Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

www.zeitraum-bayern.de

Geschichte will entdeckt werden

Von Thomas Sedlmeyr

 

 

Die bayerische Nachkriegsgeschichte von 1945 bis heute erstreckt sich über einen Zeitraum von 63 Jahren. Ein Projekt der Landeszentrale will diese Zeit in einem virtuellen Raum erschließen: Das Online-Portal ZeitRaum.Bayern soll Geschichte innovativ und lebendig vermitteln. Das Medium Internet bietet neue Möglichkeiten zur Vernetzung von Themen.

„Nur allem Anschein nach ist die Zeit ein Fluss. Sie ist eher eine grenzenlose Landschaft, und was sich bewegt, ist das Auge des Betrachters.“ (Thornton Wilder)

Die bayerische Nachkriegsgeschichte umfasst den Zeitraum von 1945 bis in die Gegenwart. Ein Projekt der Landeszentrale will diese Zeit in einem virtuellen Raum erschließen: Das Online-Portal ZeitRaum.Bayern soll Geschichte innovativ und lebendig vermitteln. Das Medium Internet bietet neue Möglichkeiten zur Vernetzung von Themen.

Die Zeit als grenzenlose Landschaft übersteigt die Grenzen menschlicher Wahrnehmung. Um sie vermessen zu können und sich innerhalb von ihr zurechtzufinden, ist der Betrachter gezwungen, sie in Segmente zu zerlegen. Auch die historische Retrospektive beschränkt sich immer auf einen Ausschnitt. Im Fall von ZeitRaum.Bayern umfasst dieses Zeitfenster die Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg, den thematischen Bezugsrahmen bildet der Raum Bayern.

Das entstehende Online-Portal will dem Betrachter jedoch mehr als einen starren Blick durch dieses Fenster gewähren: Er soll sich innerhalb des Zeitraums mittels eines assoziativen Zugangs frei bewegen und unterschiedliche Perspektiven einnehmen können.

Der Zugang zu den Themen im ZeitRaum.Bayern erfolgt über aussagekräftige Objekte (Bilder, Audio- und Videodateien etc.), die sich dem Betrachter im virtuellen Raum präsentieren. Eine innovative Besonderheit liegt in der Art der Präsentation: Auf den ersten Blick scheinen diese Objekte frei im Raum zu schweben. Wie aber Geschichte nicht aus zufälligen Ketten voneinander unabhängiger Ereignisse besteht, so sind auch die Bilder in ZeitRaum.Bayern kausal verknüpft. Entsprechend ihrer thematischen Nähe ordnen sie sich automatisch nebeneinander an. Je näher zwei Objekte zusammenstehen, desto stärker ist der Zusammenhang zwischen den zwei von ihnen repräsentierten Themen. Zeitliche Nähe wird ebenfalls räumlich verdeutlicht. Je geringer der chronologische Abstand, desto näher rückt ein Bild auf dem dreidimensionalen Zeitstrahl an ein anderes heran. Ergo: Die Inhalte bilden ein fein gespanntes semantisches Netz, das die Objekte in komplexer Weise in Verbindung zueinander setzt. Primäre Bezugspunkte sind zeitliche und thematische Nähe.

Das Objekt stellt den ersten Kontakt zu einem Thema her. Der Betrachter gelangt über ein Bild zum Text, der seinen ersten Eindruck mit weiterreichenden Informationen versieht.

ZeitRaum.Bayern kann als virtuelle Ausstellung mit sich unmittelbar generierenden Räumen gesehen werden. Als Exponate fungieren zumeist die Bilder: Fotografien bestimmter Personen oder Orte, aber auch Karikaturen oder Plakate.

Mit der Auswahl eines Bildes tritt der Besucher virtuell an das Objekt heran. Es vergrößert sich und zeigt den Aufmacher eines  zugehörigen erläuternden Artikels. Ein weiterer Klick bringt den vollständigen Text zum Vorschein. Jeder Objektartikel erzählt die Geschichte zu einem Bild. Er legt die wesentlichen Sachverhalte, Fakten und Zusammenhänge für eine breite Öffentlichkeit verständlich und ansprechend dar: Ohne wissenschaftlich in die Tiefe zu gehen, gewähren diese Texte fundierte Einblicke in historische Zusammenhänge.

