Monika Franz:
Fundamente europäischer Identität
– Teil I –
„O Europa! [...] Man kennt das Thier mit den Hörnern, welches
für dich immer am anziehendsten war, von dem dir immer wieder Gefahr
droht! Deine alte Fabel könnte noch einmal zur ,Geschichte‘ werden, – noch
einmal – könnte eine ungeheure Dummheit über dich Herr
werden und dich davon tragen! Und unter ihr kein Gott versteckt, nein!
nur eine ,Idee‘, eine ,moderne Idee‘!“
F. Nietzsche (1886), aus: Jenseits von Gut und Böse (Siebentes
Hauptstück:
unsere Tugenden)[1]
I. Die Europäische Union im Jahr 2004
1. Osterweiterung 2004
Am 1. Mai dieses Jahres werden wir Zeugen eines epochalen historischen
Ereignisses. Mit dem Beitritt Estlands, Lettlands, Litauens, Maltas,
Polens, Tschechiens, der Slowakei, Sloweniens, Ungarns und Zyperns zur
Europäischen Union gehören nicht nur über 74 Millionen
Menschen mehr der dann über 451 Millionen Bürger zählenden
EU-Bevölkerung an. Aus der politischen Verschmelzung der „alten“ EU
der 15 mit 10 Ländern Mittel-, Ost- bzw. Südeuropas[2] verwandelt
sich das sprachliche und geographische Profil der Europäischen Union:
Zum Sprachschatz der „neuen EU“ gehören dann allein
rund 30 nationale Amtssprachen der Mitgliedsländer; die Zahl der
EU-Amtssprachen beläuft sich weiterhin auf 11. Der geographische
Mittelpunkt der EU verlagert sich nach Osten und liegt – grob geschätzt – mitten
in der Bundesrepublik Deutschland. Die neue EU wird voraussichtlich ein
größeres wirtschaftliches Potential als die Wirtschaftsmächte
USA und Japan innehaben. Der bisher bei aller Unterschiedlichkeit kulturell
relativ homogene, westlich geprägte europäische Verbund, der
die bewegten Jahrzehnte seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges insgesamt
in respektabler politischer Stabilität und Solidarität erlebt
hat, wird durch die Einbeziehung der zehn „Neulinge“ vor
eine nicht zu unterschätzende Herausforderung gestellt.
Bei einem solch ambitionierten Zukunftsunternehmen sind der politischen Phantasie der Zeitgenossen keine Grenzen gesetzt. Kommentatoren jedweder Provenienz begleiten den Integrations- und Erweiterungsprozess. So erheben sich z. B. auch Stimmen, die – in bedenklicher Weise – nach dem machtpolitischen Wiedererstehen Europas, Mazower hat es mit Blick auf das kriegerische 20. Jahrhundert den „dunklen Kontinent“ genannt, [3] rufen. So formuliert beispielsweise P. Sloterdjik in seinem Essay „Falls Europa erwacht“:
„Falls Europa erwacht: [...] würde eine neue Achse Berlin–Brüssel–Paris zu einer Kraftlinie, um die ein großeuropäischer Staatenbund, oder ein Bund aus Bünden sich fortschreitend auskristallisiert“, [4] und an anderer Stelle: „Eine Nicht-Weltmacht Europas ist aus systemischen Gründen und, ... aus Motiven seiner elementaren historischen Programmatik ..., ein Ding der Unmöglichkeit.“ [5]
