Von Stefan Meining
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| Erich Honecker entlässt auf dem Pfingsttreffen der „Freien Deutschen Jugend“ eine Taube als Symbol des Friedens, Mai 1989. Foto: ullstein bild |
Zwischen der DDR und Israel bestanden niemals diplomatische Beziehungen. Im Gegensatz zur Bundesrepublik Deutschland weigerte sich der SED-Staat, einen Teil der Verantwortung für die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands zu übernehmen. Dreh- und Angelpunkt der Nichtbeziehungen waren die von Israel eingeforderten und von der DDR stets abgelehnten Wiedergutmachungsforderungen.
Dennoch wäre es falsch, die ostdeutsch-israelischen Nichtbeziehungen als Einbahnstraße der deutschen Nachkriegsgeschichte zu beschreiben.1)
Die DDR bot Kommunisten jüdischer Herkunft eine einmalige Chance. Im sowjetischen Machtbereich konnten sie zum ersten Mal in ihrem Leben Politik gestalten. „Ich war mein halbes Leben lang Dissident – in der Weimarer Republik und im Nazi-Reich. Nun wollte und konnte ich mich endlich konstruktiv engagieren und tat es mit aller in vielen Jahren angestauten Leidenschaft,“ erinnerte sich der ehemalige DDR-Kirchenstaatssekretär Klaus Gysi nach der Wende.2)
Sozialistische Utopien verkörperten 1945 für viele Juden und Nichtjuden die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ohne Krieg und Antisemitismus. Kommunistische Ideen „waren damals, kurz nach 1945, äußerst attraktiv“, meinte Marcel Reich-Ranicki in seiner Autobiographie, „ja, sie hatten für mich, ähnlich wie für viele Intellektuelle nicht nur in Polen, sondern auch in Frankreich, in Italien und anderen westeuropäischen Ländern, etwas Bestechendes.“3)
Ähnlich äußerte sich der ostdeutsche Künstler und Sohn einer jüdischen Mutter, Günter Kunert, anderthalb Jahre nach dem Mauerfall in einem Zeitungsinterview: „Nach Hitler war der Sozialismus auch für viele integre Menschen eine Selbstverständlichkeit; eine neue Gesellschaft musste her.“4)
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| Der KPD-Funktionär Paul Merker Foto: STAR-MEDIA |
Zudem gab es KPD- und später SED-Funktionäre, die während des Zweiten Weltkrieges für eine Wiedergutmachung jüdischer Nazi-Opfer eintraten. Am prominentesten in diesem Zusammenhang war sicherlich Paul Merker. Der Altkommunist Merker überlebte die Kriegsjahre im französischen und später im mexikanischen Exil. In einem Artikel für die Emigrantenzeitschrift Freies Deutschland sprach sich Merker im Oktober 1942 für eine Form von Wiedergutmachung aus.5)
Als Kommunist lehnte Merker freilich ganz im Sinne der kommunistischen Diktion eine Restitution sog. jüdischer Monopolisten und Kapitalisten ab. Entscheidend war jedoch: Merker schlug vor, die Anliegen der enteigneten und entrechteten einfachen jüdischen Menschen zu berücksichtigen. Aus dieser Idee entwickelte sich Ende der vierziger Jahre in Israel die irrige Vorstellung, Merker habe „den Gedanken der Rückgabe jüdischen Eigentums“ unterstützt.6)
Wichtig in diesem Zusammenhang war die Zeitachse. Als Merker und andere KPD-Funktionäre wie auch Sympathisanten diese projüdischen Aussagen machten, stand die Sowjetunion Stalins auf der Seite der Westalliierten im Krieg gegen das „Dritte Reich“ Adolf Hitlers.
Merkers Äußerungen passten also sehr gut in die strategischen Vorgaben sowjetischer Kriegspolitik. Auch unterstützte die UdSSR die Gründung des Staates Israel, wiederum aus außenpolitischem Kalkül. Diesmal galt es einen Keil in die noch weithin britisch dominierte Region zu treiben. Ein Dissident, der jüdische Interessen gegen die jeweils gültige Linie der Partei durchzusetzen versuchte, war Merker also nicht.
