WeltproblemePeter J. Opitz |
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Die Sorge um bestimmte Rohstoffe wie etwa Öl bestimmt schon seit mehreren
Jahrzehnten die Weltpolitik. Im Unterschied dazu blieb Wasser, eines der elementaren
Grundlagen allen Lebens, weitgehend unbeachtet. Der "blaue Planet"
Erde schien lange Zeit die Illusion zu nähren, Wasser sei im Überfluss
vorhanden. Der Gedanke, dass diese Ressource für die Menschheit zu einem
Problem werden könnte, lag daher fern. Doch die Verfügbarkeit der
Lebensgrundlage Wasser ist begrenzt und zudem sowohl geographisch als auch saisonal
sehr ungleich verteilt. Für mehr als eine Milliarde Menschen in vielen
Regionen der Erde, vor allem in Entwicklungsländern in ariden und semiariden
Klimazonen, ist die Sorge um das tägliche Wasser zu einer zentralen Überlebensfrage
geworden.
Doch auch in eigentlich wasserreichen Gebieten - wie etwa in großen Teilen
Europas oder der USA - ist das natürliche Angebot durch die fortschreitende
Verschmutzung von Oberflächengewässern und Grundwasservorräten
gefährdet. Die Wasserkrise bedroht nicht nur die Lebensgrundlage einer
wachsenden Zahl von Menschen, sondern auch das natürliche Ökosystem
und den Frieden in vielen Regionen der Erde. Dieser Umstand hat inzwischen das
öffentliche Interesse auf sich gezogen und zu einer verstärkten Diskussion
über die Ursachen der Wasserkrise und mögliche Wege aus ihr geführt.
Wasser ist als einfache Zusammensetzung zweier Wasserstoffatome mit einem Sauerstoffatom
(H20) weit entfernt von der Komplexität anderer Verbindungen, wie etwa
der Eiweißmoleküle oder unter Laborbedingungen erzeugter Kunststoffe.
Es weist jedoch einige Besonderheiten auf, welche die herausragende Rolle des
Wassers erklären und es zu einer Grundlage für das Leben werden lassen,
das durch nichts ersetzt werden kann.
1. Wasser hat für die geologischen und klimatischen Verhältnisse auf
der Erde eine wichtige Bedeutung. Die Ausdehnung des Wassers beim Gefrieren
spielt bei der physikalischen Verwitterung eine maßgebliche Rolle. Damit
ist Wasser wesentlich an der Bodenbildung und Formung von Landschaften beteiligt.
Diese Art der Zersetzung sichert außerdem den stetigen Mineraliennachschub
im Boden. Wasserkreislauf und Energietransport im Wasserdampf haben darüber
hinaus eine wichtige Ausgleichsfunktion für das lokale wie das globale
Klima. Wasser ist damit zentraler Bestandteil des globalen Ökosystems.
Es steht mit anderen ökologischen Teilsystemen wie Luft, Boden und Biosphäre
in einem komplexen Wirkungsgeflecht und hängt von diesen in vielfältiger
Weise ab. Eingriffe in den natürlichen Wasserhaushalt haben daher auch
immer Folgen für den gesamten Naturhaushalt. Sie können dazu beitragen,
das lokale, regionale und globale Klima zu verändern, den Boden durch Auswaschung
und Versalzung zu schädigen, den Grundwasserspiegel abzusenken und das
Artenspektrum von Pflanzen und Tieren zu verschieben. Jede Wassernutzung sollte
diese komplexen Zusammenhänge im Blick haben. Neben seinen zentralen Funktionen
im Naturhaushalt dient Wasser auch in vielfältiger Weise menschlichen Konsum-
und Produktionszwecken.
2. Der Körper aller Lebewesen besteht zu einem überwiegendem Teil
aus Wasser; je nach Art schwankt dieser Anteil zwischen 45 % und 90 %; beim
Menschen beträgt er etwa 60 %. Da alle Organismen Wasser an ihre Umgebung
abgeben, sind sie auf die regelmäßige Aufnahme einer bestimmten Wassermenge
angewiesen. Beim Menschen führt bereits ein Wasserverlust von etwa 15 %
zum Tod. Im Notfall kann er relativ lange ohne feste Nahrung überleben,
aber nur wenige Tage ohne Wasser. Deshalb beträgt der physiologische Wasserbedarf
eines Erwachsenen je nach klimatischen Verhältnissen zwischen 3 und 5 Litern
pro Tag, bei Säuglingen und Kleinkindern liegt dieser Wert in Relation
zu ihrem Körpergewicht noch höher. Wasser ist damit für den Menschen
das wichtigste "Lebensmittel" und die ausreichende Versorgung mit
sauberem Trinkwasser für das menschliche Leben ein absolutes Grundbedürfnis.
Derzeit haben jedoch weltweit mehr als 1,2 Milliarden Menschen keinen Zugang
zu sauberem Trinkwasser, etwa 1,7 Milliarden Menschen stehen keine sanitären
Einrichtungen zur Verfügung.
3. Wasser ist gleichzeitig Grundlage der Nahrungsmittelversorgung einer weiter
zunehmenden Weltbevölkerung. Bei einer prognostizierten Bevölkerungszahl
von 8 Milliarden im Jahr 2025 ist eine durchschnittliche Ertragssteigerung von
2 % im Jahr für die gesamte Landwirtschaft - und rund 3 % für die
bewässerte Landwirtschaft, die weltweit 16 % der landwirtschaftlichen Anbaufläche
ausmacht - notwendig, um in den Entwicklungsländern die Ernährung
zu sichern. Außerdem ist die sozioökonomische Entwicklung eines Landes
in vielfältiger Weise von der Verfügbarkeit von ausreichend Wasser
abhängig, da es auch im Hinblick auf die industrielle Produktion sowie
die Energieversorgung eine wesentliche Ressource darstellt.
4. Die ausreichende Versorgung mit sauberem Trinkwasser und die hygienisch einwandfreie
Entsorgung der Abwässer sind wichtige Bedingungen für den Erhalt der
Gesundheit. Ist dies nicht gewährleistet, kommt es zu immensen Problemen.
