Neugestaltung der Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Dachau
Am 2. Mai 2003, wenige Tage nach dem 58. Jahrestag der des KZ Dachau
am 29. April 1945, fand auf dem Appellplatz des ehemaligen Konzentrationslagers
die Eröffnungsveranstaltung statt, mit der die neue Ausstellung in
der KZ-Gedenkstätte Dachau der Öffentlichkeit übergeben
wurden.
Vor mehreren hundert Gästen, darunter zahlreichen ehemaligen Häftlingen, würdigte Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber als Hauptredner die Neugestaltung der Gedenkstätte. Er verwies auf die Verpflichtung, die Erinnerung an die Schrecken des Dritten Reichs wach zu halten.
Ministerpräsident Dr. Edmund
Stoiber bei seiner Ansprache
in der KZ-Gedenkstätte Dachau:
„Die Zeit des nationalsozialistischen
Terrorregimes ist ein integraler Bestandteil
unserer Geschichte. Sie ist auch ein Teil der Universalgeschichte, aber
zu aller erst
ist sie ein Teil unserer deutschen Geschichte.
Wir können und wir wollen
sie nur als Ganzes annehmen. Wer diesen Teil der Geschichte ausblenden wollte,
würde leicht für die gan
ze Geschichte blind. Wir rühmen uns der künstlerischen und wissenschaftlichen
Leistungen unserer Vorfahren. Wir sind stolz
darauf und wir wissen, dass wir unser heutiges Leben auf ihren Verdiensten
aufbauen können. Aber wir müssen auch die dunklen Seiten unserer
Geschichte sehen und die Verbrechen benennen.
Dazu verpflichtet uns die Ehrfurcht
vor den Opfern der Gewaltherrschaft, das Bewusstsein von Schuld und Verantwortung,
aber auch das Gebot der Glaubwürdigkeit
gegenüber künftigen Generationen.
Es geht heute – von ganz
wenigen Fällen abgesehen – nicht
mehr um persönliche Schuld. Weder im juristischen noch im moralischen
Sinn. Es geht vielmehr darum, sich mit der eigenen Geschichte verantwortlich
auseinander zu setzen.“
Mit der Einrichtung der Teilausstellung im „Bunker“, dem Arrestbau des ehemaligen Konzentrationslagers, einer neuen Teilausstellung im ehemaligen Krematorium, der Erschließung des Geländes durch Informationstafeln und vor allem der Fertigstellung der neuen historischen Hauptausstellung ist die Neugestaltung der Gedenkstätte abgeschlossen.
1995, 30 Jahre nach der Errichtung der Gedenkstätte und der ersten Ausstellung, hatte das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, Wissenschaft und Kunst einen wissenschaftlichen Fachbeirat beauftragt, Empfehlungen für die Neugestaltung zu erarbeiten. Die Umsetzung dieser Empfehlungen und die Planung und Einrichtung der neuen Ausstellung wurde vom Haus der Bayerischen Geschichte in Abstimmung mit dem Beirat und dem Comité International de Dachau sowie unter Einbeziehung der KZ-Gedenkstätte durchgeführt. Für die Baumaßnahmen war das Staatliche Hochbauamt Freising verantwortlich. Das Gesamtprojekt wurde von der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit verantwortet.
Aus Landes- und Bundesmitteln wurden für das Ausstellungsprojekt 2,2 Mio. Euro, für die Baumaßnahmen insgesamt 4,86 Mio Euro bereitgestellt.
Der Entwurf der Gestaltung der Hauptausstellung stammt von dem Architektenbüro Kleineberg & Partner sowie dem Grafikbüro Hinz & Kunst, beide aus Braunschweig. Die im Jahr 2000 eröffnete Teilausstellung im „Bunker“ wurde von Johannes Segieth gestaltet.
Auf fast 3000 m 2 im Westflügel und Längstrakt des ehemaligen Wirtschaftsgebäudes präsentiert die neue Hauptausstellung die Geschichte des KZ Dachau in 13 Abteilungen mit über 1300 Dokumenten und Fotos.
Die Ausstellung ist zweisprachig – deutsch und englisch – gehalten. Den Besuchern wird zudem eine Audioführung angeboten, die Ausstellungstexte, Zusatzinformationen sowie eine Führung über das Gelände in weiteren Sprachen zu vermittelt.
