Weltprobleme

Peter J. Opitz

Inhaltsverzeichnis

Johannes Müller

Der Mythos vom Kampf der Kulturen -
Globalisierung als Chance für eine Begegnung der Kulturen

Historische Streiflichter

Kulturen als dynamische Prozesse

Globalisierung nach westlichen Leitbildern

Kulturelle Pluralisierung und Partikularisierung

Interkulturelle Konflikte versus interkultureller Dialog

Literatur

 

 

Der Mythos vom Kampf der Kulturen - Globalisierung als Chance für eine Begegnung der Kulturen


Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und der damit verbundenen Bipolarität des internationalen Systems keimte die Hoffnung auf eine friedlichere Welt. Was bewaffnete zwischenstaatliche Konflikte angeht, hat sich diese Erwartung durchaus erfüllt, denn ihre Zahl ist in den letzten Jahren zurückgegangen. Im Gegensatz dazu haben jedoch die (zumindest primär) internen gewaltsamen Auseinandersetzungen verbunden mit schweren Menschenrechtsverletzungen deutlich zugenommen. In einigen Regionen, vor allem in Afrika, in Südasien, auf dem Balkan sowie in Teilen der ehemaligen Sowjetunion haben sie sogar ein bedrohliches Ausmaß erreicht. Ein besonders beunruhigendes Merkmal dieser Entwicklung ist es, dass es sich dabei meist um ethnisch-religiöse oder nationalistische Konflikte handelt, die häufig durch fundamentalistische Bewegungen geschürt werden. Dies hat in einigen Fällen sogar zum Auseinanderbrechen von Nationalstaaten und zu neuen Staatsgebilden geführt.
Die Ereignisse der vergangenen Jahre scheinen diesen Sachverhalt mehr als zu bestätigen. In Bosnien schwelt der Konflikt zwischen orthodoxen Serben, katholischen Kroaten und muslimischen Bosniaken. Im Kosovo haben erst Serben die albanischen Kosovaren brutal unterdrückt, und dann rächten sich letztere, indem sie die serbische Minderheit vertrieben oder umbrachten. In Ruanda hat der grausame Bürgerkrieg zwischen Hutus und Tutsis mehr als eine Million Opfer gefordert, ein Konflikt, der immer noch nicht beendet ist und auch auf die Nachbarländer übergegriffen hat. Aus Indonesien, lange für ein vorbildliches Miteinander der Kulturen, Ethnien und Religionen gerühmt, kam es zu brutalen Angriffen auf die chinesische Minderheit, grausamen Auseinandersetzungen in Westborneo zwischen christlichen Dayaks und muslimischen Zuwanderern aus Madura und zu blutigen Gemetzel zwischen Christen und Muslimen fast überall im Land, ganz besonders aber auf der Insel Ambon. Diese Beispiele ließen sich noch lange fortsetzen. Sie scheinen reiches Beweismaterial für die sehr populäre These vom Kampf der Kulturen, der im 21. Jahrhundert die Weltpolitik bestimmen werde, zu liefern.
Ist diese These aber tatsächlich richtig und tragfähig? Oder ist der kulturelle Faktor nur ein heute zwar viel genanntes, letztlich aber beliebiges Paradigma, mit dem sich alles und darum eben nichts erklären lässt? Und wenn dem so ist, wie lassen sich dann die genannten, auf den ersten Blick recht verwirrenden Tatbestände erklären? Komplexe Phänomene und Entwicklungen wie die angeführten Konflikte haben stets mannigfaltige und vielschichtige Ursachen. Schon aus diesem einfachen Grund ist jede eindimensionale Argumentation unzulänglich, was die Unergiebigkeit vieler kultureller Deutungen erklärt. Häufig sind auch politische Interessen und Medienwirksamkeit mitverantwortlich für allzu pauschale Vereinfachungen.
Mit diesen Hinweisen ist freilich die Grundfrage nach der Bedeutung kultureller Faktoren noch nicht beantwortet. Will man sich nicht mit bestenfalls oberflächlichen Erkenntnissen zufrieden geben, so muss man sich der Mühe genauer und differenzierter Einzelanalysen unterziehen, die ihrerseits wiederum ein Grundverständnis von Kultur voraussetzen.


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Historische Streiflichter


Das Erbe abendländischer Selbstgewissheit


Kulturelle Konflikte, aber ebenso die Begegnung und der Austausch zwischen Kulturen durchziehen die gesamte Geschichte der Menschheit. Dabei konnten sich ganz unterschiedliche Kulturkreise für beschränkte Zeiten eine gewisse Überlegenheit sichern. Erst mit dem Kolonialismus begann ein sehr einseitiger Prozess der Ausbreitung der Macht Europas, aber auch abendländischer sozio-kultureller Muster und Institutionen. In diesem Prozess kam es zu höchst unterschiedlichen Formen der Begegnung, die nicht ohne Rückwirkungen auf Europa blieben. Der Historiker Urs Bitterli unterscheidet für die Zeit bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts: oberflächliche Kulturberührungen, massiv in das Leben der Menschen eingreifende Kulturkontakte (Sklavenhandel, Mission), Kulturzusammenstösse (Vernichtung, Vertreibung, Versklavung) und Prozesse der Akkulturation bzw. Kulturverflechtungen. Mindestens bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts und weithin sogar bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs gab es aber in der westlichen Welt kaum einen Zweifel daran, dass die abendländische Zivilisation die kulturhistorische Mission zu erfüllen habe, den Rest der Welt aus seiner Rückständigkeit herauszuführen und ihn zur Teilnahmefähigkeit an der westlichen Moderne zu erziehen und zu befähigen. Auch die Entwicklungshilfe wurde lange mit ähnlichen Gründen gerechtfertigt.
All dies fand auch in der wissenschaftlichen Diskussion seinen Niederschlag. So galten etwa die asiatischen Kulturen (wie auch andere Kulturkreise) lange Zeit als ein Hindernis für die ökonomische Entwicklung, ganz in der Tradition von Max Weber, der in seinen Studien zur Religionssoziologie Anfang dieses Jahrhunderts diesen Kulturen wenig Modernisierungspotenzial zusprach, da die Tradition der in dieser Region vorherrschenden Religionen kein dem "Geist des Kapitalismus" vergleichbares Wirtschaftsethos kenne. Die Modernisierungstheorien, die bis in die siebziger Jahre vorherrschten und heute wieder an Gewicht gewinnen, folgten im wesentlichen der gleichen Argumentationslinie.


