Von Andrea Livnat
Theodor Herzl (1860–1904)
Alle Fotos: ullstein bild
Tel Aviv im März 2010. Eine Kleinkunstbühne in Jaffa. Die Besucher nehmen auf dem Dach Platz, hüllen sich in Schals, um sich vor der kühlen Brise vom Meer zu schützen. Nach einer kurzen Einführung werden sie ins Innere des Theaters gebeten, ein kleiner beengter Raum, die Bühne schwarz mit einem riesigen Käfig. Darin zwei Menschen, die sowohl um ihren Verstand, die Wahrheit, als auch um die Gunst einer Aufseherin ringen. Die beiden sind keine anderen als Franz Kafka und Theodor Herzl.
Aus Anlass des 150. Geburtstags von Theodor Herzl hat das „Simta Theater“ in Tel Aviv-Jaffa „Es dreht sich“ von Josef Mundi1) neu inszeniert. 1970 uraufgeführt, ist das Stück in Israel auch heute noch sehr bekannt und sogar ein Wahlthema im Lehrplan der Oberstufe.2) Ort der absurden Begegnung zwischen Kafka, Herzl und einer Aufseherin ist eine geschlossene Nervenheilanstalt in Israel. Bereits der Titel des Stückes spielt auf den Geisteszustand der Beteiligten an, „es dreht sich ihm der Kopf“ meint im umgangssprachlichen Hebräisch „er spinnt“. Kafka und Herzl bzw. die beiden Männer, die sich als solche bezeichnen, werden also als geisteskrank dargestellt; und die Figur Herzl sieht die sie umgebende Realität als verrückt an, denn der Staat könne noch nicht existieren, da er sich noch als Idee in seinem Kopf befinde.3)
In den siebziger Jahren war Mundis Stück sehr provozierend, immerhin stellte er zwei kulturelle Helden der jüdischen Geschichte als Geisteskranke dar. Aber er deutete auch an, dass der Staat Israel „verrückt“ sei bzw. von Herzl nur als irreal angesehen werden könne. Die damit verbundene Kritik am Zustand von Staat und Gesellschaft steht symbolisch für die Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 und die Suche nach pluralistischeren Sichtweisen der israelischen Wirklichkeit.
Die Neuinszenierung von 2010 ändert die ursprüngliche Handlung leicht ab und spitzt die gewaltsamen Momente im Zusammentreffen der beiden Insassen zu. Herzl symbolisiert die Treue zu nationalen Werten und stellt sich gegen Ende als Agent der Nervenklinik heraus, der den Geistesmenschen Kafka gewaltsam brechen will. Der Sieg Herzls bedeutet eine Niederlage für Meinungsfreiheit und Weltoffenheit.
Dieses aktuelle Beispiel aus der Kulturszene des Landes ist in mehrfacher Hinsicht typisch für den Umgang Israels mit dem Andenken an Theodor Herzl, der im Folgenden nachgezeichnet wird. Herzl wurde zu einer der wichtigsten Symbolfiguren im kollektiven Gedächtnis des Landes. Die Veränderungen des Gedenkens an den Begründer der zionistischen Bewegung zeigen die Geschichte Israels und seiner Gesellschaft in einer Art Vogelperspektive.
Theodor Herzl in seinem Arbeitszimmer in Wien mit seinen Kindern
1891 bekam Herzl den begehrten Posten des Pariser Korrespondenten der Neue Freien Presse. Dort geriet er, wenn auch zunächst nur als Beobachter, zum ersten Mal in unmittelbare Nähe zur Politik. Seine Erfahrungen bei der Berichterstattung über die Dreyfus-Affäre5) waren entscheidende Momente, die aus dem assimilierten Wiener „Salon-Juden“ einen Zionisten machten. Die „Judenfrage“ hatte Herzl jedoch bereits lange Zeit beschäftigt. Er war nicht nur selbst mit Antisemitismus konfrontiert worden, sondern musste auch beobachten, wie die liberale Ordnung in Österreich durch die zunehmenden Wahlerfolge des Antisemiten Lueger6) ins Wanken geriet. 1893 war Herzl zu dem Schluss gelangt, dass man die Judenfrage nicht alleine mit Vernunft lösen könne, sondern Taten folgen müssten.
