Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

„Überlebenshunger“

– ein Erfahrungsbericht über ein neues Ausstellungskonzept im Spannungsfeld zwischen Kunst und Geschichte

Von Christoph Newiger und Kai Mewes

 

Rosenkranz aus Brotteig
Rosenkranz aus Brotteig
Fotos: Kai Mewes

Rückblick: Ein Weiher in einem lichten Wald. Heller Sand säumt das Ufer. Es herrscht Stille. Jetzt im März ist es hier noch zu kalt für die Vögel, die noch im Süden weilen. Nicht weit vom Weiher entfernt liegt eine verwitterte Ruine. Sie ist vor vielen Jahren gesprengt worden. Es sind die Reste eines der Krematorien von Auschwitz-Birkenau. Im Sand des Ufers liegen kleine hellgraue Stückchen, leichter als Stein. Lässt man den Sand durch die Finger rieseln, bleiben sie in der Hand zurück. „Knochensplitter von den vergasten und verbrannten Häftlingen,“ erklärt uns unsere Begleitung. Man hat damals die Asche aus den Krematorien in die Weiher dieses Waldes gekippt und die kleinen Knochensplitter sind alles, was übrig geblieben ist.

Es ist kalt, schrecklich kalt, während wir das unfassbar große Gelände des Vernichtungslagers Birkenau abgehen. Wir, das sind der Photograph Kai Mewes und Christoph Newiger, die Initiatoren der Ausstellung „Überlebenshunger“. Wir sind nach Auschwitz gereist, um für unser Projekt Gegenstände zu photographieren und nach passenden Zitaten zu suchen. Das Vernichtungslager in Polen ist das letzte der ehemaligen Konzentrationslager, die wir zwischen 1999 und 2001 besuchten. Dick eingepackt in Winterjacken und Schals wollen wir uns gar nicht ausmalen, wie hungernde Häftlinge damals gefroren haben müssen, bevor die meisten hier umgebracht wurden.

In meinem Kopf ist das idyllische Bild eines friedvollen Weihers inmitten eines Waldes für immer zerstört. Andere Bilder hingegen verfolgen einen. Die Gaskammer in Mauthausen zum Beispiel. Eine schwere Eisentür und ein Bullauge, durch das die Nazischergen ihre Vernichtungsarbeit beobachten konnten.

Das Konzept

Ausstellungsplakat am ehemaligen „Führerbau“ in München, Arcisstraße 12
Ausstellungsplakat am ehemaligen „Führerbau“ in München, Arcisstraße 12

Vier Jahre später, am 6. Mai 2005 wird „Überlebenshunger“ eröffnet. Aus der ursprünglichen Idee von Kai Mewes ist eine richtige Ausstellung geworden. Vergessen sind die Durststrecken, Selbstzweifel und Absagen, die uns die Jahre über begleitet haben.

„Überlebenshunger“ besteht aus 61 Farbbildern von Gegenständen aus Konzentrationslagern, denen gleich viele Zitate von Häftlingen gegenübergestellt sind. Die Ausstellung trägt den Untertitel „Zeugnisse aus Konzentrationslagern in Wort und Bild“.
Die photographierten Gegenstände stammen aus den Archiven der Gedenkstätten in Buchenwald, Dachau, Neuengamme, Sachsenhausen, Mauthausen und eben Auschwitz. Viele der Gegenstände sind zuvor noch nie gezeigt worden. Um Charakter und Wesen der Objekte möglichst unverfälscht wiederzugeben, photographiert sie Kai Mewes so wie sie sind: in Farbe, auf neutralem, weißem Hintergrund, mit Tageslicht als einziger Lichtquelle.
„NachrichtenKUNST.de“ schreibt in einer Rezension von strengen Photographien, „keine Gegenstände der Kunst, sondern Gegenstände des Lebens.“ „Man kann selbst entscheiden,“ so die Süddeutsche Zeitung, „was die größere Aussagekraft hat, eine Herzinjektionsspritze oder ein aus Brotkrumen geformter Rosenkranz, der eindrücklich beweist, dass der Wille zum Überleben, das Letzte ist, was man dem Menschen rauben kann.“

Lichthof mit Exponaten. Rechte Seite: Koffer, Margarine, Napf mit Löffel, Becher, Gasmaske
Lichthof mit Exponaten.

