Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Kommt nach dem Hunger nun der Durst?

Die Armen und die globale Wasserkrise

Von Zdenek Zofka

 

Mit Gewalt, wie damals vor mehr als hundert Jahren im „Wilden Westen“ noch üblich, wurde der Kampf ausgetragen. Es ging um Wasser, also um die Lebensgrundlage der neuen, aus dem Boden schießenden Ansiedlungen im Westen der USA. In diesem Fall handelte es sich um eine Stadt in Kalifornien, die Stadt, aus der später einmal die Riesenmetropole „Los Angeles“ werden sollte.

William Mulholland, der Leiter der Wasserbehörde dieser damals noch kleinen, jedoch bereits wachsenden Wüstenstadt war sich der Schwere des Problems bewusst. Doch er hatte eine Idee. In aller Stille kaufte er die Wasserrechte im Owens Valley, einem kleinen, hundert Meilen nördlich gelegenen Tal, und baute ein Viadukt quer durch die glutheiße Mojave-Wüste.

Von nun an floss genügend Wasser in das Zentrum von Los Angeles, die Grundlage für das weitere Wachstum der Stadt war damit gelegt. Jetzt bekamen die Stadtbewohner Wasser in schier unbegrenzter Menge und es reichte sogar für die großen Farmen zur Bewässerung, damit in der Wüste Baumwolle und andere wasserintensive Kulturen angebaut werden konnten.

Aber nicht alle freuten sich über diesen Fortschritt. Verlierer waren die Farmer von Owens Valley, denen auf diese Weise buchstäblich das Wasser abgegraben worden war. Doch die fackelten nicht lange, und taten das, was ihnen als erstes in den Sinn kam: Sie versuchten das Aquädukt in die Luft zu sprengen. William Mulholland saß aber am längeren Hebel. Er entsandte eine kleine Polizei-armee, die den Aufrührern ihre Grenzen rasch aufzeigte. Der massive Polizeieinsatz machte die Farmer konzessionsbereit und sorgte dafür, dass weitere Sprengversuche nicht mehr unternommen worden.

Heute werden solche Konflikte auf dem Gerichtswege ausgetragen, die Zeiten des „Wilden Westens“ sind vorbei. Aber das Problem, das damals diesen Konflikt hervorgerufen hatte, gibt es auch noch heute: das Problem der Knappheit des Wassers. Das Problem wird sogar von Tag zu Tag drängender, und zwar auf globaler Ebene, die gesamte Menschheit betreffend.

Globale Wasserknappheit: Zahlen und Fakten

Die Klimaerwärmung verschärft die Wasserknappheit, z.B. durch das Abschmelzen der Gletscher. Viele Flüsse speisen sich aus dem Schmelzwasser der Gletscher. Sind diese verschwunden, führen die Flüsse im Sommer weniger Wasser.
Foto: picture alliance/dpa

Denn zum einen wächst die Zahl der Erdenbewohner und damit natürlich auch die Zahl der Nutzer des „köstlichen Nass“. Zum anderen steigt der Wasserverbrauch der Menschen von Jahr zu Jahr an. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts hat sich die globale Wasserentnahme mehr als versechsfacht und ist damit mehr als doppelt so schnell gewachsen als die Weltbevölkerung.1) Darüber hinaus wird das Problem auch noch dadurch verschärft, dass die drohende Klimakatastrophe mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer weiteren Reduzierung des Angebots des knappen Rohstoffs Wasser führen wird. Der Anteil der globalen Erwärmung an der Wasserverknappung wird auf 20 Prozent geschätzt.2)

Aber die globale Betrachtung gibt ein schiefes Bild, denn weltweit gesehen ist Wassermangel eigentlich kein Problem. Zwar können wir von den riesigen Wasservorräten der Erde nur einen winzigen Bruch-teil nutzen, denn zu mehr als 97 Prozent handelt es sich dabei um Salzwasser, und auch vom Süßwasser sind große Anteile für uns nicht zugänglich: Sie sind zu fast 70 Prozent in den Gletschern gebunden, fast der gesamte Rest ist in geologischen Schichten verschlossen.

Doch auch wenn wir nur von dem sich ständig erneuernden Anteil des Wassers, den Niederschlägen, ausgehen, ist weltweit betrachtet mehr als genug Wasser vorhanden. Der Geograph Wolfram Mauser hat ausgerechnet: Wenn man die jährlichen Niederschläge von 113.500 Kubikkilometern auf die 6,5 Milliarden Menschen verteilte, stünden jedem einzelnen von uns täglich etwa 320 Badewannen Wasser zur Verfügung.3)

Berücksichtigt man davon nur den Anteil des „blauen Wassers“, also des Wassers, das uns in Flüssen, Seen und im Grundwasser zugänglich ist und das etwa ein Drittel der Niederschläge ausmacht, und lässt man das „grüne Wasser“, das – vereinfacht gesagt – von den Pflanzen beansprucht wird, beiseite, sind immer noch sich jährlich erneuernde Süßwasserreserven in Höhe von 43.659 Kubikkilometern vorhanden, von denen der Mensch derzeit 3.830 Kubikkilometer nutzt (8,8 Prozent).4)

Das Problem ist nicht die Gesamtmenge des Wassers, sondern seine extrem ungleiche räumliche wie jahreszeitliche Verteilung (Regenzeiten, Dürren). Es gibt wasserreiche Staaten wie etwa Kanada und wasserarme Länder wie zum Beispiel Algerien. Und es gibt Staaten, in denen Wasserreichtum und Wassermangel gleichzeitig vorkommen wie zum Beispiel in den USA oder China.

Der Norden Chinas steht dramatisch schlechter da als der Süden. Auf 42 Prozent der chinesischen Bevölkerung – 538 Millionen Menschen – in der nördlichen Region entfallen lediglich 14 Prozent der Wasserressourcen des Landes. Wenn Nordchina ein separates Land wäre, wäre seine Was-serverfügbarkeit mit 757 Kubikmetern pro Person niedriger als die des Wüstenstaats Marokko.5)

Länder gelten als wasserarm, wenn das jährlich sich erneuernde Wasserangebot unter 1.000 Kubikmetern pro Kopf liegt. Bei unter 500 Kubikmetern pro Kopf spricht man von absolutem Wassermangel. Im Jahr 2000 waren 26 Länder, vor allem im Nahen Osten und in Afrika, von Wassermangel betroffen. Für das Jahr 2025 rechnet man bereits mit 39 bis 46 wasserarmen Ländern.6)

Die Pro-Kopf-Verfügbarkeit an Süßwasser wird in den nächsten 20 Jahren im globalen Durchschnitt um ein Drittel zurückgehen. Zu den neuen Gebieten mit Wasserknappheit gehören unter anderem die Regionen um die Flüsse Volta, Farah, Nil, Narmada, Euphrat und Tigris.7) Die hier lebenden Menschen müssen erst noch lernen mit der neuen Situation umzugehen, während die von Natur aus wasserarmen Länder wie die Wüstenstaaten sich  zwangsläufig  kulturell auf den Mangel eingestellt haben. Hier ist ein sparsamer Umgang mit Wasser absolut selbstverständlich.