Schnell konnten selbst zuverlässige Genossen in den Folterkammern der Sicherheitsorgane verschwinden. Erst allmählich, aber vor allem in der Ära Gorbatschow lockerte die Sowjetunion die Zügel. Die Mitglieder des sog. „Ostblocks“ konnten nun immer größere innen- wie außenpolitische Spielräume beanspruchen.
Entscheidend für das ostdeutsch-israelische Verhältnis waren in diesem Zusammenhang dabei folgende Fragen:
Am 16. Januar und am 12. März 1951 erhob Israel offiziell Ansprüche auf Zahlung von Reparationen seitens der beiden deutschen Staaten. Da Israel weder zur Bundesrepublik noch zur DDR diplomatische Beziehungen unterhielt, richtete der jüdische Staat die Noten an die vier Siegermächte.8)
Beim Abschluss eines Friedensvertrages mit Deutschland könnte die Frage von Reparationen an Israel untersucht werden, lautete die zurückhaltende, aber nicht gänzlich ablehnende Erwiderung des Kremls.9)
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| Die Unterzeichnung des Luxemburger Wiedergutmachungsabkommens zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel, 10. September 1953 Foto: ullstein bild |
Wichtig in diesem Zusammenhang war wiederum der Zeitpunkt: 1951 und Anfang 1952 kühlten sich die Beziehungen der Weltmacht Sowjetunion zum jüdischen Staat merklich ab. Doch von einer Eiszeit, vom Anlaufen einer wie in Prag beim sog. Slánský-Prozess antizionistischen und insbesondere bis zum Tode Stalins 1953 dann immer grotesker werdenden antisemitischen Propagandamaschinerie war zu diesem Zeitpunkt noch nichts zu spüren.
Wie verhielt sich die DDR in dieser Situation? Nutzte die Führungsriege um den alles dominierenden Ersten Sekretär der SED, Walter Ulbricht, Spielräume aus, um dem Judenstaat zu helfen? Das Gegenteil war der Fall. Anders als die Bundesrepublik sah die DDR keine Veranlassung, für die Verbrechen des NS-Regimes einzustehen.
Dabei stach ins Auge, dass die DDR sehr wohl Bewegungsspielräume im Sinne der sowjetischen Globalstrategie ausnutzte; freilich niemals im Sinne des jüdischen Staates. Auch diese Feststellung trifft für den gesamten Zeitraum des Bestehens des zweiten deutschen Staates zu.
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| Der SED-Politiker Albert Norden prangert auf einer Pressekonferenz die NS-Vergangenheit des Bundesvertriebenenministers Hans Krüger an, Dezember 1963 Foto: ullstein bild |
Bereits am 7. Mai 1953, elf Tage vor der Ratifizierung des bundesdeutsch-israelischen Wiedergutmachungsabkommens im Bundestag, unterzeichneten die DDR und der wichtigste arabische Staat, Ägypten, ein Handels- und Zahlungsabkommen. Anfang 1954 wurde auf der Grundlage dieses Abkommens in Kairo eine Vertretung des ostdeutschen Ministeriums für Außen- und Innerdeutschen Handel eingerichtet.10)
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| Kurt Blecha – Pressekonferenz gegen die „Kriegspolitiker des deutschen Imperialismus“, 12. November 1958. Von links nach rechts: Stephan Heymann, Kurt Blecha, Otto Grotewohl, Lothar Bolz Foto: ullstein bild |
Wie stark sich die DDR dabei an der Propaganda des Spätstalinismus orientierte, zeigte eine Ausarbeitung des DDR-Außenministeriums aus dem Jahr 1955. Darin war unter anderem zu lesen: Die „Zionisten selbst verkauften sich jeweils an den, von dem der meiste Profit zu erwarten war und der mächtig genug schien, um ein Gebiet für den geplanten ‚Judenstaat‘ zu versprechen“. Und: „Der Zionismus in der Gegenwart ist, wie der Slánský-Prozess in der CˇSR zeigte, eine heimtückische und besonders raffiniert getarnte Agentur des USA-Spionagedienstes.“13)
Auf dieser Grundlage war verständlicherweise nicht an normaler werdende Beziehungen zu denken.
