BLZ-REPORT

Die Bayerische Landeszentrale berichtet
Beilage der Bayerischen Staatszeitung   |   Redaktion: Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Inhalt der Ausgabe 03/2004

Neuerscheinung: „Die politische Ordnung in Deutschland“
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Peter März:
Zwischen dem langen 19. Jahr-
hundert und dem kurzen 20. Jahrhundert: Der Erste Weltkrieg mehr...

Peter März:
Torgau an der Elbe
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Studien- und Informationsfahrt
in die Pfalz
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Monika Franz:
Fundamente europäischer
Identität, Teil II
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Nachgefragt: Nationalstaatlicher Gestaltungsspielraum im Rahmen der EU
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Peter März:
Zwischen dem langen 19. Jahrhundert und dem kurzen 20. Jahrhundert: Der Erste Weltkrieg

 

I. Das Neue

Nahezu hundert Jahre liegen zwischen dem Zusammenbruch des napoleonischen Imperiums, das letztlich an überdehnter Machtprojektion gescheitert war, und dem Ausbruch des ersten großen Weltkonfliktes im Industriellen Zeitalter. Zahlensymbolik darf man nicht überstrapazieren, aber unbestreitbar ist zugleich, dass es sich hier jeweils um tiefe Einschnitte in die europäische und schließlich in die Weltgeschichte handelt. Sie betreffen mehr als jeweils ein Land und eine Großmachtauseinandersetzung. Und wenn auch die Unterschiede die Analogien überwiegen mögen, spricht doch vieles zumindest für eine Annahme, für die Vermutung nämlich, dass sich in beiden Fällen, in der europäischen Auseinandersetzung mit dem napoleonischen Frankreich wie im Konflikt der Westmächte und Russlands mit Deutschland und seinen Verbündeten – die hier deutlich zurücktraten – jeweils das klassische europäische Muster bestätigte, dass der Kontinent keinen und schon gar keinen ambitionierten, lautstarken und aggressiven Hegemon verträgt.[1]

Freilich die Unterschiede:
Noch bei Waterloo kämpften 1815 Heere von jeweils gut einhunderttausend Mann in farbigen Uniformen auf Sichtweite miteinander, attackierte Kavallerie mit Säbeln und Lanzen Infanteriehaufen, die kompakt Mann an Mann standen, um sich einigermaßen schützen zu können. Schon im 30-jährigen Krieg hatte es so sehr viel anders nicht ausgesehen. Und noch im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 gab es ähnliche Szenen, so beim deutschen Kavallerieangriff bei Mars la Tour, den Ferdinand Freiligrath in Lyrik kleidete, und beim vergeblichen Versuch französischer Reiterschwadronen, den deutschen Belagerungsring um Sedan zu sprengen.

Nun, 1914, war alles anders: Die Maschinerie des Industriellen Zeitalters ließ Millionenheere aufeinander losmarschieren, die nach festen, fahrplanartigen Kriegsplänen ihre Feldzüge begannen. Der das Zeitalter dominierende Glaube an das Beherrschbare und Kalkulierbare, mechanistisch und positivistisch, entlud sich in einer völlig neuartigen Kriegsdimension.

Gewiss hatte es für einen derartigen Maschinenkrieg der Millionen bereits ansatzweise Vorläufer gegeben: In der zweiten Hälfte des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71, als Frankreich, das seiner regulären Armeen beraubt war – eine war in Sedan gefangen genommen worden, die andere hatte in der Festung Metz kapituliert – zur Massenmobilisierung überging und Deutschland dagegen notgedrungen die letzten Reserven einzog, so dass beide Seiten etwa eine Million Soldaten gegeneinander einsetzten, mehr noch aber freilich im Amerikanischen Bürgerkrieg von 1861 bis 1865: Hier bestätigte sich schon die Befürchtung mancher preußischer Generalstäbler aus den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts, dass Kriege in neuer Größenordnung nicht in kurzen Feldzügen zu Ende zu bringen seien: Bei der neunmonatigen Belagerung der konföderierten Festung Petersburg, die Richmond, die Hauptstadt der Südstaaten deckte, wurden die Schrecken des Stellungskrieges an der Westfront des Ersten Weltkrieges zumindest ansatzweise vorweggenommen. Beim Zug der Armee des Nordstaaten-Generals Sherman durch Georgia 1864 fand schon das Konzept Anwendung, die Potenziale des Gegners im Hinterland zu vernichten, welchen wirtschaftlichen und zivilisatorischen Preis dies auch immer verlangen möge.[2] Zumindest ansatzweise wird man ferner zwischen den Armeen, die im Amerikanischen Bürgerkrieg aufeinander trafen, und der Armee der französischen Dritten Republik, die 1914 gegen Deutschland mobil gemacht wurde, eine gesellschaftspolitische Parallele sehen können: Auch der französische Offizier musste offenkundig wie der amerikanische seine Leute in einem höflichen Ton bitten, Befehle auszuführen, wie es einer bürgerlichen Republik eher entsprach. Bei den französischen Herbstmanövern des Jahres 1910 registrierte ein deutscher Beobachter verwundert den Ton, in dem ein französischer Kompaniechef seinen Soldaten befahl, sich hinzulegen, die wegen der Feuchtigkeit des Bodens keine Neigung dazu verspürten: „Legen Sie sich nieder, ich bitte Sie darum!“[3] In vielerlei anderer Hinsicht überwogen freilich die Parallelen zwischen deutscher und französischer Armee: Trotz mancher Bedenken huldigten beide Seiten einem atavistischen Offensivdenken, das die Feuerkraft der neuen Waffensysteme – rückstoßfreie Geschütze, Maschinengewehre, Mehrladegewehre unter Verwendung von rauchlosem Pulver – durch mentale Dispositionen, man kann auch sagen einem blinden Angriffsgeist, zu kompensieren suchte. Die optische Entsprechung für diese Auffassung waren die farbenprächtigen Manöver der Zeit, nicht nur die Kaisermanöver in Deutschland, sondern auch die Vorführungen der französischen Armee wie der russischen Streitkräfte in der Nähe von Sankt Petersburg. All diese Präsentationen dienten zugleich mehr der optischen Befriedigung des eigenen Großmachtsanspruches und der theatralischen Zurschaustellung der militärischen Kaste als professionellen militärischen Übungszwecken. Eher verblüffend ist nur, dass dabei das republikanische Frankreich ähnlich agierte wie das kaiserliche Deutschland. Hier kam freilich noch die ganz persönliche Profilneurose Wilhelms II. hinzu. Bis wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg pflegte er persönlich eine Partei zu führen, die selbstredend nicht verlieren konnte. Generalstabschefs, wie Graf Waldersee, die diesen Stil zu kritisieren wagten, konnte dies die Stellung kosten, selbst wenn besagter Waldersee sich kurz zuvor beim Sturz Bismarcks 1890 in den kaiserlichen Augen große Verdienste erworben hatte.

II. Wandel in der europäischen Mächtestruktur

Zentrale Frage ist nach wie vor nicht so sehr, warum die europäischen Großmächte 1914 einen Krieg gegeneinander aufnahmen, dessen Regeln und Tragweite, vor allem im ökonomischen Bereich, sie sich überhaupt nicht klar gemacht hatten. Die Kernfrage lautet vielmehr nach wie vor, ob es denn tatsächlich so kommen musste, ob zumindest seit der zweiten Marokkokrise 1911/12, in der Deutschland und Frankreich hart aneinander geraten waren und mehr oder weniger offen Kriegsdrohungen gegeneinander ausgesprochen hatten, die Entwicklung unabweisbar zum Konflikt führte und ob dieser tatsächlich wesentlich von Deutschland herbeigeführt wurde. Sucht man die Konfliktstruktur zu erfassen, die zum Ersten Weltkrieg führte, dann tut man wiederum gut daran, ein Jahrhundert zurückzublicken: An den Wiener Kongress hatte sich die Etablierung der Heiligen Allianz angeschlossen, die christlich-patriarchalisch grundierte Verbindung der drei noch mehr oder weniger absolutistisch regierten Oststaaten Russland, Österreich und Preußen. Mit dem österreichischen Staatskanzler Metternich als Mediator stimmten sie auf Kongressen – 1818 in Aachen, 1820 in Troppau, 1821 in Laibach, 1823 in Verona – ihre konservative, Status quo-orientierte Politik ab. Als erster Partner scherte Österreich aus, das sich gegen Ende des Krimkrieges (1853–1856) immer deutlicher auf die Seite der gegen Russland kämpfenden Westmächte stellte. Preußen blieb zunächst in enger Verbindung zu Russland, vermeintlich auch noch über die Reichsgründung von 1870/71 hinweg. Aber sehr bald sollten hier die ersten feinen Risse auftreten: Die traditionelle preußisch-russische Allianz hatte von der stillschweigenden Voraussetzung gelebt, dass Russland die Führungsmacht, Preußen der Juniorpartner war. Das neue Deutsche Reich hingegen konnte sich schon in der Ära Bismarck, ohne doch selbst provozieren zu wollen, nicht mehr in die Rolle eines Juniorpartners fügen. Daraus resultierte schon sehr bald nach der Reichsgründung eine zunächst noch kaum merkliche Rivalität um den ersten Platz auf dem europäischen Kontinent. Russland sah sich zurückgesetzt, dazu trat in seinem eigenen Bild von europäischer Politik neben die herkömmliche zarische[4] Staatsräson mehr und mehr eine missionarische, panslawistische Perspektive.[5] Etwas überspitzt, lässt sich dies so beschreiben, dass die Reichsgründung infolge des Quantensprunges, den sie für Preußen unweigerlich bedeutete, ebenso unweigerlich auch jene gefährdete Mittelstellung mit heraufführte, die am Ende in den Bildern von Einkreisung und Auskreisung den krisenhaften Höhepunkt erreichte. Es spricht also viel für die These, dass alle Bemühungen des ersten Reichskanzlers um ein enges Verhältnis zu Russland – Dreikaiserabkommen von 1873, Dreikaiservertrag von 1881, schließlich Rückversicherungsvertrag von 1887 (Neutralitätszusage bei Angriff durch eine dritte Macht) – über Aushilfen nicht hinausgelangen konnten. Zudem war die zentrale, im Resultat antirussische Festlegung, die das Deutsche Reich in der Ära Bismarck traf, das Zweibundabkommen von 1879 mit Österreich-Ungarn, eine Verbindung, die freilich ihrerseits nicht nur nicht der Logik entbehrte. Für sie sprach vielmehr aus innen- und außenpolitischen Gründen sehr viel: Insofern wirkten auch hier nicht einfach diplomatische Rankünen, sondern innen- und außenpolitische Zwänge, die man auch im Rückblick durchaus anerkennen muss: Rein außenpolitisch versprach ein Bündnis mit der Donaumonarchie, dass Berlin mit seinem stärkeren Gewicht eher die Dirigentenfunktion bzw. -kompetenz behalten könne. Zweitens öffnete sich über Wien auch der Weg zu einer mindestens informellen Beziehung zu Großbritannien. Letzteres galt insbesondere im östlichen Mittelmeer als der eigentliche Antipode Russlands. Möglicherweise ebenso wichtig waren für Bismarck aber auch innenpolitische Überlegungen: Zu diesem Zeitpunkt, an dem sich der Kulturkampf mit der katholischen Kirche seinem Ende zuneigte, hingegen die Auseinandersetzung mit der Sozialdemokratie (Sozialistengesetz von 1878) voll entflammte, war es Bismarck zweifellos ein Anliegen, die alten Wunden endgültig zum Vernarben zu bringen, die die kleindeutsch-preußische Reichsgründung dem großdeutsch-katholischen Gedanken geschlagen hatte. Vor diesem Hintergrund war von deutscher Seite aus das spätere Bündnis von 1879 auch als mehr denn eine reine Sicherheitskonvention konzipiert, nämlich als die Verbriefung eines umfassenden Miteinanders in den Bereichen politische Konsultation und ökonomische Kooperation, demonstrativ durch Ratifikationen in jeweiligen Parlamenten hervorgehoben. Diese Lösung, sie hätte stark an die früheren preußischen Vorstellungen von einem erweiterten Bund mit Österreich aus der Zeit um 1850 erinnert (Erfurter Union von 1850 als kleindeutsche Lösung mit großdeutscher Verbrämung), konnte vor allem deshalb nicht realisiert werden, weil Wien davon eine Art Mediatisierung unter Berlin fürchtete. Aber auch so war das Bündnis von 1879, zunächst als Geheimabkommen geschlossen, sehr bald aber publik, eine Allianz, der auch eine innerdeutsch-kulturnationale Funktion zugemessen wurde – eine Rolle, die eine deutsch-russische Beziehung naturgemäß nie spielen konnte.[6]

