fehlten. Vor der Gewalt des Aufstandes verschwand sofort alles, was eben noch
tätig oder getan war. Es war ein Versprechen künftiger Siege, die
in schweren Kämpfen erstritten werden müssen und für die hier
erst der Platz geschaffen wurde. Die Führenden haben die volle Verantwortung
dafür auf sich genommen und sie müssen wissen oder lernen, was das
bedeutet. Es ist eine Aufgabe voll ungeheurer Gefahren, und sie liegt nicht
im Inneren Deutschlands, sondern draußen, in der Welt der Kriege und Katastrophen,
wo nur die große Politik das Wort führt. Deutschland ist
mehr als irgendein Land in das Schicksal aller andern verflochten; es kann weniger
als irgendein anderes regiert werden, als ob es etwas für sich wäre.
Und außerdem: Es ist nicht die erste nationale Revolution, die sich hier
ereignet hat - Cromwell und Mirabeau sind vorangegangen -, aber es ist die erste,
die sich in einem politisch ohnmächtigen Lande in sehr gefährlicher
Lage vollzieht: das steigert die Schwierigkeit der Aufgaben ins Ungemessene.
Sie sind sämtlich erst gestellt, kaum begriffen, nicht gelöst. Es
ist keine Zeit und kein Anlas zu Rausch und Triumphgefühl. Wehe denen,
welche die Mobilmachung mit dem Sieg verwechseln! Eine Bewegung hat eben erst
begonnen, nicht etwa das Ziel erreicht, und die großen Fragen der Zeit
haben sich dadurch in nichts geändert. Sie gehen nicht Deutschland allein
an, sondern die ganze Welt, und sie sind nicht Fragen dieser Jahre, sondern
eines Jahrhunderts. Die Gefahr der Begeisterten ist es, die Lage zu einfach
zu sehen. Begeisterung verträgt sich nicht mit Zielen, die über Generationen
hinaus liegen. Mit solchen beginnen aber erst die wirklichen Entscheidungen
der Geschichte.
Diese Machtergreifung hat sich in einem Wirbel von Stärke und Schwäche
vollzogen. Ich sehe mit Bedenken, dass sie täglich mit so viel Lärm
gefeiert wird. Es wäre richtiger, wir sparten das für einen Tag wirklicher
und endgültiger Erfolge auf, dass heißt außenpolitischer. Es
gibt keine andern. Wenn sie einmal errungen sind, werden die Männer des
Augenblicks, die den ersten Schritt taten, vielleicht schon längst tot
sein, vielleicht vergessen und geschmäht, bis irgendeine Nachwelt sich
ihrer Bedeutung erinnert. Die Geschichte ist nicht sentimental, und wehe dem,
der sich selbst sentimental nimmt! In jeder Entwicklung mit solchem Anfang liegen
viele Möglichkeiten, deren sich die Teilnehmer selten ganz bewusst sind.
Sie kann in Prinzipien und Theorien erstarren, in politischer, sozialer, wirtschaftlicher
Anarchie untergehen, ergebnislos zum Anfang zurückkehren, so wie man im
Paris von 1793 deutlich fühlte, que ca changerait Dem Rausch der ersten
Tage, der oft schon kommende Möglichkeiten verdarb, folgt in der Regel
eine Ernüchterung und die Unsicherheit über den nächsten Schritt".
Es gelangen Elemente zur Macht, welche den Genus der Macht als Ergebnis betrachten
und den Zustand verewigen möchten, der nur für Augenblicke tragbar
ist. Richtige Gedanken werden von Fanatikern bis zur Selbstaufhebung übersteigert.
Was als Anfang Großes versprach, endet in Tragödie oder Komödie.
Wir wollen diese Gefahren beizeiten und nüchtern ins Auge fassen, um klüger
zu sein als manche Generation der Vergangenheit.
Wenn aber hier das dauerhafte Fundament einer großen Zukunft gelegt werden
soll, auf dem kommende Geschlechter bauen können, so ist das nicht ohne
Fortwirken alter Traditionen möglich. Was wir von unseren Vätern her
im Blute haben, Ideen ohne Worte, ist allein das, was der Zukunft Beständigkeit
verspricht. Was ich vor Jahren als Preußentum" gezeichnet hatte,
ist wichtig - es hat sich gerade eben bewährt -, nicht irgendeine Art von
"Sozialismus". Wir brauchen eine Erziehung zu preußischer Haltung,
wie sie 1870 und 1914 da war und wie sie im Grunde unserer Seelen als beständige
Möglichkeit schläft. Nur durch lebendiges Vorbild und sittliche Selbstdisziplin
eines befehlenden Standes ist das erreichbar, nicht durch viel Worte oder durch
Zwang. Sich selbst beherrschen muss man, um einer Idee dienen zu können,
zu innerlichen Opfern aus Überzeugung bereit sein. Wer das mit dem geistigen
Druck eines Programms verwechselt, der weiß nicht, wovon hier die Rede
ist. Damit komme ich auf das Buch zurück, mit dem ich 1919 den Hinweis
auf diese sittliche Notwendigkeit begonnen habe, ohne die sich nichts von Dauer
errichten lässt: Preußentum und Sozialismus". Alle anderen Weltvölker
haben einen Charakter durch ihre Vergangenheit erhalten. Wir hatten keine erziehende
Vergangenheit und wir müssen deshalb den Charakter, der als Keim in unserem
Blute liegt, erst wecken, entfalten, erziehen.
