Die Weimarer Republik
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Die deutsche Revolution von 1918119 gehört bis heute zu den umstrittensten
Ereignissen der neueren deutschen Geschichte. Die letzten Wochen des Ersten
Weltkrieges und die ersten Monate der Nachkriegszeit stellen parallel zur militärischen
Niederlage auf dem Schlachtfeld und in deren Gefolge mit dem Übergang von
der konstitutionellen zur parlamentarischen Monarchie und von dieser zur Republik
eine Periode forcierten Verfassungswandels, revolutionärer Veränderungen
und staatlicher Neuordnung dar.
Über die Bewertung jener politischen Umwälzung und der sozialen Auseinandersetzungen
in der Zeit zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik konnten sich die Historiker
bisher nicht einigen. Vor allem in den 60er Jahren ist das tradierte Bild der
deutschen Revolution von 1918119 einer kritischen Revision unterzogen worden:
- Bis dahin dominierte eine Interpretation, die - ausgehend von Karl-Dietrich
Erdmann(1) - das Spektrum politischer Gestaltungsmöglichkeiten
in der revolutionären Entstehungsphase der Weimarer Republik auf die Alternative:
bolschewistische Rätediktatur oder parlamentarische Demokratie in Zusammenarbeit
mit den konservativ-bürokratischen Kräften reduzierte.
- Nun formulierte die Forschung - im Gefolge der Kritik am politischen Immobilismus
der sozialdemokratischen Volksbeauftragten -- als neue Fragestellung die Alternative:
Bündnis mit der vorrevolutionären Machtelite und damit konservative
Republik oder "einschneidende Veränderungen der bestehenden Machtstrukturen
des wilhelminischen Obrigkeitsstaates zugunsten einer in den breiten Massen
der eigenen Anhängerschaft zuverlässig verankerten demokratischen
und sozialen Republik".(2)
Für die neuere, "revisionistische" Forschung rückte das
Räteproblem in das Zentrum, der Betrachtung: die Frage nach der Rolle der
Räte in den verschiedenen Phasen der Revolution, nach ihren Zielen, ihren
Möglichkeiten und nach den Ursachen ihres Scheiterns. Wenn auch gegenüber
der Möglichkeit eines "dritten Weges" zwischen kommunistischem
Rätestaat und konservativer Republik von einigen Verfassern mehr oder weniger
starke Vorbehalte geäußert werden ,(3) so übt
die neuere Revolutionsforschung doch überwiegend Kritik an der sozialdemokratischen
Revolutionsregierung, der vorgeworfen wird, die Chance zur Etablierung einer
Republik mit entschieden demokratischer und sozialer Ausrichtung ungenutzt gelassen
zu haben. Die meisten "revisionistischen" Autoren messen den Versäumnissen
und Fehlentscheidungen der Gründungsphase eine für das weitere Schicksal
der Weimarer Republik Verhängnisvolle Bedeutung bei.(4)
Die kommunistische Geschichtsschreibung der DDR interpretiert die Revolution
von 1918/19 - vor allem seit den 1958 aufgestellten, seither für die DDR-Historiker
verbindlichen Thesen" - als eine "ihrem Charakter nach [... 1 bürgerlich-demokratische
Revolution, die in gewissem Umfange mit proletarischen Mitteln und Methoden
durchgeführt wurde".(5) Lediglich die Spartakisten
und die im Verlauf der Revolution gegründete KPD erfahren in dieser Deutung
eine positive Bewertung; die Unterstreichung der führenden Rolle der Partei
deutet auf die aktuell-politische Gegenwartsbezogenheit dieser Interpretation
hin.
3. Oktober 1918 Prinz Max von Baden wird Reichskanzler (Beteiligung der
SPD; Reformprogramm).
4. Oktober 1918 Deutsches Waffenstillstandsangebot.
23. Oktober 1918 3. Wilson-Note.
26. Oktober 1918 Entlassung Ludendorffs als Generalquartiermeister (Nachfolger:
General Groener).
28. Oktober 1918 Parlamentarisierung des Reiches ("Oktoberverfassung").
29. Oktober 1918 Wilhelm II. flieht nach Spa. Beginn der Meuterei der Hochseeflotte.
2. November 1918 Österreich-Ungarn schließt Waffenstillstand ab.
4. November 1918 In Kiel werden erste Soldaten- und Arbeiterräte gebildet.
5.-11. Nov. 1918 Ausbreitung der Aufstandsbewegung über ganz Deutschland.
7. November 1918 Kurt Eisner ruft in München die bayerische Republik aus;
König Ludwig III. flieht.
9. November 1918 Prinz Max von Baden tritt als Reichskanzler zurück (Nachfolger:
Friedrich Ebert, SPD). Ph. Scheidemann ruft die "deutsche" Republik
aus, K. Liebknecht proklamiert die "freie sozialistische" Republik.
10, November 1918 Wilhelm II. begibt sich nach Holland ins Exil. Bildung des
Rats der Volksbeauftragten (SPD/USPD). Pakt Ebert-Groener. Wahl des "Vollzugsrats"
im Berliner Zirkus Busch.
11.. November 1918 Unterzeichnung des Waffenstillstands in Compiegne.
15. November 1918 Zentrales Abkommen zwischen Gewerkschaften und Unternehmerverbänden.
16.-21. Dez, 1918 Reichskongreß der Arbeiter- und Soldatenräte in
Berlin; Einsetzung eines "Zentralrates".
23./24. Dez. 1918 Aufstand der "Volksmarinedivision".
29. Dezember 1918 Austritt der USPD aus dem Rat der Volksbeauftragten.
30. Dezember 1918 Gründungsparteitag der KPD. 1. Januar 1919.
5.--12. Jan. 1919 Regierungsfeindlicher Aufstand in Berlin.
19. Januar 191.9 Wahl zur Nationalversammlung.
10. Januar-4. Februar 1919 Bremer Räterepublik.
März/April 1919 Streik- und Sozialisierungsbewegung in großen Teilen
Deutschlands.
8.-14. April,1919 2. Reichskongreß der Arbeiter- und Soldatenräte.
7.-13. April 1919 1. Münchner Räterepublik.
13. April- 2. Münchner Räterepublik. 2. Mai 1919

Seit August 1918 hatten sich an der Westfront, die Abnutzungs- und Auflösungserscheinungen
gehäuft; die OHL (Oberste Heeres-Leitung) gestand allerdings erst Ende
September nach neuen militärischen Katastrophen die Niederlage des deutschen
Heeres ein.(6) Hindenburg und Ludendorff drängten nun
den, neuen Reichskanzler Prinz Max von Baden, sofort ein Waffenstillstandsangebot
an die Alliierten zu senden. Aus diesem Angebot entspann sich zwischen der deutschen
Regierung und dem amerikanischen Präsidenten Wilson ein ausgedehnter Notenwechsel,
der sich bis Anfang November hinzog.
Als 'aus der dritten Wilson-Note (23. 10. 1918) deutlich wurde, dass die US-Bedingungen
praktisch auf eine Kapitulation des deutschen Heeres hinausliefen, erließ
Ludendorff plötzlich -- nachdem er die Lage an der Westfront wieder günstiger
beurteilte - am 24. Oktober einen Aufruf zum "Verzweiflungskampf"
an das Heer. Diesmal konnte sich der über das eigenmächtige Verhalten
Ludendorffs empörte Reichskanzler als wichtigster Vertreter der politischen
Führung gegen die militärische Führung durchsetzen und die Entlassung
Ludendorffs erreichen. Hindenburg blieb in seinem Amt; Nachfolger Ludendorffs
als Generalquartiermeister wurde General Wilhelm Groener.
Die Stimmung im Land war währenddessen immer bedrohlicher geworden: Der
1914 verkündete "Burgfrieden" hatte nicht die erwartete "Volksgemeinschaft"
gebracht; vielmehr förderte der Krieg die Entwicklung weiterer Voraussetzungen
für eine proletarische Massenbewegung und die Entstehung einer revolutionären
Situation. Hierzu gehören die Mobilität am Arbeitsplatz und die damit
verbundene anwachsende politische Labilität sowie die Ballung in einzelnen
Betrieben oder Industrieregionen (Krupp, Rhein-Ruhr-Gebiet, Berlin), was zugleich
zur Sprengung des organisatorischere Rahmens von SPD und Gewerkschaft führte.
In der Arbeiterklasse war die Distanz zum autoritären System des Kaiserreichs
schon vor dem Krieg besonders ausgeprägt; die Unzufriedenheit mit dem politischen
System und Staatsverdrossenheit gingen jedoch nach 1914 weit über die Arbeiterschaft
hinaus: So gehören auch der soziale Umschichtungsprozess (soziale Deklassierung
`des Mittelstands, soziale Differenzierung- innerhalb der Arbeiterschaft aufgrund
sehr unterschiedlicher Einkommensverhältnisse der Rüstungsarbeiter
und der Arbeiter in den übrigen Industriezweigen) sowie die dominierende
Rolle der Lebensmittelversorgung für die sich ständig verschlechternde
Stimmung der Bevölkerung und für den zunehmenden Autoritätsverlust
des Staates zu den Hintergründen der Revolution. Die Bauern wiederum klagten
über Arbeitsüberhäufung und Arbeitskräftemangel, über
zu niedrige Erzeugerpreise und das Hamsterunwesen.(7)
Der äußere Erfolg der Revolution im November 1918 ist nicht nur auf
das aktive Handeln der Arbeiter und Soldaten zurückzuführen, sondern
auch auf die passive Reaktion der deutschen Gesellschaft, für deren überwiegende
Mehrheit das alte Regime soviel an Ansehen verloren hatte, dass es nicht mehr
verdiente, verteidigt zu werden. Bereits im Januar 1918 hatten die Munitionsarbeiter
in Berlin, im Ruhrgebiet, in Sachsen, Hamburg und- Kiel bei ihren Streiks auch
politische Forderungen - Herbeiführung des Verständigungsfriedens,
Reformen im Innern - erhöben. Als in den Sommermonaten an der Westfront
keine weiteren militärischen Erfolge erzielt wurden, stieg die Mutlosigkeit
in der Öffentlichkeit an.
Trotzdem wirkte Anfang Oktober die Nachricht, über- das deutsche Waffenstillstandsangebot
für viele wie ein Schock. Das Bewusstsein der militärischen Niederlage
und der Nutzlosigkeit weiteren Kämpfens ließ die Forderung nach sofortigem
Frieden unüberhörbar werden. Und als nach der dritten Wilson-Note
klar wurde, dass der Kaiser ein Haupthindernis für den Frieden darstellte,
forderte auch die Presse immer unverhohlener die Abdankung Wilhelms U. Um Entschlüssen
ausz4weichen, reiste dieser am 29. Oktober ins Große Hauptquartier nach
Spa; Prinz Max konnte ihn trotz eindringlicher Appelle nicht zur Rückkehr
nach Berlin bewegen:
Im Anschluss an Arthur Rosenberg(8) ist lange Zeit behauptet
worden, der November-Aufstand sei ein-"Missverständnis" gewesen
und die Massen hätten gegen sich selbst revoltiert, da in der sogenannten
"Oktober-Reform", die Deutschland zu einer parlamentarischen Monarchie
_gemacht hatte, bereits alle Ziele der Unzufriedenen erreicht worden waren.