Die Geschichtswissenschaft ist sich heute darin einig, dass trotz des  Rückversicherungsvertrages und trotz mancherlei paralleler Entwicklungslinien im ostelbischen wie im zarischen Russland die deutsch-russische Entfremdung bereits voll während der Ära Bismarck einsetzte. Sucht man hier nach einzelnen Ereignissen, dann spielte der Berliner Kongress von 1878 eine wesentliche Rolle: Bismarcks sprichwörtliche „Maklertätigkeit“ wurde von der russischen Seite als Benachteiligung und als Diskriminierung ihrer Politik auf dem Balkan wie gegenüber dem Osmanischen Reich interpretiert. Soziologisch spielte gewiss eine Rolle, dass die deutsch-baltische Aristokratie am Zarenhof an Gewicht verlor. Flankierend kamen ökonomische Auseinandersetzungen, die Bedrohung der deutschen Getreideproduktion durch preisgünstige russische Importe und die von Bismarck verfügte Fernhaltung des Handels mit russischen Staatspapieren von der Berliner Börse hinzu. Am Ende der Ära Bismarck stand schließlich jene Doppelkrise des Jahres 1887, deren Menetekel bereits die drohende Auseinandersetzung des Zweibundes, seit 1882 um Italien zum Dreibund erweitert, mit Frankreich und Russland war. Auslöser war die hier nicht in ihren Einzelheiten zu schildernde Bulgarienkrise. Nach außen wurde in Berlin so taktiert, als drohe, wenn überhaupt, eine militärische Auseinandersetzung mit Frankreich. Dort gab der großsprecherische Kriegsminister General Boulanger derartigen Ablenkungstaktiken willkommene Nahrung. In Wirklichkeit aber planten die Militärs in Berlin (und Wien) gegen den Willen Bismarcks, einen nach ihrem Verständnis schnellen Präventivkrieg gegen Russland. Dabei ähnelten die Argumentationen verblüffend jenen in den letzten Jahren und Monaten vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges: Schon in den Überlegungen und Planungen vom Spätherbst 1887 wurde davon ausgegangen, man müsse das Land militärisch niederwerfen, bevor es selbst übermächtig werde.[7] Und schon in den Denkschriften von damals findet sich jenes Muster einer fahrlässigen Unterschätzung des russischen Potenzials, einer Verdrängung der geografischen und klimatischen Verhältnisse in Russland und einer grundsätzlichen amoralischen Kriegsneigung, das sich als Kontinuität bis zu den Planungen von 1940/41 für das „Unternehmen Barbarossa“ gegen die Sowjetunion fortschreiben lässt. Damals, vor 120 Jahren, wurde ein vermeintlich kurzer Winterfeldzug in Kongresspolen gegen die russische Armee geplant, ohne dass offenkundig ernsthaft Fragen wie die nach der Leistungsfähigkeit der Transportwege bei Schnee und Eis in Mittelosteuropa oder dem Vorhandensein von hinreichend warmer Kleidung erörtert wurden. Hier wird im Übrigen eine klassische Schwäche militärischen Denkens in Deutschland bis in die Zeit des Zweiten Weltkrieges erkennbar, sich nämlich ganz auf im unmittelbarsten handwerklichsten Sinne operative Themen zu beschränken und die Fragen nach Infrastruktur und Logistik, nach geografischen Bedingungen und nach Legitimation schlechthin möglichst gar nicht aufzuwerfen. Der Krieg von 1887/88 fand in Europa nicht zuletzt deshalb nicht statt, weil die politische Spitze des Deutschen Reiches in Gestalt Otto von Bismarcks den Militärs in den Arm fiel. Sie führte gewissermaßen als Aushilfe einen Quantensprung der deutschen Rüstung mit herbei. Gerade diese Maßnahme sollte zeigen, dass das Reich nicht bedroht war und sich eben deshalb auf aggressive Abenteuer nicht einlassen musste. Eine solche Dialektik, die Feuer mit Gegenfeuer bekämpfte, war allerdings gefährlich, sie musste nicht zwangsläufig und dauernd deeskalierend wirken.[8]

III. Die Zeit nach Bismarck

Weder die Verhinderung einer Konfrontation zu diesem Zeitpunkt noch der deutsch-russische Rückversicherungsvertrag vermochten freilich die russisch-französische Annäherung und mit ihr den Ausbruch Frankreichs aus der diplomatischen Quarantäne des Landes, der für Bismarck so hohe Bedeutung zugekommen war, zu verhindern. Dass hier eine republikanische Großmacht mit voll ausgeformtem parlamentarischem Regime und ein absolutistischer, in den Augen vieler europäischer Beobachter despotischer Staat zueinander fanden, erschien nur zunächst vielfach befremdlich.[9] Und dass die deutsche Außenpolitik in der Nachbismarckzeit einen anderen, auf Imperialismus und Weltpolitik gerichteten Weg einschlug und von hierher die Linien hin zum Ersten Weltkrieg laufen, ist ganz unbestreitbar. Allerdings sollte man, wenn man den Blick auf die sich zusammenfügende Konstellation des Jahres 1914 wirft, stets dreierlei Faktoren mit bedenken:

Zum einen die schon angedeuteten Dispositionen, die bereits aus der Bismarckzeit herrührten, zum zweiten Rolle und Interessen nicht nur der anderen europäischen Großmächte, sondern auch der kleineren Staaten in Europa und zum dritten die immer deutlicher werdende Tatsache, dass es auf dem Kontinent in den letzten Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges parallel zur Eskalation auch eine Entwicklung der Deeskalation, des machtpolitischen wie kulturellen Ausgleichs, teilweise auch wachsender pazifistischer Neigungen gab. Die Schlussfolgerung, die sich aus einem derartigen Befund auch für spätere Phasen und womöglich auch für unsere Gegenwart und Zukunft ziehen lässt, ist freilich keine durchweg beruhigende: Offenkundig kann es auch und gerade dann zur Konfrontation kommen, wenn die Akteure auf Entspannung hin eingestellt sind, in solchen Lagen aber besonders besorgt und in der Konsequenz aggressiv werden, wenn Signale mit einem Mal anders zu deuten sind bzw. wenn die Akteure sich – zu Recht oder Unrecht – hintergangen sehen.

Die deutsche Außenpolitik stand an der Jahrhundertwende im Zeichen einer immer stärkeren Abwendung von Großbritannien. Mit ihm war eine Allianz weder in der Schlussphase der Bismarckära, als derartige Initiativen von Deutschland ausgegangen waren, noch in der Zeit danach, als die Signale eher von London (Kolonialminister Chamberlain) aus auf grün gestellt waren, zustande gekommen.[10] Man muss den sich allmählich schürzenden Knoten der deutsch-britischen Konfrontation aus einer Gemengelage von objektiven und subjektiven Faktoren erklären. Zu den objektiven lassen sich wohl die allgemeinen imperialen Tendenzen aller Großmächte zählen – bis hin zu Italien, das sich am Horn von Afrika und gegen die Osmanische Türkei ab 1911 in der Cyreneika und im Dodekanes (Rhodos und seine Nachbarinseln) engagierte. Hinzunehmen muss man ferner die ökonomische Expansion Deutschlands, welche aus starkem Bevölkerungswachstum und Industrialisierung in modernen Leitsektoren (Elektroindustrie, Optik, Chemie), in denen Deutschland führte, und aus dem allmählichen Versiegen des Regulationsventils Auswanderung resultierte. Deutschland war zunehmend existenziell auf eine starke Verflochtenheit in die Weltwirtschaft angewiesen. Der freilich daraus vielfach abgeleitete Schluss, je mehr Kolonien und je stärkeres politisches Gewicht in strukturell schwachen Ländern wie der Osmanischen Türkei, desto günstiger für die Prosperität im eigenen Land, war ein Trugschluss. Der Wohlstand in Europa profitierte in erster Linie vom engen Austausch im Dreieck Deutschland, Frankreich und Großbritannien mit den jeweiligen Nachbarländern. Dabei konnten sich Deutschland und Großbritannien noch insofern vorzüglich ergänzen, als das erstere Land sich bei der industriellen Produktion in einer überholenden Entwicklung befand, das zweite hingegen den potentesten Kapitalmarkt besaß. Schließlich vermochten alle miteinander und gerade hier Deutschland an erster Stelle Nutzen daraus ziehen, das zarische Russland allmählich an den Status eines entwickelten Industrielandes heranzuführen. Vor dem hier nur kurz skizzierten Hintergrund erweist sich das Insistieren in Deutschland, aber auch bei den anderen Großmächten auf das Besetzen von Positionen in Afrika und Asien um den Preis von Konfrontationen in Europa, um Siedlungszonen und Absatzmärkte zu erschließen – entsprechend dem verheerenden Romantitel Hans Grimms aus den 20er Jahren „Volk ohne Raum“ – als grandiose Fehleinschätzung mit welthistorisch furchtbaren Konsequenzen. In diesem Zusammenhang zeigen sich im Übrigen auch die marxistischen Imperialismustheorien, an erster Stelle von Lenin oder Rosa Luxemburg, die den Ersten Weltkrieg in der Konsequenz eines globalen ökonomischen Verdrängungswettbewerbes sahen, als empirisch gänzlich haltlos.

Die deutsche Außenpolitik auf dem Höhepunkt so genannter Weltpolitik in der Ägide Bernhard von Bülows (1897 bis 1900 Staatssekretär im Auswärtigen Amt, 1900–1909 Reichskanzler) wollte durch eine Vielfalt von Engagements, bei der man auch den Selbstdarstellungsneigungen Wilhelms II. Raum gab, gewissermaßen weltweit Duftmarken setzen. Sie riskierte dabei immer wieder Konflikte mit anderen Großmächten: In Ozeanien mit den USA, in China mit Russland und Japan, vor allem aber im Osmanischen Reich bis hin zum Persischen Golf mit Russland und an erster Stelle Großbritannien. Das deutsche Engagement im Osmanischen Reich – das wichtigste Projekt war die Bagdad-Bahn – konnte zumindest als Ambition interpretiert werden, eine Art deutsches Protektorat im Mittleren Osten zu erreichen.[11] Erster protokollarischer Höhepunkt dieser deutschen Orientpolitik war die Reise Kaiser Wilhelms II. 1898 ins Osmanische Reich. Sie führte ihn vor allem nach Jerusalem, wo er die evangelische Erlöserkirche einweihte, und auch nach Damaskus. Mit diesem Unternehmen, das von vielerlei Sprach- und Kulturwissenschaftlern begleitet wurde, entsprach der Kaiser im Übrigen auch ganz den Neigungen großer Teile des deutschen Bildungsbürgertums zu exotisch-orientalischen Szenerien. Mehr aber als alle diese strategischen Verzettelungen, die teilweise wie in der modernen Mediengesellschaft Politik mehr vorgaukelten als exekutierten, wirkte der deutsche Flottenbau. In den Planungen des Staatssekretärs im Reichsmarineamt Alfred von Tirpitz hatte der Flottenbau unbestreitbar auch eine offensive Komponente, die sich nur gegen Großbritannien richten konnte. In den ersten Gesetzen aus den Jahren 1898 und 1900, die den Aufbau der künftigen deutschen Schlachtflotte festlegten, wurde von einer für England bedrohlich werdenden Größenordnung ausgegangen. Die Folgen für das Deutsche Reich selbst waren in mehrfacher Hinsicht höchst nachteilig: Zum einen wurde hier ein militärisches Instrument aufgebaut, das politisch kontraproduktiv wirken, weil Großbritannien zur Aufgabe seiner neutralen Position, zur Parteinahme auf der Seite des Zweibundes und zu eigenen Rüstungsanstrengungen provozieren musste. An der äußerst ungünstigen strategischen Position Deutschlands im nassen Dreieck der flachen Nordsee zwischen Jütland und den Niederlanden konnten im Übrigen noch so viele Schlachtschiffe gar nichts ändern. Aber der Flottenbau wirkte sich nicht nur außenpolitisch und strategisch kontraproduktiv für das Deutsche Reich aus, er belastete durch seine horrenden Kosten in unverantwortlichem Maße auch die Staatsfinanzen und schmälerte die Potenziale für die Rüstung zu Lande, die ja die eigentliche militärische Lebensversicherung Deutschlands blieb. Nimmt man diese Faktoren zusammen, dann erinnert der Rüstungswettlauf in den eineinhalb Jahrzehnten vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges in gewisser Weise auch an die strategische Situation in Europa in der Schlussphase des Kalten Krieges: Ähnlich wie die sowjetische Vorrüstung, am Ende mit SS-20-Mittelstreckenraketen gegen Westeuropa, die NATO zu verstärkten und koordinierten Rüstungsanstrengungen auf einem technologischen Niveau herausforderte, auf das die Sowjetunion keine Antwort mehr fand, navigierte die Flotte die Landmacht Deutschland in ein rüstungs- und außenpolitisches Dilemma. Sie trug unweigerlich zur britisch-französischen Verständigung in der „entente cordiale“ von 1904 wie zur in Deutschland zuvor für völlig unmöglich gehaltenen britisch-russischen Verständigung 1907 über die Konfliktzonen beider Weltmächte in Persien bei. Letzter Schritt dieser Entwicklung war die durch Spionage von deutscher Seite gelungene Aufdeckung einer bevorstehenden britisch-russischen Marinekonvention im Mai 1914, also bereits im unmittelbaren Vorfeld des Ersten Weltkrieges. Von der deutschen Führung wurde dieser Vorgang naturgemäß als außerordentlich bedrohlich eingeschätzt. In welchem Maße er zu der Bereitschaft in der Julikrise acht Wochen später beitrug, Österreich-Ungarn freie Hand gegen Serbien zu lassen und das Risiko der großen militärischen Auseinandersetzung einzugehen, lässt sich allerdings bis heute nicht exakt bestimmen (s. u.).

Kontraproduktiv wirkte der deutsche Flottenbau konkret insofern, als er zumindest bis 1912 der technischen Modernisierung und Erweiterung des Landheeres, entsprechend den angesichts des deutschen Bevölkerungswachstums gegebenen quantitativen Möglichkeiten, im Weg stand. So war in Deutschland die allgemeine Wehrpflicht anders als im republikanischen Frankreich keineswegs voll durchgeführt. Man konzentrierte sich vor allem auf die Einberufung von Rekruten aus ländlichen und kleinstädtischen Bereichen, die innenpolitisch verlässlicher erschienen als das aus der Optik der Führung im Kaiserreich sozialdemokratisch infizierte Potenzial in den Großstädten.