Diesem Ziel soll auch dieses Werk gewidmet sein, dessen ersten Teil ich hier
vorlege. Ich tue, was ich immer getan habe: Ich gebe kein Wunschbild der Zukunft
und noch weniger ein Programm zu dessen Verwirklichung, wie es unter Deutschen
Mode ist, sondern ein klares Bild der Tatsachen, wie sie sind und sein werden.
Ich sehe weiter als andere. Ich sehe nicht nur große Möglichkeiten,
sondern auch große Gefahren, ihren Ursprung und vielleicht den Weg, ihnen
zu entgehen. Und wenn niemand den Mut hat zu sehen und zu sagen, was er sieht,
will ich es tun. Ich habe ein Recht zur Kritik, weil ich immer wieder durch
sie das gezeigt habe, was geschehen muss weil es geschehen wird. Eine entscheidende
Reihe von Taten ist begonnen worden. Nichts, was einmal Tatsache ist, lässt
sich zurücknehmen. Jetzt müssen wir alle in dieser Richtung fortschreiten,
ob wir sie gewollt haben oder nicht. Es wäre kurzsichtig und feige, nein
zu sagen. Was der Einzelne nicht tun will, wird die Geschichte mit ihm tun.
Aber das Ja setzt ein Verstehen voraus. Dem soll dies Buch dienen. Es ist eine
Warnung vor Gefahren. Gefahren gibt es immer. Jeder Handelnde ist in Gefahr.
Gefahr ist das Leben selbst. Aber wer das Schicksal von Staaten und Nationen
an sein privates Schicksal geknüpft hat, muss den Gefahren sehend begegnen.
Und zum Sehen gehört vielleicht der größere Mut. Dies Buch ist
aus einem Vortrag "Deutschland in Gefahr" entstanden, den ich 1930
In Hamburg gehalten habe, ohne auf viel Verständnis gestoßen zu sein.
Im November 1932 ging ich an die Ausarbeitung, immer noch der gleichen Lage
in Deutschland gegenüber. Am 30. Januar 1933 war es bis zur Seite 106 gedruckt.
Ich habe nichts daran geändert, denn ich schreibe nicht für Monate
oder das nächste Jahr, sondern für die Zukunft. Was richtig ist, kann
durch ein Ereignis nicht aufgehoben werden. Nur den Titel habe ich anders gewählt,
um nicht Missverständnisse zu erzeugen: Nicht die nationale Machtergreifung
ist eine Gefahr, sondern die Gefahren waren da, zum Teil seit 1918, zum Teil
sehr viel länger, und sie bestehen fort, weil sie nicht durch ein Einzelereignis
beseitigt werden können, das erst einer jahrelangen und richtigen Fortentwicklung
bedarf, um ihnen gegenüber wirksam zu sein. Deutschland ist in Gefahr.
Meine Angst um Deutschland ist nicht kleiner geworden. Der Sieg vom März
war zu leicht, um den Siegern über den Umfang der Gefahr, ihren Ursprung
und ihre Dauer die Augen zu öffnen. .
Niemand kann wissen, zu was für Formen, Lagen und Persönlichkeiten
diese Umwälzung führt und was für Gegenwirkungen sie von außen
zur Folge hat. Jede Revolution verschlechtert die außenpolitische Lage
eines Landes, und allein um dem gewachsen zu sein, sind Staatsmänner vom
Range Bismarcks nötig. Wir stehen vielleicht schon dicht vor dem zweiten
Weltkrieg mit unbekannter Verteilung der Mächte und nicht vorauszusehenden
- militärischen, wirtschaftlichen, revolutionären - Mitteln und Zielen.
Wir haben keine Zeit, uns auf innerpolitische Angelegenheiten zu beschränken.
Wir müssen für jedes denkbare Ereignis "in Form" sein. Deutschland
ist keine Insel. Wenn wir nicht unser Verhältnis zur Welt als das wichtigste
Problem gerade für uns sehen, geht das Schicksal - und was für ein
Schicksal - erbarmungslos über uns hinweg.