Rund 80 % aller Krankheiten in den Entwicklungsländern sind auf mangelnden
Zugang zu sauberem Trinkwasser zurückzuführen, weltweit sind 1 Milliarde
Menschen von wasserbedingten Erkrankungen betroffen. Gefährdet sind vor
allem die Armenviertel der schnell wachsenden Metropolen in den Entwicklungsländern,
wo große Menschenmengen auf relativ kleinem Raum konzentriert sind. Jährlich
sterben zirka 5 Millionen Menschen an bakteriellen Durchfallerkrankungen, an
Cholera, an Bilharziose, an Malaria und anderen wasserbezogenen Krankheiten.
Mehr als 80 % der davon Betroffenen sind Kinder unter fünf Jahren. Vor
allem in Kombination mit Unterernährung und Infektionskrankheiten wie etwa
Masern sind wasserbedingte Erkrankungen für Kinder häufig tödlich.
Die Anstrengungen zum Ausbau einer geeigneten Versorgung und Entsorgung von
Wasser müssen vor allem in den städtischen Armensiedlungen in den
Entwicklungsländern gesteigert werden. Andernfalls ist zu befürchten,
dass sich die Ausbreitung wasserbezogener Krankheiten in Zukunft noch weiter
verstärken wird.
Die Erdoberfläche wird zu 71% von Wasser bedeckt, und das Gesamtvolumen
der auf der Erde befindlichen Wasserressourcen beträgt zirka 1.360 Millionen
km3. Es ist kaum zu glauben, dass diese Ressource bei einer solch großen
Menge knapp werden kann. Davon sind jedoch 97,5% Salzwasser, das für den
menschlichen Gebrauch ungeeignet ist. Von den verbleibenden knapp 2,5% Süßwasser
befinden sich der größte Teil in Polarkappen und Gletschern (69%)
sowie in teilweise unzugänglichen Grundwasserbeständen. Lediglich
126.000 km3, also etwas mehr als 0,34 Prozent der Süßwasservorräte,
sind in Flüssen, Seen und Sümpfen direkt zugänglich.
Abb1: Wasserressourcen der Erde

Alle Formen von Wasser in der Atmosphäre, in den Ozeanen sowie auf und
unterhalb der Landoberfläche sind in einem hydrologischen Kreislauf miteinander
verbunden, der durch die Sonnenenergie aufrecht erhalten wird. Dadurch wird
es in bestimmten Abständen regelmäßig erneuert. Die Erneuerungsrate
weicht jedoch je nach Wasserart erheblich voneinander ab. Während das Wasser
in Flüssen im Durchschnitt alle 16 Tage und das Wasser in der Atmosphäre
wöchentlich komplett erneuert wird, braucht eine vollständige Erneuerung
von Gletschereis, tief liegenden Grundwasservorräten und Weltmeeren mehrere
Tausend Jahre. Die intensive Nutzung von Wasservorräten mit langen Erneuerungszyklen
stellt einen spürbaren Eingriff in den natürlichen Kreislauf dar,
weil diese Reserven, ähnlich wie Kohle, Öl und Gas, quasi nichterneuerbar
sind. Der Naturhaushalt bleibt auf lange Sicht nur dann im Gleichgewicht, wenn
der laufende Verbrauch überwiegend aus dem sich ständig erneuerbaren
Teil des Erdwasserzyklus gedeckt werden kann.
Zieht man von dem sich regelmäßig erneuernden Süßwasser
die Vorräte in nahezu unbewohnten Regionen wie dem Polargebiet, Grönland
und der Antarktis ab, ergibt sich im Durchschnitt ein jährliches Wasserangebot
von knapp 41.000 km3. Damit steht Wasser im weltweiten Durchschnitt immer noch
in ausreichenden Mengen zur Verfügung. Die nutzbaren Wasservorräte
sind jedoch sowohl geographisch als auch saisonal höchst ungleich verteilt,
so dass Wasser in vielen Regionen der Erde schon von Natur aus knapp ist. Trockene
Klimazonen zeichnen sich durch geringe, in kurzen Perioden auftretende Niederschlagsmengen
und hohe Verdunstungsraten aus. Die Wachstumsperiode ist in diesen Gebieten
daher nur von kurzer Dauer.

Die regelmäßig erneuerbaren Wasservorräte sind jedoch nicht
nur räumlich, sondern auch zeitlich höchst ungleich verteilt. In trockenen
Gebieten treten die jährlichen Niederschläge häufig in wenigen
aufeinander folgenden Tagen des Jahres auf. Der Wassermangel wird dort noch
dadurch verstärkt, dass im mehrjährigen Vergleich die Streuung der
Niederschläge umso höher ist, je trockener die Gebiete sind. Viele
trockene und halbtrockene Regionen sind nicht selten mit aufeinander folgenden
Dürrejahren konfrontiert.
Die ungleiche natürliche Verteilung der Wasservorräte wird seit etwa
100 Jahren in zunehmendem Maße von anthropogenen Faktoren überlagert
und verstärkt. Dies ist auf zwei parallel verlaufende Entwicklungen zurückzuführen:
auf das enorme Wachstum der Weltbevölkerung in diesem Jahrhundert, sowie
auf einen deutlichen Anstieg der Pro-Kopf-Wassernachfrage.
Während die vom Wasserkreislauf jährlich zur Verfügung gestellte
Wassermenge mehr oder weniger konstant bleibt, ist die Weltbevölkerung
in diesem Jahrhundert rascher angestiegen als je zuvor. Um aussagekräftige
Angaben über die Sicherung der Wasserversorgung treffen zu können,
ist es daher notwendig, das Wasserangebot auf die jeweilige Bevölkerungszahl
zu beziehen. Bei der derzeitigen Weltbevölkerung von etwa 6 Milliarden
Menschen ergibt sich bei einer Obergrenze des weltweit nutzbaren erneuerbaren
Wasserangebots von etwa 41.000 km3 ein jährliches Pro-Kopf-Wasserangebot
von 6.800 m3.
Nach der mittleren Variante der Bevölkerungsprognosen der Vereinten Nationen
werden bis zum Jahr 2025 etwas mehr als acht Milliarden Menschen die Erde bevölkern.
