Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Große Koalition(en) – im historischen Rückblick

Die Erfahrungen von Weimar

Von Peter März

 

Hermann Müller und Paul von Hindenburg bei der Beisetzung von Gustav Stresemann, 1929 Foto: SV-Bilderdienst
Hermann Müller und Paul von Hindenburg bei der Beisetzung von Gustav Stresemann, 1929
Foto: SV-Bilderdienst

Die Begründung einer zweiten „Großen Koalition“ in der Nachkriegszeit mit der Wahl Angela Merkels zur ersten deutschen Bundeskanzlerin am 22. November 2005 hat ganz folgerichtig die Blicke der Betrachter auf die erste Große Koalition der Bundesrepublik, eine Generation zuvor, 1966 bis 1969, gelenkt. Lässt man sich auf einen Vergleich beider Regierungskonstellationen ein, dann muten – dieses gewiss noch voreilige Urteil sei schon einmal gewagt – die Unterschiede größer an, als die Gemeinsamkeiten.

 

Analog ist bei der Regierungsbildung aus den beiden großen parteipolitischen Formationen CDU/CSU und SPD die Konstituierung des ganzen Unternehmens auf begrenzte Zeit – sowohl rot-grün als auch schwarz-gelb hatten über mehrere Legislaturperioden regiert bzw. wollten dies tun – und die Kreation der neuen Regierung Überwindung zur wie am Beginn des 21. Jahrhunderts tatsächlicher, oder doch wie in den 60er Jahren eher noch imaginierter, struktureller Krisen.1) Öffentliche Haushalte und die Lage am Arbeitsmarkt waren bzw. sind die zentralen Stichworte von 1966 und 2005 – allerdings lag die Arbeitslosigkeit 1966 bei rund 10% des heutigen Niveaus, bei der Staatsverschuldung dürften die Abstände zwischen damals und heute noch größer sein.

Die Große Koalition Kiesinger/Brandt war anders als das Bündnis Merkel/Müntefering durch einen größeren quantitativen Abstand zwischen beiden Partnern gekennzeichnet – seit der Bundestagswahl 1965 lag der Abstand zwischen CDU/CSU und SPD bei rund 8%, – sie hatte in Gestalt der sich selbst um Neuorientierung bemühenden FDP (nationalliberal oder sozialliberal) mit einer einzigen Oppositionspartei in der Größe von 9% zu tun, musste also anders als das heutige Bündnis nicht gewärtigen, von einem Linkspopulismus in Gestalt der Linkspartei und von ordoliberalen bzw. so genannten „neoliberalen“ Angeboten durch die FDP programmatisch und taktisch in die Zange genommen, dazu auch noch von Bündnis 90/Die Grünen kritisiert zu werden.

Auch die eigentliche strategische Intention von 1966 bis 1969 auf der Seite der SPD und hier personifiziert in Gestalt Herbert Wehners, endlich aus der zernierten Oppositionsrolle herauszufinden und beim bürgerlichen Publikum Reputation im Sinne von Salon- wie Regierungsfähigkeit zu gewinnen, findet im neuen Bündnis vom Herbst 2005 keine Entsprechung: Die SPD war ohnehin bis 2005 führende Regierungspartei und wollte es, wenn die Wähler dies nur zuließen, gerne weiter bleiben; die Union wollte es werden und die SPD in die Opposition verbannen. So ist die neue Große Koalition, was immer sie nun auch zu leisten vermag, in der Ausgangskonstellation ein von den Wählern erzwungenes, von den Strategen im Konrad-Adenauer- und im Willy-Brandt-Haus zunächst aber keinesfalls gewolltes Projekt.

Für die SPD galt, als sie 1966 erstmals wieder auf der Gesamtstaatsebene in die Regierung einzog, dass dies für sie eine gouvernementale Durststrecke von vollen 38 Jahren beendete. Das lenkt den Blick zurück in die Zeit der ersten deutschen Demokratie, der Weimarer Republik.

