Die Weimarer Republik
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Unter Berücksichtigung vor allem innenpolitischer Aspekte lä8t sich
die Weimarer Republik in drei Phasen untergliedern: in die Entstehungs- und
Selbstbehauptungsphase (1918119-1923), in die Phase der relativen Stabilisierung
(1924-1929) und in die Auflösungs- und Zerstörungsphase der Republik
(1930 -1933). In der ersten Phase reihte sich eine Krise an die andere, eine
innere Konsolidierung war unmöglich. Bis 1923 war die Existenz der staatlichen
Ordnung wiederholt in Frage gestellt; die krisenhafte Entwicklung erreichte
erst 1923 ihren Kulminationspunkt.
Die Gegner der parlamentarischen Demokratie waren sowohl auf der extremen Linken
wie auf der extremen Rechten anzutreffen. Während letztere teils eine Wiederherstellung
der vordemokratischen Monarchie, teils eine Diktatur nationalistisch-plebiszitären
Charakters erstrebte, verfolgte erstere das Ziel der Diktatur des Proletariats.
Zu den innen- kamen die außenpolitischen Belastungen: Frankreich beharrte
unerbittlich auf genauester Erfüllung des Friedensvertrages, die Reparationsfrage
beherrschte die Außen- und Innenpolitik, die Auseinandersetzungen um Oberschlesien
endeten mit einer bitteren Enttäuschung für Deutschland, der durch
die Ruhrbesetzung ausgelöste passive Widerstand musste abgebrochen werden,
separatistische Bestrebungen bedrohten die Reichseinheit.
Im Herbst 1923 gelangte die erste Krisenphase der Republik an ihr Ende; innen-
und außenpolitisch setzte eine allmähliche Beruhigung ein. Allerdings
ließen die ersten Jahre der Republik und die auch über 1923 hinaus
anhaltende antidemokratische Agitation von rechts schon erahnen, dass die vorerst
gelungene Selbstbehauptung der Republik nicht unbedingt zu einer dauerhaften
Konsolidierung der parlamentarischdemokratischen Staatsordnung führen musste.
Januar 1920
Demonstrationen der USPD und KPD gegen das Betriebsrätegesetz.
13.-17. März 1920
Kapp-Lüttwitz-Putsch.
Neues Aufflackern der Revolution in Sachsen.
15. März 1920-10. Mai 1920
Aufruhrbewegung im Ruhrgebiet.
16. Oktober 1920
Spaltung der USPD
März 1921
Kommunistischer Aufruhr in Mitteldeutschland
26. August 1921
Ermordung Matthias Erzbergers
24. Juni 1922
Ermordung Walther Rathenaus.
18. Juli 1922
Republikschutzgesetz.
26. September 1923
Ausnahmezustand in Bayern
Oktober 1923
Unruhen im Freistaat Bayern.
8.-19. November 1923
Hitler-Putsch in München.
Der Zusammentritt der Nationalversammlung und die Verabschiedung der Weimarer
Verfassung bedeuteten keineswegs das Ende der inneren Unruhen. Immer noch glaubten
Arbeiter, durch Streiks - in deren Gefolge es erneut zu Blutvergießen
kam, zum Beispiel in Leipzig, Berlin, Hamburg, Oberschlesien - die Sozialisierung
erzwingen zu können. Die großen Demonstrationen der USPD und KPD
vor dem Reichstag, die gegen das Betriebsrätegesetz gerichtet waren,, wurden
im Januar 1920 durch Maschinengewehrfeuer auseinandergetrieben. Die Vertrauenskrise
der Arbeiterschaft gegenüber dem neuen Staat und die politische Radikalisierung
nahmen deutlich zu. Die in linker Opposition stehende USPD konnte ihre Mitgliederzahl
von 300 000 (März 1919) auf, 893 000 (Oktober 1920) fast verdreifachen,
ihren Einfluss in den Gewerkschaften (vor allem im Deutschen Metallarbeiterverband)
steigern und große Wahlerfolge (1919: 7,6%, Juni 1920: 18,8%) verbuchen.
Ein großer Teil der Arbeiter war vom neuen Staat zutiefst enttäuscht
und lehnte ihn ab.
Der neue Staat musste sich auch gegen den Widerstand der Rechten behaupten. Das durch den Versailler "Schmachfrieden" in seinem Nationalstolz getroffene Bürgertum war nur allzu bereit, die Legende vom Dolchstoß in den Rücken des im Felde angeblich ungeschlagenen Heeres zu glauben. Neben den restaurativen Strömungen etwa der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), die sich bereits Ende 1919 zur Monarchie bekannte, bildete sich ein neuer Nationalismus" heraus, dem vor allem die Völkischen mit ihrem auf pseudowissenschaftlichen Rassenlehren gegründeten Antisemitismus huldigten. Sie waren in einer Unzahl von Gruppen und Bünden (Thule-Gesellschaft, Wälsungen-Orden, Deutschvölkischer Schutz- und Trotzverband u. v. a.) organisiert, verstanden sich als kämpferisch und revolutionär und trachteten danach, mit Hilfe eines "Führers" die Ideen der Volksgemeinschaft und des "deutschen Sozialismus" zu verwirklichen.

Dieser auf Frontkameradschaft basierende und das Führertum kultivierende
neue Nationalismus war auch besonders in den Freikorps vertreten, die kein inneres
Verhältnis zu dem neuen Staat, dem "System", gefunden hatten.