Auch Tondokumente sind in der „historischen Galaxis“ zu finden. So kann man beispielsweise mittels der Audiofiles historische Reden anhören, wie die des Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, Avery Brundage, aus dem Jahre 1972: Brundage sprach nach dem Attentat auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen in München auf der Trauerfeier für die ermordeten israelischen Sportler. Sein Diktum „The games must go on“ ging um die Welt.

Beispielartikel aus dem Themenbereich „Sport“:

Vergangenheitsbewältigung im Sport

Abbildung: Zeitraum.Bayern Foto: Main-Post Würzburg

Carl Diem: Die Demontage eines Sportpioniers. Fast 60 Jahre nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Gewaltregimes ist die öffentliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit im „Dritten Reich“ auch beim Sport und seinen Funktionären angekommen – und zeitigt Konsequenzen.

Nicht nur in seiner Geburtsstadt Würzburg – freilich selten so spektakulär ins Bild gesetzt –, sondern in vielen Orten der alten Bundesrepublik sind in den vergangenen Jahren die Lettern des Namens von Carl Diem entfernt und nach ihm benannte Sportanlagen, Straßen und Plätze umgetauft worden.

Der im Jahr 2004 erfolgten Umbenennung von Würzburgs größter Veranstaltungshalle waren monatelange, teils hitzige Diskussionen vorausgegangen, deren Hintergrund die umstrittene Bewertung der Rolle Carl Diems (1882–1962) im „Dritten Reich“ bildete. Der u.a. wegen seines Einsatzes für den olympischen Gedanken hochgeehrte Sportfunktionär war zwischen 1933 und 1945 einer der führenden Repräsentanten des NS-Sportsystems. Wiewohl nie Mitglied der NSDAP, war er als Generalsekretär des Organisationskomitees für die Olympischen Spiele von 1936 für die Planung und Durchführung der „Hitler-Spiele“ verantwortlich. Er trug damit zur Verbreitung eines positiven Bilds des totalitären NS-Regimes im In- und Ausland bei. Im Rahmen seiner Tätigkeit für den NS-Reichsbund für Leibesübungen, durch seine Reden und Schriften diente er den Zielen nationalsozialistischer Politik.

Seine herausgehobene Position im „Dritten Reich“ schadete Diems Laufbahn nach 1945 nicht: Von 1947 bis zu seinem Tod war er Rektor der von ihm mitbegründeten (Deutschen) Sporthochschule in Köln, 1949 Gründungsmitglied des Nationalen Olympischen Komitees und von 1949 bis 1953 (ehrenamtlicher) Sportreferent im Bundesministerium des Innern. Vereinzelte kritische Stimmen, die nach Kriegsende gegen eine Übernahme Diems in die Institutionen der jungen westdeutschen Demokratie opponierten, wurden ignoriert.

Nach seinem Tod 1962 wurden zahlreiche Sportstätten, Straßen und sportliche Auszeichnungen nach Diem benannt – so auch, noch im Jahr 1981, die erwähnte Würzburger Mehrzweckhalle und eine Plakette, die die Stadt alljährlich an verdiente Persönlichkeiten des Sports verlieh. Erste Einsprüche gegen die Namensgebung der Halle verhallten 1989 und 1996 noch ungehört. Erst 2003 wurde unter dem Druck der öffentlichen Meinung die Umbenennung beschlossen, 2004 erfolgte die Demontage des Namenszugs.

