BLZ-REPORT

Die Bayerische Landeszentrale berichtet
Beilage der Bayerischen Staatszeitung   |   Redaktion: Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Inhalt der Ausgabe 02/03

Neugestaltung der Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Dachau mehr...

Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung mehr...

19. Deutsch-Amerikanisches Jugendseminar in Sambachshof mehr...

Die Münchner NSDAP 1925 bis 1933 mehr...

Neuerscheinungen:
Bayern im Bund und in Europa
Föderalismus in Deutschland
Geschichtsdeutungen im internationalen Vergleich

Nach 50 Jahren:
17. Juni 1953 – Der Aufstand für die Demokratie mehr...

Nach 50 Jahren:

17. Juni 1953 - Der Aufstand für die Demokratie

Seit sich in Deutschland im Ergebnis der napoleonischen Herrschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts die doppelte Fragestellung nach nationaler Einheit und einem freiheitlichen politischen Leben ergeben hat, wurden auf breiter Grundlage vor den Ereignissen von 1989 dreimal revolutionäre Anläufe unternommen, um alte Fesseln zu sprengen und neues politisches Leben zu konstituieren:

Mit der Revolution von 1848/49, die die Paulskirchenverfassung mit Grundrechten für das deutsche Volk zu Stande brachte und am Ende dann doch scheiterte, mit dem Übergang zur Republik am 9. November 1918, der zunächst geglückt schien und sich spätestens mit dem Ende der Weimarer Republik knapp eineinhalb Jahrzehnte später doch als zu brüchig erwies, und schließlich mit dem Aufstand in der DDR am 16. und vor allem am 17. Juni 1953 wie, was im Westen lange nicht bekannt war, auch noch in der unmittelbaren Folge. Dieses Ereignis liegt im seit 1990 wiedervereinigten Deutschland nunmehr ein volles halbes Jahrhundert zurück.

Der Aufstand in Ostberlin und darüber hinaus vor allem in den mitteldeutschen Industrierevieren schien allerdings schon nach wenigen Stunden an sein Ende gelangt zu sein, als sich die nach Verhängung des Ausnahmezustandes von der sowjetischen Besatzungsmacht getroffenen militärischen Maßnahmen auszuwirken begannen. Alles in den Berichten der westlichen Wochenschauen so eindrucksvoll anmutende Einschlagen mit Prügeln und Eisenstangen auf sowjetische T 34-Panzer im Zentrum Berlins konnte daran nichts ändern. Ins Gedächtnis eingebrannt hat sich der ins Bild gesetzte Versuch, Tanks mit Pflastersteinen zu stoppen. Doch sollten von nun an gerechnet noch 36 Jahre vergehen, also mehr als der Zeitraum einer Generation, bis die zweite totalitäre Diktatur auf deutschem Boden während des 20. Jahrhunderts unterging und die beiden zentralen Postulate nach nationaler Einheit und Freiheit, die auch in dieser Situation in einer engen Beziehung zueinander gestanden hatten, endgültig verwirklicht werden konnten.

Aber mit einer derart knappen Skizze sind Vor- wie Wirkungsgeschichte des Aufstandes in der DDR keineswegs angemessen beschrieben:

Bemerkenswert war zum einen, dass vor allem (aber keineswegs allein!) jene gesellschaftliche Gruppe die Diktatur und ihre Exponenten mit Worten und Fäusten herausforderte, die im Sinne des kommunistischen Überzeugungskanons als Siegerin der Geschichte und Trägerin der so genannten Arbeiter- und Bauernmacht galt, nämlich die Arbeiterschaft selbst. Aber eben die Arbeiterschaft hat sich damals gegen ökonomische und politische Manipulation und Unterdrückung, ob durch Normenerhöhung oder durch Vorenthaltung freier Wahlen, erhoben und auf der ungeschmälerten Ausübung staatsbürgerlicher Rechte bestanden – nach vorausgegangenen 12 Jahren nationalsozialistischer und fast unmittelbar in der Folge weiteren Jahren kommunistischer Diktatur eine enorme partizipatorische und demokratische Willensanstrengung. Damit verbindet sich ein zweiter Aspekt: Nicht ohne Grund waren die Deutschen insbesondere von den westlichen Siegermächten einer grundsätzlichen Disposition zu Untertanenverhalten und zu mangelnder demokratischer Streitkultur verdächtigt worden. Die Ergebnisse der Forschungen zur politischen Kultur sprechen hier auch eine deutliche Sprache. Vielfach wurden mancherlei Linien vom monarchischen Obrigkeitsstaat über das NS-Regime bis zur Gleichschaltung in der kommunistischen Diktatur gezogen. In welcher Uniformierung auch immer, die Deutschen schienen ihrer Obrigkeit und deren Parolen zu folgen. Nun gab es aber mit einem Mal Deutsche, und zwar nach Hunderttausenden zählend, die das eben nicht taten, die auf elementaren Rechten bestanden und bereit waren, für sie einzustehen. Die damit verbundenen Bilder, gerade in den zeitgenössischen Wochenschauen, haben Deutschland im Westen vielfache Sympathien eingetragen, paradoxerweise naturgemäß zunächst der Bundesrepublik, die sich anschickte, Partner in der europäischen Integration und in den gemeinsamen westlichen Verteidigungsstrukturen zu werden.

