BLZ-REPORT

Die Bayerische Landeszentrale berichtet
Beilage der Bayerischen Staatszeitung   |   Redaktion: Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Inhalt der Ausgabe 04/03

Gespräch mit Jack Terry: „Die Zivilisation ist ein ganz dünner Firnis über der menschlichen Natur“ mehr...

Eröffnung der Ausstellung „Nie wieder ...“ im Gymnasium Herzogenaurach: Nachkriegsdeutschland und der Holocaust mehr...

Politische Bildung auf neuen Wegen: Netzwerk Politische Bildung in Schwaben mehr...

Peter März

Eröffnung der Ausstellung „Nie wieder . . .“ im Gymnasium Herzogenaurach:

Nachkriegsdeutschland und der Holocaust

Die Ausstellung, die auf der gleichnamigen Publikation von Martin Gilbert (Propyläen-Verlag) beruht, dokumentiert auf knappem Raum und zugleich sehr eindrucksvoll das einzigartige Geschehen des Holocaust und versetzt so insbesondere Schülerinnen und Schüler in die Lage, das angebotene Material zum Ausgangspunkt für weitere Recherchen und Reflexionen zu machen. Die Ausstellung wird derzeit an verschiedenen bayerischen Gymnasien gezeigt. Für April 2004 ist ein abschließendes Symposion von Landeszentrale, Kulturreferat der Landeshauptstadt München, Jüdische Buchhandlung von Rachel Salamander in München und Propyläen-Verlag vorgesehen, bei dem Schüler, Lehrer, Medienexperten und Didaktiker gemeinsam die Frage erörtern werden, wie pädagogisch mit dem Holocaust und zugleich mit dem Auftrag an die politische Bildung umzugehen ist, alles für humane Bedingungen unserer Existenz zu tun.

I. Die unfassbare Dimension

Es gibt Ereignisse, über die vermeintlich alles gesagt ist oder doch war. Und dann reißen mit einem mal Barrieren ein, dann melden sich neue Generationen an Forschern, gleichermaßen und gleichbedeutend aber auch an interessierten Bürgerinnen und Bürger zu Wort, dann werden Perspektiven gewechselt, dann gibt es neue Klärungen und auch Facetten. Aber gleichwohl bleibt der Umgang mit dem Holocaust wie das möglichst tief reichende Einlassen auf ihn so schwierig wie schwer. Allein der Begriff „Holocaust“ ist ja keine Selbstverständlichkeit; die überlebenden Juden und ihre Nachfahren sprechen von Shoah. Und „Holocaust“ verdankt seine Verbreitung bekanntlich der gleichnamigen Fernsehserie von Ende der siebziger Jahre. Und ganz allgemein wird man sagen müssen, dass es einen Begriff, der das vor 60 Jahren Geschehene wirklich fasst, wohl gar nicht geben kann, wie ja auch das ‚Ausweichen‘ auf die Literatur und ihre Formen der Spiegelung immer nur Annäherungen oder Variationen zeitigen kann, denken wir nur an Paul Celans ‚Todesfuge‘, an Peter Weiß’ ‚Ermittlung‘, sozusagen die Inanspruchnahme des Auschwitz-Prozesses für das dokumentarische Theater, oder – auch dies hat wohl ein Stück literarischen Anspruchs – Marcel Reich-Ranickis Erinnerungen an die Zeit im Warschauer Ghetto. Die „Todesfuge“ wurde vielleicht deshalb zu so etwas wie dem nationalen Gedicht über den Mord an den Juden, weil sie den deutschen faustischen Urmythos vom positiven, vom gestaltenden Menschen in Beziehung zu diesem nationalen Elementarverbrechen setzte. 1)