Große Koalitionen in der Weimarer Republik

In der Zeit der Weimarer Republik kam es zweimal zur Bildung so genannter „Großer“ Koalitionen, vom 13. August bis 3. November 1923, also auf dem Höhepunkt des ersten großen Krisenjahres, und vom 29. Juni 1928 bis 30. März 1930. Während die ‚Weimarer Koalition’ von 1919/20 SPD, Zentrum und DDP umfasste – in Fortführung einer um Parlamentarisierung bemühten Politik der linken Mitte des Reichstages in den letzten zwei Jahren des Ersten Weltkrieges 1917/18, kam bei der Großen Koalition die ‚nationalliberale’ Deutsche Volkspartei (DVP) hinzu.

Schon strukturell unterschieden sich die Großen Koalitionen der 20er Jahre erheblich von denen der Bundesrepublik: Mit Abstand größter Partner war jedes Mal die SPD – ihr Zentralorgan „Vorwärts“ schrieb nach dem Ausgang der vierten Reichstagswahl vom
20. Mai 1928 vom Gefälle zwischen einem Riesen und mehreren (bürgerlichen) Zwergen.

Der Grund für diese Diskrepanz lag in der Situation vor jener Zäsur, die die Schöpfung beider Unionsparteien über die alten katholisch/evangelischen Milieugrenzen hinweg in der frühen Nachkriegszeit ausmachte. Die Weimarer Republik kannte eben noch keine bürgerliche Sammelformation, sondern für das katholische Lager, in mehr oder weniger friedlicher Koexistenz, parallel das Zentrum im übrigen Reich, die Bayerische Volkspartei für den Freistaat im Süden (in der damals bayerischen, linksrheinischen Pfalz machten sich Zentrum und Bayerische Volkspartei zeitweise gegenseitig Konkurrenz, worauf Helmut Kohl immer wieder gerne hinweist, wenn es die Gemeinsamkeiten von CDU und CSU zu beschwören gilt), hinzu kamen in Fortführung der alten Abgrenzungen aus der Zeit des Kaiserreiches die Deutsche Demokratische Partei (DDP) für das linksliberal-demokratische Spektrum, die Deutsche Volkspartei (DVP) für das nationalliberale.

Die Regierung Stresemann 1923

Die quantitative Führungsrolle der SPD bedeutete freilich nicht, dass sie in beiden Fällen, 1923 wie 1928 bis 1930, den Regierungschef stellte: 1923 war dies vielmehr der Vorsitzende der Deutschen Volkspartei Gustav Stresemann, ursprünglich Monarchist und während des Ersten Weltkrieges Anhänger eines Siegfriedens, sehr bald aber zum Vernunftrepublikaner mutiert, auf ein erträgliches Verhältnis zur SPD bedacht, ohne zugleich doch die Brücken in Richtung des national-konservativen Milieus abzubrechen und in der Außenpolitik Anhänger eines Ausgleichs mit den westlichen Siegermächten des Ersten Weltkrieges. In dieser Konstellation wurde er zu der Scharnierfigur der ersten deutschen Demokratie.

Die Große Koalition des Jahres 1923 folgte auf das Fiasko eines Kabinetts so genannter Fachleute unter dem Reichskanzler Wilhelm Cuno. Die Regierung Cuno sah sich knapp zwei Monate nach ihrem Amtsantritt vom 22. November 1922 mit der französischen und belgischen Besetzung des Ruhrgebietes konfrontiert, entschied sich dagegen für eine harte Konfrontationspolitik in Gestalt der Verkündung des „passiven Widerstandes“ und musste nach wenigen Monaten ergebnislos kapitulieren: Das einzige Resultat dieses kostspieligen Unternehmens, das die letzten Devisenreserven des Reiches verzehrt hatte, war eine sich kataraktartig beschleunigende Inflation. So kam auf die neue Regierung Stresemann crisis-management in einer derart verdichteten Form zu, wie sie wohl in der gesamten deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts Unikat blieb: Es ging um nichts anderes als darum, den Zusammenhalt des Reiches zu wahren.