Erschütterungen des Modernisierungsparadigmas


Mit umso größerer Überraschung musste man im Westen feststellen, dass die Entwicklungen in der Dritten Welt zum Teil ganz anders verliefen. Zum einen wandten sich die Menschen in vielen dieser Länder von neuem Traditionen zu, die als längst überwunden galten. Den größten Schock löste in dieser Hinsicht die Revolution im Iran aus, wo eine moderne Entwicklungsdiktatur von schiitischen Mullahs hinweggefegt und durch ein islamisches Regime abgelöst wurde, das einen (nach Meinung vieler westlicher Beobachter) "mittelalterlichen Gottesstaat" errichtete. Zum anderen erwiesen sich manche dieser Kulturen als außerordentlich lern- und modernisierungsfähig, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht, wie der unerwartete wirtschaftliche Aufschwung zunächst der "asiatischen Tiger" (konfuzianischer Kulturkreis) und etwas später auch buddhistisch und islamisch geprägter Länder (Thailand, Malaysia, Indonesien) zeigte.
Plötzlich galt vor allem die konfuzianische Kultur nicht mehr als Hindernis, sondern sogar als Motor dieser Entwicklung. Die verheerende Wirtschaftskrise seit Mitte 1997 hat jedoch zu einer erneuten Kehrtwende geführt und kulturellen Erklärungen von Unterentwicklung wieder Aufwind gegeben. Misswirtschaft, Korruption, Nepotismus und andere Missstände, die zu dieser Krise beigetragen haben, gelten nun wieder als Merkmale dieser Kulturen. Die ganze Debatte um den Einfluss "asiatischer Werte" auf die wirtschaftlichen Prozesse in Ost- und Südostasien hat darum im Endeffekt vor allem gezeigt, dass Kulturanalysen und damit verbundene Kulturtheorien häufig höchst konjunkturabhängig sind. Dies gilt zumal dann, wenn sie dazu dienen sollen, Entwicklungen zu erklären, auf die man sich ansonsten keinen rechten Reim zu machen im Stande ist.
Ähnliches gilt für die Thesen von zwei Büchern, die in den letzten Jahren viel öffentliche Aufmerksamkeit erregt haben. Zunächst hat Francis Fukuyama nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Machtbereichs das "Ende der Geschichte" angekündigt, da es zu Marktwirtschaft und liberaler Demokratie keine sinnvolle Alternative mehr gäbe, eine These, von der er inzwischen selbst abgerückt ist. Dann hat Samuel Huntington in gewisser Hinsicht die Gegenposition eingenommen und für das 21. Jahrhundert den bereits angesprochenen "Kampf der Kulturen" (clash of civilizations) vorhergesagt, der die Konflikte zwischen Nationalstaaten im 19. und zwischen Ideologien im 20. Jahrhundert ablösen werde. Nach seiner Überzeugung, an der er bisher trotz vielfältiger Kritik im Wesentlichen festhält, sind es Verwerfungen zwischen den Kulturkreisen, die den Frontverlauf der Zukunft bestimmen und die Weltpolitik beherrschen werden. Diese These ist vor allem im deutschen Sprachraum auf ungewöhnlich breite Resonanz gestoßen, was sich nicht zuletzt daran zeigt, dass die deutsche Übersetzung seines Buches eine weit höhere Auflage erzielen konnte als das englischsprachige Original.



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Kulturen als dynamische Prozesse


Kollektive menschliche Orientierungsrahmen


Man kann Kultur mit dem Kulturanthropologen Clifford Geertz definieren als ein symbolisches Handeln in sozial festgelegten Bedeutungsstrukturen. Symbole sind dabei komplexe Systeme von Zeichen, die eine Bedeutung haben, wie etwa die Sprache, religiöse Rituale, Verhaltensregeln oder das Rechtswesen. Mit ihrer Hilfe können sich Menschen ausdrücken, das Verhalten ihrer Mitmenschen interpretieren und sie verstehen. Auf diese Weise können sie auch Probleme ihres Zusammenlebens lösen. Die vom Menschen selbst geschaffene Kultur ist sein sekundärer Lebensraum, der in gewisser Weise einen Ersatz für die Begrenztheit menschlicher Instinkte darstellt. Jede Kultur dient darum der langfristigen kollektiven Anpassung an die Umwelt.
Kultur ist also nicht eine unsichtbare und geheimnisvolle Realität in den Köpfen der Menschen, es gibt auch keine kulturelle (deutsche oder sonstige) Seele, in die man sich mühsam einfühlen muss, sondern Kultur ist immer ein öffentliches Ereignis. Sie umfasst sowohl immaterielle Elemente, wie religiöse Überzeugungen, Werte oder Einstellungen, als auch technisch-materielle Elemente, wie Kunst, Handwerk oder Werkzeuge. Sie ist sichtbar und beobachtbar in den Verhaltensweisen der Menschen, in den sozialen Strukturen und in einer kaum überschaubaren Vielzahl von Institutionen, die das menschliche Zusammenleben regeln und zugleich entlasten.