Manche stellen die Frage nach einem Zuviel an nationaler Kommunikation über den Holocaust. Die Frage ist wohl falsch, vielfach gewiss auch vorsätzlich falsch, gestellt. Nur wenn wir – und lassen Sie mich das gleich am Anfang sagen – diesem Kainsmal unserer nationalen Geschichte nicht ausweichen, es auch nicht irgendwohin zu transferieren versuchen, in eine Europäisierung oder Globalisierung, in die Bezirke bestimmter administrativer exekutiver Gruppen und negativer Eliten ohne Bezug zur weiteren Bevölkerung, nur dann können wir überhaupt erst ein Verhältnis zum Geschehen auf der Zeitachse, ein Verhältnis zu unserer Geschichte gewinnen. Und erst vor diesem Hintergrund legitimieren sich Differenzierungen, Kontinuitäten und Diskontinuitäten, begründete positive Hervorhebungen zu unserer nationalen, europäisch-umgebenen Geschichte, ob im Blick auf die intellektuellen Anstrengungen der Reformation, die Poetik und Ästhetik der Klassik, die technisch-organisatorischen Leistungen des Industriezeitalters, die sittlichen Grundlagen des deutschen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus und die beiden großen Kraftanstrengungen gegen die kommunistische Diktatur in der DDR 1953 und 1989.

II. Anfänge der Wahrnehmung und Erforschung des Holocausts

Die Landeszentrale hat sehr gerne das Angebot des Propyläen-Verlages aufgenommen, dessen Veröffentlichung Martin Gilbert: Nie wieder! 2), durch reiche Bebilderung und Datierung didaktisch besonders eingängig, zur Grundlage einer Ausstellung zum Thema zu machen. Diese, die derzeit durch eine Reihe bayerischer Gymnasien „wandert“, beansprucht selbstverständlich nicht, den Forschungsstand in seiner Breite zu repräsentieren oder gar alle wichtigen Aspekte zum Thema der Vernichtung des Europäischen Judentums aufzubereiten. Gleichwohl ergibt sich ein weitgehend vollständiges, dazu jedenfalls dem aktuellen Forschungsstand in hohem Maße gerecht werdendes Gesamtbild von der Kultur des europäischen Judentums und den Anfängen des Nationalsozialismus bis zum letzten Schritt im Gesamtprozess des Holocausts, der Vernichtung der ungarischen Juden im Laufe des Jahres 1944. 3)

Wenn wir heute den Blick zurückwerfen auf die Geschichte der Wahrnehmung des Holocausts wie seiner Erforschung, dann haben wir es mit einer sehr schwierigen, durchaus nicht linearen Entwicklung zu tun.

Die Tatsache der Vernichtung des europäischen Judentums, über die von den Alliierten bei ihrem Vordringen nach Mitteleuropa und bei ihrer Befreiung der Konzentrationslager gewonnenen Erkenntnisse zu nationalsozialistischen Massenmorden hinaus, lag in ihrer Dimension bereits durch die beim Nürnberger Prozess 1945/46 und durch weitere Aussagen gewonnenen Erkenntnisse eindeutig zu Tage. Beispielhaft sei hier nur auf die Aussagen und Zeugnisse des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß verwiesen. Und es ist auch nicht so, dass der Holocaust, wie es erst sehr viel später hieß, in den Anfängen der Nachkriegszeit und zu Beginn der Geschichte der Bundesrepublik einfach ignoriert worden wäre. Das nationalsozialistische Verbrechensgeschehen wurde von Konrad Adenauer schon 1946 sehr umfassend beschrieben 4), während ihm wiederum der Oppositionsführer Kurt Schumacher in der Debatte um die erste Regierungserklärung 1949 vorwarf, den umfassenden Mord an sechs Millionen Juden nicht ausdrücklich erwähnt zu haben. Eine politische Konsequenz dieser frühen Phase war das Luxemburger Abkommen von 1952 mit dem Staat Israel und der Jewish Claims Conference (JCC), das als ein in den Grenzen des Möglichen Sühneabkommen konzipiert war. 5)