Was die damals ad hoc zu lösenden Probleme angeht, mutet unsere Gegenwart im Vergleich fast wie ein Kinderspiel an: Von Verantwortungsethik getragen, musste die politische Niederlage an der Ruhr in Kauf genommen werden. Dieses Zurückweichen rief aber unweigerlich die rechtsextremistischen Gegner der Republik, damals insbesondere in Bayern, auf den Plan. Die harte Politik des französischen Ministerpräsidenten Poincaré zielte mehr oder weniger unverhüllt auf die Auflösung des Reiches durch Unterstützung separatistischer Bewegungen im Rheinland wie eigenstaatlicher Ambitionen auch in Bayern ab, das sich von Berlin abwenden würde. In Hamburg kam es zu einem kommunistischen Aufstandsversuch, hinter dem die sowjetische Politik stand, und der von Polizeieinheiten wie Reichswehr niedergeschlagen wurde. Stresemann musste in einer derart unübersichtlichen Lage auch taktieren und das führte zum baldigen Ausscheiden der SPD aus seiner Regierung: Auf der Habenseite war zu verbuchen, dass trotz aller französischen Präsenz im Rheinland und im Ruhrgebiet eine tatsächliche Erosion des Reiches in diesen Regionen ausblieb. Das wichtigste Resultat war die Beendigung der Inflation durch die Einführung der Rentenmark.

Am Ende zerbrach die Große Koalition daran, dass die Regierung Stresemann zwar durch Intervention mittels Einsatz der Reichswehr die von SPD und KPD getragenen, sich militärisch teilweise auf‚ proletarische Hundertschaften’ stützenden linksradikalen Kabinette in Sachsen und Thüringen stürzte, nicht aber in gleicher Weise gegen das explosive Gemisch vorging, das sich in München aus Separatismus, Nationalismus und Antisemitismus gebildet hatte und schließlich im Hitlerputsch vom 9. November 1923 kulminierte. Schon das schlechte Verhältnis Stresemanns zur Reichswehr und ihrem Chef der Heeresleitung, General von Seeckt, hätte ein derartiges Durchgreifen in Bayern gar nicht zugelassen.

Wie auch immer: Die Große Koalition von 1923 war eine befristete Notoperation, gewiss nicht mit optimalen Resultaten, aber doch mit einem Saldo, der sich vor dem Hintergrund eines heute kaum mehr nachvollziehbaren Problemdruckes sehen lassen konnte.

Die Große Koalition von 1928 bis 1930

Seit 29. Januar 1927 regierte im Deutschen Reich eine bürgerliche Koalition unter Einschluss der weit rechts stehenden Deutschnationalen Volkspartei unter dem Zentrumsreichskanzler Wilhelm Marx – dem Paul von Hindenburg unterlegenen Gegenkandidaten beim zweiten Wahlgang für die Reichspräsidentenwahl 1925. Kontinuierliche Größe aller Kabinette seit 1923 war Gustav Stresemann in der Funktion des Reichsaußenministers und zugleich des zentralen innenpolitischen Koordinators. Bei der Reichstagswahl vom 20. Mai 1928 verlor das bürgerliche Kabinett Marx die Mehrheit.