Schon vage Eindrücke der unübersehbaren Europa-Debatte verdeutlichen, dass es so viele Europas gibt, wie Köpfe darüber nachdenken. Was Europa ist bzw. welche Zukunft es hat, wird aus der jeweiligen subjektiven, individuellen, räumlich, politisch, kulturell eingenommenen Perspektive immer wieder neu definiert. Die Vielstimmigkeit dieses philosophischen Definitions- und Prognosen-„Konzerts“ entlarvt eine tiefe Unsicherheit, die irritiert – schließlich wird ein erheblicher Teil aller politischen Entscheidungen heute auf EU-Ebene gefällt. Zudem wird die EU jenseits aller Zweifel und Einwände in recht hohem Tempo weiterentwickelt. Dass der Umgestaltungsprozess der EU von erheblichen Friktionen begleitet sein wird, davon gehen zahlreiche Diagnosen aus. Angesichts der täglichen voluminösen EU-Berichterstattung ergibt sich allzu oft der Eindruck, dass das europäische Projekt ein in erheblichem Maße improvisiertes sei – und dieser Umstand im Prinzip den Akteuren auch bewusst ist. Man mag sich angesichts dieser Situation an Bismarcks Ausspruch erinnert fühlen: „Setzen wir das deutsche Reich in den Sattel, reiten wird es schon können.“[6]
2. Europäische Krisensymptome
Häufig vernehmbare Hiobsbotschaften dämpfen den von den meisten Europa-Politikern propagierten Optimismus. Sieht man einmal ab von den bekannten Vorwürfen, die EU sei ein „administrativer Moloch [...], [ein] Großmarkt, [...] [ein] machtloser Riese, [...] [ein] wahnhafter Agrarshop, [...] [ein] babylonisches Sprachengewirr“; [7] geht man überdies davon aus, dass in der Konstituierungsphase eines solchen historischen Projekts Entwicklungen wie die Teuerung durch den Euro oder unkalkulierbare Risiken der Osterweiterung eben ‚normale’ Übergangsphänomene sind. Setzt man des Weiteren voraus, dass die schweren Auseinandersetzungen um die europäische Verfassung und die alarmierende Spaltung Europas in der Irakkrise Erscheinungen eines innereuropäischen Dialogs darstellen.
Als ein zentraler Indikator für die Tragfähigkeit eines politischen Systems muss wohl nach wie vor der Identifikationsgrad seiner Bevölkerung gelten.
Viele Symptome weisen jedoch auf ein beträchtliches Desinteresse der Bevölkerung in Sachen Europäische Union hin. Folgt man den Ergebnissen einer jüngst vorgelegten Studie des Allensbacher Instituts, so besteht ein eklatantes Missverhältnis zwischen der politischen Bedeutung der europäischen Institutionen und deren Wahrnehmung zumindest in der deutschen Gesellschaft: Erst an 14. Stelle nannten die Befragten die Osterweiterung der EU als politisches Faktum, das die Zukunft Deutschlands besonders beeinflussen werde;[8] Anfang Dezember 2003 wussten nur 42 Prozent der Befragten, dass eine europäische Verfassung in Vorbereitung war. Konstatieren lässt sich insgesamt eine dramatische Unterschätzung der europäischen Institutionen. Dies bestätigt auch die bislang schwache Wahlbeteiligung bei den Wahlen des EU-Parlamentes.[9] Laut einer EU-weiten Umfrage identifizierte sich 2003 weit über ein Drittel der Bevölkerung (40 Prozent) rein über ihre nationale Zugehörigkeit.[10]
Zugespitzt formuliert scheint die Europa-Idee im Wesentlichen von politischen bzw. intellektuellen Eliten gedacht zu werden.
