Auszug/Leseprobe:
Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung
„Hilfloser Antifaschismus“ – auch der Linken
In der Tat: Heute kann man die 70er Jahre mit einigen Argumenten als eine
Phase der zweiten Verdrängung bezeichnen. [15] Der
mitunter „possenhafte
Entlarvungsgestus“ (Ulrich Herbert) der Ankläger, die teils
abenteuerlich ahistorischen Kontinuitätslinien, der Grad anonymisierender
Abstraktion und der Stil jener häufig persönlich geführten
Debatten – alles zusammen führte in der Holocaustforschung zu
einer „unübersehbaren Lücke“ [16] und
zu keinem einzigen interessanten Buch zum Problem. Neue Ergebnisse wurden
nicht präsentiert,
das Interesse am Thema nahm sogar deutlich ab. Was aus dieser Zeit an Forschungen
vorliegt, ist von akademischen Außenseitern oder von jüdischen
Opfern verfasst. Aus der Sicht von heute erscheint es mehr als erklärungsbedürftig,
warum Historiker wie Christian Streit, Hans-Heinrich Wilhelm und Uwe Dietrich
Adam, die alle ihre großen Arbeiten in den 70er Jahren vorgelegt
haben, weder an die Universitäten berufen wurden noch das Bild der Öffentlichkeit
von Judenvernichtung und Holocaust nachhaltig zu beeinflussen vermochten,
trotz Anerkennung ihrer Forschung durch die Fachwissenschaft. Diese Empiristen
und Strukturalisten der 70er und 80er Jahre waren Außenseiter der
Geschichtswissenschaft. Kaum eine Zeit zwischen Weltkrieg und der Gegenwart
hat so wenige genaue Fragen gestellt, war so uninteressiert an den Ergebnissen
der Forschung und hat es den Außenseitern, die zumeist auf eigene
Faust arbeiteten, so schwer gemacht.
Dabei war das in dieser Haltung zum Ausdruck kommende Selbstverständnis noch dazu ausgesprochen selbstbewusst. Im Jahre 1974 konnte Imanuel Geiss die Geschichte der Geschichtsschreibung nach 1945 als mühsalbeladene Überwindung des historistischen Irrationalismus stilisieren und die berühmte linke Berliner Zeitschrift „Das Argument“ als die Plattform bezeichnen, auf der sich dieser Fortschritt: „parallel zur immer kritischer werdenden Grundstimmung in der jüngeren Intelligenz der Bundesrepublik“ auch in der Geschichtswissenschaft etablierte. [17] Doch ein Blick auf die Entwicklung dieser von Geiss 1974 als Inbegriff alles Fortschrittlichen so hervorgehobenen Zeitschrift mag aufschlussreich sein: Sie fungierte als „theoriepolitische Schleusenstation“ [18] zwischen Totalitarismus- und Faschismustheorie, artikulierte den doppelten Paradigmenwechsel vom Antikommunismus zum „Anti-Antikommunismus“ und vom Antitotalitarismus zum Antifaschismus, war aber zu Beginn ein aus dem Schock über die antisemitischen Hakenkreuzschmierereien von 1959 entstandener Impuls zur „Überwindung des Antisemitismus“, wie die Gründungstagung benannt war, an der noch Alfred Wiener, Ossip K. Flechtheim und Heinz Galinski teilgenommen hatten. Im Oktober 1960 entstand eine Arbeitsgruppe über das Thema „Antisemitismus und Gesellschaft“, hier entstand der Terminus „totalitärer Antisemitismus“, aber die Entwicklung zur Etablierung einer marxistischen Faschismustheorie und damit der theoretische wie praktische Verzicht auf diese Anfänge der Zeitschrift vollzog sich fast reibungslos. Ab 1964 erschienen insgesamt sieben Themenhefte über „Faschismustheorien“ von Walter Benjamin bis Wolfgang F. Haug. „Haug hat sehr früh über den „hilflosen Antifaschismus“ geschrieben – und wir ahnten gar nicht, wie sehr „Das Argument“ darunter fiel [. . .].“ [19]