Die SPD nahm von 26% (1924) auf nunmehr 29,8% zu, Verlierer waren sowohl Deutschnationale als auch Zentrum und liberale Parteien, Gewinner kleine, auf die Vertretung unmittelbarer Interessen fixierte Gruppierungen (Wirtschaftspartei, Landvolk, Bauernpartei). Sie waren allesamt keine stabilen, eine Regierung mittragenden Größen. Die NSDAP schien mit 2,6% marginalisiert. Auf den ersten Blick deutete nichts darauf hin, dass sie in gut zwei Jahren zur zweitstärksten deutschen Partei aufsteigen und den Krisenverläufen am Ende der Republik ihren Stempel aufdrücken würde. Wer freilich genauer hinsah, konnte damals schon erkennen, dass diese ‚Bewegung’ überall dort zur Nutznießerin wurde, wo Krisen und Krisenbewusstsein für Verunsicherung sorgten: Noch war die Weltwirtschaftskrise nicht ausgebrochen, aber in jenen ländlichen Zonen, in denen viele Landwirte überschuldet waren und um ihre Existenz fürchten mussten, errangen die Nationalsozialisten erste Erfolge, die auf Haarrisse im Gefüge der Republik hindeuteten: Im holsteinischen Dithmarschen erreichten sie Ergebnisse von rund 30%.

Zentrales Wahlkampfthema war der „Panzerkreuzer A“ gewesen.2) Das Kriegsschiff war einer jener sechs Ersatzbauten für veraltete Linienschiffe, die der Versailler Vertrag der Weimarer Republik konzediert hatte, mit einer Verdrängung von 10.000 Tonnen weit unterhalb der Dimension, die die großen Kriegsschiffe der Zeit (damals rund 30.000 bis 40.000 Tonnen) mittlerweile angenommen hatten.

Das Kriegsschiff war an sich eine sehr moderne und leistungsfähige Konstruktion, die aber gewiss die strategischen Probleme Deutschlands nicht beheben konnte. Es war ein Prestigeobjekt, das Marineleitung und bürgerliche Rechte wollten, KPD und auch SPD nach der Parole „Kinderspeisung oder Panzerschiff“ vehement ablehnten. Die Regierung einer neuen Großen Koalition von SPD bis DVP musste freilich so oder so eine Lösung finden.

Als Regierungschef war der SPD-Vorsitzende Hermann Müller in Aussicht genommen, ein nicht charismatischer, wohl aber grundsolider Charakter, den auch der weit
rechts stehende Reichspräsident von Hindenburg durchaus schätzte. Das einzige, was er an Müller auszusetzen hatte, war, dass Letzterer eben Sozialdemokrat war. Der Regierungsauftrag, den Müller von Hindenburg erhielt, schien aber schon bald nicht erfüllbar.3) An dieser Stelle schaltete sich Gustav Stresemann mit energischer Entschlossenheit auch gegen die eigene Partei ein. Stresemann war damals schon gesundheitlich schwer angeschlagen, zugleich gehörte die Hochzeit seiner Ausgleichspolitik mit dem französischen Außenminister Briand der Vergangenheit an. Ihr beim berühmten Frühstück von Thoiry 1926 entwickeltes Szenario für einen großen Durchbruch in den deutsch-französischen Beziehungen – finanzieller Unterstützung Deutschlands für Frankreich gegen die beschleunigte Freigabe des Saargebietes und die Rückgabe von Eupen-Malmedy an Deutschland – war versandet.

Der „Schuss von der Bühlerhöhe“

In der innenpolitischen Krise vom Frühsommer 1928 kurte Stresemann auf der Bühlerhöhe im Schwarzwald, in einem Hotel, das Jahrzehnte später nochmals politische Bedeutung gewinnen sollte: Der erste Bundeskanzler Adenauer zog sich verschiedentlich dorthin zurück und bestellte auch das Bundeskabinett dahin. Stresemanns eigene Partei, die DVP, zeigte wenig Neigung, in ein Regierungsbündnis mit der SPD zu gehen, weil die parallele Konstituierung einer weiteren Großen Koalition im größten deutschen Land, in Preußen, nicht in Aussicht stand. Preußens sozialdemokratischer Ministerpräsident Otto Braun lehnte es ab, seine stabile Regierung mit Zentrum und DDP, die als Rückhalt der Republik in Deutschland überhaupt galt, um die rechtsliberale DVP zu ergänzen.