Das Beispiel Diem scheint nicht allein zu stehen, sondern eine Trendwende in der öffentlichen Auseinandersetzung mit der Rolle des Sports im „Dritten Reich“ zu markieren. So wurde etwa im Jahr 2006 ein 1958 nach Karl Ritter von Halt (1891–1964), einem weiteren bundesrepublikanischen Sportfunktionär mit NS-Karriere, benanntes Sportstadion in Garmisch-Partenkirchen auf den politisch unverdächtigen Namen „Stadion am Gröben“ umgetauft. Der Bayerische Leichtathletik-Verband allerdings vergibt weiterhin als höchste seiner Ehrungen das „Ritter-von-Halt-Schild“, während der Deutsche Leichtathletik-Verband sich 2002 von seinem „Carl-Diem-Schild“ getrennt hat.

Die ehemalige Würzburger Carl-Diem-Plakette heißt inzwischen „Verdienstmedaille für besonderes Engagement für den Würzburger Sport“, und die Carl-Diem-Halle wurde zur s. Oliver-Arena. Das unterfränkische Textilunternehmen erwarb die Namensrechte der Halle und beteiligt sich seitdem an deren laufenden Kosten: So zahlte sich die Entsorgung der Vergangenheit für die Würzburger sogar in barer Münze aus.

 

Auch Videostreams sind in ZeitRaum.Bayern zu finden, wie etwa der Film „Alltag an der Grenze“, der das Leben in dem durch die innerdeutsche Grenze geteilten Ort Mödlareuth zeigt. Der Film lässt Einwohner des „kleinen Berlins“ zu Wort kommen und veranschaulicht, wie die Teilung Deutschlands das Leben auf beiden Seiten beeinflusste.

Zwischen allen Objekten und Artikeln kann sich der Nutzer frei bewegen. Mit einem Klick zieht man ein ausgewähltes Objekt optisch an sich heran, verwandte Objekte gruppieren sich automatisch darum und so fort. Jedes Thema eröffnet dem Betrachter auf diese Weise eine Vielzahl von Möglichkeiten, seine Erkundung fortzusetzen.

Durch diesen innerhalb des vorgegebenen Rahmens breit gefächerten und variablen Blick auf die Einzelinhalte trägt das Konzept der Komplexität von Geschichte auf eine andere, flexiblere und individuellere Weise Rechnung als eine lineare Darstellung. Der ZeitRaum.Bayern gleicht einem Geschichtsbuch, dessen Seiten sich vor dem Auge des Benutzers immer wieder neu zusammenfügen und neue Zusammenhänge aufzeigen. Er offeriert ein weitläufiges Wegenetz – ohne strikte Vorgaben, jedoch auch ohne Gefahr sich zu verlaufen.

Indem der Nutzer seine nächsten Schritte selbst bestimmt, das heißt, seiner eigenen Entscheidung folgend von einem Objekt zum nächsten wechselt, ist der Zugang spielerisch und assoziativ, ohne dabei willkürlich zu sein.

Diese historische Entdeckungsreise führt entlang der fünf übergeordneten Themengebiete:

  1. Politik und Verwaltung, Recht und Verfassung,
  2. Wirtschaft, Umwelt, Naturschutz,
  3. Kunst und Kultur, Bildung und Wissenschaft,
  4. Gesellschaft, Migration und Integration,
  5. bayerische Identität/Selbstdarstellung/ Wahrnehmung Bayerns.

Die bayerischen Reaktionen nach dem Fall der Mauer werden ebenso geschildert wie der Aufstieg der Sportartikelhersteller Adidas und Puma. Der Artikel „Parteienverbote“ spannt den Bogen vom Verbot der Sozialistischen Reichspartei 1952 und der KPD 1956 hin zum Verbotsantrag gegen die NPD 2003. Wichtige Themen sind Migration und Integration: Wer waren die Displaced Persons? Und wann kamen die ersten Gastarbeiter nach Bayern? Der ZeitRaum.Bayern hält die Antworten parat.

Beispielartikel aus dem Themenbereich „Migration“:

Gastarbeiter

Abbildung: Gastarbeiter
Foto: Bayerische Staatsbibliothek

Ab 1955 reisten die so genannten Gastarbeiter nach Deutschland. In Bayern erreichten die Migrationsströme in den 60er Jahren ihren Höhepunkt. Damals kamen fast alle Gastarbeiter, die nach Deutschland immigrieren wollten, am Münchner Hauptbahnhof an – Ellis-Island am Gleis 11.