Als zur Durchführung der Versailler Vertragsbestimmungen das Heer reduziert
werden musste, erreichte die Unzufriedenheit in der Armee und besonders bei
den von Auflösung bedrohten Freikorps ihren Höhepunkt. Im März
1920 sollte die Marinebrigade Ehrhardt aufgelöst werden; sie widersetzte
sich jedoch und wurde in ihrem Widerstand durch General von Lüttwitz, den
Oberbefehlshaber der Truppen in Berlin, unterstützt. In einer erregten
Beratung in der Nacht vom 12. zum 13. März zwischen Reichswehrminister
Noske und der Reichswehrführung wurde deutlich, dass der größte
Teil der Armee nicht hinter der Regierung stand. General von Seeckt, der Chef
des Truppenamtes, erklärte unmissverständlich, dass Reichswehr nicht
auf Reichswehr schieße (vgl. Dok. 1). Daraufhin floh
die Regierung zuerst nach Dresden, dann nach Stuttgart. Nachdem die Brigade
Ehrhardt Berlin kampflos eingenommen hatte, beauftragte Lüttwitz den Alldeutschen
Wolfgang Kapp, der schon längere Zeit einen Staatsstreich geplant hatte,
mit der Bildung einer neuen Regierung. Der Putsch scheiterte allerdings bereits
nach wenigen Tagen (17. März) sowohl am verfassungstreuen Verhalten und
passiven Widerstand der Beamten wie am Generalstreik der Gewerkschaften.
Noske, dessen Stellung in seiner eigenen Partei unhaltbar geworden war, trat
zurück; auch General Reinhardt, als Chef der Heeresleitung einer er wenigen
regierungstreuen Offiziere, nahm seinen Abschied und wurde durch General von
Seeckt ersetzt. Der Kapp-Putsch offenbarte das zwiespältige Verhältnis
zwischen Republik und Reichswehr. Diese verharrte den Republikfeinden von rechts
gegenüber weiterhin in einer neutralen Stellung und verweigerte die Identifikation
mit dem demokratischen Staat.(2)
Der Kapp-Lüttwitz-Putsch war für große Teile der Arbeiterschaft
eine Herausforderung, auf die diese durch Organisierung von Selbstschutztruppen
reagierte
- Im Ruhrgebiet, in Sachsen , und Thüringen gingen die Arbeiten gegen die
Freikorps vor; die Auseinandersetzungen mündeten in regelrechte Bürgerkriegskämpfe.
- In Berlin setzten die Gewerkschaften nach dem Fehlschlag des Putsches den
Generalstreik mit dem Ziel fort, gesellschaftliche und politische Sicherungen
für die demokratische Fortentwicklung der Republik (unter anderem Sozialisierung
der dafür reifen Wirtschaftszweige; gewerkschaftliche Einfluss auf die-
Wirtschafts- und Sozialgesetzgebung) zu schaffen ("Acht-Punkte-Programm").
- Die im Ruhrgebiet gebildete Rote Armee, in der USPD und radikal-syndikalistische
Gruppen mehr Einfluss hatten als die KPD, konnte wochenlang Widerstand leisten
(vgl. Dok. 2).
Als es Anfang Mai der Regierung mit Hilfe der Reichswehr und Sicherheitspolizei
gelang, nach gewaltsamen Kämpfen im Ruhrgebiet und in Miitteldeutschland
wieder Herr der Lage zu werden, übertraf (wie schon bei der Niederschlagung
der Münchner Räterepublik) in den- Aufstandsgebieten der "weiße
Terror" der Freikorps den "roten Terror" - bei weitem an Grausamkeit.
Noch unter dem Eindruck des Kapp-Lüttwitz-Putsches und der Arbeiteraufstände
wurden im Juni 1920 die Wahlen zum 1. Reichstag der Republik abgehalten. Ihr
Ergebnis zeigte eine deutliche Radikalisierung auf der Rechten wie auf der Linken,
während die SPD einen guten Teil ihrer Stimmen verlor. Die Parteien der
Weimarer Koalition (SPD, DDP, Zentrum), die sich als Stützen der Republik
verstanden, blieben fortan in der Minderheit.
Ende 1920 gewann die KPD infolge der USPD-Spaltung eine breite Basis- Im Oktober
1920 zerbrach die Partei der Unabhängigen über der Frage eines Anschlusses
an die Kommunistische Internationale. Die ca. 300000 Befürworter eines
Anschlusses schlossen sich der KP an, die damit plötzlich von einer politischen
Sekte zu einer revolutionären Massenpartei wurde; in der Arbeiterschaft
des mitteldeutschen Industriegebietes konnte sie eine deutliche Mehrheit erringen.
Der Massenzulauf zur KPD führte dazu, dass diese ihr revolutionäres
Potential überschätzte und = ermutigt durch die Komintern sich Ende
März 1921 zu einer bewaffneten Aktion in Mitteldeutschland (sächsisches
Industriegebiet) entschloss (vgl. Dok. 3).
Der Aufruf zum Generalstreik in ganz Deutschland wurde nur ausnahmsweise (zum
Beispiel in Hamburg) befolgt; schon bald entglitt der Parteizentrale die Leitung
der Bewegung, und Gewalttaten und Plünderungszüge -- diese meist unter
der Führung des schon zuvor _ aus, der Partei ausgeschlossenen Bandenchefs
Max Hölz - kennzeichneten die Aktion bis zu ihrem völligen Zusammenbruch.(4)
Der nächste KPD-Versuch einer Revolution erfolgte 1923 im Zusammenhang
mit dem Ruhrkampf. Die Verelendung großer Arbeitermassen infolge der Inflation
und die hohe Arbeitslosigkeit führten den Kommunisten erneut viele Sympathisanten
zu.. In Moskau hatte man die Hoffnung auf einen "deutschen Oktober"
und den Beginn der Weltrevolution. In Sachsen und Thüringen, wo unter den
Ministerpräsidenten Erich Zeigner und August Frölich SPD-Regierungen
mit starker Linkstendenz an der Macht waren, wurden "proletarische Hundertschaften"
aufgestellt, die als Sturmtruppe des Proletariats im Kampf um die Macht fungieren
sollten.
Nachdem die Reichsregierung den Ausnahmezustand verhängt hatte, um gegen
eine mögliche nationale Erhebung in Bayern vorbereitet, zu sein, waren
die legalen Voraussetzungen für eine Reichsexekution gegen Thüringen
und Sachsen geschaffen. Dort waren seit dem 12./13. Oktober 1923 Kommunisten
an den Regierungen beteiligt ("Regierung der republikanisch-proletarischen
Verteidigung"). In offener Auflehnung gegen das Reich weigerten sich diese
Regierungen, der Aufforderung zur Auflösung der "proletarischen Hundertschaften"
nachzukommen., Ende Oktober marschierte die Reichswehr in Sachsen ein. Nach
Einsetzung eines Reichskommissars und Absetzung der sächsischen Regierung
(vgl. Dok. 4) wählte der Landtag den Sozialisten Fellisch
zum die Ministerpräsidenten. Angesichts ihrer ungenügenden Stärke
verzichteten die Kommunisten darauf, die Revolution in Gang zu setzen. Der "deutsche
Oktober" fand nicht statt (vgl. Dok. 5).(5)
Auf der Rechten lebten die Freikorps auch nach ihrer offiziellen Auflösung
unter verschiedenen Tarnbezeichnungen (Soldatenvereine, Sportklubs usw.) weiter.