Im Mai 1895 schrieb Herzl zunächst an den jüdischen Philanthropen Baron Maurice de Hirsch und stellte ihm bei einem persönlichen Treffen seine Idee vor. Der Baron war von diesen Plänen jedoch nicht beeindruckt. Herzl arbeitete seine Skizze für dieses Treffen schließlich weiter aus, sodass am 14. Februar 1896 seine programmatische Schrift „Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage“ veröffentlicht wurde. „Der Gedanke, den ich in dieser Schrift ausführe, ist ein uralter. Es ist die Herstellung des Judenstaates“,7) heißt es in der Vorrede. Herzl entwarf detaillierte Pläne zu Aufbau, Masseneinwanderung, Finanzierung und Gemeinwesen dieses Staates. Dabei schlug er als mögliches Territorium Palästina oder Argentinien vor.

Herzl begann für seine Pläne Unterstützung in der Politik zu suchen und begab sich auf zahllose Reisen zu den Herrschern Europas. Im Juni 1897 gründete er die Wochenzeitung Die Welt als zionistisches Organ und gab dafür über die Jahre sein Privatvermögen hin. Für August 1897 hatte Herzl den ersten Zionistenkongress einberufen. Ursprünglich in München geplant, was am Widerstand der Jüdischen Gemeinde scheiterte,9) trat der Kongress am 29. August 1897 im Stadtcasino von Basel zusammen. Im Rückblick auf dieses Ereignis notierte Herzl die berühmt gewordenen Worte in sein Tagebuch: „Fasse ich den Baseler Kongreß in ein Wort zusammen – das ich mich hüten werde, öffentlich auszusprechen –, so ist es dieses: in Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universales Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig wird es jeder einsehen.“10)
Herzl konnte zunächst nur kleine Erfolge bei seinen unermüdlichen Bemühungen verbuchen, auf diplomatischem Wege die Sympathie der Herrscher Europas für die zionistische Sache zu gewinnen. Die Anstrengungen ließen seine Gesundheit leiden. Wegen Herzproblemen musste er immer wieder Kuraufenthalte wahrnehmen. In einem Brief an David Wolffsohn, seinen späteren Nachfolger, schrieb er im Mai 1904: „Machet keine Dummheiten, während ich tot bin.“11) Theodor Herzl starb am 3. Juli 1904.
David Ben Gurion (1886–1973) verliest die israelische Unabhängigkeitserklärung am 4. Mai 1948.
Tatsächlich sollten nur wenig mehr als fünfzig Jahre vergehen, bis David Ben Gurion am 14. Mai 1948 die Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel verlas, unter einem Bild von Theodor Herzl. Die Erwähnung Herzls in der Unabhängigkeitserklärung und die Bezeichnung als „Prophet des Staates“12) prägten diesen Begriff, der bis heute wie ein Synonym genutzt wird, unmissverständlich auf ihn.
In den Jahren nach der Staatsgründung gab es einige beachtliche Stationen, die das Gedenken an Herzl in Israel formten. Dabei nutzten David Ben Gurion und die übrigen Entscheidungsträger die einende Kraft, die Herzl als Symbol hatte, zu einer Zeit, in der es galt, Selbstbewusstsein und Identifikation der Bürger mit dem jungen Staat zu stärken.