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| Titelblatt des „SED-Zentralorgans, 23. April 1946“ Foto: ullstein bild |
Auch das Jerusalemer Außenministerium empfahl „äußerste Zurückhaltung“ bezüglich Kontakten mit wissenschaftlichen oder kulturellen Institutionen der DDR.15) Dof Satat, der Vizedirektor der Osteuropa-Abteilung im Jerusalemer Außenministerium, brachte die Haltung Israels gegenüber der DDR in der Wiedergutmachungsfrage 1961 auf den Punkt: „Wir werden unsere Rechnungen mit der DDR nicht für ein Linsengericht begleichen.“ Die Angelegenheiten würden nicht von schönen Worten bestimmt, sondern von Taten.16)
Auch dieser Strang ostdeutscher Nahostpolitik sollte sich in den Jahren bis zum Wendeherbst 1989 in immer neuen Variationen fortsetzen: hier brüske Zurückweisung israelischer Ansprüche, dort verbale und in den Jahren nach dem sog. Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 auch immer stärkere wehrtechnische Unterstützung arabischer Staaten und insbesondere nichtstaatlicher Organisationen wie der PLO unter Jassir Arafat.
Beobachtungen ostdeutscher Diplomaten wie von dem DDR-Gesandten in Syrien, Wolfgang Grunert, über den maßlosen syrischen Judenhass und die Rufe, die Israelis „ins Meer zu treiben und zu ersäufen“, wurden in Ost-Berlin nur ungern zur Kenntnis genommen. „Für Walter Ulbricht waren solche Informationen Verrat an der antiimperialistischen Sache. Man dürfe Äußerlichkeiten – etwa antisemitische Karikaturen – nicht mit grundsätzlichen Fragen durcheinanderbringen“, hielt Grunert in seinen bemerkenswerten Memoiren fest.18)
Besonders peinlich war dabei, dass die DDR in ihrer antiisraelischen Agitation auf ehemalige NS-Propagandisten zurückgriff. 39 frühere NSDAP-Mitglieder, die in der NS-Zeit auf einflussreichen Posten saßen, arbeiteten noch Ende der sechziger Jahre in ebenso einflussreichen Stellen der DDR-Medien. Ehemalige NSDAP-Parteigenossen waren beispielsweise der Pressechef der DDR-Regierung, Kurt Blecha, oder der stellvertretende Chefredakteur des ND, Gerhard Kegel.
Diese personalpolitische Kontinuität von NS- und SED-Propagandisten belegte Simon Wiesenthal in einer umfangreichen Dokumentation voller Fallbeispiele im September 1968.20)
Bei der Analyse der DDR-Pressetexte kam Wiesenthal zu dem verblüffenden Ergebnis: „Wenn man in den Kommentaren der DDR-Blätter das Wort ‚Israeli’ durch ‚Jude’ sowie ‚fortschrittliche Kräfte’ durch ‚Nationalsozialismus’ ersetzte, glaubte man plötzlich eine Vorlage aus Goebbels Propagandaministerium zu haben.“21) So schrieb das ND während des Einmarschs der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei Ende August 1968: „In Prag regiert der Zionismus“; Der Völkische Beobachter meinte hingegen nach der Besetzung der CˇSR 1939: „In Prag regiert das Judentum“.22)
Hemmungslos hetzten DDR-Zeitschriften und das DDR-Staatsfernsehen die ostdeutsche Bevölkerung gegen den jüdischen Staat auf. Ganz bewusst verglich die SED-Propaganda den jüdischen Staat mit dem „Dritten Reich“ Adolf Hitlers. Den absoluten Höhepunkt dieser Desinformationskampagne bildete die Berichterstattung über die Massenmorde libanesischer Milizen in den Palästinenserlagern Sabra und Schatilla im September 1982.
