EINSICHTEN UND PERSPEKTIVEN

Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte
Beilage der Bayerischen Staatszeitung   |   Herausgegeben von der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Inhalt der Ausgabe 04/2004

Interview mit Dr. Walter Schön, Amtschef der Bayerischen Staatskanzlei
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Elke Thiel:
Grüße aus Shqiperi: Als Gastprofessorin in Albanien
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Iris Hofer:
Die Holocaustausstellung im Imperial War Museum
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Neue Publikationen und Wandzeitungen:
Der Erste Weltkrieg
Afrika – ein verlorener Kontinent?
Sicherheit und Frieden zu Beginn des 21. Jahrhunderts
Böhmen und mähr ...
20. Juli 1944
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Veranstaltungshinweis: Symposium zum Schwellenjahr 1944
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Peter März:
Zwischen dem langen 19. Jahrhundert und dem kurzen 20. Jahrhundert: Der Erste Weltkrieg, Teil 2
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Peter März

Zwischen dem langen 19. Jahrhundert und dem kurzen 20. Jahrhundert: Der Erste Weltkrieg

– Teil 2 –

 

Vom hastigen Krieg zum stetigen Krieg

Die Erwartung eines kurzen, eines zeitlich sehr überschaubaren Krieges begleitete die Zeitgenossen wohl mindestens bis 1916. Gleich zu Beginn des Krieges taten sich Militärapparat und Verwaltung in Deutschland schwer, die Wirtschaft für eine umfassende Umstellung ihrer Produktion auf Rüstungsgüter zu gewinnen. Und noch Anfang 1915 meinte man in Deutschland vielfach, spätestens gegen Ende des laufenden Jahres werde man wieder in friedlichen Verhältnissen leben. Mehr noch als Frankreich und Russland zeigte sich hier Großbritannien als der eigentliche Antipode des Deutschen Reiches: Hier wurde der administrativ-ökonomische Bereich von Anfang an deutlich auf eine lange und in jeder Hinsicht kostspielige Auseinandersetzung eingestellt. In Deutschland wurde mit der Verkündung des Zustandes drohender Kriegsgefahr am 31. Juli 1914 das preußische Gesetz über den Belagerungszustand aus dem Jahr 1851 wirksam. Es verfügte die auch formale Unterordnung der zivilen Behörden mit Optionen bis weit in das bürgerliche Leben (Zensur) unter die militärische Infrastruktur. Die Inhaber der vollziehenden Gewalt im Lande wurden die Kommandeure in 15 Korpsbezirken, weitgehend ungeachtet der sonstigen territorialen Struktur des Reiches. Da aber die Kommandeure der Korps als führende Militärs an der Front standen, hatten diese Funktionen die stellvertretenden Generalkommandos inne und da im Kaiserreich ein Korpskommandeur unmittelbar dem Kaiser selbst unterstellt war, dieser aber weder politisch noch militärisch seine Funktionen ausübte (s. u.), bahnte sich hier ein Weg zum Verwaltungschaos an. Eine wenigstens teilweise rühmliche Ausnahme war hier allein Bayern, dessen drei stellvertretende Generalkommandos dem Kriegsministerium in München unterstanden und so wenigstens einigermaßen in die gesamte Regierungsstruktur eingebunden waren. Dass die verwirrenden Abläufe über die stellvertretenden Generalkommandos im übrigen Reich nicht zum vollständigen Chaos führten, lag vor allem daran, dass sich die Militärs im Inneren jedenfalls zunächst nicht allzu interventionistisch zeigten. So wurden die nun gegebenen Zensurmöglichkeiten eher zurückhaltend ausgeschöpft. Mehr noch: Ein durchaus positives Resultat des Anfang August 1914 unter Einschluss der SPD geschaffenen Burgfriedens war, dass der Graben zwischen linkem Spektrum und ,staatstragenden‘ Schichten im Reich auch medial ein Stück weit überwunden wurde. So durften Soldaten nun das Zentralorgan der SPD „Vorwärts“ lesen.[33] Der Reichstag hatte sich nach der einstimmigen Zustimmung zu den Kriegskrediten am 4. August 1914 zunächst von der unmittelbar politischen Tätigkeit verabschiedet, sodass Reichsleitung, Militärs, Verbände, Medien und Hochschullehrer ohne Reflex auf parlamentarische Tätigkeit über längere Zeit intern und extern Überlegungen hin zur weiteren Entwicklung und zu etwaigen Kriegszielen ventilieren konnten. Zu den vielfach ausschweifenden Kriegszielvorstellungen hat dies wohl nicht unwesentlich beigetragen. Nicht wenige Parlamentarier wurden auch selbst Soldat. Als erstes Mitglied des Reichstages fiel am 3. September 1914 in den Vogesen der auf dem rechten Flügel der SPD stehende, aus Baden stammende Abgeordnete Ludwig Frank. Frank war einer der engagiertesten Befürworter der neuen sozialdemokratischen Burgfriedenspolitik und wollte gerade als Jude, der sich sofort bei Kriegsbeginn freiwillig meldete, Integration in das Volksganze demonstrieren.

In der SPD wuchs intern bereits bald die Kritik an der reibungslosen Billigung von Kriegskrediten durch die Parteiführung. Dafür gab es mehrere Gründe: Die wenn auch nur in Konturen greifbaren, über einen Verteidigungskrieg hinausgehenden Kriegszielprogramme in Reichsleitung und Wirtschaft, die mangelnde wirkliche Beteiligung der Partei und ihres Umfeldes an der politischen Verantwortung, bei manchen zunehmende Skrupel hinsichtlich der tatsächlichen Hergänge bei Ausbruch des Krieges und schließlich wohl auch ein Stück Frustration darüber, dass es mit einem sehr schnellen und daher auch relativ unblutigen Sieg nichts wurde – und dies ungeachtet der Tatsache, dass die so schwerwiegende tatsächliche Niederlage bei der Schlacht an der Marne mit dem am 9. September 1914 wirksam gewordenen Rückzugsbefehl vor der deutschen Öffentlichkeit weitgehend erfolgreich verheimlicht worden war. Vor der zweiten Abstimmung im Reichstag über Kriegskredite im Dezember 1914 votierten intern immerhin bereits 17 Angehörige der SPD-Fraktion gegen die Billigung und im Plenum sprach dann Karl Liebknecht als zunächst Einziger ein Nein aus.

Bereits am 14. September 1914 war Generalstabschef von Moltke[34] de facto entmachtet und durch den preußischen Kriegsminister General von Falkenhayn[35] ersetzt worden. Über einige Monate ließ man Moltke pro forma noch im Amt. Schließlich war es in jeder Hinsicht schwierig und delikat, den Spitzenmilitär mit einem so prominenten Namen (der Onkel hatte 1866 und 1870/71 die Einigungskriege gewonnen) einfach zu desavouieren. Moltke, der auch physisch nicht sehr stabil war und sich durch anthroposophische Neigungen, zugleich aber militärisches Vernichtungsdenken ausgezeichnet hatte (für sich schon eine schwer nachvollziehbare Persönlichkeitsstruktur) war, das hatten die ersten sechs Kriegswochen gezeigt, dem auf deutscher Seite zunächst gar nicht so sehr ernst genommenen französischen Oberkommandierenden General Joffre vielleicht nicht an strategischer Inspiration, wohl aber an Entschlusskraft, Härte und Konsequenz unterlegen gewesen. Joffre verließ in schwierigen Situationen, etwa zur Koordination mit den britischen Verbündeten, sein Hauptquartier, nahm sich zugleich aber auch die Zeit, intensiv Tage und Nächte über die kommenden Abläufe nachzudenken; Moltke hatte sich hingegen in frontferner Kommunikation, Anfang September bis hin zu Besuchern aus Wirtschaftskreisen, die ihn bereits mit Annexionsforderungen konfrontierten, verschlissen.

Konstitutiv war das deutsche Kaiserreich neben seinen zivilen Verfassungsorganen – Bundesrat als exekutive und legislative Ländervertretung, Reichstag und Reichskanzler mit Staatssekretären – Militärmonarchie mit dem Kaiser als unmittelbarem Oberbefehlshaber. Aber der Kaiser war seit Kriegsbeginn als politische wie militärische Führungsfigur kaum mehr präsent. Er hielt sich vielfach von Berlin fern, weil ihn die politischen Abläufe irritierten, um nicht neudeutsch einfach zu formulieren, nervten. Im militärischen Hauptquartier stand er sozusagen immer mit herum und dabei neben sich. Dass Deutschland vier Jahre später Republik werden sollte, hat wohl ein Stück weit bereits damit zu tun, dass dieser Monarch als solcher gar nicht mehr agierte, sondern dass an ihm vorbei Spitzenmilitärs, aber auch eine Reihe von namhaften Parlamentariern, wie sehr viel später Mathias Erzberger, zu zentralen Exponenten der politischen Abläufe wurden. Selbst nach dem Empfinden der alten, staatstragenden preußischen Adelsschicht, an sich royalistisch bis in die Knochen, leistete dieser Kaiser eben nicht das, was nach ihren Bildern von wechselseitiger Abhängigkeit, Treue und Einsatz von einem monarchischen Oberbefehlshaber zu erwarten war.[36]

Ökonomisch-soziale Umstellung

Keineswegs alle strategischen Überlegungen im Deutschland der Vorkriegszeit waren von einem sehr kurzen Großmächtekrieg ausgegangen, der die ökonomischen Ressourcen schonen und keine Versorgungsprobleme aufwerfen würde. Auch die Frage, was eine britische Blockade der deutschen Zufuhr in Übersee bedeuten mochte, war zumindest theoretisch im Ansatz durchgespielt worden. Aber eine wirklich substantielle Vorbereitung auf diese Eventualität war ausgeblieben.

Nun musste von Anfang an improvisiert werden und die Anstöße zu diesen Improvisationen, ohne die Deutschland gar nicht vier Jahre lang hätte Krieg führen können, kamen erstaunlicherweise aus jenem gesellschaftlichen Sektor, der heute oft als Zivil- oder Bürgergesellschaft firmiert. Und ohne solche Interventionen wäre das ökonomische Durchstehen des Krieges gar nicht möglich geworden. Dagegen hatte Graf Schlieffen, der militärstrategische Promotor des kurzen Vernichtungsfeldzuges, noch 1909 formuliert: „Solche Kriege (mit langen Abnützungsstrategien, P.M.) sind aber zu einer Zeit unmöglich, wo die Existenz der Nation auf einen ununterbrochenen Fortgang des Handels und der Industrie begründet ist. […] Eine Ermattungsstrategie lässt sich nicht treiben, wenn der Unterhalt von Millionen den Aufwand von Milliarden erfordert.“[37]

Nun wandte sich der Aufsichtsratsvorsitzende der AEG und Intellektuelle wie homo politicus Walther Rathenau unmittelbar nach Kriegsausbruch mit der Frage an das preußische Kriegsministerium, welche Vorstellungen man dort eigentlich zur Rohstoffbewirtschaftung im Falle einer Abschnürung Deutschlands von überseeischen Zufuhren habe. Zugleich legte Rathenau eine Denkschrift vor, wie diese Aufgabe überhaupt unter erschwerten Bedingungen bewältigt werden könne. Das preußische Kriegsministerium nahm seine Dienste gerne in Anspruch – bis 1915 amtierte der jüdische Intellektuelle und spätere Reichsaußenminister nunmehr als Leiter der sofort neu eingerichteten Kriegsrohstoffabteilung im Ministerium.[38]

Die zweite wesentliche Hilfestellung für das Krieg führende Kaiserreich aus Kreisen jüdischen Bildungsbürgertums leistete der Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie Fritz Haber. Haber hatte bereits vor dem Krieg theoretisch die Ammoniakgewinnung durch Stickstoff aus der Luft (später Haber-Bosch-Verfahren) entwickelt. Nun wurde die schnelle, massenhafte Nutzanwendung unabdingbar, sollte es in Deutschland über das Verschießen der vorhandenen Vorräte hinaus überhaupt Sprengstoff, dazu aber auch synthetischen Dünger geben.[39] Die Zufuhr von natürlichem Salpeter, vor allem aus Chile, war durch die britische Blockade unterbrochen, nun wurde die synthetische Salpeterproduktion in enger Kooperation von Staat und Wirtschaft (so genannter „Organisierter Kapitalismus“) förmlich schlagartig hochgefahren. Die Zahlen geben, unabhängig von der moralischen Bewertung, auch ein Bild von der Leistungsfähigkeit industrieller Systeme unter enormem Druck: Bereits Mitte Dezember 1914 schloss die Ludwigshafener BASF mit dem preußischen Kriegsministerium einen Vertrag über den Bau einer Salpeterfabrik für eine Herstellung von 7.500 Tonnen im Monat (im letzten Vorkriegsjahr 1913 hatte Deutschland fast 800.000 Tonnen Chilesalpeter importiert). Die erste Produktion in den neuen Anlagen lief bereits im Februar 1915 an, Anfang 1916, also noch vor dem so genannten Hindenburg-Programm vom Spätsommer dieses Jahres, erreichten die nun zur Verfügung stehenden zehn Salpeteranlagen eine Monatsleistung von 30.400 Tonnen. Ähnlich nach oben bewegten sich die Zahlen bei der Herstellung von Ammonsulfatdünger, der für die landwirtschaftliche Produktion schon deshalb unverzichtbar war, weil organischer Dünger aus Tierexkrementen (s. u.) immer weniger zur Verfügung stand. Aus strategischen Gründen, insbesondere um im weiteren Verlauf des Krieges der Gefahr französischer Luftangriffe am Oberrhein zu entgehen, wurde im April 1916 zwischen der BASF und dem Deutschen Reich das gigantische Werk „BASF, Ammoniakwerk Merseburg“, später und bis heute als Leuna-Werk bekannt, unterzeichnet. Es nahm schon im Folgejahr seinen Betrieb auf und entwickelte sich zu einem der auch zeitgeschichtlich bedeutsamsten deutschen Industriezentren: Diese Entwicklung reicht von kommunistischen Aufständen zu Beginn der Weimarer Republik an diesem Standort über seine Funktion als Zentrum nationalsozialistischer Autarkiepolitik, seine Rolle als Mittelpunkt des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 bis hin zum Abstieg einer ökologisch immer unverantwortlicher werdenden Braunkohlechemie der DDR und zu den Auseinandersetzungen um die Privatisierung nach der Wende 1989/90.

Fritz Habers zweiter großer „Beitrag“ zum industrialisierten Ersten Weltkrieg war der Einsatz von Kampfgas. Die Meinungen über die Verwendung einer solchen Waffe waren im deutschen Offizierskorps geteilt: Die Technokraten in der Obersten Heeresleitung unter dem neuen Generalstabschef von Falkenhayn wie dem späteren Obersten Max Bauer plädierten dafür. Militärs, die sich eher vom traditionellen Ehrenkodex, aber auch von klassischen operativen Überlegungen leiten ließen, standen dieser neuen Waffe ablehnend gegenüber. So äußerte sich der Oberbefehlshaber der dritten Armee und frühere preußische Kriegsminister Generaloberst Carl von Einem so: „Aber ich bin wütend über das Gas und seine Verwendung, die mir widerlich gewesen ist von Anfang an. Wir verdanken die Einführung dieses so unritterlichen, nur von Schuften und Verbrechern sonst gebrauchten Mittels in die Kriegsführung natürlich Falkenhayn, dessen Abenteuerlichkeit glaubte, mit diesem Mittel im Handumdrehen den Krieg zu gewinnen. Jetzt haben es unsere Feinde auch.“[40] Die Motive, die hinter dieser kritischen Aussage stehen, lassen sich heute wohl nicht mehr eindeutig darlegen. Dass für einen preußischen Offizier nach herkömmlicher Sozialisation die Gaswaffe nicht satisfaktionsfähig war, mochte auf der Hand liegen. Ob hier auch antisemitische Phobien gegen Fritz Haber mitgespielt haben, kann man zumindest vermuten: Gas eignete sich durchaus als Chiffre für das Stereotyp vom Einsatz unmännlicher Instrumente statt der Auszeichnung durch persönliche Tapferkeit. Umgekehrt galt, dass Professor Haber, als Fachgelehrter eine herausragende Persönlichkeit, über die Maßen auf Ehre und Anerkennung durch die führenden Personen des Kaiserreiches bedacht war und dabei auch mancherlei Diskriminierung in Kauf nahm. So rangierte er bei all seinem militärischen Einsatz nur als Hauptmann der Reserve, was in keiner Weise seinem eigentlichen Status entsprach.

Der deutsche Gaskrieg begann mit dem Abblasen von tödlichem Chlorgas am 22. April 1915 bei Ypern. Von vornherein war auch klar, dass diese Waffe jedenfalls dem Sinn der Haager Landkriegsordnung von 1899/1907 widersprach, wenn auch mancherlei Kautelen dafür zurechtgebogen wurden, dass rechtspositivistisch nach dem damaligen Stand eine Übereinstimmung mit dem Völkerrecht jedenfalls propagiert werden mochte. Im strategischen Sinne weitgehend wirkungslos war der Gaskrieg auf Dauer schon deshalb, weil naturgemäß auch die Gegner sich nun bald dieses Verfahrens bedienten und darüber hinaus zumindest an der Westfront die Windverhältnisse im Regelfall ohnehin die Alliierten bevorzugten (Westwinddrift).