Das weltweite Pro-Kopf-Wasserangebot wird danach bis auf annähernd 5.000m3
zurückgehen. Der größte Teil des Bevölkerungszuwachses
wird auf die Entwicklungsländer entfallen. Durch die unterschiedliche Entwicklung
der Bevölkerungszahlen wird die ungleiche natürliche Verteilung des
Wasserangebots noch weiter verstärkt, weil die trockenen und halbtrockenen
Länder, deren Wasserversorgung bereits heute gefährdet ist, mit die
höchsten Bevölkerungszuwachsraten aufweisen. Hinzu kommt, dass der
Bevölkerungszuwachs in den städtischen Zentren der Entwicklungsländer
überproportional hoch ist. Im Jahr 2025 werden schätzungsweise rund
4,4 Milliarden Menschen und damit mehr als 50 % der Weltbevölkerung in
städtischen Siedlungen wohnen, etwa die Hälfte davon in Millionenstädten,
darunter 25 Metropole mit mehr als zehn Millionen Einwohnern. Die städtischen
Zentren sind häufig bereits heute nicht mehr in der Lage, Trinkwasser in
ausreichender Quantität und Qualität zur Verfügung zu stellen
sowie eine hygienisch einwandfreie Abwasserentsorgung zu gewährleisten,
so dass in den Armensiedlungen der großen Städte verstärkt wasserbedingte
Krankheiten auftreten.

Indikatoren der Wasserverknappung stellen einen Zusammenhang zwischen Wasserversorgung und Bevölkerungszahl eines Landes her, um damit die Versorgungssituation in angemessener Weise beschreiben zu können. Nach einer hydrologischen Faustregel gilt ein Land als wasserarm, wenn das jährlich sich erneuernde Wasserangebot unter 1.000 m3 pro Kopf liegt. Unter 500 m3 spricht man von absolutem Wassermangel. Ein deutliches Zeichen der zunehmenden Wasserverknappung ist die wachsende Zahl von wasserarmen Ländern. Während im Jahr 2000 26 Länder, vorwiegend im Nahen Osten, in Nord- und Subsahara-Afrika, von Wassermangel betroffen sind, werden für das Jahr 2025 bereits 39 bis 46 wasserarme Länder prognostiziert.
Im Laufe der vergangenen Jahrhunderte stieg die globale Wassernachfrage in recht
bescheidenem Maße an, was sich erst seit etwa 100 Jahren änderte.
Ursache dafür sind neben dem rapiden Anwachsen der Weltbevölkerung
vor allem die Ausweitung der Bewässerungslandwirtschaft, die fortschreitende
Industrialisierung sowie ein gewachsener Wohlstand und damit verbunden ein Anstieg
des Lebensstandards. Zwischen 1900 und 1950 stieg die Nachfrage weltweit von
654 auf 1.415 km3. Bis zum Jahr 1980 hat sie sich auf etwa 3.500 km3 erhöht
und im Jahr 2000 wurde bereits eine Nachfrage von mehr als 5.000 km3 erreicht.
Während sich die Nachfrage in den Industrieländern seit 1980 auf sehr
hohem Niveau stabilisiert hat, wird in den Entwicklungsländern, vor allem
in den Gebieten raschen Bevölkerungswachstums und wachsender Wirtschaftstätigkeit,
weiter mit hohen Steigerungsraten gerechnet.
Abb. 2:

Die sektorale Aufteilung des Wasserverbrauchs wird weitgehend vom sozioökonomischen Entwicklungsstand eines Landes, d.h. der Wirtschaftsstruktur und dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen, bestimmt. Die Wassernachfrage nimmt dabei tendenziell mit steigendem Wohlstand zu. Die Landwirtschaft benötigt mit 69% weltweit die größte Wassermenge. In wenig entwickelten Ländern, vor allem in den Trockengebieten der Erde, ist dieser Anteil besonders hoch, da große Teile der Anbauflächen künstlich bewässert werden müssen, um die Nahrungsmittelversorgung bei hohem Bevölkerungswachstum sichern zu können. Etwa 22% der weltweit nachgefragten Wassermenge geht zu Lasten der Industrie, wobei dieser Anteil je nach Entwicklungsstand stark variiert. Der Anteil der Privathaushalte an der Wassernachfrage ist weltweit mit etwa 9% eher gering, doch ist dieser regional sehr unterschiedlich und hängt vom Einkommen, von den Bedürfnissen und von der Art der Wasserbereitstellung ab.

Aus der stetig gestiegenen Beanspruchung der Wasservorräte sind zwei zentrale
Konfliktfelder erwachsen. Zum einen verstärkt die Wasserverknappung in
einigen Regionen bereits bestehende politische Spannungen, wenn zwischen den
verschiedenen Anliegerstaaten von grenzüberschreitenden Wasservorräten
keine einvernehmliche Einigung über die Aufteilung des Wassers erzielt
werden kann. Zum anderen stellt die weltweite Wasserkrise eine wesentliche ökologische
Gefahr dar, die dadurch entstanden ist, dass der Mensch in immer größerem
Ausmaß in den natürlichen Wasserkreislauf eingreift, um die Diskrepanz
zwischen gleich bleibendem Angebot und wachsender Nachfrage auszugleichen.
Seit etwa 7.000 bis 9.000 Jahren, als die Menschen nicht mehr überwiegend
als Sammler und Jäger umherzogen, sondern verbreitet zu dauerhaften Siedlungen
und damit einer systematischen Viehzucht und Landwirtschaft übergingen,
wurde durch wasserbauliche Eingriffe der notwendige Ausgleich zwischen Wassernachfrage
und natürlichem Angebot geschaffen. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts
waren die technischen Möglichkeiten jedoch noch begrenzt, so dass kaum
weit reichende Auswirkungen zu verzeichnen waren. Dies hat sich geändert,
als seit Beginn der industriellen Revolution die Wassernachfrage erheblich
angestiegen ist und Fortschritte auf natur- und ingenieurwissenschaftlichem
Gebiet wasserbauliche Maßnahmen in bisher nicht gekanntem Ausmaß
ermöglicht haben. Die regionale und lokale Verfügbarkeit sowie die
räumliche und zeitliche Verteilung der Wasservorkommen wurde einerseits
durch direkte wasserbauliche Eingriffe, andererseits durch intensivere Formen
der Boden- und Landnutzung im städtischen und ländlichen Raum teilweise
erheblich verändert. Dies hat sich nicht nur auf die Quantität,
sondern vor allem auch auf die Qualität der Vorräte ausgewirkt.