Ist in einem Land von Natur aus nur wenig nutzbares Wasser vorhanden und wird dies deshalb zu mehr als 75 Prozent bereits genutzt, dann sprechen die Experten des International Water Management Institute (IWMI) von „physikalischer Wasserknappheit“.8) Sind in einem Land reichhaltige Wasserressourcen vorhanden, die jedoch nicht erschlossen sind und deshalb zu weniger als 25 Prozent genutzt werden, so spricht man von „ökonomischer Wasser-knappheit“.

Die ökonomische Variante ist bis heute das deutlich gravierendere Problem: Die Zahl der Menschen mit Zugang zu sauberem Trinkwasser wächst zwar dank hoher, vor allem nach 1980 eingesetzter Investitionen mittlerweile schneller als die Bevölkerung, dennoch waren 2004 nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) immer noch rund 1,1 Milliarden Menschen unzureichend mit sauberem Wasser versorgt. Das sind 17 Prozent der Weltbevölkerung, 1990 waren es noch 22 Prozent.9)

Eine Krise im Verborgenen

Verschmutztes Wasser ist die Ursache vieler Gesundheitsprobleme in der „Dritten Welt“. Zum Beispiel dienen Flüsse oft gleichzeitig zum Wäschewaschen, zur Abwasserentsorgung und als Trinkwasserquelle.
Foto: picture alliance/dpa

In den afrikanischen Ländern südlich der Sahara liegt der Anteil unterversorgter Bevölkerung mit 44 Prozent besonders hoch. Der fehlende Zugang zu sauberem Trinkwasser geht meist Hand in Hand mit fehlendem Zugang zu Sanitäreinrichtungen. 2004 lebten 2,6 Milliarden Menschen (41 Prozent der Weltbevölkerung) in solch katastrophalen Verhältnissen.10) Die Folgen sind unausweichlich: 2,2 Millionen Menschen sterben jährlich an Infektionskrankheiten (vor allem Durchfallerkrankungen) aufgrund unzureichender Versorgung mit Trinkwasser und Sanitäreinrichtungen, 90 Prozent davon sind Kinder unter fünf Jahren.11)

In dem südlich der Sahara gelegenen Teil Afrikas lässt sich der Zusammenhang zwischen Erkrankung und mangelnder Wasser- und Sanitärversorgung deutlich nachweisen: In den Ländern mit schlechter Trinkwasserversorgung liegt die Kindersterblichkeit bei 197,57 je tausend Lebendgeburten, in den Ländern mit überdurchschnittlich guter Versorgung dagegen bei 78,75, das ist weniger als die Hälfte.12)

Um die Lage in Afrika zu veranschaulichen, genügt ein Rückblick in die Geschichte des reichen Nordens. Es ist gerade etwas über hundert Jahre her, dass Städte wie London, Paris und New York Brutstätten ansteckender Krankheiten waren, in denen Durchfallerkrankungen, Ruhr und Typhus eine ständige Bedrohung darstellten. Die Kindersterberaten in diesen Städten lagen damals so hoch wie heute in vielen Teilen von Afrika südlich der Sahara.

Mit der Einführung der Wasseraufbereitung lässt sich fast die Hälfte des Rückgangs der Sterblichkeit erklären, der in den Vereinigten Staaten im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu verzeichnen war. In Großbritannien trug die Erweiterung der Sanitärversorgung ganz wesentlich dazu bei, dass die Lebenserwartung in den vier Jahrzehnten nach 1880 um 15 Jahre anstieg.13)

Während jedoch die Erinnerungen an das Elend des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts in Filmen, Büchern und Artikeln immer wieder wachgerufen werden, nehmen wir das Massensterben in den Entwicklungsländern kaum wahr: Im Gegensatz zu Kriegen und Naturkatastrophen taucht die weltweite Wasserverknappung nicht in den Schlagzeilen der Medien auf. Ähnlich wie Hunger und Unterernährung führt auch der Wassermangel zu einer Krise, die sich weitgehend im Verborgenen abspielt.

Der jährliche „Bericht zur menschlichen Entwicklung“ (Human Development Report, HDR), der von der UNDP, der entwicklungspolitischen Unterorganisation der Vereinten Nationen, herausgegeben wird und der sich in seiner Ausgabe für das Jahr 2006 ausschließlich mit dem Thema „globale Wasserkrise“ befasst, versucht die Drama-tik des Problems ins Bewusstsein zu rücken:

„In der Summe sind unsauberes Wasser und schlechte Sanitärversorgung weltweit die zweitgrößte Todesursache bei Kindern. Im Jahr 2004 starben rund sechsmal mehr Menschen an Durchfallerkrankungen als in den 1990er Jahren bei Kriegen im jährlichen Durchschnitt Opfer zu beklagen waren.“14)

Nach Auffassung der UNDP ist einer der Gründe der geringen Aufmerksamkeit für die Wasserkrise darin zu suchen, dass in erster Linie „die Armen davon betroffen sind“, die keinen Zugang zu den Medien und zu einer breiteren Öffentlichkeit haben. Der Bericht führt dazu aus: „Das Problem ist, dass manche Menschen – speziell die Armen – durch ihre Armut, ihre eingeschränkten gesetzlichen Rechte oder eine öffentliche Politik, die den Zugang zur Infrastruktur von Wasser zum Leben und von Wasser als Lebensgrundlage beschränkt, systematisch vom Zu-griff auf Wasser ausgeschlossen werden. Kurzum, Wasserknappheit wird durch politische Prozesse und Institutionen verursacht, die die Armen benachteiligen.“15)

Der Bericht fährt fort:

„Die Art und Weise, wie der Zugang zu einer adäquaten Wasser- und Sanitärversorgung in vielen Ländern verteilt ist, spiegelt die Verteilung des Wohlstands wider. Von den reichsten 20 Prozent der Bevölkerung haben durchschnittlich etwa 85 Prozent Zugang zu Leitungswasser im eigenen Haushalt, während es bei den ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung nur 25 Prozent sind.“16)

Wasserknappheit und Armut

Der Zusammenhang zwischen dem nicht vorhandenen Zugang zu Wasser- und Sanitärversorgung auf der einen und der Armut auf der anderen Seite erscheint unausweichlich: Wenn die Preise für den Anschluss an das Wassernetz nicht gestaffelt oder subventioniert werden, sind sie für Arme schlicht unerschwinglich. Sie belaufen sich in der Regel auf über 100 Dollar, das ist für Menschen, die mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen müssen, nicht bezahlbar.