II. Historische Wurzeln europäischer Identität
1. Der Begriff der Identität
Im Widerspruch zu seiner Gebrauchsfrequenz ist der Modeterminus ,Identität‘ inhaltlich schwer zu fassen. Lutz Niethammer spricht in seinem Buch „Kollektive Identität“ angesichts der inflationären Verwendung des Ausdrucks von einem „Bausatz von semantischen Molusken, die alles und nichts bedeuten“,[11] und nimmt dabei Bezug auf den von U. Pörksen geprägten Begriff der „Plastikwörter“, der als Haupteigenschaft von „Plastikwörtern“ die „umgekehrte Proportionalität von Umfang und Inhalt“ hervorhebt.[12] Der Philosoph Luhmann stellt einen anderen Kernaspekt der Begrifflichkeit heraus, indem er pointiert formuliert, Identität könne „nur negativ durch ihre Differenzen von etwas anderem definiert [werden]; sie kombinieren eine Reihe von Unterscheidungen in einer Form, die behandelt werden kann.“[13]
Im Sinne einer wörtlichen Begriffsbestimmung ist der Ausdruck „Identität“ auf das mittellat. Wort „identitas“ (Wortstamm: idem/eadem/idem) zurückzuverfolgen, das etwa als „wesensmäßige Übereinstimmung“/„völlige Gleichheit“ übersetzt werden kann. In der Identitätsphilosophie Schellings findet sich die Definition, dass Identität als die „Thathandlung [...] , Ich bin ich“ zu sagen, zu bestimmen sei .[14]
Der Begriff wurde „irgendwann in den 70ern“ „aus der Sozialpsychologie entlehnt und hemmungslos auf Gesellschaften, Nationen und Gruppen angewandt“.[15] Soweit sich die Sozialpsychologie auf Determinanten des Begriffs einigen konnte, besteht das moderne Individuum – äußerst verkürzt formuliert – aus „multiple[n] soziale[n] Identitäten“, die zu einem Teil aus in der Kindheit internalisierten, zu einem Teil aus sozialkontext-gebunden[en] Rollen zusammengesetzt sind.[16] Aus diesem Verständnis heraus ist der Terminus gleichsam beliebig aufladbar und sowohl auf Individuen wie auf Kollektive anwendbar.
Für die Bestimmung des Europa-Begriffs ist diese Feststellung insofern relevant, als sie verdeutlicht, dass politische Identitäten nicht per se, quasi naturhaft existieren, sondern geformt werden. Der Historiker Benedict Anderson hat in diesem Zusammenhang die bekannte These aufgestellt, dass politische Kollektive „imagined communities“ seien, also ideell konstruierte Gemeinschaften, deren Bildung von politischem Willen abhänge. Während Anderson insbesondere die „Erfindung der Nationen“ (so der deutsche Titel seines Buches) zum Gegenstand seiner Betrachtungen gemacht hat, so ist dieses Konzept ebenso auf Europa anwendbar.[17]
2. Europa: Begriff und Mythos
2.1 Etymologie: Die etymologischen Spuren des Europa-Begriffs sind nicht exakt geklärt; es existieren mindestens drei Thesen zu seiner morphologischen Herleitung. Die eine besagt, dass er auf den phönizisch-semitischen Ausdruck „ereb“ (verwandt mit dem heutigen hebräischen Ausdruck ברע[18]) zurückgehe,[19] welcher wohl soviel wie „Abend, dunkel, untergehen“ bedeutete. Der Terminus wurde offensichtlich zur Bezeichnung für das Gebiet, über dem die Phönizier, an der östlichen Nordküste Afrikas angesiedelt, die Sonne untergehen sahen ( --> ‚Abendland‘). Nach These 2 liegt bei dem Begriff Europa ein griechischstämmiges Wort vor: Möglicherweise sind hier die Wortstämme eururV („eurys“ –„weit“, „breit“) und WyV („ops“ – „Gesicht“) miteinander verschmolzen; auch ein Zusammenhang mit dem Wort ereboV („erebos“ – „Finsternis“, „Schattenreich“) könnte relevant sein. Überlappend damit führt eine dritte These den Ausdruck im Speziellen auf den Namen lokaler Gottheiten zurück – und verweist auf mythologische Zusammenhänge. Letztendlich wird in dieser Debatte aber wohl keine Klärung herbeizuführen sein.
2.2 Der Europa-Mythos: Die populäre Europa-Vorstellung geht auf den griechischen Europa-Mythos zurück, der auf vielerlei Weise rezipiert wurde. Im „großen, vollständigen Lexikon“ Heinrich Zedlers aus dem 18. Jahrhundert findet sich eine besonders anschauliche Version (s. S. 3/4).