Unzutreffend wäre freilich eine Sichtweise, die Deutschland als alleinigen und langfristigen Wegbereiter des Ersten Weltkrieges sähe. In dieser Betrachtungsweise, die vor allem Fritz Fischer in den 60er Jahren verfochten hat,[12] fehlen bei aller inneren Berechtigung, die ihr zugestanden sein mag, zwei ganz wesentliche Gesichtspunkte, ohne die sich die damalige europäische Szenerie nicht sinnvoll beschreiben lässt: Zum einen die Frage nach Intentionen und Vorgehensweisen der anderen Großmächte und zum anderen die noch grundsätzlichere Überlegung, ob denn wirklich eine Straße ohne Wiederkehr in die europäische Katastrophe vom August 1914 führte. Hinzu kommt die Frage, ob man für das Deutschland der wilhelminischen Zeit überhaupt von mittel- und langfristig angelegten und auch durchgehaltenen Politiken ausgehen kann oder ob es nicht vielmehr oft um ein scheinbares Eingehen der politischen Führung auf verbale Drohgebärden des Kaisers, um unkoordiniertes Vorgehen von politischer und militärischer Spitze und um ein rein situatives Krisenmanagement ging. Lässt man den letzteren Gesichtspunkt, für den viel spricht, gelten, dann relativiert sich auch die Bedeutung des so genannten „Kriegsrates“ vom 8. Dezember 1912.

Zu ihm hatte der Kaiser die militärischen Spitzen vorgeladen, nachdem wenige Tage vorher ein Bericht des deutschen Botschafters in Großbritannien, Fürst Lichnowsky, eingetroffen war, aus dem deutlich hervorging, dass Großbritannien eine deutsche Hegemonie auf dem europäischen Kontinent nicht zulassen könne – im Übrigen ganz entsprechend seiner traditionellen, seit den Zeiten Ludwigs XIV. am Ende des 17. Jahrhunderts geübten Gleichgewichts- und Realpolitik. Wie schon die kaiserlichen Randnotizen an diesem Bericht zeigten, reagierte die monarchische Spitze unüberlegt, panisch und hysterisch in einem. [13] In der Argumentation Fritz Fischers kam diesem Kriegsrat für die nächsten knapp zwei Jahre bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges eine ganz erhebliche Bedeutung zu. Vor allem habe sich Reichskanzler Bethmann-Hollweg, der ja gar nicht teilgenommen hatte, mit der Argumentation durchgesetzt, es dürfe nicht gleich zur Konfrontation kommen, sondern diese müsse rüstungs- und bündnispolitisch erst einmal mittelfristig vorbereitet werden.

IV. Eskalation und Deeskalation

Lange hatten die letzten Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, beginnend mit der zweiten Marokkokrise 1911, die Deutschland und Frankreich in antagonistischen Positionen sah, als determinierte Ausgangsexposition für den Ersten Weltkrieg gegolten. In diesem Bild wurden vor allem die fehlgeschlagene Mission des britischen Kriegsministers Haldane Anfang 1912 nach Berlin – sie hatte nicht zu der von deutscher Seite gewünschten Verbindung Limitierung des deutschen Flottenbestandes auf zwei Drittel des britischen bei bindender britischer Neutralitätszusage geführt – und schließlich die beiden Balkankriege 1912/13 als Schlüsselfaktoren gesehen. Unterlegen war der deutsche Partner Osmanisches Reich, erfolgreich der russisch-französische Serbien. Darunter litt auch das ‚Prestige‘ Österreich-Ungarns, damals eine zentrale Kategorie in den internationalen Beziehungen. In dieser Lage hätten sich die deutschen Eliten, seit dem sozialdemokratischen Erfolg bei der Reichstagswahl 1912 auch innenpolitisch unter starken Druck geraten, durch einen kriegerischen Befreiungsakt nach innen und außen Luft verschaffen, einer drohenden Überrüstung durch Russland zuvorkommen und das autoritäre Regime des Kaiserreiches durch auch wirtschaftlich und damit sozialpolitisch vorteilhafte Kriegsgewinne stabilisieren wollen. Dieses Bild ist nicht falsch, es lässt sich auch durch mancherlei Zeugnisse aus den Bereichen von Alldeutschen, Wehrverbänden und Generalstab belegen. Aber es bildet eben auch nicht die damalige politische Wirklichkeit ab. Die heutige Forschung ist zu dem paradoxen Befund gelangt, dass die Zeit von 1911–1914 ebenso durch Momente des Spannungsaufbaus wie der Deeskalierung gekennzeichnet ist.[14] Dass Deutschland und Großbritannien bei der Entwicklung ihrer bilateralen Beziehungen bis unmittelbar zur Julikrise des Jahres 1914 substanzielle Fortschritte machten, ist bereits seit längerem bekannt: Das betrifft die Vereinbarungen über eine künftige Aufteilung des portugiesischen Kolonialbesitzes in Afrika wie insbesondere über die nun einvernehmliche Fertigstellung der Bagdadbahn bis zum Hafen Basra im heutigen Irak. Hier gelang am 15. Juni 1914 in London, also 13 Tage vor den Schüssen von Sarajewo, die Paraphierung der entsprechenden Vereinbarung. Hintergrund war im Übrigen, dass sich schon damals am ölreichen Persischen Golf die USA als neuer ‚Interessent‘ bemerkbar machten. Das führte die ‚alten‘ Großmächte England und Deutschland näher zusammen – eine allerdings noch ganz embryonale Entwicklung, die dann der Erste Weltkrieg wenige Wochen später abrupt unterbrach. Freilich, das wird hier deutlich, hätte alles auch ganz anders kommen können. Auch die Flottenrivalität nahm in dieser Phase, paradoxer Weise auch wegen des ansonsten in Europa neu anhebenden Rüstungswettlaufes zu Lande, ab: Deutschland führte – nahezu zeitgleich zur Einführung der dreijährigen Wehrpflicht in Frankreich – 1912 und insbesondere 1913 (Große Wehrvorlage) erhebliche Erweiterungen seines Landheeres durch, um seine Offensivfähigkeit gegen Frankreich zu sichern und insbesondere um der enorm steigenden russischen Rüstung begegnen zu können. Russlands Rüstung selbst stützte sich nicht nur auf quantitative Vermehrungen, sondern auch auf technische Fortschritte und insbesondere auf die bis dahin fehlende Fähigkeit, bei Krisenlagen in einem Tempo zu mobilisieren, das dem der anderen europäischen Großmächte, insbesondere Frankreichs und Deutschlands, näher kam. Diese Entwicklung aber wiederum zeitigte Druck auf Deutschland. Die deutschen Militärs sahen ihre Möglichkeiten („Schlieffen-Plan“), Frankreich in einem kurzen Feldzug, über Belgien von Norden offensiv eindringend, besiegen zu können, bevor sich im Osten russischer Druck bemerkbar machte, zusehends gefährdet. Das alles konnte Krisen verschärfend wirken und hat es ab Frühjahr 1914 zweifellos auch getan. In der Richtung einer sich daraus ergebenden militärischen Scheinratio konferierten damals die deutschen und österreichisch-ungarischen Generalstabschefs Hellmuth von Moltke und Conrad von Hötzendorf. In diese Richtung sprach sich Generalstabschef von Moltke auch am 20. Mai 1914 gegenüber dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes (Außenminister) von Jagow aus: „Die Aussichten in die Zukunft bedrückten ihn schwer. In 2 bis 3 (sic!) Jahren werde Russland seine Rüstungen beendet haben. Die militärische Übermacht unserer Feinde werde dann so groß, dass er nicht wüsste, wie wir ihrer Herr werden könnten. Jetzt wären wir ihnen noch einigermaßen gewachsen. Es bleibe seiner Ansicht nach nichts übrig, als einen Präventivkrieg zu führen, um den Gegner zu schlagen, solange wir den Kampf noch einigermaßen bestehen könnten. Der Generalstabschef stellte mir dem gemäß anheim, unsere Politik auf die baldige Herbeiführung eines Krieges einzustellen.“[15]

Dieses, insbesondere von Fritz Fischer in den Mittelpunkt einer auf Deutschland bezogenen Präventivkriegsdiskussion gestellte Zitat sollte gleichwohl, wie Einzelaussagen aus der gesamten Zeit von 1911–1914, nicht verabsolutiert bzw. überbeansprucht werden. So kennt man heute für die deutsch-französischen Beziehungen dieser Phase eine Fülle an deeskalierenden Momenten nicht nur im intensiven kulturellen und ökonomischen Austausch, sondern auch in der unmittelbar politischen Interaktion. Den martialischen Aussagen Wilhelms II., etwa bei seinem Kriegsrat vom Dezember 1912 (s. o.), steht z. B. sein langes Telegramm von Mitte August 1913 aus Homburg v. d. H. an das Auswärtige Amt entgegen, in dem es hieß, „in der jetzigen Phase (…) könnten die eigenen Interessen wieder bevorzugt verfolgt werden, da die Gefahr für den europäischen Frieden nun fortgefallen sei. Die Balkankrise habe gezeigt, dass die ‚wahren Interessen Europas Schulter an Schulter von den beiden Vormächten der Gruppen, nämlich von Deutschland und England verteidigt werden könnten‘ und außerdem, dass ‚das Friedenbedürfnis aller Großmächte bedeutender ist, als man vorausgesehen hatte, und dass anderweitige Posen als Bluff bezeichnet werden dürften‘.“[16]

Entspannung und Spannung, so wird man die heutige historische Forschungslage wohl am adäquatesten umschreiben können, bestanden im Europa jener Jahre unmittelbar nebeneinander. Rüstung allein musste und muss keineswegs Krieg bedeuten, sie hätte im Gegenteil wohl auch zu Gleichgewichtszuständen führen können, bei denen sich die jeweiligen Partner scheuten, zu hohe Risiken einzugehen. Vielmehr kamen zwei Momente hinzu, um kriegerische Entladung mit herbeizuführen: einmal die Räson der Bündnisse. In beiden Bündnissystemen wagten die einzelnen Partner nicht, zu eng mit Akteuren aus der jeweiligen Gegenseite zu kommunizieren und zu kooperieren. Denn dies konnte möglicherweise die eigenen Verbündeten verunsichern, auf Distanz bringen und so im Ergebnis zu völliger Isolierung führen. Aus solchen Gründen nahm Deutschland auf Österreich-Ungarn, Frankreich auf Russland vielerlei Rücksichten. Auch Großbritannien wollte bzw. konnte es sich nicht leisten, das Beziehungsnetz und seine Absprachen mit Paris und Sankt Petersburg zu gefährden. Das zweite Moment war eine Übernervosität in den internationalen Beziehungen. Wie Friedrich Kießling schreibt, belauerten sich die Mächte in ihren jeweiligen Kommunikationen mit Dritten mikroskopisch genau und hatten hypersensible Seismographen entwickelt. Wie viele Minuten welcher Souverän mit welchem Botschafter sprach, galt als aussagekräftig für weltpolitische Optionen. Was somit vor allem fehlte, waren Vertrauensgrundlagen wie eben in der Zeit der Heiligen Allianz nach dem Wiener Kongress, bei allen auch hier zu treffenden Einschränkungen, und die Fähigkeit, effektiv kollektiv zu kommunizieren, also nicht immer nur fixiert zu sein, ob man wie Deutschland bei den Marokkokrisen isoliert dastehen könne.

Das Bild der Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg vermittelt zugleich einen Eindruck davon, dass es nicht nur Aggression aus Machtprojektion und Überrüstung, sondern auch aus Selbstzweifeln und Zuständen der Schwäche geben kann. Das Muster für einen derartigen Zustand liefert Österreich-Ungarn.[17] Die Rolle Österreich-Ungarns in der unmittelbaren Vorphase des Ersten Weltkrieges ist von der deutschen, lange ganz auf die Auseinandersetzung mit Fritz Fischer fixierten Forschung vielfach nicht zureichend wahrgenommen worden. Dieser Faktor ist aber für die Beschreibung hin zu der Konstellation der Julikrise 1914 von zentraler Bedeutung. Mit Recht galt Österreich-Ungarn als die innerlich gefährdetste, durch Nationalitätenkonflikte in ihrer Legitimationsbasis bedrohte Großmacht, dazu als die wenigste im Vergleich mit Deutschland, Frankreich und Großbritannien ökonomisch rückständigste. Die Armee diente vor allem der inneren Kohärenz der Gesamtmonarchie. Österreich-Ungarn verfügte 1914 nicht einmal über die halbe Friedenspräsenzstärke der französischen Armee, obwohl die Donaumonarchie 15 Millionen Einwohner mehr zählte als die große westeuropäische Republik. Weil Finanzen und politische Entschlusskraft fehlten, rückte die Armee Kaiser Franz Josephs 1914 gegen Serbien und Russland mit einem Artilleriepark ins Feld, der sogar noch Bronzegeschütze umfasste, wie sie 1866 bei Königgrätz gegen Preußen zum Einsatz gelangt waren. Dabei fehlte es nicht an den technologischen Kompetenzen. Insbesondere die böhmischen Skoda-Werke hatten modernste Waffensysteme entwickelt, darunter einen bereits motorisierten 30,5-cm-Mörser. Er musste bei Kriegsausbruch in einigen Exemplaren an Deutschland ausgeliehen werden, um die belgischen Festungen zu beschießen (s. u.).