Im Unterschied zu diesem Kulturbegriff gründen Positionen und Urteile, wie sie etwa Huntington vertritt, letztlich auf einem deterministischen Verständnis von Kultur, was man auch als "Kulturalismus" bzw. "Kulturessenzialismus" bezeichnet. Man stellt die Kulturen als eindeutige und im Prinzip unveränderliche Variablen dar, die mit innerer Notwendigkeit bestimmte, als positiv oder negativ eingeschätzte Einflüsse ausüben. Kulturen sind aber höchst vielschichtige Realitäten, die in einem langen geschichtlichen Prozess entstanden und stetigem Wandel unterworfen sind. Sie sind nicht mehr (aber auch nicht weniger) als gemeinsame Orientierungsrahmen, die dem Leben der Menschen Sinn verleihen und ihrem Handeln die Richtung weisen.
Mit Geertz ist auch darauf zu verweisen, dass Kultur und Sozialstruktur immer eng miteinander verbunden, dennoch aber nicht einfach identisch sind, was man mit dem Begriff "Sozio-Kultur" ausdrücken kann. Die kulturellen und sozialen Aspekte einer Gesellschaft stehen in einem Prozess ständiger Wechselwirkungen, so dass es immer wieder zu Konflikten und Ungleichzeitigkeiten zwischen ihnen kommt, die ihrerseits gesellschaftliche Veränderungen auslösen können. Mit anderen Worten, jede Kultur lebt von ihren internen Konflikten im Ringen um eine möglichst gute gesellschaftliche Ordnung. In diesem Sinn sind Kulturen offene Systeme, die viel Handlungsspielraum bieten und ganz unterschiedliche und sogar gegenläufige Entwicklungen hervorbringen können, wie sich gerade in Asien gezeigt hat. Umgekehrt haben gesellschaftliche Prozesse nie nur sozio-kulturelle, sondern immer auch ökonomische und politische Ursachen.


Ambivalenz jeder Kultur


Alle Kulturen haben gemeinsame anthropologische Grundkonstanten. Sie enthalten (nie endgültige) Orientierungen für den Umgang mit sich selbst, mit der Natur, mit der Gemeinschaft und mit dem Göttlichen. Die Zuordnung und Gewichtung dieser vier Bezugspunkte ist allerdings von Kultur zu Kultur recht verschieden, was die Vielfalt von Kulturen und ihre jeweilige Identität ausmacht. Die spezifischen Stärken und Schwächen einer Kultur, wie immer man sie im Einzelnen einschätzen mag, sind meist sogar eng verflochten. So fördert etwa die Betonung der Gemeinschaft in Asien stabile soziale Strukturen, Rücksichtnahme und Solidarität, sie ist aber auch ein Nährboden für Autoritarismus, Nepotismus und Korruption. Umgekehrt begünstigt der Vorrang des Individuums im westlichen Kulturkreis demokratische Strukturen, Initiativfreudigkeit und persönliche Leistungsbereitschaft, sie bietet aber auch viel Raum für Eigeninteressen zu Lasten der Gemeinschaft, Egoismus und Rücksichtslosigkeit.
Diese Feststellung einer Ambivalenz jeder Kultur lässt sich auch normativ-ethisch begründen. Wenn man das Ziel aller Entwicklung etwa darin sieht, menschliches Leid so weit als möglich zu verringern, worin sich die meisten Menschen eins sein dürften, so bestätigt dieser Maßstab obige These. Jede Kultur enthält nämlich sowohl Elemente, die für ein humanes Zusammenleben unerlässlich sind und somit Leid vermeiden, wie auch Elemente, die menschliches Leid verursachen oder seiner Verminderung im Weg stehen. Jede Kultur ist darum einerseits unersetzlich und schützenswert, andererseits darf dies nicht zu einer naiven Kulturromantik verleiten, die nur allzuleicht in einen rigiden und unmenschlichen Traditionalismus umschlägt.
Dieser Sachverhalt hat weit reichende Konsequenzen. Wenn diese These richtig ist, dann kann keine Kultur allein gültiger Maßstab sein. Vielmehr ist jede Kultur korrekturbedürftig und kann bereichert werden, die westliche Zivilisation nicht weniger als die Kulturen der Entwicklungsländer. Folglich gibt es auch keine einfach übertragbaren Leitbilder und Modelle der Entwicklung. Diese Ausgangslage ist für den Nord-Süd-Dialog wichtig, weil sie jede kulturelle Überheblichkeit und Bevormundung verbietet, was keineswegs ein Privileg des Westens ist. In großen Ländern und ausgedehnten Kulturräumen, in denen man oft eine Vielfalt von Kulturen antrifft, ist dies auch für ein friedliches Zusammenleben sehr bedeutungsvoll. So weist etwa Indonesien Hunderte von Ethnien, Kulturen und Sprachen und eine Vielzahl von Religionen auf. Dies ist ein großer Reichtum, birgt aber auch nicht geringe Gefahren in sich, wie immer wieder ausbrechende ethnische Konflikte, Separationsbewegungen oder die Vormachtstellung einer dieser Kulturen (Java) zeigen. Verhängnisvoll ist es meist auch, wenn unter dem Deckmantel einer fiktiven "Nationalkultur", der Politologe Benedict Anderson spricht von der "Erfindung der Nation", Minderheiten unterdrückt werden.