Deutschland ist das entscheidende Land der Welt, nicht nur seiner Lage wegen,
an der Grenze von Asien, weltpolitisch heute dem wichtigsten Erdteil, sondern
auch weil die Deutschen noch jung genug sind, um die weltgeschichtlichen Probleme
in sich zu erleben, zu gestalten, zu entscheiden, während andere Völker
zu alt und starr geworden sind, um mehr als eine Abwehr aufzubringen. Aber auch
großen Problemen gegenüber enthält der Angriff das größere
Versprechen des Sieges.
Das habe ich beschrieben. Wird es die gehoffte Wirkung tun?
München, Im Juli 1933
Oswald Spengler
(aus: Oswald Spengler: Jahre der Entscheidung. Deutschland und die weltgeschichtliche
Entwicklung, München 1980)
Ich las kürzlich in einer Zeitung, im Besuchszimmer eines der neuen preußischen
Ministerien sei ein Schild folgenden Inhalts angeschlagen: "Man kommt nicht
in eigener Sache dorthin, wo ein neuer Staat aufgebaut wird." Ausgezeichnet!
Das soll heißen, wo die Geschichte spricht, haben die Personen zu schweigen.
Es ist die konkrete Formel der neuen Staatsidee. Wendet man diese Formel auf
unser Thema an, kann man berechtigterweise fragen, wie konfrontieren sich jetzt
die Intellektuellen mit dem neuen Staat? Er ist gegen sie entstanden. Der neue
Staat ist gegen die Intellektuellen entstanden. Alles, was sich im letzten Jahrzehnt
zu den Intellektuellen rechnete, bekämpfte das Entstehen dieses neuen Staats.
Sie, die jeden revolutionären Stoß von seiten des Marxismus begeistert
begrüßten, ihm neue Offenbarungswerte zusprachen, ihm jeden inneren
Kredit einzuräumen bereit waren, betrachteten es als ihre intellektuelle
Ehre, die Revolution vom Nationalen her als unmoralisch, wüst, gegen den
Sinn der Geschichte gerichtet anzusehen. Welch sonderbarer Sinn und welche sonderbare
Geschichte, Lohnfragen als den Inhalt aller menschlichen Kämpfe anzusehen.
Welch intellektueller Defekt, welch moralisches Manko, kann man schon an dieser
Stelle hinzufügen, nicht in dem Blick der Gegenseite über die kulturelle
Leistung hinaus, nicht in ihrem großen Gefühl für Opferbereitschaft
und Verlust des Ich an das Totale, den Staat, die Rasse, das Immanente, - nicht
in ihrer Wendung vom ökonomischen zum mythischen Kollektiv, in diesem allen
nicht das anthropologisch Tiefere zu sehen! Von diesen Intellektuellen und in
ihrem Namen spreche ich nicht.
Ich spreche im Namen des Gedankens und derer, die sich ihm beugen. Wie sieht
der Gedanke die heutige Lage an? Nicht der klägliche Gedanke, der lange
genug im geschichtlichen Erbe als dem Nährgut der Nation herumschnüffelte,
wo er einen Helden schwach und ein Opfer niedrig zeichnen könnte, sondern
der notwendige Gedanke, diese überirdische Macht der Welt, mächtiger
als das Eisen, mächtiger als das Licht, immer in der Rufweite der Größe
und Im Flügelschlagen einer transzendenten Tat, wie sieht er die heutige
Geschichte an? Kann er sie denn schon sehen?
Ja, denn mir scheint unsere Gegenwart eine so klare geschichtliche Lage aufzuweisen,
dass der Geist frei über den Augenblick in die Zukunft, hinein seinen Blick
und seine Berechnungen werfen kann, fast schon in einer Art von Erkenntnis,
die das Gesetzmäßige nährt. Wir sehen, dass der Sinn und die
Propaganda für das Internationale, und zwar sowohl für die sozialistische
wie industrielle Internationale, keine Vorstellung in uns erwecken, kein Gefühl
in uns wachrufen konnte, das auf irgendeiner breiten Basis den Begriff des Staates
hätte verdrängen können, und Staat ist Machtstaat, ist nationaler
Staat. Wer geschichtlich denkt, wer politisch arbeitet, denkt und arbeitet mit
dem Begriff des Staats. Alle Utopien, die über ihn hinauslangten, alle
Theorien, die seine Auflösung voraussahen, haben politische Formen von
Dauer nicht gefunden, ja, wir sehen exemplarisch, wie der europäische Staat,
der sich vor sechzehn Jahren aufmachte, um prinzipiell den nationen- und klassenlosen
Verband der Völker wachzurufen, der Machtstaat schlechthin geworden ist,
der Tyrannenstaat; wie seine Moral, deren Ausgang die humanitäre Emphase
von Gewerkschaftswerten und urchristlichen Phantasien war, als militärische
und industrielle Expansion, als Imperialismus schärfster nationaler Prägung
endet.