Tatsache war: Israel ließ den Milizionären freie Hand, beteiligte sich jedoch nicht an dem Morden. Dennoch berichteten DDR-Medien vom „bestialischen Massaker der israelischen Aggressoren.”23) DDR-Wissenschaftler warfen Israel vor, eine „Endlösung der Palästinafrage” herbeizuführen.24)
Im Rahmen der UNO setzte die DDR ihre einseitige Nahostpolitik fort. Angriff war dabei für Ost-Berlin stets die beste Verteidigung. So meinte der Vertreter der DDR im UN-Wirtschaftsausschuss, Siegfried Zachmann, im Dezember 1973, also wenige Monate nach der Aufnahme der DDR in die UNO, Israel müsse „zur Wiedergutmachung und zur vollen Entschädigung für die Ausbeutung, Ausplünderung und Beschädigung der natürlichen und menschlichen Ressourcen in den besetzten Gebieten verpflichtet werden.“25)
Ebenso hartnäckig trat die DDR für den „vollständigen und unverzüglichen Abzug der israelischen Truppen von allen seit 1967 besetzten Gebieten ein“.26) 1975 stimmte die DDR wie alle sozialistischen Staaten mit Ausnahme Rumäniens der Anti-Zionismus-Resolution in der UNO zu.27)
Honecker führte wie sein Vorgänger Ulbricht letztendlich Krieg gegen Israel. Wie Ulbricht war auch Honecker kein widerstrebendes Ausführungsorgan der sowjetischen Israelpolitik, sondern stachelte die „Genossen in Moskau“ an, den Konflikt weiter eskalieren zu lassen.
Das immer wieder gehörte Standardargument, die DDR wolle den jüdischen Staat nicht vernichten, traf hier ins Leere. Nicht selten betonten syrische, irakische oder libysche Politiker in Gesprächen mit SED-Entscheidungsträgern in Staat und Partei ihren festen Willen, Israel von der Landkarte zu tilgen. Die DDR nahm solche Äußerungen intern mit Missfallen zur Kenntnis. Die Zusammenarbeit mit Staaten, die wie Ägypten und Syrien Anfang der siebziger Jahre zielstrebig einen Angriffskrieg vorbereiteten und auslösten, ging dennoch weiter.
Die DDR unterstützte den Angriff Ägyptens und Syriens gegen Israel im sog. Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973 mit Worten und Waffen. Einen Tag nach dem Beginn des arabischen Angriffskrieges an der Golan- und Suezfront am 6. Oktober veröffentlichte das Politbüro des ZK der SED wider besseres Wissen eine an Einseitigkeit nicht zu überbietende Erklärung zur „neuen israelischen Aggression“.28)
Das Zentralorgan der SED, die Tageszeitung das „Neue Deutschland“, warf in einer groß angelegten und zentral gesteuerten Kampagne Israel die abscheulichsten Verbrechen vor: „Mord an Kindern, Besatzerterror, Luftpiraterie”.29)
Am 3. November 1973, wenige Tage nach dem Waffenstillstand, schrieb Erich Honecker einen Brief an den syrischen Staatschef Hafez al-Assad.30) Darin bestätigte Honecker die umfangreichen Waffenlieferungen der DDR an Syrien. Zur „Unterstützung ihres gerechten Freiheitskampfes”, teilte Honecker Assad mit, lieferte die DDR unter anderem eine Staffel Abfangjagdflugzeuge MiG-21, 62 mittlere Panzer vom Typ T-54 AM sowie Panzerminen, Granaten und große Mengen an Munition.
