19. Deutsch-Amerikanisches Jugendseminar in Sambachshof
Krise in Algerien! Friedensmission oder Kampfauftrag? Italienischer Alleingang
oder EU-kompatibler Kompromiss? Die versammelten EU-Außenminister haben
die ruhigen Anfangsminuten schon lange hinter sich gelassen. Die Wellen schlagen
hoch bei der Frage, wie man der Gefahr am besten begegnet. Eine Gruppe plädiert
für den Einsatz bewaffneter Truppen. Besonders Frankreichs Pierre Gelapimillo
besteht auf einem schnellen und effizienten Vorgehen gegen die Dschia-Terroristen,
schließlich hat er den Unruheherd direkt vor der Haustür. „Was
kann eine Armee gegen untergetauchte Terroristen ausrichten?“ entgegnen
die anderen.
Die Namen klingen fremd? Kein Wunder – wir befinden uns bei einer Sitzung des Politischen und Sicherheitspolitischen Komitees im Jahr 2004. Als Sitzungsteilnehmer sind Schüler von Gymnasien aus Jena und Würzburg angereist. Denn eigentlich handelt es sich um das 19. Deutsch-Amerikanische Schülerseminar in Sambachshof (25.–28. März 2003). Ursprünglich hätten auch Schüler der amerikanischen High Schools von Würzburg und Bamberg mitarbeiten sollen. Aber wegen des Irak-Kriegs sind den Amerikanern solche Aktivitäten außerhalb der Kasernen verboten. Eine amerikanische Schülerin hat einen schriftlichen Gruß aus der Kaserne geschickt: „I deeply regret that I could not be a part of this seminar. I wish I could have been a part of the idea and opinion sharing.“
Das Programm des Jugendseminars ist anspruchsvoll: neben Diskussionen über aktuelle politische Themen sind geplant die Präsentation der Schulen, das Planspiel Europe in Crisis, ein Besuch des Grenzmuseums Point Alpha bei Rasdorf und Vorträge zum Kalten Krieg und zu den deutsch-amerikanischen Beziehungen. Die Referenten sind Herr Tamir Sinai vom Centrum für Angewandte Politikforschung bei der Universität München und Herr Dr. Thomas Leuerer von der Universität Würzburg. Geleitet wird das Seminar von Studiendirektor Andreas Kolitsch von der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit und von Herrn Michael Clidas, der für das amerikanische Militär arbeitet.
Den ersten Tag beginnen die Schüler mit der Vorstellung ihrer Schulen. Traditionell wie jedes Jahr sind die Würzburger vom Mozart-Schönborn-Gymnasium gekommen. Die vierzehn Jenaer vom Otto-Schott-Gymnasium zeigen ihre Schule im Rahmen einer Powerpoint-Präsentation. Beide Schulen haben bereits Erfahrung mit Austauschfahrten, zum Beispiel nach Frankreich, in die USA oder in die Niederlande. Die Jenaer Schüler haben im Gegensatz zu ihren fränkischen Mitstreitern aber schon an Planspielen teilgenommen.
Für ein solches Planspiel ist der komplette zweite Tag reserviert.
Es heißt Europe in Crisis und stellt verschiedene Krisenszenarien
vor, für die die Schüler in ihren Rollen als Außenminister
Lösungen erarbeiten. Der Autor von Europe in Crisis, Tamir
Sinai, ist persönlich angereist, um es zu leiten.
Zu Beginn des Spiels geht Herr Sinai auf die harten Facts der EU ein: die drei Säulen EG-Vertrag, Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) und Zusammenarbeit in den Bereichen Justiz und Inneres. Auch das neue ‚Politikfeld‘ der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) lernen die Schüler kennen. Die ESVP kümmert sich um alle Fragen der Sicherheitspolitik, wozu auch der Einsatz glaubhafter militärischer Kräfte zählt. Soweit bewegen sich die Teilnehmer auf sicherem Boden. Doch spätestens als Herr Sinai die Lage in Algerien vorstellt, helfen Facts alleine nicht weiter. Das nordafrikanische Land wird von einer Gruppe politischer Verbrecher, genannt Dschia, terrorisiert. Wie soll man dieser Situation begegnen? Jetzt sind Einfühlungsvermögen gefragt und die Bereitschaft, sich auf eine neue Rolle als Außenminister einzulassen.
Als Anhaltspunkte für die bisher vertretene Meinung ihrer Länder können die Jugendlichen Handouts zu Rate ziehen. Die Weiterführung der Strategie, das Vorstellen ihrer Position und das Verhandeln mit den anderen Mitgliedern der Gremien ist ihre eigene Angelegenheit.
Nach langen und oft hitzigen Beratungen legen die versammelten Minister
einen Entwurf vor. Der Krise in Algerien wird mit einem Drei-Phasen-Plan
begegnet: zuerst sollen EU-Eingreiftruppen die Terroristen bekämpfen – unter
größter Rücksicht auf Zivilisten. Nach der Räumung
beginnt man mit friedenssichernden Maßnahmen und durch politische
Bildung und Aufklärung schafft man die Basis für weitere Demokratisierung.