Trotzdem bleibt unbestreitbar, dass sich die westdeutsche Öffentlichkeit wie auch die Zunft der Historiker in dieser Zeit bei der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus vornehmlich anderen Themen zuwandten, insbesondere dem Übergang von der Weimarer Republik zum Dritten Reich, der aggressiven Außenpolitik Deutschlands bis 1939 und jener Linie des Widerstandes, die im Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 kulminierte. Der Fokus der Diktatur, das von ihr exekutierte idealtypisch Böse, der Holocaust, wurde relativ wenig erfasst. Hermann Lübbe 6) hat – im Gegensatz zu Alexander Mitscherlichs Formel von der „Unfähigkeit zu Trauern“ – für diese Zeit von einem legitimen „Beschweigen“ gesprochen. Auf uns Heutige mag das durchaus missverständlich, ja auf manche relativierend wirken. Trotzdem sollte man sich wohl auch mit der These auseinandersetzen, dass eine Population wie die deutsche und parallel dazu die österreichische nicht zu vergessen, ein Stück Zeit brauchte, um sich auf die Dimension dessen, was an Verbrechen geschehen war, wirklich einlassen zu können, wobei sich die Wahrnehmungsabläufe zwischen Deutschland und Österreich nach 1945 gravierend unterschieden. Denn aus Gründen der Staatsräson hatte Österreich sich über Jahrzehnte ganz als ‚Opfer‘ der NS-Aggressionspolitik dargestellt, 7) was es wohl völkerrechtlich durch die deutsche Okkupation 1938, wohl aber keineswegs politisch, kulturell und moralisch war. 8)

III. Die Entwicklungen der fünfziger bis siebziger Jahre

Ob man nun von einer Zeit der relativen Stille sprechen und wie immer man sie auch beurteilen mag, Tatsache ist jedenfalls, dass in die westdeutsche Wahrnehmung des Holocausts gegen Ende der fünfziger Jahre Bewegung kam: 9) Hannah Arendt, die Beobachterin des Eichmann-Prozesses in Jerusalem, spricht im Blick auf Eichmann von der „Banalität des Bösen“, von der Erscheinung des mediokren Bürokraten also, dem nichts erkennbar Böshaftes anhaftet, der technokratisch-funktional agiert habe. Im Gefolge führte vor allem der Auschwitz-Prozess zu einer intensivierten öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Holocaust und man mag in ihm heute auch eine Wegmarke zum vielfach erst späteren „Faschismus“-Vorwurf der 68er gegen die Vätergeneration sehen. Die sicher auch im Oberstufenunterricht der Gymnasien intensiv geführte Diskussion über die durch die 68er erreichte gesellschaftliche Modernisierung, gewissermaßen ihren gesellschaftlichen Mehrwert, ist hier nicht das Thema. Klar wird heute aber jedenfalls, dass der Faschismusvorwurf gegen die bürgerliche, die kapitalistische Gesellschaft an einem archimedischen Punkt die eigentlich notwendige Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus weitgehend verfehlte: Am Punkt des Antisemitismus selbst. Hier gibt es zweifellos auch eine Berührung mit der Fortführung antisemitischer Stereotype im Gewande eines gegen den Staat Israel gerichteten Antizionismusvorwurfs der DDR, sukzessive seit Anfang der fünfziger Jahre, verstärkt nach dem 6-Tage-Krieg von 1967, der für die DDR wie für Teile der 68er in Westdeutschland die eindeutige Parteinahme für die PLO Yasser Arafats mit sich brachte. 10)

Wo liegt hier eigentlich das Problem?

In seiner kürzlich erschienenen Studie „Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung“ zeigt Nicolas Berg 11), dass ein nach marxistischen Kategorien strukturierter Antifaschismus, also ganz auf den Klassenkampf hin fixiert, die Eigenart der Einordnung wie Verfolgung des jüdischen Bevölkerungsteils in Deutschland wie im übrigen Europa gar nicht wahrnehmen konnte und wollte. Denn die Juden verkörperten und verkörpern eben keine soziale Klasse oder Schicht, sie waren und sind auch heute vor allem Teile des Bürgertums in seinen verschiedensten Ausprägungen. Als solche standen sie aber, vielfach Freiberufler, Hochschullehrer, in intellektuellen Berufen und in angesehenen gesellschaftlichen Positionen, quer zum Klassenkampfdogma der kommunistischen Linken.