Habers erste Ehefrau, die Chemikerin Dr. Clara Immerwahr, erschoss sich mit seiner Dienstpistole in der Nacht vom 1. auf den 2. Mai 1915. Offenkundig war die Tat durch das Entsetzen über den Gaskrieg, aber auch durch sehr private Beweggründe motiviert worden.

Kriegsfinanzierung

Die ungeheueren Aufwendungen und Dimensionen des industriellen Krieges verursachten von Anfang an auch ungeheuere Kosten. Die Gesamtaufwendungen des Krieges sollten sich schließlich auf 155 Milliarden Mark belaufen; hingegen hatte das Reich im letzten Vorkriegsjahr 1913 lediglich 2,6 Milliarden Mark ausgegeben. Auch wenn man hier zumindest teilweise den preußischen Staatshaushalt mit in Anschlag bringt, bleibt eine geradezu nach Quantensprüngen zu messende Diskrepanz. Deutschland als Land nachholender Industrialisierung mit, insbesondere im Vergleich zu Großbritannien und Frankreich, weit überdurchschnittlichem Investitionsniveau verfügte selbst nicht über einen starken Kapitalmarkt und war nunmehr auch von den großen Kapitalmärkten in Paris, London und New York abgeschnitten. Die Bewilligung der ersten Kriegskredite vom 4. August 1914 beinhaltete zunächst eine Kreditaufnahme in Höhe von 5 Milliarden Mark bei der Reichsbank. „Technisch vollzog sich die Kriegsfinanzierung in folgender Weise: Die Reichsregierung ließ sich durch den Reichstag in regelmäßigen Abständen zur Aufnahme von Krediten ermächtigen. Durch Diskontierung von Reichsschatzscheinen bei der Reichsbank machte sie von dieser Ermächtigung Gebrauch. […] Die Erträge aus den Anleihen waren dann dazu bestimmt, die kurzfristige Verschuldung der Regierung gegenüber der Reichsbank zu konsolidieren.“[41] Insgesamt wurden bei der deutschen Bevölkerung im Abstand von jeweils sechs Monaten acht Kriegsanleihen aufgelegt. Als im Frühjahr 1918 nach dem Zusammenbruch Russlands und im Zeichen der beginnenden großen deutschen Westoffensive noch einmal Erwartungen auf einen durchschlagenden militärischen Erfolg entstanden waren, zeichneten die deutschen Anleger allein bei dieser Anleihe 14,8 Milliarden Mark. Die Anleihen wurden jeweils mit 5% verzinst und waren auf zehn Jahre angelegt.

Zwei grundlegende Faktoren waren bei dieser Struktur der Kriegsfinanzierung klar: Zum einen erfolgte eine ungeheuere Aufblähung des Geldkreislaufs mit, wenn auch vielfach zunächst zurückgestauten, inflationären Potenzialen. Schon während des Krieges stiegen Preise und Löhne, letztere insbesondere im Bereich der Arbeiterschaft, was hier zu einem teilweise bemerkenswerten ökonomischen Aufschließen gegenüber Angestellten und Beamten führte. Zum anderen musste auch deutlich sein, dass das Reich derartige Kreditvolumina ohne Siegfrieden und Reparationen von der so genannten Feindseite nie würde begleichen können. Patriotischer Konformitätsdruck im Verein mit Siegeserwartungen haben vor allem das deutsche Bürgertum veranlasst, große Teile seines Vermögens in diese Kriegsanleihen zu investieren. Eine Finanzierung durch Steuererhöhungen, insbesondere im Bereich der Kriegsgewinne, hätte zwar nicht die Gesamtkosten des Krieges aufzubringen vermocht, aber doch zumindest zu etwas solideren Verhältnissen geführt. Dies gelang insbesondere Großbritannien, während auch Frankreich sich stark von Kriegsanleihen abhängig machte (London und Paris nehmen ihre Kredite vor allem in den USA auf, was diese binnen weniger Jahre zum zentralen Gläubiger der Weltwirtschaft werden ließ). Geht man kontrafaktisch von der Hypothese eines Verständigungsfriedens ohne Sieger und Besiegte, insbesondere ohne „Annexionen und Kontributionen“, wie in der zweiten Kriegshälfte (s. u.) ja auch von der deutschen Reichstagsmehrheit gefordert wurde, aus, dann musste sich für beide Bündnissysteme unweigerlich die Frage einer internen Begleichung der Kriegslasten aus ihrem jeweils eigenen Potenzial stellen. Die Sorge vor den Legitimationsfragen, die sich mit einer derart bitteren Perspektive verbanden, hat zweifellos die Krieg führenden Mächte mit zur Intensivierung ihrer Anstrengungen und zur Hintanstellung einer Friedensoption veranlasst. Aber hier spielten beide Seiten Vabanque und nur eine Seite konnte am Ende zumindest relativ gewinnen.

Ernährung

Noch deutlich weniger als Rohstoffengpässe und fiskalische Probleme wurden bei Beginn des Ersten Weltkrieges in Deutschland offenkundig die künftigen Engpässe bei der Ernährung gesehen. Deutschland war, nimmt man tierische und pflanzliche Lebensmittel zusammen, 1914 zu 90% Eigenversorger. Da die Konsumtion seit der Mitte des 19. Jahrhunderts deutlich angestiegen war, konnte man oberflächlich auch bei neun Zehntel des bisherigen Niveaus von einer durchaus noch erträglichen Ernährungslage ausgehen. Aber in Wirklichkeit lagen die Dinge viel komplizierter:

Die deutsche Landwirtschaft konnte auf dem bisherigen Niveau nur bei hoher Futtermitteleinfuhr und hoher Düngerintensität weiterarbeiten. Hinzu kam, dass die Mobilisierung insbesondere der Landwirtschaft viele Arbeitskräfte entzog, da das Kaiserreich seine Rekruten bevorzugt aus dem ländlichen Milieu genommen hatte. Schließlich wuchs während des Krieges der Abstand zwischen den Vergütungen in Landwirtschaft und Industrie. Die höhere Attraktivität der Werkbank reduzierte gleichfalls das Arbeitskräftepotenzial in der Landwirtschaft. Schließlich noch ein weiterer Aspekt, der in unserer Zeit der Maschinenlandwirtschaft nicht mehr recht gesehen wird: Ohne Pferde ging es nicht oder zumindest nur sehr schlecht. Große Teile des deutschen Pferdebestandes wurden aber von Anfang an militärisch eingesetzt, noch am wenigsten bei der Kavallerie, sondern insbesondere bei der bespannten Artillerie und zur militärischen Versorgung schlechthin. Sie fielen nunmehr als Zug- und Arbeitstiere im Hinterland aus. Und alle Engpässe mussten sich zyklisch von Jahr zu Jahr verstärken: Je weniger und je schlechteres Saatgut es gab und je weniger man den Boden angemessen zu bearbeiten vermochte, desto mehr sanken auch die Erträge. Verschärfend trat hinzu, dass 1914 zunächst keinerlei Vorsorge getrieben wurde – im Gegenteil: Man wollte offensichtlich, wie auch in einer belagerten mittelalterlichen Stadt, deren Bewohner die letzten Nahrungsmittel über die Mauerzinnen werfen, um den Belagerern die Erfolgserwartung zu nehmen, signalisieren, dass alles zum Besten stand. Wenn man den Zeugnissen glauben darf, gab es in Deutschland nie so viel Kuchen, Stollen und Weihnachtsgebäck wie zum Christfest 1914. Ostentativ wurden in der Propaganda übergewichtige Landsturmleute als Ausweis buchstäblich fetter Verhältnisse abgebildet. Und als schließlich ab Anfang 1915 immer deutlichere Engpässe erkennbar wurden, wurde vielfach unter dem Diktat von Militärs, die hier wenig Sachverstand bewiesen, punktuell interventionistisch mit auf Dauer falschen Wirkungen agiert: So kam es 1915 in Deutschland zur berühmten Schweineschlachtung, einer rapiden Absenkung des Bestandes an Schweinen im Land um 9 Millionen Tiere, weil man im Schwein vor allem nur noch den Konkurrenten des Menschen bei der Versorgung mit pflanzlichen Nahrungsmitteln sah. Vergessen wurde dabei, welchen Beitrag insbesondere dieses Nutztier zur Düngung von Feldern leistet. Es gibt Berichte aus den Nürnberger Krankenanstalten, dass damals die Patienten während der Wochen dieser Schlachtphase in einem Maße mit Schweinefleisch versorgt, ja traktiert wurden, das zu Überdruss und Ekel führte.

1915 sank die Brotration auf 220 Gramm Mehl pro Tag, dann auf 200 Gramm, rund 60% des durchschnittlichen Friedensverbrauches. Im Frühjahr 1916 kam es zu den ersten großen Straßenprotesten gegen Hunger. Im Mai des Jahres wurde dann reichsweit ein Kriegsernährungsamt eingerichtet, das in diesem Bereich auch den reichsinternen Föderalismus außer Kraft setzte. Die schmalsten Ernährungszeiten sollten freilich erst in der zweiten Kriegshälfte folgen.

Arbeitskräfte, soziale Verhältnisse

Die tief greifenden Veränderungen, die der Erste Weltkrieg in allen Ländern für den Gesamtbereich der Sozial- und Lebensbeziehungen brachte, waren gewiss schwer vorhersehbar gewesen. Hinzu kam, dass in den ersten Monaten zunächst nur die ohnehin zu erwartenden kurzfristigen Änderungen eintraten, insbesondere ein vorübergehender steiler Anstieg von Arbeitslosigkeit: Arbeitslosigkeit stellte sich trotz der Massenmobilisierungen für die Wehrpflichtarmeen ein, weil die normale Friedensproduktion rasch absank. Die vielfach befürchteten Unruhen aus diesem Grund blieben aber aus, denn spätestens ab Anfang 1915 wurde aus einem Arbeitskräfteüberangebot ein Arbeitskräftemangel. Die Armeen verlangten stetig neuen Nachschub an Soldaten und insbesondere sprang die Kriegsproduktion in ungeahnter Weise an. Dies hatte auch zur Folge, dass in der Rüstungswirtschaft die höchsten Löhne gezahlt wurden, sodass etwa viele Landarbeiter ihren Arbeitsplatz von Feldern und Ställen in Werkhallen verlegten. Diese Entwicklung trug dann ihrerseits zum Absinken der Agrarproduktion bei.

In Deutschland ging man erst im Zusammenhang mit dem so genannten „Hindenburgprogramm“ in der zweiten Hälfte des Jahres 1916 zur eigentlichen Dienstpflicht über, in Frankreich waren die Arbeitsverhältnisse deutlich stärker als in Deutschland militarisiert: Rüstungsarbeiter, die zu den militärpflichtigen Jahrgängen zählten, blieben, auch wenn sie in den Fabriken und nicht an der Front eingesetzt wurden, im Soldatenstatus und unterstanden weiterhin militärischen Vorgesetzten. In Deutschland hingegen wurden die für die Produktion unverzichtbaren Arbeiter – es handelte sich dabei jeweils um Hunderttausende – vorübergehend oder auf jeweils längere Dauer aus dem Heeresdienst in die Zivilwirtschaft überstellt, freilich zunehmend intensiv überwacht.

Eine Vermehrung des Arbeitskräftepotenzials ergab sich durch die Beschäftigung von Jugendlichen, von Frauen und von Kriegsgefangenen. Dabei gab die Wirtschaft in Deutschland paradoxer Weise vielfach gerade Letzteren den Vorzug, weil hier oft Facharbeiterkompetenzen vorzufinden waren. „Die Beschäftigung von Jugendlichen (14 bis 16 Jahre) stieg in Deutschland um 59 Prozent im Maschinenbau und ungefähr 10 Prozent in allen übrigen Fabriken.“[42] Hinzunehmen muss man schließlich gerade für Deutschland die Einführung von durch Ausländer geleisteter „Zwangsarbeit“. Wenn sie auch quantitativ und vor allem in ihrer qualitativen, später vielfach mörderischen Form noch keineswegs die Dimensionen des Zweiten Weltkrieges annahm, lässt sich doch zumindest die These vertreten, dass hier vorab eine Entwicklung in diese Richtung stattfand. Die beiden großen Reservoirs, aus denen das Deutsche Reich hier schöpfen konnte, waren die eroberten Regionen Belgiens und ab 1915 Polens. Zunächst waren bei Kriegsausbruch die in Deutschland beschäftigten 300.000 bis 350.000 polnischen Saisonarbeiter in der Landwirtschaft festgehalten worden. In Belgien hatten bis Oktober 1916 trotz großer sozialer und materieller Nöte nur 30.000 Arbeiter angeworben werden können. Der Druck der Wirtschaft auf die Dritte, ohnehin sehr viel aggressivere Oberste Heeresleitung mit Generalfeldmarschall von Hindenburg und General Ludendorff an der Spitze führte schließlich zwischen November 1916 und Februar 1917 zu Zwangsdeportationen nach Deutschland. Kam es hier unter internationalem Druck dann auch sehr bald zu Milderungen und wieder zum Übergang zu Akquisition auf freiwilliger Basis, so wurden die gegenüber Polen praktizierten Verhaltensweisen weitgehend unvermindert fortgesetzt.

Die Erhöhung des weiblichen Einsatzes stellte teilweise auch eine Umschichtung dar: Die Zahl der bis dahin tätigen „Dienstmädchen“ – Ausweis eines höheren, bürgerlichen Lebensstils – sank rapide. „So sank im deutschen Bereich der Anteil der Dienstboten an den weiblichen Versicherten von 31% auf 17%, in Großbritannien ging er von 28% auf ebenfalls 17% zurück.“[43] Trotz großer, ideologisch präformierter Bedenken hinsichtlich der Sozialisation von Frauen in der modernen Industriewelt kam man in Deutschland nicht umhin, Frauen in größerer Zahl in der Industrieproduktion, aber auch in der Infrastruktur, im Verkehrswesen und in Nachrichtenzentralen, zu beschäftigen. Ein ähnliches Bild bot sich in Frankreich und Großbritannien. Auch durch diesen Wandel bahnte sich die Änderung des äußeren Erscheinungsbildes der Frau an, die dann zu einem so augenfälligen Kontrast zwischen Vor- und Zwischenkriegszeit führte: Die bis dahin normbildende weibliche Kleidung, mit bodenlangem Rock und Korsett, widersprach einfach zu eklatant den technischen Zwängen der Arbeitswelt. Auch die verkrampfte, in Ausläufern noch lebendige wilhelminische Gesellschaft in Deutschland, die viktorianische in Großbritannien musste nun Frauen in Hosen ertragen, die Wartungs- und Reinigungsarbeiten durchführten.

Wenig erbaut hatten die Obrigkeiten auch zur Kenntnis zu nehmen, dass der Krieg das Intimleben breiter Schichten tief greifend veränderte. Millionen von Frauen, deren Männer an der Front standen oder bereits gefallen waren, mussten nun allein Haushalte führen. Sexuelle Kontakte und hier insbesondere vorehelicher Verkehr nahmen rapide zu, dagegen sanken in ganz Europa deutlich die Geburtenziffern. Zum durch den Krieg massenhaft veränderten Intimleben gehörte auch eine deutlich verbreitete Kenntnis und Anwendung von Verhütungsmitteln.[44] Nicht zuletzt aus demografischen Gründen erhielten die französischen Soldaten ab Juli 1915 Heimaturlaub.

Zu den wichtigen sozialpsychologischen Wandlungen, die der Krieg mit sich brachte, gehörte allerdings offensichtlich auch das sehr weitgehende, wenn nicht vollständige Verschwinden des Duells, also jenes postfeudalen Zweikampfes, der die gesamte Gesellschaft in zwei Kategorien schied: Die Satisfaktionsfähigen und die Nichtsatisfaktionsfähigen. Satisfaktionsfähig waren, seit das Duell die unmittelbaren Grenzen des Adels überschritten hatte, auch Akademiker, Reserveoffiziere und sämtliche höhere Angehörige des Staatsdienstes. Wenn auch der Krieg den sozialen Vorrang des Offiziers in einer Weise bestätigte, die sich insbesondere 1917/18 als ungemein belastend erweisen sollte – so war der Aufstieg aus dem Unteroffiziersbereich auch nach den extrem hohen Verlusten des Stellungskrieges kaum möglich –, so trat doch jedenfalls die formale Scheidung zwischen duellfähig und nicht duellfähig ein gutes Stück zurück. Folgt man dem Soziologen Norbert Elias[45], dann war auf der britischen Insel das entlastende Ventil zum kontinentaleuropäischen, vor allem deutschen und österreichisch-ungarischen Duellwesen schon im 19. Jahrhundert der Sport. Er erlaubte freiere Formen des Aggressionsabbaus, des Umgangs von Wettbewerbern und Nebenbuhlern miteinander. Bemerkenswert ist nun, dass nach dem Ersten Weltkrieg der Sport gesamtgesellschaftlich, d. h. konkret von der Arbeiterschaft bis zum Kronprinzen, auch in Deutschland zum Massenphänomen mit enormem Zuspruch wurde. Boxen, Rad fahren, Automobilrennsport, Fußball, all dies wurde sehr schnell gesellschaftsfähig. Hier liegt zumindest ein Indikator dafür, dass der Krieg als großer Gleichmacher eben doch zumindest in Ansätzen ein Stück mehr gesellschaftliche Durchlässigkeit und im unmittelbaren Wortsinne Bewegungsfreiheit mit sich brachte.