Die Konsequenz, die sich daraus ergibt, schildert der UNDP-Bericht:

„In vielen Entwicklungsländern gilt übereinstimmend die absurde Regel, dass den ärmsten Menschen nicht nur weniger – und weniger sauberes – Wasser zur Verfügung steht, sondern dass sie dafür auch mit die höchsten Preise zahlen, die es auf der Welt überhaupt gibt: Die Bewohner der Slums von Jakarta, Manila oder Nairobi zahlen fünf bis zehn Mal mehr für die gleiche Menge Wasser als die Menschen, die in den wohlhabenderen Gegenden derselben Städte leben. […] Die ärmsten 20 Prozent der Haushalte in El Salvador, Jamaika und Nicaragua geben durchschnittlich über zehn Prozent ihres Haushaltseinkommens für Wasser aus.“17)

Die Ursache für diese tatsächlich absurde Situation liegt darin, dass die Armen, die nicht an das öffentliche Netz angeschlossen sind, ihr Wasser bei Zwischenhändlern kaufen müssen, die die abgelegenen Dörfer oder die illegalen Siedlungen mit Hilfe von Tankwagen versorgen und die sowohl die Kosten für den Wassertransport als auch eine Gewinnmarge auf den Preis aufschlagen.

Landbewohner, die sich das nicht leisten können, müssen entweder auf unsichere, verschmutzte oder infizierte Wasserquellen zurückgreifen oder sehr lange Wege zurücklegen, um die tägliche Menge an Wasser nach Hause zu holen. Meist fällt diese Aufgabe den Frauen zu, die sie ihrerseits wieder den Töchtern übertragen. Dies hat Folgen für die Schulbildung der Mädchen. Der UNDP-Bericht zitiert ein Mädchen aus Bolivien:

„Natürlich würde ich gerne in die Schule gehen. Ich will lesen und schreiben lernen. Aber wie soll das gehen? Meine Mutter braucht mich doch zum Wasserholen“.18)

Aber nicht nur der Trinkwasserbedarf stellt ein großes Problem dar. Denn auch in der Lebensmittelversorgung spielt Wasser eine große Rolle.

Wasser für die Landwirtschaft

Mit einem Anteil von 70 Prozent am globalen Wasserverbrauch ist die Landwirtschaft der größte Verbraucher, gefolgt von der Industrie mit 20 Prozent und den Haushalten mit zehn Prozent. Einsparpotentiale gibt es vor allem im Bewässerungsfeldbau.
Foto: SV-Bilderdienst

Zwar wird der größere Teil der weltweiten Nahrungsmittelproduktion durch Regenfeldbau, also ausschließlich mit den verfügbaren Niederschlägen erzeugt. Doch viel effektiver ist die Bewässerungslandwirtschaft. So werden ca. 40 Prozent der gesamten pflanzlichen Agrarprodukte auf nur 16 Prozent der landwirtschaftlichen Ackerfläche unter Einsatz verschiedener Formen der künstlichen Bewässerung hergestellt. Bewässerungslandwirtschaft trägt zwei Drittel zur weltweiten Produktion von Reis und Weizen bei.19)

Die bewässerten Flächen haben sich von 153 Millionen im Jahr 1966 auf 278,8 Millionen  Hektar im Jahr 2004 nahezu verdoppelt. Ein Großteil der in den letzten Jahrzehnten erreichten Steigerung der Nahrungsmittelproduktion wäre nicht ohne die Ausweitung der Bewässerung möglich gewesen. Der Wasserverbrauch der Landwirtschaft hat allein seit 1960 um 60 Prozent zugenommen.20)

Deshalb ist auch nicht erstaunlich, dass die Landwirtschaft den weitaus höchsten Anteil am Wasserverbrauch hat, nämlich 70 Prozent weltweit. Auf die Industrie entfallen 20, auf die Haushalte zehn Prozent.21) In den meisten Entwicklungsländern ist der Anteil der Landwirtschaft mit fast 90 Prozent sogar noch höher, während der Schnitt bei den Industrieländern bei nur 40 Prozent liegt: Hier werden ungeheure Wassermassen für die Kühlung von Kraftwerken gebraucht.

Aber auch in den Entwicklungsländern beanspruchen Industrie und Haushalte einen steigenden Anteil an den Wasserressourcen. Auch dort wachsen die Industrie und vor allem die großen Städte. Die in den Wassereinzugsgebieten der Metropolen wohnenden Landwirte ziehen in der Auseinandersetzung um die Wasserrechte in aller Regel den Kürzeren: Das hat schon vor hundert Jahren William Mulholland in Los Angeles eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Die sich verschärfende Konkurrenz um die verschiedenen Nutzungsarten für Wasser bedroht die Armen ganz existenziell – als Produzenten, aber auch als Konsumenten in den Slums und Favelas, weil sie weder Einbußen beim Trinkwasser noch bei der Nahrungsmittelversorgung verkraften könnten.

Globale Wasserpolitik

Die globale Wasserkrise rückt zunehmend in den Fokus der internationalen Politik. Auf zahlreichen Konferenzen wurden und werden Lösungsansätze diskutiert. Im Bild das Weltwasserforum in Mexiko 2006
Foto: picture alliance/dpa

Angesichts der immer dramatischer werdenden Verknappung von Wasser für die Haushalte ebenso wie für landwirtschaftliche und industrielle Zwecke war die Politik zum Handeln gezwungen. Dies fand seinen Ausdruck z.B. darin, dass die Vereinten Nationen den 22. März zum „Welt-Wasser-Tag“ gemacht haben, um die Öffentlichkeit auf die Wasserkrise aufmerksam zu machen. Gleichzeitig hat die UNO die Jahre 2005 bis 2015 zur Dekade des Wassers, „International Decade for Action – Water for Life“, erklärt. Ziel ist es, die Zahl der Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser und ohne Zugang zu sanitären Einrichtungen bis 2015 jeweils zu halbieren und bis 2025 auf null zu senken.

Der Beginn einer globalen Wasserpolitik fällt in das Jahr 1977. In diesem Jahr fand die Mar del Plata World Conference on Water Resources der UNO statt. Die Konferenz rief die 1980er Jahre zur „International Drinking Water Supply and Sanitation Decade“ aus, mit dem Ziel, bis Ende dieses Zeitraums eine hundertprozentige Versorgung der Menschheit mit Trinkwasser und sanitären Einrich-tungen zu erreichen.22)

Zwar konnten in diesem Zeitraum tatsächlich beachtliche Erfolge in den Entwicklungsländern erzielt werden, doch die absolute Zahl der Menschen ohne ausreichende Wasserversorgung blieb wegen des Bevölkerungswachstums und der Verstädterung konstant. Außerdem versuchte man damals, die Wasserkrise allein durch eine angebotsorientierte Politik zu lösen, d.h. durch eine Ausweitung der technischen Kapazitäten für die Wasserver- und -entsorgung.