„Weil sie von sehr schöner Gestallt war, verliebte sich Juppiter in sie, und befahl daher dem Mercurio, des Agenoris Heerde Rind=Vieh unvermerckt an das Ufer des Meers zu treiben. Als solches geschehen, nahm Juppiter selbst die Gestallt eines ungemein schönen Ochsens an sich, und da die Europa mit ihrem Frauenzimmer auch an besagtem Ufer spatzieren gieng, und sich dem Viehe näherte, wuste dieser verstellete Ochse ihnen insgesamt so zu schmeicheln, daß er endlich die Europam so keck machte, sich, da er sich niedergelegt, gar auf ihn zu setzen. Allein so bald auch solches geschehen, erhub er sich wieder, und gieng mit ihr See einwärts, kehrete sich auch an kein Schreiyen und Klagen der Europae, sondern führete sie über die See hinweg biß in Cretam. Als er hieselbst angelanget, nahm er seine eigentliche Gestallt wieder an sich, und wuste sich gegen die Europam so anzustellen, daß sie dessen Caressen Gehör gab, und nachher den Minoem, Sarpedonem und Rhadamanthum mit ihm zeugete. Auch weiß man noch zu Plinii Zeiten einen Ahorn = Baum auf der Insel Creta in Gortia, welcher niemahls seine Blätter fallen ließ, dessen Ursache eben diese seyn sollte, daß Juppiter unter demselben die Europam bedienet. [...]“ [20]

Die Geschichte der phönikischen Königstochter Europa wurde – je
nach zeitgenössischem Standpunkt – unterschiedlich ausgelegt.
Das Spektrum reicht hier von heilsgeschichtlichen Färbungen der
Geschichte – im so genannten „Ovide moralisé“ (14. Jahrhundert)
zum Beispiel demütigt sich der allgewaltige Jupiter aus Liebe zu „der
Schönen“[21] zunächst, erfährt aber dann einen Wandel,
in Zuge dessen er zur Christusgestalt stilisiert wird – bis zur
Verurteilung der Begebenheit als Ausdruck verderblicher Begierde.[22]
So koexistieren die Interpretationen der Episode sowohl als Geschichte
besonderer Auserwähltheit[23] wie auch – so die derzeitige
Beauftragte der Bundesregierung für die Kultur und die Medien, Staatsministerin
Dr. Christina Weiss – als „Verbrechen“, mit dem die
Kulturgeschichte Europas beginne.[24]
Wie nun Mythos und die Bezeichnung geographischer Gebiete genau miteinander verzahnt sein mögen, ist ebenfalls seit Jahrhunderten Thema vielfältiger Spekulationen. Dem Mythos nach benennt der Gott den Erdteil zu Ehren der Geliebten; dieses Sinnbild wurde ca. seit dem 16. Jahrhundert weit verbreitet. Dem bereits oben zitierten lexikalischen Artikel des 18. Jahrhunderts nach bestand „die allgemeinste Meynung [...], dass sie [die Europa, M. F.] einige Cretische Kaufleute ersehen, und weil sie mit selbiger dero Schönheit wegen, ihrem Könige Asterio einen Gefallen zu erweisen gedachten, sie zu Serapis, zwischen Toro und Sidon entführet, und weil ihr Schiff einen weissen Stier zum Zeichen gehabt, habe man solches nach der Zeit selbst vor einen Ochsen angegeben“ [25] – einer von vielen pragmatischen Erklärungsversuchen.