Religionen als kulturelle Systeme


In vielen Ländern vor allem der Dritten Welt sind Kultur und Religion eng miteinander verwoben, wobei die Religionen fast überall einen kaum überschätzbaren Einfluss ausüben, der zu Konflikten führen bzw. sie verstärken kann. Aus diesem Grund ist es nützlich, auch die Religionen mit Geertz als kulturelle Systeme zu betrachten. Ihr unterscheidendes Merkmal ist es, dass sie auf der Anerkennung einer Autorität (Glaube) beruhen und dass sie durch Rituale als zentrale Symbole eine Beziehung zum Göttlichen als dem Unverfügbaren herzustellen versuchen. Wenn dies richtig ist, dann treffen die obigen Aussagen zur Kultur auch auf die Religionen zu. Auch sie sind also sehr heterogene, in stetigem Wandel stehende Gebilde und ambivalente gesellschaftliche Phänomene. Die Vielfalt von Religionen sowie die internen Konflikte und Aufspaltungen in allen großen Religionsgemeinschaften bestätigen diese Feststellung. Eine besondere Qualität erhält die Vielfalt von Religionen jedoch durch ihren Wahrheitsanspruch, der sich auf eine absolute, von Menschen nicht hinterfragbare Autorität beruft. Dies macht interreligiöse Konflikte besonders problematisch und gefährlich. Das Wissen um ihre - zumindest in gesellschaftlicher Hinsicht - ambivalenten Einflüsse kann hier ein sehr nützliches Gegengewicht setzen.
Nach Geertz besteht überdies ein qualitativer Unterschied zwischen reiner und angewandter Religion, insofern die Religion zwar moralisch-praktische Konsequenzen für die Alltagswelt und die soziale Ordnung hat, aber auch religiöse Menschen ihre Perspektiven häufig wechseln, indem sie außerhalb des religiösen Bereichs nach anderen Maßstäben handeln, z.B. entsprechend ihrem gesunden Menschenverstand. Dies ist für das alltägliche Zusammenleben und die praktische Zusammenarbeit von Menschen unterschiedlicher Glaubensüberzeugungen sehr bedeutungsvoll, weil es einen gemeinsamen, in der Erfahrung wurzelnden Ansatzpunkt für den Dialog und damit für Toleranz bietet.


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Globalisierung nach westlichen Leitbildern


Ausbreitung des westlichen Zivilisationsmodells


Die Ausbreitung westlicher Werte und Modelle durch den Kolonialismus hatte durchaus auch positive Resultate, etwa verbesserte Gesundheitsverhältnisse oder eine Erziehung, die letztlich, wenn auch ungewollt, die Unabhängigkeitsbewegungen hervorbrachte. Längerfristig noch weit folgenreicher war, dass auf diesem Weg auch der Prozess der Moderne übernommen wurde, der eine Eigendynamik ausgelöst hat, die auch heute ungebrochen ist. Dieser Prozess hat unvermeidlich schwere interne Kulturkonflikte ausgelöst, eine Herausforderung, der sich die Entwicklungsländer auch heute stellen müssen, wenn sie ihre Probleme (Rechtsstaatlichkeit, Wirtschaftsordnung usw.) lösen wollen. Dieter Senghaas spricht darum von einer "Zivilisierung wider Willen".
Schon diese stichwortartigen historischen Anmerkungen zur Ausbreitung des westlichen Zivilisationsmodells zeigen, dass solch einseitige Prozesse kultureller Transfers immer höchst ambivalent sind, und zwar aus einem doppelten Grund: Zum einen ist der damit verbundene Kulturkontakt meist asymmetrisch, was für die "unterlegene" Kultur im Extremfall ihr Ende bedeuten kann, zum anderen wird mit einer solchen Ausbreitung unvermeidlich immer auch die Ambivalenz der jeweiligen Kultur übertragen. Dies gilt auch für andere Beispiele kultureller oder religiöser Expansion in der Geschichte, etwa die Ausbreitung des Islams nach Asien und Afrika oder die Einflüsse des chinesischen Kulturkreises.


Globalisierung als ein kulturell ambivalenter Prozess


Der gegenwärtige Prozess der Globalisierung, der sich anscheinend unaufhaltsam ausbreitet und immer mehr Lebensbereiche durchdringt, verstärkt diesen Trend, ohne jedoch etwas ganz Neues zu schaffen. Obwohl der Begriff der Globalisierung die Vorstellung einer partnerschaftlichen "Einen Welt" suggeriert, handelt es sich dabei doch nach wie vor um einen sehr einseitigen Vorgang. Es ist nämlich primär das Zivilisationsmodell der westlichen Moderne, das globalisiert wird. Dies gilt ganz besonders für die sozio-kulturelle Dimension der Globalisierung, die häufig viel zu wenig wahrgenommen und in ihrem Einfluss völlig unterschätzt wird. Moderne Kommunikationsmittel und Medien, aber auch Exporte als verdinglichte Ideen und der expandierende Tourismus verbreiten westliche Wertvorstellungen, Leitbilder und Lebensformen täglich in alle Welt und wecken überall die Erwartung einer nachholenden Entwicklung. Vor allem die Werbung übt in dieser Hinsicht auf sehr subtile und darum kaum wahrgenommene Weise großen Einfluss aus.
Dieser Trend zur Globalisierung, vor allem im kommerziellen Bereich, wird zweifellos von den Industrieländern und besonders den transnationalen Unternehmen bewusst gefördert. Man darf darüber allerdings nicht übersehen, dass das westliche Zivilisationsmodell schon als solches große Anziehungskraft ausübt. Diese Entwicklung ist vor allem deshalb sehr ambivalent, weil sie Leitbilder wie Menschenrechte, Demokratie und Marktwirtschaft ebenso betrifft wie Produktionsweisen, Konsummuster und Freizeitverhalten. Auf jeden Fall aber hat sie dazu geführt, dass heute in weiten Teilen der Welt die gleichen Filmserien, Musik-Hits und Werbespots zu sehen und die gleichen Markenartikel und Computerprogramme zu kaufen sind, was manchmal mit dem Stichwort "McWorld" umschrieben wird. Zumindest insofern sind die Weltregionen in den letzten Jahrzehnten kulturell zusammengewachsen.
Viele Länder der Dritten Welt empfinden dieses Übergewicht der westlichen Zivilisation zumindest als eine Bedrohung oder sogar als eine neue Form von Kulturimperialismus. Sie wollen zwar am westlichen Wohlstand und an der westlichen Technologie teilhaben, sind aber nicht bereit, den möglicherweise unvermeidbaren Preis dafür zu bezahlen, nämlich die Mitübernahme jener Aspekte, die sie für Fehlentwicklungen halten. Sie wehren sich (zumindest in Worten) gegen die Schattenseiten dieser Entwicklung wie etwa Rücksichtslosigkeit, Konsum zu Lasten der Umwelt oder eine oft sehr eng verstandene Zweckrationalität. Aus dem gleichen Grund haben sie große Vorbehalte gegen die Verbreitung dieses Modells durch die modernen, kaum kontrollierbaren Medien. Diese Einschätzung ist nicht völlig unbegründet, sie dient häufig aber auch als Vorwand, um Menschenrechte, Demokratie und Pluralismus unter Verweis auf eigene kulturell-religiöse Traditionen abzulehnen.