Mit der Entwicklung des Leitbilds der nachhaltigen Entwicklung Ende der 1980er Jahre kam man von diesem angebotsorientierten Ansatz ab. Heute ist man davon überzeugt, die Probleme nur durch ein integriertes Wassermanagement in den Griff zu bekommen. Dabei müssen sämtliche wasserrelevanten Sektoren koordiniert werden. Ein Managementsystem umfasst am besten ein komplettes Wassereinzugs- bzw. Flusssystem. Zu berücksichtigen sind dabei vor allem folgende Punkte:

• Organisation einer angemessenen und „gerechten“ Aufteilung der entnommenen Wassermenge. Dabei müssen die wachsende Nachfrage und die zum Teil inkompatiblen Nutzungsansprüche der konkurrierenden Sektoren ‚Haushalte, Industrie und Landwirtschaft’ berücksichtigt werden.

• Aufteilung von Wassermengen und Schadstoffeinleitungen zwischen Ober- und Unterlauf von Flüssen innerhalb einzelner Länder wie auch zwischen mehreren Anrainerstaaten eines Flusslaufs.

• Aufteilung des vorhandenen Wassers zwischen einer Verwendung für Haushalte, Industrie und Landwirtschaft und einem Verbleib in aquatischen und terrestrischen Ökosystemen, um deren Bestand zu sichern.23)

Die Vorstellung eines integrierten Wassermanagements zieht sich wie ein roter Faden durch relevante Konferenzen und Abkommen in den 1990er Jahren und später. Zu nennen sind hier beispielsweise die International Conference on Water and the Environment in Dublin 1992 und die Agenda 21, die auf der UNCD-Konferenz in Rio de Janeiro 1992 verabschiedet wurde und sich in Kapitel 18 mit „Schutz der Güte und Menge der Süßwasserressourcen“ beschäftigt. Das Leitbild des integrierten Gewässermanagements ist auch die Grundlage der Arbeit aller mit Wasserfragen beschäftigten UN-Organe wie UNEP, UNDP oder WHO.

Auf dem Zweiten Weltwasserforum in Den Haag im Jahr 2000 wurde – wie bereits erwähnt – das Ziel formuliert, die Zahl der Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser und ohne Zugang zu sanitären Einrichtungen bis 2015 je-weils zu halbieren und bis 2025 auf null zu senken. Diese Ziele wurden auf dem Millenniumsgipfel der UN-Generalversammlung im September 2000 und auf der UN-Umweltkonferenz in Johannesburg 2002 sowie auf dem vierten Weltwasserforum in Mexiko-Stadt im März 2006 nochmals bekräftigt.24)

Einige Regionen liegen weit hinter der Erreichung der Zielvorgaben der Millenniumsziele bei der Wasser- und Sanitärversorgung zurück, andere Regionen haben die Ziele bei der Wasserversorgung bereits erreicht, so Südasien (Indien und Bangladesch) und Lateinamerika sowie die karibischen Staaten. Bei der Sanitärversorgung werden die lateinamerikanischen Staaten das Ziel voraussichtlich 2013 erreichen, Südasien allerdings erst 2019. Die arabischen Staaten und die Länder des südlich der Sahara gelegenen Afrikas werden die Millenniumsziele nicht rechtzeitig erreichen.

Vor allem im Afrika südlich der Sahara ist die Lage prekär: Bei Beibehaltung des gegenwärtigen Tempos beim Ausbau der Trinkwasserversorgung wird das Ziel der Halbierung der Zahl der Menschen mit Zugang zu sauberem Trinkwasser dort nicht 2015, sondern erst 2040 erreicht. Bei der Sanitärversorgung dürften die Zielvorgaben sogar erst in den 70er Jahren des 21. Jahrhunderts umgesetzt sein.25)

Diese Misserfolge haben viele unterschiedliche Ursachen, in erster Linie aber finanzielle Gründe. Dies bestätigt auch der zweite Weltwasserentwicklungsbericht, der auf dem jüngsten Weltwasserforum vom 16. bis 22. März 2006 in Mexiko City vorgestellt wurde. Er beklagt eine Stagnation bei der finanziellen Entwicklungshilfe für den Wassersek-tor in Entwicklungsländern (ca. 4,5 Milliarden US-Dollar jährlich). Da gleichzeitig westliche Wasserkonzerne ihr Engagement aus Risikoerwägungen heraus reduzieren (in den 90er Jahren hatten sie insgesamt 25 Milliarden US-Dollar investiert), entstand eine große Lücke bei den dringend benötigten Investitionen.26)

Viele Geberländer räumen in ihren Maßnahmen zur Entwicklungshilfe der Wasser- und Sanitärversorgung immer noch nicht die notwendige Priorität ein. So macht der Anteil der wasserrelevanten Entwicklungshilfe z.B. der USA, Norwegens, Großbritanniens, Australiens und Belgiens nur rund drei Prozent aus. Luxemburg gibt dagegen mehr als neun Prozent seines Entwicklungshilfeetats für diesen Zweck aus, Dänemark etwa acht, und Deutschland etwa sieben Prozent.27)

Die UNDP beziffert die Zusatzkosten, die für die Geberländer entstehen, wenn die Millenniumsziele bezüglich Wasser- und Sanitärversorgung mit den kostengünstigsten, nachhaltigsten Technologien erreicht werden sollen, auf etwa zehn Milliarden US-Dollar im Jahr. Sie räumt ein, dass dies auf den ersten Blick als gewaltiger Betrag erscheint, verweist aber darauf, dass diese Summe geringer ist als das, was die Welt in nur fünf Tagen für militärische Zwecke ausgibt und noch nicht einmal der Hälfte des Betrags entspricht, den die reichen Länder jedes Jahr für Mineralwasser ausgeben.28)

Lösungsansätze in Afrika

Viele Slums in der „Dritten Welt“ haben weder Trinkwasseranschlüsse noch Kanalisation. Händler beliefern die Slums mit Trinkwasser, verlangen dafür aber oft hohe Preise.
Foto: SV-Bilderdienst

Trotz der pessimistischen Prognosen hinsichtlich der Erreichung der Millenniumsziele gibt es positive Beispiele, die beweisen, dass Erfolge möglich sind – sogar in Afrika. So kann Südafrika als Vorbild dafür gelten, dass auch in der Wasserversorgung die Rechte der Armen nicht immer zu kurz kommen müssen.

Während der Apartheid beruhte die Wassernutzung auf dem Grundsatz des englischen Common Law, wonach Kontrolle und Nutzungsrechte mit Privateigentum an Grund und Boden verknüpft sind. Da sich mehr als 80 Prozent des Bodens im Besitz weißer Farmer befanden, die auch die Bewässerungsinstanzen kontrollierten, war die Mehrheit der ländlichen Bevölkerung von Grundwasser, Quellen und Staudämmen, die sich auf privatem Land befanden, ausgeschlossen.29)

Die nach der Überwindung der Apartheid im Jahr 1996 verabschiedete Verfassung beinhaltete in ihrer Charta der Grundrechte auch das „Recht auf ausreichende Nahrung und angemessene Wasserversorgung“. Diesen Verfassungsauftrag versuchte das Nationale Wassergesetz von 1998 umzusetzen, indem es Wasser zu einer öffentlichen Ressource erklärte, die allen Bürgern gehöre. Heute wird eine Mindesttrinkwassermenge als vor Gericht einklagbares Recht gewährleistet.