Weniger großer Bekanntheit erfreut sich ein mit der antiken Erzählung
gleichsam konkurrierender, biblisch-christlich geprägter Mythologie-Strang,
der so genannte Japhet-Mythos:[26] Nach dem I. Buch Mose erhalten Noah
und seine Söhne Sem, Cham/Ham und Japhet den Auftrag Gottes, die
Erde zu bevölkern.[27] Japhet fällt dabei die Herrschaft über
Europa zu.[28]
Angesichts der vermeintlichen erotischen Anstößigkeit der Zeus-Europa-Geschichte wurden – aus einer christlich-moralisierenden Perspektive heraus – mehrfach Versuche unternommen, eine „moralisch saubere“ Bezeichnung des Erdteils zu etablieren. Im 16. Jahrhundert verfolgte beispielsweise der Humanist Postel (1510–1581) das Ansinnen, Europa in „Japhetien“ umzubenennen.[29] Wie die relative Unbekanntheit des Japhet-Ausdrucks deutlich macht, fruchteten diese Bemühungen letztendlich wenig.
3. Historische Vorstellungen von Europa
Der Europa-Gedanke ist alt. Die Europäische Union, wie sie heute institutionelle Gestalt annimmt, rekurriert ex- oder implizit auf Europavorstellungen früherer Jahrhunderte. Während die ersten Zeugnisse des Europa-Begriffes weit in die alte Geschichte zurückführen, herrscht auf wissenschaftlichem Felde derzeit die These vor, die Begründung Europas habe im Mittelalter stattgefunden.[30] Im Folgenden seien einige dieser Zeugnisse zur Geschichte des Europa-Gedankens schlaglichtartig beleuchtet.
1. – Antike. Der Europa-Mythos tritt in der antiken Literatur an einer Vielzahl von Stellen auf – in einer Vielzahl an Varianten. Die ersten Belege finden sich in der griechischen Literatur bei Hesiod (740–670 v. Chr.), in dessen „Theogonie“ Europa als eine Ozeanidin genannt wird[31] – wie auch bei Homer; so wird im 14. Gesang der Ilias der Leser zum Zeugen eines Streitgesprächs zwischen Hera und Zeus. Der Göttervater will die eifersüchtige Gattin besänftigen, indem er in folgender Weise argumentiert: „Denn noch nie hat das Verlangen nach einer Göttin oder einer Frau/ Mir so den Mut in der Brust rings überströmt und bezwungen! Auch nicht, als ich begehrte die Gattin des Ixion [...], auch nicht des Phoinix Tochter, des weitberühmten: Europa, die mir gebar den Minos und den gottgleichen Radamanthys.“ 32 )
Der Nachweis für eine reale, historische Existenz der Europa ist
naturgemäß schwer zu erbringen. Während der kretische
König Minos historisch belegbar ist, weisen archäologische
Befunde und Mythos nach Ansicht der Forscherin Otto im Falle der Europa
nicht auflösbare zeitliche Diskrepanzen auf.[33] Hinweise auf historische
Zusammenhänge bieten ebenfalls kulturelle Kongruenzen z. B. zur älteren
hethitischen Kultur, in der bereits ein lebhafter Stierkult existierte,
der dann nach Kreta ‚exportiert’ worden sein mag. Der Name „Europa
taucht auch als Beiname von Göttinnen (in alten Kulturen des Nahen
Ostens) auf“,[34] z. B. als „Europa Astarte“/Göttin
der Liebe (Beiname der westsemitischen Ishtar, die in Nordmesopotamien
mit dem stiergestaltigen Wettergott Adad als Paar abgebildet wurde),
und erscheint als Beiname diverser Göttinnen, z. B. bei Hera und
Demeter. Vermutlich wurden diese Kulte bereits im 4./3. Jahrtausend vor
Chr. entwickelt, befruchteten sich gegenseitig (wohl seit dem 3. Jahrtausend) – und
verlieren sich dann in den Tiefen der Geschichte.