Der berüchtigste dieser Bünde war die "Organisation Consul"
(O. C.), eine geheime Nachfolgeorganisation der Brigade Ehrhardt (vgl. Dok.
6).
Die Aktivisten der Geheimbünde terrorisierten durch Attentate und Fememorde
politisch Andersdenkende und konnten zudem noch auf die zustimmende Sympathie
im nationalgesinnten Bürgertum rechnen. Der Welle von Anschlägen,
die ab 1920 gegen Exponenten der Republik einsetzte, fielen im August 1921 der
Zentrumspolitiker Matthias Erzberger - der wie kaum ein anderer Politiker mit
dem neuen Staat identifiziert wurde - und im Juni 1922 der Außenminister
Walther Rathenau zum Opfer. Während der Mord an Erzberger in nationalen
Kreisen freudige Zustimmung fand, hatte der Mord des auch in weiten Kreisen
des Bürgertums respektierten Rathenau eine Welle der Empörung in ganz
Deutschland, vor allem auf dem politisch linken Spektrum und in der Mitte, zur
Folge. Um besser gegen die hemmungslose Hetze der nationalistischen Rechten
gegen die Republik und ihre Vertreter vorgehen zu können, verabschiedete
der Reichstag (gegen die Stimmen der DNVP, BVP und KPD) ein "Gesetz zum
Schutze der Republik", dessen (nicht erreichtes) Ziel es war, die Nachfolgeorganisationen
der Freikorps zu verbieten und das Treiben der Mordaktivisten einzudämmen.(6)
Der Konflikt zwischen Bayern und dem Reich
Das Verhältnis zwischen Bayern und der Republik hat das politische Leben
in Deutschland aufs schwerste belastet.(7) Nach dem Kapp-Putsch
trat der Regierungspräsident von Oberbayern, von Kahr, an die Spitze der
bayerischen Regierung. Unter dem Einfluss der streng monarchischen BVP wurde
Bayern zur Hochburg der Gegenrevolution, zur "Ordnungszelle" des Reiches,
in der republikfeindliche Organisationen - wie bewaffnete Einwohnerwehren, so
die "Organisation Escherich" oder vielerlei "vaterländische
Verbände", deren Schirmherr General Ludendorff, war - frei agitieren
konnten.
Nach der Weigerung Bayerns, - wo auf Kahr im September 1921 Graf Lerchenfeld
und auf diesen im November 1922 von Knilling als Regierungschef gefolgt war
-, das Gesetz zum Schutz der Republik als bindend anzuerkennen, verschärfte
.sich der Konflikt mit dem Reich. Als Protest gegen die Aufgabe des Ruhrkampfes
im September 1923 sowie als Folge der nationalsozialistischen Welle und der
separatistischen Erscheinungen in der bayerischen Pfalz verkündete Bayern
des Ausnahmezustand und legte die Exekutivgewalt in die Hände des Generalstaatskommissars
von Kahr, der sich auf die Wehrverbände und die übrigen konservativen
Kräfte stützte. Ein erneuter Konflikt zwischen Bayern und dem Reich
ergab sich, als der "Völkische Beobachter"`, die Zeitung der
in Bayern legal gegen die Republik agitierenden NSDAP, verboten werden sollte.
Der mit der Durchführung des Verbots beauftragte General von Lossow weigerte
sich, dem Befehl des Reichswehrministers Geßler nachzukommen. Statt dessen
ließ er sich und die bayerische Reiswehrdivision von der bayerischen Regierung
"in die Pflicht nehmen"(8). Dieser Akt der Rebellion,
der in ganz Deutschland als eine Parallele zum gleichzeitigen Separatismus im
Rheinland aufgefasst wurde, führte direkt auf den Hitler-Putsch hin (vgl.
Dok 7).

Adolf Hitler war seit Juni 1921 Vorsitzender der NSDAP, deren Parteiorganisation
in jenen Jahren im wesentlichen auf die Parteizentrale München beschränkt
war. Zur Behauptung in der Öffentlichkeit stützte sie sich auf ihre
paramilitärische Organisation SA. 1923 war die Partei in größten
Teilen Deutschlands verboten: so in Preußen, Sachsen, Thüringen,
Hamburg, Bremen, Baden, Württemberg. Vor dem Putsch dürfte sie in
München schätzungsweise 35000, in Bayern insgesamt 150 000 Mitglieder
gehabt haben:
Als im Oktober 1923 der Konflikt zwischen Bayern und dem Reich offen ausgebrochen
war, trafen Kahr, Lossow und ihr völkisch-nationaler Anhang Vorbereitungen
zum "Marsch auf Berlin". Seeckt, der Chef der Heeresleitung, der sich
zu jener Zeit mit Diktaturplänen trug, weigerte sich erneut - wie, schon
beim Kapp-Putsch -, die Reichswehr gegen die Gefahr aus Bayern aufmarschieren
zu lassen.
Kahr hatte für den. 8. November seine Anhänger im Bürgerbräukeller-zusammengerufen.
Anwesend waren auch der Wehrkreisbefehlshaber Lossow, der Kommandeur der bayerischen
Schutzpolizei Seisser sowie Ludendorff. Hitler überrumpelte die Versammlung
im Bürgerbräukeller, erhielt die halbherzige Zustimmung Kahrs, Lossows
und Seissers zu seinem Putschplan und rief nach Absetzung der bayerischen und
der Reichsregierung noch` an Ort und Stelle die neue, provisorische Regierung
aus, in der er sich selbst zum Kanzler erklärte (vgl. Dok.