„Lesemappen“ bieten Gelegenheit zur Vertiefung bestimmter Themenbereiche, über Video-, PC- und Hörstationen kann der Besucher weitere Informationen erhalten.
Das inhaltliche Konzept der Neugestaltung
Im Zentrum der Neugestaltung steht das „Schicksal“ der Häftlinge. Das Leitmotiv „Weg der Häftlinge“ verdeutlicht ihren Weg in das Lager, ihr Leben im Lager, ihren Weg in den Tod oder in die Befreiung. Die Vorstellung der historischen Gebäude, der Räume und der Plätze, die mit dem Schicksal der Häftlinge eng verbunden sind, ist deshalb ein zentrales Element. Die historische Ausstellung über die Geschichte des KZ Dachau soll den Gesamtzusammenhang zeigen, in dem diese historischen Überreste stehen.
Zeichnungen und Berichte der Häftlinge erhalten in der Ausstellung einen besonderen Platz. Aus in- und ausländischen Archiven sowie aus dem Dokumentationsmaterial der KZ-Gedenkstätte Dachau wurden zahlreiche Objekte, Fotos, Filme, Zeichnungen, Dokumente etc. zusammengetragen. Das Haus der Bayerischen Geschichte hat im Rahmen seines Zeitzeugenprojektes Video-Interviews mit über 50 ehemaligen Häftlingen im In- und Ausland aufgezeichnet. Aus diesen Aufnahmen hat die Landesbildstelle in Zusammenarbeit mit der Akademie für Lehrerfortbildung in Dillingen unter dem Titel „Das KZ Dachau – Zeitzeugen berichten“ eine Video-Reihe mit Beiträgen zu bestimmten Themenbereichen erstellt, die im Medienraum der neuen Ausstellung betrachtet werden können.
Die neue Ausstellung ist in 13 Abteilungen gegliedert. Der erste Teil wurde bereits im Mai 2002 eröffnet:
- Abteilung 1: Einführung
- Abteilung 2: „Wie konnte es zur nationalsozialistischen Diktatur kommen?“
- Abteilung 3: Die Anfänge des KZ Dachau
- Abteilung 4: Häftlinge im KZ Dachau 1933–1939
- Abteilung 5: Das KZ Dachau unter der Befehlsgewalt der SS
- Abteilung 6: Lebensbedingungen im Lager 1933–1939
- Abteilung 7: Das KZ Dachau zur Zeit der militärischen Eroberungen Deutschlands 1939–1941/42
Im Schubraum (Aufnahmeraum) und im Häftlingsbad werden die Funktionen dieser Räume dokumentiert.
Die neuen Abteilungen
Neu dazu kommen nun die Abteilungen 8 bis 13, eine Teilausstellung im Krematorium, das Lagermodell sowie die Informationstafeln im Außenbereich.
Abteilung 8: Das KZ Dachau 1942 bis 1945
Im früheren Spülraum
neben der Häftlingsküche werden
zunächst die weitgehenden Veränderungen im KZ-System 1942 durch
den Einsatz der KZ-Häftlinge in der Rüstungsindustrie und die
Auswirkungen auf das KZ Dachau dokumentiert. Vorübergehend bessern
sich die Verhältnisse, die Sterblichkeit sinkt 1943/44 stark. Im Weiteren
wird die schwierige Situation der Funktionshäftlinge ausführlich
thematisiert, auch auf die Veränderungen im Bereich der SS wird eingegangen.
Abteilung 9: Neue Häftlingsgruppen
Ab Sommer 1942 werden neue
Häftlingsgruppen als Arbeitssklaven für
die Rüstungsindustrie in das KZ Dachau verschleppt: Bürger der
Sowjetunion, Jugoslawen, Belgier, Niederländer, Luxemburger, Franzosen,
Italiener, Griechen, Spanier und Angehörige anderer Nationalitäten.
Die größte Gruppe bilden die fast 40.000 jüdischen Gefangenen
(vor allem aus Ungarn), die ab Sommer 1944 in die Außenlagerkomplexe
Kaufering und Mühldorf gebracht werden. Sie unterliegen den schwersten
Haftbedingungen. Ab Sommer 1944 arbeiten in einigen Außenlagern auch
Frauen.