Der dritte Aspekt ist die Wirkungsgeschichte in Deutschland. Die DDR-Führung interpretierte das Geschehen, welches ihre ideologisch-propagandistischen Leitbilder so bildkräftig widerlegt hatte, notgedrungen als faschistischen, von außen implantierten Putsch. In der Bundesrepublik avancierte der 17. Juni zum „Tag der Deutschen Einheit“ und nationalen Feiertag. Aber er verlor hier sehr bald an Substanz und politisch-aufklärerischer Verbindlichkeit. Einmal wurde im Zeichen von Wohlstand und Motorisierung der Charakter des Freizeit- und Ausflugstermins immer stärker, zum anderen wurden auch in den politischen Kundgebungen zu diesem Tag im Lauf der Jahre die Aussagen komplexer, defensiver und poröser. Insgesamt war die Erkenntnis des wahren Charakters der SED-Diktatur erodiert oder durch politische Opportunität überformt worden. Im Zeichen zunehmend akzeptierter Zweistaatlichkeit in Deutschland wandelte sich das Bild vom Volksaufstand in das von einer Art Arbeitnehmerprotest, auch in manchen westlichen Augen nur durch die damaligen westlichen Medien auf illegitime Weise forciert. Dass der 17.  Juni gleichwohl Feiertag blieb, hatte er am Ende vor allem wohl nur der Tatsache zu verdanken, dass er zum sozialen Besitzstand in Westdeutschland avanciert war, den man nicht mehr einfach aufgeben konnte.

Ein weiterer Wandel bahnte sich gegen Ende der 80er Jahre, im Zeichen der beginnenden Ära Gorbatschow und intensiverer Kooperation zwischen West und Ost, an. Die berühmte Rede von Erhard Eppler am 17. Juni 1989, ein knappes halbes Jahr vor dem Fall der Mauer in Berlin, signalisierte, dass auch unter den Exponenten der Entspannungspolitik in Westdeutschland ein neues Umdenken einsetzte. Der Blick auf die DDR, zunehmend die letzte marxistisch-leninistische Orthodoxie in Europa, wurde kritischer, die Sensibilität für nationale Einheit wieder ausgeprägter. Mit dem Vollzug der Wiedervereinigung Deutschlands und einem sich nun neu schärfenden zeitgeschichtlichen Blick wurde jetzt auch die Erkenntnis immer unabweisbarer, dass es 1953 in Ost-Berlin, Leipzig, Jena und an vielen anderen Orten zwischen Ostsee und Erzgebirge, ausgehend von sozialen Forderungen, tatsächlich einen politisch motivierten Volksaufstand, ein breites Aufbegehren gegen Tyrannei und Entmündigung für Freiheit und nationale Einheit, gegeben hatte. Der Blick für die elementare Erkenntnis, dass der 17. Juni zum zentralen und positiv zu bewertenden Hausgut deutscher Zeitgeschichte gehört, wurde unverstellt und frei.

Damit wuchs zugleich seine Bedeutung für eine den Gedanken der Freiheit und des Rechts verbundene politische Bildung in eine neue Dimension hinein. Dieser Herausforderung will die vorliegende Publikation gerecht werden helfen.