8).
Im Laufe der Nacht zum 9. November sagten sich Kahr, Lossow und Seisser mit
dem Hinweis, erpresst worden zu sein, von dem Unternehmen wieder los. Der Demonstrationszug
des folgenden Tages, an dessen Spitze Hitler und Ludendorff marschierten, wurde
an der Feldherrnhalle durch die Schüsse der bayerischen Landespolizei auseinandergetrieben.
Damit war die "nationale Revolution" beendet.
Auf die Nachricht vom Münchner Putsch hin wurde die vollziehende Gewalt
im Reich (bis Februar 1924) formell General von Seeckt übertragen. Im Gefolge
der parlamentarischen Auseinandersetzung über diesen Putschversuch stürzte
die Regierung Stresemann. Dieser hatte sich in den kritischen Tagen der Auseinandersetzung
mit Kahr und Lossow - vor allem wegen seiner Zweifel am Erfolg eines derartigen
Vorgehens - geweigert, eine Reichsexekution gegen Bayern durchzuführen.
Diese auffällige Ungleichbehandlung Bayerns gegenüber Sachsen und
Thüringen kostete ihn die Unterstützung der Sozialdemokraten und führte
zu seinem Sturz; er wurde vom Kabinett Marx (Zentrum) abgelöst.
Beim Hitler-Putsch wurde deutlich, dass der bürgerlich-konservative Nationalismus
und der. revolutionäre Nationalismus, die bis dahin durch ihre übereinstimmende
Ablehnung des republikanischen Staates von Weimar negativ zusammengewirkt hatten,
verschiedene politische Ziele verfolgten. Vorerst hatten sich die nationalkonservativen
Kräfte als die stärkeren erwiesen; die Gemeinsamkeit einer in sich
geschlossenen nationalen Opposition mit antirepublikanischen Diktaturplänen
war zerbrochen.


1 Zur Marinebrigade Ehrhardt vgl. Gabriele
Krüger, Die Brigade Ehrhardt, Hamburg 1971.
2 Zum Verhältnis Reichswehr-Staat in den ersten Jahren
der Weimarer Republik vgl, H. J, Gordon, Die Reichswehr und die Weimarer Republik
1919--1926, Frankfurt 1959; allgemein: Gordon A. Craig, Die preußisch-deutsche
Armee 1640-1945. Staat im Staate, Düsseldorf 1980 (Kap. IX-XI)
3 Hierzu G. Eliasberg, Der Ruhrkrieg 1920. Zum Problem von
Organisation und Spontaneität in einem Massenaufstand und zur Dimension
der Weimarer Krise. In: Archiv für Sozialgeschichte 10, 1970, S. 291-377
4 Vgl. W. T. Angress, Stillborn Revolution. The Communist
Bid for Power in Germany 1921-1923, Princeton 1963
5 Quellenmaterial zum Linksrakalismus in Sachsen und Thürigen
sowie zur Reichsexekution gegen Sachsen in: Ursachen und Folgen, Bd. 5, S.
469-508; siehe auch K. Hohlfeld Die Reichsexekution gegen Sachsen im Jahre
1923, ihre Vorgeschichte und politische Bedeutung, Erlangen 1964
6 Vgl. den Text des "Gesetz(es) zum Schutze der Republik"
vom 21. Juli 1922 in: Ursachen und Folgen, Bd. 4, S. 234-239; § 1 ,des
Gesetzes lautet: "Wer an einer Vereinigung oder Verabredung teilnimmt,,
zu deren Bestrebungen es gehört, Mitglieder einer republikanischen Regierung
des Reiches oder eines Landes durch den Tod zu beseitigen, wird mit Zuchthaus
nicht unter fünf Jahren oder mit lebenslangem Zuchthaus bestraft.
Ist in Verfolgung dieser Bestrebungen eine Tötung begangen oder versucht
worden, so wird jeder, der zur Zeit der Tat an der Vereinigung oder Verabredung
beteiligt war, und ihre Bestrebungen kannte, reit dem Tode oder mit lebenslangem
Zuchthaus bestraft."
7 Zum Konflikt Bayern-Reich sowie zum Hitlerputsch vgl. die
im Literaturverzeichnis angegebenen Werk von Deuerlein, Gordon, Hofmann, Zimmermann
8 Hierzu Thilo Vogelsang, Die Reichswehr in Bayern und der
Münchner Putsch 1923. Dokumentation. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
5, 1957, S. 91-1-01
Hans Manfred Bock; Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918 -1923, Meisenheim
1969
Knut Borchardt, Wachstum, Krisen und Handlungsspielräume der Wirtschaftspolitik: Göttingen 1982
F. L. Carsten, Reichswehr und Politik 1918 -1933. Köln 1964
Ernst Deuerlein Hg., Der Aufstieg der NSDAP in Augenzeugenberichten, München 2. Aufl. Stuttgart 1976
Ernst Deuerlein Hg., Der Hitler-Putsch. Bayerische Dokumente zum 8./9. November 1923. 1962
Johannes Erger, Der Kapp-Lüttwitz-Putsch. Ein Beitrag zur deutschen Innenpolitik 1919/20, Düsseldorf 1967
Gerald D. Feldmann, Industrie und Gewerkschaften 1918 -1924. Die überforderte Zentralarbeitsgemeinschaft. Stuttgart 1985
Ossip K. Flechtheim, Die KPD in der Weimarer Republik. Frankfurt/Main 2. Aufl. 1969
H. J. Gordon, jr., Hitlerputsch 1923. Machtkampf in Bayern. 1923 T 1924. Frankfurt/Main 1971
Emil Julius Gumbel, Verschwörer. Zur Geschichte und Soziologie der deutschen nationalistischen Geheimbünde 1918 -1924. Wien 1924, Reprint (mit einem Vorwort von Karin Buselmeier) Heidelberg 1979
H. - H. Hoffmann, Der Hitler-Putsch. Krisenjahre deutscher Geschichte 1920
-1924. München 1961
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Bd. 6,. Stuttgart 1981
Heinz Hürten (Hg.), Das Krisenjahr 1923. Militär und Politik 1922 -1924. Düsseldorf 1986
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Michael H. Kater, Studentenschaft und Rechtsradikalismus in Deutschland 1918 -1933, Hamburg 1975
Irmela Nagel, Fememorde und Fememordprozesse in der Weimarer Republik. Köln 1991
Gerhard Schulz, Deutschland, seit dem Ersten Weltkrieg 1918 -1945, Göttingen 1976
Michael Stürmer (Hg.), Die Weimarer Republik. Belagerte Civitas. Königstein 1985
Walter Tormin Hg., Die Weimarer Republik, Hannover 1973
Ursachen und Folgen. Vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis zur staatlichen Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart. Bd.-4: Die Weimarer Republik.