Wir sehen, wie dieses riesige, eben aktivierte Reich wider seinen Willen einbezogen
wird in ein geschichtliches Gesetz, nach dem sich vor unseren Augen überall
autoritäre Staaten bilden, sowohl in Asien wie in Europa, in der alten
wie in der neuen Welt, ein neuer Fall des höchst seltsamen wirklichen Zusammenpulsierens
der Menschheit (ein Ausdruck Burckhardts), für das es in der abendländischen
Geschichte schon einige Vorgänge gibt: im 6. Jahrhundert vor Christus die
religiöse Bewegung von China bis lonien, zur Zeit Luthers die religiöse
Bewegung in Deutschland und Indien, im frühen Mittelalter das Einsetzen
der Feudal- und Turnierzeit gleichzeitig in China, Persien, Russland und der
Languedoc; hier und heute ist also ein neuer Fall jener simultanen geschichtlichen
Bewegung; ihre Formel heißt heute: intranationale Sammlung, Rückzug
auf die gemeinsam von einem Volk geschichtlich durchlebte Landschaft, auf die
sprachliche und kulturelle Tradition, und wir empfinden in dieser geschichtlichen
Bewegung durchaus die vorwärts gerichtete, ordnende, positive, die moderne
Staatstendenz, die moderne Staatsidee, die den unfruchtbar gewordenen marxistischen
Gegensatz von Arbeitnehmer und Arbeitgeber auflösen will in eine höhere
Gemeinsamkeit, mag man sie wie Jünger "Der Arbeiter" nennen oder
nationalen Sozialismus. Und so gewiss einmal in einer anderen historischen Stunde
ein hohes Ethos darin lag, die Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter zu führen,
und das Bebelpathos jener Stunde echt war, so klingt doch die noch kürzlich
so aktuell gewesene Maxime: "Alle Macht dem internationalen Proletariat"
uns heute schon wie: "Stell' auf den Tisch die duftenden Reseden",
nämlich märchenhaft fern, schwärmerisch und vom europäischen
Gesellschaftsstandpunkt aus neurotisch.
Die internationale Idee, einer langen Zeitspanne zur Entwicklung, einem bedeutenden
geistigen Milieu zur Durchdringung gegen
überstellt, hat die politische Form ihres Wollens nicht gefunden. Sie beginnt
ja nicht erst mit den zehn Tagen, die die Welt erschütterten, oder dem
kommunistischen Manifest, sie durchzieht ja das 19., das 18. Jahrhundert. Wir
finden z. B. in den Aufsätzen von Schiller die bemerkenswertesten Äußerungen
darüber, dass man seit Ablauf des Mittelalters in Europa sich anschickte,
einem höheren Vernunftidol auch das Vaterland zu opfern, und trotz der
bei ihm und seitdem immer wieder ausgesprochenen Einsicht, dass es sich dabei
vielleicht um ein zukünftiges größeres Idol handele, stehen
wir heute vor der Tatsache eines vollkommenen, geschichtlich logischen, von
echten menschlichen Substanzen ernährten Sieges der nationalen Idee.
Die Intellektuellen sagen nun, dies sei der Sieg des Niederen, die edleren Geister
seien immer auf der anderen, der Schillerschen Seite zu sehen. Was sollten aber
da die Maßstäbe für edel und niedrig sein? Für den Denkenden
gibt es seit Nietzsche nur einen Maßstab für das geschichtlich Echte:
sein Erscheinen als die neue typologische Variante, als die reale konstitutionelle
Novität, also kurz gesagt als der neue Typ, und der, muss man sagen, ist
da. Die typologische Majorität - wer könnte bezweifeln, dass sie vorhanden,
auf Seiten des neuen Staates vorhanden ist? Negativ wie positiv vorhanden: in
dem, was sie bekämpft, und in dem, was sie errichtet. Eine echte neue geschichtliche
Bewegung ist vorhanden, ihr Ausdruck, ihre Sprache, ihr Recht beginnt sich zu
entfalten, sie ist typologisch weder gut noch böse, sie beginnt ihr Sein.