Wie wenig jedoch der Kaiser bereit war, seine Handlungen der Verantwortlichkeit
des Reichskanzlers zu unterstellen, zeigt seine gegen den Willen der politischen
Führung unternommene Flucht nach Spa, die einer Wiederherstellung des erschütterten
Bündnisses zwischen Krone und Militärgewalt und der Rückkehr
zur Tradition des reaktionären Staatsstreichs gleichkam.(9)

Man kann daher nicht behaupten, dass mit der Oktober-Reform von 1918 eine verheißungsvolle
Entwicklung, eingeleitet und mit der November-Revolution nieder unterbrochen
worden wäre. Die parlamentarische Monarchie ist nicht durch die Revolution
gestürzt worden, sondern durch Krone und Militär, die sich von ihr
genau indem Augenblick wieder lossagten, als sie Wirklichkeit anzunehmen drohte:
Bezeichnend für die Rückkehr der Militärgewalt zur Selbständigkeit
der politischen Entscheidungen ist auch das Verhalten der Seekriegsleitung in
den letzten Oktobertagen.

Während nämlich der Kaiser nach Spa floh, wollte die Seekriegsleitung
unter Admiral Scheer - ohne den wahren Zweck des Flottenvorstoßes den
verantwortlichen politischen Führungsinstanzen mitzuteilen - aus Prestigegründen
die Hochseeflotte` zu einer letzten "Todesfahrt" gegen die Engländer
auslaufen lassen, um in diesem- Gefecht "ehrenvoll" unterzugehen.
Als die Matrosen und Heizer bemerkten, dass sie unmittelbar vor Kriegsende sinnlos
geopfert werden sollten, verweigerten sie den Gehorsam und verhinderten ein
Auslaufen der Flotte. Die Flottenleitung konnte zwar den Widerstand der Meuterer
brechen und ungefähr 1000 Mann verhaften; in den folgenden Tagen häuften
sich allerdings die Zwischenfälle, die am 3. November in Kiel Todesopfer
forderten und bereits einen Tag später in offenem Aufstand kulminierten.
Somit ist der eigentliche Anstoß zur Revolution von der Seekriegsleitung
ausgegangen:
- Die Matrosen bildeten erste Soldatenräte, zu denen sich noch am gleichen
Tag Arbeiterräte gesellten:
- Am Abend des 4. November war Kiel fest in der Hand der Aufständischen.
- Bereits am 5. November war die Bewegung auf Lübeck und Hamburg übergesprungen.
Am 6. November regierten in beiden Städten Arbeiter- und Soldatenräte,
gleichzeitig brachten. die Aufständischen auch Bremen und Wilhelmshaven
in ihre Gewalt;
- Trotz der Bewilligung von Amnestie und Straffreiheit durch die Reichsregierung
konnte nicht mehr verhindere werden, dass die ursprüngliche Militärrevolte
sich immer mehr zu einer revolutionären Bewegung ausweitete:
- Diese griff am 7. November auf zahlreiche Städte Nord- und Westdeutschlands
über.
-- Unabhängig davon rief am gleichen Tag in München der USPD-Politiker
Kurt Eisner. die bayerische Republik aus. (vgl. Dok. 1).
- Ani folgenden Tag hatten Arbeiter- und Soldatenräte in nahezu allen wichtigen
deutschen Städten die Macht übernommen.
Bald darauf verschwand die Monarchie in allen deutschen Staaten, ohne dass sich
eine Hand zu ihrer Verteidigung gerührt hätte. Die Revolution hatte
ganz Deutschland erfasst.
Die Meuterei der Matrosen in Kiel und anderen norddeutschen Häfen wollte
von Anfang an nicht nur den unnützen Versuch der Admiralität vereiteln,
den Krieg zu verlängern; sie richtete sich außerdem gegen den Kaiser,
der dafür verantwortlich gemacht wurde, dass trotz des inzwischen einen
Monat alten Waffenstillstandsgesuchs der Krieg immer noch andauerte. Hinzu kam,
dass in Deutschland infolge der Wilson-Noten die Überzeugung wuchs; dass
mit den bisherigen Machthabern an der Spitze des Staates keine erträglichen
Friedensbedingungen zu erwarten seien. Allmählich wurde der Kaiser von
allen Seiten - auch von überzeugten Monarchisten, die die Krone retten
wollten - zum Rücktritt gedrängt: von der Reichsregierung, besonders
von Prinz Max, von 'der Führung der SPD, schließlich auch von einzelnen
Generälen der OHL. Kaiser Wilhelm weigerte sich jedoch beharrlich abzudanken;
nur mit Mühe konnte ihm von Hindenburg und Groener der Gedanke ausgeredet
werden, an der Spitze des Feldheeres gegen die Aufständischen im Reich
vorzugehen.
In Berlin spitzte sich inzwischen die Lage dramatisch zu: Die Revolutionären
Obleute, eine linksradikale Arbeitergruppe mit einem festen Kern unter den Metallarbeitern,
hatten für den 9. November große Demonstrationen angekündigt;
die Bewegung drohte der Regierung und der SPD endgültig zu entgleiten.
Da der Kanzler befürchtete, die siegreichen Demonstranten würden ihrerseits
die Absetzung des Kaisers ausrufen, veröffentlichte er mittags um 12 Uhr
eigenmächtig eine Erklärung, die besagte, dass der Kaiser und König
sich entschlossen habe, dem Thron zu entsagen. Zugleich übertrug Prinz
Max, um die Staatsführung vor dem revolutionären Zugriff zu bewahren,
dem sozialdemokratischen Parteiführer Friedrich Ebert das Amt des Reichskanzlers.
Während dieser noch mit der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands (USPD) über eine gemeinsame Regierung verhandelte, rief der
SPD-Politiker Philipp Scheidemann gegen 2 Uhr vom Balkon des Reichstagsgebäudes
unter brausendem Beifall der Versammelten die Republik aus:
"Das deutsche Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt. Das alte Morsche ist
zusammengebrochen; der Militarismus ist erledigt! Die Hohenzollern haben abgedankt!
Es lebe die Deutsche Republik!"(10)
Wenige Stunden später proklamierte der Führer des kommunistischen
Spartakusbundes, Karl Liebknecht, vom Balkon des Berliner Stadtschlosses die
"Freie Sozialistische Republik Deutschland". Als der Kaiser von den
Vorgängen in Berlin erfuhr, war er zuerst empört über den "Verrat"
des Prinzen. Schließlich folgte er dem dringenden Rat Hindenburgs, in
den Niederlanden um politisches Asyl nachzusuchen.
Der Pakt Ebert-Groener
Noch am 9. November nahm die neue Regierung, die sich "Rat der Volksbeauftragten"
nannte, ihre Amtsgeschäfte auf. Unter dem Vorsitz Eberts gehörten
ihr von der SPD noch Philipp Scheidemann und Otto Landsberg, von der USPD Hugo
Haase, Wilhelm Dittmann und Emil Barth an. Die neue- Regierung hielt es für
unverzichtbar, die Anerkennung und Mitarbeit der OHL zu erreichen, um die sich
aus der Situation des geschlagenen Reiches ergebenden unmittelbaren Aufgaben
lösen zu können:
- Die Waffenstillstandsbedingungen mussten erfüllt,
die Rückführung des Heeres und die Demobilisierung durchgeführt,
die Wirtschaft von Kriegs- auf Friedensbedürfnisse umgestellt,
die Bevölkerung (trotz Fortbestehens der alliierten Blockade) ernährt,
- die Soldaten erneut in den Arbeitsprozess eingegliedert,
das zusammengebrochene Verkehrswesen wieder in Gang gesetzt werden.

Bei all diesen Aufgaben war die Mitwirkung des eingespielten zivilen und militärischen
Behördenapparats, der Unternehmer und Gewerkschaften sowie der Landbevölkerung
unentbehrlich (vgl. Dok. 2). In einem später berühmt
gewordenen Telefongespräch zwischen der Reichskanzlei und dem Hauptquartier
vereinbarten Ebert und Groener eine möglichst enge Zusammenarbeit:"
Beide waren an der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung interessiert, beide
waren Gegner der Revolution und des Bolschewismus, beide wollten eine disziplinierte
und gehorsame Armee als Ordnungsmacht aufrechterhalten (vgl. Dok.
3). Groener sah in einem neuen "Reichspatriotismus", der als nationale
Loyalität an die Stelle der bisherigen personalen Loyalität des Offiziers
gegenüber denn Kaiser und Obersten Kriegsherrn treten sollte, die Grundlage
für ein Zusammengehen mit der SPD. Diese wiederum war, da sie über
keine bewaffnete Macht verfügte und die im Verlauf der Revolution gegründete
"republikanische Soldatenwehr" sich als völlig unzuverlässig
erwies, auf das monarchische Offizierskorps als Hauptstütze der eigenen
Existenz angewiesen. Der Pakt Ebert-Groener sah vor, dass die ausschließliche
Befehlsgewalt über die Armee bei den Offizieren blieb; den Soldatenräten
wurde nur eine beratende Stimme eingeräumt. Der Generalstab übernahm
die Rückführung des Frontheeres in die Heimat und die Aufrechterhaltung
von Ruhe und Sicherheit.
Die Bedeutung dieses Abkommens, das im Dezember zu einem politischen Pakt erweitert
wurde, kann für den weiteren Verlauf der Revolution in Deutschland gar
nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wie keine andere staatliche Einrichtung
waren Heer und Marine von Zusammenbruch und Revolution im Innersten getroffen
worden: Die Ereignisse seit dem 7. November ("Militärstreik"
als Ursprung der Revolution, Abdankung des Kaisers, später Auflösung
des Feldheeres und die Bestimmungen des Friedensvertrages) stellten für
das Militär tiefgreifende verfassungsrechtliche und organisatorische Probleme
dar; sie berührten darüber hinaus in wesentlichem Umfang das Selbstverständnis
des Offizierskorps. Der Tiefpunkt (im Sinne der alten Streitkräfte), wurde
nun infolge des Ebert-Groener-Paktes durch die pragmatische Zusammenarbeit von
Mehrheits-SPD und Militärs innerhalb weniger Wochen überwunden.