Der Arbeitsmarkt unterschied sich Mitte der fünfziger Jahre regional massiv: In den wirtschaftlich starken Regionen waren die deutschen Arbeitskräfte nahezu vollständig beschäftigt. Das deutsch-italienische Anwerbeabkommen, das am 22. Dezember 1955 in Rom unterzeichnet wurde, reagierte damit vor allem auf die Prognose, dass beim erwarteten anhaltenden Wirtschaftswachstum in bestimmten Regionen schon bald mit einem Arbeitskräftemangel zu rechnen sei. Für Bayern spielte die neue Zuwanderung zunächst kaum eine Rolle. Hierher waren nach dem Krieg besonders viele Flüchtlinge gekommen, die frei werdende Stellen schnell wieder besetzen konnten. In München begannen die Anwerbeabkommen – nach dem Vorbild des italienischen Abkommens wurden in den sechziger Jahren Verträge mit weiteren Staaten wie der Türkei oder Griechenland unterzeichnet – deshalb erst Anfang der sechziger Jahre zu greifen. 1969 lebten bereits 88.000 angeworbene Gastarbeiter an der Isar.

Theoretisch waren sie ihren deutschen Kollegen gleichgestellt; praktisch arbeiteten sie aber häufig (z.B. in der Baubranche oder in der Industrie) zu Bedingungen und Löhnen, zu denen viele deutsche Arbeitnehmer nicht zu arbeiten bereit waren – und das vorwiegend in den industriellen Zentren und kaum auf dem bayerischen Land.

Nach einer Beschwerde des italienischen Generalkonsulats 1956 über die langen Wartezeiten von der Ankunft am Münchner Hauptbahnhof bis zur Vermittlung wurde 1960 der ehemalige Bunker an Gleis 11 als Warteraum für die Ankommenden in Betrieb genommen. Zwischen 1960 und 1973 war er für fast alle Gastarbeiter aus Süd- und Südosteuropa das erste, was sie von Deutschland zu Gesicht bekamen. Dieser Ort wurde somit, ähnlich wie Ellis-Island in den USA, die zentrale Sammelstelle für Immigranten.

„Gastarbeiter“ wurden die Neuankömmlinge genannt, auch um zu signalisieren, dass ihr Aufenthalt als vorübergehend gedacht war. Für Arbeiter aus Italien und anderen EG-Ländern bestanden keine Beschränkungen der Arbeitserlaubnis. Arbeitsverträge für andere Nationalitäten hingegen waren auf ein Jahr befristet. Die ausländischen Arbeitskräfte sollten sich in Deutschland nicht einleben und niederlassen. Eine Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis wurde zunächst nur in Ausnahmefällen gewährt. Die Behörden konnten die Migration so den ökonomischen Bedingungen in der Bundesrepublik flexibel anpassen. Ab 1971 trat jedoch eine andere Regelung in Kraft: Arbeiter, die länger als fünf Jahre in der BRD beschäftigt waren, erhielten eine „besondere Arbeitserlaubnis“, die auf fünf Jahre befristet war – unabhängig von der Entwicklung am Arbeitsmarkt.

Die Rezession von 1967 und die Tatsache, dass immer mehr Gastarbeiter ihre Familien nachholten und blieben, veränderten die Situation grundlegend. Am 23. November 1973 wurde mit einem „Anwerbestopp“ der weitere Zuzug von Ausländern aus Nicht-EG-Ländern abgeschnitten.

Auch in München fand ein Umdenken statt: Weitere Zuwanderung wollte man vermeiden, dafür sollten die Lebensbedingungen der Migranten verbessert werden. Neben groß angelegten Kampagnen für ein besseres Miteinander wurde 1974 der Ausländerbeirat initiiert. Im gleichen Jahr lebten im Freistaat 653.000 Ausländer, das entsprach sechs Prozent der Bevölkerung. So mündete, was als befristete Anwerbung begann, in einen Einwanderungsprozess. Heute ist der Begriff Gastarbeiter weitgehend aus dem Sprachgebrauch verschwunden.