Sie beginnt ihr Sein, und es tritt ein in ihr Seih die Diffamierung von seiten
aller sich zu Ende neigenden Geschlechter, die Kultur ist bedroht, die Ideale
sind bedroht, das Recht, die Menschheit ist bedroht, es klingt wie Echo; aus
der Lombardei, aus Ungarn, aus Versailles, als die Gallier kamen, die Goten,
die Sansculotten, klang es schon so. Sie beginnt ihr Sein, und alles Feine,
Abgestimmte, zu was Gelangte wirft sich ihr entgegen; aber es ist die Geschichte
selber, die diese Angriffe entkräftet, ihr Wesen, das nicht abgestimmt
und demokratisch verfährt. Die Geschichte verfährt nicht demokratisch,
sondern elementar, an ihren Wendepunkten immer elementar. Sie lässt nicht
abstimmen, sondern sie schickt den neuen biologischen Typ vor, sie hat keine
andere Methode, hier ist er, nun handele und leide, baue die Idee deiner Generation
und deiner Art in den Stoff der Zeit, weiche nicht, handele und leide, wie das
Gesetz des Lebens es befiehlt. Und dann handelt dieser neue biologische Typ,
und natürlich werden dabei zunächst gewisse Gesellschaftsverhältnisse
verschoben, gewisse erste Ränge leer gefegt, gewisse Geistesgüter
weniger in Schwung gehalten; aber meistens richten sich derartige Bewegungen
doch auch gegen eine Gesellschaft, die überhaupt keine Maßstäbe
mehr schafft, kein transzendentes Recht mehr errichtet, und - verdient denn
eine solche Gesellschaft etwas anderes als Joch und neues Gesetz?
Joch und neues Gesetz - da krümmt sich der Liberale, dass die Weltgeschichte
nicht der Boden des Glücks sei; das geht ihm nicht ein; Freiheit das ist
sein Begriff oder was er darunter versteht: Unumschränktheit in Geschäften
und Genus. Zwei Vorwürfe oder zwei Forderungen erhebt er nun aus seinem
Liberalismus gegen den neuen Staat, soweit dieser Liberalismus 'überhaupt
noch Kraft hat, irgend etwas zu erheben, und nicht längst gerichtet ist
durch eine neue Art von Intelligenz. Die erste Forderung heißt: der Staat
solle verpflichtet sein, die Qualität als solche zu schützen, intellektuelle
und künstlerische Qualität. Plötzlich nämlich gibt es für
den Liberalen absolute Qualität, plötzlich sieht er Gut und Böse,
plötzlich stellt er sich, als ob er Wurzel und Substanz besäße,
die reine Gesetzestafel. Unser Gedanke antwortet ihm aber sofort, es gab niemals
eine Qualität, die außerhalb des Historischen stand. Es gibt im Menschen,
soweit wir seine Geschichte übersehen, gewisse formale Grundlagen von Dauer,
gewisse Anordnungsforderungen seiner ästhetischen Anschauung, gewisse Wirkungsfolgen
in ihm bei bestimmter quantitativer Gliederung, aber eine absolute inhaltliche
Qualität gab es nie. Die inhaltliche Qualität schuf immer die Geschichte.
Ja, es wäre eine schwächliche geschichtliche Macht, die sich nicht
unterfinge, die Qualität zu bestimmen, die Qualität zu bilden, sie
überzuleiten in neue inhaltliche Bindungen, sie zu prägen, sie zu
richten. Im Grunde hat immer nur die Geschichte gedacht. Gedacht wurde auf dem
Sinai, als der Dekalog herniederbrach und die Posaune ertönte und der Berg
rauchte; gedacht haben die Meilensteine, die nach Rom und Byzanz die Wege wiesen;
gedacht hat das jetzige neue Jahrhundert, als es das werdende Gesetz formte:
der totale Staat. Immer prägte die Geschichte den Stil, immer war dieser
Stil die Verwirklichung eines neuen historischen Seins es ist also eine unmögliche
Forderung, die man an eine neue revolutionäre Bewegung richtet, dass sie
die Qualität als solche schützen solle; die Bewegung tritt ja auf,
sie erscheint ja, um eine neue anthropologische Qualität und einen neuen
menschlichen Stil zu bringen, um aus ihrem politischen Grundbegriff heraus neue
intelligible und ästhetische Formen zu entwickeln, sie selber in dem unendlichen
Zug geschichtlicher Verwirklichungen. Übrigens - wie könnte denn dieser
neue Staat, dessen Ethos erklärtermaßen nicht die Macht um ihrer
selbst willen, sondern der innere deutsche Mensch ist, wie könnte er denn
die große deutsche Qualität nicht schützen, im Gegensatz zum
marxistischen Programm, aus dem wohl niemandem eine Schutzmaßnahme für
deutsche Qualität bekannt geworden ist.
Die zweite Forderung, mit der der liberale Intellektuelle an den Staat herantritt,
heißt Geistesfreiheit. Er, der berauscht zu Füßen jedes russischen
Agenten saß, der über die Ausrottung der bürgerlichen Psychologie
methodisch vortrug, verlangt jetzt für sich vom nationalen Staat Gedankenfreiheit.
Es kann nicht ausbleiben, dass der politische Gedanke auch dieser Forderung
heute anders gegenübersteht. Gedankenfreiheit, Pressefreiheit, Lehrfreiheit
in einem Sechzigmillionenvolk, von dem jeder einzelne den Staat für seine
Unbeschädigtheit sittlich und rechtlich verantwortlich macht, - ist da
der Staat nicht aus Rechtsbewusstsein verpflichtet, diese Freiheit aufs Speziellste
zu überwachen? Das Wort ist aber der stärkste physiologische Reiz,
sagt Pawlow, den das Organische kennt, auch der unabsehbarste, muss man hinzufügen.