Neben jedem Bild steht ein Zitat. Einige von ihnen stammen aus den Archiven der verschiedenen Gedenkstätten. Die meisten sind Zeugenaussagen aus dem Auschwitz-Prozess (1963 bis 1965) und dem Buchenwaldreport von 1945/1995. Die Urheber werden namentlich aufgeführt.

„Spätestens bei den Kurztexten wird das Grauen persönlich,“ schreibt der Münchner Merkur. „Von Todesspritzen, Schlägen und gezogenen Goldzähnen ist die Rede, von einem Kind, das vor den Augen der Mutter an die Wand geworfen wird. Ein 16-Jähriger hat seinen Namenszug und seine wenigen Jahre mit Blut in die Wand eingraviert. Es wird berichtet von vollgepferchten Transportwagons, in denen die Menschen sterben. Von Häftlingen, die den Juden auf ihrem letztem Weg das Brot abluchsen wollen. Die kurzen Auszüge (...) scheinen teils so steril geschrieben, dass sie es genau deshalb ermöglichen, sich der persönlichen Tragik anzunähern.“

Gasmaske

Waren die Zitate ursprünglich „passend“ zu den jeweiligen Gegenständen ausgesucht worden, wurde diese unmittelbare Verknüpfung von Kai Mewes später aufgelöst. Die so neu entstandene „Bezugslosigkeit“ verhindert, dass sich Bild und Text gegenseitig „missbrauchen“. Beide Medien erzählen nun jeweils eigenständige Geschichten. Wer aber die gesamte Ausstellung besichtigt, kann verborgene Beziehungen aufspüren und Bilder und Texte zusammenfügen.

Die Ausstellung

Der Ort der ersten Präsentation hätte nicht besser gewählt sein können: der ehemalige „Führerbau“ in München, die heutige Hochschule für Musik und Theater in der Arcisstraße 12. Hier kann der Besucher Geschichte gleich zweifach rezipieren: über die Ausstellung selbst, ihren künstlerischen Ansatz, und über den historischen Ort, an dem sie gezeigt wird.

Koffer,

Anlässlich des Jahrestages des Kriegsendes präsentierte die Hochschule für Musik und Theater Arbeiten der eigenen Studenten und suchte nach einer ergänzenden Ausstellung. Wir sagten sofort zu. Uns blieben sechs Wochen, um Förderer zu finden, Redner für die Eröffnung einzuladen, Plakate und Postkarten zu entwerfen und die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zu organisieren.

Fleckfieberimpfstoff

Das Wichtigste aber war das Ausstellungskonzept selbst, das Kai Mewes entwickelte: Er lässt die Bilder und Texte in kleinerem Format auf mattem Papier ausdrucken und kaschiert diese auf Aluminiumbleche. Die Bleche behandelt er vorher mit Säure, damit sie einen gebrauchten, individuellen Charakter bekommen. Anschließend werden sie auf der Steinbrüstung der beiden oberen Etagen des nördlichen Lichthofes im ehemaligen „Führerbau“ ausgelegt und befestigt. Die waagerechte Präsentation der Bilder und Texte erschwert die Konsumierbarkeit der Ausstellung. Der Betrachter muss sich vornüber beugen, um in jenen Abgrund blicken zu können, den ihm die Bleche offenbaren.

Kochbuch

Nicht die übergroßen Formate zeitgenössischer Fotoausstellungen sind hier zu sehen, sondern eine abgestimmte Relation aus Bild und Text. Ergänzt wurde die Ausstellung durch weitere Bleche, die sich am Ende des Aufgangs der mittigen Freitreppe befinden. Sie enthalten die Quellenangaben zu den Zitaten, ein Geleitwort des ersten Vorsitzenden der Lagergemeinschaft Dachau, Max Mannheimer, sowie ein Glossar, das der Förderverein für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit in Dachau e. V. erstellt hat. Zwei kleine Stapel mit leeren Aluminiumblechen sind zusätzlich fest auf dem Boden in einer Ecke installiert und verweisen auf die Zitathaftigkeit der Ausstellung.