Nach kurzfristigem Beschluss14) war für den 27. Juli 1948, also knapp sechs Wochen nach Staatsgründung und inmitten des Unabhängigkeitskrieges, die erste Militärparade des jungen Staates anberaumt worden. Als Termin wurde das hebräische Datum des 20. Tamus gewählt, der Todestag Herzls,15) der zum „Staatstag“ ernannt wurde. „Mit Freude und Begeisterung empfingen die Massen in Tel Aviv die erste Truppenparade des jungen Staates Israel; mit Stolz und Liebe wurden die Reihen der Volksarmee bei ihrem Vorübergehen durch Tel Avivs Straßen empfangen“,16) berichtete die Tageszeitung Al ha-mischmar. In den schweren Tagen der kriegerischen Auseinandersetzung, die die mühsam errungene Unabhängigkeit zu zerstören drohte, demonstrierten die vorüberziehenden Soldaten und Soldatinnen in Waffen, die beteiligten Flugzeuge der Luftwaffe und die Marine Stärke und Stolz und setzten die Armee als zentrales Element des Staates im Bewusstsein der Zuschauer fest.
Im Jahr darauf wurde die Verbindung zwischen Herzl und der Armee, die als Verwirklicherin seiner Vision verstanden wurde, noch enger geknüpft. Nachdem die große Militärparade, mit der im Mai 1949 der erste Unabhängigkeitstag gefeiert werden sollte, als „Marsch, der nicht marschierte“17) in die Geschichte einging, deklarierte die Regierung den Herzl-Tag 1949 kurzerhand zum „Armeetag“ um. Die Feierlichkeiten begannen mit einem festlichen Appell im Stadion am Stadtrand von Tel Aviv, bei dem etwa 8.000 geladene Gäste und weitere 40.000 Zuschauer anwesend waren. Im Anschluss setzte sich die Militärparade in Gang, die größte, die das Land bisher gesehen hatte. In der Palestine Post berichtete Monty Jacobs, dass die Parade genau 92 Minuten brauchte, um an ihm vorbeizuziehen.18) In den Straßen der Stadt seien nach Polizeiangaben 150.000 Menschen versammelt gewesen.
Doch bereits 1950 wurde der 20. Tamus wieder ausschließlich als Herzls Todestag begangen. Aufgrund der zeitlichen Nähe zum Unabhängigkeitstag entschied sich Ben Gurion letztendlich, den Armeetag zu streichen. In der Rückschau erscheint es so, wie die Zeitung Davar am Tag vor der großen Militärparade im Juli 1949 konstatierte, der Armeetag markiere „das Ende einer kurzen historischen Periode, die das Schicksal des Volkes für Generationen festlegte“.19) Der Armeetag stand nicht nur am Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen, er stand auch am Ende eines Formierungsprozesses der Feiertage des jungen Staates. In Bezug auf Herzl stand das große Ereignis, die Überführung seiner Gebeine nach Israel, noch bevor.
Theodor Herzls Grab in Wien
Herzl, der in seinem letzten Willen festgehalten hatte, man möge seine Leiche nach Palästina überführen,20) wurde 1904 in Wien beigesetzt. Die Zionistische Organisation bemühte sich Jahrzehnte um die Umsetzung dieses Wunsches. Die unsichere politische Situation in Palästina und schließlich der Aufstieg des Nationalsozialismus durchkreuzten jedoch jeden Ansatz. Von Beginn an drehten sich die Diskussionen innerhalb des extra gegründeten Komitees zur Überführung um den passenden Ort des Grabes. Adolf Böhm, der vom 19. Zionistenkongress als Experte für die Frage der Überführung gewählt worden war, legte im Mai 1935 ein ausführliches Gutachten vor .21) Darin plädierte er ausdrücklich für Haifa. Herzl habe nicht nur selbst Freunden gegenüber gesagt, dass er am Karmel begraben werden wolle, es entspreche auch seiner universalistischen Geistesrichtung, „dass er auf einem Punkte ruhen wollte, der die Fernsicht nach Ost und West hat“. Im Hafen von Haifa ankommende Neueinwanderer könnten als erstes zu Herzls Grab aufblicken, „nichts könnte an symbolischer, man möchte fast sagen mystischer Kraft wirksamer sein für die Herzlgestalt und Herzllegende“.