Lässt sich da überhaupt ein Argument gegen einen Staat finden, der
erklärt, die öffentliche Meinungsäußerung nur denen zu
gestatten, die auch die öffentliche Staatsverantwortung tragen? Geistesfreiheit
-: weil 1841 die Massenherstellung von Druckerschwärze begann und im Laufe
des Jahrhunderts die Rotations- und Setzmaschinen hinzukamen, das wäre
bei 3812 Tageszeitungen in Deutschland und 4309 Wochenschriften zu viel historischer
Sinn. Geistesfreiheit -: dass an sie überhaupt die Entstehung von Kultur
gebunden sei, dass diese Entstehung überhaupt an eine bestimmte Staatsform,
eine bestimmte soziale Staatsstruktur gebunden sei, ist eine gänzlich erkenntnislose
Betrachtung: alles, was das Abendland berühmt gemacht hat, seine Entwicklung
bestimmte, bis heute in ihm wirkt, entstand, um es einmal ganz klar auszudrücken,
in Sklavenstaaten. Säule, Tragödie, kubischer Raum, Geschichtsschreibung,
erste Selbstbegegnung des Ich: Ägypten, Hellas, Rom: es handelte sich um
eine Oberschicht, oft eine sehr geringe, und dann die Heloten. Man könnte
mit Beispielen fortfahren; die Geschichte ist reich an Kombinationen von pharaonischer
Machtausübung und Kultur; das Lied darüber ist drehend wie das Sterngewölbe;
der Vers von heute lautet: Geistesfreiheit, um sie für wen aufzugeben?
Antwort: für den Staat!
Wir sehen die beiden großen Phantome der bürgerlichen Aera, die geschichtslose
Qualität und die wertindifferente Geistesfreiheit, !n ihrem sinkenden Zauber
über der zerfallenden europäischen Demokratie. Der Verfall dieser
beiden objektiven Größen einer nahezu zweihundertjährigen Menschheitsgeschichte
von teilweise glanzvollem Charakter deutet auf die ungeheure Schwere der Verwandlung,
die sich in unserem Innern vollzieht. Man kann sie in ihren Folgen wohl gar
nicht für unabsehbar genug halten, auch sich nicht darüber täuschen,
dass hier ein echter Verfall vorliegt, irreparabel und von tiefen Erschütterungen
umrahmt. Wir sehen die beiden Hauptpositionen der liberalen Intelligenz auf
breiter Front durchbrochen, durchbrochen von einer neuen Intelligenz, einem
ganz neuen kompositorischen Weltgefühl, das einer Jugend angehört
von verwandter geschichtlicher Art. Einer Jugend, die aus dem Dunkel kam wie
kaum eine zuvor: das Land geschlagen, die Väter gefallen, der Besitz verpfändet,
die Berufe überfüllt, nur Wissen verhältnismäßig billig:
Damenfriseure verlangten für ihre Novizen abgeschlossene Oberlyzealbildung,
Detailgeschäfte für die Volontäre das Abitur zum Abmessen der
Kattunstreifen. Betrat sie einmal das Theater, erblickte sie von geistesfreien
Kritikern hochgerühmte Schmarren; stiegen die geistigen Heroen, die Wappentiere
der Republik, einmal aus ihren Landhäusern hernieder zu einem Vortrag,
gewährten sie Einblicke in gepflegte Abgründe und schlossen: was wollt
ihr denn, seid doch ruhig, wir haben ja die völkerverklärende Demokratie.
Eine feine Demokratie aber, sagte sich diese Jugend, die den meisten nichts
zu fressen gibt, um sie dann
auch noch gedanklich im Stich zu lassen; eine wahre Heldenschaft des Volkes,
die sich im Augenblick des Angriffs nach unbemerkten Grenzübergängen
umsieht und nach Grundstücken in Ascona, statt die Lenden zu gürten
und die Wurfschaufel in die Hand zu nehmen und sich in Gefahr zu begeben, in
die biologische Gefahr, ohne die Führung nicht möglich und auch vom
Schicksal nicht bestimmt ist. Lange genug haben wir das jetzt mitangehört
-Helden, Opfer, - das ist ja alles irreal, wir wollen die Landhäuser behalten
und alles das Erraffte, gepflegte Abgründe, - gut, aber doch nicht gleich
etwas Eisiges. Lange genug, sagte sich diese Jugend, haben wir das mitangehört,
Geistesfreiheit: Zersetzungsfreiheit - antiheroische Ideologie! Aber der Mensch
will groß sein, das ist seine Größe; dem Absoluten gilt unausweichlich
sein ganzes inneres Bemühen. Und so erhob sich diese Jugend von den gepflegten
Abgründen und den Fetischen einer defaititisch gewordenen Intelligenz und
trieb in einem ungeheuren"den Sechzigjährigen nicht mehr verständlichen
neuen Generationsglück vorwärts in das Wirkende, den Trieb, in das
formal noch nicht Zerdachte, das Irrationale und rüstete sich: "Der
gekrümmte Bogen ist meine Lust", und opfert sich, wie das innere Gesetz
es befahl, und wenn das historische Symbol der liberalen. Aera ein Schloss mit
Nippessachen war, die Tuilerien, und ein Ballspielhaus, das sie stürmten,
für diese wurde es ein Pass: Thermopylae.
