Veranstaltungshinweis
Zeitgeschichtliches Symposium in Nürnberg
Schlüsseljahr 1944: Terror, Untergang – Perspektiven
19.–21. November 2004
Das Jahr 1944 sieht den Zweiten Weltkrieg in Europa in aufs Extreme gesteigerten Dimensionen – nicht so sehr, was die unmittelbaren strategischen Perspektiven und Abläufe anlangt.
Hier sind die wesentlichen Klärungen bereits 1942/1943 erfolgt und hier bezeichnet das Jahr 1944 eine Phase, in der sich das NS-Reich bereits vollständig in der Defensive befindet.
1944 steht aber vor allem für weitere und äußerste Zivilisationsbrüche, für ein Regime, das aus der bewussten Kenntnis wie auch nur aus der Ahnung herannahenden Untergangs bedenkenlos Menschen in größtmöglicher Zahl quält und ermordet, um seine ideologische Identität wie sein pures Überleben für einen noch möglichst großen Zeitraum zu erhalten. Zugleich bezeichnet das Jahr 1944 aber auch eine Phase, in der die künftigen Sieger bereits Interessen und Positionen für die Zeit nach dem Kriegsende bestimmen, Pläne und Lösungen entwerfen. Aus der Rückschau wird dabei klar, dass unterschiedliche machtpolitische und ideologische Positionen schon jetzt Voraussetzungen schufen, aus denen dann drei bis vier Jahre später der Kalte Krieg hervorgehen sollte.
1944 selbst war freilich diese Zukunft noch etwas ganz Unwirkliches und Fernes. Der Holocaust, die Vernichtung des europäischen Judentums, wurde unvermindert weitergeführt. Sein letzter Akt war die Ermordung der ungarischen Juden nach der deutschen Okkupation ihres Landes von Frühjahr bis Ende 1944. Gleichzeitig wurde zunehmend „Vernichtung durch Arbeit“ praktiziert. Deutschland erreichte trotz aller Rückzüge an den Fronten und trotz der immer verheerenderen Wirkungen des Bombenkrieges erst im Sommer 1944 den Höhepunkt seiner Rüstungsproduktion. Hier spielte auch der stetig brutaler, im unmittelbaren Sinne immer mörderischer werdende Einsatz von Zwangsarbeitern nicht nur für die laufenden Produktionen, sondern insbesondere auch für die Anlage neuer, vielfach unterirdischer Fabrikationsstätten so genannter „Wunderwaffen“ eine zentrale Rolle.
Als entscheidende Zäsur im politisch-militärischen Gesamtgeschehen gilt gemeinhin, bis heute medial intensiv vermittelt, der „D-Day“, die Landung der Alliierten am 6. Juni des Jahres in der Normandie und die damit beginnende Befreiung Frankreichs und Westeuropas. Ohne den D-Day zu relativieren, muss man ihn freilich in eine Gesamtschau der vielfach verknüpften Ereignisse und Prozesse einfügen. 1944 erfolgten die Befreiung großer sowjetischer und polnischer Gebiete von den deutschen Eroberern, der Abfall der Verbündeten Deutschlands im gesamten Bogen von Finnland bis Rumänien, schließlich die Räumung Griechenlands und die Befreiung nicht nur von Paris, sondern auch von Rom. Am 1. August 1944 beginnt der Warschauer Aufstand, eine der großen Manifestationen freiheitlichen Aufbegehrens gegen Versklavung in der europäischen Geschichte. In diesem Jahr kollabiert somit wesentlich jenes gewalttätige Imperium, das das nationalsozialistische Deutschland von 1940 bis 1942 auf dem europäischen Kontinent errichtet hatte. Und 1944 ist natürlich auch jenes Jahr, in dem der Widerstand in Deutschland schließlich in der blutig fehlgeschlagenen Staatsstreichaktion vom 20. Juli kulminiert. Auch wenn viele der Beteiligten nicht als unmittelbare Ahnen der künftigen grundgesetzlichen Ordnung gelten können, steht ihr Handeln doch für die unverbrüchliche Geltung von Recht und Moral und damit für Fundamente späterer, neu und wieder gefasster deutscher Staatlichkeit.
In der Geschichte sind Makro- und Mikroebenen vielfach miteinander verklammert. Politische Entscheidungen bewegen sich nicht im luftleeren Raum, sondern sind von den Lebensbedingungen abhängig. Und umgekehrt beeinflussen Vorgaben der politischen und im Kriegsfall der militärischen Führungen nicht nur die unmittelbaren Existenzen; sie prägen auch Wahrnehmungen und Erwartungen, Klima und Kommunikation vor Ort. Was für Normalzeiten gilt, trifft in gesteigerter Form auf Phasen von dramatischer Dichte, von Unterdrückung und Befreiung, von äußerster Angst und Freude zu. Was spielte sich 1944 an den verschiedensten Orten, in großer und kleiner Dimension, in Europa ab, gab es noch alte politische Traditionsbestände aus der Zeit vor der Diktatur und wie reagierten die Menschen auf die Entwicklungen, mit denen sie konfrontiert waren?