Die "nationale Aufgabe" des Militärs in Zusammenarbeit mit der
Regierung verhalf dem Offizierskorps zu einem neuen Selbstverständnis und
trug mit dazu bei, dass als Resultat dieser Entwicklung die Armee die Revolution
fast ohne Veränderung überstand:(11) Das Abkommen
war der Anfang der Liquidierung der Revolution, noch bevor diese `richtig begonnen
hatte. Die ersten Aufrufe Eberts als Kanzler zielten auch unmissverständlich
auf Ruhe und Ordnung, um die Lebensmittelversorgung sicherzustellen und lebenswichtige
Betriebe in Gang zu halten (vgl. Dok. 4). In einem Telegramm
Hindenburgs an alle Heeresgruppen und Armeeoberkommandos vom 10. November hieß
es:
"Es kann bekanntgegeben werden, dass die OHL mit dem Reichskanzler Ebert,
dem bisherigen Führer der gemäßigten sozialdemokratischen Partei,
zusammengehen will, um die Ausbreitung des terroristischen Bolschewismus in
Deutschland zu verhindern.(12)
Auf dieses Zusammenwirken der Mehrheitssozialisten mit dem Generalstab ist entscheidend
zurückzuführen, dass die Revolution sich kein eigenes Heer zu ihrer
Verteidigung schuf. Der größte Teil- der Armee wurde nach seiner
geordneten Rückführung in die Heimat entlassen. Die Volksbeauftragten
sahen sich zu ihrem Schutz auf Freikorps - d. h. auf streng disziplinierte,
größtenteils bürgerliche und keineswegs immer republikfreundliche
Freiwilligenverbände mit hohem Kampfwert - angewiesen: eine für Entstehung
und Entwicklung der Weimarer Republik schwere Hypothek. Andererseits muss darauf
hingewiesen werden, dass Offiziere und Kommandostrukturen der alten Armee die
neu gebildeten Freikorps zu Ordnungsinstrumenten machten, die im Augenblick
durch die Regierung (relativ) besser zu kontrollieren waren als selbst etwa
die regierungstreuen Freiwilligenverbände der Soldatenräte.
Während der "Rat der Volksbeauftragten" den Regierungs- und staatlichen
Verwaltungsapparat übernahm und, in Zusammenarbeit mit der OHL, die ersten
Maßnahmen erließ (vgl. Dok. 5), erhoben die
in den ersten Revolutionstagen überall entstandenen Arbeiter- und Soldatenräte
immer deutlicher den Anspruch, von improvisiert-spontanen Ausschüssen zu
Vollzugsorganen des Volkswillens geworden zu sein, die gegenüber den Regierungs-
und Verwaltungskörperschaften Kontrollfunktionen hatten. Die von den Soldaten
gewählten Soldatenräte traten zumeist nicht an die Stelle, sondern
neben die alte militärische Struktur. Die jeweiligen militärischen
Führungsinstanzen erkannten sie durchweg an und erklärten sich zur
Zusammenarbeit bereit. Von der sozialen Zusammensetzung her war in den Soldatenräten
das kleinbürgerliche Element (vor allem mittlere Ränge, häufig
auch Offiziere) mindestens so stark vertreten wie das proletarische, weshalb
die neuen Organe in der revolutionären Bewegung auch häufig auf dem
rechten Flügel standen.
Die Arbeiterräte wurden entweder in den Betrieben gewählt oder gingen
aus einer Absprache der örtlichen Parteiführungen von SPD und USPD
hervor; verschiedentlich wurden Arbeiterräte auch auf "Volksversammlungen"
gebildet bzw. bestätigt. Normalerweise schlossen sich Soldatenrat und Arbeiterrat
zum Arbeiter- und Soldatenrat zusammen, der als oberste Machtinstanz fungierte
und faktisch auch die Polizeigewalt ausübte.
In ihrem Selbstverständnis erwiesen sich vor allem die mehrheitssozialdemokratisch
orientierten Arbeiter- und Soldatenräte primär als die gegenüber
den Vertretern des alten Regimes kooperationswilligen Kontroll- und Exekutivorgane
der kommunalen Öffentlichkeit.
Bei ihrer Bildung orientierten sich die Räte an praktisch-tagespolitischen
Aufgaben. Hierbei standen sie unter dem Eindruck der russischen Oktoberrevolution,
in der der Umschwung ebenfalls mit Hilfe von Räten vollzogen worden war.
Die Organisation der deutschen Arbeiter- und Soldatenräte erfolgte allerdings
nicht nach dem sowjetrussischen "Modell".
Die Räte verhielten sich den Volksbeauftragten gegenüber größtenteils
loyal. Diese Loyalität beruhte auf der grundsätzlichen Übereinstimmung
mit der Regierung bezüglich der zentralen Aufgaben, auf der Erwartung,
dass die revolutionäre Übergangsperiode zu demokratischen Strukturreformen
genützt würde sowie auf der Vorstellung, dass die Initiative zu grundlegenden
Veränderungen "von oben" kommen müsse.
Auf Initiative der USPD versammelten sich am 10. November 1918 die Berliner
Arbeiter- und Soldatenräte im Zirkus Busch. Der dort gebildete "Vollzugsrat"
bestätigte zwar den Rat der Volksbeauftragten, der von da an mit revolutionärer
Legitimierung regierte, beanspruchte aber zugleich "diktatorische Gewalt"
und stand somit in ständigem Konflikt mit der Regierung Ebert. Da keine
klare Kompetenzabgrenzung zwischen beiden Gremien erfolgte (vgl. Dok.
6), kam es zu Rivalität und Konfrontation. Der Vollzugsrat (Vorsitz:
Richard Müller - USPD) sprach sich für eine "proletarische Republik
auf sozialistischer Grundlage" aus - eine Forderung, der sich auch die.
MSPD-Mitglieder dieses Gremiums anschlossen.
In fast allen Räten hatten die Mehrheitssozialdemokraten ein deutliches
Übergewicht über die Radikalen. Auch in dem "Reichskongress der
Arbeiter- und Soldatenräte", der vom 16.-21. Dezember in Berlin tagte,
verfügte die MSPD über eine klare Majorität.(13)
Der Rätekongress musste vor allem über die erbittert: diskutierte
Frage entscheiden: ob eine bürgerliche Demokratie oder eire proletarische
Rätediktatur angestrebt werden sollte.
Über die Frage der Organisation der Revolution- und der Herrschaft gingen
die Meinungen der verschiedenen Gruppen weit auseinander:
- Die MSPD-Vertreter im Rat der Volksbeauftragten forderten von Anfang an unter
der Parole "Demokratie oder Bolschewismus" eine alsbaldige Neuordnung
durch eine demokratisch gewählte Nationalversammlung, was das Ende der
Räte
bedeuten musste (vgl. Dok. 7). Diese parlamentarisch-demokratische
und staatsbezogene Grundeinstellung der Sozialdemokraten resultierte - abgesehen
von taktischen, auch außenpolitisch bedingten Überlegungen - aus
ihrer praktisch-politischen Haltung: Sie sahen ihre politischen Zielsetzungen
mit der Einführung von parlamentarischer Demokratie` und. allgemeinem Wahlrecht
erreicht. Zugleich ist sie Ausdruck einer unmittelbar wirksamen nationalen Komponente
im politisch-ideologischen Denkender SPD sowie der spezifischen Staatstradition;
in der die SPD von Lasalle her stand:
- Die USPD bezog in der Rätefrage keinen einheitlichen Standpunkt. Ihr
rechter Flügel wollte die Übergangsperiode der Räteherrschaft
solange wie möglich ausdehnen und in dieser Zeit gesellschaftspolitisch
relevante Entscheidungen
(etwa die Sozialisierung) durchführen. Zugleich bekannte er sich jedoch
zu einer späteren Nationalversammlung, der Räte zur Seite gestellt
werden sollten. Karl Kautsky brachte es auf die Formel: "Nationalversammlung
und Räte".
- Der linke Flügel der USPD, dem in der ersten Phase der Revolution noch
die revolutionären Obleute und der Spartakusbund angehörten, erstrebte
demgegenüber die Errichtung einer proletarischen Räteherrschaft.
- Der Spartakusbund (früher "Gruppe Internationale") um Rosa
Luxemburg, Karl Liebknecht und Franz Mehring aus der radikalen Parteiopposition
der Vorkriegssozialdemokratie hatte sich zwar organisatorisch der USPD angeschlossen,
wich jedoch in seiner politischen Linie ganz entscheidend- von der USPD-Führung
ab; er war die einzige Gruppe, die die Losung: "Alle Macht den Räten"
kompromisslos vertrat. So verwarf Rosa Luxemburg etwa in ihrer Absage an die
bürgerliche Demokratie den "parlamentarischen Kretinismus" der
deutschen Sozialdemokraten; für sie waren in ihrem Glauben an die Spontaneität
des Volkes "sozialistische Demokratie" und' "Diktatur des Proletariats"
identisch.
In Anbetracht der Mehrheitsverhältnisse auf dem Rätekongress (490
Delegierte, davon 290 SPD-Mitglieder) nimmt es nicht wunder, dass in der Frage
der zukünftigen Volksvertretung die Entscheidung mit überwältigender
Mehrheit zugunsten der Nationalversammlung fiel. Als Wahltermin wurde der 19.
Januar 1919 festgelegt. Für die- Übergangszeit beauftragte der Kongress
einen "Zentralrat". mit der Wahrnehmung seiner Aufgaben; die Funktionen
des Zentralrats reduzierten sich allerdings fast von Anfang an darauf, eine
Art Akklamationsorgan des Rates der Volksbeauftragten zu sein, was durch den
Verzicht der USPD auf Mitwirkung noch begünstigt wurde. Der Zentralrat
war auch seinem Selbstverständnis nach weniger Kontroll- als vielmehr Unterstützungsorgan
der MSPD-Politik. Daher nahm er auch eine zunehmende Beschneidung seiner theoretischen
Kontrollkompetenzen durch die Volksbeauftragten ohne allzu großen Widerstand
hin und plädierte' schließlich für Selbstauflösung nach
Zustandekommen der Nationalversammlung. Am B. April 1919 löste er' sich
auf. , Die Forderungen des Rätekongresses nach Demokratisierung des Heeres
'- die berühmten "7 Hamburger Punkte"1o - wurden vom Rat der
Volksbeauftragten hintertrieben (vgl. Dok. 8); die militärpolitische Passivität
der Regierung erbitterte viele auch ansonsten gemäßigte Soldaten
und Arbeiter. Hier ist der Zusammenhang zwischen unterlassenen Reformen und
politischer Radikalisierung deutlich greifbar. Dasselbe gilt für die Forderung
des Kongresses nach Sozialisierung "der hierfür reifen Industrien",
vor allem des Kohlebergbaus. Die von der Regierung eingesetzte Sozialisierungskommission
war lediglich ein Versuch, Zeit zu gewinnen. Der MSPD und den Gewerkschaften
ging es darum, Änderungen der Eigentumsverhältnisse zu verhindern.
Dieses Beharren auf dem überkommenen kapitalistischen Wirtschaftssystem
lässt sich, was den Fortgang der ökonomischen Entwicklung betrifft,
zumindest teilweise mit dem marxistisch geprägten Determinismus der SPD,
d. h. mit ihrem Glauben an die "gesetzmäßige" Vorbestimmtheit
der Entwicklung, erklären, der grundlegende sozialökonomische Veränderungen
mehr von der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung als von zugreifenden
politischen Eingriffen erwartete und von den sozialökonomischen Voraussetzungen
für Bestand und Gedeihen einer Demokratie kein klares Bewusstsein hatte.