Große, innerlich geführte Jugend, der Gedanke, der notwendige Gedanke,
die überirdische Macht der Welt, mächtiger als das Eisen, mächtiger
als das Licht, gibt dir Recht: die Intelligenz, die dir schmähend nachsieht,
war am Ende; was sollte sie dir denn vererben; sie lebte ja nur noch von Bruchstücken
und Erbrechen über sich selbst. Ermüdete Substanzen, ausdifferenzierte
Formen und darüber ein kläglicher, bürgerlich kapitalistischer
Behang. Eine Villa, damit endete für sie das Visionäre, ein Mercedes,
das stillte ihren wertesetzenden Drang. Halte dich nicht auf mit Widerlegungen
und Worten, habe Mangel an Versöhnung, schließe die Tore, baue den
Staat!
(aus Gottfried Benn: Essays und Reden, Frankfurt/M. 1989)
Le Lavandou, den 9. 5. 33 Lieber und verehrter Herr Doktor Benn, erlauben Sie
einem leidenschaftlichen und
treuen Bewunderer Ihrer Schriften mit einer Frage zu Ihnen zu kommen, zu der
ihn an sich nichts berechtigt, als eben seine starke Anteilnahme an Ihrer geistigen
Existenz? Ich schreibe diese Zeilen nur in der Hoffnung, dass Sie mich als verständnisvollen
Leser Ihrer Arbeiten etwas legitimiert finden, eine offene Frage an Sie zu richten.
- In den letzten Wochen sind mir verschiedentlich Gerüchte über Ihre
Stellungnahme gegenüber den "deutschen Ereignissen" zu Ohren
gekommen, die mich bestürzt hätten, wenn ich mich hätte entschließen
können, ihnen Glauben zu schenken. Das wollte ich keinesfalls tun. Eine
gewisse Bestätigung erfahren diese Gerüchte durch die Tatsache, die
mir bekannt wird, dass Sie - eigentlich als einziger deutscher Autor, mit dem
unsereins gerechnet hatte - Ihren Austritt aus der Akademie nicht erklärt
haben. Was mich bei der protestantischen ... nicht verwundert und was ich von.
. ., der seine Rolle als der Hindenburg der deutschen Literatur mit einer bemerkenswerten
Konsequenz zu Ende spielt, nicht anders erwartet hatte, entsetzt mich in Ihrem
Falle. In welcher Gesellschaft befinden Sie sich dort? Was konnte Sie dahin
bringen, Ihren Namen, der uns der Inbegriff des höchsten Niveaus und einer
geradezu fanatischen Reinheit gewesen ist, denen zur Verfügung zu stellen,
deren Niveaulosigkeit absolut beispiellos in der europäischen Geschichte
ist und von deren moralischer Unreinheit sich die Welt mit Abscheu abwendet?
Wie viele Freunde müssen Sie verlieren, indem Sie solcherart gemeinsame
Sache mit den geistig Hassenswürdigen machen -und was für Freunde
haben Sie am Ende auf dieser falschen Seite zu gewinnen? Wer versteht Sie denn
dort? Wer hat denn dort nur Ohren für Ihre Sprache, deren radikales Pathos
den Herren ... und ... höchst befremdlich wenn nicht als der purste Kulturbolschewismus
in den Ohren klingen dürfte? Wo waren denn die, die Ihre Bewunderer sind?
Doch nicht etwa im Lager dieses erwachenden Deutschlands? Heute sitzen Ihre
jungen Bewunderer, die ich kenne, in den kleinen Hotels von Paris, Zürich
und Prag - und Sie, der ihr Abgott gewesen ist, spielen weiter den Akademiker
dieses Staates.
Wenn Ihnen aber an Ihren Verehrern nichts liegt -sehen Sie doch hin, wo die
sich aufhalten, die Sie Ihrerseits auf so hinreißende Art bewundert haben.