Theodor Herzls Grab auf dem „Herzl-Berg“ in Jerusalem
Herzls Grab wurde auf einem Hügel im Westen der Stadt angelegt, der mit 835 Höhenmetern der höchste Punkt Jerusalems ist und damals Ausblick auf große Teile der Stadt und die umliegenden jüdischen Siedlungen bot. Die Knesset behandelte und verabschiedete das Gesetz zur Überführung der Gebeine Theodor Herzls am 10. August 1949.23) Die Überführung begann am Montag, dem 14. August 1949, mit der Öffnung des Familiengrabs in Wien. Die Särge von Herzl, seinen Eltern und seiner Schwester wurden in der Synagoge Tempelgasse aufgebahrt und am folgenden Tag nach Israel geflogen, wo am Flughafen Lod ein Staats-empfang stattfand. Der Sarg wurde dann zunächst in Tel Aviv auf dem Platz vor der Knesset aufgebahrt, damit die Öffentlichkeit von Herzl Abschied nehmen konnte.24)
Am folgenden Tag wurde der Sarg von einer Patrouille nach Jerusalem begleitet, wo er erneut aufgebahrt wurde und für die Öffentlichkeit zugänglich war. Am Begräbnis selbst waren 6.000 geladene Gäste zugegen. Der Sarg wurde von den Ehrenwachen und einem Teil der Gäste zum „Herzl-Berg“, wie der Hügel im Westen der Stadt nunmehr genannt wurde, begleitet. Tausende säumten die Straßen. Rund um das Grab, das genau auf dem Gipfel des Hügels angelegt worden war, wurden 44 Fahnen, die 44 Lebensjahre Herzls symbolisierend, auf Halbmast gesetzt. Die Ehrengarde trug Abzeichen mit dem Schriftzug „nehmt dann meine Gebeine von hier hinauf“, ein Vers aus Exodus,25) Bezug nehmend auf Moses, der Josefs Gebeine mit sich nahm. Repräsentanten der jüdischen Siedlungen des Landes streuten mitgebrachte Erde in das Grab.26) Herzls Eltern und seine Schwester Pauline wurden einige Meter von Herzls Grab entfernt bestattet. Die gesamte Symbolik der Zeremonie stellte den Anspruch des jüdischen Volkes auf das Land in den Vordergrund. Herzls Grab wurde zum Sinnbild der Einheit des jungen Staates und seiner Hauptstadt Jerusalem.
Die Bedeutung des Herzl-Berges als Zeichen der nationalen Wiedergeburt wurde durch den Entschluss zum Bau der Holocaust-Gedenkstätte Jad wa-schem 1953 noch verstärkt. Der Herzl-Berg befindet sich seitdem zwischen dem Symbol für die Zerstörung der Souveränität und die Vertreibung in die Diaspora, der Klagemauer in der Jerusalemer Altstadt, und der Gedenkstätte Jad wa-schem, die für die Vernichtung des jüdischen Lebens in der Diaspora steht.
Jitzchak Rabins (1922–1995) Grab auf dem „Herzl-Berg“
Noch vor dem Staatsbegräbnis wurde der Beschluss gefasst, dass an den Hängen des Berges ein Militärfriedhof errichtet werden soll.27) Ein weiterer Teil, der die Gräber der „Großen der Nation“ beherbergt, wurde von Ben Gurion anlässlich des Todes von Finanzminister Elieser Kaplan im Juli 1952 angelegt.28) In dieser Sektion sollten hohe israelische Politiker und deren Angehörige ihre letzte Ruhe finden.29) Dieser Teil des Berges rückte 1995 ins Bewusstsein der internationalen Öffentlichkeit, als sich die Aufmerksamkeit der ganzen Welt bei der Beerdigung des ermordeten Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin auf den Jerusalemer Hügel richtete.30)
1954 und 1960, Herzls 50. Todes- und 100. Geburtsjahr, wurden als „Herzl-Jahre“ mit zahlreichen Veranstaltungen ausgerufen. 1960 wurde am Herzl-Berg schließlich ein Museum eingerichtet, das – neben dem originalen Arbeitszimmer Herzls – sein Leben und Werk zeigte. Dennoch äußerte sich beispielsweise der deutsche Zionist Kurt Blumenfeld pessimistisch: „Von dem wirklichen Herzl weiß niemand etwas und will niemand etwas wissen. Er ist heiliggesprochen. Die Herzl-Saga, die heute lebt, ist sehr dürftig. Sie genügt Ben Gurion und den heutigen Führern des Staates für einen logos epitaphos, eine Trauerrede, die nichts von Herzl, dafür viel von der gängigen Israel-Rhetorik enthält.“31) Tatsächlich beschreiben diese Worte vom April 1960 das Gedenken an Herzl treffend.