Das Wassergesetz enthält eindeutig definierte mittelfristige Ziele, um alle Haushalte mit 50 bis 60 Liter Wasser zu versorgen. Es verlangt auch die Einführung von Sozialtarifen, um sicherzustellen, dass sich alle Südafrika-ner Wasserdienstleistungen in ausreichender Menge leisten können. Die Verantwortung für die praktische Umsetzung liegt bei den lokalen Behörden.

Die südafrikanische Regierung nutzte ihre Regelungsbefugnis dazu, die Stadtverwaltungen dazu zu verpflichten, dass alle Haushalte mit mindestens 25 Liter Wasser gratis versorgt werden. Ziel ist die kostenlose Grundversorgung mit Wasser für alle bis zum Jahr 2008. Seit dem Jahr 1994 wurde die Anzahl der Menschen mit Zugang zu sicherem Wasser um zehn Millionen Menschen erhöht. Die Versorgungsrate stieg von 60 Prozent auf 86 Prozent. Heute werden etwa 31 Millionen Menschen mit Wasser gratis grundversorgt.30)

Einen vorbildlichen Umgang mit den Armen finden wir auch bei der Wasserversorgung in der Elfenbeinküste. Diese liegt hier in der Hand der zentralen Wassergesellschaft SODECI, die drei innovative Strategien einsetzt, um den Bedürfnissen der Armen gerecht zu werden: So berechnet sie armen Haushalten nur 40 US-Dollar pro Anschluss statt 150 US-Dollar Normalpreis. Die Differenz wird durch Quersubventionen (der reichen Kunden an die armen) ausgeglichen.

SODECI hat einen progressiven Blocktarif eingeführt, der mit höherem Wasserverbrauch drastisch ansteigt und damit auch ein Anreiz gegen Wasserverschwendung ist, der aber auch die Armen, die in der Regel einen niedrigen Wasserverbrauch haben, begünstigt.

Ein besonderes Problem ist jedoch die Wasserversorgung für illegale Siedlungen, in denen SODECI nicht aktiv werden darf. Um die Menschen dort dennoch mit Wasser zu versorgen, lizenziert das Wasserwerk Weiterverkäufer, verlangt von ihnen aber die gleichen Tarife wie von privaten Einzelkunden. Die Folge: Die armen Familien müssen als Kunden dieser Zwischenhändler erheblich hö-here Preise bezahlen als die normalen Kunden, da die Weiterverkäufer ihre hohen Kosten wie auch Gewinne auf den Preis aufschlagen.31)

Ähnliche Probleme mit dem Wasserpreis gibt es auch für die Armen im Senegal. Hier hat eine Partnerschaft zwischen einem privaten Wasseranbieter, der staatlichen Wasserbehörde und einer nationalen Nichtregierungsorganisation dafür gesorgt, dass eine halbe Million Menschen in ländlichen Gebieten, d.h. Menschen mit geringem Einkommen, über Standrohre und Zapfstellen Zugang zur Wasserversorgung erhielten.

Für den Bau der öffentlichen Zapfstellen und den Anschluss ans Wassernetz werden zwar Subventionen gezahlt, jedoch nicht in ausreichender Höhe, um die hohen Kosten für die zum Teil sehr langen Rohrleitungen auszugleichen. Deshalb müssen hier Nutzer der öffentlichen Zapfstellen Tarife bezahlen, die zum Teil immer noch dreimal höher liegen als die Haushaltstarife für Arme in städtischen Wohngebieten.32)

Das westafrikanische Ghana hat in wenigen Jahren seine ländliche Wasserversorgung völlig umstrukturiert und durch Regionalisierung und Dezentralisierung ein sehr viel effektiveres System geschaffen – zum Vorteil der Armen. Die Versorgungsrate ist von 55 Prozent im Jahr 1990 auf 75 Prozent im Jahr 2004 gestiegen, jährlich erhalten jetzt etwa 200.000 Menschen zusätzlich Zugang zu Wasserversorgung.

In vielen „Entwicklungsländern“ muss Wasser von weit her aus Brunnen oder Flüssen geholt werden. Diese Arbeit wird traditionell von Frauen und Mädchen erledigt. Hierdurch geht Zeit für Ausbildung oder bezahlte Arbeit verloren.
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Früher wurde die Wasserversorgung durch ein zentrales Unternehmen betrieben, das hohe Preise verlangte und sich wenig um die abgelegenen Gebiete kümmerte. So waren fast durchweg etwa 60 Prozent der Handpumpen wegen mangelhafter Wartung nicht benutzbar. Im Zuge der Reform des Systems wurde die Verantwortung für die Wasserversorgung auf die Kommunalverwaltungen und ländlichen Gemeinschaften übertragen.

Das System baut auf den vorhandenen Dorfstrukturen auf. Um Kapital beantragen zu können, müssen die Dörfer örtliche Wasserkomitees bilden und detaillierte Pläne ausarbeiten, wie sie ihr System betreiben und die Betriebskosten aufbringen wollen. Und sie müssen einen finanziellen Beitrag von fünf Prozent der Kosten erbringen.

Bei ihrer Arbeit werden sie von regionalen Teams unterstützt, z.B. durch intensive Trainingskurse. Die Komitees eröffnen eigene Bankkonten und halten regelmäßige Sitzungen ab, in denen Frauen eine aktive und einflussreiche Rolle spielen. Eine Evaluierung des neuen Systems im Jahr 2000 offenbarte sehr befriedigende Ergebnisse: Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung zeigte sich mit der Qualität der Wasserversorgung vollauf zufrieden.33)

Eine sehr positive Entwicklung der Wasserversorgung ist auch für das nordafrikanische Marokko zu verzeichnen. In dem Wüstenstaat waren die ländlichen Gebiete besonders stark unterversorgt. Weniger als 20 Prozent der Bevölkerung hatten Zugang zu sauberem Trinkwasser. In der trockenen Jahreszeit gingen Frauen und Kinder zehn oder mehr Kilometer zu Fuß, um Wasser zu holen.

Der Zwang, unsichere Wasserquellen nutzen zu müssen, führte zu gehäuftem Auftreten von Bilharziose, Durchfall und Cholera. 1995 wurde mit einem neuen landesweiten Programm („PAGER“) die Wasserversorgung dezentralisiert. Die Kommunalverwaltungen wurden verpflichtet, die praktische Planung und Umsetzung der Wasserversorgung vor Ort durchzuführen, die Kosten werden jedoch zu 80 Prozent von der Zentralregierung getragen.