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| Besuch des syrischen Präsidenten Hafez al-Assad in Ost-Berlin, 1. Oktober 1978 Foto: ullstein bild |
Der Reichtum von Teilen der arabischen Welt war eine direkte Folge des sog. Ölpreisschocks nach dem vierten Nahostkrieg im Oktober 1973. Doch wichtige Erdölproduzenten, allen voran die antikommunistischen Feudalstaaten Saudi-Arabien und Kuwait, waren außenpolitisch betrachtet westlich orientierte Länder.
Ost-Berlin musste feststellen, dass die meisten prosowjetischen arabischen Länder nicht zu diesem exklusiven Kreis zählten. Wunschpartner für das SED-Politbüro waren deshalb vor allem die ölreichen, prosowjetischen Diktaturen Irak und insbesondere Libyen.32)
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| Besuch Yassir Arafats anlässlich des 40. Gründungstags der DDR, 6. Oktober 1989 Foto: ullstein bild |
Erst Mitte der achtziger Jahre erkannte die Regierung Erich Honecker: Die jahrelange bedingungslose Solidarität der DDR gegenüber der arabischen Welt hatte sich im Sinne einer gewinnorientierten Außenhandelspolitik nicht ausbezahlt. Libyen und der Irak waren politisch unberechenbar. Die Finanzkraft der beiden Länder war zudem völlig von der aktuellen Höhe des Ölpreises abhängig.
Verhängnisvoll war auch das DDR-Engagement im Rahmen der sowjetischen Globalstrategie auf der arabischen Halbinsel. Die Entsendung von MfS-Kadern und die Zusammenarbeit der DDR mit radikalen Palästinensergruppen im sozialistischen Südjemen verschlang enorme finanzielle Mittel und forderte zugleich die konservative, prowestliche Regionalmacht Saudi-Arabien heraus.
Moralische Gesichtspunkte spielten wiederum keine Rolle. Wie in den fünfziger Jahren inspirierten stalinistische Zerrbilder vom „Wallstreet-Judentum“ die DDR-Außenpolitik gegenüber Israel. Danach war der jüdische Staat für die Strategen in Staat und Partei vor allem aus einem Beweggrund interessant: Über Israel, so die kruden Vorstellungen, könnte die DDR bereits bestehende Verbindungen mit jüdischen Geschäftskreisen im Westen, allen voran in den USA, nutzbar machen. Der Handel mit Israel sollte der DDR somit als Eintrittskarte in die jüdisch-amerikanische Geschäftswelt dienen.
Auch weitergehende Überlegungen des DDR-Außenministeriums, das ostdeutsch-israelische Verhältnis neu zu gestalten, waren, und auch daran lassen die zahlreich vorliegenden Akten keine Zweifel aufkommen, letztendlich eine Folge dieser Weltanschauung.34)
Vor diesem Hintergrund müssen auch die pompösen Gedenkveranstaltungen in der DDR aus Anlass des 50. Jahrestages der sog. „Reichskristallnacht“ im November 1988, aber auch die Neubegründung der „Neuen Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“ beurteilt werden.35)
Gleichzeitig wies die DDR jeden Versuch seitens Israels, der auch nur den leisesten politischen Anstrich hatte, zurück. Nicht nur die Kontaktversuche des israelischen Botschafters in Paris endeten ergebnislos. Selbst das Ersuchen der israelischen Zeitung Haaretz, in der DDR einen Korrespondenten akkreditieren zu lassen, wurde abgelehnt. Dem ehemaligen israelischen Religionsminister Josef Burg, einem gebürtigen Dresdner Juden, wurde noch 1986 die Einreise in die DDR anlässlich eines Privatbesuchs mehrmals verweigert.36)
Unter diesen wenig ermunternden Vorzeichen besuchte DDR-Kirchenstaatssekretär Kurt Löffler im Januar 1989 den Judenstaat. Der Besuch des SED-Funktionärs Löffler bildete den Höhepunkt von genau 40 Jahren ostdeutsch-israelischer Diplomatie. Allein diese Tatsache zeigte, auf welch geringem Niveau die Beziehungen zwischen Jerusalem und Ost-Berlin verharrten.38)
Zur Wiedergutmachungsproblematik äußerte sich Löffler mit keinem Wort. Das politische Ergebnis dieser Reise war gleich null.