Nach dem Reichsrätekongreß verschärften sich die Auseinandersetzungen
zwischen SPD und USPD immer mehr. Während die SPD-Vertreter im Rat der
Volksbeauftragten bis zum Zusammentritt der Nationalversammlung nur die notwendigsten
Regierungsgeschäfte, wie die Durchführung des Waffenstillstands
und der Demobilisierung erledigen und- alle grundlegenden Entscheidungen der
legitimierten Volksversammlung überlassen wollten, drängte der Koalitionspartner
USPD auf umfassende Demokratisierung von Verwaltung und Heer unter Ablösung
der alten Beamtenschaft und des alten Offizierskorps durch die Räte.
Da die USPD sich in der - Regierung nicht durchsetzen konnte und auch in den
Räten keine Mehrheit hatte, wurde der Machtkampf allmählich auf
die Straße verlegt. So organisierten die Spartakisten in Berlin bereits
während des Kongresses gewaltige Straßendemonstrationen, die unter
der Losung: "Für die Arbeiter- und Soldatenräte! Gegen die
Nationalversammlung!" den Reichsrätekongress unter Druck setzen
wollten. An dieser Demonstration beteiligten sich angeblich über 250000
Personen.(15)
Eine Woche später kam es zur Belagerung der Reichskanzlei durch die 'sogenannte
"Volksmarinedivision". Als Ebert Truppen gegen die Aufständischen
einsetzte, führte dies zum Bruch mit der USPD, die am 29. Dezember aus
der Regierung ausschied.
Bereits am folgenden Tag ging aus der Reichskonferenz des Spartakusbundes
(30. Dezember 1918-1. Januar 1919) die "Kommunistische Partei Deutschlands
(Spartakusbund)" hervor, die sich damit endgültig von der USPD lossagte.
Das Hauptreferat auf diesem Gründungsparteitag hielt Rosa Luxemburg,
die das von ihr verfasste "Spartakusprogramm"- erläuterte.
Die Partei verfügte anfangs über nur wenige marxistische Kader;
sie wollte die Massen vielmehr durch Straßendemonstrationen und Agitation
radikalisieren, was ihr bei wachsender Unzufriedenheit der Arbeiterschaft
auch zusehends gelang.
Als die besonders durch die Passivität der Regierung in der Sozialisierungsfrage
enttäuschten Arbeiter durch die Amtsenthebung des Berliner USPD-Polizeipräsidenten
Emil Eichhorn noch weitergereizt wurden, entwickelten sich die massenhaften
Protestdemonstrationen zu einem regelrechten Aufstand (5. 12. Januar 1919),
dessen Ziel der Sturz der Regierung Ebert war (vgl. Dok. 9
und 10). Allerdings fehlte der Bewegung die erforderliche
Stoßkraft und Entschiedenheit. Die zur Aktion bereiten Massen warteten
umsonst auf klare Anweisungen. Schließlich traten die Aufständischen
in Verhandlungen mit der Regierung ein. Nach dem Scheitern der Verhandlungen
übernahm der SPD-Volksbeauftragte Gustav Noske die militärische
Niederwerfung des Aufstands.
Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden nach ihrer Verhaftung von Freikorpssoldaten
ermordet. Die gleichzeitigen Aufstände in anderen Teilen des Reiches,
besonders in Mitteldeutschland, konnten mit Hilfe der Freikorps ebenfalls
unterdrückt werden.
Mit den Januarkämpfen zerbrach die- Einheit der revolutionären Bewegung
endgültig. Zugleich stellt der Berliner Januar das Ende der ersten Phase
der Revolution und den Beginn einer zweiten, radikaleren Phase dar, (16)
in der der erfolglose Versuch unternommen wurde, die Revolution angesichts
der begonnenen Gegenrevolution zu sichern und voranzutreiben. In dieser zweiten
Phase kam es zu einer Reihe lokaler Aufstände der radikalen Linken, in
deren Verlauf auch "Räterepubliken" - unter anderem die Bremer(17)
(Januar/Februar 1919) und vor allem die Münchner (April) - gegründet
wurden.
Parallel zu den Kämpfen im Frühjahr 1919 entstand eine neue Massenbewegung,
in der sich das Schwergewicht des Kampfes von der staatlichen Ebene auf die
Ebene der direkten Konfrontation von Kapital und Arbeit in den Betrieben verlagerte:
- Während die am 19. Januar gewählte Nationalversammlung in Weimar
mit ihrer Arbeit begann, traten: zwischen Februar und April 1919 die Bergarbeiter
des Ruhrgebiets und Mitteldeutschlands sowie die Berliner Arbeiter unter der
Parole der "Sozialisierung" in den Generalstreik; Anfang April 1919
streikten ungefähr 300000 Arbeiter.
- Dabei beschränkte sich Sozialisierung" nicht auf die Forderung
nach Verstaatlichung, sondern beinhaltete das Verlangen der Arbeiter nach
einem inner- und überbetrieblichen "wirtschaftlichen" Rätesystem,
nach Selbstbestimmung und Selbstverwaltung.
Auf dem zweiten Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte vom 8.-14.
April 1919 wurde deutlich, dass für die meisten Anhänger beider
sozialistischen Parteien die Kernforderung des Sozialismus in der Änderung
der Besitzverhältnisse an den Produktionsmitteln lag; außerdem
sah man in den Räten die Organe für die Sozialisierung. Mit den
Räten aus der ersten Phase der Revolution hat diese Streik- und Sozialisierungsbewegung,
deren Führung eindeutig bei der USPD und der KPD lag, nichts zu tun.
Verstanden sich die Räte in der ersten Phase der Revolution als Revolutionsausschüsse,
so traten jetzt ausgesprochen proletarisch-klassenkämpferische Zielsetzungen
in den Vordergrund; außerdem bildete sich eine selbständige "Räte-Ideologie"
heraus. Da die Bewegung regional unkoordiniert verlief, konnte sie die Reichsregierung
mit Versprechungen und massiver Gewaltanwendung - Noske hatte das Standrecht
verkünden lassen, das die erbitterten Freikorpsleute durch. wahllose
Erschießungen missbrauchten - ebenfalls paralysieren und schließlich
vollends zerschlagen. An diesem Befund ändert auch nichts die Tatsache,
dass die Diskussionen in der Nationalversammlung und die gesetzgeberischen
Aktivitäten ein gewisses Eingehen der Mehrheitssozialdemokraten auf die
revolutionären Anliegen erkennen lassen.
In die zweite, radikale Phase der Revolution fällt auch die Münchner
Räterepublik. In der bayerischen Hauptstadt war nach der Flucht der
Wittelsbacher und der Gründung des "Freien Volksstaats Bayern"
am B. November 1918 der Unabhängige Kurt Eisner an die Spitze einer
aus Mitgliedern der USPD und SPD bestehenden Revolutionsregierung (Innenminister:
Erhard Auer) getreten. Als Eisner am 21. Februar 1919 auf dem, Weg zur Eröffnungssitzung
des Verfassunggebenden Landtags war, um nach der Wahlniederlage seiner Partei
als Ministerpräsident zurückzutreten, wurde er von dem nationalistischen
Fanatiker Graf Anton von Arco-Valley ermordet. Der Mord an Eisner wirkte
radikalisierend auf die Arbeiter und Soldaten und leitete in Bayern die
,"zweite Revolution" ein, die sich im "Zentralrat der Bayerischen
Republik" unter dem Vorsitz von Ernst Niekisch (SPD) ein neues Führungsorgan
schuf. Nach wochenlangen Wirren beschloss dieses, zusammen mit dem Revolutionären
Arbeiterrat, in der Nacht vom 6. auf den 7. April die Ausrufung einer Bayerischen
Räterepublik, in der Intellektuelle (Toller) und Anarchisten (Landauer),
nicht jedoch Kommunisten die "Regierung der Volksbeauftragten"
bildeten: Die Kommunisten bezeichneten das aus dieser ,;dritten Revolution"
hervorgegangene Regime als "Scheinräterepublik".(18)

Nach dem fehlgeschlagenen Gegenschlag regierungstreuer Truppen - die vom
Landtag gewählte Regierung Johannes Hoffmann (MSPD) war inzwischen
nach Bamberg geflohen - übernahmen am 13. April die Kommunisten die
alleinige Macht (vgl. Dok. 11). Die Arbeiter- und Soldatenräte
Münchens setzten den Zentralrat ab und übertrugen in einer "vierten
Revolution" die gesetzgebende und vollziehende Gewalt einem Vollzugsrat,
dem unter anderen Max Levien und Eugen Levine angehörten. Rudolf Egelhofer
wurde Stadtkommandant und Oberkommandierender der Roten Armee. Während
diese' noch aufgestellt wurde und die Räterepublik infolge innerer
Zerwürfnisse (Absetzung des alten und Wahl eines neuen Aktionsausschusses,
Diktatur der Roten Armee) bereits' deutliche Zersetzungserscheinungen aufwies,
wurde von Bamberg aus die militärische Intervention des Reichs eingeleitet.
Die Liquidation des Räteregimes, an der sich neben preußischen
und württembergischen Verbänden unter dem Oberbefehl des preußischen
Generals von Oven auch eine bayerische Freiwilligentruppe (General von Möhl/Ritter
von Epp) beteiligte, weitete sich am 1. und 2. Mai zu einem von beiden
Seiten erbittert geführten Bürgerkrieg mit über 1000 Toten
aus. Auf den Terror der roten Garden folgten nun die nicht minder grausamen
Ausschreitungen der "weißen Garde". Im Laufe des Jahres
1919 erfolgte in Form zahlreicher Hochverratsprozesse mit drakonischen Strafurteilen
auch die gerichtliche Liquidierung der Räteherrschaft; der "weiße
Terror" wurde demgegenüber nicht oder kaum gerichtlich verfolgt.
Kontinuität oder Diskontinuität?
Bereits 1968 hat Reinhard Rürup festgestellt: "Fs
dürfte in der Geschichte kaum eine andere, äußerlich erfolgreiche
Revolution geben, die so schnell aus dem Bewusstsein der Zeitgenossen verdrängt
wurde wie die Revolution von 1918/19. Es entstand keine lebendige revolutionäre
Tradition; die demokratische Republik gründete ihr Selbstverständnis
nicht auf die Revolution, sondern allenfalls auf deren Überwindung
[... ] Nicht die Revolution, sondern die der Revolution abgerungene Kontinuität
war die Basis der Weimarer Demokratie."(19)
Dieses Ergebnis der Forschung stimmt' nicht mit dem Eindruck der Zeitgenossen
überein, für die die Revolution eine tiefe .Zäsur bedeutete.