Vertragserfüllung und innere Bedrohung 1919/1922, Berlin o. J.; Bd. 5: Die Weimarer Republik. Das kritische Jahr 1923, Berlin o. J
Heinrich August Winkler, Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1918 -1924. Berlin 1984
W. G. Zimmermann, Bayern und das Reich 1918-1923. Der Bayerische Föderalismus
zwischen Revolution und Reaktion. München 1953
Dok. 1 Reichswehrminister Noske über die Ereignisse
des 13. März 1920
Auf die Meldung hin, dass die Brigade antrete, waren die Generale v. Oldershausen
und v. Oven nach Döberitz gefahren. Sie brachten ein Ultimatum Ehrhardts
mit, das er aus dem Handgelenk heraus entworfen hatte und das sich mit den deutschnationalen
Forderungen nach baldigen Wahlen, Präsidentenwahl, Berufung von Fachministern
deckte. Die lärmende Agitation der rechtsstehenden Parteien und die Hetze
der Blätter ihrer Parteirichtung hatte den Mann in den Wahn versetzt, dass
er berufen sei, das Vaterland zu retten. Kategorisch erklärte ich, für
mich käme irgendein Verhandeln mit dem Rebellen nicht in Frage. Auf meine
spätere Frage an einen der Generale, weshalb er Ehrhardt nicht eine Kugel
durch den Kopf geschossen habe, erfolgte ein Achselzucken.
In meinem Zimmer saßen und standen General Reinhardt, mein Stabschef Major
v. Gilsa, die Generale v. Seeckt, v. Oldershausen, v. Oven, Admiral v. Trotha,
mehrere andere Offiziere und der Ministerialdirektor Rauscher. Die Folgen des
Putsches setzte ich den Herren kurz auseinander: Die Marine gebe dem Reiche
vielleicht den Rest, das Offizierskorps könne sich als erledigt betrachten.
Doch dürfe man auch jetzt den Mut nicht sinken lassen. Meiner Aufforderung,
zu den Truppen zu gehen und sie zum Kampfe zu führen, wollten jedoch nur
General Reinhardt und Major v. Gilsa entsprechen. Die übrigen Herren machten
Einwände, Reichswehr werde nicht auf Reichswehr schießen, Polizeioffiziere
habe man auf dem Wege nach Döberitz gesehen; der Kampf würde höchstens
zu einem fürchterlichen Blutbad führen, mit einer unvermeidlichen
Niederlage für die zu schwachen Berliner Truppen. Mit einem Gefühl
tiefsten Ekels brach ich die Verhandlung ab, rief den Reichskanzler und den
Reichspräsidenten an und schlug vor, das Kabinett zusammenzuberufen, das
entscheiden möge, was zu tun sei.
Die Mitglieder des Reichskabinetts kamen nach und nach; ebenso einige preußische
Minister. Jeder wollte informiert werden. Zu einer regelrechten Sitzung kam
es nicht, so sehr Ebert mit unerschütterlicher Ruhe bemüht war, eine
kühl überlegende Aussprache herbeizuführen. Erneut wurde als
Überzeugung der Militärs festgestellt, die Aufnahme des Kampfes bedeute
zweckloses Blutvergießen, da der Erfolg der Rebellen sicher sei.
Darauf erhielt General Reinhardt, der mit im Zimmer des Kanzlers weilte, während
die übrigen Offiziere in der Bibliothek standen, den Befehl, die Truppen
zu entlassen. Nach kurzer Aussprache kam man überein, dass es unzweckmäßig
sei, wenn alle Minister in Berlin blieben, da sie durch Verhaftung aktionsunfähig
gemacht werden würden. Den Vorschlag, sich vorerst nach Dresden zu begeben,
begründete ich mit der Notwendigkeit, rasch auf die Truppen außerhalb
Berlins Einfluss zu gewinnen. Ich war sicher, dass sie in ihrer großen
Mehrheit treu bleiben würden.
Meine Zuversicht ist nicht getäuscht worden. Der weitaus größte
Teil der Reichswehr, Offiziere wie Mannschaften, hat loyal seine Pflicht getan.
Manche Verwirrung und beklagenswerte Missverständnisse gab es in einer
Anzahl von Fällen, weil die Sachlage weder von den Soldaten noch von den
Arbeitern klar erkannt wurde. In verschiedenen Garnisonstädten ist es zu
Kämpfen gekommen, weil aus tiefstem Misstrauen gegen die Soldaten absolut
regierungstreue Truppen angegriffen wurden. Dort aber, wo Offiziere eidbrüchig
wurden oder schwankten, haben sich Mannschaften und Unteroffiziere meist gegen
sie erhoben.
(aus: Ursachen und Folgen, Bd., 4. S. 87 f.)
Die Regierung hat durch die "Bielefelder Verhandlungen" versucht,
ohne Anwendung von Gewalt die Ruhe und Ordnung im Ruhrgebiet wieder herzustellen.
Der Versuch ist gescheitert. Die rote Armee hat sich nicht danach gerichtet.
Die Angriffe auf Wesel sind mit der größten Heftigkeit fortgesetzt
worden, die Gefangenen wurden nicht freigegeben, die Abgabe der Waffen nicht
durchgeführt, die Verhältnisse haben sich im Gegenteil noch verschlimmert.