Als 1948 die endgültigen Vorkehrungen für die Überführung von Herzls Gebeinen nach Israel in die Wege geleitet wurden, entschied man sich bewusst gegen die Erfüllung von Herzls Wunsch, wonach auch seine Kinder mit ihm überführt werden sollten.33) Die Eltern und Schwester Pauline wurden zwar ebenfalls am Herzl-Berg bestattet, jedoch in deutlichem Abstand, sodass Herzls Grab für sich alleine steht. In Israel unter seinem hebräischen Namen Binjamin Seew bekannt, wurde auch die Tatsache verdrängt, dass er aus einem assimilierten deutsch sprechenden Haus stammte und fest in der deutschen Kultur verankert war. Dies ist nicht allein in den historischen Ereignissen nach Herzls Tod begründet, die in der Schoa gipfelten, sondern spiegelt die allgemein ablehnende Haltung gegenüber der Diaspora wider, die sog. „Ablehnung des Exils“.34)
Erst in den vergangenen 10 bis 15 Jahren deutete sich eine erneute Wende in der Erinnerung an Herzl an. Die Veränderungen von einer stark ideologisch geprägten Gesellschaft, die versucht, ihre Neueinwanderer zu integrieren und sich existenziellen Gefahren ausgesetzt sieht, über eine Normalisierung hin zu zunehmender Individualisierung und Ethnisierung, und schließlich die Diskussion um das Auftreten des „Postzionismus“ und die zukünftige Ausrichtung Israels riefen eine Rückbesinnung auf Herzl hervor.35)
Diese Entwicklung ist nicht nur im politischen Bereich zu sehen. So zeigt etwa die Darstellung von Leben und Werk Theodor Herzls in israelischen Schulbüchern die Veränderungen im Umgang des Staates mit seinem „Pro-pheten“ besonders deutlich.36) Die verschiedenen Generationen von Schulbüchern stellen Herzl im jeweiligen Geist der Zeit dar und heben die für besonders wichtig erachteten Gesichtspunkte seines Lebens und seines Werks hervor.
Die ersten Schulbücher, die bereits vor der Staatsgründung bis in die siebziger Jahre hinein in Gebrauch waren, zeigten Herzl als Verkörperung der zionistischen Bildungsideale. So heißt es im Vorwort von „Herzl für Schüler“, einem Lehrbuch mit Hilfsmaterialien für Lehrer und Jugendgruppenleiter aus dem Jahr 1955, Herzl verkörpere den Glauben an das jüdische Volk, Vertrauen in Kultur und Wissenschaft, die Liebe zum Heimatland und die Bedeutung der Arbeit.37) Das Lehrbuch versammelt Unterrichtseinheiten rund um Leben und Werk Theodor Herzls, wobei „das Hauptziel unseres Themas ist: Identifizierung eines jeden Kindes mit dem zionistischen Streben und der zionistischen Gesamtheit.“
Zu den Feierlichkeiten von Herzls 100. Geburtsjahr wurden besondere Unterrichtsmaterialien herausgegeben. „Unser Herzl“ heißt beispielsweise eine Reihe von Lehrbüchern, die die Klassen eins bis acht umfasst. Die historischen Fakten stehen, nicht nur in dieser Serie, deutlich im Hintergrund. Besonders um die Kindheit Herzls rankten die Lehrbücher der ersten Generation zahlreiche Legenden und illustrative Geschichten. Immer wieder wird in den Lehrbüchern der ersten Generation der hohe Grad der Assimilation von Herzls Familie verschwiegen, mehr noch, Herzl wird ein tiefes Verständnis seines Judentums zugeschrieben. Ein Judentum, das nicht religiös, sondern national definiert ist.