Die Beeinträchtigung der Wasserqualität gehört zu den weitreichendsten
Folgen direkter Eingriffe in den Wasserhaushalt. Die Quellen weisen stellenweise
extreme Belastungen mit Schadstoffen vielfältigster Art auf, die in vielen
Fällen, insbesondere beim Grundwasser, nahezu irreversibel sind. Weltweit
werden jedes Jahr schätzungsweise 450 km3 Abwässer ungeklärt
in Flüsse eingeleitet. In den Entwicklungsländern hat die Verschmutzung
der Flüsse durch die ungeklärte Einleitung von Industrie- und Haushaltsabwässern
ein bedrohliches Ausmaß angenommen. In den Industrieländern konnten
in den letzten 20 Jahren zwar Verbesserungen der Wasserqualität bei vielen
großen Flüssen erzielt werden, die Grundwasserbelastung hat jedoch
weiter zugenommen. Nitrate und Phosphate, die durch die Massentierhaltung
mit entsprechend massenhaftem Gülle-Aufkommen entstehen, verunreinigen
das Grundwasser großflächig. Zudem führt der unsachgemäße
Umgang und die übermäßige Verwendung von Düngemitteln
und Pestiziden zu hohen Belastungen. Seit einigen Jahrzehnten kommen auch
verstärkt Luftschadstoffe hinzu, welche die Qualität des Grund-
und Oberflächenwassers in Form von "saurem" Regen beeinträchtigen.
Die Erschließung von Flussbecken galt lange Zeit als unerlässliche
Voraussetzung für eine rasche sozioökonomische Entwicklung. So wurden
die großen Ströme der Erde in den vergangenen Jahrzehnten fast
ausnahmslos begradigt, aufgestaut oder umgeleitet, um sie zu Schifffahrtswegen
auszubauen, künstliche Wasserreservoirs zu errichten, Wasserkraft zu
gewinnen oder Wasser abzuleiten. Die Zahl der Großstaudämme mit
einer Speicherkapazität von mehr als 0,1 km3 wuchs zum Beispiel von 5.000
im Jahr 1950 auf heute rund 45.000. Die weltweit aufgestaute Wassermenge liegt
inzwischen bei etwa 6.000 km3, was 15 % der jährlich erneuerbaren Wasserreserven
der Erde ausmacht. Die meisten dieser flussbaulichen Maßnahmen sind
auf den ersten Blick als erfolgreich zu bezeichnen. Sie haben, wie vorgesehen,
für Wasser und Wasserkraft gesorgt und damit zum Wachstum landwirtschaftlicher
und industrieller Produktion beigetragen. Die massiven ökologischen und
sozialen Auswirkungen, die sich durch die verschiedenen Eingriffe für
die Flüsse, ihr gesamtes ökologisches Umfeld, aber auch für
die betroffene Bevölkerung ergeben haben, wurden jedoch erst allmählich
zur Kenntnis genommen. Unterhalb der Sperrwerke kommt es zu einer verringerten
Durchflussgeschwindigkeit und damit zu erhöhter Verdunstung mit der Konsequenz,
dass mehr und mehr Flüsse bei Erreichen der Mündung kaum oder gar
kein Wasser mehr mit sich führen. Die Errichtung großer Staudämme
erfordert in fast allen Fällen weit reichende Umsiedlungsmaßnahmen.
Außerdem wird durch große Flächen mit stehendem oder träge
fließendem Wasser das Krankheitsrisiko für die umliegend wohnende
Bevölkerung beträchtlich erhöht.
Besonders gravierend wirkt sich die Umleitung und Ausbeutung von Flüssen
aus, die Binnenseen oder -meere speisen. Das Austrocknen des Aralsees in Zentralasien
wird von den Vereinten Nationen als die größte menschengemachte
Umweltkatastrophe dieses Jahrhunderts bezeichnet. Durch die Umleitung der
beiden Hauptzuflüsse, Amudarja und Syrdarja, zur Bewässerung der
umliegenden Wüstengebiete hat der Aralsee, einstmals das viertgrößte
Süßwasserreservoir der Erde, seit 1960 50 % der Oberfläche
und 75 % seines Volumens verloren. Der Grundwasserspiegel in der Umgebung
ist um 13 m abgesunken und der Salzgehalt des verbliebenen Wassers ist auf
das Dreifache angestiegen. Von den ehemals 24 Fischarten sind 20 verschwunden,
die Fischindustrie in dieser Region, die in den fünfziger Jahren noch
60.000 Menschen Arbeit geboten hat, existiert inzwischen nicht mehr. Dies
belegt, dass die übermäßige Schädigung der Flüsse
und ihrer natürlichen Umgebung vor allem auch die Lebensgrundlage der
Menschen bedroht, die in vielfacher Weise - auch wirtschaftlich - von diesen
Ökosystemen abhängen.
Ein weiteres besorgniserregendes Problem stellt die übermäßige
Nutzung von Grundwasservorräten dar. Wird permanent mehr Wasser entnommen
als wieder zurückfließt, fällt der Grundwasserspiegel und
damit sinkt der Boden ab. In Mexico City beispielsweise, wo über einen
längeren Zeitraum die Grundwasservorräte sehr stark abgebaut wurden,
senkte sich das Erdreich während der achtziger Jahre jährlich um
bis zu 30 cm. Dieses Problem trifft jedoch nicht nur die Entwicklungsländer.
Im hessischen Ried wurde in der Vergangenheit soviel Wasser aus den Grundwasservorräten
entnommen, dass der Grundwasserspiegel in dieser Region stark absank und es
zu Rissen an zahlreichen Häusern kam. Durch das Abfallen des Grundwasserspiegels
ändern sich auch die Druckverhältnisse. Dies stellt besonders für
Küstenregionen ein großes Problem dar, weil dadurch Salzwasser
in die Grundwasserleiter eindringen kann. So sind etwa entlang der Mittelmeerküste
Israels durch Einfließen von Meerwasser in die Grundwasserleiter bereits
20 % der Brunnen so versalzen, dass das Wasser inzwischen für die landwirtschaftliche
Nutzung unbrauchbar geworden ist.