 

Dem Geschichtsreisenden eröffnet diese Vielfalt mit jedem Schritt neue Perspektiven, und immer wieder tun sich überraschende Zusammenhänge auf: Wer vermutet heute die Wurzeln der Paralympics im Versehrtensport nach dem Krieg? Den Schulsportwettbewerb „Jugend trainiert für Olympia“ kennen viele aus eigener Erfahrung; nach 1969 wurde er zu einer festen Institution. Sein Ursprung liegt jedoch weniger im Gesundheitsgedanken als vielmehr in der Systemkonkurrenz zwischen BRD und DDR. Durch gezielte Nachwuchsförderung sollte die Überlegenheit des demokratischen Westens auf dem Gebiet des Leistungssports erlangt werden. Apropos deutsch-deutsche Grenze: Die spektakuläre Flucht von Thüringen nach Bayern bescherte den Familien Strelczyk und Wetzel einen unerwarteten Rekord. Ihr in Eigenregie gebautes Fluchtfahrzeug war der bis dato größte Heißluftballon…

Jeder dieser fünf übergeordneten Sachbereiche wird durch jeweils fünf bis neun Leitartikel erschlossen. Ein Leitartikel dient dem ersten Einstieg und zeichnet die großen Zusammenhänge eines Themenkomplexes nach. Jedem Leitartikel sind wiederum an die 40 Einzelthemen zugeordnet. Insgesamt ergibt sich somit ein ungefährer Umfang von 35 Leitartikeln und über 1.000 Objekten mit zugehörigen Artikeln. Hinzu kommt eine große Anzahl von Biografien.

„Die Zeit ist Bewegung im Raum.“ (Joseph Joubert)

Die Oberfläche der Website präsentiert sich als ein dreidimensionaler Raum, in dem sich die Objekte sortieren. Im Detail funktioniert das folgendermaßen: Die Sachbereiche bestimmen die vertikale und horizontale Ausrichtung der Objekte. Jeder Sachbereich ist in einem Koordinatensystem angeordnet und übt eine Anziehungskraft auf die Objekte aus. Die Stärke dieser Anziehungskraft entspricht dem Grad der Zugehörigkeit eines Objektes zu den einzelnen Sachbereichen und ist durch eine Skala definiert. So organisieren sich die Ausstellungsgegenstände thematisch im Raum.

Die Chronologie stellt die z-Achse dar: Der Zeitstrahl zieht sich in die Tiefe des Bildschirms. Ausgehend vom Jahr 1945, ist er in Fünfjahresabschnitte unterteilt. Entsprechend positioniert sich das Objekt zur „Eröffnung der Olympischen Spiele 1972“ zwischen den Jahreszahlen 1970 und 1975. Der Besucher kann sich nun entweder von Objekt zu Objekt bewegen und dabei in die Vergangenheit vorstoßen, indem er weiter zurückliegende Objekte durch Anklicken heranzieht. Er kann den Zeitstrahl jedoch auch über eine vertikale Zeitleiste oder Drehen des Mausrades in die eine oder andere Richtung auf- und abfahren, sprich im Zeitraum frei navigieren.

Beispielartikel aus dem Themenbereich „Parteien“:

Die Grünen I - Die Zeit als Bürgerbewegungr

Die Grünen – Die Zeit als Bürgerbewegung
Foto: Amberger Bürgerinitiative

Ende der sechziger Jahre kam es in Teilen der bundesdeutschen Gesellschaft zu einem tiefgreifenden Wertewandel. Nichtmaterielle Zielsetzungen wie Umweltschutz, Gleichberechtigung und politische Partizipation gewannen innerhalb der Bevölkerung an Bedeutung und bildeten die Grundlage für eine „Neue Politik“, als deren Fürsprecher schließlich die Partei der Grünen hervorgehen sollte.

Neue Ziele wurden durch die Studentenbewegung und die so genannten „Neuen Sozialen Bewegungen“ vorangetragen, welche die Entstehung der Grünen begünstigten und inhaltlich prägten.