Die Folge: In den vergangenen zehn Jahren erhielten weitere vier Millionen Menschen auf dem Lande Zugang zu sauberem Wasser, womit der Versorgungsgrad auf 50 Prozent erhöht wurde. Abgesehen vom Zeitgewinn für die Frauen zeigte sich eine ganze Reihe positiver Effekte: So kam es zu deutlichen Verbesserungen bei der öffentlichen Gesundheit und auch der Grundschulbesuch der Mädchen auf dem Lande erhöhte sich zwischen 1999 und 2003, also in nur vier Jahren, von 30 auf über 50 Prozent.34)

In der Wüste ist Wasser kostbar. In Oasenstädten geht man mit dem knappen Gut traditionell sparsam um. Umstritten sind Großprojekte, mit denen die Wüste durch fossiles Grundwasser urbar gemacht werden soll.
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Diese Beispiele aus afrikanischen Ländern zeigen, dass es Wege aus der Wasserkrise gibt.

Was können nun die Industriestaaten und die internationale Gemeinschaft tun, um diese Prozesse zu beschleunigen? Wo liegen die Handlungsspielräume für eine globale Wasserpolitik? Neben dem schon erwähnten Ziel der Einführung eines möglichst flächendeckenden integrierten Wassermanagements muss es darum gehen, den Wasserverbrauch so weit wie möglich zu verringern und das Angebot an Trinkwasser zu erhöhen.

Die Verringerung des Wasserverbrauchs erfordert vielfältige Maßnahmen: beispielsweise die Bekämpfung der weit verbreiteten Verschwendung durch eine Preisgestaltung, die den tatsächlichen Wert des Wasser bewusst macht, aber auch die Sanierung der Wasserleitungssysteme in den großen Städten der Entwicklungsländer. Hier liegt ein enormes Einsparpotential, versickern doch zum Teil bis zu 75 Prozent des durchgeleiteten Wassers ungenutzt im Boden35). Noch mehr Wasser kann allerdings in der Landwirtschaft eingespart werden, die ja auch weltweit das meiste Wasser verbraucht.

Wassersparen in der Landwirtschaft

Tabelle: Wasserverluste durch Leckagen und andere Ursachen

Land Versorgungsgebiet Anteil der Fehlmenge am abgegebenen Gesamtvolumen
     
Dänemark Kopenhagen 3 %
Frankreich Paris 30 %
Kenia

Nairobi 40 %
Südafrika
Johannesburg 42 %
Jordanien
landesweit 48 %
Albanien landesweit bis zu 75 %
Quelle: Postel, Sandra / Vickers, Amy: Die Wasserproduktivität steigern, in: World Watch Institute (Hg.): Zur Lage der Welt 2004 – Die Welt des Konsums, Münster 2004, S. 131.

In wasserarmen Gebieten wie z.B. in Sub-Sahara-Afrika ist eine bessere Nutzung des anfallenden Regens durch einfache, kostengünstige Maßnahmen zu erzielen. Auf kleinen Flächen kann durch Auffangen von Regenwasser („Rainwater harvesting“), verbessertes Landmanagement und gemischte Land-Forstwirtschaft nicht nur Wasser gespart, sondern auch die Sicherheit der Nahrungsmittelversorgung verbessert werden.

Von zentraler Bedeutung ist jedoch die Verbesserung der Effizienz der Bewässerung. In wasserarmen Industriestaaten wie Kalifornien, Israel oder Australien erreichen die großen kommerziellen Farmen mehr Ertrag pro eingesetzter Wassermenge, indem sie komplexe, häufig computergesteuerte Mikrobewässerungssysteme („Tröpfchenbewässerung“) einsetzen, die die Pflanzen zum optimalen Zeitpunkt mit der optimalen Wassermenge versorgen.36) Durch pfiffige Innovationen wurden inzwischen aber die Voraussetzungen geschaffen, die es auch kleineren und ärmeren Landwirten erlauben, an der technologischen Revolution der Wasserbewirtschaftung teilzuhaben.

Tröpfchenbewässerungstechniken, zu denen auch arme Bauern Zugang haben, gibt es in unterschiedlicher Form. Für den Gemüseanbau in Haushaltsgärten wurden preiswerte kleine Selbstbauanlagen mit Eimern und Tropfvorrichtungen entwickelt. International Development Enterprises, eine internationale nichtsstaatliche Organisation, spielt bei der Überwindung der Kostenbarriere eine wichtige Rolle. Eines der von ihr entwickelten Modelle verwendet im Handel erhältliche Tuchfilter und Plastikbehälter anstelle empfindlicher Tropfvorrichtungen aus Metall.37)

Die Mikrobewässerung gilt als die innovativste der neu entstandenen Technologien zur Wasserbewirtschaftung. Sie bietet ein enormes Potenzial. Tropftechnologien benötigen erheblich weniger Wasser als Oberflächenbewässerung, sie bringen es direkt an die Pflanzen heran und verringern Versalzung und Vernässung der Böden.38)

Ein wichtiger Ansatz zur Dämpfung der Wassernachfrage in trockenen Regionen ist die Idee der Ausweitung des Handels mit „virtuellem Wasser“. Darunter versteht man das Wasser, das gebraucht wird, um Lebensmittel herzustellen. In einem Kilo Bananen stecken beispielsweise 1.000 Liter virtuelles Wasser, bei Reis sind es schon 3.000 Liter, bei Tee 10.000 und bei Kaffee sogar 20.000 Liter.39) Es geht darum, in globaler Sicht den Anbau solcher wasserintensiver Produkte dort zu konzentrieren, wo genügend H2O vorhanden ist.

Wasserarme Regionen sollen gar nicht versuchen, solche Produkte selbst anzubauen, sondern sie lieber importieren. Das ist der Kern dieses Ansatzes. So könnte man sich beispielsweise einen Handel zwischen Europa und den Ländern Nordafrikas vorstellen, bei dem Sonnenenergie aus der Wüste in Form von Strom oder Wasserstoff getauscht wird gegen wasserintensive Nahrungsmittel aus Europa. Hermann Lotze-Campen, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung, kommentiert diese Idee:

Sie „ könnte unter den derzeit prognostizierten Klima- und Niederschlagsverhältnissen zu einer wirksamen Arbeitsteilung und einer effizienten Wassernutzung führen.“40)

Der Agrarwissenschaftler gehört zu den eifrigen Verfechtern der gezielten Ausweitung des Handels mit virtuellem Wasser:

„Der internationale Güterhandel, insbesondere mit Agrarprodukten und dem darin enthaltenen ‚virtuellen’ Wasser, könnte eine wichtige Rolle bei der Steigerung der globalen Effizienz in der Wassernutzung spielen. Wasserarme Regionen könnten vermehrt wasserintensive Produkte, wie z.B. Getreide, importieren, so dass mehr Wasser für außerlandwirtschaftliche Zwecke zur Verfügung stünde. Internationale Handelsströme richten sich vor allem nach ökonomischen Gesichtspunkten, so dass bei einer realistischen Preisgestaltung auch regionale Wasserknappheiten in das ökonomische Kalkül eingehen würden.“41)