Das zweifellos auffallendste Moment der Diskontinuität - zugleich das
einzige deutlich greifbare - ist der Sturz der Dynastien und das Ende des
Kaisertums. Nur die Änderung der Staatsform stellte etwas völlig
Neues dar und erlaubt es auch, von den Novemberereignissen als einer politischen
Revolution, nicht jedoch im Sinne einer sozialen und ökonomischen Umwälzung
zu sprechen. Schon in der Weimarer Verfassung mischten sich Elemente der
Kontinuität und er Diskontinuität.(20)
Auch die revolutionäre Rätebewegung hat im Verfassungsrecht und
in der Verfassungswirklichkeit der Weimarer Republik keine nennenswerten
Spuren hinterlassen. Das Betriebsrätegesetz vom 4. Februar 1920 und
der in Artikel 165 der Weimarer Verfassung vorgesehene vorläufige Reichswirtschaftsrat
können kaum in der Tradition der Mitbestimmungskämpfe gesehen
werden, da sie den Betriebsräten keine entscheidenden Mitbestimmungsrechte
und Kontrollbefugnisse einräumten. Und auf dem weiten Feld der Organisation
von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft dominierten eindeutig die Merkmale
der Kontinuität:
Zu den in diesem Zusammenhang wichtigsten Bereichen gehören die Beamtenschaft
und das Militär. Nicht nur die OHL verhandelte von Anfang an mit den
Volksbeauftragten auf gleicher Ebene, sondern das gleiche gilt für
die Staatssekretäre der Reichsämter.(21) Von
den dreizehn Leitern der obersten Behörden schieden lediglich vier
aus. Die mit Kontrollfunktionen ausgestatteten MSPD- oder USPD-Beigeordneten
konnten ihrer Aufgabe zumeist nicht gerecht werden. Auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik
akzeptierten die Volksbeauftragten die Priorität, die der Staatssekretär
für wirtschaftliche Demobilmachung, Joseph Koeth, setzte. Ebenso wie
dieser konnte auch der nationalliberale Staatssekretär im Reichsschatzamt,
Eugen Schiffer, durchsetzen, dass. keine Änderung der Wirtschaftsordnung
erfolgte.
Die Institution der Reichsstaatssekretäre stellte über die Novemberrevolution
hinweg die Kontinuität von jener Koalition aus Liberalen, Zentrum und
MSPD, die sich 1917 in einer Reichstagsmehrheit zugunsten eines Verständigungsfriedens
zusammengefunden und am Ende der Monarchie die Parlamentarisierung des Reiches
vollzogen hatte, bis hin zur "Weimarer Koalition" der ersten republikanischen
Regierung dar. Dabei ließen die Volksbeauftragten (bewusst oder unbewusst)
unberücksichtigt, dass die Staatssekretäre seit der Oktoberverfassung
(1918) politische, nicht mehr nur, fachliche Verantwortung trugen. Die -
Volksbeauftragten ergriffen zwar die ihnen durch die Revolution zugefallene
Macht, gaben sie aber - vor allem aus Furcht vor einem: "Weitertreiben"
der Revolution und einem wirtschaftlichen Zusammenbruch - an die Staatssekretäre
als die Sachwalter ihrer Ressorts zu einem großen Teil sogleich wieder
ab. Die Chefs der ,obersten Zivil- und Militärbehörden nutzten
die ihnen gebotene Chance, das Land "von der Revolution wegzuführen,
den Bruch mit der Vergangenheit zu mildern oder gar zu verhindern".(22)
Auch die (nunmehr zumeist) sozialistischen Vertreter der Einzelstaaten .
wirkten im Interesse ihrer Länder in die gleiche Richtung. Die Kontinuität
der bundesstaatlichen Interessen verband sich mit der Kontinuität der
sozial-konservativ orientierten Zentralbehörden.
Ein ähnliches Bild wie im Reich bot sich in den Ländern, wo die
administrative Kontinuität - mit nur wenigen Ausnahmen - auf nahezu
allen Ebenen gewahrt blieb. Das- Aufsichtsrecht der Räte über
die Kommunalbehörden wurde immer weiter eingeschränkt. Auch wenn
in bestimmten Ämtern (etwa bei. den preußischen Oberpräsidenten)
bis 1920 ein relativ umfassendes Revirement stattfand, so entstammten die
neuen Beamten doch zumeist der früheren königlichen Verwaltung.
Von einer umfassenden Republikanisierung oder Demokratisierung der Bürokratie,
vor allem im breiten Mittel- und Unterbau, kann man nicht sprechen. Unterhalb
der Behördenspitzen blieb die durchweg konservative Beamtenschaft an
den Staatsvorstellungen des Konstitutionalismus orientiert, in denen sie
aufgewachsen war. Die Mehrzahl bezog ihre Dienstgesinnung auf den Staat
als solchen, nicht auf die neuen Machthaber: Auch die Justiz blieb nahezu
unangetastet.
Die Rolle und Mentalität der Parteien in der Politik der Weimarer Republik
sowie die Tatsache, dass sie auch nach 1918 nicht in der Verfassung erwähnt
wurden, sind ebenfalls als Elemente der Kontinuität zu werten.
Es ist unverkennbar, dass die Kräfte, die sich in dieser Revolution
schließlich durchsetzten, schmerzhafte Brüche mit der Vergangenheit,
und risikoreiche Wagnisse vermeiden wollten. Die SPD hatte sich, um die
politische Initiative zu behalten und den Linkssozialisten nicht das Feld
zu überlassen, an die Spitze einer Revolution gesetzt, die gegen ihren
Willen ausgebrochen war. Sie suchte pragmatische Übergangslösungen,
Synthesen zwischen' Tradition und Umwälzung, was der Revolution von
vornherein einen konservativen Zug verlieh und die Entwicklung zur Republik
schwer belastete: Die Ergebnisse der Forschungen zur. Kontinuitätsproblematik,
besonders was die Versäumnisse und Fehlentscheidungen der politisch
maßgeblichen Kräfte hinsichtlich der Durchsetzung einer demokratischen
und sozialen Republik betrifft, lassen es gerechtfertigt erscheinen, von
1918/19 als einer gescheiterten Revolution zu sprechen.
1 Karl Dietrich Erdmann, Die Geschichte der
Weimarer Republik als Problem der Wissenschaft. In: Vierteljahrshefte für
Zeitgeschichte 3, 1955, S. 1-19
2 Eberhard Kolb, Einleitung. In: Ders. Hg., Vom Kaiserreich
zur Weimarer Republik, Köln 1972, S. 26. Vgl. hierzu auch Helga Grebing
Konservative Republik oder soziale Demokratie? In: ebda., S, 386-403. Dieser
Aufsatz beschäftigt sich eingehend mit der westdeutschen Historiographie
über die Novemberrevolution, analysiert die Fragestellungen und Forschungstrends
und markiert die Positionen in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung.
Vgl. neuerdings Eckhard Jesse/Henning Köhler, Die deutsche Revolution
1918/19 im Wandel der historischen Forschung. In: aus politik und zeitgeschichte
B 45/78 v. 11. November 1978, S. 3-23
3 Z. B. Gerhard Schulz, Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg
1918-1945, Göttingen 1976, bes. S. 29f. und Heinrich August Winkler,
Die Sozialdemokratie und die Revolution von 1918/19. Ein Rückblick nach
sechzig Jahren. Berlin 1979, S. 64; letzterer übt allerdings auch deutliche
Kritik an Versäumnissen der SPD (etwa in der Sozialisierungsfrage)
4 Vgl. hierzu die im Literaturverzeichnis angegebenen Werke
von Tormin, Matthias, Kolb, Oertzen, Rürup, Kluge ,
5 Die Novemberrevolution 1918 in Deutschland. Thesen anlässlich
des 40. Jahrestages. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 6, 1958,
Sonderheft, S. 21; zur DDR-Historiographie vgl. Lutz Winckler, Die Novemberrevolution
in der Geschichtsschreibung der DDR. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht
21, 1970, S. 216-234
6 Zum Zusammenbruch des alten Regimes vgl. in diesem Band
den Beitrag von Th. Stammen
7 Zur Volksstimmung im Ersten Weltkrieg allg. Wilhelm Deist
Hg., Militär und Innenpolitik im Weltkrieg 1914-1918. 2 Bände, Düsseldorf
1970
8 Arthur Rosenberg, Entstehung der Weimarer Republik, Frankfurt,
13. Aufl. 1971
9 Vgl. Wolfgang Sauer, Das Scheitern der parlamentarischen
Monarchie. In: Kolb Hg. (s. Anm. 2), S. 77-99
10 Zit. nach Gerhard A. Ritter/Susanne Miller Hg., Die deutsche
Revolution 1918-1919, Hamburg 2. Aufl. 1975, S. 77; Scheidemann gibt in seinen
Memoiren einen erheblich von diesem zeitgenössischen Stenogramm abweichenden
Text: vgl. Philipp Scheidemann, Memoiren eines Sozialdemokraten. Bd. 2, Dresden
1927, S. 311. Zur Diskussion der verschiedenen Fassungen siehe weiter Manfred
Jessen-Klingenberg Die Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann am
9. November 1918. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 19. Jg., H.
11, 1968, S. 649-656
11 S. hierzu "Zwischen Revolution und Kapp-Putsch".
Militär und Innenpolitik 1918-1920, bearb. v. H. Härten, Düsseldorf
1977 '
12 Zit. nach Peter Brandt Hg.: 1918/19. Ein Lesebuch, Berlin
1979, S. 56
13 Vgl. hierzu die als Faksimile herausgegebenen Stenographischen
Berichte: Allgemeiner Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands.
Vom 16. bis 21. Dezember 1918 im Abgeordnetenhause zu Berlin. Stenographische
Berichte. Eingeleitet von Friedrich Helm und Peter Schmitt-Egner, Glashütten
im Taunus 1972
14 Die Debatte auf dem Rätekongress in: Allgemeiner
Kongress (s. Anm. 13), Sp. 127ff.
15 Allgemeiner Kongress (s. Anm. 13), Sp. 19f.
16 Zur Periodisierung der Revolution vgl. Gerald D. Feldman/Eberhard
Kolb/Reinhard Rürup, Die Massenbewegungen der Arbeiterschaft in Deutschland
am Ende des Ersten Weltkrieges (1917-1920). In: Politische Vierteljahresschrift
13, 1972, 5. 84-105 sowie neuerdings: Wolfgang]. Mommsen, Die deutsche Revolution
1918-1920. Politische Revolution und soziale Protestbewegung. In: Geschichte
und Gesellschaft 4. Jg., H. 3,1978, S. 362-391. Kritik an letzterem übt
Winkler, Sozialdemokratie (s. Ante. 3), S. 8
17 Vgl. die Dokumentation Peter Kuckuck Hg., Revolution und
Räterepublik in Bremen, Frankfurt 1969
18 Zur bayerischen Räterepublik vgl. die im Literaturverzeichnis
angegebenen Werke von Bosl, Dorst, Mitchell, Schmolze, Schwarz
19 Reinhard Rürup, Probleme der Revolution in Deutschland
1918/19, Wiesbaden 1%8, S.4£
20 Zur Weimarer Verfassung vgl. in diesem Band den Beitrag
von G. Jasper
21 Hierzu ausführlich Wolfgang Elben, Das Problem der
Kontinuität in der deutschen Revolution. Die Politik der Staatssekretäre
und der militärischen Führung vom November 1918 bis Februar 1919,
Düsseldorf 1965
22 Elben (s. Anm. 21), S. 169 f.
Die in den Anmerkungen bibliographisch erfasste Literatur wird hier nicht wiederholt.