Gute Beziehungen zu Israel und den Juden und dabei gleichzeitig die alte Freundschaft mit der PLO bewahren: Konnte das gutgehen? Wohlmeinende Zeitgenossen sahen in diesem Schritt einen Neuanfang in den Beziehungen, einen Hoffnungsschimmer im ostdeutsch-israelischen Verhältnis. Aber, war es das wirklich?
Immerhin kam es Ende Januar 1990 auf neutralem Boden in Kopenhagen zu ersten offiziellen Kontakten zur Herstellung diplomatischer Beziehungen. Gleich zu Beginn dämpfte das israelische Außenministerium die ostdeutschen Erwartungen. Vor den Wahlen in der DDR am 18. März sei die Aufnahme diplomatischer Beziehungen nicht zu erwarten. Wie in den Wochen zuvor zeigte Israel keine Eile, den Wünschen der DDR nachzukommen.40)
Doch zu diesem Zeitpunkt war bereits klar: Die SED/PDS würde die ersten freien Wahlen in der DDR verlieren. Die lange Zeit unentschlossene, ja im Grunde unehrliche Israel-Politik der Regierung Modrow war damit am Ende angelangt.
Erst die frei gewählte DDR-Volkskammer bekannte sich am 12. April 1990 zur Mitverantwortung für die NS-Verbrechen und die feindselige DDR-Politik gegenüber Israel und den Juden im früheren Arbeiter- und Bauernstaat.
Der Begriff des besonderen Verhältnisses von Deutschen und Juden nach 1945 existierte im Denken der politischen Klasse der DDR nicht. Die Kritik Israels an der geschichtslosen Ausrichtung der ostdeutschen Außenpolitik wurde von der SED zurückgewiesen, ja als Beleidigung empfunden.
Dies galt insbesondere für die höchste Entscheidungsebene. Männern wie Erich Honecker fehlte jedes Gefühl für Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk. In einem seiner seltenen Interviews mit westlichen Medien erläuterte Erich Honecker 1974 seinen Standpunkt zur historischen Verantwortung der DDR für die Verbrechen der NS-Zeit lapidar mit einem Satz: „Das faschistische ‚Dritte Reich’ ist im Feuer des Zweiten Weltkrieges untergegangen.“42)
Daraus entstieg laut dem immer wieder gepredigten Selbstverständnis der SED-Staatspartei die DDR: rein, unschuldig und der Zukunft zugewandt.
Das war die eigentliche, heute nur mehr schwer nachvollziehbare Grundlage, die Basis von 40 Jahren ostdeutscher Israelpolitik. Am 3. Oktober 1990 verschwand die DDR von der Landkarte. Die Aufarbeitung dieses Kapitels deutsch-jüdischer Geschichte dauert bis heute an.
Dr. Stefan Meining ist Redakteur des ARD-Politmagazins „Report München“.
1 Jan Philipp Spannuth, Rückerstattung Ost. Der Umgang der DDR mit dem „arisierten“ Eigentum der Juden und die Rückerstattung im wiedervereinigten Deutschland, Essen 2007.
2 Spiegel-Reporter Cordt Schnibben über die „Generation, die nach dem Faschismus die DDR erschuf und erlitt (I)“ s. ders., „Das bessere Deutschland“, in: Der Spiegel v. 08. 04. 1991.
3 Marcel Reich-Ranicki, Mein Leben, München 2001, S. 323.
4 Paul Merker, „Nach Hitler war der Sozialismus selbstverständlich“, in: Die Welt v. 24. 04. 1991.
5 Ders., „Hitlers Antisemitismus und wir“, in: FD (Oktober 1942). Zur Person und dem Wirken von Paul Merker vgl. Jeffrey Herf, Divided Memory. The Nazi Past in the two Germanys, Cambridge London 1997; Wolfgang Kießling, Paul Merker in den Fängen der Sicherheitsorgane Stalins und Ulbrichts, Berlin 1994; ders., Partner im „Narrenparadies“. Der Freundeskreis um Noel Field und Paul Merker, Berlin 1994; ders., In den Mühlen der großen Politik. Heinrich Mann, Paul Merker und die SED (= hefte zur ddr-geschichte, Bd. 36), Berlin 1996.