Um die geographische Vorstellung der antiken Griechen von Europa zu erklären, wird am häufigsten der Schriftsteller Herodot (484–420 v. Chr.) herangezogen. Der „Vater der Geschichtsschreibung“ reflektiert in seinen „Historien“ die geographische und mythologische Substanz des Europa-Begriffs:
„Von Europa aber hat man weder erforscht, ob es im Osten, noch ob es im Norden vom Meere umgeben ist. Wir wissen nur, dass es ebenso lang ist, wie die beiden anderen Erdteile (Asien, Libyen – M. F.). Ich weiß auch nicht, warum man eigentlich den Erdteilen, die doch ein zusammenhängendes Land sind, drei Namen gibt, und zwar Frauennamen; [...] Was Libyen betrifft, so hat es nach der Meinung der meisten Hellenen seinen Namen nach einer eingeborenen Frau namens Libya, und Asien nach der Frau des Prometheus. [...] Von Europa aber weiß kein Mensch, weder ob es vom Meere umflossen ist, noch wonach es benannt ist, noch wer es war, der ihm den Namen Europa gegeben hat. Oder sollen wir annehmen, dass es seinen Namen nach der Europa von Tyros hat und vor deren Zeit namenlos war wie andere Erdteile? Aber diese Europa stammt doch aus Asien und ist nie in das Land gekommen, das man heute in Hellas Europa nennt. Sie ist nur von Phoinikien nach Kreta und von Kreta nach Lykien gekommen. Doch genug davon! Wir wollen bei den überlieferten Namen bleiben.“ [35]
Verkürzt könnte man resümieren, dass in der griechischen
Literatur der Europa-Begriff erstens als Name der mythologischen Schlüsselfigur
erscheint, zweitens als eine geographische Bezeichnung eine Rolle spielt,
die den damaligen Kenntnisstand widerspiegelt und den nur vage bekannten
Raum zwischen spanischer Südküste und Schwarzem Meer meinte,
und drittens – ein wesentlicher Aspekt – Europa auch als
Identitätskategorie verstanden wird, die aus der Sicht der Griechen
das Eigene in Abgrenzung zu den aus dem asiatisch-persischen Bereich
kommenden Feinden und demzufolge den heimisch-hellenischen Lebens-/Kulturraum
bezeichnet. Mit der Unterscheidung zwischen Hellenen und Nicht-Hellenen
drückte man auch das Gefühl kultureller Überlegenheit
aus.[36] Ein Beispiel für dieses Bewusstsein gibt der berühmte
Arzt Hippokrates (460–375 v. Chr.), der unterschiedliche Eigenschaften
von Europäern (Mut, Liebe zur Freiheit, Angriffslust) und Asiaten
(Begeisterung für Kunst und Krieg, Weichheit, Antriebslosigkeit)
mit einer Theorie unterschiedlicher Klimata zu begründen suchte.
[37]
Im Römischen Reich wird der Europa-Mythos zwar intellektuell und künstlerisch aufgenommen, die Europa-Idee als solche spielt hingegen keine wesentliche politische Rolle, da das Imperium Romanum durch eigene Identitätskategorien geprägt war: Hier galt vor allem die schlichte Unterscheidung von Inhabern des römischen Bürgerrechts und solchen, die dieses Privileg nicht besaßen. Zentrale geographische Bezugspunkte waren über lange Zeit die Kapitale Rom selbst bzw. das „mare nostrum“. Der Einfluss des römischen Erbes auf die spätere europäische Kultur hingegen ist nicht wegzudenken. Die Römer erwarben nicht nur im Verlauf ihrer Geschichte eine bessere geographische Kenntnis des „europäischen Raumes“, sondern erbrachten auch wesentliche zivilisatorische Leistungen, die heute untrennbar mit dem Kontinent verbunden sind. Die lateinische Sprache, die römische Architektur und die Sammlungen römischen Rechts sind nur drei Faktoren von vielen, die die Geschichte Europas geprägt haben.
2. – Mittelalter.
„Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte; Ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reichs.“[38]
Mit diesen berühmten Worten beschwor Friedrich von Hardenberg 1799 den Geist des von ihm so (ein-) geschätzten goldenen europäischen Zeitalters, des Mittelalters, wo am „Hofe“ des Papstes „sich alle klugen und ehrwürdigen Menschen aus Europa“ versammelt hätten.[39] Novalis verlieh damit der typisch romantischen Sehnsucht nach einer Zeit Ausdruck, in der die von ihm gebrandmarkte Reformation die Christenheit noch nicht gespalten hatte – gleichzeitig erteilte er damit den Ideen der Französischen Revolution eine deutliche Absage. Handelte es sich bei dieser stark national grundierten Mittelalter-Reminiszenz des Novalis um eine Utopie – so war es doch in der Tat die christliche Religion, die im Mittelalter den europäischen Kontinent einigte.
Der Europa-Begriff an sich spielt in der Welt des Mittelalters keine zentrale politische Rolle. Die Wahrnehmung des Eigenen und des Fremden verläuft in dieser Zeit eher an der Demarkationslinie von christlichen Gläubigen und Heiden – folglich definierten sich die Zeitgenossen als Angehörige des christlichen „Abendlands“ respektive „Okzidents“ in Abgrenzung zu dem nicht-christlichen „Morgenland“ bzw. „Orient“. [40] Dennoch konstituiert sich in einem vielschichtigen Prozess, in dem antike, heidnische, jüdische und christliche Wurzeln miteinander verschmelzen, das christliche Europa als ein gemeinsamer Zivilisationsraum, der sich vom nicht-europäischen deutlich unterscheiden lässt. [41] Der französische Historiker Jacques LeGoff sieht – trotz des Fehlens konkreter Unionsgedanken – genau im Mittelalter die „Geburt“ Europas, da sich in der Konfrontation mit Nicht-Christen eben jene spezifisch europäische Mentalität herausgebildet habe: „[D]as Mittelalter [war] die Epoche der ersten Entwürfe, der Genese Europas als Realität und als Vorstellung, [...] die entscheidende Phase der Geburt, der Kindheit und der Jugend Europas [...], ohne dass die Menschen jener Jahrhunderte die Idee oder den Willen gehabt hätten, ein einheitliches Europa zu schaffen.“[42] Inwieweit zu diesen Zeiten ein Europa-Bewusstsein bestanden habe, bleibt kontrovers: Es gibt Stimmen (D. de Rougement), die ein solches Gemeinschaftsgefühl schon in der Antike und im Mittelalter wirksam sehen; andere postulieren das Gegenteil (Barraclough), da die europäische Geschichte zwar auf geographisch gesehen (und auch das ist strittig) europäischem Boden stattgefunden, aber eine Geschichte konkurrierender Verbände dargestellt habe.[43]
Konkret wird der Europa-Begriff in Verbindung mit dem Reich Karls des Großen, der z. B. im zeitgenössischen Paderborner Epos als „Europae cela pharus“ bezeichnet wurde[44] und heute von Deutschen und Franzosen gleicher Maßen als Gründervater vereinnahmt wird. Der berühmte Hofgelehrte Karls des Großen, Alkuin, grenzte explizit Europa von den beiden weiteren Erdteilen Afrika und Indien ab;[45] und obwohl das Reich Karls des Großen schon nach wenigen Jahren bekanntermaßen in Teilreiche zerfiel, hinterließ diese Regentschaft ein europäisches Erbe.