Neueste Bibliographie:
Georg P. Meyer, Bibliographie zur deutschen Revolution 1918/19, Göttingen
1977
Udo Bermbach Hg., Theorie und Praxis der direkten Demokratie. Texte und Materialien zur Rätediskussion. Opladen 1973
Karl Bosl Hg., Bayern im Umbruch. Die Revolution von 1918, ihre Voraussetzungen, ihr Verlauf und ihre Folgen. München 1969
Francis L. Carsten, Revolution in Mitteleuropa 1918 -1919. Köln 1973
Tankred Dorst Hg., Die Münchner Räterepublik. Zeugnisse und Kommentar. Frankfurt 1972
J. S. Drabkin, Die Novemberrevolution 1918 in Deutschland. Berlin (Ost) 1968
Karl Dietrich Erdmann, Rätestaat oder parlamentarische Demokratie. Neuere Forschungen zur Novemberrevolution 1918 in Deutschland. Kobenhavn 1979
Illustrierte Geschichte der Deutschen Revolution. Berlin 1929 (Reprint o. J.)
Sebastian Hafner: Die deutsche Revolution 1918/19. Wie war sie wirklich? München 1979
Ulrich Kluge: Die deutsche Revolution 1918/19. Staat, Politik und Wirtschaft zwischen Weltkrieg und Kapp-Putsch. Frankfurt 1985
Ulrich Kluge, Soldatenräte und Revolution. Studien zur Militärpolitik in Deutschland 1918/19. Göttingen 1975
Eberhard Kolb, Die Weimarer Republik. München 1984
Eberhard Kolb, Die Arbeiterräte in der deutschen Innenpolitik 1818 -1919. Frankfurt 1978
Eberhard Kolb/Reinhard Rürup Hg., Quellen zur Geschichte der Rätebewegung in Deutschland. Bd. I: der Zentralrat der deutschen sozialistischen Republik 19.12.1918 bis 8.4.1919. Leiden 1968
Detlef Lehnert: Sozialdemokratie und Novemberrevolution. Die Neuordnungsdebatte 1918/19 in der politischen Publizistik von SPD und USPD. Frankfurt 1983
Wolfgang Malanowski, November-Revolution 1918. Die Rolleder SPD. Frankfurt 1969
Erich Matthias, Zwischen Räten und Geheimräten. Die deutsche Revolutionsregierung 1918 -1919. Düsseldorf 1970
Susanne Miller, Die Bürde der Macht. Die deutsche Sozialdemokratie 1918 -1920. Düsseldorf 1978
Allan Mitchell, Revolution in Bayern 1918/1919. Die Eisner-Regierung und die Räterepublik. München 1967.
Richard Müller, Die Novemberrevolution. Berlin 1976
Helmut Neubauer Hg., Deutschland und die Russische Revolution. Stuttgart 1968
Peter von Oertzen, Betriebsräte in der Novemberrevolution. Eine politikwissenschaftliche Untersuchung über Ideengehalt und Struktur der betrieblichen und wirtschaftlichen Arbeiterräte in der deutschen Revolution 1918/19. Düsseldorf 1963
Karl A. Otto, Die Revolution in Deutschland 1918/19. München 1979 (für den Schulgebrauch)
Manfred Rauh, Die Parlamentarisierung des Deutschen Reiches. Düsseldorf 1977
Robert Rosentreter: Blaujacken im Novembersturm: Rote Matrosen 1918 -1919. Berlin 1988 Reinhard Rürup Hg., Arbeiter- und Soldatenräte im rheinisch-westfälischen Industriegebiet. Studien zur Geschichte der Revolution 1918/19. Wuppertal 1975
Ernst-Heinrich Schmidt: Heimatheer und Revolution 1918. Die militärische Gewalt im Heimatgebiet zwischen Oktoberreform und Novemberrevolution. Stuttgart 1981
Dieter Schneider/Rudolf Kuda, Arbeiterräte in der Novemberrevolution. Ideen, Wirkungen, Dokumente. Frankfurt 1968
Albert Schwarz, die Zeit von 1918 bis 1933. Erster Teil: Der Sturz der Monarchie. Revolution und Rätezeit. Die Einrichtung des Freistaates (1918 -1920). In: Max Spindler Hg., Handbuch der bayerischen Geschichte IV/1, München 1974, S. 387-453
Walter Tormin, Zwischen Rätediktatur und sozialer Demokratie. Die Geschichte der Rätebewegung in der deutschen Revolution 1918/19. Düsseldorf 1954
Ursachen und Folgen. Vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis. zur staatlichen Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart. Hg. von Herbert Michaelis und Ernst Schraepler. Bd. 2 - 4. Berlin a. f.
Zweiter Kongress der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte Deutschlands.
Vom 8. bis 14. April 1919 im Herrenhaus zu Berlin. Stenographisches Protokoll.
Berlin o. j. (Unveränderter Neudruck, Glashütten im Taunus 1975)
Kurt Eisner proklamiert die bayerische Republik in der Nacht zum 8. November 1918
An die Bevölkerung Münchens!
Das furchtbare Schicksal, das über das deutsche Folk hereingebrochen, hat
zu einer elementaren Bewegung der Münchener Arbeiter und Soldaten geführt.
Ein provisorischer Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat hat sich in der Nacht
zum B. November im Landtag konstituiert.
Bayern ist fortan ein Freistaat.
Eine Volksregierung, die von dem Vertrauen der Massen getragen wird, soll unverzüglich
eingesetzt werden.
Eine konstituierende Nationalversammlung, zu der alle mündigen Männer
und Frauen das Wahlrecht haben, wird so schnell wie möglich einberufen
werden.
Eine neue Zeit hebt an!
Bayern will Deutschland für den Völkerbund rüsten.
Die demokratische und soziale Republik Bayern hat die moralische Kraft, für
Deutschland einen Frieden zu erwirken, der es vor dem Schlimmsten bewahrt. Die
jetzige Umwälzung war notwendig, um im letzten Augenblick durch die Selbstregierung
des Volkes die Entwicklung der Zustände ohne allzu schwere Erschütterung
zu ermöglichen, bevor die feindlichen Heere die Grenzen überfluten
oder nach dem Waffenstillstand die demobilisierten deutschen Truppen das Chaos
herbeiführen.
Der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat wird strengste Ordnung sichern. Ausschreitungen
werden rücksichtslos unterdrückt. Die Sicherheit der Person und des
Eigentums wird verbürgt.
Die Soldaten in den Kasernen werden durch Soldatenräte sich selbst regieren
und Disziplin aufrecht erhalten. Offiziere, die sich den Forderungen der veränderten
Zeit nicht widersetzen, sollen unangetastet ihren Dienst versehen.
Wir rechnen auf die schaffende Mithilfe der gesamten Bevölkerung. Jeder
Arbeiter an der neuen Freiheit ist willkommen! Alle Beamte bleiben in ihren
Stellungen. Grundlegende soziale und politische Reformen werden unverzüglich
ins Werk gesetzt.
Die Bauern verbürgen sich für die Versorgung der Städte mit Lebensmitteln.
Der alte Gegensatz zwischen Land und Stadt wird verschwinden. Der Austausch
der Lebensmittel wird rationell organisiert werden.
Arbeiter, Bürger Münchens! Vertraut dem Großen und Gewaltigen,
das in diesen schicksalsschweren Tagen sich vorbereitet!
Helft alle mit, dass sich die unvermeidliche Umwandlung rasch, leicht und friedlich
vollzieht.
'in dieser Zeit des sinnlos wilden Mordens verabscheuen wir alles Blutvergießen.
Jedes Menschenleben soll heilig sein!
Bewahrt die Ruhe und wirkt mit an dem Aufbau der neuen Welt!
Der Bruderkrieg der Sozialisten ist für Bayern beendet. Auf der revolutionären
Grundlage, die jetzt gegeben ist, werden die Arbeitermassen zur Einheit zurückgeführt.
Es lebe die bayerische Republik! Es lebe der Frieden!
Es lebe die schaffende Arbeit aller Werktätigen!
München, Landtag, in der Nacht zum B. November 1918.
Der Rat der Arbeiter, Soldaten und Bauern. Der erste Vorsitzende: Kurt Eisner.
(aus: Münchener Post" vom B. 11. 1918, zit. nach Gerhard A. Ritter/Susanne
Miller Hg., Die deutsche Revolution 1918-1919, Hamburg 1975, S. 61 f.)
Appell Reichskanzler Friedrich Eberts an die Beamten am 9. November 1918
Die neue Regierung hat die Führung der Geschäfte übernommen,
um das deutsche Volk vor Bürgerkrieg und Hungersnot zu bewahren und seine
berechtigten Forderungen auf Selbstbestimmung durchzusetzen. Diese Aufgabe kann
sie, nur erfüllen, wenn alle Behörden und Beamten in Stadt und Land
ihr hilfreiche Hand leisten. Ich weiß, dass es vielen schwer werden wird,
mit den neuen Männern zu arbeiten, die das Reich zu leiten unternommen
haben, aber ich appelliere an ihre Liebe zu unserem Volke. Ein
Versagen der Organisation in dieser schweren Stunde würde Deutschland der
Anarchie und dem schrecklichsten Elend ausliefern. Helft also mit mir dem Vaterlande
durch furchtlose und unverdrossene Weiterarbeit ein jeder auf seinem Posten,
bis die Stunde der Ablösung gekommen ist.
(aus: Reichsanzeiger vom 12. November 1918, zit. nach Wolfgang Malanowski, Novemberrevolution
1918. Die Rolle der SPD, Frankfurt 1969, S.148.)
General Groener über sein Bündnis mit Ebert vom 10. November 1918
Die Aufgabe der Heeresleitung musste es jetzt sein, den Rest des Heeres rechtzeitig
und in Ordnung, aber vor allem innerlich gesund in die Heimat zu bringen und
dem Offzierskorps als dem Träger des Wehrgedankens einen Weg in die neuen
Verhältnisse zu ermöglichen. Die seit Jahrhunderten im preußisch-deutschen
Offizierskorps angesammelte moralisch-geistige Kraft musste in ihrem Kern für
die Wehrmacht der Zukunft erhalten werden. Der Sturz des Kaisertums entzog den
Offizieren den Boden ihres Daseins, ihren Sammel- und Ausrichtepunkt. Es musste
ihm ein Ziel gewiesen werden, das des Einsatzes wert war und ihm die innere
Sicherheit wiedergab. Es musste das Gefühl wachgerufen werden der Verpflichtung
nicht nur gegenüber einer bestimmten Staatsform, sondern für Deutschland
schlechthin. Dass Hindenburg auf seinem Posten blieb und den Oberbefehl über
das gesamte Heer übernahm, ja dass dieser ihm vom Kaiser übertragen
worden war, machte den Übergang möglich und erleichterte ihn.