Die mit dem Krieg verbundene innere Mobilisierung führte in Deutschland zu einer deutlich erweiterten Arbeitsgrundlage für die Gewerkschaften. Ihre Integration in das politisch-gesellschaftliche System ging auch ein Stück weiter als die der SPD. Schon in den letzten Tagen vor Kriegsausbruch waren SPD wie Gewerkschaften von der Reichsleitung – selektiv – informiert und konsultiert worden. Die etwas kurios anmutende, in aller Hast begonnene Reise von Friedrich Ebert mit dem späteren preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun Ende Juli 1914 in die Schweiz, um dort die Finanzmittel der Partei in Sicherheit zu bringen, erwies sich als gänzlich unbegründet. Gerichtliche Verfahren gegen einzelne Gewerkschaftsführer wurden bei Kriegsbeginn aufgehoben. Gewerkschaftsführer wurden auch nicht rekrutiert. Landarbeiter wie Staatsangestellte konnten jetzt Mitglieder in den Interessenvertretungen der Arbeitnehmer werden. Die schon informell immer bedeutsamer gewordene Mitwirkung der Gewerkschaften wurde mit dem „Hilfsdienstgesetz“ (s. u.) vom Dezember 1916 auf eine neue Grundlage gestellt.

Propaganda

Der Erste Weltkrieg war keineswegs der erste Propagandakrieg.

Und auch schon lange zuvor wusste man, dass es nicht nur auf den Inhalt von Argumenten, sondern mindestens ebenso auf mediale Techniken und kommunikative Instrumente ankommt. Caesars brutale Niederwerfung der gallischen Stämme im 6. Jahrzehnt vor Christi Geburt, aus der Warte imaginierter kultureller Überlegenheit im „Bellum Gallicum“ heroisch verbrämt, ist ein frühes Beispiel für die propagandistische Auf- und Umwertung kriegerischer Konflikte. Ein Anderes sind die Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Papst, durch Lyrik und Mund-zu-Mund-Propaganda untermauert, in der Zeit des Investiturstreits vom 11. zum 12. Jahrhundert. Mit aller nur denkbaren Heftigkeit prallten Positionen in den Religionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts aufeinander. Hier bescheinigten die Parteien einander auch jeweils diabolische Verkommenheit in denkbar größtem Ausmaß. Nun, nach der Erfindung der Druckkunst, kam eine enorme Verbreitung von Sprachregelungen und Parolen hinzu. Sowohl der Siebenjährige Krieg von 1756–1763 als auch noch sehr viel mehr die Konflikte des napoleonischen Zeitalters, beginnend mit den französischen Revolutionskriegen, konfrontierten Europa mit neuen Agitationskampagnen. Es ging im 18. Jahrhundert um die Auseinandersetzung zwischen einem aufgeklärten norddeutschen Staatswesen in Gestalt Preußens und einem angeblich paralysierten Reichsverband, von außerdeutschen habsburgischen und französischen Interessen beherrscht bzw., im Gegenzug, um die Bekämpfung eines Friedensbrechers (Friedrich II. von Preußen), der unprovoziert Sachsen überfallen und damit das Reichsgefüge aufs Schwerste erschüttert hatte. Die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert schließlich zeitigte zunächst die Konfrontation zwischen reaktionären absolutistischen Staatswesen, vor allem in Gestalt der beiden Großmächte Österreich und Preußen, und dem revolutionären, bürgerlicher Emanzipation verpflichteten Frankreich, dann, im Zeichen napoleonischer Suprematie, den Konflikt zwischen dem gewalttätigen Hegemonialanspruch eben dieses Frankreichs und dem Anspruch seiner Gegner in ganz Europa auf Freiheit und Selbstbestimmung. Mit letzterem Begriff, der damals noch gar nicht recht geläufig war, öffnete sich zugleich der Weg zur propagandistischen Überhöhung des Ersten Weltkrieges.

Zunächst suchten beide Seiten durch die verschiedensten selektiven Aktenveröffentlichungen ihre Unschuld am Kriegsausbruch darzutun. Sodann galt es, die tatsächlichen oder angeblichen Intentionen der jeweiligen Feindesseite bloßzulegen: Auf deutscher Seite die Argumentation mit Neid und Missgunst gegenüber der expansiven ökonomischen Entwicklung des Landes und mit einer raffinierten Einkreisung, wobei vor allem Großbritannien – „dem perfiden Albion“ – die Schuld gegeben wurde. Die Alliierten hingegen ziehen Deutschland des Herrschafts- und Hegemonialanspruches, der mittels Angriffskrieg durchgesetzt werden sollte. Schon aus diesen eher nur machtpolitischen Gegensätzen ergab sich für beide Seiten die Motivation, auf Sicherheit vor dem jeweiligen Gegner zu bestehen. Durch Deutschland wehte so etwas wie eine, obwohl der Begriff erst unmittelbar danach in der Zwischenkriegszeit auftrat, „antikapitalistische Sehnsucht“. Deutschland sei das Land der heroischen, ehrlichen Menschen, die anständige Arbeit ablieferten und nicht auf schnöde Profite wie ungerechtfertigte Gewinne sähen. Werner Sombart, der die historische Schule der deutschen Volkswirtschaftslehre gegen eher mathematisch berechnende, betriebswirtschaftliche Modelle vertrat, prägte 1915 die hier klassisch gewordene Formel „Händler und Helden“. In eine parallele Richtung gingen Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“. Ideologisch wirksam wurde in den „Ideen von 1914“ der Gedanke des großen Ganzen, durchaus die spätere Volksgemeinschaft präformierend, dazu ein stark überhöhtes Leitbild vom Staat, das in den Gegensatz zur angeblichen Parteienwirtschaft in Westeuropa gestellt wurde. Zudem beschworen evangelische und katholische Kirche wie auch die jüdische Seite in Deutschland gleichermaßen das Bild vom gerechten, patriotischen Krieg. Agitatorisch leichter taten sich von Anfang an die Kriegsgegner Deutschlands. Sie hatten nicht nur insofern günstige Rahmenbedingungen, als sie sich auf den französischen und angelsächsischen Sprachraum mit seinen weltweiten Dimensionen stützen konnten. Schon zu Kriegsbeginn wurden die deutschen Überseekabel gekappt, sodass auch die telegrafische Kommunikation aus dem Reich stark eingeschränkt war. Vor allem konnte die alliierte Propaganda auf die deutschen Gräueltaten in Belgien und Nordfrankreich in den ersten Kriegswochen verweisen. Bilder wie die vom Brand der Universitätsbibliothek im belgischen Leiden machten in ganz Europa Eindruck. Schwerer taten sich Großbritannien und Frankreich naturgemäß damit, den monarchisch-autoritären Charakter Deutschlands und Österreich-Ungarns negativ gegen ihre demokratisch-parlamentarischen Ordnungen abzugrenzen. Denn als ideologischen Ballast einerseits und politisch-militärisch unverzichtbaren Verbündeten andererseits hatten sie ja das weithin absolutistische, in manchen Zügen despotische Russland auf ihrer Seite. Diese Konstellation sollte sich erst mit der Februarrevolution 1917 in Petrograd und dem vorübergehenden Übergang Russlands in eine republikanisch-demokratische Verfasstheit ändern. Hinzu kam der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten (s. u.) im April 1917. Zumindest auf der Großmächteebene standen nunmehr fast idealtypisch liberale und plurale Ordnungen gegen autoritär-feudale, insbesondere unter Einschluss des Osmanischen Reiches, auf der Seite der Mittelmächte. Ganz dem Gedanken einer demokratischen „Zivilreligion“ verpflichtet gaben die USA dieser Systemauseinandersetzung zwischen Hell und Dunkel, Gut und Böse enorme Schubkraft. So wurde bereits in dieser frühen Stummfilmzeit der Apparat von Hollywood auf die „Produktion antideutscher Filme (umgestellt, P.M.), die in noch stärkerem Maß, als dies in Frankreich oder England bereits der Fall war, den Topos vom ‚deutschen Barbaren‘ sexuell konnotierten und Vergewaltigungs- und Überwältigungsängste, Sadismus und Brutalität aller Art außerordentlich effektiv andeuteten oder ins Bild setzten.“[46] Trug die propagandistische Auseinandersetzung zwischen Deutschland und den USA einen universalen Charakter, in Gestalt des Antagonismus zwischen menschheitlichen Werten und einem deutschen Wesen, das schwerlich wirklich zu fassen war, so gab es in Frankreich und Großbritannien Texte und Plakate vielfacher Art, die deutsche Grausamkeiten mit sadistischem Hintergrund kolportierten. Langfristig gesehen zeitigte diese überschießende Gräuelpropaganda sehr negative Folgen: Da sich in der Zwischenkriegszeit klar ergeben sollte, dass es zwar Erschießungen und Morde, aber keine ungehemmten Vergewaltigungen und Verstümmelungen gegeben hatte, stießen die tatsächlichen massenhaften Verbrechen der Nationalsozialisten rund ein viertel Jahrhundert nach dem Ersten Weltkrieg lange und vielfach auch bei den nunmehrigen deutschen Kriegsgegnern auf Unglauben. Nicht zuletzt dieses Beispiel zeigt, wie fatal, komplex und unbeherrschbar die Folgen von Agitation und Emotionalisierung sein können. Bei den Soldaten selbst, die einander oft auf wenige Dutzend Meter Entfernung gegenüber lagen und sich so durchaus auch kennen lernten, nicht nur beim berühmten inoffiziellen Weihnachtswaffenstillstand der Westfront 1914, sondern auch bei Gefangennahme und gemeinsamem Überleben im Granattrichter, dürften derartige Kampagnen noch am wenigsten verfangen haben.[47]

Von Anfang an ein Weltkrieg

Als historisch erster ‚Weltkrieg‘ firmiert weithin der Siebenjährige Krieg von 1756 bis 1763. Er wurde auf mindestens drei Kontinenten, im Zentrum Europas, in Nordamerika wie in der Karibik und in Indien, ausgetragen und er zeitigte am Ende zwei wesentliche Klärungen von kontinentaler bzw. welthistorischer Bedeutung: Die Besiegelung des Aufstiegs Preußens zur fünften europäischen Großmacht, zugleich mit der Folgewirkung einer tief greifenden und endgültigen Schwächung der konföderativen Ordnung des Heiligen Römischen Reiches in der Mitte Europas, ferner die Verdrängung Frankreichs als politischer Faktor aus Nordamerika und auch vom indischen Subkontinent, sodass entscheidende Voraussetzungen für den Aufstieg Großbritanniens zur außereuropäischen Hegemonialmacht geschaffen waren. Nach Geographie und Intensität wurde auch der ,offizielle‘ Erste Weltkrieg von Anfang an, also nicht erst mit dem Eintreten der USA in den Konflikt 1917, als tatsächlicher Weltkrieg geführt. Frankreich entschloss sich dazu, seine in Nordafrika stehenden Truppen, sofern sie dort nicht unbedingt gebraucht wurden, sofort mit der Mobilmachung ins Mutterland zu überführen und gegen Deutschland einzusetzen. Die Verwendung farbiger afrikanischer wie indochinesischer Truppen unter französischem Oberbefehl provozierte in Deutschland im Übrigen sehr schnell rassistische Vorbehalte – was sei das schon für ein Land, so diese Lesart, das ein minderwertiges Völkergemisch gegen ein Kulturvolk ins Feld stelle?[48]

Strategisch viel gravierender war freilich noch die von Anfang an gegebene Mitwirkung der britischen Dominions. Mit der britischen Kriegserklärung an Deutschland vom 4. August 1914 sahen sie sich automatisch als mitwirkende Kriegspartei. Bei Beginn des Zweiten Weltkrieges sollte sich hier im Übrigen bereits ein ganz anderes Bild ergeben: Die Dominions, die sich in der Zwischenkriegszeit ein gutes Stück von London emanzipiert hatten, gaben nunmehr eigene Kriegserklärungen ab und die Republik Irland, seit 1921 ein eigener Staat, hielt ostentativ bis 1945 am Status eines Neutralen fest.

Kanada, Australien und Neuseeland, Südafrika und schließlich, wenn auch kein Dominion, Indien verstärkten das britische Potenzial von Anfang an erheblich. Südafrikanische Truppen zwangen 1915 die deutschen Einheiten in Südwestafrika (s. u.) zur Kapitulation, fanden zugleich aber in den Schützengräben und Trichterfeldern der Westfront ebenso Verwendung wie die Kontingente aus Australien und Neuseeland (ANZAC – Australian and New Zealand Army Corps). Zunächst waren diese Einheiten vor allem bei gegen das Osmanische Reich gerichteten Landungen auf Gallipoli im April 1915 (s. u.) eingesetzt worden. Allein Australien mobilisierte für den Ersten Weltkrieg insgesamt 300.000 Soldaten, von denen 60.000 nicht überlebten. Noch vor Ende des Jahres 1914 sollte sich hingegen zeigen, wie wenig der Weltmachtanspruch Deutschlands politisch und strategisch unterfüttert gewesen war: Die Hoffnungen, die deutschen Kolonien könnten sich aus dem Konflikt heraushalten, erwiesen sich sofort als trügerisch: Japan belagerte auf der Grundlage seines 1902 mit Großbritannien abgeschlossenen Bündnisses mit Großbritannien die deutsche Kolonie Kiautschou in China, nahm sie am 7. November 1914 ein und beteiligte sich trotz fortdauernden Kriegszustandes mit dem Deutschen Reich in der Folge kaum mehr am Konflikt, bis die Revolution in Russland Anlass zu einer Intervention in Ostsibirien gab. Alle anderen deutschen Kolonien in Ozeanien fielen mehr oder weniger kampflos den Alliierten in die Hände. Eine auch für Großbritannien schwierige Situation ergab sich zu Kriegsbeginn im südlichen Afrika: Hier war der Konflikt zwischen Buren und Engländern, der zuvor im Burenkrieg an der Jahrhundertwende kulminiert war, zumindest mental noch nicht ausgestanden. Zahlreiche burische Soldaten der südafrikanischen Armee meuterten bei Kriegsbeginn, viele solidarisierten sich innerlich mit Deutschland und hofften auf dessen Erfolg. Und auf deutscher Seite gab es durchaus Erwartungen, bei einer Unterstützung dieser Entwicklung die ganze Situation im südlichen Afrika zu den eigenen Gunsten wenden zu können. Freilich kam es dann ganz anders: Die Meuterei in der südafrikanischen Armee wurde niedergeschlagen, die Kolonie Südwestafrika geriet unter Druck von Süden, aber auch von Norden, vom portugiesischen Angola aus. Die deutsche Kapitulation in Südwestafrika erfolgte am 9. Juli 1915, ein halbes Jahr später die in Kamerun. In den Mythen der Zwischenkriegszeit spielte der deutsche Widerstand in der größten und ökonomisch prosperierendsten Kolonie, in Deutsch-Ostafrika, im heutigen Tansania, eine erhebliche Rolle. Es war die einzige außereuropäische Position Deutschlands, die über das Waffenstillstandsdatum vom 11. November 1918 hinweg gehalten wurde. Oberstleutnant, später General Paul von Lettow-Vorbeck, ein außerordentlich zäher und ungemein harter Offizier, der sich nach dem Krieg ganz im rechten deutschnationalen Lager bewegte, konnte bis etwa zur Kriegsmitte den Territorialbestand der Kolonie weitgehend freihalten. Sein großes Plus war, dass sich die deutsche Schutztruppe im Land überwiegend aus eingeborenen Askaris rekrutierte, die den klimatischen Verhältnissen gewachsen waren und loyal zur Führung standen. In den letzten Kriegsjahren musste sich Lettow-Vorbeck freilich auf eine Art Guerillataktik beschränken, eine Kriegführung im gesamten ostafrikanischen Raum unter Einschluss Rhodesiens und der portugiesischen Kolonie Mozambique. Diese heute fast vergessenen Feldzüge schwächten die Infrastruktur der Region erheblich und begannen zugleich, auf eine freilich sehr subtile Weise den Legitimationsanspruch weißer Herrschaft in Afrika zu gefährden. War der Kolonialbesitz ein Pfeiler deutschen Weltmachtanspruches, so war die Flotte das zweite.