Die Eröffnung

Margarine

Mit Stadtrat Michael Leonhart, der Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Barbara Distel, dem Vorsitzenden des 3. Bezirksausschusses Maxvorstadt, Klaus Bäumler, und Max Mannheimer, Sprecher der Lagergemeinschaft Dachau, konnte Kai Mewes namhafte und kompetente Redner für die Eröffnung der Ausstellung gewinnen.

Die beeindruckendste Rede hielt Max Mannheimer, der als ehemaliger Häftling dreier Konzentrationslager viele der Urheber der ausgewählten Zitate kennt. Ihm sind auch die photographierten Gegenstände nicht fremd.

So weckt beispielsweise das Bild eines Blechnapfes in ihm „Erinnerungen an jenen 2. Februar 1943, als wir – mein Bruder Edgar und ich – von Theresienstadt kommend in Auschwitz-Birkenau das erste Mal selektiert wurden. Dort gab es diese Blechtöpfe, für die Rübensuppe, unser Mittagessen.“

Napf mit Löffel

Und weiter: „Das Bild der Schaufel erinnert an die Arbeit in Auschwitz – Kanalbau: Erdarbeiten, Zementholen, Betontransport. Alles im Laufschritt. Beim Anblick des Löffels denke ich an jenen Todesmarsch nach Westen, als wir – rasend vor Durst – mit Löffeln die Erde auf der Suche nach Wasser umgegraben haben.“

Becher

Mannheimer fasst zusammen, was „Überlebenshunger“ so besonders macht: „Historische Ausstellungen dokumentieren die Geschichte. Diese künstlerische, sehr persönliche Annäherung der Ausstellungsmacher verfolgt ein anderes Konzept. (...) Diese Bilder (...) ergänzen die Erzählungen von Überlebenden, sie erweitern den fachlichen Blick der Historiker, sie stellen einen weiteren Weg dar, sich mit dem Thema Verfolgung im Nationalsozialismus zu beschäftigen.“

Die Besucher

Über fünf Monate lang blieb „Überlebenshunger“ in der Hochschule für Musik und Theater geöffnet. Wir wollten wissen, wie die Besucher auf die Ausstellung reagieren, und haben ein Gästebuch ausgelegt.

Knöpfe

„In vielen Ausstellungen zum Staubfänger verkommen,“ so die Süddeutsche Zeitung, „ hat es ( das Gästebuch, d. Red.) in ‚Überlebenshunger’ eine wichtige Funktion, denn das Mitteilungsbedürfnis ist immens.  Hinter vielen Einträgen steht Fassungslosigkeit, gleichzeitig aber auch Dankbarkeit und Wertschätzung: ‚Es schmerzt unsagbar’ und ‚sehr erschreckend, sehr gut und sehr wichtig’.“

Clemens Abert ist einer der Besucher der Ausstellung. Er ist Lehrer an einer Münchener Berufsschule und kommt mit verschiedenen Klassen seiner Schule immer wieder in die Ausstellung. „Die Schüler kommen oft vorlaut und witzelnd in die Ausstellung und gehen dann so klein wieder heraus,“ sagt er und hält dabei seinen Zeigefinger knapp über seinem Daumen. 

Aussichten

Löffel

„Überlebenshunger“ ist als Wanderausstellung konzipiert worden. Nach der Finissage in der Herz-Jesu-Kirche Anfang November in München, soll die Ausstellung im nächsten Jahr im Gauforum in Weimar gezeigt werden. Anfragen aus Frankreich und Italien liegen vor. Auf der Website www.ueberlebenshunger.de können Interessenten erfahren, wo die Ausstellung demnächst zu sehen sein wird. Ein Katalog soll sie künftig begleiten. Denn: Es ist hier gelungen, mit künstlerischen Mitteln eine neue, andere Art der Geschichtswahrnehmung zu entwickeln.

Die bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, die die Ausstellung in München mit unterstützt hat, will die Präsentation der Ausstellung an bayerischen Schulen unterstützen. Auch dort gehört die Ausstellung hin. „Überlebenshunger“ schafft einen neuen Zugang, sich mit der Vergangenheit des eigenen Landes auseinander zu
setzen.


Kai Mewes ist Fotograf in München.
Christoph Newiger ist Autor in München.


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© Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit   •   letzte Änderung am: 28.12.2005 10:54

 

28.12.2005 11:24