Das Offizierskorps konnte aber nur mit einer Regierung zusammengehen, die den
Kampf gegen den Radikalismus und Bolschewismus aufnahm. Dazu war Ebert bereit,
aber er hielt sich nur mühsam am Steuer und war nahe daran, von den Unabhängigen
und der Liebknechtgruppe über den Haufen gerannt zu werden. Was war demnach
näherliegend, als Ebert, den ich als anständigen, zuverlässigen
Charakter und unter der Schar seiner Parteigenossen als den staatspolitisch
weitsichtigsten Kopf kennengelernt hatte, die Unterstützung des Heeres
rund des Offizierskorps anzubieten?
[... ] Am Abend [des 10. November] rief ich die Reichskanzlei an und teilte
Ebert mit, dass das Heer sich seiner Regierung zur Verfügung stelle, dass
dafür der Feldmarschall und das Offizierskorps von der Regierung Unterstützung
erwarteten bei der Aufrechterhaltung der Ordnung und Disziplin im Heer. Das
Offizierskorps verlange von der Regierung die Bekämpfung des Bolschewismus
und sei dafür zum Einsatz bereit. Ebert ging auf meinen Bündnisvorschlag
ein. Von da ab besprachen wir uns täglich abends auf einer geheimen Leitung
zwischen der Reichskanzlei und der Heeresleitung über die notwendigen Maßnahmen.
Das Bündnis hat sich bewährt.
Für den Schritt des 10. November habe ich allein die Verantwortung zu übernehmen,
Hindenburg wusste nichts von ihm, billigte ihn aber, nachdem
. ich die innerpolitische Lage in der Heimat eingehend mit ihm besprochen hatte.[.
. .]
Wir [die Offiziere der O.H.L.] hofften, durch unsere Tätigkeit einen Teil
der Macht im neuen Staat an Heer und Offizierskorps zu bringen, gelang das,
so war der Revolution zum Trotz das beste und stärkste Element des alten
Preußentums in das neue Deutschland hinübergerettet. Zunächst
galt es freilich Zugeständnisse zu machen, denn die Entwicklung im Heer
und in der Heimat war solche Wege gegangen, dass es sich vorerst nicht um rücksichtsloses
Befehlen von seiten der O.H.L. handeln konnte, sondern um Auffangen und Unschädlichmachen
der revolutionären Strömungen.
(aus: Groener, Lebenserinnerungen, S. 467 ff., zit. nach Ritter/Miller a. a.
O., S. 98 f.)
Aufruf Eberts an die deutschen Bürger vom 9. November 1918
Mitbürger!
Der bisherige Reichskanzler Prinz Max von Baden hat mir unter Zustimmung der
sämtlichen Staatssekretäre die Wahrnehmung der Geschäfte des
Reichskanzlers übertragen. Ich bin im Begriff, die neue Regierung im Einvernehmen
mit den Parteien zu bilden und werde daher über das Ergebnis der Öffentlichkeit
in Kürze berichten.
Die neue Regierung wird eine Volksregierung sein. Ihr Bestreben wird sein müssen,
dem deutschen Volke den Frieden schnellstens zu bringen und die Freiheit, die
es errungen hat, zu befestigen.
Mitbürger! Ich bitte Euch alle um Eure Unterstützung bei der schweren
Arbeit, die unser harrt, Ihr wisst, wie schwer der Krieg die Ernährung
des Volkes, die erste Voraussetzung des politischen Lebens bedroht.
Die politische Umwälzung darf die Ernährung der Bevölkerung nicht
stören.
Es muss die erste Pflicht aller in Stadt und Land bleiben, die Produktion von
Nahrungsmitteln und ihre Zufuhr in die Städte nicht zu hindern, sondern
zu fördern.
Nahrungsmittelnot bedeutet Plünderungen und Raub, mit Elend für alle!
Die Ärmsten würden am schwersten leiden, die Industriearbeiter am
bittersten getroffen werden. Wer sich an Nahrungsmitteln oder sonstigen Bedarfsgegenständen
oder an den für ihre Verteilung benötigten Verkehrsmitteln vergreift,
versündigt sich aufs schwerste an der Gesamtheit.
Mitbürger! Ich bitte Euch alle dringend: Verlasst die Straßen! Sorgt
für Ruhe und Ordnung! Berlin, den 9. November 1918
Der Reichskanzler gez. Ebert
(aus: Parteiarchiv SPD, Flugblatt, zit. nach Ritter/Miller a. a. O. S. 79 f.)
Aufruf des Rats der Volksbeauftragten an das deutsche Volk vom 12. November 1918
An das deutsche Volk!
Die aus der Revolution hervorgegangene Regierung, deren politische Leitung rein
sozialistisch ist, setzt sich die Aufgabe, das sozialistische Programm zu verwirklichen.
Sie verkündet schon jetzt mit Gesetzeskraft folgendes:
1. Der Belagerungszustand wird aufgehoben. 2. Das Vereins- und Versammlungsrecht
unterliegt keiner Beschränkung, auch nicht für Beamte und Staatsarbeiter.
3. Eine Zensur findet nicht statt. Die Theaterzensur wird aufgehoben.
4. Meinungsäußerung in Wort und Schrift ist frei. '
5. Die Freiheit der Religionsausübung wird gewährleistet. Niemand
darf zu einer religiösen Handlung gezwungen werden.
6. Für alle politischen Straftaten wird Amnestie gewährt. Die wegen
solcher Straftaten anhängigen Verfahren werden niedergeschlagen.
7. Das Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst wird aufgehoben,
mit Ausnahme der sich auf die Schlichtung von Streitigkeiten beziehenden Bestimmungen.
8. Die Gesindeordnungen werden außer Kraft gesetzt, ebenso die Ausnahmegesetze
gegen die Landarbeiter.
9. Die bei Beginn des Krieges aufgehobenen Arbeiterschutzbestimmungen werden
hiermit wieder in Kraft gesetzt.
Weitere sozialpolitische Verordnungen werden binnen kurzem veröffentlicht
werden. Spätestens am 1. Januar 1919 wird der achtstündige Maximalarbeitstag
in Kraft treten. Die Regierung wird alles tun, um für ausreichende Arbeitsgelegenheit
zu sorgen. Eine Verordnung über die Unterstützung von Erwerbslosen
ist fertiggestellt. Sie verteilt die Lasten auf Reich, Staat und Gemeinde.
Auf dem Gebiete der Krankenversicherung wird die Versicherungspflicht über
die bisherige Grenze von 2500 Mark ausgedehnt werden. Die Wohnungsnot wird durch
Bereitstellung von Wohnungen bekämpft werden.:
Auf die Sicherung einer geregeltem Volksernährung wird hingearbeitet werden.
Die Regierung wird die geordnete Produktion aufrechterhalten, das Eigentum gegen
Eingriffe Privater sowie die Freiheit und Sicherheit der Person schützen.
Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen,
geheimen; direkten allgemeinen Wahlrecht auf Grund des proportionalen Wahlsystems
für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen
zu vollziehen.
Auch für die Konstituierende Versammlung, über die nähere Bestimmung
noch erfolgen wird, gilt dieses Wahlrecht.
(aus: Ebert/ Haase I Scheidemann I Landsberg I Dittmann/ Barth, Reichs-Gesetzblatt
1918, S. 1303f., zit. nach Ritter/Miller a. a. O.; S.103 f.)
Der Rat der Volksbeauftragten und der Vollzugsrat - Vereinbarung vom 22. November 1918
Die Revolution hat ein neues Staatsrecht geschaffen. Für die erste Übergangszeit
findet der neue Rechtszustand seinen Ausdruck in nachstehender Vereinbarung
zwischen dem Vollzugsrat des Arbeiter- und Soldatenrats von Groß-Berlin
und dem Rat der Volksbeauftragten:
1. Die politische Gewalt liegt in den Händen der Arbeiter- und Soldatenräte
der deutschen sozialistischen Republik. Ihre Aufgabe ist es, die Errungenschaften
der Revolution zu behaupten und auszubauen, sowie die Gegenrevolution niederzuhalten.
z. Bis eine Delegiertenversammlung der Arbeiter- und Soldatenräte einen
Vollzugsrat der deutschen Republik gewählt hat, übt der Berliner Vollzugsrat
die Funktionen der Arbeiter- und Soldatenräte der deutschen Republik im
Einverständnis mit den Arbeiter- und Soldatenräten von Groß-Berlin
aus.
3. Die Bestellung des Ratender Volksbeauftragten durch den Arbeiter- und Soldatenrat
von
Groß-Berlin bedeutet die Übertragung der Exekutive der Republik..
4. Die Berufung und Abberufung der Mitglieder des entscheidenden Kabinetts der
Republik und - bis zur endgültigen Regelung der staatlichen Verhältnisse
- auch Preußens erfolgt durch den zentralen Vollzugsrat, dem auch das
Recht der Kontrolle zusteht.
5. Vor der Berufung der Fachminister durch das Kabinett ist der Vollzugsrat
zu hören.
Sobald als möglich wird eine Reichsversammlung von Delegierten der Arbeiter-
und Soldatenräte zusammentreten. Der Termin wird noch bekanntgegeben werden.
Im Anschluss an diese Vereinbarung, die das grundsätzliche Verhältnis
der Arbeiter- und Soldatenräte zur Reichsregierung festsetzt, sollen, alsbald
Richtlinien für die Arbeiter- und Soldatenräte herausgegeben werden.
(aus: Reichsanzeiger Nr. 277 vom 23.11.1918, zit. nach Ritter/Miller a. a. O:,
S. 119.)
Cohen-Reuß auf dem 1. Rätekongress in Berlin 16.-21. Dezember 1918
... Es gibt nach meiner festen Überzeugung nur ein einziges Organ, das
diesen Volkswillen feststellen kann: das ist die allgemeine deutsche Nationalversammlung,
zu der jeder Deutsche, gleichviel ob Mann oder Frau, in allen den Gebieten,
die zu Deutschland gehören, wählen kann.
Wie man auch über die A.- und S.-Räte denken mag - ich denke ziemlich
günstig über sie und werde noch darauf zurückkommen -, in jedem
Falle drücken die A-. und S.-Räte nur einen Teilwillen, niemals aber
den Willen des ganzen Volkes aus. Diesen festzustellen, darauf kommt es an ...