Langfristig besonders fatal wirkt sich der Abbau von fossilen Grundwasservorkommen
aus. Die vor langer Zeit entstandenen, tief unter der Erde liegenden Reservoirs
werden durch keine natürlichen Zuflüsse mehr erneuert. Die Wasserversorgung
von Libyen, Saudi-Arabien, aber auch von Teilen der Vereinigten Staaten, insbesondere
die intensive künstliche Bewässerung der landwirtschaftlichen Anbaugebiete,
beruht überwiegend auf der Nutzung solch fossiler Quellen. Schätzungen
gehen davon aus, dass diese wichtigen Wasservorräte innerhalb der nächsten
100 Jahre erschöpft sind, wenn sie weiter so beansprucht werden wie zur
Zeit.
Der natürliche Wasserhaushalt ist mit anderen ökologischen Teilsystemen
wie Boden und Luft in einem komplexen Wirkungsgeflecht in vielfältiger
Weise miteinander verbunden. Durch menschliche Aktivitäten verursachte
Veränderungen in den Lebensräumen Luft und Boden wirken sich daher
auch immer auf den Wasserkreislauf aus. Die weiträumige Oberflächenversiegelung
als Folge einer rasanten Ausdehnung der großen Städte führt
zu einem beschleunigten Oberflächenabfluss, was einerseits die Grundwasserneubildung
verringert, andererseits aber auch die Überflutungsgefahr erhöht.
Ähnlich wirken sich auch unangepasste Formen der Land- und Forstwirtschaft
aus. Wenn der schützende Gras-, Strauch- oder Baumbewuchs fehlt, verlieren
die Böden die Fähigkeit, Wasser aufzunehmen und zu speichern; sie
sind damit einer verstärkten Erosion durch Wind und Wasser ausgesetzt.
Neben Boden- und Wasserhaushalt werden dadurch auch die Vegetation und das
gesamte Mikroklima in Mitleidenschaft gezogen, so dass sich wüstenhafte
Bedingungen ausbreiten können (Desertifikation). In ariden Regionen führen
fehlerhafte Bewässerungstechniken verbreitet zu großflächiger
Übernässung, Versalzung und Versauerung der Böden. Schätzungen
zufolge werden dadurch weltweit jährlich etwa 1,5 Millionen Hektar landwirtschaftlicher
Nutzfläche zerstört. Darüber hinaus bewirken steigende Belastungen
der Luft und daraus resultierende globale Klimaveränderungen eine indirekte
Änderung der Wasserverteilung. In unterschiedlichem Ausmaß sind
davon Quantität wie Qualität von Oberflächen- und Grundwasser
sowie die Verteilung der Niederschlags- und Verdunstungsmengen betroffen.
Wasser besitzt für den Menschen nicht nur eine vielfältige Nutzenfunktion,
es hat auch eine wichtige kulturelle Bedeutung und stellt damit ein wesentliches
Kulturgut dar. Kulturhistorische und religionswissenschaftliche Untersuchungen
belegen, dass alle Kulturen und Religionen diesem Naturelement seit jeher eine
hohe Wertschätzung entgegengebracht haben. Diese hat sich in spezifischen
kulturellen, religiösen sowie ästhetischen Wahrnehmungen und Deutungen
von Wasser ausgedrückt, die sich unmittelbar auf die Umgangsformen mit
Wasser ausgewirkt haben. Thales von Milet hat im 6. Jahrhundert vor Christus
Wasser als Urgrund aller Dinge angesehen und darauf aufbauend seine Naturphilosophie
entwickelt. Aus dieser vermutlich bereits auf vorderorientalische Schöpfungsmythen
zurückgehenden Vorstellung hat sich im Laufe der Zeit ein unerschöpfliches
Reservoir von Bildern und Symbolen entwickelt, anhand derer die überragende
Bedeutung des Wassers für das menschliche Leben deutlich wird. In nahezu
allen Kulturen und Religionen wird Wasser mit Fruchtbarkeit und dem Entstehen
von Leben in Verbindung gebracht. Daher wird fließendes Wasser und Regen
in vielfältigen Fluss-, Quellen-, Brunnen- und Regenkulten verehrt. Da
Wasser reinigende Funktion besitzt, steht es in Bußriten oder rituellen
Waschungen für die Reinigung von Geist und Seele und damit für die
Befreiung von Schuld und Sünde. Darüber hinaus ist Wasser in vielen
Jenseitsvorstellungen, vor allem von Völkern, die in wasserarmen Gebieten
leben, ein Zeichen für Erlösung und Fülle.
Mit dem vorrangigen Interesse an der Gestaltung und Nutzung der Natur ist die
kulturell-religiöse Deutung zunehmend in den Hintergrund getreten. In der
westlich geprägten Wasserkultur moderner Industriegesellschaften ist die
kulturelle Funktion des Wassers heute weitgehend aus dem Bewusstsein der Menschen
verschwunden. Damit sind auch traditionelle Werthaltungen, die sich auf das
Wasser bezogen, verloren gegangen, die für einen verantwortlichen Umgang
mit Wasser wesentlich sind. Die Tatsache, dass zwischen der Deutung und der
Nutzung von Wasser ein Zusammenhang besteht, legt nahe, dass eine einseitig
naturwissenschaftliche bzw. technische Orientierung für die Lösung
der Wasserprobleme kaum ausreichen dürfte.
Die weltweite Wasserkrise mit ihren sozialen, ökonomischen und ökologischen
Aspekten erfordert eine ethische Reflexion der Nutzung und Bewirtschaftung der
knappen Ressource Wasser, die sowohl menschliche Bedürfnisse als auch Anforderungen
des natürlichen Ökosystems berücksichtigt. Grundlage einer solchen
Wasserethik ist ein Naturverständnis, welches der Tatsache Rechnung trägt,
dass der Mensch aufgrund seiner Erkenntnisfähigkeit zwar eine Sonderstellung
gegenüber der Natur besitzt, andererseits aber auch durch sie hervorgebracht
und somit ein Teil der Natur ist. Die personale Existenz des Menschen befähigt
ihn zu verantwortlicher Selbstbestimmung, verpflichtet ihn aber auch gleichzeitig,
die Kultivierung der Natur auf das Maß zu beschränken, das von den
natürlichen Ausgleichsmechanismen getragen werden kann.
Die untrennbare Verknüpfung der weltweiten Wasserprobleme mit anderen sozialen
und ökonomischen Herausforderungen verlangt, dass die langfristige Sicherung
der Wasserversorgung nicht getrennt von sozialen und ökonomischen Entwicklungszielen
verfolgt wird. Ein tragfähiges Konzept dafür bildet das Leitbild der
dauerhaft-umweltgerechten bzw. nachhaltigen Entwicklung, das von der internationalen
Staatengemeinschaft auf der Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio
de Janeiro im Jahr 1992 zur Grundlage einer globalen Umweltpolitik gemacht wurde.