Die unbestreitbar gegebene militärische und – was zumindest die Projektion eines langen Konfliktes anlangte – ökonomische Schwäche Österreich-Ungarns führte aber zu einer aggressiven, nicht zu einer defensiven Disposition seiner militärischen wie politischen Führung, die dann in der Julikrise des Jahres 1914 kulminierte. Man war seit den Balkankriegen 1912/13 entschlossen, Serbien, das der eigentliche Nutznießer des osmanischen Kollaps auf dem Balkan war und Neigungen zeigte, sich an der Adria zu positionieren, militärisch niederzuwerfen. Serbien galt als Todfeind der Donaumonarchie, weil seine südslawischen Ambitionen die supranationalen Strukturen Österreich-Ungarns im Kern bedrohten bzw. zu bedrohen schienen. Unbestreitbarer Fatalismus herrschte im Hinblick auf die Frage, wie in einem derartigen Konfliktfall der russische Faktor zu kalkulieren sei. Hier vertraute man auf Deutschland und begab sich damit aber letztlich der eigenen Souveränität bzw. stellte überriskante Berechnungen an, wie es denn irgendwie militärisch doch zu schaffen sei. Und geradezu schizophren war in der Wiener und Budapester politischen Klasse die Aversion gegen den dritten Bündnispartner im Dreibund, Italien. Ihm gegenüber bestritt die in Europa schwächste Großmacht gerne den (partiellen) Großmachtstatus. Italien galt habituell eigentlich immer noch als der überkommene Erbfeind aus dem 19. Jahrhundert, als es gestützt auf Frankreich (1859) und Preußen (1866) Österreich-Ungarn zumindest politisch geschlagen hatte. Österreich-Ungarn und Italien, die ja formal seit 1882 Bündnispartner waren, hatten seit langem an der gemeinsamen Grenze in den Südalpen gegeneinander Festungswerke errichtet, strategische Eisenbahnlinien gebaut und Feldzugspläne konzipiert. Über das rein militärische und politische Moment hinaus war Italien ein negativer Integrationsfaktor, auf den sich die unterschiedlichen Ethnien in der Donaumonarchie viel leichter verständigen konnten als auf die Auseinandersetzung mit Russland. Dies sollte sich dann auch sehr konkret zeigen, als nach dem Kriegseintritt Italiens im Mai 1915 die Donaumonarchie im Hochgebirge mit größter Zähigkeit verteidigt wurde, während Desertionen an der Ostfront ab 1915/16 immer häufiger vorkamen.

Man wird, was schließlich die französische Perspektive anlangt, für die letzte Zeit vor der Julikrise 1914 nicht von stringenten aggressiven Absichten gegen Deutschland sprechen können. Dies gilt offenkundig selbst für den im national-bürgerlichen Lager verwurzelten Staatspräsidenten Poincaré, der aus Lothringen stammte und naturgemäß die Annexion des östlichen Landesteils wie des Elsass durch Deutschland 1871 als besonders schmerzlich empfand. Poincaré legte größten Wert auf das Funktionieren des französisch-russischen Bündnisses. Dass ihm prinzipiell eine Korrektur des Frankfurter Friedens von 1871 ein emotionales Anliegen war, steht fest. Aber nichts spricht für eine riskante französische Offensivpolitik vor dem Ersten Weltkrieg. Operativ war die französische Armee zwar eindeutig und riskant auf Angriff eingestellt. Das bedeutete aber keineswegs, dass man sich politisch leichtfertig auf Abenteuer eingelassen hätte. Schließlich erschien in französischen Bewertungen der Dreibund aus Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien als ein militärisch außerordentlich potenter und bedrohlicher Faktor.

V. Sarajewo – die Uhr beginnt zu ticken

Als am 28. Juni 1914 die Schüsse von Sarajewo fielen, die den österreichischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie von Hohenberg töteten, deutete noch wenig bzw. noch nichts auf die große europäische Katastrophe hin, die vier Wochen später ausbrechen sollte. Bei der Kieler Woche besuchten einander gerade die Besatzungen deutscher und britischer Kriegsschiffe. Der Kontinent hatte seit dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 viele Krisen erlebt, die stets wieder hatten moderiert werden können. Wenn dieser in den späteren Erinnerungen vieler Zeitgenossen heiße Frühsommertag immer wieder als Menetekel erscheint, bei dem sie mit Eintreffen der Nachricht aus Bosnien bereits das Kommende geahnt hätten, wird man solchen Projektionen doch nicht allzu viel Glauben schenken dürfen. Eine schwüle Erwartung auf Krieg und Tod beschränkte sich wohl eher auf literarische Kreise, wenn sie nicht vielfach auch Konstrukt im Nachhinein war. In Europa mutete vieles ruhig und friedlich an. Präventivkriegs- und Aggressionsüberlegungen, die es vor allem in Berlin und Wien gab, waren zudem nicht für das Licht der Öffentlichkeit bestimmt, vielmehr galt es umgekehrt, wenn man denn zum Krieg drängte, erst die jeweilige Öffentlichkeit zu gewinnen. Ferner gab es auch nicht jene dominante und strategische Linie, die nun von wirklich langer Hand geplant die Gelegenheit zur Aggression ergriff. Damit verband sich ein nahezu völliges Fehlen jeder konkreten Erwartung, was es bedeuten würde, wenn in Europa 10 Millionen Soldaten aufeinander träfen, mechanisierte Waffen gegeneinander richteten, die weltwirtschaftlichen Verbindungen gekappt würden und Gesellschaften und Ökonomien ganz auf Konfrontation eingestellt würden. Was es allerdings gerade in den militärischen Führungen Deutschlands und Österreich-Ungarns gab, war ein eigenartiger Fatalismus, der für den Konfliktfall nur Erfolg oder Untergang kannte, die Möglichkeit der politischen und strategischen Defensive, die Perspektive des Hinhaltens und des Remis auch im Krieg gänzlich ausschloss und bereit war, unkalkulierbare Risiken einzugehen, ob die Österreicher gegen die Russen in Galizien oder Deutschland gegen Frankreich. Der österreichische Generalstabschef Conrad von Hötzendorf ließ sich am 3. Juli 1914, also fünf Tage nach den Schüssen von Sarajewo, so ein: „Bei der wahnwitzigen Angst, die (…) ganz Europa vor dem Kriege hat, wird uns allein der Mut, den Krieg erklärt zu haben, ein solches Ansehen geben, dass unser Besitzstand (…) auf Jahrzehnte hinaus gesichert wäre. (…) Mit der Möglichkeit des Misserfolges habe ich nicht gerechnet: 1. (…). Da ich an den Erfolg glaube, 2. da selbst ein partieller (!) Misserfolg kaum schwerere Konsequenzen haben würde, als die weitere Untätigkeit.“[18]

Sarajewo musste nicht zwingend in die europäische Krise führen. Europa verfügte im Prinzip über Formen und Strukturen der Koordination und Abstimmung, um Selbstzerfleischung zu verhindern. Die Entwicklung der auf Sarajewo folgenden vier Wochen sollte freilich zeigen, dass es zuwenig Akteure gab, die sich an solchen Koordinierungsmustern orientierten und zu viele, die die Konfrontation hinnahmen oder beförderten.

Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Gemahlin bei einem Besuch in der Hauptstadt des 1908 annektierten Bosnien Sarajewo erfolgte am Jahrestag der für die Serben bis heute so dramatischen wie mythisch überhöhten Schlacht auf dem Amselfeld von 1389 gegen die auf dem Balkan vordringenden Osmanen. Die Ausführenden, darunter der Todesschütze Gavrilo Princip, waren bosnische Gymnasiasten, die, aus sehr kleinen Verhältnissen stammend, ins nationalistisch-südslawische Fahrwasser geraten waren. Hinter ihnen stand die vom Chef des serbischen Geheimdienstes Oberst Dragutin Dimitijevi -Apis dirigierte Gemeinorganisation „Schwarze Hand“. Die Frage einer darüber hinausgehenden, unmittelbaren Verwicklung der politischen Führung Serbiens unter Ministerpräsident Paši  ist bis heute nicht vollständig geklärt. Am meisten dürfte für die Annahme sprechen, dass die Staatsspitze zwar vom geplanten Attentat erfahren, es aber nicht initiiert hatte. Informationen von einem bevorstehenden Anschlag erreichten auch den russischen Militärattaché in Belgrad. Allgemeine Warnungen, das bevorstehende Manöver der österreichisch-ungarischen Armee bei Anwesenheit des Thronfolgers in Bosnien werde von der serbischen Seite als Provokation angesehen, gingen auch dem für die Verwaltung dieses Landesteils zuständigen Finanzminister der Donaumonarchie, Ritter von Bili ski, zu. Wie auch immer man Schuldfragen bewertet, dürfte jedenfalls kein Zweifel daran bestehen können, dass weder Belgrad noch Sankt Petersburg und Wien alles nur Mögliche zur Verhinderung eines Attentats unternahmen – und das in voller Kenntnis der Tatsache, dass der Balkan seit zwei Generationen jene europäische Region darstellte, von der stetig die Gefahr zur Eskalation von Konflikten ausging. Es hatte auch viel mit den Eigenheiten innerhalb der Habsburger Dynastie wie der Wiener Politik zu tun, dass Österreich-Ungarn nicht sofort nach dem Attentat und im Blick auf die anstehende Beisetzung des Thronfolgers und seiner Ehefrau Sophie von Hohenberg die europäischen Monarchen und Staatsführungen zu Trauerakt und gemeinsamer Solidarität zusammenführte. Zweifellos wäre daraus ein hohes Maß an europäischer Solidarisierung mit dem greisen Kaiser Franz Joseph und mit den Existenzansprüchen Österreich-Ungarns erwachsen. Nicht nur wegen der mangelnden Ebenbürtigkeit der Gemahlin des Thronfolgers unterblieb ein solches, an sich ganz natürliches Vorgehen. Erzherzog Franz Ferdinand hatte einen eigenen politisch-militärischen Apparat (Die „Belvedere-Partei“) im vielfachen konzeptionellen Gegensatz zum Umfeld des Kaisers aufgebaut. Er galt als Anwalt slawischer, insbesondere südslawischer Ambitionen, neben Deutschen und Ungarn in der Monarchie einen dritten Schwerpunkt zu formieren. Das brachte ihm vielfache Ablehnung ein – innerhalb Österreich-Ungarns vor allem von der ungarischen Seite, darüber hinaus aber bei allen Parteigängern Serbiens, die den Belgrader Staat auf Kosten der Donaumonarchie erweitern wollten. Die Beisetzung Franz Ferdinands und seiner Ehefrau auf Schloss Artstetten in Niederösterreich ging in derart dunkel-glanzlosen Formen vor sich, dass nicht einmal sein vielleicht engster Freund, Kaiser Wilhelm II., teilnehmen konnte.

VI. Die Anfänge der Julikrise

Mit dem 28. Juni 1914 setzte jener bis Anfang August reichende rund fünfwöchige Zeitraum ein, der allgemein unter dem Begriff „Julikrise“ firmiert. Aber diese Julikrise, an deren Ende alle europäischen Großmächte mit Ausnahme Italiens, dem dieser Status noch nicht so recht zugestanden wurde, im Krieg miteinander standen, war keine Phase sich kontinuierlich steigender Konfrontation. Vielmehr herrschte zuerst eine Art europäischer Windstille. Der Juli des Jahres 1914 war und blieb zumindest für die Oberschichten, die sich so etwas bereits leisten konnten, eine Zeit des Urlaubs bzw. doch der Landpartien. Freilich wurde von Anfang an hinter den Kulissen fieberhaft kalkuliert und militärisch gerechnet. Das galt insbesondere für die Apparate in Wien und Berlin. Im Kalkül der deutschen Führung, namentlich des Reichskanzlers Theobald von Bethmann-Hollweg, machten sich Sorgen vor einer „Überrüstung“ durch den französisch-russischen Zweibund, insbesondere dessen russischen Teil, ebenso geltend wie die Erwartung, man könne die gegnerische Allianz erschüttern, wenn Wien sich gegenüber Belgrad kriegerische Genugtuung verschaffe und die anderen Großmächte dies akzeptierten. In diesem Fall sei mit einer Erosion der französisch-russischen Solidarität zu rechnen. Nähmen die Dinge freilich einen anderen Verlauf, dann müsse auch der große bewaffnete Konflikt in Europa in Kauf genommen werden.[19] Ansonsten sei mit dem Angriff der Gegenseite 1916/17 zu rechnen, wenn das russische Rüstungs- und Infrastrukturprogramm abgeschlossen sei. Eine freilich sehr deterministisch-fatalistische Betrachtungsweise, die nun handlungsbestimmend wurde.

Evident ist, dass die deutsche politische Führung dem nach Berlin entsandten engsten Mitarbeiter des österreich-ungarischen Außenministers Graf Berchthold, Graf Hoyos, jenen Blankoscheck ausstellte, der Wien die Bahn für das am 23. Juli an Serbien gerichtete Ultimatum frei machte. Unbestreitbar ist auch, dass die deutsche Seite von ihrer nicht unmittelbaren Betroffenheit profitierte: Da Österreich-Ungarn in der ersten Konfrontationslinie stand, musste es bei Deutschland Rückhalt suchen, das sich selbst nach außen zurücknehmen konnte. Anders hätte es sich etwa im Falle einer unmittelbaren deutsch-französischen Konfrontation wie in den beiden Marokkokrisen zuvor angelassen, bei denen Berlin von der Wiener Solidarität abhängig gewesen wäre.