Der Nahe Osten ist eine der trockensten Regionen der Welt. Israel und Jordanien nutzen den Jordan zur Trinkwassergewinnung und Bewässerung. Der Fluss transportiert nur noch wenig Wasser in das Tote Meer, das sich jährlich um rund einen Meter weiter vom Ufer zurück zieht.
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Die UNDP schätzt das Volumen des Handels mit virtuellem Wasser auf 1,34 Billionen Kubikmeter im Jahr 2000. Dies bedeutet eine Verdreifachung des Umfangs seit 1960 und entspricht etwa einem Viertel des Wassers, das weltweit für den Anbau von Nahrungsmitteln benötigt wird.42) Für manche Länder, insbesondere im Nahen Osten und in Nordafrika, ist der virtuelle Wasserhandel bereits ein integraler Bestandteil nationaler Strategien für eine zukunftssichere Nahrungsmittelversorgung. Würde z.B. Ägypten soviel Getreide selbst anbauen wie es importiert, wäre dazu ein Sechstel des Wassers des Nasser-Stausees, des Hauptspeicherbeckens des Assuan-Staudamms, erforderlich.43)

Ein krasses Beispiel für die negativen Folgen der Nichtnutzung des virtuellen Wasserhandels liefert dagegen Saudi-Arabien. Das Land ging in den 1980er Jahren dazu über, seine Gewinne aus dem Erdölgeschäft zu verwenden, um aus einem nicht erneuerbaren fossilen Grundwasserleiter Bewässerungswasser für den Anbau von Weizen in der Wüste abzupumpen. Durch staatliche Subventionen für die Bewässerungsanlagen erreichte Saudi-Arabien zunächst die Selbstversorgung mit Weizen und wurde schließlich zu einem wichtigen Exporteur.

Bis heute wird fast ein Drittel der kulturfähigen Fläche für den bewässerten Weizenanbau genutzt. Schätzungen zufolge liegen die Erzeugungskosten selbst ohne Berücksichtigung der Subventionen vier- bis sechsmal so hoch wie der Weltpreis. Ökonomisch konnte sich das reiche Land dies leisten, aber ökologisch nicht. Sehr spät wurde die tatsächliche Bedeutung der unwiederbringlichen Zerstörung des fossilen Grundwasserleiters erkannt. Erst 2004 warf der Staat das Ruder herum und verabschiedete eine neue Wassereinsparungsstrategie, um wenigstens noch die Reste des Grundwassers zu erhalten.44)

Der andere Weg zur Lösung der Wasserkrise besteht in der Vermehrung des Angebots an sauberem Trinkwasser. Zu diesem Zweck bieten sich beispielsweise die Aufbereitung und Wiedernutzung von Abwasser, die Vermeidung von Wasserverschmutzung, das Auffangen und Speichern von Regenwasser (etwa in Zisternen) oder – wie in China und Indien tatsächlich geplant – die Umleitung von großen Flüssen in Trockengebiete an. Letztere Möglichkeit wird wegen der unübersehbaren ökologischen Folgen jedoch von vielen Experten sehr kritisch beurteilt.

Meerwasser-Entsalzung

97,5 Prozent des Wassers auf der Erde sind Salzwasser. Die Meerwasser-Entsalzung scheint der Königsweg, um dem Mangel an Süßwasser zu begegnen. Sie ist allerdings energieintensiv und teuer. Nur wenige Staaten entsalzen daher Meerwasser in großem Stil, darunter Israel und die Golfstaaten.
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Ein eleganter Weg, der Wasserknappheit entgegenzuwirken, scheint auf den ersten Blick das Anzapfen der riesigen Vorräte an Meerwasser zu sein, indem man diesem das Salz entzieht. Und in der Tat werden heute in 120 Ländern mehr als 12.500 Meerwasser-Entsalzungsanlagen betrieben.45)

Das Meerwasser kann durch zwei Techniken vom Salz befreit werden: Entweder wird das Wasser verdampft und dabei Frischwasser gewonnen oder – und das ist die modernste Technik – das Meerwasser wird durch eine Membran gepresst, wobei die Salzmoleküle zurückgehalten werden (Umkehrosmose).

Doch die Meerwasser-Entsalzung hat ihre Grenzen. Zum einen macht sie nur für Staaten Sinn, die an einem Meer liegen, ein Transport des so gewonnenen Wassers über Rohrleitungen in die Binnenländer wäre viel zu teuer. Zum anderen sind die Kosten für die Entsalzung sehr hoch, so dass sich nur verhältnismäßig reiche Staaten diese Technik in größerem Maßstab leisten können, obschon die Kosten in den letzten zehn Jahren deutlich gesunken sind: von mehr als einem Dollar pro Kubikmeter Wasser auf heute weniger als die Hälfte.46)

Die Kapazitäten zur Meerwasser-Entsalzung sind stark konzentriert: Der Großteil entfällt auf die Golfstaaten mit Schwerpunkt in Saudi-Arabien. Israel gewinnt mittlerweile ein Viertel seines Haushaltsfrischwassers durch Entsalzung. Auch in den USA und Großbritannien stehen moderne Wasserentsalzungsanlagen, China und Spanien planen größere Investitionen.47) Da die Meerwasser-Entsalzungsanlagen einen relativ hohen Energieverbrauch haben, ist der Preis des gewonnenen Wassers von den Energiepreisen abhängig.

Die Zukunft der Meerwasser-Entsalzung könnte deshalb in der Nutzung der Solarenergie liegen: So wurde in Bayern der Prototyp einer kleinen Anlage entwickelt, die im Prinzip ähnlich wie ein Sonnenkollektor arbeitet und die zu einer weiteren Kostenreduktion führen kann. Eine auf Gran Canaria errichtete Anlage erbrachte jedenfalls sehr zufriedenstellende Testergebnisse.48)

Wassergewinnung aus der Luft?

Relativ wenig bekannt ist, dass es auch die Möglichkeit gibt, Wasser aus der Luft zu gewinnen. So enthält die Erdatmosphäre rund zehnmal mehr Wasser als alle Flüsse der Welt zusammen, weshalb schon viele Ingenieure auf die Idee gekommen sind, dass man dieses gewaltige Potential nutzen sollte.

Das funktioniert im Prinzip sogar in der Wüste. Auch dort ist eine gewisse Luftfeuchtigkeit stets vorhanden, die frühmorgens als Tau ausfällt – etwa sieben Gramm Wasser pro Tausend Liter Luft. Schon seit etwa 60 Jahren tüfteln ganze Forschergenerationen an einem funktionierenden System, um aus diesem Tau Trinkwasser zu gewinnen, bislang ohne durchschlagenden Erfolg.

Doch vor einigen Jahren scheint, wie die Süddeutsche Zeitung berichtete,49) einem Bremer Forschungsteam der Durchbruch gelungen zu sein. Die von ihm gebaute Anlage funktioniert zufriedenstellend – zumindest im Laborversuch. Die Wissenschaftler haben einen wasseranziehenden und absorbierenden Stoff aus verschiedenen Kunststoffen, aus Kohle und aus Zeolithen (das sind Silikate, die in ihrem Kristallgitter relativ große Mengen Wassers zu binden vermögen) entwickelt, der bis zu 1.000 Liter Wasser pro Tag anzusaugen vermag. Die genaue Zusammensetzung des Bremer Absorbers bleibt bis zur Patentierung natürlich unter Verschluss.