Auch diese Fragen gilt es zu behandeln. Es versteht sich von selbst, dass die Veranstalter dieses Symposiums, die Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, die Stiftung Bayerische Gedenkstätten und das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg, bei den hier zu untersuchenden Themen ein besonderes Schwergewicht gerade auf bayerische Fragen legen, auf die Lage an verschiedenen Orten in diesem Land, wie insbesondere auch auf die für 1944 wesentlichen Entwicklungen in den beiden Konzentrationslagern auf bayerischem Boden, Dachau und Flossenbürg, mit ihren jeweiligen Außenlagern. Man kann aus Geschichte nicht mit der Intention unmittelbarer Übertragung und Anwendung in künftigen Konstellationen lernen. Gleichwohl ist die Wahrnehmung und stete Analyse von Geschichte eine unersetzliche Voraussetzung dafür, sich das Wissen über die Grundlagen unserer Existenz, Urteilskraft und ein moralisch gefestigtes Bewusstsein anzueignen. In dieser Hinsicht ist die Auseinandersetzung mit dem Jahr 1944 in Europa unabdingbar.
Sie sind zur Teilnahme an diesem Symposium herzlich eingeladen.
Dr. Peter März
Bayerische Landeszentrale
für politische Bildungsarbeit
Prof. Andreas Heldrich
Stiftung Bayerische Gedenkstätten
Hans-Christian Täubrich
Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg
Tagungsort:
Dokumentationszentrum
Nürnberg, Bayernstraße 110,
90471 Nürnberg,
Tel.: 09 11 / 2 31 84 09
Veranstalter:
Bayerische Landeszentrale
für politische Bildungsarbeit
Brienner Straße 41
80333 München
Tel.: (0 89) 21 86-21 71/21 76
Fax: (0 89) 21 86-21 80
Anmeldung:
Interessierte Teilnehmer richten bitte ihre schriftliche Anmeldung an die Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit
Frau Marion Childs, E-Mail:
marion.childs@stmuk.bayern.de
Anmeldeschluss ist der 16. Oktober 2004
Ein Teilnehmerbetrag in Höhe von 100,– € , ermäßigt 50,– € ist bei Beginn der Tagung in bar zu entrichten. Reisekosten werden nicht ersetzt. Dieser Beitrag inkludiert Unterkunft und Verpflegung. Die Hoteladresse wird noch mitgeteilt.
Freitag, 19. November 2004
13.30 Uhr
Eröffnung, Begrüßung
14.00 Uhr bis 15.30 Uhr
Prof. Dr. Manfred Görtemaker (Potsdam):
Das Jahr 1944 aus welthistorischer Perspektive
16.30 Uhr bis 19.00 Uhr
John Zimmermann
(Fürstenfeldbruck):
Militärpolitische Entwicklungen in Europa und die Strukturen der Nachkriegsordnung
PD Dr. Marc Frey (Köln):
Die Dekolonisierungsfrage
Prof. Dr. Wlodimierz Borodzjei (Warschau):
Der Warschauer Aufstand und die Haltung der Westalliierten wie der sowjetischen Regierung
Dr. Heinrich Schwendemann
(Freiburg):
„Ganz Deutschland soll eine Festung werden“. Die Vorbereitung des nationalsozialistischen „Volkskrieges“ im Osten
20.00 Uhr
Empfang durch die Stadt Nürnberg/Stiftung Bayerische Gedenkstätten
Samstag, 20. November 2004
09.00 Uhr bis 10.30 Uhr
Dr. Brigitte Mihok (Berlin):
Ungarisch-jüdische KZ-Häftlinge in der deutschen Rüstungsindustrie 1944
Dr. Jens-Christian Wagner
(Nordhausen):
Die Entgrenzung des KZ-Systems
11.00 Uhr bis 12.30 Uhr
Dr. Barbara Distel (Dachau):
Das Konzentrationslager Dachau 1944
Jörg Skribeleit (Flossenbürg):
Das Konzentrationslager Flossenbürg 1944
14.00 Uhr bis 16.00 Uhr
Steffen Prauser (Florenz):
Rom/Paris
Dr. Paul Kohl (Berlin):
Verbrannte Erde – verbrannte Menschen. 2. Juli 1944: Die „Beschleunigte Räumung von Minsk“
Dr. Otmar Trasca (Cluj-Napoca):
23. August 1944. Das Ende der deutsch-rumänischen „Waffenbrüderschaft“ und der Kampf um die Hauptstadt Bukarest
16.30 Uhr bis 19.00 Uhr
Dr. Dietmar Süß (München):
Krieg, Kommune, Katastrophe: München 1944
PD Dr. Manfred Kittel (München):
Die Region Ansbach 1944 –
nationalprotestantisches Milieu am Ende?
Klaus-Peter Gäbelein
(Herzogenaurach):
Das Jahr 1944 in einer katholischen fränkischen Kleinstadt
Sonntag, 21. November 2004
09.00 Uhr bis 10.30 Uhr
PD Dr. Ekkehard Klausa (Berlin):
Widerstand und Nachkriegsordnung
Dr. Hermann Graml (München): Westalliierte Planungen über die Neuordnung Deutschland
10.45 Uhr bis 12.15 Uhr
Prof. Dr. Gerhard Wettig:
Stalins Pläne für die Sowjetisierung Polens und Deutschlands
Prof. Dr. Yesahayahu
(Beer-Sheva):
Vaadat Tichon, 1944
12.15 Uhr
Ende der Veranstaltung