Eines der deutlichsten Beispiele dieser „Umdichtung“ ist ein Textbeitrag mit dem Titel „Jehudi Ani“ („Ein Jude bin ich“), der in einem Lehrbuch mit Textsammlung zu den Feierlichkeiten von Herzls 100. Geburtstag abgedruckt und als Vorschlag für ein Theaterstück für die Klassen 6 und 7 gedacht ist.38) Das Stück spielt an Theodor Herzls zehnten Geburtstag. Im festlich angeordneten Wohnzimmer der Familie Herzl unterhält sich Pauline, Herzls Schwester, mit der Haushaltshilfe über ihren Bruder und weist sie zurecht, nicht den Namen „Theodor“ zu benutzen. Denn ihr Bruder könne es nicht leiden, bei seinem „fremden“ Namen genannt zu werden und er habe seine jüdischen Freunde darum gebeten, ihn nicht mit diesem Namen zu rufen, der seinem Herzen fremd sei. Pauline habe ihren Bruder sagen hören: „Sind die Namen der Helden unseres Volkes schlechter als die Namen „Fritz“, „Heinrich“ oder „Johann“? Wir sind Juden! Und wir müssen uns nicht schämen, mit den Namen unserer Vorväter oder den Namen unserer Helden gerufen zu werden.“ Daraufhin betritt die Mutter das Zimmer und drückt ihre Sorge darüber aus, dass Herzl sich verändert habe und in letzter Zeit sehr ernst, zu ernst für sein Alter sei. Pauline erzählt daraufhin, ihr Bruder habe ihr von einem Traum berichtet, in dem ihm der Messias erschienen sei und ihm prophezeite, Herzl würde ihm nachfolgen. Moses sei ebenfalls erschienen und habe ihm gesagt, dass er, sobald er groß sei, die Kunde verbreiten solle, dass der Tag nahe sei, an dem die Juden in ihr Land zurückkehren. Schließlich kommt Herzls Vater nach Hause, in Begleitung des Privatlehrers der Kinder, und gemeinsam wartet die Runde auf Binjamin, der aufgebracht aus der Schule zurückkehrt und verkündet, dass er niemals wieder an dieses Gymnasium zurückkehren werde, wo Juden erniedrigt und verhöhnt würden. Nachdem in Budapest keine andere Schule für ihn in Frage komme, erklärt daraufhin der Vater, er werde seine Geschäfte nach Wien verlegen und die ganze Familie werde dort hinziehen.39) Einerseits wird in dem Stück also aus dem der deutschen Kultur stark akkulturierten, durch und durch säkularen Elternhaus Herzls ein Hort jüdischen Nationalbewusstseins. Andererseits wird der Weg Herzls zum Zionismus nicht als das Ergebnis pragmatischer Erwägungen zur Lösung der Judenfrage dargestellt, vielmehr als schicksalsgeleitet, der Figur Moses ähnlich vorbestimmt.
Bereits in den sechziger Jahren begann eine Revision im Erziehungswesen, die in den siebziger Jahren schließlich zum Tragen kam. Die neuen Schulbücher wurden geordnet durch das Erziehungsministerium herausgegeben, waren weniger emotional geschrieben und zeichneten sich durch einen kritischen Bezug auf die vorhergehende Heroisierung der zionistischen Bewegung aus, wenn auch noch immer deutlich genau jene Agenda dahinter stand.40) Es gab keine Sonderpublikationen zu Herzl, die Vermittlung wurde völlig in den Geschichtsunterricht und die dazu gehörigen Bücher implementiert.