Die britische Fernblockade, von Anfang an auch gegen die Lebensmittelzufuhr nach Deutschland eingerichtet, dichtete Nordsee und Ärmelkanal gegen die deutsche Flotte ab. Wilhelm II. hatte apodiktisch verboten, die Existenz der Schlachtflotte in einer großen Auseinandersetzung mit den britischen Einheiten aufs Spiel zu setzen. Als Trumpfass sollte sie für Friedensverhandlungen aufgespart und über Wasser bleiben. Im Hintergrund schwang auch eine selbstverliebte Betrachtungsweise mit. Die schönen, eleganten Schiffe sollten keine hässlichen Löcher bekommen und dann kieloben in der See verschwinden. Damit aber entpuppte sich der ganze deutsche Flottenbau einmal mehr als gigantische Fehlinvestition. Kleine Scharmützel wie das Gefecht auf der Doggerbank 1915 zwischen britischen und deutschen Schlachtkreuzern änderten an dieser Gesamtlage so wenig wie die zeitweiligen Beschießungen britischer Küstenstädte durch deutsche Schiffe. Was blieb, waren die wenigen, schwach armierten deutschen Auslandskreuzer, die zunächst auf Kaperfahrt gingen. Zwar gab es im Ersten Weltkrieg noch keine Radar- und Satellitenüberwachung, die solche Überwassereinheiten sehr schnell aufgespürt hätten. Aber da die Kriegsschiffe von damals in relativ kurzen Abständen Kohle nachbunkern, dazu in heißen tropischen Regionen Frischwasser aufnehmen mussten, konnten sie nicht für sehr lange Zeit von der Bildfläche verschwinden. Das deutsche Überseegeschwader mit zwei größeren und drei leichten Kreuzern wurde nach einem Erfolg gegen ältere britische Einheiten vor dem chilenischen Hafen Coronel Anfang Dezember 1914 von britischen Schlachtkreuzern, die eigens in den Südatlantik entsandt worden waren, bei den Falklandinseln versenkt. Lediglich der kleine Kreuzer Dresden entkam und konnte sich noch vier Wochen auf See halten. Kennzeichnend für die politisch-militärische Verfassung im Lande mochte sein, dass dieses strategische Desaster, insbesondere die Bereitschaft von Schiffskommandanten und offenkundig auch Mannschaften, selbst in aussichtsloser Lage nicht zu kapitulieren, sondern mit wehender Fahne unterzugehen, nicht zu kritischen Nachfragen, sondern zu heroischer Überhöhung führte.

Der Kriegseintritt der Türkei

Geschichte machten in der Anfangsphase des Ersten Weltkrieges zwei andere deutsche Schiffseinheiten, die so genannte Mittelmeerdivision mit dem Schlachtkreuzer Goeben und dem leichten Kreuzer Breslau: Die beiden Schiffe, die nach dem Kriegseintritt Frankreichs und Großbritanniens im Mittelmeer eingesperrt waren, unternahmen nicht den eigentlich erwarteten Versuch, sich zum Bündnispartner Österreich-Ungarn in dessen adriatischen Kriegshafen Pola durchzuschlagen. Von Messina aus, wo sie im Zeichen eines bereits abkühlenden Klimas zwischen Italien und den Mittelmächten recht unfreundlich behandelt wurden, schlugen sie sich bis zum Bosporus durch. Damit stellte sich bereits unmittelbar in den ersten Augusttagen des Jahres 1914 die Frage nach der Orientierung der Türkei. Vertraulich war sie freilich bereits beantwortet worden: Am 2. August hatten das Deutsche und das Osmanische Reich einen Vertrag abgeschlossen, der einen Kriegseintritt Konstantinopels für den Fall vorsah, dass Russland selbst zur Kriegspartei auf der Seite der Gegner Deutschlands und Österreich-Ungarns werde. Dieser Fall trat nahezu zeitgleich ein. Die beiden vor Konstantinopel ankernden deutschen Kriegsschiffe Goeben und Breslau wurden so der erste Indikator dafür, dass hier eine eindeutige Parteinahme erfolgte. Da das Osmanische Reich einstweilen formal noch neutral war, traten die Schiffe äußerlich in türkische Dienste – und man hatte bei der Hohen Pforte dafür auch ein gutes Argument: Großbritannien hielt seinerseits jene Kriegsschiffe zurück und stellte sie in die eigenen Dienste, die von türkischer Seite aus bestellt worden waren und auf britischen Werften lagen. Übergang zum Kriegszustand und Aufnahme der Feindseligkeiten zwischen dem Osmanischen Reich und den Alliierten erfolgten dann Ende Oktober/Anfang November 1914. Naturgemäß kann man diesen Kriegseintritt als Harakiri bezeichnen und er war es insofern ja auch, als dieses in weiten Zügen feudal-orientalische Reich den Ersten Weltkrieg am Ende auch nicht überleben sollte. Bei der osmanischen Führung gab es gewiss viel Hybris, für die nicht zuletzt der starke Mann im Land, Kriegsminister Enver Pascha, stand. Strategisch äußerte sich diese Hybris dann in der Ende 1914, mitten in den Winter hinein aufgenommenen Offensive gegen die Positionen Russlands im Kaukasus. Sie führte hier zu einem Zusammenbruch mit rund 100.000 Toten. Zugleich ging es um einen strategischen Ort, der auch heute ebenso konfliktreich wie im Blick nicht zuletzt auf Ölinteressen geopolitisch außerordentlich bedeutsam ist. Darüber hinaus aber kann man in der gesamten strategischen Lage dieses Raumes 1914 bis 1918 in vielerlei Hinsicht Vorläufer späterer Konstellationen sehen. Das galt insbesondere auch für die osmanischen, von deutscher Seite unterstützten Vorstöße 1916 gegen den Suezkanal wie für die imperialistischen Projekte Großbritanniens und Frankreichs. Sie teilten nun, frei von deutscher Einflussnahme, wie während der Auseinandersetzungen um die Bagdadbahn (s. o.), den arabischen Raum präsumtiv unter sich auf.[49] Nahezu zeitgleich zum Sykes-Picot-Abkommen hatte die britische Regierung in der Balfour-Declaration, einem Brief des britischen Außenministers Balfour an Lord Lyonel Rothschild vom 2. November 1917, die „Schaffung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk“ in Palästina in Aussicht gestellt.[50] Nicht zuletzt mit diesen während des Ersten Weltkrieges getroffenen Absprachen wurden einerseits strategische Zonen unabhängig von arabischen Interessen eingerichtet, andererseits der arabischen wie auch der jüdischen Seite, die man jeweils für den Kampf gegen die Mittelmächte brauchte, Zusagen gemacht bzw. doch Perspektiven gegeben, die einander de facto widersprachen. Noch aber war es lange nicht so weit, noch ging es zunächst um die Frage, warum und mit welchen Aussichten das Osmanische Reich sich selbst eigentlich an diesem Konflikt beteiligte. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der „Kranke Mann am Bosporus“ zumindest darauf vertrauen können, dass die beiden stärksten Mächte in seiner Nachbarschaft, Großbritannien und Russland, einander misstrauisch beäugten und Großbritannien dem Zarenreich einen strategischen Durchbruch ans Mittelmeer nicht konzedieren könne. Umgekehrt war für Petersburg der Besitz Konstantinopels ein über Jahrhunderte gereifter, geopolitisch und ideologisch begründeter Traum. Das 1453 in die Hände von Muslimen gefallene alte Byzanz sollte vom orthodoxen Zaren aller Reußen befreit bzw. erlöst werden. Nun, da England und Russland in einer Allianz vereint waren, gab es für die Türkei diese Lebensversicherung nicht mehr. In ihrem Kalkül musste sie sich, wollte sie überleben, daher an jene Allianz binden, die das Gegenlager darstellte.[51] Sehen muss man zugleich, dass die Türkei – und hier wird dieser moderne Begriff bewusst gewählt – von 1914 bei all ihren Defiziten durchaus nicht mehr jene orientalisch-verschlampte Despotie war, wie sie romantisch verklärt in den Berichten von Reiseschriftstellern des 18. und 19. Jahrhunderts aufscheint.[52] Im Zeichen der militärisch und administrativ teilweise gut ausgebildeten, freilich nicht mit demokratisch-pluralem Öl gesalbten so genannten ‚Jungtürken‘ bahnte sich bereits seit Längerem die Entwicklung zu einem gegebenenfalls geographisch reduzierten und funktionalisierten türkischen Nationalstaat an.

Der Genozid an den Armeniern

Diese Modernisierungen forderten freilich ihren Preis und deren furchtbarster war dann der Genozid an den Armeniern im Jahr 1915: Innerhalb der Jungtürken (Regierungspartei „Komitee für Einheit und Fortschritt“) hatte sich 1910 eine Richtung durchgesetzt, die einen hinsichtlich religiöser und ethnischer Zusammensetzung pluralen Staat ablehnte. Damit wurde auch eine bis dahin geübte Kooperation zwischen Jungtürken und anderen ethnischen und religiösen Gruppen wie eben auch den Armeniern hinfällig. Unmittelbarer Ausgangspunkt zum Genozid war dann der fehlgeschlagene türkische Angriff im Kaukasus gegen die Russen und mit ihm verbunden ein gegen die armenische Bevölkerung im Land erhobener Verratsvorwurf. Nach dem so genannten „Aufstand von Van“ wurden Tausende von Armeniern in der Hauptstadt Konstantinopel verhaftet und zumeist ermordet, sodann an der Schwarzmeerküste unzählige Armenier auf See gebracht und ertränkt, im Binnenland, unter Einschluss von Kindern und Frauen, in Scheunen eingeschlossen und verbrannt, vor allem aber auf Todesmärsche gebracht, deren offizielles Ziel Syrien war. Neben unmittelbare Ermordung, insbesondere der Männer, traten hier massenhafter Tod aus Erschöpfung und Verdursten. Die Zahl der insgesamt zu Tode gekommenen wird heute meist auf 1,5 Millionen geschätzt.[53] Wichtigster Verantwortlicher auf türkischer Seite war der Innenminister Talât Pascha. Ihm wie anderen führenden jungtürkischen Politikern gelang am 2. November 1918 die Flucht an Bord eines deutschen Kriegsschiffes nach Odessa und von dort ins Deutsche Reich. Hier wurde er 1921 Opfer eines armenischen Attentats. Soweit der Verfasser dieses Beitrages informiert ist, wurde bei seiner Beisetzung in Berlin ein Kranz der deutschen Reichsregierung niedergelegt.

Die zeitgenössische deutsche Haltung gegenüber den Armeniermorden darf als vorrangig militärisch-opportunistisch bezeichnet werden. Ausnahmen gab es allenfalls bei kirchlichen deutschen Beobachtern. Proteste von Seiten der deutschen Botschaft richteten sich primär gegen sichtbar werdende Barbareien, nicht gegen Deportationen als solche. Im Dezember 1915 notierte Reichskanzler Bethmann Hollweg zu einem Bericht des deutschen Botschafters Wolf-Metternich, der deutlichere Kritik vorschlug: „Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Kriegs an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht.“[54] Hinter dieser Aussage verbirgt sich auf deutscher Seite ein Spektrum an Meinungen und Haltungen, das aber im Wesentlichen auf die eine Position zurückzuführen ist: Augen weitgehend vor den wahrgenommenen Verbrechen schließen, im Einzelfall gegen bestimmte Exzesse vorgehen, aber in jedem Fall den Primat des Bündniserhalts mit der osmanischen Türkei wahren. Insofern fielen Äußerungen, wie die in einer Eingabe an die Deutsche Botschaft in Konstantinopel durch Mitglieder der deutschen Kolonie in Konya, aus dem Rahmen: „Diese unmenschliche Behandlung bildet nicht nur für die Türken einen unauflöslichen Schandfleck in der Weltgeschichte, sondern auch für uns Deutsche, falls wir der Sache untätig zusehen und die Vernichtung dieses Volkes zulassen.“[55] Daneben gab es auch deutsche Stimmen, die ganz der osmanischen Sprachregelung von armenischem Verrat folgten. Durchaus zutreffend fasste Staatssekretär Zimmermann vom Auswärtigen Amt in einer Sitzung des Haushaltsausschusses des Reichstages vom 29. September 1916 die Berliner Bewertung unter dem Primat der eigenen Bündnispolitik so zusammen – und akzeptierte damit implizit auch die sich so ergebende menschliche und moralische Katastrophe: „Ich kann nur sagen, wir haben alles getan, was wir konnten. Das Äußerste, was uns übrig bliebe, wäre, das Bündnis mit der Türkei zu brechen. Sie werden verstehen, dass wir uns dazu nicht entschließen konnten. Höher als die Armenier, so sehr wir vom rein menschlichen Standpunkt aus ihr Los beklagen, stehen uns unsere Söhne und Brüder, die ihr teures Blut in den schwersten Kämpfen vergießen müssen und die mit auf die Unterstützung der Türken angewiesen sind. Denn die Türken leisten uns zur Deckung der Südostflanke wesentliche Dienste.“[56]

Gallipoli

Die eigentliche militärische Auseinandersetzung, die über die Zukunft der Türkei auch als späterer Nationalstaat wie über die strategischen Verhältnisse nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in Europa entschied, war der seit Februar 1915 ausgetragene Kampf im unmittelbaren Vorfeld der osmanischen Hauptstadt Konstantinopel, an den Dardanellen. Die Alliierten wollten zunächst durch einen massiven Einbruch mit schweren Schiffseinheiten, die die türkische Artillerie ausschalten sollten, sodann auch durch Landungen eine unmittelbare eisfreie See- und Landverbindung zum russischen Verbündeten herstellen. Dies hätte ihnen die Versorgung mit russischem Getreide, umgekehrt der russischen Seite, was noch sehr viel wichtiger war, eine sehr viel umfangreichere Ausrüstung mit Waffen und Kriegsmaterial aus den Arsenalen ihrer Verbündeten erlaubt. Damit wäre eine ähnliche Konstellation wie im Zweiten Weltkrieg entstanden, als die Lieferungen der Westmächte die Sowjetunion überhaupt erst in die Lage versetzten, den Kampf gegen NS-Deutschland durchzuhalten. Im britischen Lager war der Plan einer amphibischen Operation gegen Konstantinopel vor allem durch den Ersten Lord der Admiralität, Winston Churchill, konzipiert und mit aller ihm eigenen Verve vorgetragen worden.[57] Der alliierte Durchbruchsversuch begann am 19. Februar 1915 mit dem Einsatz von Schlachtschiffen, die die türkischen, vom deutschen Obersten Wehrle geleiteten Artilleriestellungen ausschalten sollten. Schiffsverluste durch Minen setzten dieser ersten Phase am 18. März ein Ende.

Darauf folgten am 26. April Landungen britischer, unter Einschluss australischer und neuseeländischer, wie französischer Einheiten. Das Ergebnis wird in den folgenden Wochen und Monaten zum blutigen Desaster. Auf Gallipoli wiederholt sich das Muster vom barbarischen Stellungskrieg, das die Westfront seit Ende 1914 (s. u.) und die Front zwischen Österreich-Ungarn und Italien seit Mai 1915 dominiert. Die Verhältnisse sind teilweise noch viel schlimmer als in Frankreich, da Deckungslosigkeit am Steinstrand für die Alliierten und die Hitze des östlichen Mittelmeerbeckens für alle furchtbare Bedingungen schufen. Auf türkischer Seite zeichnet sich vor allem Oberst Kemal Pascha, der spätere Kemal Atatürk und Gründer der modernen Türkei, aus. Die türkischen Truppen insgesamt wurden in dieser Phase von dem deutschen General Liman von Sanders befehligt. Er war wenige Monate vor Beginn des Krieges 1914 als Leiter einer deutschen Militärmission und vorgesehener Kommandeur des in Konstantinopel stationierten türkischen Armeekorps ins Land entsandt worden. Dies hatte, vor allem Russland sah sich brüskiert, zu einer der letzten großen internationalen Krisen vor Ausbruch des Krieges geführt. Obwohl die Türken nicht in der Lage sind, die alliierten Landungstruppen zurück auf die Schiffe zu treiben, ist allein die Stagnation der Kämpfe für die Türkei, seit vielen Jahrzehnten als schwach und paralysiert angesehen, ein enormer Prestigeerfolg. Noch heute spielt der Kampf auf Gallipoli im historischen Bewusstsein der Türkei, in ihrer spezifischen Erinnerungskultur eine wesentliche, in Deutschland vielfach nicht wahrgenommene Rolle. Verschärfend kommt für die Alliierten der Einsatz des deutschen U-Bootes U 21 hinzu. Es hat den Durchmarsch durch die Straße von Gibraltar geschafft und versenkt am 25. Mai 1915 das britische Linienschiff Triumph. Die besonders schweren modernen Einheiten der Alliierten wurden daraufhin zurückgezogen, um sie nicht weiter dieser Gefahr auszusetzen. Zwei Tage später versenkt U 21 auch noch das ältere englische Linienschiff Majestic. Die türkische Lage verbessert sich zudem, nachdem im Herbst 1915 Serbien-Montenegro, der eigentliche, vielfach nahezu vergessene Ausgangspunkt des Krieges, von deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen unter furchtbaren Verlusten – keine Armee des Ersten Weltkrieges muss anteilig so viele Tote beklagen wie die serbische – besiegt und besetzt worden ist. Nun kommt die kontinuierliche Versorgung Konstantinopels mit deutschen und österreichisch-ungarischen Waffen in Gang und die Alliierten entschließen sich zur Aufgabe ihrer Positionen am Eingang zum Marmarameer. Anfang 1916 wird Gallipoli geräumt, Winston Churchill muss zurücktreten.