Die Sicherung der Wasserversorgung stellt eine globale Herausforderung dar.
Dennoch sind die spezifischen Wasserprobleme in der Regel an die regionale Situation
gebunden und müssen daher zunächst vor Ort gelöst werden. Die
Tatsache, dass sozio-kulturelle Faktoren den Umgang mit Wasser wesentlich beeinflussen,
lässt darauf schließen, dass den vielfältigen Traditionen verschiedener
Wasserkulturen bei der Bewältigung der Wasserkrise eine wichtige Bedeutung
zukommt. Die westlich geprägte Kultur, die sich zwar durch einen hohen
technischen Standard, aber auch durch einen hohen Verbrauch auszeichnet, sollte
nur als eine unter vielen Lösungsansätzen für die Wasserprobleme
der Welt angesehen werden. Historisch gewachsene Systeme der verschiedenen Kulturen
sollten wieder neu entdeckt und für heutige Situationen weiterentwickelt
werden. So ist es beispielsweise nicht ohne weiteres sinnvoll, moderne Wassertechniken
wie Wasserklosett und zentrale Schwemmkanalisation weltweit anzuwenden. In Monsunländern
mit extremen Regenfällen ist es seuchenhygienisch eher sinnvoll, Fäkalien
zu kompostieren und nicht mit Wasser in Berührung zu bringen.
Da alle Kulturen wasserbezogene Verhaltensweisen aufweisen, die einen verantwortlichen
Umgang mit Wasser fördern, aber auch solche, die dies behindern, vermag
keine Kultur allein eine ausreichende Lösung der Wasserprobleme anzubieten.
Aus diesem Grund ist zusätzlich zu einem regionalen Zugang zur Wasserproblematik
eine Verständigung der verschiedenen Kulturen über die eigenen Grenzen
hinweg hilfreich. Eine Grundlage dafür kann ein universales Wasserethos
in kulturspezifischer Ausprägung bieten, das von den verschiedenen kulturell-religiösen
Traditionen der einzelnen Kulturen ausgeht, gleichzeitig aber wesentliche handlungsleitende
Grundprinzipien enthält, über die ein kulturübergreifender Konsens
besteht. Ein solches Grundprinzip stellt das Menschenrecht auf Wasser dar, für
dessen Begründung sich in allen Kulturen Anschlussmöglichkeiten finden
lassen. Kulturhistorische Untersuchungen belegen, dass die gesetzliche Regelung
des Umgangs mit Wasser zu den ersten gesellschaftlichen Bestimmungen der Menschheit
gehört. Bereits in den frühen Hochkulturen Ägyptens und Mesopotamiems
existierte so etwas wie ein Grundrecht auf Wasserversorgung für alle Menschen.
Im griechischen Gemeinwesen wurde das Recht jedes Bürgers auf ausreichende
Wasserversorgung im Gesetz Solons sowie später bei Platon hervorgehoben,
was sich dann auch in den Schriften von Marcus Tullius Cicero wieder findet
und im römischen Staatswesen realisiert wurde. Die flächendeckende
Wasserversorgung der Haushalte und hygienisch einwandfreie Entsorgung der Abwässer
in vielen Metropolen gegen Ende des 19. Jahrhunderts gehört zu den großen
sozialen Entwicklungsleistungen dieser Zeit.
Ein ethischer Grundimperativ jeder Wasserpolitik besteht daher darin, jedem
Menschen den zum Überleben notwendigen Mindestbedarf an Wasser zur Verfügung
zu stellen und damit das Menschenrecht auf Wasser zu ermöglichen. Dies
muss jedoch so erfolgen, dass die ökologischen Funktionen, von denen alles
Leben abhängt, geschützt bleiben. Diese beiden Zielvorgaben finden
sich auch im Aktionsprogramm Agenda 21 der Rio-Konferenz von 1992 im Abschnitt
"Schutz der Wasserressourcen" an oberster Stelle. Sie können
damit als Leitkriterien einer dauerhaft-umweltgerechten Wassernutzung angesehen
werden. Bei der Verteilung und Nutzung des über die Erfüllung des
Mindestbedarfs hinaus zur Verfügung stehenden Wasserangebots sollten möglichst
die Prinzipien der Verteilungsgerechtigkeit sowie auch die Respektierung der
Rechte kommender Generationen beachtet werden.
Die Umsetzung des Leitbildes einer dauerhaft-umweltgerechten Wassernutzung erfordert
eine integrierte Wasserbewirtschaftung, die auch sektorübergreifende Überlegungen
sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Art einbeziehen muss. Damit
wird die Wasserpolitik zu einer Querschnittsaufgabe, die alle wasserrelevanten
Politikbereiche wie Umwelt-, Wirtschafts-, Entwicklungs-, Gesundheits- und Sicherheitspolitik
unter Berücksichtigung ihrer langfristigen Auswirkungen auf die Sicherung
der Wasserversorgung prüfen und gestalten muss. Eine solche Politik sollte
von jedem Land in Anpassung an die spezifischen Wasserprobleme und den jeweiligen
sozio-kulturellen Kontext entworfen werden und grundsätzlich dem Subsidiaritätsprinzip
Rechnung tragen. Dies verlangt eine entsprechende Rahmenordnung, die gewährleistet,
dass der betroffenen Bevölkerung und untergeordneten gesellschaftlichen
Ebenen wie kommunale Institutionen und Nichtregierungsorganisationen ausreichend
Anreize zur Eigeninitiative gegeben wird und sie möglichst vor bürokratischem
Zentralismus geschützt bleiben. Umgekehrt muss gesichert sein, dass unterstützende
Aktivitäten der übergeordneten Ebene hinzutreten, wenn einzelne Betroffene,
Kommunen oder Regionen überfordert sind.