Diese Entwicklung sollte im neuen Geschichtscurriculum der neunziger Jahre zur vollen Entfaltung kommen, nicht jedoch ohne breite politische Grundsatzdiskussionen über das Erziehungswesen in Israel auszulösen.42) Die Anfänge des Zionismus‘ und Theodor Herzls Wirken werden allgemein im Zusammenhang mit den nationalen Bewegungen des 19. Jahrhunderts vermittelt.
Auch im Kulturbereich gibt es neben der anfangs aufgeführten aktuellen Inszenierung zahlreiche Beispiele für die Veränderungen im Umgang mit dem Gedenken an Herzl. So war Herzl etwa durch die Jahrzehnte hinweg immer wieder Thema sehr bekannter und beliebter Lieder, von denen hier einige vorgestellt werden sollen.
In den ersten Jahrzehnten des Staates waren sowohl Radio- wie auch Fernsehshows von einem spezifisch israelischen Phänomen dominiert, zu dem auch das erste Beispiel eines Herzl-Hits führt: die Armee-Bands. Vor allem zwischen Mitte der fünfziger und siebziger Jahre haben die Armeebands die israelische Populärmusik dominiert.43) Die Bands bestanden stets aus bis zu einem Dutzend Sängern sowie Musikern, die aus den Reihen der Wehrdienstpflichtigen rekrutiert wurden. In ihrer Glanzzeit, vor allem nach dem Sechs-Tage-Krieg, waren die Bühnenshows der Armee-Bands umfangreiche Produktionen, die sich an amerikanischen Musicals orientierten. So auch das erste Beispiel, aus dem das Lied „Herzl“ stammt. Das von Yoram Taharlev getextete und von Yair Rosenblum komponierte Lied entstand 1972 ursprünglich für ein Musical zum 75. Jahrestag des Ersten Zionistenkongresses, das das „Ensemble Kommando Süd“ aufführen wollte. Der Offizier, der diese Aufführung angeregt hatte, fiel am ersten Tag des Jom-Kippur-Krieges, woraufhin sich das Ensemble auflöste und das Musical nicht gezeigt wurde.44) Das Lied „Herzl“ liegt aber in einer Aufnahme des „Streitkräfte Ensembles“ vor.
Die erste Strophe zählt verschiedene zionistische Führer auf, die alle ihren Anteil an der Aufbauarbeit leisteten: „Wolffsohn brachte dem Staat die Gelder, Nordau brachte die Berühmtheit und den Respekt, Ussischkin gab die Kraft der Generation, Bialik gab ‚El haZipor‘“.45) „Herzl hat dem Staat sein Herz gegeben“ endet die Strophe in mehrstimmigem Gesang. Taharlev habe, wie er selbst schreibt, „am sensibelsten Punkt der persönlichen Geschichte Herzl zu rühren versucht“,46) denn Herzl habe das Teuerste gegeben, seine Gesundheit. Die letzte Strophe beschreibt Herzls Versuche, allen Forderungen gerecht zu werden, wobei ihm selbst nichts geblieben sei, er sein Herz gegeben und die Augen geschlossen habe. Das Lied ist temporeich arrangiert und nutzt die verschiedenen Stimmen des Ensembles, um die dramatischen Höhepunkte zu unterstreichen. Es ist typisch in seinem Stil für den Beginn der siebziger Jahre, als es zu einer Verbindung zwischen aktuellen Trends der Rockmusik und der Vermittlung zionistischer Werte kam.