In den drei ersten Wochen der Julikrise geschah somit äußerlich nahezu nichts. Am 6. Juli brach Kaiser Wilhelm II. zu seiner traditionellen Nordlandreise auf. Damit hatten zivile und militärische Spitzen in Berlin Ruhe vor der ihn auszeichnenden Hektik und der europäischen Öffentlichkeit wurde Normalität suggeriert. In dieser Phase scheinbarer Stille musste naturgemäß auch der Rest an internationaler Solidarität mit der vom Attentat getroffenen Donaumonarchie weit gehend verschwinden. Die Wiener Politik mochte zwar objektive Gründe für diese Latenzphase haben; politisch schädlich war sie freilich allemal: Einerseits galt es im komplizierten Geflecht der internen Abstimmung zwischen Wien und Budapest, die ungarische Seite für einen harten Kurs gegen Serbien zu gewinnen. Zum Zweiten war die österreichisch-ungarische Monarchie von ihrer langen Mobilisierungsphase, zumal verglichen mit Deutschland und Frankreich, ganz abgesehen, zunächst gar nicht operationsfähig: Das Gros der Soldaten war zu Erntearbeiten in der Landwirtschaft abgestellt. Hätte man diese jetzt abrupt unterbrochen, dann hätten womöglich jene Lebensmittelvorräte gefehlt, derer man gerade nach einem Kriegsausbruch besonders bedurfte. Schließlich wollte die Armeeführung nach einer bereits beim Ersten Balkankrieg 1912 ohne anschließenden Kriegseinsatz durchgeführten Mobilmachung sicher gehen, dass es diesmal wirklich losgehe.[20] Hinzu kamen einigermaßen umständliche und zeitaufwändige kriminologische Untersuchungen und schließlich noch ein Umstand, der die deutsche wie die österreich-ungarische Verantwortlichkeit für die nun folgende Eskalation deutlich macht: Am 15. Juli reiste die politische Führung Frankreichs mit Staatspräsident Raymond Poincaré und Ministerpräsident René Viviani zu einem seit Längerem vereinbarten Staatsbesuch nach Sankt Petersburg [21]; die entscheidende österreichisch-ungarische Note an Serbien wurde Belgrad am 23. Juli 1914 um 17.00 Uhr, kurz nach Abreise der französischen Delegation von der russischen Hauptstadt, überreicht. Sie war auf 48 Stunden befristet und richtete an Serbien außerordentlich weit gehende, die Souveränität des Landes erheblich beeinträchtigende Forderungen. Das Timing war bewusst so gewählt worden, dass russische und französische Führung einander nicht mehr unmittelbar über ihre Reaktion austauschen konnten. Mehr noch: Bei der Rückfahrt der französischen Delegation über Stockholm nach Dünkirchen wurde von deutscher Seite systematisch der Funkverkehr der „France“ gestört, mit der Staatspräsident und Ministerpräsident reisten. Man fühlt sich hier an die Situation bei und nach der Kubakrise 1962 erinnert: Nachdem es hier fast zum atomaren Schlagabtausch zwischen den USA und der Sowjetunion gekommen war, beschlossen beide Mächte die Einrichtung zuverlässiger Kommunikationsinstrumente („Rotes Telefon“), damit gerade in ernsten Krisen die Verbindungen aufrecht erhalten blieben und man nicht sozusagen versehentlich in einen Krieg stolpern könne. Gewiss war 1914 nicht 1962. Gleichwohl liegt hier im damaligen deutschen Verhalten ein schwer wiegendes Indiz für eine grundsätzlich unfriedliche Politik vor. Denn will man die Entladung einer Krise verhindern und sie vielmehr beherrschen, dann wird man nicht einen zentralen Partner oder auch Gegenspieler an Informationsgewinnung und Kommunikation hindern.

VII. Krisenbeschleunigung

Als der französische Staatspräsident Poincaré wieder heimatlichen Boden betrat, befanden sich Österreich-Ungarn und Serbien bereits im Kriegszustand miteinander. Serbien hatte, mit russischer Assistenz, die Wiener Note außerordentlich geschickt beantwortet, fast alle Forderungen mit Ausnahme jener, die seine Souveränität betrafen, erfüllt. Selbst Kaiser Wilhelm II., der mittlerweile von seiner Nordlandreise zurückgekehrt war, sah in der serbischen Antwort einen „brillanten Erfolg“ für den deutschen Bündnispartner. In Wien aber war längst die Entscheidung für die bewaffnete Auseinandersetzung mit Belgrad gefallen. Der österreichische Historiker Helmut Rumpler bewertet dies in der Rückschau nach über 80 Jahren so: „Es steht außer Streit, dass die Entscheidung zum Balkankrieg in Wien gefällt wurde. Das daraus abgeleitete Urteil, dass es Österreich-Ungarn war, welches im Juli 1914 den Weg der Gewalt eröffnete und Europa in den Krieg stürzte, ist nicht zutreffend. Es stimmt auch nicht, dass die Monarchie den Krieg wählte, weil sie zu einer Lösung der südslawischen Frage nicht fähig oder gewillt war. Österreich-Ungarn führte gegen Serbien nicht Krieg, um einer Lösung der südslawischen Frage aus dem Weg zu gehen. Serbien hatte die Habsburgermonarchie tödlich herausgefordert, um einer Lösung der südslawischen Frage innerhalb der Monarchie zuvor zu kommen. Manche Politiker, die sich in Wien im Juli 1914 für den Krieg entschieden, waren sich dessen bewusst, dass es sich um den von Karl Kraus rückblickend diagnostizierten Entschluss zum Selbstmord aus Angst vor dem Henker handelte. Aber die Entscheidung zum Krieg fiel nicht aus Schwäche, Ratlosigkeit oder Todessehnsucht. Es war die mörderische Antwort auf eine mörderische Provokation.“[22] Diese Bewertung sollte man nicht unkritisiert stehen lassen: Denn selbst wenn Serbien für Österreich-Ungarn eine existenzielle Bedrohung dargestellt haben sollte, was so apodiktisch formuliert zumindest eine durchaus zweifelhafte Position darstellt – das Absolute ist in der Politik immer eine äußerst problematische Kategorie –, musste vollkommen klar sein, dass eine Niederwerfung Serbiens dessen slawische Brudermacht Russland und mit ihr das über den Zweibund verbundene Frankreich auf den Plan rufen würde. Dieses Risiko ging Wien im Vertrauen auf Berlin, aber eben doch gepaart mit nicht wenig Fatalismus ein. Insofern handelte es sich doch wohl eben auch um „Selbstmord aus Angst vor dem Henker“.

Insbesondere in London hegte man zu diesem Zeitpunkt noch die Hoffnung, nach dem Beispiel der Bereinigung früherer Krisen durch eine Großmächtekonferenz deeskalierend wirken zu können. Wenn überhaupt, hätte in dieser Richtung ein britisch-deutsches Tandem etwas bewirken können. Deutschland aber hatte sich nicht nur bei solchen Konferenzen seit der Jahrhundertwende – Schlüsselfall war die Konferenz von Algeciras zur Beilegung der ersten Marokkokrise 1905 – immer wieder in relativer oder vollständiger Isolierung gesehen. Es wollte auch vermeiden, dass der mit der Niederwerfung Serbiens angestrebte Prestigeerfolg verwässert werden würde. In der nun folgenden letzten Woche der Julikrise ging die fatale Beschleunigung der gesamten Entwicklung freilich zunächst von Russland aus. Sankt Petersburg erklärte am 29. Juli eine Teilmobilmachung, für seine südlichen, gegen Österreich-Ungarn zu gelegenen Landesteile, am folgenden Tag die Generalmobilmachung. Zar Nikolaus II. war von seinen führenden Militärs überzeugt, besser bedrängt worden, eine Teilmobilmachung sei weder militärisch noch politisch sinnvoll. Mit der Erklärung der Generalmobilmachung übernahm das kaiserliche Russland seinerseits eine schwere Verantwortung. Diesem Schritt kommt im Hinblick auf die gesamte Kriegsschuldfrage erhebliches Gewicht zu, ohne dass damit freilich Deutschland und Österreich-Ungarn entlastet würden. Wagt man sich hier überhaupt an so etwas wie eine Gesamtbilanz, dann wird man konstatieren müssen, dass die drei großen monarchischen Ostmächte, die Nachfolger der Heiligen Allianz mit ihren teilweise sehr labilen konstitutiven Konstruktionen, nämlich Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland, die Hauptpromotoren der Entwicklung hin zum Krieg waren. Dabei vertrat Deutschland freilich ein sehr viel weiter gehendes offensives Konzept als Österreich-Ungarn. Russland hingegen, das sich gleichfalls in hohem Maße von Prestigegesichtspunkten leiten ließ, hielt mit seiner Generalmobilmachung, der ersten einer nicht bereits im Krieg befindlichen Großmacht, voll dagegen. Mit diesem Schritt musste die Entwicklung den politischen Führungen unweigerlich aus der Hand gleiten. Einerseits kam er zugleich der innenpolitischen Integrationsstrategie des deutschen Reichskanzlers entgegen: Bethmann-Hollweg wusste, dass die bei einem europäischen Krieg notwendige innenpolitische Geschlossenheit nur zu erreichen war, wenn die Sozialdemokraten trotz ihrer internationalistischen und vielfach pazifistischen Ausrichtung diesen Weg mitgingen. Dazu bedurfte es einer plausibel anmutenden Bedrohung, für die sich keine andere europäische Macht so gut eignete wie der „Hort der Reaktion in Europa“, das zaristische Russland. Mit der russischen Mobilmachung endete auch schlagartig die Phase von Friedensdemonstrationen bzw. gemeinsamen deutsch-französischen sozialistischen Friedensbekundungen. Freilich endete damit zugleich weitgehend die Phase einer politischen Steuerbarkeit der Krise. In den Führungen der Großmächte konnte sich wohl niemand vorstellen, dass man nach erfolgten Mobilmachungen noch militärisch stillhalten, unterstützt auf starke Defensivpositionen verhandeln, wie sich um eine Deeskalation bemühen könne. Unter seinem Generalstabschef Alfred von Schlieffen war Deutschland zu einer Kriegsplanung übergegangen (Schlussfassung von 1905), die bestimmt vom Fall des Zweifrontenkrieges ausging und hier ein offensives Vorgehen gegen Frankreich mit einem starken rechten (nördlichen) Flügel vorsah, der, unter Verletzung der belgischen Neutralität, die an Maas und Mosel aufmarschierten französischen Streitkräfte um Paris herumschwenkend umzingeln und bis zum 41. Tag nach Verkündung der Generalmobilmachung einen Vernichtungssieg erzielen sollte. Nicht nur entsprach der Mechanismus von ausmarschieren, überflügeln, umzingeln und vernichten dem Kriegsbild, das sich im preußischen Generalstab seit der Mitte des 19. Jahrhunderts (Königgrätz 1866, Sedan 1870) ausgeprägt hatte. Frankreich hatte seit Ende des 19. Jahrhunderts seine Ostgrenze gegenüber Deutschland derart stark befestigt, dass hier ein schneller militärischer Durchbruch unmöglich schien. Zwar war unter Schlieffens Nachfolger Moltke die ursprüngliche Kriegsplanung modifiziert worden: Der „linke“ deutsche Flügel in Lothringen wurde gestärkt, ein offensives Vorgehen auch hier für grundsätzlich möglich gehalten und – in Alternative zum Konzept Schlieffens – die Option einer beiderseitigen Umklammerung der französischen Armee, von Nordwesten wie Südosten, eröffnet. Diese militärisch-technischen Modifikationen, über die die Sandkastenstrategen nach 1918 vielfach stritten, änderten allerdings nichts an der grundsätzlichen Ausgangslage: Deutschland hatte seine Existenz vom Erfolg einer militärischen Planung abhängig gemacht, die nur aufgehen konnte, wenn vom bestimmten Punkt einer Krise an Friedenspolitik nicht mehr verfolgt, sondern nur nach militärischen Imperativen vorgegangen werden würde. Russland, so war dabei die Erwartung, würde wegen seines niedrigeren technischen Profils und seiner großen räumlichen Distanzen erst dann gegen Deutschland wirksam vorgehen können, wenn Deutschland seinerseits seine Hauptkräfte nach erfolgtem Sieg über Frankreich im Osten einzusetzen in der Lage sei. In der Zwischenzeit habe Österreich-Ungarn die Deckungsaufgabe im Osten zu übernehmen. Dieses Konzept[23] lief zum einen auf eine Dichotomie Triumph oder Untergang hinaus. Die Möglichkeit einer Defensivdisposition, einer Abschreckung und erfolgreichen Verteidigung, die den Gegner nach Erschöpfung zum Aufgeben zwänge, war gar nicht vorgesehen. Zum anderen musste die Verletzung der belgischen Neutralität unweigerlich Deutschland völkerrechtlich schwer ins Unrecht setzen und forciert England auf den Plan rufen. Es hatte in diesem Fall nicht nur eine allgemeine Gleichgewichtsstörung auf dem Kontinent, sondern unmittelbar ein deutsches Bedrohungspotenzial an der Kanalküste zu gewärtigen. Zum Dritten ließ sich der ganze Plan überhaupt nur in Gang setzen, wenn die deutsche Mobilmachung außerordentlich schnell erfolgte, die französische jedenfalls nicht zuvorkam und der angenommene zeitliche Vorsprung gegenüber Russland erhalten blieb (nahezu zeitgleich erklärten dann auch Berlin und Paris am 1. August 1914 ihre Generalmobilmachung). Daneben gab es noch eine Fülle an militärisch-technischen Imponderabilien (s. u.). In jedem Fall lief jetzt nach Ingangsetzung der russischen Mobilmachung die Sanduhr der europäischen Krise mit immer größerer Beschleunigung ab. Dabei trat Österreich-Ungarn, der ursprüngliche Ausgangspunkt, jetzt ganz in den Hintergrund.