Nun übte Stresemann in einem spektakulären Telegramm auf die eigene Parteiführung Druck aus und zwang sie, gleichwohl in die große Koalition auf Reichsebene zu gehen. Die Schlüsselsätze dieses berühmt gewordenen „Schusses von der Bühlerhöhe“ lauteten: „Ich halte die so genannte Große Koalition für die beste praktische Möglichkeit, um einigermaßen stabile Regierungsverhältnisse in Deutschland zu schaffen (…). Ich glaube nach wie vor, dass ein Zusammenwirken von Sozialdemokraten bis Volkspartei notwendig und möglich ist.

Dieses Zusammenwirken wird am besten zum Erfolg führen, wenn Persönlichkeiten aus den Fraktionen der Großen Koalition sich über das Programm klar werden, mit dem sie vor den Reichstag treten und ihrerseits mit diesem Programm stehen und fallen. Eine solche Kabinettsbildung entspricht auch dem Geist der deutschen Reichsverfassung, die nur die persönliche Verantwortlichkeit der Reichsminister, aber nicht die Verantwortlichkeit der Fraktionen kennt.“4) Stresemann hatte die Lösung gewiesen, zugleich aber auch notgedrungen einen Konstruktionsfehler dieser neuen Regierung mit herbeigeführt: Ihre Minister amtierten ganz überwiegend als Einzelpersönlichkeiten, nicht in unmittelbarer Anbindung an die Parteien und Fraktionen, denen sie angehörten.

Damit setzte sich jenes Muster parteipolitischer Schwäche bzw. parteipolitischer Verantwortungsscheu fort, das letztlich noch aus der Zeit des Kaiserreiches stammte, in der die Regierungen ja nicht dem Parlament verantwortlich gewesen waren, das nun aber zu einem großen Problem für die Republik wurde.

Gegen Stresemanns Entspannungspolitik gerichtetes Wahlplakat der DNVP
Gegen Stresemanns Entspannungspolitik gerichtetes Wahlplakat der DNVP, 1928

In besonders makabrer Weise zeigte sich dies schon bei der Verhandlung der unausweichlichen Frage, wie nun mit dem Panzerkreuzer A zu verfahren sei: Im Kabinett erklärte der Reichswehrminister, die Finanzierung des Kriegsschiffes sei gesichert, da es im Reichshaushalt keine zusätzlichen Aufwendungen erfordere, die haushaltsmäßige Deckung vielmehr durch Einsparungen an anderer Stelle erfolge. Auf dieser Grundlage stimmte das Kabinett einstimmig dafür. Die ihm angehörenden Minister der SPD einschließlich des Reichskanzlers Hermann Müller sahen sich aber kurz darauf, am 16. November 1928, mit einem Antrag der eigenen Partei konfrontiert, den Bau des Kriegsschiffes einzustellen. In dieser denkwürdigen Sitzung verließen sie die Regierungsbank und stimmten als nunmehr scheinbar einfache Abgeordnete gegen die Weiterführung des Baues, wohl wissend, dass eine Mehrheit aller bürgerlichen Parteien, einschließlich der rechtsradikalen DNVP, die Ablehnung des Antrages schon sicher stellen werde. Dieses widersprüchliche, um nicht zu sagen schizophrene Verhalten schadete Geist wie Reputation des Parlamentarismus in der Republik außerordentlich. Auch die der SPD gewogenen linksliberalen Blätter wie die Vossische Zeitung in Berlin und die Frankfurter Zeitung, Vorläufer der heutigen Frankfurter Allgemeinen, sparten nicht mit Kritik an der SPD.