Zahlreiche Notschreie aus allen Teilen der Bevölkerung berichten über
Verbrechen und Gewalttätigkeiten, die von den roten Truppen begangen werden;
das zwingt die Regierung zum energischen Handeln, um möglichst bald wieder
geordnete Verhältnisse in diesen Gebieten herzustellen und die Bevölkerung
vor Willkürakten zu schützen. Um aber allen Verführten nochmals
Gelegenheit zu geben, zur Vernunft zurückzukehren, will die Regierung noch
eine letzte Frist gewähren, ehe sie mit Waffengewalt einschreitet. Sie
fordert daher bis zum 30. März, 12 Uhr mittags, eine ausreichende Sicherheit
für den Militärbefehlshaber des Wehrkreises VI, Generalleutnant v.
Watter in Münster, für die Annahme und Durchführung folgender
Bedingungen:
1. Uneingeschränkte Anerkennung der verfassungsmäßigen Staatsautorität.
2. Wiedereinsetzung der staatlichen Verwaltungs- und Sicherheitsorgane, soweit
sie nicht durch Eintreten für die Kapp-Lüttwitz-Regierung belastet
sind.
3. Sofortige Auflösung der roten Armee.
4. Völlige Entwaffnung der gesamten Bevölkerung einschließlich
Einwohnerwehren unter Aufsicht der rechtmäßigen staatlichen Organe.
- Die Art und Zeit der Durchführung der Entwaffnung wird durch den Inhaber
der vollziehenden Gewalt näher bestimmt werden.
5. Sofortige Freigabe der Gefangenen.
Falls diese Bedingungen angenommen werden, wird die Reichsregierung von einem
Angriff absehen, andernfalls erhält der Inhaber der vollziehenden Gewalt
Freiheit des Handelns zur vollen Wiederherstellung gesetzmäßiger
Zustände.
Die Reichsregierung:
Der Reichswehrminister: Der Reichskanzler:
gez. Geßler gez. Müller (aus: Ursachen und Folgen. Bd. 4, S. 123.)
Das werktätige Volk der Mansfelder Kreise hat die politische Macht selbst
übernommen und mich zum politischen Kommissar bestellt. Kraft dieser Bestellung
ordne ich an:
Alle Amtsvorsteher und Gemeindevorsteher unterstehen nur noch meinen Anordnungen
und haben Anordnungen von irgendwelcher anderen Seite, den Landräten und
sonstigen bisherigen Behörden, keine Folge zu leisten.
Alle Amts- und Gemeindevorsteher erhalten bis zur Wahl von Arbeiterräten
einen politischen Beirat, der für die Durchführung meiner Anordnungen
verantwortlich ist.
Die Landräte der Mansfelder Kreise sind außer Dienst gestellt und
haben sich jeder Amtshandlung zu enthalten.
Die politischen Beiräte tragen mit Sorge für die sofortige Besetzung
der Post- und Telegraphenanstalten mit zuverlässigen Arbeitern. Der Telegraphenbetrieb
wird vorläufig unterbunden. Der
Postbetrieb bleibt, jedoch nur für die Mansfelder Kreise, bestehen.
Beschlagnahmungen irgendwelcher Art geschehen nur auf meine Anweisung. Plünderungen
werden mit dem Tode bestraft.
Die Versorgung der Bevölkerung wird sichergestellt. Alle Vorräte an
Lebensmitteln sind durch mich beschlagnahmt und hat jeder derzeitige Inhaber
dieselben zu meiner Verfügung zu halten. Es wird von jedermann über
die Verwendung Rechenschaft gefordert.
Die Arbeiterschaft trägt die volle Verantwortung für die Durchführung
meiner Anweisungen. Jeder Widerstand gegen die Macht der Arbeiterklasse wird
mit allen Mitteln gebrochen.
Arbeiter, handelt nach dem Vorbild, weiches Euch von der Reaktion bei den früheren
Kämpfen gegeben wurde!
Der politische Kommissar für die Mansfelder Kreise. (aus: Ursachen und
Folgen, Bd. 4, S. 165.)
Die Propaganda der Kommunistischen Partei hat unter Führung der Ihrem
Kabinett angehörenden kommunistischen Mitglieder Formen angenommen, die
den gewaltsamen Sturz der Reichsverfassung und ihre Zertrümmerung zum Ziele
haben und herbeiführen können. Auf das Unhaltbare dieser Situation
hat bereits Herr General Müller, dem von Reichswegen die vollziehende Gewalt
für Sachsen übertragen ist, in seinem Schreiben vom 17. Oktober d.
Js. nachdrücklich hingewiesen. Seine an Sie gerichtete Anfrage ist von
Ihnen ohne Antwort gelassen worden. Der Geist der Widersetzlichkeit und Gewalttätigkeit
der Kommunistischen Partei zeigt sich in den Ausführungen des Leiters Ihrer
Staatskanzlei, Herrn Ministerialdirektor Brandler, der in Chemnitz am 21. Oktober
öffentlich zum Kampf gegen die Reichswehr aufgefordert hat. Er zeigt sich
in einem Aufsatz desselben Leiters der Staatskanzlei in dem offiziellen Organ
der russischen kommunistischen Partei "Prawda", in dem ei unter Bezugnahme
auf die Organisation proletarischer Hundertschaften davon spricht, dass es an
der Zeit sei, zu handeln.
In einem Flugblatt, das der Landesverband der Kommunistischen Partei Deutschlands
und die sächsische Landtagsfraktion, der Ihre kommunistischen Minister
im Kabinett angehören, erlassen haben, wird General Müller, der mit
der vollziehenden Gewalt von der Reichsregierung beauftragt ist, verhöhnt,
und es wird zur Nichtbefolgungseiner Anordnungen aufgereizt. Es wird
weiter aufgereizt zur Mobilisierung der Massen, zur Aufstellung neuer Hundertschaften,
zur Bildung von Aktionsausschüssen.
Ein Einschreiten gegen die Urheber dieser Hetzereien ist deshalb unmöglich,
weil sie unter dem Schutze der Immunität der Landtagsabgeordneten stehen.
Die Ansage des offenen Kampfes an die Reichsregierung muss notwendig das Ziel
der Regierung, Ruhe, Ordnung und Sicherheit im Lande aufrechtzuerhalten, stören
und unmöglich machen: Die Beseitigung dieses Zustandes ist unerlässlich.