Westliche Überheblichkeit


Ein latenter Ethnozentrismus in den Industrieländern verstellt häufig den Blick für diese Zusammenhänge, vor allem dafür, dass unter normativer Rücksicht alle Kulturen und darum auch die westliche Kultur ambivalent sind, auch wenn sie heute unter dem beschönigenden Prädikat "Weltkultur" verkauft wird. Diese Einstellung hat der Soziologe Wolf Lepenies unter der Überschrift "Das Ende der Überheblichkeit" einer scharfen Kritik unterzogen.
Die westliche Welt reagiert nach seiner Meinung auf die kulturelle Vielfalt, die sich in so unterschiedlichen Phänomenen wie einem islamischen Fundamentalismus oder der Debatte um "asiatische Werte" äußert, ziemlich verunsichert und hilflos, letztlich aber nach überkommenen Denkmustern. Er stellt fest, dass "die Überheblichkeit der Moderne eine tiefsitzende, von allen Denkschulen geteilte europäische Ideologie ist", die auf der meist kaum reflektierten Annahme beruhe, dass der Vorsprung der westlichen Zivilisation nie ganz aufholbar sei. Das (vor allem in Asien aufgrund wirtschaftlicher Erfolge) gewachsene kulturelle Selbstbewusstsein habe darum "weitgehend emotionale Reaktionen auf Verlusterfahrungen der westlichen Moderne" ausgelöst. Symptomatisch dafür seien die inhaltlich unergiebigen, im Kern falschen, im Westen aber populären Zukunftsszenarien in den anfangs genannten Bestsellern. Das "Ende der Geschichte" von Fukuyama ist nach Lepenies "offensiv und quietistisch", der "Kampf der Kulturen" von Huntington dagegen "defensiv und nervös", beide aber seien von fundamentalistischem Zuschnitt. Lepenies warnt aber auch vor einer letztlich ebenso überheblichen "Rhetorik der Anerkennung", die "das Fremde … als prinzipiell Fremdes definiert" und damit nicht weniger ausgrenzt. Im Grund "… sind die europäischen Gesellschaften Belehrungskulturen geblieben. Ihre Zukunft wird nicht zuletzt von ihrer Fähigkeit und Bereitschaft abhängen, zu Lernkulturen zu werden".


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Kulturelle Pluralisierung und Partikularisierung


Ausschluss von der Globalisierung


Der Prozess der Globalisierung ist keineswegs so umfassend, wie von manchen seiner Anhänger verkündet. Für einen großen Teil der Menschheit ist die Ausbreitung des westlichen Modells ein weithin leeres Versprechen bzw. ein rein virtueller Vorgang, der nur wenig mit ihrer Alltagsrealität zu tun hat. Im wirtschaftlichen Bereich steht freiem Handel und Kapitalverkehr eine restriktive Migrationspolitik gegenüber. Die Werbung weckt zwar weltweit den Wunsch nach westlichem Wohlstand, die reale Verteilung der Güter dagegen privilegiert eine reiche Minderheit und führt in vielen Regionen zu wachsender Verarmung. Und das Internet macht aus fast einer Milliarde Analphabeten bestenfalls drittklassige Bürger des globalen Dorfes. Mangelnde mediale Infrastruktur und hohe Nutzungsgebühren sind ein weiteres Hindernis, denn sie bieten einer Minderheit den Zugang zu einer immer größeren Fülle an Informationen, die der Mehrzahl der Menschen faktisch verschlossen bleibt. Die neuen Medien haben insofern auch eine desintegrierende Wirkung, weil sie den globalen Informationsaustausch nur bedingt und damit selektiv fördern.
Die Kluft in den realen Lebensverhältnissen zwischen Industrieländern einerseits und Entwicklungs- und den meisten Transformationsländern andererseits wird jedoch nicht nur faktisch ständig tiefer. Die damit verbundene Enttäuschung wird noch dadurch verschärft, dass sich das westliche Modell in seiner gegenwärtigen Form auch gar nicht auf die ganze Welt ausbreiten lässt, da dies zu einem ökologischen Kollaps führen würde. Je mehr sich die Menschen an den Rändern und außerhalb dieses Modells dieser Zusammenhänge bewusst werden, umso größer und explosiver wird das daraus hervorgehende Konfliktpotenzial.
Diese Zusammenhänge sind wichtig, weil sie zeigen, dass zumindest ein Teil der Debatte um den "Kampf der Kulturen" ins Leere zielt, weil er nicht wahrnimmt, dass diese Konflikte primär ein Phänomen bzw. eine Folgeerscheinung der Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern der Globalisierung ist. Mit anderen Worten, es handelt sich um Verteilungs- bzw. soziale Konflikte. Dies kann zwar durchaus auch kulturelle, religiöse oder ethnische Konflikte innerhalb der betroffenen Länder oder zwischen den Regionen der Welt auslösen, jedoch sind diese bestenfalls sekundär durch diese Faktoren bedingt. Ihre eigentliche Wurzel liegt dagegen in ganz handfesten, aber nicht eingelösten materiellen Versprechungen innerhalb einer kulturell immer mehr vernetzten Welt.