Am 27. August 1928 hielt sich Gustav Stresemann zur Unterzeichnung des Briand-Kellogg-Paktes (ein Kriegsächtungsabkommen) in Paris auf. Es war das erste Mal seit 60 Jahren, dass ein deutscher Außenminister die französische Hauptstadt besuchte und es war zugleich der letzte Versuch des mittlerweile Schwerkranken, in das deutsch-französische Verhältnis wieder positive Bewegung zu bringen. Stresemann konferierte, es war das einzige Mal in seinem Leben, mit dem französischen Ministerpräsidenten Poincaré, der im Gegensatz zu Briand als antideutscher Hardliner galt und die Ruhrbesetzung von 1923 initiiert hatte. Als es in einem ungemein dichten Dialog um die baldige Räumung des Rheinlandes von der französischen Besatzung ging, intervenierte der beim Gespräch anwesende Arzt des Reichsaußenministers – zwei Wochen zuvor hatte Stresemann einen vor der Öffentlichkeit geheim gehaltenen Schlaganfall erlitten – und der Disput musste an dieser Stelle abgebrochen werden.5)

Die Auseinandersetzung um den Young-Plan

Propaganda-Plakat gegen den Young-Plan
Propaganda-Plakat gegen den Young-Plan

Am 7. Juni 1929 wurde der Young-Plan unterzeichnet, das letzte Reparationsabkommen der Zwischenkriegszeit vor ihrer de facto-Streichung 1932: Er regelte die jährlich zu leistenden Reparationen neu. Nachteilig war gegenüber dem Vorläufer, dem Dawes-Plan von 1924, dass die Überweisungen aus dem deutschen Währungsgebiet nun nicht mehr einem Transferschutz unterlagen, also für den Fall, dass der damit verbundene Zahlungsverkehr die Stabilität der Mark gefährdete, durch einen eigens eingerichteten Reparationsagenten gewissermaßen festgehalten werden konnten. In der kurz darauf ausbrechenden Weltwirtschaftskrise sollten sich die Nachteile des nun neu eingeführten Automatismus zeigen. Erreicht wurde im Zusammenhang mit dem Young-Plan, der immerhin für die ersten Jahre reduzierte jährliche Leistungen vorsah, eine Räumung der letzten besetzten Zone in Deutschland bis zum 30. Juni 1930, also fünf Jahre früher, als im Versailler Vertrag vorgesehen.

Gegen den Young-Plan formierte sich jene so genannte „Nationale Opposition“ aus Deutschnationalen, Stahlhelm, Alldeutschen und auch NSDAP, die am Ende
die Republik wesentlich zerstören und schließlich das Kabinett Hitler vom 30. Januar 1933 tragen sollte.

Am 28. September 1929 wurde beim Reichsinnenministerium der Gesetzentwurf für ein Volksbegehren gegen Young-Plan und „Kriegschuldlüge“ eingereicht. Reichskanzler und Reichsminister, die internationale Verträge eingingen, welche sich u.a. aus dem Kriegsschuldartikel 231 des Versailler Vertrages ergaben, wurden mit Zuchthaus bedroht. Zwar scheiterte der Volksentscheid über diesen Gesetzentwurf am 22. Dezember 1929 denkbar klar bei einer Zustimmung von nur 13,8% der Stimmberechtigten. Aber die vorausgegangene Kampagne hatte viel dazu getan, Hitlers NSDAP bekannt bzw. bei der bürgerlichen Rechten salonfähig zu machen. Gustav Stresemann war an diesem Tag bereits nahezu ein Vierteljahr tot. Er erlag in der Nacht zum 3. Oktober 1929 einem schweren Schlaganfall. Am selben Tag gelang nochmals eine Stabilisierung der Großen Koalition – Stresemann hatte in sie wohl seine letzten Kräfte investiert – durch die Verabschiedung einer Novellierung des Gesetzes über Arbeitsvermittlung und über Arbeitslosenversicherung. Die zwei Jahre zuvor eingeführte Arbeitslosenversicherung war durch die beginnende Weltwirtschaftskrise in eine erste erhebliche Schieflage geraten. Nun mussten Leistungen gestreckt werden, ohne zugleich die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung zu erhöhen – dies hätte zum Ausscheiden der DVP aus der Großen Koalition geführt.

