„Es gibt doch genug Rindviecher bei uns!“ – das war
die deftige und knappe Antwort des Schriftstellers Oskar Maria Graf auf
die Frage, warum eigentlich die Nationalsozialisten in München so
viel Unterstützung gefunden hätten. Doch obwohl München
zweifellos die Wiege der NSDAP war, so ist doch fraglich, ob sie den
später von den Nazis verliehenen Titel „Hauptstadt der Bewegung“ wirklich
verdiente. Zwar blieb die Bayerische Landeshauptstadt nach der Wiedergründung
der NSDAP 1925 – nach dem gescheiterten Putsch und Hitlers Festungshaft – das
organisatorische Machtzentrum dieser Partei, doch hielten sich die Erfolge
der Münchner Nationalsozialisten beim Ausbau der Partei und bei
der Gewinnung der Wählerschaft im Vergleich zu anderen Großstädten
in erstaunlich engen Grenzen.
Zur Entwicklung der NSDAP in München in der Zeit von 1925 bis 1933 ist nun beim Oldenbourg-Verlag die Dissertation von Mathias Rösch erschienen. Das Buch darf auf viel Aufmerksamkeit hoffen, vor allem auch angesichts der gegenwärtigen Bemühungen von Freistaat und Stadt München, im Umfeld des Münchner Königsplatzes, also dort, wo früher die zahlreichen Gebäude der Parteileitung lokalisiert waren, ein Dokumentationszentrum einzurichten, das die Rolle der Stadt München beim Aufstieg des Nationalsozialismus beleuchten soll.
Auf fast 600 Seiten widmet sich der junge Historiker Mathias Rösch also der Frage, welche Gründe für das vergleichsweise bescheidene Abschneiden der NSDAP in der „Kampfzeit“ gerade am Ort ihres Ursprungs verantwortlich sind. In minutiöser Weise untersucht der Autor die Ursachen für Krise und Stagnation der NSDAP-Ortsgruppe München, die in den Jahren 1926 bis 1928 über 2500 Mitglieder nicht hinauskam. Die SA fiel auf einen Stand von 300 Mitgliedern hinter etliche andere Wehrverbände zurück, das sozialdemokratische „Reichsbanner“ war in München etwa 20 Mal stärker als die nationalsozialistische Konkurrenz. Organisatorische Veränderungen – wie die Einführung von Zentralsprechabenden – änderten nichts an der desolaten Situation der Ortsgruppe. Auch die Aufhebung des Redeverbots für Hitler und die Verdreifachung der Großveranstaltungen steigerten nicht das Interesse der Parteibasis oder den Mitgliederzustrom, führten jedoch zum Zusammenbruch der Finanzen der einzelnen Sektionen der Ortsgruppe.
Wenngleich durchgreifende Reformen des Jahres 1928 eine Wende auch für die Münchner Nationalsozialisten brachten, so gelang es doch nicht, mit der Entwicklung anderer großstädtischer Ortsgruppen Schritt zu halten. Die Ursachen liegen zweifellos in den für die NSDAP ungünstigen sozialen Randbedingungen der Landeshauptstadt, insbesondere auch darin, dass hier die Wirtschaftskrise nur mit Verzögerung zum Ausbruch kam. Der Autor zieht in seine Untersuchung sämtliche Unterorganisationen der NSDAP, von der Frauenschaft bis zum Studentenbund, mit ein.
So spannend diese Darstellung der inneren Strukturentwicklung zu lesen ist, so sind jedoch andererseits die Versuche des Autors, über das eigentliche Thema hinausgreifend auch die Wahlerfolge bzw. Misserfolge zu erklären, weniger überzeugend. Dies liegt insbesondere daran, dass der Autor einen „Kausalzusammenhang zwischen Wahlerfolg und Propagandaaufwand“ unterstellt, eine These, für die es gerade im Hinblick auf die NSDAP-Wahlerfolge zahllose Gegenbelege gibt: So erreichten die Nationalsozialisten Spitzenergebnisse in vielen kleinen Orten auf dem Lande, die nie einen SA-Umzug gesehen hatten, oder in denen nie eine Wahlversammlung der NSDAP stattgefunden hatte.
Doch diese Kritik ändert nichts an der positiven Gesamtbeurteilung dieser detaillierten Studie, die sicherlich zu Recht in die renommierte Reihe „Studien zur Zeitgeschichte“, herausgegeben vom Institut für Zeitgeschichte, aufgenommen worden ist. Aus Sicht der politischen Bildung bleibt jedoch ein kleiner Wermutstropfen, das ist der Preis von 79,80 B, der für viele – auch noch so opferbereite – Multiplikatoren der politischen Bildung doch abschreckend wirken muss.
Dr. Zdenek Zofka
Mathias Rösch: Die Münchner NSDAP 1925 bis 1933, Oldenbourg Verlag, 598 Seiten, 79,80 €