BLZ-REPORT

Die Bayerische Landeszentrale berichtet
Beilage der Bayerischen Staatszeitung   |   Redaktion: Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Inhalt der Ausgabe 02/03

Neugestaltung der Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Dachau mehr...

Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung mehr...

19. Deutsch-Amerikanisches Jugendseminar in Sambachshof mehr...

Die Münchner NSDAP 1925 bis 1933 mehr...

Neuerscheinungen:
Bayern im Bund und in Europa
Föderalismus in Deutschland
Geschichtsdeutungen im internationalen Vergleich

Nach 50 Jahren:
17. Juni 1953 – Der Aufstand für die Demokratie mehr...

Neuerscheinungen der Landeszentrale

Geschichtsdeutungen im internationalen Vergleich

„Geschichte“ scheint für die Standortbestimmung von Nationen und Gesellschaften eine immer wichtigere Ressource zu werden. Dabei handelt es sich um das Verhältnis von nüchterner wissenschaftlicher Erkenntnis und Leitbildern, ja Mythen, die unabhängig vom sich wandelnden Forschungsstand weiter tradiert werden, ferner um die Selbstverständigung innerhalb von Gemeinwesen über Erfahrungen und geschichtliche Schlüsselereignisse ganz allgemein. Es liegt nahe, dass es hier gerade in Deutschland mit seinen zwei Diktaturerfahrungen und der Belastung durch einen singulären Völkermord um einen im unmittelbarsten Sinne besonders aufregenden und tief reichenden Geschichtshaushalt geht, der offenkundig auf Dauer enorme Bedeutung für die öffentliche Diskussion über die unmittelbare Fachwelt hinaus behält.

Diese Tatsache sollte dabei nicht einfach als Belastung für den seit 1990 bestehenden demokratischen deutschen Nationalstaat empfunden werden, sondern auch als Chance, das Verhältnis von Fachwissenschaft und öffentlicher Wahrnehmung stets von Neuem profund und konstruktiv zu gestalten und ein besonderes Maß an Sensibilität für geschichtliche Belastungen und die Notwendigkeit historischen Lernens zu entwickeln.

Die deutsche Geschichte ist eine besondere, aber sie steht nicht allein. Wohl alle Nationen stehen vor der Herausforderung, mit Schlüsselereignissen und spezifischen Erfahrungen auf angemessene Weise umzugehen, mitunter zweifellos vorhandene ideologische Verzerrungen bzw. Verbrämungen auf ihren Realitätsgehalt hin zu überprüfen und dabei zugleich sicherzustellen, dass eine identitätswahrende „corporate identity“ in einem durchaus offenen und demokratischen Sinne bewahrt bzw. hergestellt wird.

Der Bogen oft mystifizierter Schlüsselereignisse spannt sich vom Rütlischwur der Eidgenossen im 13.  Jahrhundert bis zum Anspruch auf stringentes Widerstandshandeln gegen die nationalsozialistische Herrschaft im Europa des Zweiten Weltkrieges, dem eine kritische Geschichtswissenschaft gegenwärtig vielfach die Erfahrung von Kollaboration an die Seite stellt bzw. stellen muss. Aber auch vieles, was unabhängig von der Geschichte des Totalitarismus im 20. Jahrhundert nationale Selbstverständnisse kreiert und gestärkt hat, muss heute in Relation zu tatsächlichen historischen Prozessen gesehen werden: Das betrifft etwa die ideologische Überhöhung Russlands als Drittes Rom, aber auch manches Bild in den etablierten großen Demokratien des Wesens vom Erfolgsmodell des republikanisch-demokratischen Gemeinwesens, das gewissermaßen ein Selbstläufer ohne die Gefahr von Bedrohungen und Eintrübungen sei.

Freilich: Eine historische Schlussfolgerung, dass bei näherem Zusehen im Grunde alles grau, schwankend, unsicher und letztlich unattraktiv sei, wäre gewiss ebenso prekär wie auch der Sache nicht angemessen. Das zwar nicht absolut Gute ist noch bei Weitem besser als das noch nicht absolut Böse, eine republikanisch-demokratische Tradition bleibt bei allen ihren eigenen Mythen und Glorifizierungen einer absolutistisch-totalitären immer noch und bei Weitem vorzuziehen.

Das, was die historiografisch-mikroskopische Sonde zu Tage fördert, darf zugleich den Blick für die großen Zusammenhänge nicht eintrüben. Hält man an dieser grundlegenden Erkenntnis fest, dann steht auch der für die Wohlfahrt der Gattung unbezweifelbare Vorsprung von Rechtsstaat und Demokratie, wie sie seit Ende des 18. Jahrhunderts beiderseits des Atlantiks gewachsen sind, außer Frage.

Die hier veröffentlichten Beiträge gehen auf ein Symposium zurück, das die Landeszentrale im September 2001 im unterfränkischen Bad Kissingen durchgeführt hat. Die Landeszentrale hofft, dass der schriftliche Niederschlag, der auch grundlegende Aussagen zum kommunikativen und didaktischen Umgang mit Geschichte umschließt, der politischen Bildung gute Dienste tun wird.

Dr. Peter März

Inhalt

Hans-Ulrich Thamer
Der deutsche Umgang mit dem Nationalsozialismus in der Nachkriegszeit

Klaus Schroeder
Totalitäre Diktatur oder sozialistische Industriegesellschaft?
Das Bild der DDR im Wandel der Zeit

Detlef Junker
„History Wars“ – Geschichte und nationale Identität der USA

Gerhard Simon
Russland: Historische Selbstvergewisserung und historische Mythen

Manfred Kittel
Der Mythos von 1789 in Frankreich – Entstehung und Wirkungen von der Ersten bis zur Fünften Republik

Rudolf Lill
Das nachfaschistische Italien und seine Geschichtsbilder

Anneli-Ute Gabanyi
Die Wende von 1989 in der rumänischen Geschichtspolitik

Waltraud Schreiber
„Historische Selbstverständigung“ oder „Das Geschichtsbewusstsein in der Gesellschaft erschließen“. Die Bedeutung der Geschichtsdidaktik für aktuelle Fragestellungen der historischen Forschung

 

 

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