Die Neuen Sozialen Bewegungen übernahmen sowohl die Strategie des außerparlamentarischen Bürgerprotests als auch die Wahl der Mittel – Demonstrationen, Flugblätter, Grundstücksbesetzungen und Verkehrsblockaden – von der linken Studentenbewegung. Es gelang ihnen jedoch, mit ihren Themen breitere Bevölkerungsschichten zu mobilisieren. Als wichtigste Strömungen sind die Umwelt-, die Frauen- und die Friedensbewegung zu nennen.

Die direkt aus der Studentenbewegung hervorgegangene Frauenbewegung setzte sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter ein, während die Friedensbewegung vor allem in der Diskussion um den so genannten NATO-Doppelbeschluss massenhaften Zulauf erhielt.

Zivilisationskritik, sinkender Fortschrittsoptimismus und das Erkennen der „Grenzen des Wachstums“ (Titel der Studie des „Club of Rome“) führten Anfang der siebziger Jahre zur Entstehung einer breiten Umweltbewegung. Zahlreiche Bürgerinitiativen begannen sich auf regionaler Ebene für ökologische Themen zu engagieren. Eine zentrale Rolle spielte dabei der Kampf gegen den Bau neuer Atomkraftwerke: So wurde beispielsweise 1975 der Bauplatz des geplanten Kraftwerkes Wyhl besetzt, 1985/86 kam es im oberpfälzischen Wackersdorf zu heftigen Protesten gegen das von Franz Josef Strauß vorangetriebene Projekt einer Wiederaufbereitungsanlage.

Nach den beiden Ölpreiskrisen 1972 und 1976 hatte sich die SPD von ihrem Reformkurs abgewandt. Themen der Neuen Politik wurden somit von den etablierten Parteien nicht mehr ausreichend vertreten. Niederlagen bei der Durchsetzung politischer Ziele zeigten – ebenso wie die eskalierende Gewalt zwischen militanten Atomkraftgegnern und der Polizei – die Grenzen des außerparlamentarischen Widerstandes auf. Als Konsequenz entstanden bereits ab 1977 die ersten grünen und bunten Listen in Deutschland.

In Bayern tritt 1978 ein Wahlbündnis aus der „Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher“ (AUD), der „Grünen Aktion Zukunft“ (GAZ) und zahlreichen Bürgerinitiativen unter dem Namen „Die Grünen“ zur bayerischen Landtagswahl an und erreicht einen Stimmenanteil von 1,8%. Das Listenbündnis „Sonstige Politische Vereinigungen/Die Grünen“ erlangt bei der Europawahl am 10.6.1979 mit der Günzburger Spitzenkandidatin Petra Kelly bundesweit 3,2% der Stimmen. Der Weg zur Gründung einer geeinten grünen Partei war geebnet...

 

Die Artikel geben durch direkte Links und Linklisten zusätzliche Vorschläge für die Fortsetzung der Erkundung. So offeriert der „Alpine Spitzensport“ unter anderem Links zum „Alpinismus“, zur „Sportförderung in Bayern“ und zum „Eishockey“. Positiver Aspekt dieser Darstellung: Spezifische thematische Bezüge können über die chronologische Nähe und Zugehörigkeit zu einem Sachgebiet hinaus verfolgt werden.

Die Startseite bietet dem Besucher insgesamt sechs verschiedene Zugangsoptionen:

  • Mithilfe des Zugangs über die Objekte bewegt sich der Nutzer assoziativ durch den dreidimensionalen Raum. Die Objekte überschneiden sich über Einzelaspekte hinaus; es kann über die Sachbereiche hinweg frei navigiert werden.
  • Wird der Zugang über die Sachbereiche gewählt, verschaffen die verschiedenen Leitartikel einen thematischen Überblick der zentralen Aspekte des Themas.
  • Der chronologische Zugang operiert über Zeitleisten. Für jeden der fünf Sachbereiche existiert eine separate Zeitleiste, die einen chronologischen Überblick über den Sachbereich gibt.
  • Es kann jedoch auch ein geografischer Zugang genutzt werden: Regional zuzuordnende Ereignisse sind auf einer interaktiven Landkarte verortet.
  • Die Biografien bedeutender Persönlichkeiten und Lebensgeschichten „gewöhnlicher“ Menschen ermöglichen einen biografischen Zugang über Lebenslinien.
  • Der Zugang über die Suchfunktion erlaubt es gezielt zu jedem beliebigen Thema und Objekt zu navigieren.