Ich meine also, die A.- und S.-Räte hatten ihre Berechtigung und werden
ihre Berechtigung auch weiter haben. Nur, glaube ich, müssen sie
an der Zentralstelle, die die Verfassung des deutschen Reiches schaffen wird,
der Nationalversammlung Platz machen. Aber dass sich Formen finden werden unter
dem Gesichtswinkel der Produktionsentwicklung, wo Arbeiterräte - Soldatenräte
wird es ja dann nicht geben - einen Platz einnehmen, auf dem sie ungeheuer viel
Gutes stiften können, da die Bedeutung der Arbeiterklasse im zukünftigen
Deutschland ja immer mehr wächst, immer stärker werden muss, darüber
ist für mich gar kein Zweifel ...
(aus: Max Cohen-Reuß (Mehrheitssozialdemokrat): Referat auf dem 1. Rätekongress
19. 12. 1918. In: Dieter Schneider/Rudolf Kuda, Arbeiterräte in der Novemberrevolution.
Ideen, Wirkungen, Dokumente; edition suhrkamp 296, Frankfurt 1969, S. 129-f.)
Beschluss des Rätekongresses zur Kommandogewalt (Sieben Hamburger Punkte) vom 18. Dezember 1918
1. Die Kommandogewalt über Heer und Marine und Schutztruppen üben
die Volksbeauftragten unter Kontrolle des Vollzugsrats aus.
2. Als Symbol der Zertrümmerung des Militarismus und der Abschaffung des
Kadavergehorsams wird die Entfernung aller Rangabzeichen und des außerdienstlichen
Waffentragens angeordnet.
3. Für die Zuverlässigkeit der Truppenteile und für die Aufrechterhaltung
der Disziplin sind die Soldatenräte verantwortlich. Der Kongress der Arbeiter-
und Soldatenräte ist der Überzeugung; dass die unterstellten Truppen
den selbstgewählten Soldatenräten und Vorgesetzten im Dienste den
zur Durchführung der Ziele der sozialistischen Revolution unbedingt erforderlichen
Gehorsam erweisen. Vorgesetzte außer Dienst gibt es nicht mehr.
4. Entfernung der bisherigen Achselstücke, Unteroffizierstressen usw.,
Kokarden, Achselklappen und Seitengewehre ist ausschließlich Angelegenheit
der Soldatenräte und nicht einzelner Personen. Ausschreitungen schädigen
das Ansehen der Revolution und sind zur Zeit der Heimkehr unserer Truppen unangebracht.
5. Die Soldaten wählen ihre Führer selbst. Frühere Offiziere,
die das Vertrauen der Mehrheit ihres Truppenteils genießen, dürfen
wiedergewählt werden.
6. Offiziere der militärischen Verwaltungsbehörden und Beamte im Offiziersrange
sind im Interesse der Demobilisation in ihren Stellungen zu belassen, wenn sie
erklären, nichts gegen die Revolution zu unternehmen.
7. Die Abschaffung des stehenden Heeres und die Errichtung der Volkswehr sind
zu beschleunigen.
(aus: Allgemeiner Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands.
Vom 16, bis 21. Dezember 1918 im Abgeordnetenhause zu Berlin. Stenographische
Berichte. Glashütten 1972, S.181.)
Aufruf der Reichsregierung vom B. Januar 1919 gegen den Spartakusbund
Mitbürger!
Spartakus kämpft jetzt um die ganze Macht. Die Regierung, die binnen 10
Tagen die freie Entscheidung des Volkes über sein eigenes Schicksal herbeiführen
will, soll mit Gewalt gestürzt werden. Das Volk soll nicht sprechen dürfen.
Seine Stimme soll unterdrückt werden. Die Erfolge habt Ihr gesehen. Wo
Spartakus herrscht, ist jede persönliche Freiheit und Sicherheit aufgehoben:
Die Presse ist unterdrückt, der Verkehr lahmgelegt. Teile Berlins sind
die Stätte blutiger Kämpfe. Andere sind schon ohne Wasser und Licht.
Proviantämter werden gestürmt, die Ernährung der Soldaten- und
Zivilbevölkerung wird unterbunden.
Die Regierung trifft alle notwendigen Maßnahmen, um diese Schreckensherrschaft
zu zertrümmern und ihre Wiederkehr ein für allemal zu verhindern.
Entscheidende Handlungen werden nicht mehr lange auf sich warten lassen. Es
muss aber gründliche Arbeit getan werden, und die bedarf der Vorbereitung.
Habt nur noch kurze Zeit Geduld! Seid zuversichtlich, wie wir es sind, und nehmt
Euren Platz entschlossen bei denen, die Euch Freiheit und Ordnung bringen werden.
Gewalt kann nur mit Gewalt. bekämpft werden. Die organisierte Gewalt des
Volkes wird der Unterdrückung und der Anarchie in Ende machen. Einzelerfolge
der Feinde der Freiheit, die von ihnen in lächerlicher Weise aufgebauscht
werden, sind nur von vorübergehender Bedeutung. Die Stunde der Abrechnung
naht!
(aus: Reichsanzeiger vom 9. Januar 1919, zit. nach Malanowski a. a. O., S. 167
f.)
"Auf zum Generalstreik! Auf zu den Waffen!" - Aufruf der Revolutionären Obleute, des Zentralvorstandes der USPD Groß-Berlins und der Zentrale der KPD vom 9. Januar 1919 [Auszug]
Arbeiter! Genossen! Soldaten!
Grenzenlos war die Langmut der. revolutionären Arbeiter Deutschlands; über
alle Maßen ihre Geduld mit den vom Bruderblut besudelten Ebert-Scheidemann.
Die Verbrechen dieser Verräter des Proletariats, dieser elenden Handlanger
der kapitalistischen Scharfmacher, dieser Verkörperung der Gegenrevolution
schrien längst zum Himmel. Der 6. Dezember oder 24. Dezember, die Metzeleien
unter den wehrlosen Urlaubern und Frontsoldaten, die Niederkartätschung
revolutionärer Matrosen, das waren die ersten Bluttaten der Judasse in
der Regierung. Sie sollten die Kraft der Revolution brechen, die auflodernde
Empörung der Arbeiter- und Soldatenmassen löschen. Doch der revolutionäre
Geist triumphiert; die Scheidemann-Ebert standen gebrandmarkt und verachtet
vor der ganzen Welt. Aber die vom Urteil des Volkes gerichteten Mörder
geben das verruchte Spiel nicht auf. Sie gehörten ins Zuchthaus, aufs Schafott.
[... ]
Eichhorn sollte davongejagt, das Polizeipräsidium, diese wichtige revolutionäre
Machtstellung, schnöde geraubt werden. Da erhob sich der Zorn der Berliner
Arbeitermassen von neuem in wuchtigen Kundgebungen. Einen ehernen Wall zogen
sie um das Polizeipräsidium: Denn sie wussten, im Berliner Polizeipräsidium
sollte die Revolution selbst tödlich getroffen werden. Sie suchten sich
vor der Infamie ihrer Todfeinde zu schützen, indem sie ihnen die Hauptinstrumente
der Lüge
und Verhetzung aus den blutbefleckten Händen nahmen. Die Scheidemann-Ebert
zauderten nicht. Ihr Cäsarenwahnsinn lechzte nach neuem Blut. Zahlreiche
heilige. Menschenleben fielen ihrem rasenden Hass gegen das revolutionäre
Proletariat am Montag [6. Januar] zum Opfer. Endlich musste das Gericht sie
ereilen. [. . .] Arbeiter! Genossen! Jetzt ist der letzte Nebel hinweggeblasen!
Klar ist die Situation! Es geht aufs Ganze, es geht ums Ganze! [... ]
An jeden Proletarier, an jeden revolutionären Soldaten ergeht der Donnerruf
des unerbittlichen Geschicks: Auf zum letzten, zum entscheidenden Kampf!
Heraus aus den Fabriken, ihr Arbeiter und Arbeiterinnen! Der Generalstreik aller
Betriebe muss eure erste Antwort sein! [. . .]
Zeigt den Schurken eure Macht! Bewaffnet euch! Gebraucht die Waffen gegen eure
Todfeinde, die Ebert-Scheidemann! Auf zum Kampf!
Auf zum Kampfe, auf zum vernichtenden Schlage, der zerschmettern muss die blutbesudelten
Ebert-Scheidemann! [... ]
Arbeiter! Genossen!
Heraus aus den Betrieben! Auf zum Generalstreik!
Heraus auf die Straße zum letzten Kampf, zum Sieg!
(aus: Ritter/Miller a. a. O., S. 190.)
Ernst Toller: Die kommunistische Räterepublik in München (13. April 1919)
Die "Scheinräterepublik", wie die Kommunisten sie nannten, ist
zugrundegegangen, die "wahre" Räterepublik beginnt ihr Werk.
.
Kaum eine Woche ist vergangen, seit die Kommunistische Partei erklärt hat,
diese Räterepublik könne nicht lebensfähig sein, die inneren
und äußeren Bedingungen fehlten, die Arbeiterschaft sei nicht reif,
die Lage im übrigen Deutschland denkbar ungünstig, die Übernahme
der Regierung nur ein Dienst für die Reaktion. Der Sieg der Arbeiter wirft
alle Bedenken der Kommunisten über den Haufen, der bewaffnete Kampf habe
die Einheit des Proletariats geschaffen, im Gegensatz zur Scheinräterepublik
sei diese Räterepublik das Werk der Massen, die Kommunistische Partei als
revolutionäre Kampfpartei gehöre in diesem Augenblick an die Spitze
der Kämpfe. Kommissionen werden gewählt, sie sollen die rote Armee
neu organisieren, die Gegenrevolution bekämpfen, das Finanz- und Wirtschaftswesen
aufbauen, die Lebensmittelversorgung regeln. Die Polizei wird aufgelöst,
die rote Garde übernimmt den Sicherheitsdienst der Stadt. Der Oberbefehl
über die rote Garde wird dem Kommunisten Eglhofer übertragen. Eglhofer
war einer der Führer der Kieler Matrosenrevolte im Herbst 1918, man ließ
die Matrosen antreten, jeder zehnte, auch Eglhofer, wurde zum Tode verurteilt,
später wurde er zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt, die Novemberrevolution
hatte ihn befreit. Organisatorische Fähigkeiten fehlten ihm, so war er
auf einen Stab von Mitarbeitern angewiesen, die er wahllos heranzog.
Die erste populäre Handlung der Regierung ist die Beschlagnahme der gehamsterten
Lebensmittel, es bleibt bei der Beschlagnahme. Die
bürgerlichen Zeitungen dürfen nicht mehr erscheinen, zum Regierungsorgan
wird das Mitteilungsblatt des Vollzugsrats der Betriebs- und Soldatenräte
bestimmt. Die Betriebe arbeiten nicht; der Generalstreik mit unbestimmter Dauer
ist verkündet.
(aus: Die Münchner Räterepublik. Zeugnisse und Kommentare. Hrsg. Tankred
Dorst; edition suhrkamp 178, S. 96f.)