Deutschland und das türkische Reich waren im Ersten Weltkrieg zwar Verbündete, aber ihre Interessen waren keineswegs stets deckungsgleich. Die strategischen Ambitionen überschnitten sich vor allem in der zweiten Kriegsphase nach der russischen Revolution insbesondere im Gebiet des Schwarzen und des Kaspischen Meeres. Und zugleich gab es von Deutschland aus auch eine eigene Orientpolitik, die an Exotik und Farbigkeit den Unternehmungen des britischen Archäologen, Schriftstellers und Abenteurers Lawrence Thomas Edward, später besser bekannt als Lawrence of Arabia, kaum nachstand. Bemühte sich Lawrence of Arabia, die arabischen Stämme zum Aufstand gegen die Osmanen zu inspirieren und nach Kriegsende ihre Interessen gegenüber Großbritannien und Frankreich zu vertreten – mit sehr geringem Erfolg –, so war auf deutscher Seite die Expedition des 1885 in Freising geborenen bayerischen Offiziers Oskar Ritter von Niedermayer das vielleicht vergleichbarste Unternehmen. Im Gegensatz zu den Abenteuern des Lawrence von Arabia wurde es leider nie opulent verfilmt.[58] Ähnlich wie die Araber gegen die Osmanen sollten hier Persien, Afghanistan, seit 1880 von Großbritannien außenpolitisch abhängig, und das benachbarte indische Umfeld zum großen Aufstand gegen die englische Suprematie bewogen werden. Niedermayer erreichte am 1. Oktober 1915 Kabul, musste es aber weitgehend ohne Erfolg und trotz freundlicher Aufnahme bei Emir Habib Ullah Chan im Mai 1916 wieder verlassen. Am 1. September 1916 erreichte er wieder nach einem gefahrvollen Rückmarsch, auch durch russisches Territorium, türkisches Gebiet.[59]

Italien – die letzte europäische Großmacht im Krieg

Italien, seit 1882 Dreibundpartner mit Deutschland und Österreich-Ungarn, hatte, zumal zum unmittelbaren Wiener Nachbarn, nie jenes Vertrauensverhältnis aufgebaut, das unter kulturellen, dynastischen (zahlreiche Heiraten zwischen Wittelsbachern und Habsburgern) und strategischen Auspizien zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn herrschte. Aber noch zu Beginn der Julikrise 1914 war der italienische Generalstabschef Pollio davon ausgegangen, dass Italien auf der Seite Deutschlands, das man als den eigentlichen Verbündeten betrachtete, in den Krieg eintreten werde. Die Generalstäbe in Berlin und Rom hatten seit Langem vereinbart, dass mehrere italienische Korps am Oberrhein eingesetzt werden würden. Die politische Führung in Rom entschied dann freilich ganz anders. Sie hatte dabei formal das Recht ganz auf ihrer Seite: Zweibund- und Dreibundvertrag waren Defensivverträge und Deutschland konnte angesichts seiner gegenüber Frankreich und Russland ausgesprochenen Kriegserklärungen wie der vorausgegangenen Ultimaten nicht so leicht dartun, dass es Opfer einer Aggression geworden sei. Strategisch bedeutsam war vor allem, dass sich mit Großbritannien die entscheidende Macht auf der Seite der Kriegsgegner Berlins und Wiens befand. Denn Großbritannien konnte jederzeit die langen italienischen Küsten bedrohen und zugleich allen italienischen Expansionsambitionen in Nordafrika oder auch hinsichtlich der Dodekanes (Rhodos und Nebeninseln) einen Riegel vorschieben.[60] Ab September 1914, nachdem sich deutlich abgezeichnet hatte, dass die Mittelmächte keinen schnellen und durchschlagenden Erfolg erzielen würden, gab es so in Italien nur noch die Alternative zwischen Neutralisten und Interventionisten auf Seite der Alliierten. Dabei waren die Interventionisten quantitativ in der Minderheit, hatten aber große Teile der Medien und Intellektuellen, somit das tonangebende Milieu, auf ihrer Seite. Von Österreich-Ungarn wurden zugleich Kompensationen verlangt, damit Italien nicht gegen die Doppelmonarchie in den Krieg ziehe. Die deutsche Seite mobilisierte einen unbestreitbar starken Trumpf, um diesen Schritt zu verhindern: Nach einigem Zögern entsandte Reichskanzler Bethmann Hollweg seinen Vorgänger im Amt, Fürst Bernhard von Bülow, als außerordentlichen Gesandten nach Rom. Er sollte unter allen Umständen den italienischen Kriegsbeitritt verhindern. Bülow war, bei all seiner Neigung zur Prahlerei, tatsächlich wohl die beste Karte, die die deutsche Seite in dieser Lage noch ziehen konnte: 1893–1897 war er deutscher Botschafter in Italien gewesen, aber, was tatsächlich noch sehr viel mehr zählte, er war mit einer italienischen Hochadeligen verheiratet, hatte seinen zweiten Wohnsitz in der römischen Villa Malta und war intimer Kenner der gesamten italienischen Szenerie.[61] Bülows eigentlicher Widerpart bei seiner italienischen Mission war nicht so sehr die italienische Regierung, nicht einmal die alliierten Botschafter, sondern der Wiener Verbündete. Denn wenn es einen Weg gab, Italien aus dem Krieg herauszuhalten, dann musste Österreich-Ungarn, eben ganz nach den Vorstellungen der auf Prestige und Territorialgewinn erpichten Zeit, Kompensationen leisten: Im Trentino mindestens bis zur Sprachgrenze südlich Bozen, aber auch hinsichtlich Triest und an der Adria. Hinter den Kulissen setzte ein heute auch kurios anmutender Länderschacher ein: Überlegt wurde, ob Österreich-Ungarn, wenn es denn schon Gebietsabtretungen an Italien vornehmen müsse, sich nicht an Polen bzw. an deutschen Gebietsteilen in Schlesien und Deutschland wieder an Polen schadlos halten solle. Auch wenn die österreichische Seite gegenüber Italien immer konzessionsbereiter wurde, war sie doch nicht gewillt, etwaige Gebietsabtretungen sofort vorzunehmen, sondern vertröstete die Italiener auf die Zeit nach Kriegsende. Damit war in der Welt kühler Diplomatien natürlich nicht allzu viel anzufangen. Die Alliierten hatten nicht nur den Vorteil, Italien weitergehende und verpflichtende Gebietsabtretungen auf Kosten Österreich-Ungarns zusagen zu können. Sie konnten Italien auch bei seinen auf das weitere Mittelmeer zielenden Ambitionen unterstützen – hier aber vermochten die Mittelmächte eben nicht mitzuhalten. Am 24. April 1915 schloss Italien mit der Entente einen Geheimvertrag, der den Kriegseintritt vorwegnahm. Als dann am 10. Mai nochmals österreichisch-ungarische Konzessionen in Aussicht gestellt wurden, war es zu spät. Die italienische Kriegserklärung an Wien erfolgte am 23. Mai 1915.

Der Krieg in den Alpen, der nun begann, liefert mit die bizzarsten Bilder, die das 20. Jahrhundert in Europa kennt: Sowohl in den julischen Alpen nördlich der Adria, wo die Italiener über die Jahre in elf Isonzo-Schlachten immer wieder vergebens gegen die österreichischen Stellungen anliefen, als auch im Trentino und in Tirol bewegte sich im Stellungskrieg über die Jahre nahezu nichts. Die Front lief über die Alpengipfel und erreichte ihren Gipfelpunkt in 3.900 Metern Höhe auf dem Ortler, dem höchsten Berg der Donaumonarchie. Unmittelbar auf dem Gipfel wurde eine österreichische Gebirgskanone positioniert, die russische Kriegsgefangene samt Munition hatten hinauftragen müssen.

Die italienische Armee war bei Kriegsbeginn zwar nicht so gut ausgestattet, wie die französische oder die deutsche, aber doch derart, dass sie den Österreichern in der Ausrüstung zumeist gewachsen war. Was vielfach nicht stimmte, waren die Beziehungen zwischen den in der Tradition des regierenden norditalienischen Hauses Savoyen stehenden Offizieren und ihren süditalienischen Soldaten. Letztere waren vielfach noch ganz in den Traditionen feudaler Strukturen sozialisiert worden und hatten keine rechte innere Beziehung zum italienischen Nationalstaat. Unter Generalstabschef Cadorna wurde mit größter Härte auf Disziplin geachtet. In keiner Armee gab es so viele Hinrichtungen wegen Desertionen oder anderer Vergehen wie in der italienischen.

Für die Führungsschicht Italiens ging es vielfach – über territoriale Ziele hinaus – um die Akzeptanz als voll gültige europäische Großmacht nach den Maßstäben der Zeit. Österreich-Ungarn hingegen wollte genau das Gegenteil, nämlich Italien demonstrieren, dass es eben nur eine zweitklassige Größe war.

Rein militärisch gesehen erfolgte der italienische Kriegseintritt gewissermaßen einige Wochen zu spät: An der Jahreswende 1914/15 hatte die Donaumonarchie in den Karpaten unter so starkem russischem Druck gestanden, dass ein Durchbruch der Zarenarmee in die ungarische Tiefebene und damit eine durchschlagende Niederlage drohte. Dagegen hatte eine vorübergehende Verlagerung des deutschen Schwerpunktes 1915 an die Ostfront (s. u.) bereits Anfang Mai des Jahres zu einer spürbaren Entlastung Österreich-Ungarns geführt: Die russische Front gegen Italien wurde in Ostgalizien bei Tarnow-Gorlice durchtrennt. Die Gefangenenzahlen erreichten die Hunderttausende. Damit war Österreich-Ungarn in die Lage versetzt, seine neue Front im Süden zu stärken. Hier hatten zunächst nur, nicht zuletzt unter Berufung auf den Tiroler Freiheitskampf von 1809 gegen Franzosen und Bayern, Tiroler Standschützen und ältere Jahrgänge eingesetzt werden können. Nun verfestigte sich ein Stellungskrieg in Schnee und Eis unter immer höherem Aufwand beider Seiten.

Die Offensive der Mittelmächte im Osten 1915

Der neue deutsche Generalstabschef von Falkenhayn war durch den Ausgang der letzten, auf einen militärischen Gesamterfolg zielenden deutschen Offensive im Westen vom Oktober/November 1914 tief erschüttert worden, wenn er auch nach außen Gleichmut zeigte. Die Auslöschung der deutschen Kriegsfreiwilligenregimenter in den Herbstnebeln Flanderns, sie hatten dort (s. o.) noch einmal den Versuch unternehmen sollen, die Alliierten von Norden zu umflügeln, wurde für ihn zum Signum einer aussichtslosen Situation: Nach Falkenhayns Ansicht war die Armee geradezu zertrümmert, militärisch nurmehr eine Behauptung gegen die Alliierten möglich. Reichskanzler Bethmann Hollweg legte er nahe, einen Sonderfrieden mit Russland zu suchen. Das allerdings schlossen die zwischen den Alliierten getroffenen internen Abreden definitiv aus. Darüber wusste man in der deutschen Führung freilich wenig.[62] Falkenhayn wollte zugleich den Schwerpunkt der militärischen Tätigkeit weiterhin auf die Westfront legen, aber objektive Faktoren wie die immer deutlicher aufbrechenden Friktionen auf der politisch-militärischen Spitzenebene erzwangen dann für das Jahr 1915 eine Schwerpunktbildung im Osten: Tatsache war zunächst, dass die russische Seite die Operationen Hindenburgs und Ludendorffs während der Herbstmonate 1914 in Kongresspolen zu einem erneuten Vordringen nach Ostpreußen, wiederum bis an die Masurischen Seen, ausgenutzt hatte. Tatsache war weiterhin, dass der Wiener Bundesgenosse sich von der deutschen Strategie weitgehend und nicht ganz zu Unrecht im Stich gelassen fühlte, nicht nur durch die Prioritätsetzung auf die Auseinandersetzung mit Frankreich im Westen, sondern auch durch die Bevorzugung des Schutzes Ostpreußens vor einer stärkeren Hilfe für die Österreicher in Galizien. Hier brach auch kommunikativ zwischen beiden Seiten Manches auf, was mit weit zurückreichenden preußischen-österreichischen Phobien zu tun hatte: Ostpreußen, jene Provinz, die 1701 den Ort für das Avancement der Hohenzollern zur Königswürde abgegeben hatte, war für die Berliner Führung nach wie vor zentraler Ort preußisch-deutscher Identität, auch als zivilisatorischer Vorposten gegenüber der östlichen Barbarei kräftig koloriert. Diese Entwicklung sollte sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weiter fortsetzen. Was hingegen Wien und Budapest anlangte, war der gesamte Bestand der Donaumonarchie gefährdet, wenn die russischen Armeen die ungarische Tiefebene erreichten. Geradezu Symbol für die Überlebensfähigkeit der Donaumonarchie wurde die galizische Festung Przemyl. Sie war Zentrum des österreichischen Verteidigungssystems gegen Russland und hatte so eine noch viel höhere Bedeutung als die französische Festung Verdun, die ziemlich genau ein Jahr später Angelpunkt des Krieges an der Westfront werden sollte. Seit Oktober 1914 wurde Przemyl von den Russen belagert und musste nach Erschöpfung aller Vorräte am 22. März kapitulieren.

Angesichts dieser Situation sah sich die deutsche Führung zu einem doppelten Vorgehen veranlasst: Zunächst zum erneuten Hinausdrängen der russischen Truppen aus Ostpreußen, dann zu einer wirksamen Unterstützung des österreichisch-ungarischen Verbündeten, um einen Kollaps an den Karpaten zu vermeiden. Dabei kam es zwischen den beiden deutschen Hauptquartieren, der Obersten Heeresleitung unter Generalstabschef Falkenhayn und „Oberost“ unter (seit 27. November 1914) Generalfeldmarschall von Hindenburg zu immer heftigeren, auch menschlich schwer belastenden Reibereien. Hindenburg und mit ihm Ludendorff profitierten davon, dass sie als „Befreier des Ostens“ einen einzigartigen Nimbus gewonnen hatten. Auch der Reichskanzler selbst, Theobald von Bethmann Hollweg ergriff Partei für die beiden Idole der deutschen Kriegsführung – bei seiner Ablösung im Sommer 1917 (s. u.) sollte sich dies für ihn dann bitter rächen. Diese Entwicklung zeigt auch, dass die preußisch-deutsche Militärmonarchie eben kein hermetisch in sich abgeschottetes System (mehr) war, sondern sich dem politischen Massenmarkt, den hier wirkenden Stimmungen und Gemengelagen weit geöffnet hatte. Der Aufstieg Hindenburgs und Ludendorffs hatte viel mit dem Bemühen zu tun, breiten Schichten der deutschen Bevölkerung Vertrauen in die eigene Kriegsführung einzuflößen.

In mancherlei Hinsicht war Ostpreußen in der deutschen Propaganda zu einem Symbol von vergleichbarer Bedeutung wie Belgien und Nordostfrankreich im Selbstverständnis der Alliierten geworden: Als Gebiet nämlich, das von barbarischen, mordlüsternen Horden überschwemmt worden sei. Zunächst sprechen die Daten eine deutliche Sprache: Die Zahl der von deutschem Militär bei der Invasion Belgiens und Nordostfrankreichs begangenen Untaten überwog die russischen Übergriffe in Ostpreußen bis Anfang 1915 bei weitem. Vor allem war auf deutscher Seite ein einheitliches, von oben nach unten durchgegebenes und beabsichtigtes Handeln am Werke gewesen, um den in aller Regel imaginierten illegalen Übergriffen der Zivilbevölkerung abschreckend zu begegnen. Die russische Seite in Ostpreußen fürchtete vor allem eine konspirative Kooperation zwischen deutscher Zivilbevölkerung an besetzten Orten und deutschem Militär. In solchen Fällen, wobei vielfach nur von Vermutungen ausgegangen werden konnte, kam es nicht selten zu Verschleppungen und Tötungen. Zugleich weist das deutsche Generalstabswerk lobend auf zwei Umstände hin: Zum einen das mit Verkündung der Mobilmachung in Russland erlassene absolute Alkoholverbot, das auch „in Ostpreußen mit nachahmenswerter Rücksicht durchgeführt“ worden sei. Zweitens geht es um die Haltung der militärischen Führer: „Die russischen Offiziere sind mit verschwindende Ausnahmen bemüht gewesen, Gewalttaten zu verhindern, und haben dabei mit Nachdruck, oft mit der Waffe in der Hand, gegen die eigenen Soldaten eingegriffen, Plünderungen und Knutenhiebe bestrafen lassen.“[63] Insgesamt geht das deutsche Generalstabswerk für Ostpreußen von 1.620 getöteten Zivilpersonen, über 10.000 Verschleppungen, teilweise nach Sibirien, und 800.000 Flüchtlingen, einem Drittel der Einwohnerzahl der Provinz, aus.

Das Ende der russischen Präsenz in Ostpreußen kam in der so genannten „Winterschlacht in den Masuren“. Sie begann am 7. Februar 1915, führte zur Gefangennahme von 92.000 Russen gegen Ende des Monats und stärkte noch einmal den Nimbus von Hindenburg und Ludendorff. Die langfristigen historischen Folgen waren komplex, teilweise fatal: Zum einen wurden unter dem Druck von russischer Invasion und geglückter Befreiung die masurischen Bewohner des südlichen ostpreußischen Landstriches, in ihrer geschichtlichen Sozialisation preußisch evangelisch, zugleich aber polnischsprachig (masurisch wird heute als polnischer Dialekt eingeschätzt), zu vehementen Verfechtern deutschen nationalen Gedankengutes. Dazu trug auch die deutsche Politik bei. Zahlreiche deutsche Kreise und Gemeinden leisteten dem Appell Kaiser Wilhelms vom 17. Februar 1915 im befreiten Lyck Folge, Wiederaufbauhilfe zu leisten. So übernahm Frankfurt am Main die Patenschaft für Lötzen inmitten der masurischen Seen, daneben sogar die österreichische Kaiserstadt Wien für Ortelsburg. In der Begründung des Wiener Bürgermeisters Weißkirchner zeigte sich im Übrigen bereits deutlich das Vordringen des großdeutschen Gedankens an den Intentionen der beiden Dynastien Hohenzollern und Habsburg vorbei.[64] Eine weitere, langfristige Wirkung des Geschehens in Ostpreußen 1914/15 war die im Zweiten Weltkrieg lang anhaltende Erwartung, ein sowjetisches Vordringen auf deutschen Boden sei nicht zu erwarten bzw. man könne es militärisch bewältigen. Wenn man aber doch fliehen müsse, könne man zurückkehren. Nicht zuletzt diese Einschätzungen haben dazu beigetragen, dass die ostpreußische Zivilbevölkerung 1944/45 selbst, neben der Weigerung der NS-Führung zur rechtzeitigen Räumung, auch die ihr drohende Gefahr vielfach nicht wirklich wahrnahm.