Die Wasserverwendung der einzelnen Länder richtet sich weitgehend nach
dem sozio-ökonomischen Entwicklungsstand. Dementsprechend lassen sich unterschiedliche
Prioritäten einer integrierten Wasserpolitik für Industrie- und Entwicklungsländer
angeben. Primäre Aufgabe für die Industrieländer ist die Reduzierung
der hohen Pro-Kopf-Wassernachfrage, nicht zuletzt auch deshalb, weil ihnen in
der Weltgesellschaft aufgrund ihrer ökonomisch, politisch und sozio-kulturell
dominanten Rolle eine besondere Verantwortung für eine dauerhaft-umweltgerechte
Wassernutzung zukommt. Die zweite vorrangige Aufgabe ist der Gewässerschutz
und dabei vor allem der Erhalt der Grundwasservorräte, da diese in besonderem
Maße gefährdet sind.
Für die Entwicklungsländer steht die ausreichende Versorgung mit sauberem
Trinkwasser und angepassten sanitären Einrichtungen für alle Menschen
im Vordergrund. Die Einhaltung von Qualitätsstandards für Flüsse,
Bäche und Seen, aus denen viele Menschen direkt ihr Trinkwasser beziehen,
ist eine wesentliche Voraussetzung für die Verbesserung der Gesundheitssituation
in den meisten unterentwickelten Ländern. Deshalb müssen die Entwicklungsländer
in Zukunft mehr personelle und finanzielle Mittel für den Schutz ihrer
Wasserressourcen bereitstellen und die Anstrengungen für einen vorsorgenden
Gewässerschutz intensivieren. Darüber hinaus ist für die Bewältigung
der Wasserprobleme eine verstärkte internationale Kooperation notwendig.
Dazu gehört die finanzielle Unterstützung sowie der Transfer von Wissen
und angepasster Technologie für Länder, die von besonderer Wasserarmut
betroffen sind.
Auch wenn die spezifischen Ziele einer Wasserpolitik von Land zu Land und
von Region zu Region variieren, lassen sich doch zumindest einige Strategien
von übergeordneter Bedeutung angeben. Zunächst müssen alle
wasserbaulichen Maßnahmen auf ihre Ökologieverträglichkeit
überprüft werden. Dies bedeutet, dass sie nur dann realisiert werden
dürfen, wenn dies nach dem Leitbild der dauerhaft-umweltgerechten Entwicklung
ethisch rechtfertigbar ist.
Lange Zeit sah man den erfolgversprechenden Weg zur Sicherung der Wasserversorgung
darin, durch gezielte Eingriffe in den natürlichen Kreislauf die für
den Menschen potenziell verfügbare Wassermenge zu erhöhen. Erfahrungen
haben jedoch gezeigt, dass die vorgeschlagenen Methoden technisch sehr aufwendig
sind und eine zum Teil erhebliche Schädigung der natürlichen Ökosysteme
darstellen. Das Verfahren der "Wolkenimpfung" zur Erzeugung von
künstlichen Niederschlägen ist beispielsweise nur in sehr ausgewählten
Regionen möglich. Das Entsalzen von Meerwasser erfordert einen hohen
Energiebedarf und ist damit vergleichsweise teuer. Diese Lösung kommt
daher für die meisten von Wasserknappheit betroffenen Länder nicht
in Frage. In einigen Ländern des Nahen Ostens wird der Ferntransport
von Wasser mit Tanklastwägen oder Pipelines praktiziert, was allerdings
nur in sehr beschränktem Maße möglich ist. In bestimmten Regionen
können solche Verfahren, besonders die Meerwasserentsalzung, partiell
zur Minderung der Wasserknappheit beitragen. Global betrachtet ist jedoch
festzustellen, dass das zur Verfügung stehende Angebot beschränkt
ist und sich auch durch die Erschließung neuer Quellen nur sehr begrenzt
erweitern lässt.
Der Schwerpunkt einer dauerhaft-umweltgerechten Wasserpolitik sollte daher
auf eine nachfrageorientierte Strategie (Demand Side Management) gelegt werden,
d.h. die Wassernachfrage muss durch eine effizientere Nutzung des verfügbaren
Angebots reduziert werden. Dies bedeutet, die globale Wassernachfrage den
von der Natur festgelegten Grenzen des Angebots anzupassen und von einer "Illusion
des Überflusses" Abstand zu nehmen.
Zur Umsetzung dieser Strategie bieten sich verschiedene Instrumente an, die
sinnvoll kombiniert zu einer wesentlichen Erhöhung der Wasserproduktivität
beitragen können. Dies sind vor allem Techniken, die eine sparsame und
umweltgerechte Wassernutzung in Landwirtschaft, Industrie und im Bereich privater
Haushalte ermöglichen. So können mit teilweise sehr einfachen Methoden
wie dem Reparieren von Leckstellen bzw. der Erneuerung von Versorgungsleitungen
die Verluste in Versorgungssystemen beträchtlich reduziert werden. Nicht
jede Wassernutzung bedarf der gleich hohen Wasserqualität. Daher bieten
Nutzungshierarchien, wie zum Beispiel die landwirtschaftliche Wiederverwertung
des in Städten gebrauchten Wassers oder Wasserkreislaufsysteme im industriellen
Bereich enorme Einsparpotentiale. Der derzeitige Wasserpreis liegt in vielen
Ländern weit unter dem eigentlichen Wert, was zu Fehlallokationen und
ineffizientem Gebrauch führt. Deshalb sollte eine nachfrageorientierte
Strategie zur Lösung der Wasserprobleme möglichst auf marktkonforme
Rahmenbedingungen setzen. Ein Wasserpreis, welcher die Kosten der Versorgung
und Entsorgung von Wasser einschließlich der anteiligen Kosten für
die Verwaltung, den technischen Betrieb und die Wartung der entsprechenden
Systeme abdeckt, bietet einen geeigneten Anreizmechanismus für die effiziente
Verwendung der knappen Ressource und schützt damit vor unnötiger
Verschwendung. Viele Länder sind aus diesen Gründen inzwischen dazu
übergegangen, die Wasserversorgung zumindest partiell über privatwirtschaftliche
Wassermärkte zu regeln.