Die verschiedenen Zugangsmöglichkeiten

  1. Zugang über Objekte
  2. Zugang über Sachbereiche
  3. Chronologischer Zugang (Zeitleisten)
  4. Geografischer Zugang (Landkarte)
  5. Biografischer Zugang
  6. Zugang über Suchfunktio

 

Darüber hinaus sind Sonderausstellungen und kommentierte Führungen zu speziellen Themen geplant. Ein Artikel der Woche lädt auf der Startseite zum Erforschen ein: Aktuelles Beispiel ist „Der sportliche Neuanfang nach 1945“. Die Nationalsozialisten missbrauchten den Sport für ihre Zwecke, die amerikanischen Besatzer setzten ihn gezielt zur Demokratisierung ein – Teamgeist und Fairness sollten spielerisch vermittelt werden. Und die Bevölkerung? Für sie stellte er vor allem eine willkommene Abwechslung zum grauen Nachkriegsalltag dar. Wer wissen will, was es mit der Geschichte des Nachkriegssports noch so auf sich hat, der gelangt über diesen Einstieg stante pede zu „Die ersten Sportveranstaltungen in der Nachkriegsgeschichte“, zur „Fußball-WM 1954“ und anderen Themen. Wöchentlich wird ein anderer Artikel zum Artikel der Woche gekürt.

Die Wahl des Zugangs mit der Option, sich selbständig einen Weg durch die bayerische Nachkriegsgeschichte zu bahnen, gesteht dem Besucher ein hohes Maß von Eigenverantwortung zu. Er wird zum Entdecker, der die Art der Wissensaneignung bis zu einem gewissen Grad auf seine Bedürfnisse und Präferenzen hin zu organisieren vermag.

Den aktiven Part verstärken Möglichkeiten zur Eigeninitiative und Interaktion: Schulklassen sollen eigene Projekte als Online-Ausstellung erarbeiten und einstellen können. Umfragen, Lernspiele und Selbsttests runden das Konzept ab.

Mit der Erarbeitung des Konzepts und einer ersten Festlegung der Themen wurden die Rahmenbedingungen geschaffen. Seither nimmt das Projekt Gestalt an: Eine Arbeitsgruppe der Fachhochschule Augsburg und eine Internetagentur sind zuständig für Technik und Design. Ein Autorenteam arbeitet daran, Objekte zu recherchieren und Texte zu schreiben, die nach und nach ins Netz gestellt werden. Der Projektplan sieht jede Woche drei bis vier neue Artikel vor. Mit der Zeit füllt sich so der virtuelle Raum und ein Internetmuseum für die bayerische Nachkriegsgeschichte entsteht.

Einige technische Details

  • Die Flashseite basiert auf der OpenSource Engine Papervision3D
  • Die barrierefreie Webseite und Datenbank mit semantischen Verknüpfungen läuft auf der Basis von Zope3
  • Die Software wird komplett als OpenSource veröffentlicht
  • Die Redaktionsarbeit erfolgt im Netz mit Plone

 

Die technische Basis steht: Programmierung und Gestaltung der Website sind weitgehend abgeschlossen. Von den Inhalten ist erst ein kleiner Teil erarbeitet, pars pro toto lädt er zum Schnuppern ein. Wer neugierig geworden ist, kann sich bald selbst ein Bild machen. Im Februar 2009 geht www.zeitraum-bayern.de erstmals online.

Thomas Sedlmeyr arbeitet für die Landeszentrale am Internet-Projekt „ZeitRaum.Bayern“

 


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© Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit   •   letzte Änderung am: 14.11.2008 15:27