Das Ende der parlamentarischen Demokratie in Deutschland

Aristide Briand und der französische Botschafter,André François-Poncet, an Stresemanns Grab, 1931
Aristide Briand und der französische Botschafter,
André François-Poncet, an Stresemanns Grab, 1931
Foto: SV-Bilderdienst

Freilich sollte dies alles nur noch für ein halbes Jahr halten: Seit Ostern 1929 wurde hinter den Kulissen verhandelt, um eine völlig neue Regierungsstruktur herbeizuführen, ein bürgerliches Kabinett, das sich auf den Reichspräsidenten und sein Notverordnungsrecht nach Art. 48 der Reichsverfassung wie auf die Reichwehr stützen sollte. Treibende Kraft für diese Überlegungen war Oberst von Schleicher, zum Generalmajor avanciert, am Ende letzter Reichskanzler vor Adolf Hitler. Es ging darum, in einer Situation immer kritischerer Staatsfinanzen die Sozialausgaben zu kürzen und in der Außen- wie Rüstungspolitik eine deutlich ‚nationalere’ Politik zu führen. Als neuer Regierungschef war der Fraktionsvorsitzende des Zentrums, Heinrich Brüning, ins Auge gefasst worden, als Reserveoffizier des Ersten Weltkrieges und mit „nationaler“ Einstellung dem Reichspräsidenten von Hindenburg vermittelbar, zugleich aber mit durchaus soliden Beziehungen zur SPD, die man zur Abfederung einer solchen neuen Regierung nutzen wollte. Brüning selbst war im März 1930 an den letzten Bemühungen beteiligt, die Große Koalition durch eine Einigung in der schon wieder aufgebrochenen Frage der Stabilisierung der Arbeitslosenversicherung nochmals zu retten. Am Ende, am 27. März 1930, lehnte die SPD einen Kompromissvorschlag von Brüning selbst ab. Es sollte nicht zu der von der SPD gewünschten Erhöhung der Beiträge kommen, sondern zu Sparmaßnahmen bei der Reichsanstalt für Arbeit und zu Zuschüssen aus den Haushaltsmitteln des Reiches.

            Politische Mahnung über das unmittelbar historische Geschehen hinaus ist das Resümee Heinrich August Winklers zu dieser Zäsur: „Im Rückblick gibt es keinen Zweifel, dass an diesem Tag die Zeit relativer Stabilität definitiv zu Ende ging und die Auflösungsphase der ersten deutschen Demokratie begann.“6) Es bleibt die Mahnung, dass Politik sich auch bei Entscheidungen über scheinbar pragmatische wie situative Fragen der Wirkungen in ganz anderen Dimensionen bewusst sein bzw. werden muss, mag sich deren Reichweite gewiss auch nicht immer prognostizieren lassen. Unbestreitbar endete mit der Großen Koalition Hermann Müller im Frühjahr 1930 für nahezu zwei Jahrzehnte, bis 1949, die parlamentarische Demokratie in Deutschland.

Dr. Peter März ist Direktor der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit.

Fußnoten

 

1 Vgl. als aktuelle Gesamtdarstellung der Großen Koalition von 1966-1969 Klaus Schönhoven: Wendejahre. Die Sozialdemokratien in der Zeit der Großen Koalition 1966-1969, Bonn 2004.
2 Vgl. Heinrich August Winkler: Weimar 1918-1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie, München 1993, S. 332 ff.
3 Vgl. Heinrich August Winkler: Der Schein der Normalität. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1924-1930, Berlin, Bonn 1988, S. 521 ff.
4 Zit. nach Ludwig Richter: Die Deutsche Volkspartei 1918-1933, Düsseldorf 2002, S. 492.
5 Vgl. John P. Birkelund: Gustav Stresemann. Patriot und Staatsmann, Hamburg 2003, S. 438 f.
6 Winkler, Weimar, S. 372.


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