Die Überwindung dieser Position, in Westdeutschland wie aus verschiedenen Gründen jedenfalls ansatzweise noch kurz vor dem Ende der DDR auch in Ostdeutschland – insbesondere um für diesen maroden Staat in den USA und Israel Reputation zu gewinnen –, dieser Prozess hat naturgemäß Einiges mit der sich seit Mitte der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts anbahnenden Zäsur in Europa, mit dem Verschwinden des Kalten Krieges und dem Untergang der kommunistischen Ordnungen zu tun. Wichtig sind aber auch einige weitere, innerwissenschaftliche Entwicklungen und hier nähern wir uns dem, was zum heutigen Forschungsstand und damit zur Materialgrundlage dieser Ausstellung zu sagen ist:

Seit den sechziger Jahren hatten sich unter den westdeutschen Historikern und Politikwissenschaftlern bei der Analyse des Nationalsozialismus und insbesondere auch des Holocausts zweierlei so genannte Schulen entwickelt:

IV. Klarlegen des Singulären durch Vergleich

Die Wende in Europa 1989/90 fügte dem Gegensatz von Intentionalisten und Strukturalisten noch einen weiteren Aspekt hinzu: Es ging nämlich darum, ob und wie man den Mord an den Juden mit anderen Genoziden, mit anderen massenhaften, politisch bzw. ideologisch begründeten Mordaktionen, vergleichen dürfe. Dabei wurde vielfach der Unterschied zwischen „Gleichsetzen“ und „Vergleichen“ verkannt bzw. nivelliert. Wer etwas vergleicht, wird im Regelfall gar nicht davon ausgehen, dass seine Betrachtungsgegenstände vollständig oder nahezu identisch sind, sonst könnte er sich dieses Verfahren ja auch ersparen. Vergleichen hebt vielmehr auch auf das Herausfinden und Markieren von Unterschieden ab. Insofern kann auch der Vergleich zwischen dem Holocaust, dem stalinistischen Archipel Gulag in der Sowjetunion und etwa auch den Armeniermorden in der osmanischen Türkei während des Ersten Weltkrieges, dem ersten großen Völkermord in Europa während des 20. Jahrhunderts, sinnvoll und legitim seien. Sinnvoll und legitim freilich nur dann, wenn nichts eingeebnet und bagatellisiert wird, sondern wenn vielmehr die Unterschiede im historischen Prozess zu Tage treten: Im Falle des Holocausts insbesondere jene Singularität, jene Einzigartigkeit, die sich mit der Vernichtungsambition gegen eine vollständige, religiös bzw. ethnisch definierte Bevölkerung in Deutschland und Europa verbindet, wobei eben diese Ambition der umfassenden, fabrikmäßig durchzuführenden Tötung, ohne jegliche Differenzierung das nun wirklich historisch Einzigartige ist. Den Begriff der „Fabrikation von Leichen“ hat im Übrigen Hannah Arendt bereits Jahrzehnte vor dem Einschnitt 1989/90 im Fernsehinterview mit Günter Gaus geprägt und damit jenen Punkt beschrieben, „womit wir alle nicht mehr fertig werden.“ 13)

Angesichts dieser Spezifik wie auch vor dem Hintergrund der ideologischen Anfänge des Nationalsozialismus greifen im Übrigen auch jene billigen Apologien, jene vordergründigen Entschuldigungsversuche nicht, wie sie sich etwa mit dem Namen des Historikers Ernst Nolte verbinden: Es war eben keineswegs so, dass der Nationalsozialismus eine mehr oder wenige plausible Reaktion auf die bolschewistische – in NS-Lesart jüdisch-bolschewistische – Revolution in Russland und die auch physische Vernichtung der aristokratisch-bürgerlichen Gesellschaft dort ab 1917 war. In Wirklichkeit verhielt es sich so, dass das antisemitische Weltbild auch und gerade in Deutschland und Österreich mindestens seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entwickelt war. Dazu schreibt der Historiker Andreas Wirsching: „Das Entstehen des Kommunismus bestätigte lediglich das bereits längst vorgeformte ideologische Freund-Feind-Schema der Völkischen . . .“ 14) Der Gesamtzusammenhang ist dabei, dass die totalitären Ideologien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – insbesondere Marxismus-Leninismus, Faschismus, Nationalsozialismus – sämtlich in inhumanen Leitbildern wurzelten, die bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts ausgeformt waren: Kollektivismus, Uniformität im menschlichen Zusammenleben, Instrumentalisierung des einzelnen Menschen für pseudoreligiös überhöhte Weltanschauungen, dazu auf der rechten bzw. rechtsextremen Seite des politischen Spektrums Sozialdarwinismus und Rassegedanken. 15)

V. Gegenwärtige Forschungswege

Jenseits des immer unergiebiger werdenden Gegensatzes von „Intentionalisten“ und „Strukturalisten“ hat die historische Forschung des letzten Jahrzehnts zum Holocaust, in teilweise vorbildlicher internationaler Kooperation, nicht zuletzt im Dreieck Deutschland, USA und Israel, unsere Erkenntnisstände in ganz außerordentlicher Weise befruchtet:

Nehme ich die genannten Aspekte zusammen, dann ergibt sich heute eine völlig neue Darstellungstiefe und Interpretationsbreite des Holocausts, ohne dass die historiographische Arbeit bereits freilich umfassend geleistet wäre.