Innergesellschaftliche und internationale Pluralisierung


All dies ändert freilich nichts daran, dass es durch den Prozess sozio-kultureller Globalisierung zu einer verstärkten Begegnung von Kulturen gekommen ist, der sich heute kaum jemand völlig entziehen kann. Man begegnet Menschen aus anderen Kulturkreisen, man erlebt andere Religionen und man kennt zumindest die Werbung für Produkte aus aller Welt. Dies hat einen doppelten, in gewisser Weise widersprüchlichen Effekt. Auf der einen Seite gibt es so etwas wie einen Trend zur Vereinheitlichung und Universalisierung. Andererseits aber führt die Begegnung mit anderen Kulturen bzw. ihren Produkten zu einer qualitativ neuen und zunehmenden Pluralisierung von Weltbildern, Werten und Formen sozialen Zusammenlebens. Nicht ohne Grund spricht man von einem Markt der Weltanschauungen.
Pluralität stellt aber stets überkommene und bisher selbstverständliche Identitäten in Frage. Das individualistische und konsumorientierte Zivilisationsmodells des Westens steht häufig im Konflikt zu traditionellen Weltbildern und ihren Wertordnungen, die kulturell und religiös tief verwurzelt sind. Insofern entsteht auf diese Weise unvermeidlich ein nicht geringes Konfliktpotenzial. Der Pluralismus von Werten und Überzeugungen und ihrer konkreten sozialen Ausprägungen ist heute aber nicht nur ein Merkmal aller Gesellschaften, die der Moderne ausgesetzt sind, sondern betrifft aufgrund wachsender weltweiter Interdependenzen auch die Beziehungen zwischen den Gesellschaften. All dies zeigt, dass es auf absehbare Zeit sicher keine einheitliche Weltkultur geben wird.
Symptomatisch für diese Entwicklungen ist das Problem weltweiter Migration, von dem vor allem die Länder im Süden und Osten betroffen sind. Es lässt aber gerade in den wohlhabenden Industrieländern die Furcht vor kultureller Überfremdung und die Angst vor Gefährdung der inneren und äußeren Sicherheit durch den Import von politischem Extremismus und schwerster Kriminalität wachsen. Die politische Antwort darauf erschöpft sich häufig in reinen Abwehrmaßnahmen wie der Erschwerung von Aufenthaltsbedingungen, verschärften Grenzkontrollen oder der Einschränkung des Asylrechts.


Widerstand gegen eine westliche Globalisierung


Die Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen und religiösen Identität, die Ablehnung einer Bevormundung durch den Westen, der Widerstand gegen eine kommerziell bestimmte Welteinheitskultur und nicht zuletzt die Enttäuschung darüber, dass der durch die Werbung verheißene Segen der Globalkultur nicht eingelöst wird, aus all dem erwachsen fast überall auf der Welt auch vielfältige, mehr oder weniger gegenläufige Bewegungen zur Globalisierung. Es handelt sich dabei um ethnische, kulturelle, religiöse oder nationale Bewegungen, die sehr bewusst partikular und nicht global bzw. universal sein wollen. Auch wenn sie aus ganz unterschiedlichen Quellen entspringen, so ist ihnen allen doch ein "Zurück zu den eigenen Wurzeln" gemeinsam. Dies führt im günstigen Fall zu einer Wiederentdeckung regionaler und lokaler Kulturen und Lebensräume, oft aber auch zu einer Aufsplitterung, z.B. in Form von neuen Kleinstaaten. In nicht wenigen Fällen münden diese Tendenzen auch in fundamentalistische Strömungen oder Bewegungen, die ihrerseits dazu neigen, ihre Ziele notfalls auch mit Gewalt durchzusetzen. Aus all dem ist ein beträchtliches Konfliktpotenzial entstanden, was verstehen lässt, warum man in diesem Zusammenhang von einem "Kampf der Kulturen" spricht. Gleichwohl hat die vorausgehende Analyse gezeigt, dass dieser Begriff den beschriebenen Sachverhalt nur höchst unzureichend und missverständlich wiedergibt.
Nicht selten werden jedoch sozio-kulturelle Traditionen und Spannungen aus ganz anderen Beweggründen instrumentalisiert, etwa für den Erhalt politischer und wirtschaftlicher Macht. Kulturelle und religiöse Identitäten haben in dieser Hinsicht einen entgegenkommenden Charakter, denn sie lassen sich für soziale und viele andere Konflikte einsetzen, da sie starke Emotionen auslösen können, ohne die eigentliche Wurzel dieser Konflikte sein zu müssen. All dies ist eine (wenn auch nicht die einzige) Erklärung dafür, dass die am Beginn dieses Beitrags angesprochenen innerstaatlichen Auseinandersetzungen in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben.
Eine Instrumentalisierung von Kultur aus politischen Interessen lässt sich auch den Szenarien wie dem von Huntington vorwerfen, die nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes entworfen worden sind und in deren Zentrum die Rivalität der Kulturen steht. Sie stehen zumindest im Verdacht, alte Feindbilder durch neue ersetzen zu wollen, um militärische Ausgaben, westliche Bündnistreue oder die Notwendigkeit einer Vormachtstellung der USA bzw. des Westens zu rechtfertigen. Nicht nur aufgrund ihrer inhaltlichen Verkürzung, sondern auch wegen dieser Argumente sind solche Szenarien äußerst umstritten.