Schließlich werden zivile Maßnahmen und der Aufbau der Wirtschaft
für eine stabile Lage sorgen. Diesem klaren Plan sieht man nicht an,
wieviel Schweiß bei seiner Entstehung vergossen worden ist. Ein Schüler: „Ich
bin richtig überrascht, dass wir uns doch noch geeinigt haben! Unglaublich,
wie stur einige waren.“ Er fährt fort: „Jetzt ist mir
viel klarer, wie schwierig es ist, in einer Runde gleichberechtigter Teilnehmer
eine Lösung zu finden. Nach diesem Redemarathon kann ich besser verstehen,
warum ‚echte‘ Institutionen so lange für Kompromisse brauchen.“ Eine
Schülerin aus Würzburg lobt den Lerneffekt: „Nachdem wir
so ausführlich darüber diskutiert haben, werde ich mir die Zusammenhänge
der ESVP viel besser merken, als wenn ich es nur für eine Klausur
auswendig gelernt hätte.“
In aller Früh am Morgen geht es zum Grenzmuseum Point Alpha bei Rasdorf.
Während der Zeit des Kalten Krieges war hier ein vorderster Stützpunkt
der freien Welt gegenüber dem Sowjet-Imperium. Nirgends auf der Welt
sind die beiden Blöcke sich so unmittelbar gegenüber gestanden.
Deshalb hatte Point Alpha eine besondere Rolle. Man hat zum Beispiel Prominente
hierher geführt, um ihnen zu verdeutlichen, was es heißt in
einer zweigeteilten Welt zu leben. Dreißig Elitesoldaten waren hier
stationiert. Auch Herr Clidas war Mitte der achtziger Jahre drei Monate
dort und hat Wachdienst verrichtet. Im Gespräch mit den Schülern
berichtet Herr Clidas von früher: „Jetzt habt ihr eine idyllische
Aussicht über das Tal. Wärt ihr vor zwanzig Jahren hier gestanden,
hätten Stacheldrahtzäune und die allgegenwärtigen Bedrohung
des Feindes diese Idylle brutal zerstört.“ Herr Clidas beschreibt
den damaligen Alltag: „Unsere Besatzung und die vom gegenüberliegenden
Wachturm haben sich beobachtet, aber wir wären niemals in Kontakt
getreten. Die Grenze war eine unüberwindliche Hürde. Für
Worte ebenso wie für Menschen.“
Dennoch: In den Baracken des Stützpunkts sind Beispiele der ganz wenigen gelungenen Fluchten dokumentiert. Manche haben geheime Unterführungen gebaut. Andere haben Ballons und fliegende Fahrräder für ihre Flucht benützt. Aber es hat auch missglückte, tödliche Versuche gegeben. Fotos von zerschossenen Leichen, von Menschen, die abgeführt wurden und deren Schicksal man sich nicht ausmalen möchte. Das bewegende Denkmal für die misslungenen Fluchten: ein übermannsgroßes weißes Kreuz aus Birke. Es erinnert an zwei junge Männer, die versucht haben, an Heiligabend ein neues Leben zu beginnen und bei diesem Versuch erschossen wurden. Herr Clidas: „Unsere Soldaten sahen sie liegen, aber sie konnten ihnen nicht helfen. Die Grenze war unüberwindbar.“
Heute ist der ehemalige Beobachtungspunkt Alpha ein Grenzmuseum. Als Ort lebendiger Geschichte liefert es neue Ansatzpunkte für Diskussionen. Gerade für die Generation, die in den letzten zwanzig Jahren geboren wurde und die „die Grenze“ nur aus Erzählungen kennt, bietet sich hier die Chance, einen authentischen Blick in die jüngste Vergangenheit zu tun. Der Museumsverein organisiert auch Wechselausstellungen zu politischen, militärischen, sozialen und kulturellen Aspekten der einschlägigen Zeitgeschichte. Darüber hinaus befindet sich eine Jugendbildungsstätte im Aufbau. Dass dieses Angebot auf offene Ohren stößt, zeigt die Empfehlung einer Schülerin: „Ich finde diesen Ort verbindend, weil wir zusammen auf die schreckliche Zeit zurückblicken.“ Dass „Endlich zusammen wächst, was zusammengehört“ zeigt sich nirgends so deutlich wie hier.
Zurück in der Tagungsstätte beginnt Herr Clidas eine Gruppendiskussion zum Thema Krieg. Ursprünglich ist ein Gespräch zum Kalten Krieg geplant gewesen. Aufgrund der jüngsten Ereignisse wechseln die Jugendlichen aber schnell zum Irak-Krieg. Herr Clidas hat im ersten Golfkrieg 1991 selbst als Panzerzugführer gekämpft. Jetzt ist er als Government Relations Advisor für den General der 1 st Infantry Division in Würzburg tätig. Seine Aufgabe besteht in der umfassenden, rechtzeitigen Information des Generals bei der Kommunikation mit Vertretern deutscher Institutionen, er betreibt Öffentlichkeitsarbeit und pflegt die deutsch-amerikanischen Beziehungen in der Region.