Um das Wasser aus dem kristallinen Speicher wieder herauslösen zu können, ist Wärme nötig. Die Energie hierfür soll durch Sonnenkollektoren gewonnen werden – Solarenergie ist in der Wüste reichlich vorhanden. Der größte Vorteil dieser Technik: Der Bau teurer Rohrleitungen von Entsalzungsanlagen zu entlegenen Orten würde damit überflüssig. So würden sich Gebiete, die weiter als hundert Kilometer von der Küste entfernt liegen, mit dieser Technik weitaus kostengünstiger versorgen lassen als mit Meerwasser-Entsalzungsanlagen.

Die ersten Interessenten haben sich in Bremen bereits gemeldet: Es sind Unternehmen der Erdölindustrie, deren Trupps meist abseits der Zivilisation unter glühender Sonne arbeiten. Eine erste Testanlage nordwestlich der jordanischen Hauptstadt Amman ist in Planung.

Einen anderen Ansatz verfolgt die deutsche Technologiefirma Aqua Society in Herten. Ihr Verfahren zur Gewinnung von Trinkwasser aus der Luft basiert auf einer Kombination aus Wasseraufbereitung und Kältetechnik. Die Firma hat ein Gerät von der Größe eines überdimensionierten Kühlschranks entwickelt, das durch Herunterkühlen von Luft über die Kondensation von Feuchtigkeit Trinkwasser gewinnt.

Die Technik stammt ursprünglich aus dem Bergbau, wo sie zum Austausch der heißen Luft in tiefen Stollen eingesetzt wird. Ein paar dieser Geräte sind bereits im Einsatz. Sie erzeugen bis zu 840 Liter Wasser pro Tag und verfügen über einen eigenen Energiekreislauf, so dass der zusätzliche Energiebedarf relativ gering gehalten werden kann.

Eine solche Anlage steht in den Vereinigten Emiraten und hat eigentlich den Zweck, Lager- und Betriebshallen zu kühlen. Trinkwasser entsteht dabei als Nebenprodukt. Trotz der relativ trockenen Luft in der Region könne mit der Ausbeute einer Maschine der Wasserbedarf von 200 Menschen gedeckt werden, erklärte Hubert Hamm, der Leiter der kleinen Firma.50)

Einen ersten Großauftrag erhielt das 2004 gegründete Unternehmen nach eigenen Angaben aus der Elfenbeinküste. Die dortige Regierung hat im Zuge eines Siebenjahresvertrages Anlagen im Wert von mehr als drei Millionen Euro bestellt. Dort sollen Krankenhäuser, Schulen und andere öffentliche Einrichtungen mit Kühl- und Trinkwassergewinnungsanlagen ausgerüstet werden.

Ob sich die neuen Wassergewinnungstechniken in der Praxis bewähren werden, kann nur die Zukunft zeigen. Doch eine einzelne Technologie, wie verheißungsvoll sie auch erscheinen mag, wird das Wasserproblem der Welt nicht lösen. Das wird nur gehen, wenn alle Ansätze verfolgt, alle geplanten Maßnahmen zugleich verwirklicht werden. Der schon mehrfach zitierte Bericht der UNDP mahnt zu äußersten Anstrengungen und unterstreicht die Dimension des Problems:

„Angesichts der Bedrohung durch den Klimawandel und des wachsenden Drucks auf die Frischwasserressourcen unserer Erde könnte sich die Herausforderung, die Wasserkrise im 21. Jahrhundert zu bewältigen, als eine der schwierigsten erweisen, die es je in der Geschichte der Menschheit gab“.51)


Dr. Zdenek Zofka ist Referatsleiter in der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit.

Fußnoten

1 Fischer Weltalmanach 2008 – Zahlen, Daten, Fakten, Frankfurt a.M. 2007, S. 727.

2 Ebd.

3 Wolfram Mauser: Wie lange reicht die Ressource Wasser? Vom Umgang mit dem blauen Gold, Frankfurt a. M. 2007, S. 107.

4 Fischer Weltalmanach (wie Anm. 1), S. 727.

5 UNDP (United Nations Development Programme): Bericht über die menschliche Entwicklung 2006. Nicht nur eine Frage der Knappheit: Macht, Armut und die globale Wasserkrise, Berlin 2006 (deutsche Ausgabe hg. v. d. Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen), S. 173. Fortan abgekürzt als HDR (Human Development Report).

6 Heinz Gmelch: Wasser – eine knappe Ressource, Wandzeitung mit Textheft, hg. v. d. Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, Nr. 2, 2007, S. 3 (siehe Rückseite dieses Heftes).

7 Fischer Weltalmanach (wie Anm. 1), S. 727.

8 Ebd., S. 278.

9 Ebd., S. 272.

10 HDR (wie Anm. 5), S. 166.

11 Gmelch (wie Anm. 6), S. 8.

12 Eigene Berechnungen auf der Grundlage der Daten in HDR (wie Anm. 5), S. 349 ff. Erstaunlicherweise ist die (negative) Korrelation zwischen Zugang zu frischem Trinkwasser und der Kindersterblichkeit (r = -0,59) viel klarer erkennbar als die Korrelation zwischen Sanitärversorgung und Kindersterblichkeit (r = -0,27).

13 HDR (wie Anm. 5), S. 6.

14 Ebd., S. 8.

15 Ebd., S. 3.

16 Ebd., S. 9.

17 Ebd., S. 9.

18 Ebd., S. 1.

19 Fischer Weltalmanach (wie Anm. 1), S. 728.

20 Ebd.

21 Ebd., S. 727.

22 Gmelch (wie Anm. 6), S. 10.

23 Ebd., S. 11.

24 Ebd., S. 12.

25 Ebd., S. 15.

26 Fischer Weltalmanach (wie Anm. 1), S. 729.

27 HDR (wie Anm. 5), S. 88.

28 Ebd., S. 10.

29 Ebd., S. 230.

30 Ebd., S. 82f.

31 Ebd., S. 122.

32 Ebd., S. 130.

33 Ebd., S. 134.

34 Ebd., S. 136.

35 Gmelch (wie Anm. 6), S. 13.

36 HDR (wie Anm. 5), S. 249.

37 Ebd., S. 250.

38 Ebd., S. 249.

39 Siehe www.bmu.de, Wasser_20m_20.pdf.

40 Hermann Lotze-Campen: Wasserknappheit und Ernährungssicherung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 25/2006, S. 13.

41 Ebd., S. 12.

42 HDR (wie Anm. 5), S. 190.

43 Ebd.

44 Ebd., S. 183.

45 Ebd., S. 189.

46 Ebd.

47 Ebd.

48 Süddeutsche Zeitung (23. 02. 1999).

49 Ebd.

50 Süddeutsche Zeitung (31. 08. 2005).

51 HDR (wie Anm. 5), S. 28.

 


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