Im Auftrage der Reichsregierung fordere ich Sie deshalb hierdurch auf, den Rücktritt
der sächsischen Landesregierung zu vollziehen, weil die Teilnahme kommunistischer
Mitglieder an dieser Landesregierung angesichts dieser Vorgänge mit verfassungsmäßigen
Zuständen unvereinbar ist.
Ich ersuche Sie, mir über den Rücktritt der Regierung innerhalb des
morgigen Tages, des 28. Oktober, Nachricht zu geben. Falls eine Neubildung der
Regierung auf anderer Grundlage ohne Mitwirkung kommunistischer Mitglieder nicht
sofort herbeigeführt und dadurch die Ruhe, Sicherheit und Ordnung des Landes
weiter gefährdet werden sollte, wird der Inhaber der vollziehenden Gewalt
einen Reichkommissar bestellen, der die Verwaltung des Landes bis zur Wiederherstellung
verfassungsmäßiger Zustände in die Hand nimmt.
(aus: Ursachen und Folgen, Bd. 5, S. 498. f.)
Thesen zur Oktoberniederlage der KPD, 1. Dezember 1923
Zur Oktoberniederlage:
1. Der Oktoberrückzug war unvermeidlich und richtig.
2. Die grundlegenden Ursachen der Oktoberniederlage sind objektiver Art und
nicht wesentlichen taktischen Fehlern der KPD geschuldet. Die entscheidende
Ursache ist der noch zu starke hemmende Einfluss der Sozialdemokratie: Die Mehrzahl
der Arbeiterklasse war nicht mehr bereit, für die Novemberdemokratie zu
kämpfen, die ihnen bereits materiell nichts mehr gab, und noch nicht bereit,
für die Rätediktatur und den Sozialismus zu kämpfen.
Oder anders ausgedrückt: Die Mehrheit der Arbeiterklasse war noch nicht
für den Kommunismus gewonnen.
3. Der gemeinsame Fehler der Exekutive wie der Zentrale der KPD war falsche
Beurteilung des Kräfteverhältnisses innerhalb der Arbeiterklasse,
zwischen SPD und KPD.
Die KPD hat in dieser Beziehung sich kritisch gegenüber der Exekutive verhalten,
aber nicht genügend energisch. Die Exekutive hat dieser Kritik nicht das
genügende Gewicht beigelegt.
4. Die Folgen dieser falschen Beurteilung des Kräfteverhältnisses
waren:
a) ein zu früher Termin des Endkampfes,
b) die Vernachlässigung d er Teilkämpfe und der politischen Vorbereitung,
c) infolge der mangelnden Verbindung zwischen politischer und technischer Vorbereitung
litt auch die militärisch-technische Vorbereitung.
5. Mängel zweiter und dritter Ordnung waren: a) in Sachsen und Thüringen
nicht genügende Ausnützung der gegebene n Positionen sowohl in bezug
auf Zersetzung der SPD und Heranziehung der SPD-Arbeiter an die KPD, wie auch
in bezug auf die Organisation der militärischen Abwehr.
b) Schwerfälligkeit der organisatorischen Umstellung der Partei für
den Bürgerkrieg.
6. Alle diese Fehler und Mängel ändern nichts wesentliches an dem
grundlegenden Kräfteverhältnis zwischen Bourgeoisie und Arbeiterklasse.
(aus: Ursachen und Folgen, Bd,. 5, S 504 f.
Die Ziele unserer Partei ergeben sich aus der Lage
A.) Geistig:
a.) Weiteste Pflege und Verbreitung des nationalen Gedankens.
b.) Bekämpfung alles anti- und internationalen, des Judentums, der Sozialdemokratie
und der linksradikalen Parteien.
c.) Bekämpfung der antinationalen Weimarer Verfassung mit Wort und Schrift.
Aufklärung weiter Kreise über die Verfassung.
d.) Propagierung einer für Deutschland allein möglichen Verfassung
auf föderalistischer Grundlage.
B.) Materiell:
a.) Sammlung von entschlossenen nationalen Männern zu dem Zweck:
1.) die vollständige Revolutionierung Deutschlands zu verhindern,
2.) bei: großen inneren Unruhen deren vollständige Niederwerfung
zu erzwingen und durch Einsetzen einer nationalen Regierung die Wiederkehr der
heutigen Verhältnisse unmöglich zu machen,
3.) die durch den Versailler Vertrag angestrebte Entmannung und Entwaffnung
unmöglich zu machen und dem Volke seine Wehrmacht und die Bewaffnung -
soweit wie möglich - zu erhalten.
Die Organisation ist eine Geheimorganisation und trägt den Namen "Organisation
C."
Alle Mitglieder verpflichten sich, die im Vorwort angegebenen Punkte und Ziele
nach besten Kräften, an welcher Stelle sie auch seien, zu erfüllen
und zu erreichen zu suchen.
Sie verpflichten sich; untereinander ein Schutz- und Trutzbündnis zu schließen,
wodurch jeder Angehörige der Organisation der weitgehendsten Hilfe aller
anderen Mitglieder sicher sein kann.
§4
Die Mitglieder verpflichten sich, ein Machtfaktor zu sein, um geschlossen als
starke Einheit dazustehen, wenn die Not, die Ehre unseres deutschen Volkes und
die Erreichung unserer Ziele es erfordert.
§5
Jeder verpflichtet sich zu unbedingtem Gehorsam gegenüber der Leitung der
Organisation und deren Organen.
Mitglied kann jeder national-denkende Deutsche werden, der sich verpflichtet,
sich den Satzungen der Organisation zu unterwerfen. Beim Eintritt sind mindestens
drei Bürgen zu stellen. Die Aufnahme erfolgt durch den Gauleiter, Obertritt
geschlossener Verbände regelt die Leitung.
Juden, überhaupt jeder Fremdrassige; ist von der Aufnahme in die Organisation
ausgeschlossen.
§8
Bei Neuwerbungen Über eine allgemeine Orientierung stattfinden. Über
Aufbau, Leitung, Organisation usw. wird der Neueingestellte erst nach erfolgter
Verpflichtung orientiert.