VI. Schlussfolgerungen für die politische Bildung

Lassen Sie mich mit zwei gerade für die politische Bildungsarbeit wesentlichen Aspekten schließen:

Ein letzter Gesichtspunkt, der auch zur Tätigkeit der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit zurückführt:

Geschichte wirkt zunächst als Ding an sich, als Vergangenes, als so jedenfalls in Duplizität nicht wieder eintretendes Geschehen. Man kann nicht Lehren aus der Geschichte ziehen, wie man verschriebene Rezepte anwendet. Man darf Geschichte auch nicht zu vordergründigen tagespolitischen Zwecken instrumentalisieren, sonst banalisiert man sie und am Ende hat sie ihre Wirkung eingebüßt, wenn es um tatsächlich Grundsätzliches geht. Aber Geschichte ist eben auch nicht ein akademisch-entferntes Glasperlenspiel. Geschichte schärft Urteilskraft und befestigt moralische Maßstäbe – jedenfalls soll und muss sie es tun, wie schon Thukydides, der reflexive Ahnherr der abendländischen Historiographie, im berühmten Melierdialog über die Vergewaltigung einer kleinen Stadt durch das imperiale Athen vor knapp zweieinhalb Tausend Jahren gezeigt hat. Schon damals ging es darum, dass der Anspruch aller auf Existenz und Freiheit moralisch begründet ist, nicht aber eine Herrschaftsambition, die sich auf das vermeintliche ‚Recht‘ des Stärkeren und auf sonst nichts stützt. Rassismus und Sozialdarwinismus waren damals freilich noch kein Thema. Aber Geschichte bietet über die ganze, sich uns erschließende Strecke jedenfalls auch eine Fülle an Beispielen dafür, wie man richtig und falsch, wie man gut und böse handeln kann. Das heißt – und dies gesteigert im Blick auf das heutige Thema: Der Holocaust und die Gesamtheit der NS-Verbrechen bleiben Auftrag und Verpflichtung, für eine humane Gegenwart und Zukunft zu sorgen. Die Landeszentrale sieht auch und gerade vor diesem Hintergrund das von ihr inspirierte und in Auftrag gegebene Forschungsprojekt an der Freien Universität Berlin, den Grad an Bürgertugenden, den Zivilisierungsgrad in vier vergleichbaren deutschen Kleinstädten zu untersuchen, gerade unter der jungen Generation, die nicht nur zwischen Ost und West in Deutschland, sondern auch zwischen Nord und Süd gesplittet sind. Wir werden im Herbst die Ergebnisse vorlegen können und hoffen, dass diese Untersuchung, die dann in ganz Bayern kostenlos zur Verfügung stehen wird, und die sich daraus ergebenden Konsequenzen das ihre zur politischen Kultur im Lande beitragen können. 22)

Insofern ist der Titel dieser Ausstellung „Nie wieder“ eben auch alles andere als eine Floskel, sondern sehr konkreter und bleibender Handlungsauftrag in einer Welt, die sich nach wie vor schwer tut, menschliches Leben und menschliche Würde als die wirklich zentralen Kriterien unserer Existenz zu akzeptieren und zu befördern.