6 Elijahu Livneh, Konsulat München, an die Osteuropa-Abteilung des israelischen Außenministeriums, 15. 01. 1953. ISA 2538/22b.
7 Stefan Meining, Kommunistische Judenpolitik. Die DDR, die Juden und Israel, Hamburg 2002, S. 20–66.
8 Yaacov Ro’i, Soviet Decision Making in Practice, The USSR and Israel 1947–1954, New Brunswick/London 1980, S 423. MfAA, Fakten über die Beziehungen DDR-Israel, o. D. MfAA ZR 5876/90. Vgl. Entwurf Wiedergutmachung, o.D. ISA 2511/17a.
9 Der Minister des MfAA an Otto Grotewohl, 04. 11. 1952. MfAA A 13364. Lewawi an Shinar, 26. 03. 1952. ISA 2511/14, auch ISA 2511/17a. Angelika Timm, Hammer, Zirkel, Davidstern. Das gestörte Verhältnis der DDR zu Zionismus und Staat Israel, Bonn 1997, S. 129.
10 Einschätzung der Beziehungen der DDR und der VAR, vermutlich von 1960, MfAA A 13308. Bericht über den Abschluss des Handels- und Zahlungsabkommen mit Ägypten, 28. 04. 1955. MfAA 15595.
11 Vgl. Jan N. Lorenzen, Die Haltung der DDR zum Suez-Krieg. Das Jahr 1956 als Zäsur in der Nahost-Politik der DDR, in: DA 28 (1995) 3, S. 278–285.
12 Vgl. Besuch des Gen. Stude bei dem amtierenden Generalsekretär der Arabischen Liga, Sayed Raif Belama, am 20. 12. 1956, 22. 12. 1956. MfAA A 11201. Vgl.: Wolfgang Schwanitz (Hg.), Berlin – Kairo: Damals und Heute. Zur Geschichte deutsch-ägyptischer Beziehungen, Berlin 1991.
13 Ausarbeitung, „Die historische Entwicklung Israels und des Zionismus sowie die Politik Israels gegenüber den arabischen Staaten“. MfAA A 17063.
14 Abteilung Naher und Mittlerer Osten des MfAA, Chronik der Beziehungen DDR-Israel, 21. 11. 1989. Höchstwahrscheinlich MfAA ZR 5845/90.
15 Shimoni, Direktor der Osteuropa-Abteilung an Bernstein, Weizmann-Institut, 31. 01. 1958. ISA 3099/21.
16 Dof Satat, Vize-Direktor Osteuropa-Abteilung, an Shlomo Lewaw, Israelische Botschaft in Warschau, 26. 01. 1961. ISA 3309/3.
17 Zit. n. Lothar Mertens, Staatlich propagierter Antizionismus: Das Israelbild der DDR, in: Wolfgang Benz (Hg.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Bd. II, Frankfurt a. Main/New York 1992, S. 139–153, hier S. 143–144.
18 Horst Grunert, Für Honecker auf glattem Parkett. Erinnerungen eines DDR-Diplomaten, Berlin 1995, S. 170–171.
19 Siehe Artikel „Nahost-Aggressoren und ihre Bonner Sprachrohre“, in: Neues Deutschland v. 09. 08. 1968.
20 Rolf Vogel (Hg.), Die gleiche Sprache: Erst für Hitler – jetzt für Ulbricht. Pressekonferenz von Simon Wiesenthal am 06. 09. 1968 in Wien.
21 Ebd., S. 15.
22 Ebd., S. 8.
23 Vgl. Angelika Timm, Israel in den Medien der DDR, in: Wolfgang Benz (Hg.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Bd. II, Frankfurt a. Main/New York 1992, S. 154–173, hier S. 168.