§9
Die Mitgliedschaft erlischt: a.) durch den Tod
b.) durch Ausweisung infolge unehrenhafter Handlungen
c.) bei Ungehorsam gegen Vorgesetzte d.) durch freiwilligen Austritt.
§10
Jedes Mitglied verpflichtet sich, über alle Nachrichten, die ihm von der
Leitung direkt oder durch andere Mitglieder zugehen, gegenüber jedem nicht
der Organisation Angehörigen das strengste Stillschweigen zu bewahren und
in irgendwelchem Schriftverkehr, der mit der Organisation im Zusammenhang steht,
die größte Vorsicht walten zulassen.
Verräter verfallen der Feme. Dies gilt auch für die nach § 9,
b--d ausgeschiedenen Mitglieder.
§12
Die Verpflichtungsformel lautet:
"Ich erkläre ehrenwörtlich, dass ich deutscher Abstammung bin.
Ich verpflichte mich ehrenwörtlich durch Handschlag, mich den Satzungen
der O.C. zu unterwerfen und nach ihnen zu handeln. Ich gelobe dem Obersten Leiter
der Organisation und meinem Vorgesetzten unbedingten Gehorsam zu leisten und
über alle Angelegenheiten der Organisation das strengste Stillschweigen
zu bewahren, auch nach etwaigem Austritt."
§13
Auf Befehl des Leiters finden Versammlungen der Gauleiter statt. Die Gauleiter
sind verpflichtet, die ihrem Gau angehörenden Mitglieder auf dem laufenden
zu halten.
§14
Alle Mitglieder sind verpflichtet, ihren Gauleitern etwaige Anschriftsänderungen
sofort mitzuteilen.
Wahlspruch: Kampf für Deutschlands Wiedergeburt.
(aus: Gotthard Jasper, Aus den Akten der Prozesse gegen die Erzberger-Mörder,
in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 10; 1962, S. 439 f.)
Die bayerische Regierung nimmt die Truppen der 7. (bayerischen) Division in
Pflicht und ernennt den vom Reichswehrminister seiner Dienststelle enthobenen
Divisionskommandeur ihrerseits zum Landeskommandanten und Divisionskommandeur.
Der Schritt der bayerischen Regierung ist ein gegen die Verfassung gerichteter
Eingriff in die militärische Kommandogewalt. Wer dieser Anordnung der bayerischen
Regierung entspricht, bricht seinen dem Reich geleisteten Eid und
macht sich des militärischen Ungehorsams schuldig. Ich fordere die-7. (bayerische)
Division des Reichsheeres hierdurch feierlichst auf, ihrem dem Reich geleisteten
Eid treu zu bleiben und sich dem Befehl ihres höchsten Militärbefehlshabers
bedingungslos zu fügen. Der Reichstreue aller anderen Teile des Heeres
halte ich mich für versichert.
(aus: Deutsche Allgemeine Zeitung Nr. 490 vom 22. Oktober 1923, zit. nach Ursachen
und Folgen, Bd. 5 S. 397.)
. . . Schließlich kam am 8. November um 11.30 Uhr Adolf Hitler zu mir
in mein Zimmer und sagte zu mir: "Rosenberg, heute abend geht's los! Kahr
hält seine Regierungsrede, und da fangen wir alle zusammen im `Bürgerbräu'
ein. Wollen Sie mitkommen?" Ich antwortete ihm: "Selbstverständlich!"
Es wurde abgemacht, dass der Führer mich in seinem Wagen am Abend abholen
würde....
Ungefähr gegen 7.45 Uhr erschien dann Adolf Hitler in meinem Zimmer. Er
war durchaus ernst und ruhig; wir setzten uns wortlos in seinen Wagen und fuhren
zum "Bürgerbräukeller" hinaus. Der ganze Saal war dichtgefüllt,
der Generalstaatskommissar sprach in monotoner Weise von seinen Plänen
und Absichten. Hitler und ich standen am Eingang neben der Säule. Dort
hatten wir Dr. Max von Scheubner-Richter bereits vorgefunden. Wir verharrten
weitere zehn Minuten beim Anhören der Kahrschen Rede, als plötzlich
die Tür mit einem großen Krach aufgerissen und ein Maschinengewehr
von Schwerbewaffneten in den Saal gerollt wurde. Geschoben wurde dieses MG von
dem aktiven Kriminalkommissar der bayerischen Polizei, Pg. Gerum, in feldgrauer
Uniform. Das war das Zeichen zum Losschlagen.
Adolf Hitler und sein Begleiter Graf, Dr. von Scheubner-Richter und ich zogen
unsere Pistolen aus der Tasche, entsicherten sie und gingen zu viert, Adolf
Hitler voran, unter lautloser Stille zum Podium, auf dem der Generalstaatskommissar
verstummt herumstand. Als Adolf Hitler das Podium bestieg, brandeten erregte
Worte zu ihm empor, auch Angstrufe von denen, die das Maschinengewehr in ihrer
Nähe erblickt hatten, so dass der Führer, um sich Ruhe zu verschaffen,
einen Schuss in die Saaldecke abgab. Dann trat Ruhe ein.
Adolf Hitler sprach in leidenschaftlicher Weise von der Mission seiner Bewegung,
voller Hoffnung, dass das, was ihn als erblindeten Soldaten in die Politik getrieben
habe, nunmehr verwirklicht werden könne; er forderte alle Gutwilligen auf,
mit der neuen Regierung zu arbeiten, um ein neues Deutschland der Freiheit aufrichten
zu können. Es trat dann eine kurze Pause ein, in deren Verlauf Adolf Hitler,
mit von Kahr, General von Lossow und Oberst Seisser unterhandelte. Ministerpräsident
von Knilling geleiteten wir beide bis zur Tür. Adolf Hitler sagte ihm:
"Herr Ministerpräsident, es tut mir leid, Ihnen dies angetan zu haben,
aber das Schicksal Deutschlands hat das notwendig gemacht." Knilling ging
wortlos neben uns her und wurde dann weitergeführt.
(aus: Ursachen und Folgen, Bd. 5, S. 4311.)