Peter März

1) Vgl. FAZ, 25. 06. 2003, S. N 3 Briefe von Celan und Adorno: „Die ‚Todesfuge‘ lebt von der kaum erträglichen Spannung zwischen dem wiegenden Rhythmus der Sprache und dem äußersten Grauen des Geschehens. Emblematisch für die Vernichtungspolitik wurde die Zeile ‚Der Tod ist ein Meister aus Deutschland‘. Die Formulierung traf die Deutschen an ihrem empfindlichsten Punkt: An dem ihres Arbeitsethos, des Qualitätsprodukts, der Wertarbeit und der Meisterschaft, der Meistersinger und Meister Eckarts. Nun stand das Wort ‚Meister‘, kraft dichterischer Autorität, für das Mordprogramm.“

2) Martin Gilbert: Nie wieder! Die Geschichte des Holocaust, deutsche Ausgabe, Berlin, München 2001; als Gesamtdarstellung weiter u. a. Peter Longerich: Politik der Vernichtung. Eine Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Judenverfolgung, München 1998.

3) Christian Gerlach, Götz Aly: Das letzte Kapitel. Der Mord an den ungarischen Juden, Stuttgart, München 2002.

4) Vgl. eine briefliche Äußerung von Konrad Adenauer, Schreiben vom 23. Februar 1946 an Pastor Bernhard Custodis in Bonn: „Nach meiner Meinung trägt das deutsche Volk und tragen auch die Bischöfe und der Klerus eine große Schuld an den Vorgängen in den Konzentrationslagern (. . .). Das deutsche Volk, auch Bischöfe und Klerus zum großen Teil, sind auf die nationalsozialistische Agitation eingegangen. (. . .). Im übrigen hat man aber auch gewußt – wenn man auch die Vorgänge in den Lagern nicht in ihrem ganzen Ausmaße gekannt hat –, daß die persönliche Freiheit, alle Rechtsgrundsätze, mit Füßen getreten wurden, daß in den Konzentrationslagern große Grausamkeiten verübt wurden, daß die Gestapo, unsere SS und zum Teil auch unsere Truppen in Polen und Rußland mit beispiellosen Grausamkeiten gegen die Zivilbevölkerung vorgingen. Die Judenpogrome 1933/1938 geschahen in aller Öffentlichkeit.“ Schreiben Nr. 169, in: Adenauer, Rhöndorfer Ausgabe, Briefe 1945 bis 1947, bearb. von Hans-Peter Mensing, Berlin 1983, S. 172.

5) Vgl. Niels Hansen: Aus dem Schatten der Katastrophe. Die deutsch-israelischen Beziehungen in der Ära Konrad Adenauer und David Ben Gurion, Düsseldorf 2002.

6) Hermann Lübbe: Der Nationalsozialismus im deutschen Nachkriegsbewußtsein, in: HZ 236, 1983, S. 579–599.

7) Vgl. für die deutsch-österreichischen Beziehungen in den ersten zwanzig Jahren der Nachkriegszeit Matthias Pape: Ungleiche Brüder. Österreich und Deutschland 1945–1965, Köln, Weimar, Wien 2000.

8) Man denke nur an den hohen Anteil ‚österreichischer‘ Akteure an der Durchführung des Holocausts.

9) Vgl. dazu Ulrich Brochhagen: Nach Nürnberg. Vergangenheitsbewältigung und Westintegration in der Ära Adenauer, Hamburg 1994.

10) Zur antizionistischen Politik der DDR, die aus prinzipiellen ideologischen wie auch aus politisch-opportunistischen Gründen jede Wiedergutmachung an Israel wie nahezu jede Wiedergutmachung an die Juden selbst ablehnte, vgl. Stefan Meining: Kommunistische Judenpolitik. Die DDR, die Juden und Israel, Münster u. a. 2002.

11) Nicolas Berg: Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung, Göttingen 2003.