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Interkulturelle Konflikte versus interkultureller Dialog


Konfliktpotenzial zwischen Kulturen


Die ethnische, kulturelle und religiöse Differenzierung ist eine nicht bestreitbare Besonderheit menschlicher Gemeinschaften, die man weder tabuisieren noch idealisieren sollte. Ebenso wenig hilft es weiter, die Augen vor dem Konfliktpotenzial zu schließen, das mit dieser Pluralität gegeben ist. Die bisherigen Ausführungen haben allerdings gezeigt, dass schon innerhalb jeder Kultur vielfältige Bruchlinien bestehen und dass die Konfliktlinien nicht, wie von Huntington angenommen, entlang Kontinenten, Kulturkreisen oder Staaten verlaufen, sondern dass es sich dabei um sehr komplexe Entwicklungen mit ganz unterschiedlichen Reaktionen handelt. Ein guter Teil des Problems ist darum ein Wahrnehmungs- und Interpretationsproblem sowohl der Beteiligten wie der Beobachter.
Will man pauschale Feindbilder vermeiden, so braucht es eine sachliche Analyse dieses vielschichtigen und sich überlagernden Problems. Eine umfangreiche, vergleichende Studie zu den normativen Bruchlinien innerhalb und zwischen Gesellschaften unter der Federführung des Soziologen Peter L. Berger bestätigt diese Feststellung. Sie enthält elf Länderstudien aus allen Kontinenten, welche diese Zusammenhänge im einzelnen untersuchen und zeigen, wie unterschiedlich die Konfliktlinien verlaufen, auch innerhalb von Religionen in einem Land. Sie hat außerdem das für manche überraschende Ergebnis gebracht, dass es weithin die selben Institutionen sind, die sowohl polarisierend wie vermittelnd wirken, was ganz besonders für die Zivilgesellschaft und ihre Akteure gilt.

Interkultureller Dialog


Die einseitige Hervorhebung der kulturellen Differenzen missachtet überdies die Tatsache, dass es zahlreiche Beispiele für ein friedliches Neben- und Miteinander verschiedener Kulturen auf der Basis wechselseitiger Akzeptanz der Differenzen gibt. Die Begegnung und der Austausch verschiedener Kulturen birgt nämlich nicht nur Risiken in sich, sondern bietet auch die Chance, sich gegenseitig zu bereichern und gemeinsame Lösungen für globale Probleme zu suchen. Voraussetzung dafür ist ein interkultureller Dialog. Die Erfahrung in multikulturellen Gesellschaften hat gezeigt, dass ein solcher Dialog am besten dort gelingt, wo man sich für gemeinsame Anliegen, die selbst meist nicht direkt kultureller Art sind, einsetzt. Dies kann etwa das Engagement im Umweltbereich oder der Kampf gegen ein als ungerecht empfundenes Projekt sein. Im Anschluss an solche Zusammenarbeit fallen eine positive Wahrnehmung des Anderen und der Dialog wesentlich leichter. Außerdem handelt es sich dann nicht um ein realitätsfernes und folgenloses Gespräch, sondern um einen Dialog, der wirklich etwas bewirken möchte und kann.
Dies ist umso wichtiger, als sich die großen weltweiten Herausforderungen, vor denen die Menschheit heute steht, sicher nicht ohne ein Mindestmaß an interkulturellem Austausch und Verständnis bewältigen lassen. Eine dieser Herausforderungen ist die friedliche Bewältigung sozio-kultureller und damit normativer Konflikte. Dies verlangt an erster Stelle eine nüchterne Diagnose und Analyse der jeweiligen Trennlinien und Interessen, um von hierher konstruktive Lösungsansätze zu suchen, die von gegenseitiger Toleranz geprägt sind. Das Wissen um die Ambivalenz und den Reichtum jeder Kultur kann einen solchen Austausch erleichtern. Aus ihm lässt sich auch ein kulturelles Selbstbestimmungsrecht der Völker ableiten, wozu ganz wesentlich die Rechte von Minderheiten gehören, was vermutlich ein Schlüsselproblem der Zukunft sein wird. Ein solcher Dialog sollte getragen sein von einer vorrangigen Option für die eigene Kultur, aber in interkultureller Offenheit für andere, fremde Kulturelemente. Die Integration solcher Elemente erfordert ihre Akkulturation, was zu einer neuen kulturellen Synthese führen kann. Eine Studie des Asienexperten Oskar Weggel zeigt, dass dies nicht notwendig in der Form eines westlichen "Verschmelzungsprozesses" (entweder - oder) geschehen muss, sondern auch ein "Verschichtungsprozess" (sowohl - als auch) sein kann, ein vielfältiges Neben- und Übereinander von historisch gewachsenen Schichten, wie es für asiatische Kulturen kennzeichnend ist. Bei all diesem Bemühen darf man freilich nicht die letztlich nie planbare Eigendynamik sozio-kultureller Entwicklungen vergessen.