Abteilung 10: Außenlager und Außenkommandos des KZ
Dachau
Seit 1943 müssen Tausende von Dachauer Häftlingen in über
150 Außenlagern Zwangsarbeit für Firmen wie BMW oder Messerschmitt
leisten. Ab Sommer 1944 werden fast 40.000 jüdische Häftlinge,
darunter auch Frauen, gezwungen in den Außenlagern bei Kaufering
und Mühldorf unter härtesten Arbeitsbedingungen gigantische Bunker
zu errichten. Tausende verlieren dabei ihr Leben.
Eine Übersichtskarte sowie eine PC-Station geben detaillierte Auskunft über die Dachauer Außenlager und Außenkommandos.
Abteilung 11: Menschenversuche, Mord und Widerstand
Im Mittelpunkt
steht eines der schrecklichsten Kapitel in der Geschichte des KZ Dachau:
die medizinischen Versuche an Häftlingen. Sie wurden
meist im Auftrag der Luftwaffe durchgeführt. Durch Höhen- und
Kälteversuche, Malariaexperimente, Medikamentenerprobung wurden viele
Menschen gequält und eine beträchtliche Anzahl getötet.
Weitere Themen sind der Transport arbeitsunfähiger Häftlinge in Vernichtungslager oder Todeslager, die Hinrichtungen von Widerstandskämpfern aus dem Reich und dem besetzten Europa, aber auch die Formen von Solidarität und Widerstand, die sich im Lager entwickelten.
Abteilung 12: Die letzten Monate
Mit dem Ausbruch einer Typhusepidemie
im November 1944 beginnt die schrecklichste Zeit im KZ Dachau. In dem dramatisch überfüllten
Lager sterben über
10.000 Gefangene noch kurz vor der Befreiung. Tausende fallen zudem den
Evakuierungsmärschen Ende April zum Opfer. Ein Aufstandsversuch in
der Stadt Dachau, mitgetragen von geflohenen KZ-Häftlingen, scheitert.
Erst mit der Ankunft der amerikanischen Truppen und der Übergabe des
Lagers erlangen die Häftlinge die Freiheit.
Filmsequenzen, die von amerikanischen Filmteams in diesen Tagen aufgenommen wurden, dokumentieren die schrecklichen Verhältnisse im Lager.
Abteilung 13: Geschichte nach 1945
Erst nach und nach können
die befreiten Häftlinge das Lager
verlassen und in ihre Heimat zurückkehren. Das ehemalige Konzentrationslager
dient nun anderen Zwecken: Vor dem amerikanischen Militärgericht in
Gebäuden des SS-Lagers werden Verbrechen im KZ Dachau und anderen
Konzentrationslagern verhandelt. Das ehemalige Häftlingslager wird
zunächst als Internierungslager für SS-Männer und Nationalsozialisten
genutzt und ab 1948 als Flüchtlingslager. Erst 1965 wird auf Betreiben
ehemaliger Häftlinge die KZ-Gedenkstätte errichtet. Sie wurde
bis heute von mehreren Millionen Menschen besucht.
Lagermodell
Im ehemaligen Büro der Küche, mit Ausblick auf Appellplatz und Lagerstraße, ist das neue Modell des KZ Dachau aufgestellt. Es zeigt nicht nur das Schutzhaftlager, sondern den gesamten Bereich des Konzentrationslagers mit den Arbeitsstätten und SS-Bauten um das Lager. Auf ergänzenden Plänen kann sich der Besucher über die Expansion des KZ Dachau informieren.
Krematoriumsbereich
Vor dem großen Krematorium weist eine Informationstafel auf die Geschichte und Bedeutung des Gebäudes hin. Im Innern erläutern kurze Raumtexte und ausführliche Erläuterungen zur Gaskammer die einzelnen Bereiche.
Informationstafeln im Außenbereich
Informationstafeln erläutern die wichtigen historischen Bauten (Wirtschaftsgebäude, Jourhaus, Bunker, Krematorium) und Stätten (Appellplatz, Lagerzaun etc.) durch Texte und – soweit vorhanden – historische Aufnahmen.
Das Team um Projektleiter Dr. Ludwig Eiber vom Haus der Bayerischen Geschichte hat aufbauend auf den Empfehlungen eines wissenschaftlichen Fachbeirats die neue Ausstellung erarbeitet und umgesetzt.
Die Gestaltung lag in den Händen des Architektenbüros Kleineberg & Partner, des Grafikbüros Hinz & Kunst und des Gestalters des Hauses der Bayerischen Geschichte, Fritz Armbruster.

Beispiele
für die Neuen Abteilungen (111kb pdf-Datei)