VIII. Kriegseröffnung

Deutschland richtete am 31. Juli um 15.30 Uhr ein auf nur 12 Stunden befristetes Ultimatum an Sankt Petersburg zur Rückgängigmachung der russischen Mobilmachung. Gleichzeitig wurde an Frankreich eine auf 18 Stunden befristete Anfrage gerichtet, wie Frankreich sich im Falle einer deutsch-russischen Auseinandersetzung zu verhalten gedenke. Ferner wurde an Paris die Zumutung gerichtet, im – gar nicht zu erwartenden Fall der französischen Neutralität – Deutschland als Sicherheit für die Zeit seines Krieges gegen Russland die Festungen Toul und Verdun zu überlassen.[24] Trotz vielfachen telegrafischen Hin und Hers zwischen den Hauptstädten war an diesem Punkt der Frieden nicht mehr zu erhalten. Deutschland hatte schon psychologisch durch diese Form der ultimativen Kommunikation seine Kriegserklärungen vorweggenommen. Die deutsche Kriegserklärung an Russland war unter kuriosen Umständen im Auswärtigen Amt formuliert worden und ging in verschiedenen Varianten zur Übergabe an die Botschaft in Sankt Petersburg. Je nach Sachlage sollte der russischen Seite mitgeteilt werden, Russland sei der deutschen Forderung nach Rückgängigmachung der Mobilmachung nicht nachgekommen oder es habe darauf keine Antwort gegeben. Versehentlich erhielt die russische Seite den Text in beiden Fassungen. Die Kriegserklärung wurde vom deutschen Botschafter Pourtalès am 1.  August um 19.00 Uhr dem russischen Außenminister Sasonow übergeben. Einen Tag später besetzten deutsche Truppen als ersten feindlichen Akt im Ausland Luxemburg. Gleichzeitig wurde ein Ultimatum an Belgien zur Gewährleistung des Durchmarsches gerichtet. Einen Tag später folgte die deutsche Kriegserklärung an Frankreich. Tragisch war, dass gerade der deutsche Botschafter in Paris von Schoen, der sich intensiv um eine Verständigung der beiden Nachbarn bemüht hatte, Ministerpräsident Viviani dieses reichlich groteske Dokument vorlesen musste. Die Kriegserklärung enthielt den Vorwurf, französische Flugzeuge hätten deutsches Territorium bis hin zur Eisenbahnlinie Karlsruhe-Nürnberg bombardiert – allein technisch zu diesem Zeitpunkt kaum vorstellbar.

Im letzten Jahrzehnt vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatten die französischen und britischen Militärs zwar eine Fülle an Abreden und Vereinbarungen getroffen. Die Landung der kleinen, aber hochleistungsfähigen britischen Berufsarmee auf dem Kontinent zur Unterstützung Frankreichs war technisch exakt abgestimmt. Die politische Führung in London hatte sich aber bis zuletzt gescheut, entsprechende Bindungen einzugehen. Die Frage, ob und wann Großbritannien auch ohne die deutsche Aggression gegen Belgien Krieg führende Macht geworden wäre, lässt sich bis heute nicht zuverlässig beantworten. Jedenfalls gab es in der von den Liberalen geführten britischen Regierung Asquith erhebliche Widerstände gegen einen Kriegseintritt. Außenminister Grey hatte zugleich den deutschen Botschafter Fürst Lichnowsky, Letzterer ähnlich wie von Schoen in Paris eine auf Ausgleich bedachte und in der gegebenen Situation tragische Figur, immer wieder verstehen lassen, dass London eine deutsche Dominanz auf dem Kontinent nicht hinnehmen könne. Für den umgehenden britischen Kriegseintritt gab jedenfalls die deutsche Neutralitätsverletzung gegen Belgien den Ausschlag. Am selben Tag, an dem in Berlin der Reichstag zur einstimmigen Bewilligung der Kriegskredite (s. u.) zusammentrat, am 4.  August, richtete Großbritannien um 14.00 Uhr ein bis Mitternacht desselben Tages befristetes Ultimatum an Berlin, in dem bis dahin befriedigende Zusagen hinsichtlich der Respektierung der belgischen Neutralität seitens Deutschlands gefordert wurden. Falls Deutschland dem nicht entspreche, werde Großbritannien alle ihm möglichen Schritte zur Wahrung der Neutralität Belgiens unternehmen – das Wort Kriegserklärung wurde hier klugerweise vermieden. Gleichwohl: Der Erste Weltkrieg hatte begonnen.

Der Mythos vom „Augusterlebnis“ in Deutschland wie auch in anderen Ländern hält sich bis heute, wenn er auch nicht mehr als positives Ideal wie in der Zwischenkriegszeit beschrieben wird. Es geht dabei um jene vorgeblich hergestellte nationale Einheit jenseits aller Klassen und Stände, ein positives Aufgehen im Kriegserlebnis, eine neu konstituierte Gemeinschaft vom ostelbischen Junker bis zum sozialdemokratischen Arbeiter in der Großstadt. Heute weiß man freilich zugleich, dass dieses vorgebliche Augusterlebnis weithin Fiktion war. In ganz Europa sahen Bauern, Arbeiter und Kleinbürger dem Kommenden mit eher banger Erwartung entgegen, auch wenn sie das eigentlich Furchtbare noch nicht recht antizipieren konnten. Kriegsbegeisterung gab es im Bildungsbürgertum, unter Studenten und Gymnasiasten – bei Letzteren vielfach vor allem wohl auch deshalb, weil sie als Kriegsfreiwillige dem Einerlei des Klassenzimmers in das große Abenteuer zu entrinnen hofften. Angeblich hat sich Anfang August 1914 eine Million Kriegsfreiwillige in Deutschland gemeldet. Grundsätzlich wird man auch sagen können, dass die Kriegsbegeisterung vor allem mehr die großen Städte als das flache Land beherrschte. Patriotische Kundgebungen artikulierten sich vielfach rund um die Cafes, um Zeitungsstände und öffentliche Plätze.

Reichskanzler Bethmann-Hollweg war es jedenfalls gelungen, die Parole vom Krieg als Verteidigungskrieg insbesondere gegen Russland so plausibel zu machen, dass das Gros der sozialdemokratischen Funktionäre, mehr aber noch des Gewerkschaftsapparates, den Weg in die nationale Integration mitging. Erster ostentativer Höhepunkt war die einstimmige Billigung der Kriegskredite am 4. August durch den Reichstag, d. h. auch unter einmütiger Zustimmung der SPD-Fraktion. Die wenigen Dissidenten, die es hier gab, fügten sich im Plenum dem konformen Ja. Monate später kam es dann zu Fraktionsaustritten und schließlich zur Bildung der USPD, die die Kriegskredite ablehnte. „Burgfrieden“ wurde in Deutschland zur Parole wie in Frankreich die „Union sacrée“. Typisch war etwa eine Formulierung, die der damalige Gewerkschaftsfunktionär August Winnig in einer Entschließung für Gewerkschaftsmitglieder im Baubereich so traf: „Unsere zu den Fahnen gehenden Mitglieder grüßen wir in brüderlicher Liebe. Wir wünschen ihren Waffen den Sieg.“ Und in einer mündlichen Erläuterung hieß es dazu: „Dies ist eine Entscheidung (…). Es ist die wichtigste Entscheidung, die wir jemals getroffen haben. Es ist die endgültige Abkehr von aller Staatsfeindlichkeit. Dies ist die große Wende der Geschichte und der erste deutsche Sieg!“[25] Gewiss war Winnig nicht typisch. Er entfernte sich bereits während des Krieges immer weiter vom herkömmlichen Milieu der SPD, ging danach weit nach rechts und befand sich beim Kapp-Putsch 1920 als Oberpräsident von Ostpreußen in Königsberg auf der Seite der Republikgegner. Aber zugleich wird hier deutlich, wie gerade viele Exponenten der Arbeiterbewegung, die sich im Kaiserreich immer deklassiert gesehen hatten, in der großen Herausforderung des Krieges die Chance sahen, jenseits aller marxistischen Ideologeme vom Klassenkampf wirkliche Akzeptanz bei Adel und Bürgertum zu finden.

Auffallend sind zugleich die Parallelen, die es bei der Überwindung der Gräben zwischen den politischen Milieus in Deutschland und Frankreich, die ja nun Kriegsgegner geworden waren, gab.[26] Auch in Frankreich kam es nicht zur großen Konfrontation zwischen pazifistischen Sozialisten und Bürgertum. Das Land sah sich insgesamt von Deutschland überfallen und in seiner Existenz bedroht. Das Spektrum der nationalen Einheit erstreckte sich von den Sozialisten über die republikanisch-laizistische Linke, die in Frankreich politisch-kulturell tonangebend war, und die bürgerliche Rechte bis hin zur legitimistischen Rechten in monarchischer Tradition. An dieser Einheit änderte auch die Ermordung des sozialistischen Parteiführers Jean Jaures am 30. Juli 1914 nichts. Frankreich führte auch sofort eine Regierungsumbildung durch, in deren Ergebnis auch die Sozialisten ins Kabinett aufgenommen wurden. Im kaiserlichen Deutschland hingegen sollte es sozialdemokratische Staatssekretäre erst in der Schlussphase des Ersten Weltkrieges im Oktober 1918 geben, als die Bismarcksche Reichsverfassung ausgehebelt und endlich die Parlamentarisierung durchgesetzt wurde.

IX. Der Beginn der Kämpfe

So sehr durch Geografie und Technik die Voraussetzungen für einen Weltkrieg gegeben waren, so offenkundig begann der Konflikt zunächst und noch eher in Formen, die an das 19. Jahrhundert erinnerten. Völlig neuartig waren nur die Millionenheere, die nun gegeneinander zu kämpfen hatten. Alles andere, die britische Blockade, die Deutschland von Welthandel und Ernährungszufuhr abschneiden sollte, der deutsche Einsatz von U-Booten, die Ausdehnung des Krieges auf Kolonien oder die Einbeziehung von Kolonialtruppen und Verbänden aus den britischen Dominians in Europa, machte sich erst ganz in Anfängen bemerkbar.

Anders als 1870 hatte Deutschland gegen Frankreich kein quantitatives Übergewicht mehr. Dies lag weniger an den schwachen Kräften (8.  deutsche Armee), die in Ostpreußen gegen einen russischen Einfall bereitgehalten wurden, als an der Tatsache, dass Frankreich jetzt gleichfalls eine Wehrpflichtigen-Armee ins Feld stellen konnte. Die deutsche und die französische Truppenstärke waren nahezu gleich. Beide Länder mobilisierten zunächst Gesamtstreitkräfte von rund dreieinhalb Millionen Soldaten und eine Feldarmee von rund 2,1 Millionen Mann. Schon diese Zahlen zeigen, dass die französische Republik, von deutscher Seite aus vielfach als demokratisch-schwächlich apostrophiert, mit ihren 40 Millionen Einwohnern – Deutschland 68 Millionen – alle nur verfügbaren Energien und Potenziale mobilisierte. Über den Krieg von 1914 bis 1918 hinweg ist hier ein Beispiel für die Leistungsfähigkeit demokratischer Ordnungen bei existenziellen Herausforderungen gegeben – sofern sie nur die notwendige Entschlusskraft aufbringen –, das bis heute Respekt verdient und ein Stück weit auch zuversichtlich stimmt[27]. Zu den französischen Streitkräften kam der Aufmarsch der britischen Berufsarmee in Stärke von zunächst gut 120.000 Mann. Die Kriegseröffnung im Westen ähnelte dem Betreten einer Drehtür von zwei Seiten: Während Frankreich nach Abschluss der Mobilmachung sofort in Lothringen und gegen das Elsaß offensiv vorging, rückten die Deutschen entsprechend dem Schlieffen-Plan (s. o.) von Norden ein. Dabei hatten freilich die deutschen Erwartungen hinsichtlich einer glatten Durchquerung Belgiens getrogen: Das auf einen Krieg gar nicht eingerichtete Land verteidigte sich zäh und seine Festungen mussten mit schwerster Artillerie (30,5-cm-Mörser von Skoda und 42-cm-Mörser – „dicke Berta“ – von Krupp) niedergekämpft werden. Dieser belgische Widerstand drohte nicht nur den engen zeitlichen Takt des Schlieffen-Planes über den Haufen zu werfen. Er brachte die vordringenden Deutschen auch psychologisch aus dem Gleichgewicht. Bereits jetzt, unmittelbar bei Beginn des Krieges, kam es zu Erschießungen von Zivilisten, die angeblich aus dem Hinterhalt auf deutsche Soldaten geschossen hatten. Die Nervosität beim Einmarsch in Belgien war offenkundig ungeheuer groß: Es herrschte ein Gemisch aus Sorge, der weit gespannte strategische Plan könne scheitern, Erinnerung an französische Übergriffe (Franctireus) im Krieg von 1870/71, Unfähigkeit, sich nach einer langen Friedensperiode unversehens auf eine kriegerische Auseinandersetzung einzustellen, überreizten Nerven, wohl aber auch moralisch-kulturellen Defiziten. So gab es bereits am 5. August, am zweiten Tag des deutschen Einmarsches in Belgien, „Massenhinrichtungen von Zivilisten“. Bis zum 8. August sollten nach jüngsten Veröffentlichungen fast 850 Zivilisten getötet und rund 1.200 Gebäude gezielt in Brand gesteckt worden sein.“[28] Insgesamt wird die Zahl der in Belgien und in Ostfrankreich in der ersten Kriegsphase hingerichteten Zivilisten auf der Grundlage amtlicher französischer und belgischer Untersuchungen – also nicht Propagandaelaborate – mit 6.000 angegeben. Es führt zwar wohl keine unmittelbare Linie von diesen Übergriffen zu Beginn des Ersten Weltkrieges zu den Massenverbrechen und Repressalien im Zweiten Weltkrieg, insbesondere in der Sowjetunion, auf dem Balkan, in Griechenland und Italien. Gleichwohl spricht manches für die These, dass der Erste Weltkrieg als enthemmende Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts auch in diesem Bereich Weichen stellte[29]. Die von deutscher Seite immer wieder behaupteten Übergriffe und Morde an eigenen Soldaten, die der Grund für solche Vergeltung gewesen seien, sind bis heute weitgehend pure Unterstellungen.