24 Kai Abd el Hafez, Zwischen Dogma und Anpassung. Die Erforschung des Nahen Ostens durch die DDR. Ein Beitrag zur Geschichte der gegenwartsbezogenen Orientwissenschaft, 1969–1989, diss. masch., Hamburg 1994, S. 431.
25 Zit. n. Peter Dittmar, DDR, in: DA 10 (1977) 7, S. 740. Zur UN-Politik der DDR vgl. Kurt Olivier, Ein angesehener Partner auf internationalem Parkett? Die UNO-Politik der DDR in internen Einschätzungen, in: DA 29 (1996) 4, S. 612–619.
26 Direktive für die DDR-Regierungsdelegation zur Teilnahme an der XXX. UNO-Vollversammlung. Reinschriftenprotokoll des PB, 02. 09. 1975. SAPMO-BA ZPA I IV 2/2/1579.
27 Die UN-Resolution verurteilte den Zionismus als eine „Form des Rassismus und der Rassendiskriminierung“. Zit. n. Peter Dittmar, DDR, in: DA 10 (1977) 7, S. 740.
28 Anlage Nr. 22 zum Reinschriftenprotokoll des PB, 25. 09. 1973. SAPMO-BA ZPA J IV 2/2/1470. Vgl.: Erklärung des Politbüros des ZK der SED, des Staatsrates und des Ministerrates der DDR zur neuen israelischen Aggression, veröffentlicht in: Wolfgang Bator, Angelika Bator (Hg.), Die DDR und die arabischen Staaten. Dokumente 1956–1982, Berlin (DDR) 1984, S. 248–249.
29 Artikel „Kette der Provokation und Gewalt”, in: Neues Deutschland v. 10. 10. 1973.
30 Erich Honecker an Hafez al-Assad, 03. 11. 1973. SAPMO-BA ZPA IV 2/2.035/147.
31 Vgl. Oskar Fischer, Vorlage für die Außenpolitische Kommission beim Politbüro, Aktuelle Probleme des Kampfes um eine Politische Lösung des Nahostkonfliktes, 02. 11. 1976. MfAA ohne Signatur. MfAA, Aktuelle Probleme und Entwicklungstendenzen des Kampfes um die Lösung des Nahostkonflikts, 04. 11. 1977. MfAA LS-A/723.
32 Konzeption für die langfristige Entwicklung der Beziehungen der DDR zum Irak, Algerien, Jemen und Somalia. Reinschriftenprotokoll des PB, 03. 09. 1974. SAPMO-BA ZPA J IV 2/2/1525.
33 Gemeinsame Vorlage für das Politbüro des ZK der SED von Gerhard Beil, Oskar Fischer, Dieter Albrecht und Alexander Schalck-Golodkowski, „Einschätzung der ökonomischen Entwicklung Israels“, 03. 11. 1987. Handakte aus dem Bundesministerium für Wirtschaft, Außenstelle Berlin.
34 MfAA, Konzeption für die Gestaltung der Beziehungen der DDR zu Israel, 06. 12. 1988. MfAA ZR 5871/90.
35 Meining (wie Anm. 7), S. 219–234.
36 Abteilung Naher und Mittlerer Osten des MfAA, Chronik der Beziehungen DDR-Israel, 21. 11. 1989. höchstwahrscheinlich MfAA ZR 5845/90.
37 MfAA, Konzeption für die Gestaltung der Beziehungen der DDR zu Israel, 06. 12. 1988. MfAA ZR 5871/90.
38 Meining (wie Anm. 7), S. 355–364.
39 Zit. n. SZ v. 18.11.1989.
40 Timm (wie Anm. 9), S. 345–346.
41 Stenografisches Protokoll der 2. Tagung der Volkskammer der DDR, Berlin (Ost), vom 12. 04. 1990.
42 Interview von Erich Honecker mit Associated Press am 30. 05. 1974. SAPMO-BA ZPA J IV/355.