Eine auf ökonomischem Anreizsystem basierende Allokation von Wasser erfordert
allerdings zusätzliche ordnungspolitische Rahmenbedingungen. Grundlegende
Voraussetzung für den Erfolg von Wassermärkten ist ein gesetzlicher
Rahmen, der ein abgrenzbares Eigentumsrecht für die Nutzung einer bestimmten
Wassermenge ermöglicht. Insbesondere für ärmere Bevölkerungsschichten
ist eine Mindestversorgung an Trinkwasser durch geeignete rechtliche und administrative
Maßnahmen sicherzustellen. Dazu bieten sich etwa sozial gestaffelte
Tarife an. Die rechtlichen Vorgaben können so gestaltet werden, dass
den Verbrauchern eine Mindestmenge zu niedrigsten Preisen zur Verfügung
gestellt wird, für zusätzliche Mengen jedoch der volle Preis zu
entrichten ist. In trockenen Gebieten ist eine linear progressive Preisgestaltung,
welche einen hohen Wasserverbrauch überproportional verteuert, ein besonders
geeignetes Mittel zur Nachfragereduzierung. Daneben gibt es die Möglichkeit
staatlicher Transferzahlungen an ärmere Bevölkerungsschichten in
Form eines Wassergeldes.
Die Wasserverschmutzung kann durch die konsequente Anwendung des Verursacherprinzipes
eingeschränkt werden. Für die Grundwasserentnahme, vor allem für
Gebiete mit sinkendem Grundwasserspiegel, sind Rahmenbedingungen festzulegen,
um die Gesamtentnahme auf die durchschnittliche Rate der Grundwasserneubildung
zu beschränken. Dazu könnten beispielsweise Entnahmemengen, die
die natürliche Auffüllung übersteigen, besteuert oder gesetzlich
untersagt werden. Insgesamt erscheint es notwendig, Preise, Märkte und
Vorschriften zu einer integrierten Strategie zu bündeln, die gewährleistet,
dass der Wasserverbrauch in ökologisch vertretbaren Grenzen bleibt und
die natürlichen Wassersysteme geschützt werden. Darüber hinaus
ist auch auf eine Veränderung wasserbezogener Mentalitäten und Verhaltensweisen
hinzuwirken.
1. Die Landwirtschaft hat weltweit mit etwa 69% den größten Anteil
am Wasserverbrauch, wobei dieser in überwiegend agrarisch strukturierten
Entwicklungsländern mit bis zu 90 % besonders hoch ist. Der Wirkungsgrad
des für den Bewässerungsfeldbau eingesetzten Wassers liegt durchschnittlich
nur bei etwa 40 %, was bedeutet, dass ein großer Teil ungenutzt abfließt.
Damit bietet dieser Bereich das größte Einsparpotenzial. Eine Erhöhung
der Bewässerungseffizienz um etwa 15 % weltweit würde bereits ausreichen,
um den gesamten kommunalen Wasserbedarf zu decken. Die landwirtschaftliche Wasserproduktivität
lässt sich durch geeignete Bewässerungssysteme, durch die Verbesserung
des Bewässerungsmanagements in technischer und administrativer Hinsicht
sowie durch die Auswahl angepasster Pflanzensorten steigern. Dabei kann in vielen
Entwicklungsländern auf ein großes Potenzial an lokalen Bewässerungstraditionen
wie zum Beispiel der Nabatäer in der Wüste Negev oder vieler Stämme
Afrikas zurückgegriffen werden, die schon vor mehreren tausend Jahren in
Gebieten extremer Wasserknappheit einen erstaunlich hohen Wirkungsgrad erzielt
haben. Die Verbesserung und Weiterentwicklung dieser zumeist kleinen, angepassten
Lösungen, die von den Bauern ohne großen technischen Aufwand selbst
angelegt und betrieben werden können, kann zu einer erheblichen Steigerung
der Nahrungsmittelproduktion und damit auch zur Verbesserung der Lebensverhältnisse
der Menschen in Trockengebieten führen. Die Beteiligung und Initiative
der betroffenen Bevölkerung, vielfach unter Federführung von Nichtregierungsorganisationen,
ist dabei oftmals ein Schlüssel für den Erfolg von Bewässerungsprojekten.
2. Im industriellen Bereich wird nur ein sehr kleiner Teil des eingesetzen Wassers
tatsächlich verbraucht. Außerdem ist für die Wassernutzung -
vor allem für die Kühlung - keine Trinkwasserqualität erforderlich.
Daher kann das Brauchwasser in geschlossene Kreisläufe zurückgeführt
und wieder verwendet werden. Vor allem den Entwicklungsländern müssen
beim Aufbau neuer Infrastrukturen im industriellen Bereich entsprechende Techniken
zugänglich sein, damit der prognostizierte Anstieg des Industriewasserbedarfs
begrenzt werden kann. Ein beträchtliches Einsparpotenzial für Wasser
und auch andere Ressourcen bietet zudem der Ausbau des Produktrecyclings. So
kann beispielsweise bei der Herstellung von einer Tonne Aluminium aus Aluminiumabfall
im Vergleich zur Herstellung aus dem Grundrohstoff der Wasserbedarf um 97% gesenkt
werden.
3. Im Vergleich zur industriellen Wassernutzung und zur Bewässerung in
der Landwirtschaft ist der Wasserverbrauch der Privathaushalte relativ niedrig.
Dafür ist Bereitstellung und Aufbereitung aufgrund der höheren Qualitätsanforderungen
sehr viel teurer. Das Sparpotenzial durch eine sorgfältigere Wassernutzung
ist beträchtlich. Durch technisch verbesserte Geräte und Einrichtungen,
wie sparsamere Toiletten, Badeeinrichtungen, Wasch- und Spülmaschinen lassen
sich vor allem in den Industrieländern erhebliche Einsparungen erzielen,
ohne die Lebensqualität einzuschränken. In trockenen Regionen sollte
die Genehmigung von Anlagen mit besonders intensivem Gebrauch, wie Ziergärten
oder private Schwimmbecken, überprüft und - falls notwendig - an Auflagen
gebunden werden.
4. Ein weiteres Handlungsfeld ist der Umgang mit naturbedingten Risiken, insbesondere
von Dürren und Überschwemmungen. Die Häufigkeit von Dürrekatastrophen
hat im Lauf der Geschichte durch menschliche Eingriffe deutlich zugenommen.
Daher besteht ein hoher Bedarf nach einem "Dürre-Management",
d.h. nach besserer Anpassung an Dürren und Wüstenbildungen und rechtzeitiger
Prävention solcher Katastrophen. Diese sind zuallererst Symptome der Wasserknappheit,
nicht deren Ursache. Zudem werden Überschwemmungen zunehmend durch menschliches
Verhalten mitverursacht. Auch auf diesem Gebiet ist eine vorausschauende Planung
und Prävention von Schäden notwendig.
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