Buchrezension:
In den letzten Tagen des April 1945 wurde das Konzentrationslager Dachau
teilweise evakuiert, vor allem die jüdischen Häftlinge wurden
in langen Marschkolonnen aus dem Lager getrieben in Richtung Süden,
in Richtung „Alpenfestung“. Die Häftlinge sollten den
Siegern nicht in die Hände fallen, sie waren Zeugen schrecklicher
Taten. Der Weg führte von Dachau über Starnberg, Wolfratshausen,
Geretsried, Bad Tölz bis Waakirchen. Die Häftlinge waren viel
zu entkräftet, um solch einen Gewaltmarsch durchzustehen. Viele,
die nicht mehr weiter konnten, wurden von den SS-Schergen erschossen,
oder mit dem Gewehrkolben erschlagen. Der Evakuierungsmarsch ist deshalb
unter dem Namen „Todesmarsch“ in die Geschichte eingegangen.
Zwi Katz ist einer, der diesen Marsch mitgemacht hat, und wie durch ein Wunder überlebt hat, so wie er alle anderen Schrecken vorher überlebt hatte: Pogrome, Ghetto, den Terror der Einsatzgruppen und das Konzentrationslager. Zwi Katz gehört zu denen, die diese schrecklichen Erinnerungen nicht verdrängt haben, sondern versucht haben, die Geschichte aufzuarbeiten. Aus Israel, wo er sich 1948 niederließ, kommt er jährlich nach Deutschland, um am Gedenkzug zu diesem Todesmarsch teilzunehmen und in Schulen und bei anderen Veranstaltungen öffentlich zu sprechen.
Damit seine Erinnerungen weiterleben, wenn er selbst einmal nicht mehr
da sein wird, hat er nun ein Buch geschrieben, auf deutsch, erschienen
beim Pendo-Verlag. Das Besondere an den Aufzeichnungen von Zwi Katz ist,
dass in ihnen nicht nur die Schrecken und um die vielen Wunder beschrieben
werden, die nötig waren, damit er all das überleben konnte,
sondern dass in ihnen auch seine unbeschwerten Jugendjahre wieder lebendig
werden. Er entstammt einer liberalen jüdischen Familie in Litauen
und wuchs an den schönen Ufern der Memel auf, erzogen von einem
deutschen Kindermädchen. Bis 1941 seine glückliche Kindheit
ein abruptes Ende fand: Als Jude durfte er nicht länger das Gymnasium
besuchen, und von nun an schwebte er in ständiger Lebensgefahr.
Mit seinen Erinnerungen will der Autor einen Beitrag zur Sicherung einer
besseren Zukunft leisten, damit sich das, was er erleben musste, nicht
wiederholt.
Dr. Zdenek Zofka
Zwi Katz: An den Ufern der Memel ins Ungewisse. Eine Jugend im Schatten des Holocaust, Pendo-Verlag, Zürich 2002, 174 Seiten mit schwarz-weiß Abbildungen, im Handel: 14,90 €