Die französische Armee eröffnete ihre Operationen Mitte August 1914 entsprechend dem für sie geltenden Plan XVII mit ganz außerordentlichen Offensivgeist, musste aber sehr bald die Erfahrung machen, dass herkömmliche Tapferkeit in Maschinengewehrfeuer wie gegenüber der schweren deutschen Artillerie nur zu furchtbaren Verlusten führte. Es gibt ein eigenartiges Bild, dass gerade die Armee jener einzigen republikanischen Großmacht, die es damals gab, nach besonders traditionellen Vorstellungen vorging und operierte, so als wolle sie ihre soldatisch-aristokratische Gleichrangigkeit unter allen Umständen beweisen. Die französischen Soldaten trugen noch ihre aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts rührenden roten Hosen, die Kavallerie klärte noch mit Brustpanzern am Oberkörper auf, Offiziere trugen beim Angriff weiße Handschuhe. Gegen Ende August geriet die französische Armee in Lothringen zusehends in die Defensive, während der deutsche Vormarsch durch Belgien schließlich erfolgreich vorankam, französischen Boden und allmählich die Höhe der Hauptstadt Paris erreichte. Im Osten hatte das kaiserliche Russland noch vor Abschluss der eigenen Mobilmachung aus dem Stand zwei Armeen gegen das geografisch exponierte Ostpreußen aufmarschieren lassen. Damit wurde dem französischen Wunsch entsprochen, sehr schnell vom deutschen Druck im Westen entlastet zu werden. Ab etwa dem 20. August drohte sich in Ostpreußen für Deutschland eine militärische Katastrophe zu entwickeln: Die Führung der hier stehenden 8. deutschen Armee fürchtete eine Einkreisung und ging daran, sich auf die Weichsellinie zurückzuziehen. Besonders unglücklich operierte das österreichisch-ungarische Oberkommando: Die Donaumonarchie verzettelte ihre Streitkräfte. Aus Prestigegründen wurde sowohl eine Offensive gegen Serbien unternommen als auch ohne Ausnutzung des vollständigen eigenen Potenzials von Galizien aus gegen Russland vorgegangen. Diese tollkühne Strategie konnte nicht gut gehen. Der österreichisch-ungarische Vormarsch gegen Russland lief sich bereits Ende August fest. Schon Anfang September erreichten die Russen das Übergewicht gegen die Österreicher und drängten diese zurück. Bereits in diesen Anfängen des Ersten Weltkrieges erlitt die Donaumonarchie ungeheure Verluste, büßte einen Großteil ihres ursprünglichen militärischen Potenzials ein und geriet so in stete Abhängigkeit von deutscher Hilfe. Gleichzeitig wurde aber die russische Offensive gegen Ostpreußen zum Fiasko: Die Oberste Heeresleitung unter Generalstabschef Moltke ernannte den energischen Generalmajor Erich Ludendorff, der eine Zeit lang die Aufmarschabteilung im Generalstab geführt und sich gerade bei der Eroberung der belgischen Festung Lüttich in Szene gesetzt hatte, zum Stabschef der 8. Armee und gab ihm als Befehlshaber den seit drei Jahren als Pensionär in Hannover lebenden General Hindenburg bei, der reaktiviert wurde. Die weiteren militärischen und politischen Konsequenzen dieser Personalentscheidung bis hin zur Machtübertragung des späteren Reichspräsidenten Hindenburg an Adolf Hitler am 30. Januar 1933, knapp 20 Jahre später, konnte damals naturgemäß noch niemand übersehen. Ludendorff gelang jedenfalls auf der Grundlage von Planungen, die im Oberkommando der 8. Armee bereits angestellt worden waren, die Umzingelung und Vernichtung des größten Teils der Armee Samsonow, die von Süden in Ostpreußen eingedrungen war (Schlacht bei Tannenberg, benannt nach dem Ort der Schlacht bei Tannenberg zwischen Deutschem Orden und Polen wie Litauern 1410). In der Folge wurde die zweite, von Osten kommende russische Armee unter dem Befehl des Generals Rennenkampf schwer angeschlagen und über die Reichsgrenze nach Osten zurückgedrängt. Hindenburg und Ludendorff war damit der Mythos der Befreier deutschen Landes, wie es in der Diktion von damals hieß, zugewachsen. Sie avancierten sehr bald auch zu Figuren, die an Strahlkraft und Charisma selbst Wilhelm II. in den Hintergrund drängten und ohne die damit schon rein psychologisch die Fortsetzung der deutschen Kriegführung gar nicht mehr denkbar erschien. Diese Entwicklung trug nicht unwesentlich dazu bei, die deutsche Führung während des Ersten Weltkrieges immer stärker zu militarisieren, die Bedeutung der zivilen Komponente noch weiter zu reduzieren. Russland selbst hat in Relation zu seinem gesamten Potenzial durch den Verlust einer und die deutliche Schwächung einer anderen Armee eine quantitativ kaum zu Buch schlagende Einbuße erlitten. Rein qualitativ wogen die Verluste freilich viel schwerer. Sie stellten bereits eine Etappe auf jenem langen Weg dar, der schließlich im Frühjahr 1917 zum Zusammenbruch des zaristischen Systems führen sollte: Gegen Ostpreußen waren russische Eliteeinheiten aufmarschiert, die aus jenen Friedensgarnisonen stammten, die an sich auch das Zarentum trugen und absicherten. Insofern hatte Russland durch das Vorpreschen zweier Armeen gegen Deutschland, bevor seine militärischen Vorbereitungen eigentlich abgeschlossen waren, dem Alliierten Frankreich gegenüber einen unschätzbar wertvollen Dienst erwiesen, dessen politische Konsequenzen sich erst im Nachhinein zeigen würden. Nach der Schlacht bei Tannenberg machte der französische Militärattacheé Marquis de Laguiche dem russischen Oberkommandierenden Großfürst Nikolai Nikolajewitsch eine Art Beileidsbesuch. „Wir sind glücklich, für unsere Verbündeten solche Opfer gebracht zu haben“,[30] war die lakonische Antwort des russischen Oberkommandierenden.

Zugleich hatte sich aber jetzt bereits gezeigt, dass das russische Militärpotenzial, die so genannte „Dampfwalze“, technisch und taktisch gegenüber der deutschen Armee weit zurückhing: Es gab weder Flugzeuge, die zur Aufklärung eingesetzt werden konnten, noch schwere Artillerie. Es fehlte an Munition und für die einfachen Infanteristen sogar an Gewehren. Sie fühlten sich von einer Führung in den Krieg gehetzt, die ihnen keine gleichwertigen Kampfmittel und Überlebenschancen geben konnte. Der deutsche Sieg bei Tannenberg war auch deswegen möglich geworden, weil in der russischen Armee ohne Verschlüsselung gefunkt wurde, was die deutschen Generalstäbler zunächst gar nicht glauben wollten und für eine Falle hielten. Dieses qualitative Gefälle stand auch in einem gewissen Gegensatz zur bis zu Kriegsbeginn auf deutscher Seite immer wieder apostrophierten russischen Übermacht.

Gegen die russischen Armeen, die ab Oktober 1914 in Kongresspolen um Warschau aufmarschiert waren und Österreich-Ungarn wie auch Schlesien bedrohten, operierten Hindenburg und Ludendorff in den Wochen und Monaten des Herbstes 1914 mit vielerlei kunstvollen Rochaden. Damit gelang es immerhin, die russischen Armeen am Eindringen in Schlesien und am Vordringen über die Karpaten in die ungarische Tiefebene zu hindern. Diese militärische Entwicklung im östlichen Mitteleuropa steht bis heute im Schatten der gleichzeitigen Kämpfe an der Westfront. Aber von hier gingen zweifellos welthistorische Wirkungen und dies mit langfristiger und fataler Konsequenz aus: Die Deutschen, die während des gesamten Ersten Weltkrieges gegenüber den russischen Streitkräften technisch und taktisch überlegen waren, eigneten sich vielfach, entgegen den Vorkriegsannahmen, die hybride Vorstellung an, Russland sei ein Koloss auf tönernen Füßen, den man auch bei zahlenmäßiger Unterlegenheit nicht fürchten müsse. In Verbindung mit der nationalsozialistischen Rassenlehre und antibolschewistischen Ideologemen ergab sich aus diesen (Schein)erfahrungen ein Vierteljahrhundert später jene Verkennung des sowjetischen Potenzials, die in die Katastrophe des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion vom 22. Juli 1941 mündete.

X. Stagnation ab September 1914

Hybris prägte auch das deutsche Vorgehen im Westen: Ab Anfang September 1914 zeigten sich immer deutlicher die Schwächen des Schlieffen-Planes. Die deutschen Generalstäbler hatten nicht beherzigt, was Carl von Clausewitz in seinem Werk „Vom Kriege“, auf das sie angeblich eingeschworen waren, eindrucksvoll dargelegt hatte: Die Tatsache nämlich, dass die Defensive eine sehr starke strategische Position darstellt und dass jeder Angriff einen Kulminationspunkt erreicht, von dem ab er an Stärke einbüßt. Je weiter sich die drei im Norden der Westfront operierenden deutschen Armeen von ihren Ausgangspositionen und damit auch Eisenbahnverbindungen entfernten, desto schlechter stand es um Nachschub, desto mehr griffen Schwäche und Erschöpfung um sich. Verluste konnten nicht mehr ausgeglichen werden; hingegen kämpften die Franzosen auf der inneren Linie in der Nähe des Pariser Beckens, wo sie sich auf eine vorzügliche Infrastruktur zu stützen vermochten. Als der deutsche Angriffsflügel in den ersten Septembertagen bereits östlich von Paris nach Süden einschwenkte, wurde er von der französischen Hauptstadt aus in der Flanke angegriffen. Gleichzeitig tat sich zwischen den beiden deutschen Armeen, die nach Süden auf die Marne zustrebten, eine Lücke auf, in die das englische Expeditionskorps eindrang. Wie zumeist nach verlorenen Kriegen beschäftigten sich auch nach dem Ersten Weltkrieg Dutzende von deutschen Sandkastengeneralstäblern damit, ob die nun anhebende Marneschlacht doch zum Erfolg hätte führen können, wenn nur die deutsche Oberste Heeresleitung, in Bad Kreuznach, dann Luxemburg buchstäblich weitab „vom Schuss“, in dieser kritischen Situation nicht den Rückzug befohlen hätte.[31] Heute hingegen besteht eigentlich kein Zweifel mehr daran, dass der deutsche Angriff grundsätzlich im clausewitzschen Sinne seinen Kulminationspunkt überschritten hatte. Die deutschen Armeen waren überstrapaziert, physisch und psychisch ausgelaugt; dazu waren zwei Armeekorps nach Ostpreußen zur Verstärkung der Abwehr gegen die russische Offensive abgegeben worden. Es mutet eigenartig an, dass gerade jene Fachleute, die damals als die Besten ihres Metiers galten, die deutschen Generalstäbler, so wenig die axiomatischen Grundlagen großdimensionierter Operationen beachtet hatten. Zugleich sollte ein anderer Umstand gewürdigt werden: Die Französische Republik hatte sich in einer international wenig erwarteten Weise behauptet. Die französischen Wehrpflichtigen, vielfach ältere Jahrgänge als die Deutschen, hatten physisch und psychisch das Letzte aus sich herausgeholt und ihre Einheiten waren trotz teilweise furchtbarer Verluste nicht kollabiert. Schließlich hatte der ganze Schlieffen-Plan letztlich darauf gesetzt, dass Frankreich unter der Bedrohung einer konzentrischen Invasion zusammenbrechen müsse. Gewiss funktionierte auch in Frankreich damals vieles nicht: Regierung und militärische Führung kommunizierten unzureichend miteinander. Selbst der Staatspräsident erhielt kaum Informationen, wie es an der Front stand. Aber immerhin hatte sich diese Nation von 40 Millionen Individualisten behauptet und in der Folge sollte es der politischen Führung Frankreichs gelingen, ihre Autorität gegenüber der militärischen Führung Stück für Stück wieder zu verstärken – in Deutschland hingegen würde eher das gerade Gegenteil eintreten.