12) Ohne hier für eine dieser beiden Richtungen sozusagen Partei ergreifen zu wollen, scheint mir doch bemerkenswert, wie früh bei Adolf Hitler selbst das brutale Eliminierungs-, auf Deutsch schlicht Vernichtungsdenken gegenüber den Juden manifest wurde, eben nicht einfach eine kulturell-habituelle Aversion. So plädierte er bereits in seinen Anfängen als öffentliche Figur, bei einer Rede am 13. August 1920 im Münchner Hofbräuhaus, für ein „Entfernen“ der Juden als sozusagen therapeutische Maßnahme. Mag man hier noch an eine Alternative zwischen Ausweisen und Ermorden denken, so wurde er im selben Jahr in einem kleineren Kreis in Salzburg noch eindeutiger: „Denn denken Sie nicht, daß Sie eine Krankheit bekämpfen können, ohne nicht den Erreger zu töten, ohne den Bazillus zu vernichten, und denken Sie nicht, daß Sie die Rassentuberkulose bekämpfen können, ohne zu sorgen, daß das Volk frei wird von dem Erreger der Rassentuberkulose. Das Wirken der Juden wird niemals vergehen, und die Vergiftung des Volkes wird nicht enden, so lange nicht der Erreger, der Jude, aus unserer Mitte entfernt ist (Beifall).“ Zit. nach Klaus Holz: Nationaler Antisemitismus. Wissensoziologie einer Weltanschauung, Hamburg 2001, S. 419. Natürlich bereitet das Interpretieren von Worten, vor allem das Hören und Lesen zwischen Zeilen, immer Schwierigkeiten. Trotzdem: Mindestens die Perspektive für ein ganz umfassendes und extremes Handeln, daher gewiss auch die Metaphorik mit dem Krankheitsherd, im Sinne des Vernichtens scheint hier seit Beginn der politischen Existenz Hitlers angebahnt.

13) Die entsprechende Textpassage hat folgenden Wortlaut: „Das Entscheidende ist ja nicht das Jahr 33, jedenfalls für mich nicht. Das Entscheidende ist der Tag gewesen, an dem wir von Auschwitz erfuhren. (. . .) Das war 1943 und erst haben wir es nicht geglaubt. (. . .) Das ist der eigentliche Schock gewesen. (. . .) Das war wirklich, als ob der Abgrund sich öffnet. Weil man die Vorstellung gehabt hat, alles andere hätte irgendwie noch einmal gutgemacht werden können, wie in der Politik ja alles einmal wiedergutgemacht werden kann. Dies nicht. Dies hätte nie geschehen dürfen. Und damit meine ich nicht die Zahl der Opfer. Ich meine die Fabrikation von Leichen (. . .) dies hätte nie geschehen dürfen. Da ist irgend etwas passiert, womit wir alle nicht mehr fertig werden. (. . .) Das war etwas ganz anderes. Mit allem anderen konnte man auch persönlich fertig werden. (. . .) Was immer 33 geschehen ist, ist eigentlich – angesichts dessen, was dann später geschah – unerheblich.“ Zit. nach Berg, Holocaust, S. 469.

14) Andreas Wirsching: Vom Weltkrieg zum Bürgerkrieg? Politischer Extremismus in Deutschland und Frankreich 1918 bis 1933/39. Berlin und Paris im Vergleich, München 1999, S. 618.

15) Dazu immer noch am besten Karl Dietrich Bracher: Zeit der Ideologien. Eine Geschichte politischen Denkens im 20. Jahrhundert, Stuttgart 1982.

16) Vgl. Christian Gerlach: Krieg, Ernährung, Völkermord. Studien zur nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, Hamburg 1998. Christopher R. Browning: Der Weg zur Endlösung! Entscheidungen und Täter, Bonn 1998.

17) Christopher R. Browning: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die ‚Endlösung‘ in Polen, Reinbeck bei Hamburg 1953; zu weiteren Klärungen hat ja insbesondere auch die zweite Fassung der sog. Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung beigetragen. Vgl. weiter das laufende ‚Wehrmachtsprojekt‘ des Instituts für Zeitgeschichte.

18) Vgl. Christian Gerlach: Kalkulierte Morde. Deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941 bis 1944, Hamburg 1999.

19) Ulrich Herbert: Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903 bis 1989, Bonn 1996.

20) Michael Wildt: Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2002; ders. (Hg.): Nachrichtendienst, politische Elite, Mordeinheit. Der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, Hamburg 2003. Lässt man sich im Übrigen einmal, die Historiker nennen das kontrafaktisch, also gegen den tatsächlichen Geschehensablauf, auf die Hypothese einer längeren Fortdauer des nationalsozialistischen Dritten Reiches ein, dann erscheint dieses administrative Segment als das der dann wahrscheinlich das System (mit)tragenden Säule.

21) Vgl. dazu die Ausführungen in Berg, Holocaust, S. 614.

22) Vgl. die Ende 2003 bei der Landeszentrale erscheinende Untersuchung ‚Rechtsextremismus und Jugendgewalt in Deutschland: ein Ost-West-Vergleich‘.

 

 

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