Dialog der Religionen


Alle großen Religionen verstehen sich (zumindest heute) nicht nur als regional begrenzte und in diesem Sinn partikulare, sondern auch als universale Angebote. Sie erheben damit den Anspruch, Antworten zu besitzen bzw. Wahrheiten zu verkünden, die für alle Menschen gültig sind, zumindest aber nicht weniger gültig als die der jeweils anderen Religionen. Soll dies nicht zu schweren Konflikten führen, sondern zu einer gedeihlichen Pluralität, so erfordert dies einen umfassenden Dialog der Religionen, der die Zusammenarbeit der Menschen unterschiedlichen Glaubens als wesentliches Element einschließen muss. Dies gilt umso mehr, als Religionen emotional noch stärker verwurzelt sind, als dies für nicht-religiöse Weltbilder und Werte gilt.
Umgekehrt sind Religionen aber auch mehr oder weniger geglückte Modelle einer kulturellen Einheit in Vielfalt. Sie haben einerseits universale Botschaften, die sie aber zugleich in einer Vielfalt von Kulturen in oft sehr unterschiedlicher Form darstellen. Außerdem ist heute weithin anerkannt, dass die Religionen über ein großes Potenzial an spirituellen und ethischen Ressourcen verfügen, ohne die es schwer möglich sein dürfte, die globalen Probleme zu lösen, wozu ganz wesentlich das der kulturellen Vielfalt gehört.
Das "Projekt Weltethos", das von dem Theologen Hans Küng entwickelt worden ist, knüpft an diese Ambivalenz von Religionen an und versucht Wege zu einem gedeihlichen und konstruktiven Miteinander zu bahnen. Grundlegend ist die These, dass es kein Überleben der Menschheit ohne ein Weltethos gibt, kein Weltethos ohne Religionsfrieden und keinen Religionsfrieden ohne Religionsdialog. Davon ausgehend hat das Parlament der Weltreligionen 1993 eine Deklaration verabschiedet, die vier Selbstverpflichtungen enthält, die sich auf die folgenden Prinzipien beziehen:
- Gewaltlosigkeit und Ehrfurcht vor allem Leben,
- Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung,
- Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit,
- Gleichberechtigung und Partnerschaft von Mann und Frau.

 


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Konturen einer globalen Kulturpolitik


Ethische Herausforderung


In einer pluralen Welt bewegt sich auch jede ethische Reflexion im Spannungsfeld von Universalität und Partikularität. Das Dilemma besteht darin, dass einerseits eine partikulare Begründung konkreter, in die jeweiligen kulturellen Kontexte eingebunden und damit für die Menschen motivierender ist, andererseits aber eine geringere Reichweite besitzt als universale Normen. Ein möglicher Ausweg besteht darin, in den in den einzelnen Kulturen und Religionen ausgebildeten und lebendigen partikularen Moralsystemen eine Ethik mit universalen Zügen zu entdecken. Einen bedenkenswerten Vorschlag hierzu hat der Ethiker Michael Walzer vorgelegt, der zwischen einer "dichten Moral" der jeweiligen Kulturen und einer darin enthaltenen, allen Menschen gemeinsamen "dünnen Moral" unterscheidet, zu denen etwa die Goldene Regel zählt. Man kann in der Begründung auch umgekehrt vorgehen und versuchen, von Erfahrungen auszugehen, die allen Menschen gemeinsam sind, um von hierher zumindest eine universale Minimalethik zu entfalten.
Ein solcher Ansatz, in dem Einheit und Differenz miteinander verwoben sind, kann bei wechselseitiger Akzeptanz der Unterschiede einen Ausgangspunkt für eine interkulturelle Kommunikation über ethische Fragen darstellen, die unerlässlich ist, wenn man die Globalisierung mit so etwas wie einem Weltethos verknüpfen will. Jeder Kultur wird dabei die Möglichkeit belassen, kontextuell verwurzelte moralische Überzeugungen zu haben, vorausgesetzt sie stehen nicht im Widerspruch zu universalen Normen.


Weltordnungspolitik und Zivilgesellschaft


Kulturpolitik ist nie ein Politikfeld, das sich wie andere Politikbereiche, etwa die Wirtschaft, planen und durchsetzen lässt. Kulturelle Prozesse sind vielmehr sehr komplexe Vorgänge, die stets eine hohe Eigendynamik besitzen. Dies kann man nur mit einer gewissen Erleichterung wahrnehmen, da so zumindest in diesem Bereich auch autoritären Regimen Grenzen gesetzt sind. Aus diesem Grund spielen gerade in diesem Feld zivilgesellschaftliche Akteure eine tragende und wahrscheinlich noch wichtigere Rolle als in den meisten anderen Politikfeldern. Dies gilt schon auf nationaler, noch mehr aber auf internationaler Ebene.
Gleichwohl kann man wohl kaum eine Weltordnungspolitik konzipieren, ohne auch die kulturelle Dimension mitzuberücksichtigen. Eine solche Politik sollte vor allem Rahmenbedingungen schaffen, die ein friedliches Miteinander der Völker und Kulturen ermöglichen und Raum für kulturelle Initiativen bieten. Ganz besonders aber muss sie Bedingungen, welche ein Nährboden für Konflikte sind, zu überwinden bzw. zu verhindern versuchen. Ein Ausgleich zwischen Nord und Süd wie zwischen West und Ost in den realen Lebensverhältnissen ist dafür vermutlich die wichtigste Voraussetzung. Andernfalls besteht in der Tat die Gefahr, dass sich Unzufriedenheit, Enttäuschung oder gar Verzweiflung in Form von Aggressionen gegen andere Ethnien, Kulturen oder Religionen ein Ventil verschaffen. Mit anderen Worten, es ist zu vermeiden, dass die hehren Ideale des Dialogs in einer rein virtuellen Welt befolgt werden, ohne im materiellen Bereich des Überlebens ihren Niederschlag zu finden.
Hauptträger auch einer globalen Kulturpolitik ist und bleibt die Zivilgesellschaft mit den so verschiedenartigen Akteuren, die sich in diesem Feld bewegen. Nur auf dieser Ebene kann es letztlich gelingen, einen interkulturellen Dialog zu führen und den gegenseitigen Reichtum zu entdecken. Dies darf aber nie den Blick dafür verstellen, dass auch diese Akteure ihre Grenzen haben und Konflikte verschärfen können, die sich dann nur durch das Gewaltmonopol des Staates eindämmen lassen.



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letzte Änderung: 02.11.2003 14:45
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