Das Ende des „Bewegungskrieges im Westen“ war der Versuch beider Seiten Ende Oktober Anfang November, nochmals im Norden der Front eine Überflügelungs- und damit Einkreisungssituation herzustellen. Dabei näherte man sich von beiden Seiten immer mehr dem Meer, bis dieses schließlich erreicht wurde. Die deutsche Seite setzte hier jene zusätzlichen zunächst sechs Reservekorps ein, die aus den Kriegsfreiwilligen vom August 1914 gebildet worden waren. In den Reihen dieser neuen, unzureichend ausgebildeten (rund acht Wochen) und ausgerüsteten Einheiten befanden sich besonders viele Gymnasiasten und Studenten. Sie wurden das Opfer jener kompakten Angriffe im britischen Maschinengewehrfeuer, die binnen Minuten Tausende dahinrafften. Gewiss weiß man heute, dass der Mythos des flandrischen Ortes Langemarck, bei dem junge deutsche Kriegsfreiwillige angeblich beim Sturm auf englische Stellungen das Deutschlandlied anstimmten, der grauenhaften Wirklichkeit kaum entspricht. Wenn das Deutschlandlied überhaupt gesungen wurde, dann mit der Funktion einer Erkennungsmelodie in dichtem Nebel. Aber gerade auch dieses Beispiel zeigt, dass Kriegsrealität und Kriegsüberhöhung in immer stärkere Gegensätze zueinander gerieten. In der Nachkriegszeit sollte sich diese Art politisch prekärer Rezeption forciert fortsetzen. Und in der Realität hatte der Erste Weltkrieg, dem zu diesem Zeitpunkt bereits Hunderttausende von Toten zum Opfer gefallen waren, doch zugleich erst begonnen, jene mörderische Auseinandersetzung zu werden, die Generationen, Grundüberzeugungen und Zivilisation verschlingen würde. Noch kamen weder Gas oder Flammenwerfer oder Tanks zum Einsatz. Noch mussten Zivilbevölkerungen nicht hungern. Aber weil die Politik in dieser Phase der militärischen Stagnation des Herbstes 1914 ganz darauf verzichtete, sich um einen Ausgleich zu bemühen, bestimmten nun immer weiter gespannte imperialistische Ziele das Denken und Agieren.

Hatten bei der Kriegsauslösung Österreich-Ungarn und Deutschland in hohem Maße verantwortlich gewirkt, so zeigten sich nach Kriegsbeginn ihre Gegner besonders ambitioniert, was militärisches Durchkämpfen und weit gespannte Kriegsziele anging.[32] Und weil bereits nach einem Vierteljahr Krieg die Kunst des Kompromisses verloren gegangen war, mussten die europäischen Völker nun den Weg einer immer hemmungsloseren und bestialischeren Auseinandersetzung gehen.

 

– Fortsetzung in der folgenden Ausgabe. –

 

Fußnoten

[1] Für diese klassische These Ludwig Dehio: Gleichgewicht oder Hegemonie. Betrachtungen über ein Grundproblem der europäischen Staatengeschichte, Krefeld 1948.

[2] Zum Amerikanischen Bürgerkrieg James M. McPherson: Für die Freiheit sterben. Die Geschichte des amerikanischen Bürgerkrieges, München, Leipzig 1988.

[3] Zit. nach Dieter Storz: Kriegsbild und Rüstung von 1914. Europäische Landstreitkräfte vor dem Ersten Weltkrieg, Herford, Berlin, Bonn 1992, S. 124.

[4] Das Adjektiv ‚zarisch‘ an Stelle vom im Deutschen eher geläufigen ‚zaristisch‘ ist historisch-philologisch wohl vorzuziehen.

[5] Zum allmählichen Aufbrechen des deutsch-russischen Gegensatzes schon in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts zuletzt Konrad Canis: Bismarcks Außenpolitik 1870–1890, Paderborn 2004, S. 41 ff.

[6] Vgl. Jürgen Angelow: Kalkül und Prestige. Der Zweibund am Vorabend des Ersten Weltkrieges, Köln, Weimar, Wien 2000, S. 25 ff. Helmut Rumpler, Jan Wiederkorn (Hg.): Der „Zweibund“ 1879. Das deutsch-österreichisch-ungarische Bündnis und die europäische Diplomatie, Wien 1996. Vgl. auch das Schreiben Bismarcks an Kaiser Wilhelm I., der ganz die Linie der preußisch-russischen Präferenz vertrat, vom 24. August 1879: „Mit dem Staate Österreich haben wir mehr Momente der Gemeinsamkeit als mit Russland. Die deutsche Stammesverwandtschaft, die geschichtlichen Erinnerungen, die deutsche Sprache, das Interesse der Ungarn für uns, tragen dazu bei, ein österreichisches Bündnis in Deutschland populärer, vielleicht auch haltbarer zu machen als ein russisches.“ Zit. nach Angelow, S. 40, Fußnote 47.

[7] Vgl. Michael Schmid: Der „Eiserne Kanzler“ und die Generäle. Deutsche Rüstungspolitik in der Ära Bismarck (1871–1890), Paderborn u. a. 2003, S. 335 ff.

[8] Schmid, Eiserne Kanzler, S. 419 ff.: „Rüstung gegen den Krieg und Obstruktion gegen die Generäle? Bismarcks Politik während der Winterkrise.“

[9] Zum Ende der preußisch-russischen „special relationship“ George F. Kennan: Bismarcks Europäisches System in der Auflösung. Die französisch-russische Annäherung 1875–1890, Frankfurt am Main u. a. 1979. Ders.: Die schicksalhafte Allianz. Frankreich und Russland am Vorabend des Ersten Weltkrieges, Köln 1990. Aus dem Jahr 1892 datiert dann die erste französisch-russische Militärkonvention mit bereits sehr konkreten Abmachungen für eine gemeinsame Kriegführung gegen die Kombination Deutschland und Österreich-Ungarn, 1894 folgte das förmliche französisch-russische Bündnis.

[10] Grundsätzlich zur Außenpolitik in dieser Phase Klaus Hildebrand: Das vergangene Reich. Deutsche Außenpolitik von Bismarck bis Hitler 1871–1945, Stuttgart 1995, S. 190 ff. Ferner Konrad Canis: Von Bismarck zur Weltpolitik. Deutsche Außenpolitik 1890 bis 1902, Berlin 1997. Zu den gescheiterten deutsch-englischen Bündnisverhandlungen in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts insbesondere Hermann Freiherr von Eckartstein, 1899–1901 Deutscher Botschaftsrat in London: Lebenserinnerungen und politische Denkwürdigkeiten Bd. 1, Leipzig 1919, insbesondere S. 291 ff. Gerd Fesser: Reichskanzler Fürst von Bülow. Architekt der deutschen Weltpolitik, Leipzig 2003, S. 51 ff.

[11] Vgl. als Gesamtdarstellung Gregor Schöllgen: Imperialismus und Gleichgewicht. Deutschland, England und die orientalische Frage 1871–1914, München 3 2000.

[12] Fritz Fischer: Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911–1914, Düsseldorf 2 1969.

[13] Vgl. Darstellung des „Kriegsrates“ bei Fischer S. 232 ff. Text des Berichtes Lichnowskys vom 3. Dezember 1912, Faksimile wie kaiserliche Randnotizen, in: Bernhard Fürst von Bülow: Denkwürdigkeiten, Bd. 3 Weltkrieg und Zusammenbruch, Berlin 1931, S. 129 f.

[14] Vgl. Friedrich Kießling: Gegen den „Großen Krieg“? Entspannung in den internationalen Beziehungen 1911–1914, München 2002.

[15] Zit. nach Fischer, S. 584.

[16] Indirekte Rede und zit. nach Kießling, S. 300.

[17] Vgl. Günther Kronenbitter: „Krieg im Frieden“. Die Führung der k. u. k. Armee und die Großmachtpolitik Österreich-Ungarns 1906–1914, München 2003, ders.: „Nur loslassen“. Österreich-Ungarn und der Wille zum Krieg, in: Lange und kurze Wege in den Ersten Weltkrieg, hg. von Johannes Burghardt, Josef Becker, Stig Förster, Günther Kronenbitter. Vier Augsburger Beiträge zur Kriegsursachenforschung, München 1996, S. 159–187.

[18] Zit. nach Kronenbitter, „Nur los lassen“, S. 168 f. Noch pathologischer der damalige preußische Kriegsminister, späterer Generalstabschef, Erich von Falkenhayn am 4. August 1914: „… wenn wir auch darüber zugrunde gehen, schön wars doch.“ Zit. nach Stig Förster: Der deutsche Generalstab und die Illusion des kurzen Krieges, 1871–1914. Metakritik eines Mythos, in: Lange und kurze Wege, S. 115–158, hier: S. 158.

[19] Dieser auf ein Risikokalkül mit Präventivkriegsbereitschaft abzielende Befund ergab sich im Wesentlichen aus der Diskussion in Auseinandersetzung mit den Thesen Fritz Fischers ab Mitte der 60er Jahre. Vgl. Erster Weltkrieg. Ursachen, Entstehung und Kriegsziele, hg. von Wolfgang Schieder, Köln, Berlin 1969. Noch dezidierter die Verantwortung der deutschen Führung anlastend John C. G. Röhl: Vorsätzlicher Krieg? Die Ziele der deutschen Politik im Juli 1914, in: Der Erste Weltkrieg. Wirkung Wahrnehmung Analyse, hg. von Wolfgang Michalka, München 1994, S. 193–215. Ferner Peter Graf Kielmannsegg: Deutschland und der Erste Weltkrieg, Stuttgart 2 1980, S. 7 ff.

[20] Zu den einschlägigen Konstellationen in Österreich-Ungarn vgl. Manfred Rauchensteiner: Der Tod des Doppeladlers. Österreich-Ungarn und der Erste Weltkrieg, Graz, Wien, Köln 1993, S. 63 ff.

[21] Zur Schilderung des Staatsbesuches aus französischer Sicht vgl. Raymond Poincaré: Memoiren, Bd. 2. Der Ausbruch der Katastrophe 1913–1914, Dresden 1928, S. 333 ff.

[22] Helmut Rumpler: Eine Chance für Mitteleuropa. Bürgerliche Emanzipation und Staatsverfall in der Habsburger Monarchie (Österreichische Geschichte 1804–1914), Wien 1997, S. 572 f.

[23] Vgl. Gerhard Ritter: Staatskunst und Kriegshandwerk. Das Problem des „Militarismus“ in Deutschland. Bd. 2: Die Hauptmächte Europas und das Wilhelminische Reich (1890–1914), München 2 1965, S. 239 ff.

[24] Alfred von Wegerer: Der Ausbruch des Weltkrieges 1914, Bd. II., Hamburg 2 1939, S. 133.

[25] Zit. nach August Winnig: Der weite Weg, Hamburg 1932, S. 329.

[26] Vgl. Thomas Raithel: Das „Wunder“ der inneren Einheit. Studien zur deutschen und französischen Öffentlichkeit bei Beginn des Ersten Weltkrieges, Bonn 1996.

[27] Das bis heute viel prominentere Beispiel für die Überlebensfähigkeit von Demokratien ist freilich die Selbstbehauptung Großbritanniens gegen das auf dem Kontinent militärisch erfolgreiche NS-Deutschland 1940/41.

[28] John Horne und Alain Kramer: Deutsche Kriegsgräuel 1914. Die umstrittene Wahrheit, Hamburg 2004, S. 25 f.

[29] Allerdings hat es an der Westfront nach Beginn des ‚Stellungskrieges‘ ca. Anfang November 1914, bei sozusagen konsolidierten Verhältnissen, vergleichbare Untaten wohl nicht mehr gegeben. Stellenweise gab es sogar das Paradox, dass deutsche Besatzungsmacht und französische bzw. belgische Zivilbevölkerung ein durchaus positives Verhältnis zueinander unterhielten. Das bekannteste und wohl größte dimensionierte Verbrechen im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg, der 1915 von der osmanischen Türkei an den Armeniern begangene Völkermord, sollte in anderen Zusammenhängen gesehen werden (s. u.). Allerdings gehört er in besonderem Maße in die Kontinuität jener Genozide, die dann für das 20. Jahrhundert bis hin zum technisierten Massenmord an den Juden kennzeichnend werden sollten.

[30] Zit. nach Barbara Tuchmann: August 1914. TB-Ausgabe, Frankfurt am Main, S. 326.

[31] Eindrucksvollste Darstellung dieser Entwicklung bei Tuchman, a.a.O. August 1914.

[32] Diese Aussage gilt trotz des so genannten „Septemberprogrammes“ von Reichskanzler Bethmann-Hollweg Anfang September 1914. Für die Gegenseite schreibt der französische Historiker Georges-Henri Soutou: „Die Alliierten waren von Beginn des Krieges an wesentlich entschlossener, als lange Zeit zugegeben worden ist, die politische, militärische und wirtschaftliche Macht Deutschlands drastisch zu reduzieren.“ Georges-Henri Soutou: Die Kriegsziele des Deutschen Reiches, Frankreichs, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten während des Ersten Weltkrieges: Ein Vergleich, in: Der Erste Weltkrieg, a.a.O., S. 28-53, hier: S. 33.

 

 

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