Am 2. Mai 1915 begann in Ostgalizien die Durchbruchsschlacht von Tarnow-Gorlice. Sie führte in ihren Konsequenzen auch zu einer politisch völlig veränderten Lage in Ostmitteleuropa. Die eingesetzten deutschen Truppen praktizierten jenes Verfahren, das sich an der Westfront entwickelt hatte und dem im Lauf der Jahre Millionen von Menschen zum Opfer fallen sollten: Das Trommelfeuer der Artillerie. Auch im Osten hatte der Krieg nun eine neue Dimension erreicht. Nach sechs Tagen hatten die Russen allein 140.000 Kriegsgefangene verloren. Einen Monat später, am 3. Juni 1915, zogen bayerische Truppen in die zurückeroberte österreichische Festung Przemyl ein, was im Übrigen unter Prestigegesichtspunkten zu Spannungen unter den Verbündeten führte: Generalfeldmarschall von Mackensen, preußischer Kavallerieoffizier, nahm diese Tatsache zum Anlass, die Festung Kaiser Franz Joseph „zu Füßen zu legen“.[65] Bei der Rückeroberung Lembergs am 22. Juni 1915 war man da schon diplomatischer und ließ den Österreichern den Vortritt. In den folgenden Wochen eroberten die Mittelmächte Kongresspolen. Am 4. August 1915 fiel Warschau in ihre Hände.

Wieder gerieten die deutschen Spitzenmilitärs in heftige Auseinandersetzungen miteinander: General Falkenhayn plädierte dafür, die Front im Osten zu konsolidieren und den Schwerpunkt der Aktivitäten wieder nach Westen zu verlegen – in der Konsequenz seiner Überlegungen sollte es dann ein halbes Jahr später zur Schlacht um Verdun kommen. General Ludendorff erstrebte über die sich nun auch vollziehende Eroberung Kurlands hinaus einen derart entscheidenden militärischen Erfolg, dass Russland nicht mehr als Alliierter der Westmächte präsent wäre. Wie auch in anderen Planungen Ludendorffs wurden hier bereits hybride Vorstellungen erkennbar. Sie nahmen in Manchem die eben nicht nur von der nationalsozialistischen Führung, sondern auch von den Spitzen der Wehrmacht 1940/41 formulierten Erwartungen vorweg, die Sowjetunion binnen kurzem vollständig schlagen zu können. Das zweite Moment, das auch mit einer imperialen Ostwendung zutun hatte, war die Frage, was aus den zunächst militärisch eroberten Gebieten in Polen und im Baltikum werden solle.

„Kriegsland im Osten“

Dabei gab es erhebliche Unterschiede: Im Nordosten der von den Mittelmächten eroberten Territorien, im Machtbereich Hindenburgs und Ludendorffs, entstand der Militärstaat „Oberost“, bestehend aus dem größten Teil Kurlands, aus Litauen, Teilen des heutigen Weißrusslands mit Wilna und dem Nordosten Polens mit Bialystok.[66] Die deutsche Militärverwaltung unternahm hier sehr viel mehr als die bloße Vornahme des nötigsten Administrierens im Hinterland der militärischen Auseinandersetzungen. Es ging hingegen um den Aufbau eines Protektorats, das fürsorglich-autoritär geführt wurde, durchaus nicht eliminatorisch wie das deutsche Imperium im Osten während des Zweiten Weltkrieges, aber eindeutig hegemonial. Zunächst sollte das Gebiet in der Form wirtschaftlich autark werden, dass die deutschen Truppen im Osten keiner Zufuhr aus dem Reich mehr bedurften. Dazu wurde viel für die Infrastruktur getan, insbesondere für Verkehrswesen, Straßen-, Eisenbahn- und Brückenbau. Es gab sogar Ansätze zu einer eigenen Industrialisierung, die in der kurzen, zur Verfügung stehenden Zeit freilich keine rechte Wirkung zu entfalten vermochten.

Auch Antisemitismus drückte sich anders aus, als ab 1939 bzw. 1941: Von großen Teilen des deutschen Führungsapparates wurden Juden als eine Art kulturtragendes Bindeglied zu anderen ethnischen, sozialen und religiösen Gruppen definiert, dabei aber zumeist keineswegs als gleichwertig geachtet. Es fand somit teilweise pejorative Instrumentalisierung, nicht Verdrängung bzw. Eliminierung statt. Trotz alledem leistete die deutsche Herrschaft doch auch jenen späteren Konzepten Vorschub, die unter dem Nationalsozialismus durchgesetzt werden sollten: Den deutschen Soldaten und Mitarbeitern in der Verwaltung wurde während des Ersten Weltkrieges das Bild großer Differenzen zwischen ihrer Heimat und dem „Ostland“ vermittelt bzw. von ihnen selbst angenommen. Es waren vorgebliche Diskrepanzen von Kultur versus Unkultur, von sozialer Dichte versus Menschenleere, von Aktivität versus Lethargie, von Sauberkeit versus Schmutz, die dieses Bild konstituierten. Es sollte dann später noch einmal sehr viel radikaler bestimmend werden.

In der Endphase des Ersten Weltkrieges radikalisierte sich zugleich die deutsche Verwaltung. In „Oberost“ ging es nun um die konkrete Perspektive von Annexionen bzw. der Herbeiführung eines Protektoratsstatus unter deutschen Fürstlichkeiten, die diese Regionen in Personalunion mitrepräsentieren sollten. Hinzu kamen die Auseinandersetzung mit dem Bolschewismus und schließlich ein immer aktiveres Eintreten für das deutsch-baltische Element.

Polen

Die polnische Frage war 1914 keine kriegsauslösende gewesen; aber da sich die Teilungsmächte des Landes von 1772, 1793, 1795 (Russland, Preußen, Österreich) und letztlich auch 1814/15 (Wiener Kongress) mit einem Mal in feindlichen Lagern sahen, musste Polen Gegenstand der politischen Auseinandersetzung werden. In den Annexionsüberlegungen der zaristischen russischen Regierung kamen zwar Gebietsverluste des Deutschen Reiches vor, beginnend mit Ostpreußen, aber sie hatten keine eigentliche Priorität. Russlands Hauptinteresse ging nach Süden zum Bosporus und zum Balkan hin. Und die Verfügung über „Kongresspolen“ um Warschau stand selbstverständlich nie zur Disposition der kaiserlichen Regierung in Petrograd. So kam die russische Seite nicht über die Perspektive von einem Stück mehr Selbstverwaltung für Kongresspolen, das seinerseits territorial um preußische und österreichische Gewinne auf Kosten Polens erweitert werden sollte, hinaus. Die attraktivsten Offerten für Polen kamen aus Wien. Dies lag ganz in der Kontinuität österreichisch-ungarischer Politik, die sich bei konfessioneller katholischer Übereinstimmung stets noch am ehesten propolnisch gezeigt hatte. Schließlich hatte es in Wien durchaus auch polnische Minister und Ministerpräsidenten (Graf Badeni 1895 bis 1897) gegeben. An der Seite der Mittelmächte operierte vor diesem Hintergrund auch das spätere polnische Staatsoberhaupt Jozef Pilsudski. Die eigentlichen Fragen stellten sich freilich erst nach der Eroberung Kongresspolens durch die Truppen der Mittelmächte. Wenn die deutsche Seite einem Sonderfrieden mit Russland näher kommen und in langfristiger Sicht die alte Solidarität zwischen Berlin und St. Petersburg reanimieren wollte, dann durfte sie nicht daran gehen, Kongresspolen aus dem russischen Reichsverband zu lösen. Im Übrigen musste im Blick auf Preußen-Deutschland jede wirklich substanzielle neue polnische Staatsbildung auch die Fragen nach den preußischen Provinzen Posen und gegebenenfalls Westpreußen aufwerfen. In Warschau wurde nun ein „Kaiserlich Deutsches Generalgouvernement“ eingerichtet, in Lublin eines für Österreich-Ungarn. „In beiden Generalgouvernements ging es zunächst darum, eigene administrative Strukturen durchzusetzen und möglichst viel Kooperation mit Polen zu erreichen, ohne der Unabhängigkeitsbewegung gegenüber Verpflichtungen einzugehen“.[67] Nun konnte sich in Warschau ein zentrales polnisches Nationalkomitee bilden, das am 22. Februar 1916 ein unabhängiges Polen forderte, sich aber zu dessen Territorialbestand nicht äußerte. Die Mittelmächte selbst proklamierten ein gutes halbes Jahr später, am 5. November 1916, durch ihre beiden Generalgouverneure ein „Königreich Polen“ mit konstitutioneller Verfassung und Erbmonarchie. Dies zeigte, dass man die Hoffnung auf eine Verständigung mit Russland bereits aufgegeben hatte, während letzteres selbst nach dem Scheitern der Brussilow-Offensive (s. u.) im Sommer 1916 allmählich der Agonie entgegentrieb. In der weiteren Entwicklung kam es Anfang 1917 in Warschau zur Bildung eines Staatsrates und ein halbes Jahr später eines Regentschaftsrates. Entwicklungen außerhalb des Aktionsradius der Mittelmächte begannen aber nunmehr, deren Polenpolitik zu überholen: Die neue provisorische Regierung in Petrograd bot Polen die Unabhängigkeit an. Ebenso war sie ausdrücklich in den vierzehn Punkten des amerikanischen Präsidenten Wilson vom 8. Januar 1918 enthalten. Damit gab es für Polen nunmehr auch Perspektiven außerhalb der engen territorialen und konstitutiven Grenzen, die ihm die Politik Berlins und Wiens zog. Als Polen sich dann im Zeichen des Zusammenbruchs der Mittelmächte im Oktober/November 1918 als wirklich souveräner Staat konstituieren konnte, profitierte es zumindest ein gutes Stück weit von zwei Voraussetzungen, die die gegensätzlichen Lager im Ersten Weltkrieg geschaffen hatten. Einmal von den polnischen Strukturen, die die Mittelmächte, wie vorläufig und fragil auch immer, konzediert hatten, zum anderen von den eindeutigen Erklärungen der Alliierten und der USA; sie hatten sich nach der russischen Revolution ganz eindeutig für die Herstellung eines starken polnischen Staates, nicht zuletzt als Puffer zwischen Deutschland und Russland, ausgesprochen. Das eigentlich Verblüffende aber war, dass die Polen selbst, seit mehr als 100 Jahren jeder gemeinsamen Entität beraubt – die letzte war das napoleonische Großherzogtum Warschau 1807–1815 gewesen – sich nun sehr schnell und ganz selbstverständlich in einem neuen, gemeinsamen Staatswesen zusammenfanden.

Flugzeug und U-Boot

U-Boot und Flugzeug stehen für buchstäblich neue Dimensionen kriegerischer Auseinandersetzungen. Mit beiden Systemen wurde das Feld verlassen, auf dem bis dahin Krieg geführt worden war: Die Land- und Meeresoberfläche. Mit beiden gewann die Kriegsführung auch neue Radien. Von deutscher Seite kam eine technische Spezialität hinzu, die schon durch ihre Optik befremdlich und Furcht einflößend wirkte, zugleich aber als deutsche Besonderheit im nationalen Gefühlshaushalt bis in die 30er Jahre auch ein gutes Stück Identität schuf: Der Zeppelin. Zeppeline, d. h. Luftfahrzeuge, die sich bewegen konnten, weil ihr großer Hohlkörper leichter als Luft war, erfüllten vor allem in den Jahren 1915 und 1916 die Sehnsucht, den Feind auf der Insel, das perfide Albion, unmittelbar zu treffen, der ansonsten durch seine Flotte sicher geschützt war. Man liest geradezu die Lust heraus, wenn deutsche Zeitungen 1915 und 1916 über die Wirkungen von Zeppelin-Angriffen schrieben, bei denen die Bomben unmittelbar über der Londoner Innenstadt, über Themse und Westminster, ausgeklinkt wurden. Die militärische Wirkung war gering, aber für das böse Image der „Hunnen“ leisteten diese fliegenden Zigarren außerordentlich viel. So berichtete der Kommandant von Luftschiff L 13, Kapitänleutnant Heinrich Matthaey, im Berliner Lokalanzeiger vom 24. September 1915 selbstbewusst über einen Angriff auf die Londoner Innenstadt: „Als wir uns über der Bank von England befanden, rief ich durch das Sprachrohr meinem Leutnant zu, das Feuern zu beginnen, von jetzt an mischte sich in das Getöse und das Blitzen der Kanonen der Lärm des Platzens unserer Bomben, und wir sahen die Flammen, die von den getroffenen Stellen aufloderten.“ Es war der spektakuläre Beginn jener Epoche der Luftbombardements auf Städte und Zivilisation, die das 20. Jahrhundert so stark prägten. Da die Luftschiffe schwerfällig waren und immer mehr in den Radius britischer Jagdflugzeuge gerieten, wurden sie ab 1916 zunehmend zurückgezogen. Für das Flugzeug selbst bedeutete der Erste Weltkrieg einen Quantensprung. Bei Kriegsbeginn besaßen die europäischen Großmächte jeweils mehrere Hundert Flugzeuge. Sie nahmen vor allem Aufklärungsfunktionen wahr. Schon zu Kriegsbeginn im August und September 1914 leisteten sie vielfach sehr viel mehr als die herkömmliche Aufklärung durch Kavallerie. Hindenburg und Ludendorff verließen sich bei der Schlacht von Tannenberg ganz auf die Meldungen von Fliegern, die sie jeweils darüber informierten, auf welchen Straßen russische Kolonnen marschierten. Ähnlich verhielt es sich auf beiden Seiten bei der Schlacht an der Marne. Jagdflugzeug, Schlachtflugzeug und Bombenflugzeug waren die drei Spezifizierungen, die sich in der Folge sehr schnell entwickelten:

1915 erfand Anthony Fokker das mit dem Flugzeugpropeller synchronisierte Maschinengewehr. Er konnte durch die Zwischenräume während der Propellerumdrehung schießen. Damit war das „Duell in den Lüften“ stark mechanisiert worden und doch wurde ihm bis Kriegsende eine feudal-aristokratische Sonderexistenz konzediert. Die Flieger beschmutzten sich buchstäblich nicht wie die Grabenkämpfer, sie agierten oft in einer eins zu eins Situation gegeneinander wie auf mittelalterlichen Turnierplätzen und sie hielten bis zum Schluss einen Verhaltenskodex ein. Am 21. April 1918 wurde das deutsche Fliegeridol Baron von Richthofen hinter den britischen Linien abgeschossen. „Wenige Tage später schickten die Engländer, entsprechend dem beiderseitigen fliegerischen Ehrenkodex, ein Foto vom Grab des toten Fliegers mit den Worten: ‚To the German Flyingcorps. Rittmeister Baron Manfrid (sic!) von Richthofen was killed in aerial combat on April 21 st 1918. He was burried with full military honours.“[68] Die Duelle der Ritter der Lüfte mochten mitunter wie elitärer Selbstzweck anmuten, vielfach auch von den Soldaten aus den Gräben wie ein Schauspiel verfolgt, das Unterhaltung mit offenem Ausgang brachte. Die so genannte „Luftherrschaft“ war im Ersten Weltkrieg noch keineswegs das, was sie im Zweiten war. Und doch machte sich am Boden die militärische Wirkung des Geschehens in der Luft in der zweiten Kriegshälfte immer stärker bemerkbar. Dazu kamen nun auch Bombengeschwader, die mit Reichweiten von mehreren hundert Kilometern die Rüstungszentren der jeweiligen Gegenseite angriffen, etwa das Ruhrgebiet oder Südengland. Beim sich anbahnenden Kollaps an der deutschen Westfront ab Sommer 1918 spielte die nun immer stärker verfestigte Luftherrschaft der Alliierten eine bereits erhebliche Rolle.

Das U-Boot war die deutsche Antwort auf die britische Blockade und der Versuch, Großbritannien seinerseits, die am meisten von Zufuhren überhaupt abhängige Großmacht, auszuhungern. Aber auch hier kam zum technisch-funktionalen ein deutlich mythisches Moment: Die U-Boot-Kommandanten wurden zu nationalen Helden. Dies zeigte sich auch nach Kriegsende, als das Reich sich weigerte, U-Boot-Kommandanten, die auf der alliierten Liste auszuliefernder Kriegsverbrecher standen, ans Ausland zu übergeben bzw. vor dem Leipziger Reichsgericht wirklich ernsthafte Prozesse durchzuführen. Aus der Tiefe der See kommend attackierten die U-Boote, ähnlich wie Zeppeline und später Bombenflugzeuge, eben jenes Land, das der unangreifbare Feind war, Großbritannien. Kapitänleutnant Otto Weddigen, der am 22. September 1914 vor der niederländischen Küste drei ältere britische Panzerkreuzer versenkte, und Kapitänleutnant Hersing, der am 25. und 27. Mai 1915 in den Dardanellen zwei alliierte Linienschiffe zum Sinken brachte (s. o.), waren nationale Heroen.