Besonders in Situationen, in denen Europa Angriffe durch Feinde von außen erlebte, fand eine entsprechende europäische Bewusstseinsbildung statt. So spricht z. B. ein Anonymus aus Cordoba angesichts der Schlacht bei Poitiers und Tours 732 v. Chr. von den „europenses“, die die Heiden besiegt hätten.[46]
Das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit gegenüber dem heidnischen Feind tritt besonders dezidiert in der Bewegung der Kreuzzüge hervor, in denen die europäische Christenheit sich metaphysisch berufen fühlte, Jerusalem und die Heiligen Stätten des Christentums von der Besetzung durch die Heiden zu befreien – und in diesen Situationen erfolgte der Schulterschluss auch zwischen den erbittertst ringenden Gegnern, Papst- und Kaisertum. Abgesehen von diesen „Identitätsschüben“ darf aber nicht übersehen werden, dass das Selbstverständnis der potentiellen Europäer auch im Karlsreich wohl hauptsächlich mit dem Begriff des „Frankenreichs“ verbunden wurde. Die komplizierte Gemengelage dieser Befindlichkeiten illustrieren andererseits wiederum oströmische Quellen, die nach der Spaltung des Christentums 1054 die Westeuropäer als „Barbaren“ bezeichnen und so die Relativität jedweder Zuschreibungsversuche plastisch vorführen. [47] Sucht man in dieser Frage geographische Aufklärung durch die Betrachtung mittelalterlicher Karten, so wird schnell augenfällig, dass diese weniger ‚objektive’ Sachverhalte wiedergeben, sondern – wie auch die Bildkunst des Mittelalters – die christliche Weltanschauung physisch-bildlich umsetzen (vgl. Abb.).
Konsensuell erscheint in der Forschung, dass im Spätmittelalter erste Pläne einer europäischen Einigung auftauchen. Bei aller Verschiedenheit eint die Reihe dieser Europa-Integrations-Entwürfe die Idee eines völkerübergreifenden europäischen Bündnisses; im Rahmen vieler Pläne sind dabei auch konkrete übernationale Institutionen vorgesehen, die als Vorläufer heutiger EU-Organe betrachtet werden können. Pläne dieser Art gingen meist aus dem Kontext mit Friedensbemühungen nach bzw. in schweren kriegerischen Auseinandersetzungen hervor – und sind folglich keineswegs etwa eine Erfindung des 19. oder 20. Jahrhunderts.[48]
Der erste oder zumindest einer der ersten Europa-Einigungspläne, der konkret die Bildung „europäischer Institutionen“ vorschlägt, ist der des Franzosen Pierre Dubois 1306 mit dem Titel „De recuperatione terrae sanctae“.
Dubois’ Friedensplan stellt einen Aufruf zum Kreuzzug nach Jerusalem dar. Als Voraussetzung für den Kreuzzug fordert er einen allgemeinen Frieden in Europa ein, der nur von institutionellen Gremien durchgesetzt werden könne.[49] Er plädiert für die Einrichtung eines Konzils mit dem Papst und den europäischen Fürsten, dem ein europäisches Schiedsgericht übergeordnet sein müsse – auf diesem Wege sollten innereuropäische Konflikte friedlich gelöst werden. Neben der Beförderung der christlichen Einigkeit verfolgt Dubois allerdings auch Eigeninteressen, indem er vorschlägt, seinen früheren Herrn, Philipp den Schönen von Burgund, zum Kaiser in Europa zu krönen.[50] Über das Ziel eines allgemeinen europäischen Friedens hinaus geht es hier wie bei vielen Europa-Plänen auch um manifeste nationale Machtansprüche. Jenseits dieser strategischen Finessen bleibt jedoch festzuhalten, dass Europa eben auch als Werte- und Solidargemeinschaft gedacht wird.
Die Entwicklung des Europa-Gedankens vom vagen mythologischen Begriff bis zu seiner Umsetzung in dem heutigen hoch komplexen EU-Staatenbund unterlag einem sehr langen Prozess. Auf der Basis des christlich geprägten Raums des Mittelalters bildete sich das spezifisch europäische Staatensystem heraus, das bei allem Ringen um Hegemonie – mit wechselnden Protagonisten – schon im Mittelalter klar als zusammenhängender politisch-geographisch-kultureller Raum anzusehen ist.
– Fortsetzung folgt im nächsten BLZ-Report –