Beim Schülerseminar vertritt er die amerikanische Seite. „Da die Schüler nicht aus der Kaserne kommen konnten, bin ich der einzige youth available,“ wie er mit einem Augenzwinkern betont. Bei den Jugendlichen hat er sofort einen Stein im Brett. Dabei hat er gleich zu Beginn deutliche Regeln für einen fairen Umgang miteinander eingeführt, in der Militärsprache sogenannte rules of engagement.
Die Fragen zum Irak-Krieg dominieren die nachmittägliche Diskussion. Die Schüler können nicht nachvollziehen, warum es (so schnell) zu einem Krieg gekommen ist. Herr Clidas versucht den Schülern die amerikanische Seite zu erklären: „Ihr müsst bedenken, dass Amerika immer geholfen hat, wenn andere Länder darum gebeten haben. Jetzt werden sie für ihren Einsatz angefeindet.“ Andererseits erzählt er ihnen auch, was er Amerikanern sagt, wenn diese auf die unloyalen Deutschen, die nice-weather-friends, schimpfen: „Nach dem Zweiten Weltkrieg durfte Deutschland keine Armee mehr haben. Die USA selbst haben die Deutschen zu Pazifisten erzogen.“ Er versucht zwischen den beiden Positionen zu vermitteln. Ein Schüler: „Ich kann schon nachvollziehen, was Herr Clidas meint, aber trotzdem kann ich nicht verstehen, warum die USA losgeschlagen haben.“ Diese Frage lässt die Schüler nicht los, obwohl sie während des Planspiels selbst einen bewaffneten Einsatz als bestes Mittel gewählt haben.
Die Diskussion findet kein Ende. Selbst als es draußen schon dunkel ist, scharen sich die Schüler noch um Herrn Clidas. Abschließend sagt eine Schülerin: „Ich sehe jetzt einige Dinge anders als vorher. Die Gespräche haben mir wirklich etwas gebracht.“ Einer ihrer Mitschüler setzt hinzu: „Herr Clidas hat uns gezwungen, über das nachzudenken, was wir sagen, und nicht nur auf den alten Klischees rumzureiten. Ich hab’ richtig was gelernt!“
Nachdem die Schüler in die Rolle von EU-Außenministern schlüpften, auf den Wachturm des Point Alpha geklettert sind und sich heiße Wortgefechte mit Herrn Clidas geliefert haben, ist es an der Zeit für ein bisher nicht vertretenes Format: der klassische Vortrag. Thema sind die deutsch-amerikanischen Beziehungen von den Anfängen, sprich den ersten deutschen Emigranten, über die Unterstützung der Vereinigten Staaten für die junge deutsche Republik 1848 bis zum erfolgreichen Aufbau nach 1945 und der daraus entstandenen Partnerschaft. Auch die jüngsten Verstimmungen werden thematisiert.
Eine Schülerin merkt an: „Der Anfang im 17. Jahrhundert war ziemlich hart, aber ich interessiere mich sehr für das 20. Jahrhundert und darüber konnten wir gut diskutieren.“
Im Verlauf des Gesprächs stellt sich die Erkenntnis ein, dass das Verhältnis Deutschland–USA zur Zeit zwar etwas getrübt sei, dass die jahrhundertealten Beziehungen langfristig aber nicht so einfach zu zerstören seien. Diese positive Schlussnote sorgt nach den vielen Fragen über Schuldzuweisungen für eine versöhnliche Stimmung. „Die ganze Angelegenheit ist wesentlich komplizierter als die momentane Schwarzmalerei, das ist mir jetzt klar,“ sagt ein Schüler. „Wenn man die Amerikaner einfach als die „Bösen“ oder als „Kriegstreiber“ hinstellt, wird man der Sache nicht gerecht,“ fügt ein anderer Schüler hinzu.
Ein rundum erfolgreiches Seminar also? Definitiv ja: Die Teilnehmer haben ihr politisches und geschichtliches Wissen vertieft und neue Perspektiven kennen gelernt. Positiv finden sie auch die gute Zusammenarbeit zwischen den Schulen: „Wir konnten richtig gut mit den Würzburgern diskutieren,“ sagt eine Jenaerin. Das lässt hoffen, dass die „Mauer im Kopf“ in dieser Generation nicht mehr fortbesteht. Die Schüler schätzen auch das Planspiel: „Wir haben richtig verantwortungsvoll gehandelt. Es war ein tolles Gefühl, in den Verhandlungen für eine Sache zu kämpfen.“ Eine andere Schülerin macht abschließend einen Vorschlag für das Seminar im kommenden Jahr: „Ich fände es gut, wenn wir die Möglichkeit hätten, uns etwas auf die Themen vorzubereiten. Wenn ich daran denke, dass ich das alles auf Englisch hätte sagen sollen, hätten mir etliche Vokabeln gefehlt.“
Melanie Pfahlmann
Studierende an der Universität Passau