Heinrich Mann, dem Sie wie kein anderer gehuldigt haben, ist doch mit Schanden
aus eben derselben Organisation geflogen, in der Sie nun bleiben; mein Vater,
den Sie zu zitieren liebten, wird in dem Lande nur noch beschimpft, für
dessen Ansehen in der Welt er allerlei geleistet hat - wenn auch nicht so viel,
wie seine neuen Herren nun wieder zu zerstören wussten. Die Geister des
Auslands, die doch auch Ihnen wichtig gewesen sind, überbieten sich in
den schärfsten Protesten - denken Sie doch an Andre Gide, der gewiss nie
zu den platten "Marxisten" gehört hat, die Sie so schrecklich
abstoßend fanden.
Da sind wir ja wohl beim entscheidenden Punkt. Wie gut habe ich Ihre Erbitterung
gegen den Typus des "marxistischen" deutschen Literaten (fatalster
Vertreter: ... ) immer verstanden, und wie sehr habe ich sie oft geteilt. Wie
blöde und schlimm war es, wenn diese Herren in der Frankfurter Zeitung,
im Börsencurier oder in ihren verschiedenen Linkskurven Dichtungen auf
ihren soziologischen Gehalt hin prüften. Das war ja wirklich zum Kotzen,
und niemand hatte mehr unter denen zu leiden als ich. Mit Beunruhigung aber
verfolgte ich schon seit Jahren, wie Sie, Gottfried Benn, sich aus Antipathie
gegen diese aufgeblasenen Flachköpfe in einen immer grimmigeren Irrationalismus
retteten. Diese Haltung blieb rein geistig und hatte für mich eine große
Verführungskraft, wie ich gestehe- aber das hinderte nicht, dass ich ihre
Gefahren spürte. Als ich unlängst in der Weltbühne den Aufsatz
über Sie und Ihre Flucht zu den Schachtelhalmen" las, konnte ich dem,
der da gegen Sie polemisierte, beim besten Willen so ganz unrecht nicht geben
- ja: wenn ich genau nachdachte, fiel mir ein, dass ich eigentlich recht ähnliche
Dinge ziemlich viel früher über Sie geschrieben hatte. Es scheint
ja heute ein beinah zwangsläufiges Gesetz, dass eine zu starke Sympathie
mit dem Irrationalen zur politischen Reaktion führt, wenn man nicht höllisch
genau achtgibt. Erst die große Gebärde gegen die "Zivilisation"
- eine Gebärde, die, wie ich weiß, den geistigen Menschen nur zu
stark anzieht -; plötzlich ist man beim Kultus der Gewalt, und dann schon
beim Adolf Hitler. - Ist es nicht doch ein bisschen so, wie ein geistreicher
Autor (kein "Marxist") an dieser Küste neulich zu mir sagte:
"Der Benn hat sich einfach so viel über den ... geärgert, dass
er schließlich Nazi darüber wurde." Ich verstehe ja sehr gut,
dass man sich ausgiebig über den . . . ärgern kann, aber doch nicht
gleich bis zu dem Grade, dass man den Geist überhaupt darüber verrät.
Mich könnte kein . . ., kein . . . je so weit bringen. Im Gegenteil: Während
der ... heute Mittel und Wege findet, sich so ein bisschen faschistisch umzufrisieren
- und vielleicht wird morgen schon bei ihm die "Nation" stehen, wo
gestern das "Klassenbewusstsein" stand -, weiß ich nun so klar
und so genau wie nie, wo mein Platz ist. Kein Vulgärmarxismus kann mich
mehr irritieren. Ich weiß doch, dass man kein stumpfsinniger "Materialist"
sein muss, um das Vernünftige zu wollen und die hysterische Brutalität
aus tiefstem Herzen zu hassen.
Ich habe zu Ihnen geredet, ohne dass Sie mich gefragt hatten; das ist ungehörig,
ich muss noch einmal um Entschuldigung bitten. Aber Sie sollen wissen, dass
Sie für mich - und einige andere - zu den sehr wenigen gehören, die
wir keinesfalls an die "andere Seite" verlieren möchten. Wer
sich aber in dieser Stunde zweideutig verhält, wird für heute und
immer nicht mehr zu uns gehören. Aber freilich müssen Sie ja wissen,
was Sie für unsere Liebe eintauschen und welchen großen Ersatz man
Ihnen drüben dafür bietet; wenn ich kein schlechter Prophet bin, wird
es zuletzt Undank und Hohn sein. Denn, wenn einige Geister von Rang immer noch
nicht wissen, wohin sie gehören : die dort drüben wissen ja ganz genau,
wer nicht zu ihnen gehört: nämlich der Geist.
Ich wäre Ihnen dankbar für jede Antwort. Meine Adresse:
Hotel de la Tour, Sanary s. m. (VAR) Ihr
Klaus Mann
(aus Klaus Mann: Die Heimsuchung des europäischen Geistes. Aufsätze,
München 1973)