Peter März
Torgau an der Elbe.
Deutscher Geschichtsort des Jahres 2004 mit Bezügen
vom 16. bis zum 20. Jahrhundert
Wer in Deutschland an die zentrale politische und religiöse Weichenstellung
der Reformation denkt, hat Wittenberg, den Ort des lutherschen Thesenanschlages,
Worms, die Stadt, wo es zur Konfrontation zwischen Luther und Kaiser
Karl V. kam, und Augsburg, den Platz des Religionsfriedens von 1555,
im Blickpunkt. Wer hingegen an die sächsische Kleinstadt Torgau,
knapp 50 Kilometer östlich von Leipzig an der Elbe gelegen,
denkt, richtet sein historisches Erinnern primär auf das Zusammentreffen
amerikanischer und sowjetischer Streitkräfte Ende April 1945 an
diesem Ort.
Freilich findet der Reisende, den es im Sommer 2004 mehr oder weniger absichtlich in diese Kleinstadt verschlägt, sehr viel mehr vor als ein in Machart und Diktion noch ganz typisches Denkmal aus den Zeiten der kommunistischen Diktatur, das den Sieg der Roten Armee bejubelt und, schon um einige Grade kühler, auch den Beitrag der westlichen Alliierten zur Niederwerfung Hitlerdeutschlands erwähnt.
Torgau war zentraler Ort der Reformation in Deutschland und vom Ende
des 15. bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts mit seinem Schloss
Hartenfels Sitz der sächsischen Kurfürsten. Hier findet bis
zum 10. Oktober dieses Jahres die 2. Sächsische Landesausstellung „Glaube
und Macht. Sachsen im Europa der Reformationszeit“ statt. Die Ausstellung
leistet, didaktisch gut gemacht und mit zahlreichen Originalexponaten,
darunter einem Exemplar des Augsburger Religionsfriedens von 1555, mehrerlei:
Sie zeigt
zum einen die tiefe spirituelle und intellektuelle Krise in
der Mitte Europas am Übergang zur frühen Neuzeit und zum anderen
die Rolle eines der politisch wie ökonomisch bedeutendsten deutschen
Territorien in dieser Zeit, des sächsischen Kurfürstentums,
das freilich durch die Teilung in zwei Linien, die „albertinische“ und
die „ernestinische“ (mit vor allem Gebieten im heutigen Thüringen)
1485 auch eine wesentliche Schwächung erfuhr. Auch für politische
Bildung, die an sich das 15. und 16. Jahrhundert naturgemäß nicht
durchgängig im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen hat, gibt es hier
eine Fülle an Mehrwert: Der Besucher gewinnt Erkenntnisse über
die Beziehungen zwischen religiöser und politischer Welt, über
Glaubensnöte und Orientierungsprobleme, über Machtpolitik in
einem komplizierten mitteleuropäischen Mehrebenensystem. Hinzu kommt
die Tatsache, dass die Glaubensspaltung in Deutschland, anders als in
Frankreich, Spanien, England und Italien, wo sich am Ende jeweils eine
Konfession als die dominante durchsetzte, anhaltend blieb. Sie prägte
in Deutschland bis ins 19. und 20. Jahrhundert hinein Gegensätze
zwischen Nord und Süd und war zentraler Faktor für die Ausbildung
politischer Mentalitäten und Kulturen wie für das Wahlverhalten
im Land.
Wer diese Ausstellung in Schloss Hartenstein besucht, wird aber unversehens
auch mit ganz unmittelbarer deutscher Zeitgeschichte konfrontiert: Torgau
war als alte sächsische Festung Wehrmachtsgefängnis und ab
1943 Sitz des Reichskriegsgerichtes, das vor den Bombenangriffen in Berlin
hierhin auswich. Hier wurde scheinjuristische Disziplinierung durch die
inflationäre Verhängung von Todesurteilen geübt. Dabei
ging es nicht nur um geringfügige Abweichungen von vorgegebenen
Befehlen, sondern insbesondere auch um Vergeltung an Menschen, deren
Gewissensqualen ihnen die weitere Mitwirkung am „Kriegshandwerk“ nicht
mehr erlaubten. Das betraf etwa viele Zeugen Jehovas und nicht wenige
Deserteure.
Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes führte die sowjetische Besatzungsmacht die Torgauer Einrichtungen (Fort Zinna) als Internierungslager fort. Heute weiß man, dass in diesen Internierungslagern, die in nicht wenigen Fällen – der prominenteste ist Buchenwald – in Kontinuität zu früheren Konzentrationslagern standen, Zehntausende von Menschen elend ums Leben kamen. Hier waren eben nicht nur frühere NS-Funktionäre inhaftiert, sondern auch Demokraten aus CDU und SPD, die die Durchsetzung einer kommunistischen Diktatur nicht mittragen wollten, ferner viele Jugendliche, die als angebliche Werwölfe belangt wurden. Ab 1950 trat in Torgau an die Stelle des sowjetischen Internierungslagers ein DDR-Gefängnis, in dem ähnlich wie in Bautzen und Halle („Roter Ochse“) auch zahlreiche politische Dissidenten unter härtesten Bedingungen inhaftiert waren. Die totalitäre Zeitgeschichte am Ort Torgau wird in einer Ausstellung gleichfalls in Schloss Hartenstein eindrucksvoll vorgestellt. Freilich haftet dieser Präsentation auch noch der Charakter des Vorläufigen an – im Gedenkstättenpapier der CDU/CSU-Bundestagsfraktion (vgl. dazu Bewertung in BLZ-Report 2/04) wird Torgau auch als eine der Einrichtungen gesehen, die noch einer weiteren wissenschaftlichen Fundierung und Ausgestaltung bedürfen. Aber gerade für den historisch Interessierten hat es naturgemäß einen ganz eigenen Reiz, hier eine Art „work in progress“ kennen zu lernen.
In jedem Fall sei Torgau mit diesen beiden, thematisch-konzeptionell so eindrucksvoll ausgerichteten Darstellungen jedem empfohlen, der die sommerliche Urlaubszeit des Jahres 2004 ein Stück weit auch reflexiv und problemorientiert gestalten möchte.