Für die dogmatische Faschismus-Konzeption war in der Tat die Judenvernichtung kein unüberwindbares Hindernis von Erklärungsversuchen. Im Gegenteil: „Je radikaler ein Marxist, desto weniger interessiert er sich für die jüdische Frage, da diese als klassisches Symptom der bürgerlichen Gesellschaft mit deren gesetzmäßiger Überwindung ohnehin hinfällig ist.“[20] Dass aus solcher Sicht geradezu Verantwortung und Schuld für den Untergang der Juden letztendlich bei ihnen selbst gesucht wird, nämlich ihrem „objektiven“ Versagen, den klassenkämpferischen Charakter des Faschismus zu durchschauen, ist vielen Arbeiten als Axiom zugrunde gelegt gewesen. Auch die jüngste Neuauflage von Reinhard Kühnls zuerst 1983 erschienenem Buch Der Faschismus stellt noch ein explizites Plädoyer für die Beibehaltung des Faschismus-Begriffs dar. [21] Faschismus wird als „Großoffensive gegen die Arbeiterbewegung“, [22] als Verteidigung der ungerechten Eigentumsverhältnisse, und als Macht der Industrie- und Bankkonzerne definiert. [23] Seine Ideologie drücke in aller Konsequenz aus, was „aus dem kapitalistischen Prinzip der Konkurrenz erwachsen war“. [24] Der Nationalsozialismus sei „die bisher extremste Form des Faschismus“, so Kühnl, allerdings nach 1945 keineswegs zu Ende gegangen. Er sei wissenschaftlich zugänglich [25] und sollte gerade nicht als einmaliges Phänomen begriffen werden, da er sonst unbegreiflich, nicht erklärlich erscheine. [26] Ideologie wird hierbei extrem funktionalistisch gedeutet und erhält ihre Relevanz letztlich nur noch als „Instrument zur Verhüllung seines [des Faschismus, N. B.] Wesens.“ [27] Der Massenmord wird von Kühnl als Variante von „Versklavungsprogramme[n]“ [28] gedeutet, die Singularitätsthese explizit zurückgewiesen.[29] Diese werden zudem mit einem Zitat von Rudolf Höß in den interpretativen Kontext kapitalistischer Ausbeutungspraktiken verschoben, damit der Nachweis gelingt, Auschwitz sei eines der Nutzen-Projekte der deutschen Privatwirtschaft und Ergebnis „großkapitalistischer Interessen“ gewesen.[30] Zu Kühnls Klassikern“ der NS-Interpretation gehörte auch der Dokumentenband zum „deutschen Faschismus“ von 1977. Von den 317 Quellenauszügen aus der NS-Zeit waren nur neun dem Thema Judenvernichtung gewidmet, und hier gerade die Hinweise von Höß über die I. G. Farben über die Verwertung jüdischen Vermögens und ein Lieferbescheid der Firma Degesch über das Zyklon B, d. h. Quellen, die nicht den Antisemitismus, sondern die Profitgier hinter dem Judenmord belegen sollen. Im Vorwort heißt es dann auch folgerichtig, dass diese Quellen zeigen, wohin ein System gelange, das „Herrenmenschenideologie und Profit- und Verwertungsprinzip gegenüber der Mehrheit der eigenen Bevölkerung und gegenüber anderen Völkern durchzusetzen trachtet“.[31] Auch die Sammlung Faschismustheorien von 1979 handelt Massenmord und Antisemitismus auf gerade einmal vier Seiten ab:
„Der Mord an den europäischen Juden darf also nicht als etwas ganz Singuläres betrachtet werden – das müsste zu Fehlurteilen führen. Äußerste Brutalität der Herrschaft bis hin zum Massenmord war ein allgemeines Merkmal des faschistischen Systems. Mit anderen Mitteln hätte die Zerschlagung einer so starken und gut organisierten Arbeiterbewegung und die Einleitung eines so gigantischen Expansions- und Ausplünderungsprogramms auch nicht ins Werk gesetzt werden können.“[32]
Der Holocaust war für ihn das Ergebnis der „Totalisierung des Kosten-Nutzen-Prinzips, welches der kapitalistischen Ökonomie schon immer unmittelbar entsprang“.[33] Äußerungen Kühnls zeigen zudem, dass er von der Überlegenheit seiner NS-Interpretation ausgeht, während „jüdische Wissenschaftler“, so Kühnl, „[. . . ] im Banne des blanken Entsetzens [verharren]“. [34]
Aus: Nicolas Berg. Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung. S. 438–441 © 2003 Wallstein Verlag Göttingen