Die U-Boot-Frage war stets hochpolitisch: Es ging in Deutschland um die Frage Versenkung nach Prisenordnung, d. h. nachdem die jeweilige Besatzung sich in Boote hatte begeben können, oder warnungsloses Versenken. Am 4. Februar 1915 wurde um die britischen Inseln eine Kriegszone erklärt. „Ab 18. Februar sollten die U-Boote nach der Prisenordnung beginnen, ihnen wurde jedoch erlaubt, in Gebieten mit stärkerer Abwehr auch ohne Warnung getaucht anzugreifen.“[69] Knapp ein viertel Jahr später, am 7. Mai 1915, wurde dann der große britische Passagierdampfer Lusitania versenkt. Mit ihm gingen 1.198 Menschen unter, darunter 128 US-Staatsangehörige. Die Frage, ob die Lusitania auch Munition mitführte und so einen militärischen Zweck erfüllte, ist nach wie vor nicht definitiv geklärt. Nachdem bei einer weiteren Versenkung zwei Monate später wieder amerikanische Staatsbürger zu Tode gekommen waren, befahl Kaiser Wilhelm II. die Einstellung des U-Boot-Krieges um die britischen Inseln. Zwar brachte auch der nun sehr vorsichtig geführte U-Boot-Krieg nach Prisenordnung relativ hohe Versenkungsziffern. Gleichwohl spitzte sich die Diskussion in Deutschland immer stärker auf die Frage zu: Übergang zum unbeschränkten U-Boot-Krieg oder nicht. Eine flankierende Rolle spielte hierbei auch die Tatsache, dass die britische Seite vielfach zu so genannten U-Boot-Fallen übergegangen war, d. h. zum Einsatz armierter Handelsschiffe, deren Geschütze verborgen waren und nur aus nächster Nähe auf das aufgetauchte und kaum verteidigungsfähige U-Boot das Feuer eröffneten. Strategisch entscheidend aber war die Frage, welche Seite länger durchhalten könnte, das blockierte Deutschland oder ein Großbritannien, dessen Zufuhr möglichst weitgehend unterbunden worden wäre. Die militärischen Entwicklungen des Jahres 1916 (s. u.) hatten dazu geführt, dass die Militärs zu Lande keinen anderen Weg mehr zu einer für sie positiven Kriegsbeendigung sahen: Der Stellungskrieg an der Westfront hatte sich festgelaufen, die Begrenztheit der materiellen und personellen Ressourcen der Mittelmächte wurde immer deutlicher, die Seeschlacht am Skagerrak vom 31. Mai 1916 (s. u.) hatte bei allen Triumphgefühlen in Deutschland zugleich demonstriert, dass Überwasserschiffe bestenfalls Prestigeerfolge zu erzielen vermochten. Ferner führte die funktional-technizistische Betrachtungsweise der deutschen Militärs dazu, dass sie die politischen Weiterungen eines unbeschränkten U-Boot-Krieges nicht wahrnehmen konnten oder wollten bzw. verdrängten. Die USA, die sich in Europa noch nie militärisch engagiert hatten, wurden in ihrer Bedeutung nicht erkannt, Hinweise auf die Reputation Deutschlands verfingen ohnehin nicht. So kam es gegen den Willen von Reichskanzler Bethmann Hollweg, der vom Ende Deutschlands, vom „Finis Germaniae“ sprach, bemerkenswerter Weise aber gleichwohl im Amt blieb, zur Aufnahme des unbeschränkten U-Boot-Krieges mit Wirkung vom 1. Februar 1917. Zwei Tage später brachen die Vereinigten Staaten die diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Reich ab, am 6. April 1917 erfolgte ihre Kriegserklärung gegen Deutschland (s. u.). Der deutsche Admiralsstab war von einer Mindestversenkung von 600.000 Bruttoregistertonnen pro Monat ausgegangen, um England zum Aufgeben zu zwingen. Diese Ziffern wurden nur binnen zweier Monate, im April wie im Juni 1917, erreicht. Danach griffen die Gegenmittel der Alliierten: Übergang zum Konvoisystem, neue Ortungsmittel, Einsatz von Flugzeugen, die U-Boote direkt aus der Luft bekämpften – die damaligen U-Boote waren in Wirklichkeit noch Überwasserschiffe, die sich nur zeitweise unter Wasser aufhalten konnten – und Einsatz von Wasserbomben. Grafisch dargestellt ergab sich eine Entwicklung, bei der die Versenkungsziffern immer mehr sanken, die Kurve der U-Boot-Verluste hingegen stetig stieg. Vor allem, und hier gingen militärische und politische Effekte ineinander über, hatte der Übergang zum unbeschränkten U-Boot-Krieg die Alliierten unter Einschluss der USA veranlasst, Schiffbauprogramme und Transportressourcen zusammenzufassen und immer effektiver zu gestalten. Es zeigt sich hier, dass bestimmte strategische Erwartungen, denen relativ eng gesetzte Annahmen zugrunde gelegt werden, dann nicht aufgehen (können), wenn die Gegenseite mit einer großen Variationsbreite an Instrumenten antworten kann.

Stellungskrieg im Westen

Der Erste Weltkrieg erleidet das Schicksal vieler komplexer Konflikte, dass sich öffentliche Aufmerksamkeit auch und gerade im historiografischen Nachhinein jeweils auf bestimmte Phasen, Regionen und Konstellationen konzentriert. In unseren Geschichtsbildern folgt vielfach, was das Geschehen an der Westfront anlangt, ein ganz jäher Übergang vom Ende des Bewegungskrieges im Herbst 1914 zum Grauen der Schlacht um Verdun ab Februar 1916. Zumindest vordergründig waren zudem auch die Abläufe während des Jahres 1915 im Osten sehr viel ereignisreicher.

Aber all die Bilder, die wir gemeinhin mit Westfront und Stellungskrieg verbinden, trafen in hohem Maße bereits auf das Jahr 1915 zu: Die Heere hatten sich, bis auf teilweise 150 Metern einander gegenüberliegend, eingegraben. Wohnen, Leben und Befestigen gingen immer mehr in die Tiefe, die zumindest relative Sicherheit versprach. Mehr auf deutscher denn auf französischer Seite wurde auch ein rückwärtiges System ausgebaut: Denn die französische und mit ihr zumindest in Teilen die britische Armee war während des Jahres 1915 die offensive Seite. Sie hatte den russischen Verbündeten zu entlasten und vor allem konnte die französische Führung nicht hinnehmen, dass große Teile Nordostfrankreichs unter deutscher Besatzung standen. Dabei ging es keineswegs nur um Prestigegesichtspunkte: „Denn die Besetzung bedeutete mehr als nur eine Verletzung des französischen Territoriums. Sie beeinträchtigte nachhaltig das französische Wirtschaftsleben. Die 80 vom Krieg nicht direkt betroffenen Departements waren weitgehend agrarisch; die 10 von den Deutschen besetzten Departements enthielten einen Großteil der französischen Fertigungsindustrie und die meisten Kohle- und Eisenerzvorkommen des Landes. Ihre Rückeroberung war dringend notwendig, wenn Frankreich den Krieg weiterführen wollte. Deshalb lehnte Joffre den Ausbau einer undurchdringlichen Stellungsfront nach deutschem Muster ab.“[70] Die französische Seite war nahezu das gesamte Jahr 1915 über an der Westfront offensiv, griff insbesondere in der Champagne an. Das Ergebnis waren mehrere hunderttausend Tote und Verwundete und das Ausbleiben nahezu sämtlicher Geländegewinne. Das bekannte Muster der folgenden Jahre, Trommelfeuer, hohe Verluste beim Angriff, hohe Verluste beim Gegenangriff, war bereits in diesem Jahr voll wirksam. Denn unter Generalstabschef von Falkenhayn praktizierte die deutsche Seite eine Taktik, die gleichfalls außerordentlich verlustreich war: Jeder Gebietsverlust, und war er auch noch so marginal, musste unter allen Umständen vermieden, jeder Streifen verlorenen Landes sofort zurückerobert werden.

Zugleich etablierten sich in diesen Grabenkämpfen jetzt schon jene Lebensbedingungen, die in der Rückschau den Ersten Weltkrieg recht eigentlich kennzeichneten: Die Trias von Wasser, Ratten und Läusen, der Übergang zu Kampfesweisen, die modern und förmlich mittelalterlich zugleich waren: Zum einen war die Artillerie das dominierende Waffensystem. Rund drei Viertel aller Kriegsopfer wurden von Granaten zerrissen oder starben in Unterständen, die die Granaten verschüttet hatten. Gleichzeitig gingen sich die Soldaten im Nahkampf buchstäblich an die Gurgel: Das Gewehr als ihr gewissermaßen herkömmliches Handwerkszeug erwies sich in der Relation von instrumentellem Aufwand und Effekt als relativ wenig wirkungsvoll. Vielmehr wurde die verheerende Wirkung des Maschinengewehrs, das in immer neuen und in immer leichteren Varianten an die Front gelangte, zur eigentlichen Chiffre für das Kampfgeschehen. Die damals viel beschworene „Leere des Schlachtfeldes“, das Verschwinden des Menschen von der Oberfläche, war vor allem durch die Wirkung der Maschinengewehrgarben beeinflusst worden. Das Maschinengewehr führte auch zu sozialen Prozessen: Um diese Waffe gruppierte sich eine Funktionsgruppe von drei bis vier Soldaten, dann durch weitere im Umfeld auf etwa sieben bis zwölf ergänzt, die das eigentliche soziale Kernelement der gesamten Kriegsführung wurden. Hier fanden dann auch soziale Durchmischungen statt. Man kann dies in Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ anhand der Begegnung von Arbeitern, Bauern und Gymnasiasten exemplarisch nachlesen. Die Offiziere, auch die Reserveoffiziere aus dem Zivilleben, nahmen an diesem sozialen Basisleben offenkundig nicht unmittelbar teil. Und hinter der Front, in der Etappe, führten sie ohnehin weitgehend eine Sonderexistenz mit sehr viel besseren hygienischen Bedingungen, besser geschnittenen Uniformen, deutlich höherwertiger Verpflegung und einem anders strukturierten Sozial- und Intimleben. Solange der Krieg vom Gros der Soldaten als hinreichend begründet und ergebnisoffen eingeschätzt wurde, wurden diese Differenzen noch hingenommen. Nach der Peripetie des Sommers 1918 an der Westfront (s. u.) trugen sie freilich erheblich zu jenem massenhaften Rückzug aus dem Kampfgeschehen bei, der heute zumeist unter dem Begriff „Militärstreik“ firmiert.

Die Fronten waren ein kommunikativ hochgradig vernetztes System: Hauptinformationsmittel war das Telefon; da vor allem durch Artilleriebeschuss die Kabel immer wieder zerrissen wurden, mussten sie gerade in den gefährlichsten Situationen stetig geflickt werden. Das Telefon hatte zugleich auf die große Entfernung schlagartig enorme Bedeutung erlangt: Die Oberste Heeresleitung führte die Fronten, Heeresgruppen und Armeen in aller Regel mit diesem Instrument. Weiterhin kamen Meldehunde, vielfach Brieftauben und Meldegänger zum Einsatz. Dagegen spielte der Funkverkehr im unmittelbaren Frontgeschehen noch kaum eine Rolle.

Mittelalterlich war die Kampfesweise dann, wenn die Soldaten, was sich an der Westfront, aber auch in den Alpen vielfach ereignete, bei Angriff und Verteidigung, Angriff und Gegenangriff unmittelbar aufeinander prallten. Dann gingen sie mit Handgranaten, mit dem Bajonett und schließlich mit dem Spaten aufeinander los. Eng ineinander verkeilt verbluteten nicht selten Soldaten beider Seiten im Schlamm.

Planungen für 1916

Zwar hat es zwischen der deutschen und der österreichisch-ungarischen Führung in den Jahren 1914 und 1915 vielerlei Missverständnisse, Reibungsverluste und Konflikte gegeben, aber die Zusammenarbeit hatte, durch die Geographie auf der „inneren Linie“ bevorzugt, immerhin noch deutlich besser funktioniert als zwischen Alliierten und Russland. Um hier bessere Bedingungen zu schaffen, fand im französischen Hauptquartier Chantilly vom 6. bis 8. Dezember 1915 eine Konferenz statt. Die Alliierten beabsichtigten, im nächsten Jahr möglichst gleichzeitig offensiv zu werden, Briten und Franzosen an der Somme, Italiener in den Alpen und die Russen gegenüber Österreich-Ungarn. So sollten die Mittelmächte daran gehindert werden, ihre Potenziale auf der „inneren Linie“ je nach Dringlichkeit zu verschieben.

Hinzu kam, dass die Alliierten gegenüber Deutschland in eine immer günstigere personelle Situation gerieten: Hatte man in Deutschland 1914/15 den Zuwachs durch Ersatz- und Freiwilligenformationen noch relativ bedenkenlos an den Fronten einsetzen können, so wurden allmählich die Grenzen des eigenen Potenzials erkennbar. Hingegen war 1916 vor allem das Jahr, in dem die Vervielfachung der britischen Armee durch den massenhaften Eintritt von Freiwilligen (angeblich bis zu 3 Millionen) immer deutlicher spürbar wurde. Zwar ging Großbritannien im Januar 1916, erstmals in seiner Geschichte, zum Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht über. Aber in diesem Jahr selbst sollten vor allem noch die „Kitchener-Jungs“, nach dem britischen Kriegsminister benannt, zum Einsatz gelangen. Dabei hatte man auf britischer Seite zugesichert, „diejenigen, die sich zusammen freiwillig meldeten, würden auch zusammen dienen.“[71] So zogen ganze Belegschaften von Industriebetrieben und Dorfgemeinschaften gemeinsam in den Krieg. Aus Mitarbeitern der Hafenbetriebe und der Maklerfirmen in Liverpool wurden beispielsweise vier Bataillone gebildet. Dieses System stärkte die soziale Kohärenz, konnte sich aber regional und lokal dann im Land verheerend auswirken, wenn ganze Einheiten wie bei der Schlacht an der Somme (s. u.) vernichtet wurden.

Auf deutscher Seite hatte sich zunächst Generalstabschef von Falkenhayn mit der Überlegung durchgesetzt, dass nach den Erfolgen des Jahres 1915 im Osten hier mit weiteren, wirklich kriegsentscheidenden Entwicklungen nicht gerechnet werden könne. Uferlosen Feldzugsplänen, die bis auf Petrograd oder Moskau zielten, widersetzte er sich prinzipiell. Da Großbritannien der Hauptgegner sei, gelte es, dessen wichtigsten Verbündeten, Frankreich, so zu schwächen, dass es desillusioniert am Krieg nicht mehr teilnehmen könne. Dann, so diese Überlegung, werde auch Großbritannien friedensbereit werden. Aus dieser Deduktion entstand das Konzept der Schlacht von Verdun. Verdun war eine jener Festungen, durch die Frankreich sich nach den Gebietsverlusten von 1871 an Deutschland gegen eine Invasion hatte sichern wollen. Es war somit integraler Bestandteil des Festungsgürtels, den der frühere Generalstabschef von Schlieffen als unüberwindbar eingeschätzt und weswegen er den Plan einer Invasion Frankreichs über belgisches Gebiet entwickelt hatte. Freilich ging es Falkenhayn, jedenfalls nach der herkömmlichen Einschätzung,[72] nicht so sehr um die Eroberung der Stadt mit ihren Forts beiderseits der Maas, sondern um ein wechselseitiges Abringen beider Armeen, bei dem sich die physisch stärkere durchsetzen, die physisch schwächere erschöpfen werde. Selbst wenn man an diesem Punkt nicht die Frage nach moralischer Legitimation stellt, denn diese wäre dann auch noch sehr viel grundsätzlicher und im Lichte der ganzen vorausgegangenen Entwicklungen zu stellen, bleiben einige über unmittelbare militärische Operationstechnik hinausweisende Befunde: Offenkundig liegt hier ein sozialdarwinistisches Bild von Menschen und menschlichen Gesellschaften zugrunde, von den Deutschen als dem stärkeren und härteren, den Franzosen als dem zahlenmäßig geringeren und weicheren, Volk und diese Übermacht gelte es bedenkenlos auszunutzen. Die Eskalation eines brutalisierten Gegeneinanders zeigte sich auch daran, dass die deutsche Seite in Verdun erstmals intensiv den „Flammenwerfer“ einsetzte. Sein aus einem Benzingemisch genährter Feuerstrahl verbrannte Menschen in kürzester Zeit auf Entfernungen von 10–20 Meter und sollte vor allem auch zu Panik und psychischem Kollaps führen. Das zweite Moment ist das des zumindest teilweisen Verlassens der Bahnen herkömmlichen strategischen Denkens in Deutschland: Hatten bisher Grundsätze gegolten wie Marschieren heißt Blut sparen, ging es um gewissermaßen technisch elegante Lösungen des einander Überflügelns und Paralysierens, wobei die Vernichtung des Gegners bereits freilich stets mitbedacht war – hier gibt es eine Parallele –, so wurde nun die hoffentlich stärkere eigene feuernde Masse gegen die feuernde Masse des Gegners gesetzt. Ein anderer Gesichtspunkt mochte sein, dass der alte Clausewitzsche Gedanke der Stärke von Verteidigung, in den Anfängen des Ersten Weltkrieges vielfach ignoriert und doch durch die Wirkung von Artillerie und Maschinengewehren wie nie zuvor bestätigt, bei einem Verfahren wie dem von Falkenhayn vorgeschlagenen wenigstens teilweise zu Geltung gebracht werden konnte: Denn wenn es wesentlich um ein wechselseitiges Abringen beider Seiten, um die Herstellung eines blutigen Saldos eigener und gegnerischer Verluste, ging, dann lagen Angriff und Verteidigung begrifflich nicht mehr allzu weit auseinander.