Sie geht als Tagungsband auf ein Symposium der Akademie für Politische Bildung im Herbst 2002 zusammen mit der Vereinigung Gegen Vergessen für Demokratie und der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur zurück. Dabei wurde für die Veröffentlichung der Vortrags- und Workshop-Charakter vielfach beibehalten, sodass es kompositorisch zwischen den einzelnen Beiträgen auch deutliche Unterschiede gibt. Gerade im Blick auf den Zeitzeugen-Bezug mancher Referate scheint den Herausgebern dieser Umstand nicht ohne Reiz.

Dr. Peter März
Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Prof. Dr. Heinrich Oberreuter
Direktor der Akademie für Politische Bildung, Tutzing

 

Auszüge aus Live-Reportagen des RIAS am 17. Juni 1953

RIAS 17. Juni 1953, 10.25 Uhr, Rainer Höynck:

„10.25 Uhr – Müllerstraße/Ecke Swakopmunder Straße – die Verlängerung der Afrikanischen Straße. Der Demonstrationszug kommt heran. Das sagt sich so leicht. Da gehen Tausende von Menschen, denen der Regen überhaupt nichts ausmacht, der strömende Regen, der stellenweise in einen ausgesprochenen Guss übergegangen ist, wo es mit Eimern geschüttet hat, wie der Berliner sagt. Die Männer und Frauen und Mädchen kommen genau so, wie sie heute früh sich in die Arbeitskleidung geworfen haben, mit ihren blauen Anzügen, ein großer Teil hat die blauen Schutzbrillen noch so, wie sie morgens vor den Feuerkesseln gestanden haben. Wo arbeiten Sie denn?“ – „Henningsdorf – Stahlwerk – alles da!“ – „Wann fängt denn die Schicht an morgens?“ – „6.10 Uhr.“ – „Und was hatte den Anstoß gegeben, ist der Entschluss heute morgen gefallen, oder gestern schon?“ – „Heute früh, heute früh.“ „Heute früh, und was – wurde die Arbeit sofort niedergelegt, sind irgendwelche da geblieben?“ – „Nein, niemand, geschlossen das Werk verlassen um 7 Uhr.“ – „Und die Kommunisten im Werk, was haben sie gemacht?“ – „Kopf hängen lassen!“ – „Die sind nicht mit, nein?“ – „Etliche sind mit.“ – „Haben die versucht, den Zug aufzuhalten, vielleicht?“ – „Nee, gar nichts, welche hatten ja ihr Parteiabzeichen mit einmal abgeknöpft von der Jacke, nicht wahr.“ – „Wieviel Mann werden denn das sein, ungefähr, alles zusammen?“ – „Na ungefähr 12.000 Mann.“ – „Die sind alle mit?“ – „LEW und das Stahlwerk.“ – „Die sind alle mit jetzt im Zug?“ – „Alle geschlossen. Außerdem hat sich wohl angeschlossen jetzt Velten, mehrere große Betriebe von Velten ... ist ja höchste Zeit gewesen, ja, und mit Freuden machen wir diesen Weg.“

RIAS 17. Juni 1953, gegen Mittag, Wolfgang Hanel:

„Und nun ist der vieltausendköpfige Demonstrationszug vom Potsdamer Platz mit Sprechchören zum Brandenburger Tor gezogen. Auf der westlichen Seite sind britische Militärpolizisten aufgezogen und haben ihre MPs schussbereit. Auf der anderen Seite des Brandenburger Tors stehen sowjetische Panzerwagen mit aufgesessenem Militär.“ – Jubel – „Unter dem Beifall der Bevölkerung in Ost und West sind nun zwei Jugendliche auf das Brandenburger Tor hinaufgestiegen. Sie arbeiten nun an den Fahnenschnüren und immer in Deckung der Fahnenstange versuchen sie sich zu schützen vor eventuellen Schüssen des sowjetischen Militärs, das immer noch auf der Ostseite des Brandenburger Tors in vielleicht 50 Meter Entfernung steht.“ – Jubel – „Nun geht die rote Fahne runter. Die Demonstranten klatschen. Sie schwenken ihre Hüte. Sie rufen: ,Wir grüßen das freie Berlin.‘“ - „Anbrennen! Ne schwarz-rot-goldene, los – wo ist ne schwarz-rot-goldene Fahne und ein Berliner Bär?“

 

 

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