Dass es jetzt von deutscher Seite eine andere Art von Krieg, vorsätzlich noch barbarischer und extremer, geben sollte, wurde wie durch eine Chiffre auch an einem neuen optischen Element buchstäblich sichtbar, dem neuen deutschen Stahlhelm. Seine Einführung war naturgemäß zunächst durch Zweckmäßigkeitsüberlegungen veranlasst: Er konnte, wenn es gut ging, zumindest vor Granatsplittern schützen. Aber der Stahlhelm avancierte eben sehr schnell, bis über den Zweiten Weltkrieg hinweg, zum Ausdruck für ein überhartes, (pseudo)männliches, verschlossen-entschlossene Soldatsein, er war auch optisch so etwas wie die Absage an plurale Zivilisation, stand im Zweiten Weltkrieg ganz im auffälligen Gegensatz zu dem lässig nach oben geschobenen, deutlich runderen amerikanischen Helm, der dann auch zunächst für die „Bürger in Uniform“ der Bundeswehr ab 1955 übernommen wurde.

Dass der Stahlhelm eben nicht nur Ausrüstung per se war, erhellt auch aus einer Bemerkung Ernst Jüngers, in dessen ‚Stahlgewittern‘ Realismus und Glorifizierung eine seltsame Symbiose eingingen: „Ein Gefechtsläufer aus einem württembergischen Regiment meldete sich bei mir (…). Dies war der erste deutsche Soldat, den ich im Stahlhelm sah, und er erschien mir zugleich als der Bewohner einer neuen, geheimnisvollen und härteren Welt.“ Und aus diesem Munde heißt es dann: „‚Wer fällt, bleibt liegen. Da kann keiner helfen. Niemand weiß, ob er lebend zurück kommt. Jeden Tag wird angegriffen, doch durch kommen sie nicht. ‚Jeder weiß, dass es auf Tod und Leben geht.‘ Nichts war in dieser Stimme zurückgeblieben als eine große und männliche Gleichgültigkeit. Mit solchen Männern kann man kämpfen.“[73]

– Fortsetzung in der folgenden Ausgabe –

 

Fußnoten

[33] Zur inneren Entwicklung in Deutschland mit starker Gewichtung der unmittelbar politischen Vorgänge Peter Graf Kielmannsegg: Deutschland und der Erste Weltkrieg, Stuttgart 21980. Roger Chickering: Das Deutsche Reich und der Erste Weltkrieg, München 2002. Ferner für alle einschlägigen Aspekte: Enzyklopädie Erster Weltkrieg, hg. v. Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz in Verbindung mit Markus Pöhlmann, Paderborn u. a. 2003.

[34] Vgl. dazu, wenn auch unter Vorbehalten, die offizielle Darstellung des Reichsarchivs: Der Weltkrieg 1914–1918, Bd. IV, Der Marne-Feldzug, Berlin 1926, mit der Entscheidung Moltkes, zur berühmten Inspektion der Situation der deutschen Armeen Oberstleutnant Hentsch zu entsenden, S. 312: „Für den Generalobersten v. Moltke hatte mit der Abfahrt des Oberstleutnant Hentsch am 8. September, 11.00 Uhr vormittags eine Zeit aufreibender Ungewissheit und qualvollen Wartens begonnen. Infolge seines Verbleibens weit hinten im großen Hauptquartier beraubte er sich der Möglichkeit, selbst auf den Gang der Ereignisse bestimmend einzuwirken.“ Nachdem die hier gar nicht zu bewertende Entscheidung, die deutschen Armeen zurückzunehmen, im Zusammenhang mit der Mission Hentsch gefallen war, suchte Moltke erst am 11. und 12. September die einzelnen Hauptquartiere auf, kam nicht nur seelisch, sondern auch körperlich gebrochen zurück und wurde durch Falkenhayn ersetzt, ohne dass die Öffentlichkeit einstweilen davon erfahren durfte. Den Akt der Selbstaufopferung beschrieb Moltke dann in seinen Erinnerungen, zit. nach Reichsarchiv/Marne-Schlacht, S. 483 f. Dieser Akt verkrüppelter Selbsterniedrigung wird hier bemerkenswert schonungslos berichtet: „Ich sagte dem Kaiser, dass ich glaube, es werde in der Armee und im Ausland keinen guten Eindruck machen, wenn ich unmittelbar nach dem Rückzug der Armee fortgeschickt werde. General von Falkenhayn trat dieser Ansicht bei. Der Kaiser meinte darauf, Falkenhayn solle als Oberquartiermeister fungieren, und ich solle „pro forma“ bleiben. Falkenhayn erklärte, er könne die Operationen nur übernehmen, wenn er völlig freie Hand habe. Ich konnte dies nur anerkennen. So blieb ich im großen Hauptquartier, während mir alles aus der Hand genommen wurde, und ich ohne allen Einfluss als Zuschauer dastand. Das wird vielleicht niemand verstehen. Ich habe dies Martyrium auf mich genommen und die weiteren Operationen mit meinem Namen gedeckt, des Landes wegen und um dem Kaiser zu ersparen, dass von ihm gesagt werde, er habe seinen Generalstabschef fortgeschickt, sobald der erste Rückschlag eintrat. Ich wusste, welche unheilvollen Folgen das haben müsste (…). Das Martyrium, das ich getragen habe, war groß. Ich glaubte, es dem Kaiser und dem Lande schuldig zu sein. Wenn ich falsch gehandelt habe, möge Gott mir verzeihen . . .“.

 

[35] Vgl. Holger Afflerbach: Falkenhayn. Politisches Denken und Handeln im Kaiserreich, München 1996.

[36] Vgl. Stephan Malinowski: Vom König zum Führer. Sozialer Niedergang und politische Radikalisierung im deutschen Adel zwischen Kaiserreich und NS-Staat, Berlin 2003, insbesondere S. 170 ff.

[37] Zit. nach Gerald Feldman: Die Mobilisierung der Volkswirtschaften für den Krieg, in: Der Erste Weltkrieg und das zwanzigste Jahrhundert, hg. v. Jay Winter, Geoffrey Parker und Mary R. Habeck, Hamburg 2000, S. 167–186, hier S. 170.

[38] Als Fußnote sei noch hinzugefügt, dass Rathenau nach seiner Militärdienstzeit 1890/91 wegen seiner jüdischen Abstammung nicht zum Offiziersexamen als Reserveoffizier zugelassen worden war. Am 24. Juni 1922 wurde der nunmehrige Reichsaußenminister Rathenau Opfer eines Anschlags von Angehörigen der deutschvölkischen, antisemitischen und nationalistischen Organisation Consul.

[39] Zu den entsprechenden Anstrengungen vgl. Margit Szöllösi-Janze: Fritz Haber 1886–1934. Eine Biographie, München 1998, S. 256 ff. Gottfried Plumpe: Die IG-Farbenindustrie. Wirtschaft, Technik und Politik 1904 bis 1945, Berlin 1990, S. 40 ff.

[40] Zit. nach Szöllösi-Janze, S. 325.

[41] Kielmannsegg, Erster Weltkrieg, S. 166.

[42] Geary a.a.O., S. 148.

[43] Susanne Ruette: Frauenarbeit, Geschlechterverhältnis und staatliche Politik, in: Eine Welt von Feinden. Der Große Krieg 1914 bis 1918, hg. von Wolfgang Kruse, Frankfurt/Main 1997, S. 92–126, hier S. 103.

[44] Vgl. Ute Daniel: Frauen, in: Enzyklopädie, S. 116–134.

[45] Norbert Elias: Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt/Main 1989, S. 61 ff.

[46] Michael Jeismann: Propaganda, in: Enzyklopädie a.a.O., S. 198–209, hier: S. 204.

[47] Vgl. Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, Berlin 1928, S. 168 f. Ausgangspunkt ist ein Gespräch im Soldatenkreis, bei dem die These vertreten wird, Kriege entstünden durch wechselseitige „Beleidigungen“ von Ländern. „Doch Tjaden stellt sich dickfellig. Ein Land? Das verstehe ich nicht. Ein Berg in Deutschland kann doch einen Berg in Frankreich nicht beleidigen (…) ‚Bist du so dämlich, oder tust du nur so?‘ Stopp, so meine ich das doch nicht. Ein Volk beleidigt das andere –‚ ‚dann habe ich hier nichts zu suchen‘, erwidert Tjaden, ‚ich fühle mich nicht beleidigt.‘ […] ‚Richtig. Aber bedenk’ mal, dass wir fast alle einfache Leute sind. Und in Frankreich sind die meisten Menschen doch auch Arbeiter, Handwerker oder kleine Beamte. Weshalb soll nun wohl ein französischer Schlosser oder Schuhmacher uns angreifen wollen? Nein, das sind nur die Regierungen. Ich habe nie einen Franzosen gesehen, bevor ich hierher kam, und den meisten Franzosen wird es ähnlich mit uns gehen. Die sind ebenso wenig gefragt wie wir.‘ […] ‚Ich glaube, es ist mehr eine Art Fieber‘, sagt Albert. ‚Keiner will es eigentlich und mit einem Mal ist es da. Wir haben den Krieg nicht gewollt, die anderen behaupten dasselbe – und trotzdem ist die halbe Welt feste dabei.‘ ‚Drüben wird aber mehr gelogen als bei uns‘, erwiderte ich, ‚denk mal an die Flugblätter der Gefangenen, in denen stand, dass wir belgische Kinder fräßen. Die Kerle, die so was schreiben, sollten sie aufhängen. Das sind die wahren Schuldigen.‘ Müller steht auf. ‚Besser auf jeden Fall, der Krieg ist hier als in Deutschland, seht euch mal die Trichterfelder an!‘ ‚Das stimmt‘, pflichtet selbst Tjaden bei, ‚aber noch besser ist gar kein Krieg.‘ Er geht stolz davon, denn er hat es uns Einjährigen nun mal gegeben. Und seine Meinung ist tatsächlich typisch hier, man begegnet ihr immer wieder und kann auch nichts Rechtes darauf entgegnen . . .“

[48] Diese Phobien steigerten sich dann noch in der Nachkriegszeit, als französische Kolonialtruppen auch bei der Besetzung des Rheinlandes und bei der zeitweiligen Intervention im Ruhrgebiet zum Einsatz gelangten. Nicht wenige Plakate zeichneten archaisch gemalte, grausame Schwarze, die einen Schatten auf die Rheinbrücken und auf den Kölner Dom, die Ikone des deutschen Westens, werfen.

[49] Beim Sykes-Picot-Abkommen vom 3. Januar 1916 erhielt Frankreich „die (…) Küstenregion, einschließlich des Libanons, sowie eine exklusive Einflusszone bis einschließlich der ölreichen Provinz Mossul. Großbritannien erhielt die Provinzen Bagdad und Basra mit einer angrenzenden Einflusszone westlich davon sowie die Mittelmeerstützpunkte Akka und Jaffa. (…) Im Binnenland sollten ein oder mehrere arabische Königreiche gebildet werden. (…) Vgl. Enzyklopädie, S. 916.

[50] Enzyklopädie, S. 366.

[51] Zur russischen Kriegszielpolitik vgl. Horst Günther Linke: Russlands Weg in den Ersten Weltkrieg und seine Kriegsziele 1914 bis 1917, in: Der Erste Weltkrieg, a.a.O., S. 54–94, insbesondere S. 74: „In einer Denkschrift vom 27. Februar 1915 kam der russische Generalstab zu dem Schluss, strategische Gründe erforderten eine dauerhafte Festsetzung nicht nur an den Meerengen, sondern auch in Konstantinopel.“

[52] Vgl. zum romantisch-orientalischen Bild des Osmanischen Reiches den Reisebericht des späteren preußischen Generalstabschefs Helmuth von Moltke: Unter dem Halbmond. Erlebnisse in der alten Türkei 1835–1839, Nachdruck der 3. Auflage von 1877, Stuttgart, Wien und Bern 1997. Moltke führte wohl die erste preußische Militärmission im Osmanischen Reich durch, der bis hin zu Liman von Sanders am Vorabend des Ersten Weltkrieges noch mehrere folgen sollten. Zu seiner Zeit war es auch noch ein Stück Abenteuerurlaub.

[53] Vgl. Artikel Armenier in: Enzyklopädie, a.a.O., S. 341 ff.

[54] Artikel Armenier, a.a.O., S. 343.

[55] Zit. nach Hans-Werner Neulen: Adler und Halbmond: Das deutsch-türkische Bündnis 1914–1918, TB-Ausgabe Frankfurt/Main, Berlin 1994, S. 197.

[56] Zit. nach Neulen, Adler, S. 199.

[57] Vgl. William Manchester: Winston Churchill. Der Traum vom Ruhm 1874 bis 1932, München 1989, S. 648 ff.

[58] Vgl. Oskar Ritter von Niedermayer: Im Weltkrieg vor Indiens Toren. Der Wüstenzug der deutschen Expedition nach Persien und Afghanistan, neu herausgegeben von Matthias Friese und Stefan Geilen als ‚Deutsche in Afghanistan. Die Abenteuer des Oskar von Niedermayer am Hindukusch‘, Reprint der Originalausgabe von 1925, Köln 2002.

[59] Nach dem Krieg gehörte Niedermayer zum geopolitischen Kreis um Prof. Karl Haushofer, publizierte über die Ethnien und Kulturen zwischen Bagdad und Kabul, habilitierte sich über „Wachstum und Wanderung im russischen Volksköper“, wurde im Zweiten Weltkrieg Kommandeur einer aus nordkaukasischen turkstämmigen Freiwilligen gebildeten Division, nach dem 20. Juli 1944 aus der Wehrmacht ausgestoßen und im Wehrmachtsgefängnis Torgau festgesetzt. Ende April 1945 von der Roten Armee festgenommen, wurde er zu 25 Jahren Haft verurteilt und starb im September 1948 in der Nähe von Moskau.

[60] Dass das faschistische Italien ein viertel Jahrhundert später diese axiomatische strategische Einsicht nicht beherzigte und sich 1940 auf die Seite des vermeintlichen Kriegsgewinners Deutschlands ziehen ließ, wurde ihm dann auch zum Verhängnis.

[61] Vgl. Gerd Fesser: Reichskanzler Fürst von Bülow. Architekt der deutschen Weltpolitik, Berlin 2003, S. 160 ff. Und Bülow: Denkwürdigkeiten, III, S. 204 ff.

[62] Vgl. Kielmannsegg, S. 70 ff.

[63] Der Weltkrieg 1914–1918, Bd. II „Die Befreiung Ostpreußens, Berlin 1925, S. 326 f.

[64] Andreas Kosserts: Masuren. Ostpreußens vergessener Süden, Berlin 2001, S. 240.

[65] Zit. nach Rauchensteiner, Tod des Doppeladlers, S. 214.

[66] Vgl. Vejas Gabriel Liulevicius: Kriegsland im Osten. Eroberung, Kolonisierung und Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg, Hamburg 2002 und ders., Artikel Oberost in Enzyklopädie a.a.O., S. 253 f.

[67] Art. Polen in Enzyklopädie, S. 777–779, hier S. 778.

[68] Zit. nach Janusz Piekalkiewicz: Der Erste Weltkrieg, Nachdruck Augsburg 1994, S. 572.

[69] Art. U-Boot-Krieg in: Enzyklopädie a.a.O., S. 931.

[70] John Keegan: Der Erste Weltkrieg. Eine europäische Tragödie, TB-Ausgabe, Berlin 2000, S. 258 f.

[71] Keegan, a.a.O., S. 387.

[72] In der jüngeren Forschung wird hingegen der Gesichtspunkt betont, Falkenhayn habe bei den ursprünglichen Planungen im Spätherbst 1915 durchaus die Eroberung der Stadt und einen Durchbruch durch die Front an dieser Stelle beabsichtigt. Das hätte aber von vorneherein einen konzentrischen Angriff auf die Stadt beiderseits der Maas, sowohl von Norden als auch von Osten, erfordert. Tatsächlich aber wurde der Angriff dann zunächst auf einer Breite von 13 Kilometern kompakt vorgetragen. In dieser Konstellation ging es somit wesentlich um die unmittelbare Konfrontation der beiderseitigen Streitkräfte mit den erhofften Folgen. Vgl. Art. Verdun in Enzyklopädie, S. 942–945.

[73] Ernst Jünger: In Stahlgewittern. Ein Kriegstagebuch, Berlin 18 1937, S. 97 f.

 

 

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