Ein anderes Beispiel führt zu einer der bekanntes-ten Persönlichkeiten der israelischen Medien- und Kulturlandschaft. Die Künstlerin Rivka Michaeli pendelt bis heute zwischen Radio, Theater, Film, Fernsehen und Satireprogrammen. Ihre Karriere begann die 1938 in Jerusalem geborene Michaeli im Alter von 12 Jahren mit einem Kinderprogramm von „Kol Israel“.47) Bis heute moderiert sie im Radio Gesprächsrunden, die sich großer Beliebtheit erfreuen, steht auf der Bühne und ist täglich im Kinderprogramm zu sehen.48) 1975 brachte sie ihr Soloprogramm „Zusätzliche Stunden“ auf die Bühne, das zwei Lieder über Herzl enthielt, „Benjamin Seew“ und „Inflation“, die sich beide großer Beliebtheit erfreuten.
Herzl wird hier aus einer neuen Perspektive betrachtet, vor dem gesellschaftlichen Hintergrund, der sich nach Ende des Jom-Kippur-Krieges zu zeigen begann, als sich ein Gefühl breit machte, auf dem Boden der Tatsachen gelandet zu sein. Herzls Porträt ist nicht mehr jenes, das in offiziellen Ämtern und Büros hängt, sondern wird durch den Geldschein symbolisiert, was auch auf eine zunehmend materialistische Gesellschaft hinweist.
Rivka Michaelis Lied unterscheidet sich drastisch vom ersten Beispiel, nicht nur, da sie Herzl bereits ausschließlich als Symbol thematisiert, sondern auch aufgrund der satirischen Darstellung. Dies gilt auch für das letzte Beispiel aus jüngs-ter Zeit.
Herzl taucht im Lied „Gabi und Debbi“ aus dem Jahr 2003 der israelischen Hip-Hop-Gruppe „Ha-dag nachasch“50) auf. Gabi und Debbi waren die Hauptfiguren eines gleichnamigen fünfteiligen Englisch-Lernprogramms des israelischen Erziehungskanals aus dem Jahr 1976.51) Die Serie, in der die Geschwister einen Zauberstab finden, der es ihnen ermöglichte, an jeden Ort zu kommen, wurde bis Ende der achtziger Jahre immer wieder ausgestrahlt und ist somit einem Großteil der heute 20–40-jährigen ein Begriff.
„Hört eine kurze Geschichte, vielleicht sogar ein bisschen lustig, über den Tag, als ich Gabi und Debbie traf mit dem magic stick“, rappen „Ha-dag nachasch“. Die beiden, so die Geschichte, haben den Zauberstab verloren und können, nachdem der „Erzähler“ ihn gefunden hat, an jeden Ort der Welt fliegen. Paris ist jedoch nicht zionistisch genug, schließlich sei man im Erziehungskanal, heißt es weiter, woraufhin die drei in Basel landen. Dort finden sie Herzl an der Brüstung lehnend in völliger Entspannung, denn er ist, wie sich herausstellt, bekifft. Der Erzähler kann sich jedoch nicht zurückhalten und von der grausamen und harten Wirklichkeit in Israel erzählen: „Ich erzählte ihm von den Verkehrsunfällen, und ich erzählte ihm von den Behinderten im Streik, ich erzählte ihm von der Viertelmillion Arbeitslosen und ich erzählte ihm von den korrupten Politikern.“ Doch Herzl lächelt nur und antwortet nicht. „Ich versuchte ihm zu sagen, dass es keinen Frieden gibt, und keine Sicherheit, und dass ich es satt habe, in ständiger Angst zu leben. Herzl legte eine Tablette auf meine Zunge und sagte: ‚Wenn Du es schluckst, wird es kein Traum sein.‘“ Schließlich geht die Reise weiter und am Ende zurück ins Jerusalem des Jahres 2002.
In einem Interview sagte Band-Leader Sha‘anan Streett, er habe Herzl keineswegs die Schuld an der Realität in Israel geben wollen: „Es liegt an uns, aus Israel ein normales Land zu machen, nicht an ihm. Aber wir wollten uns über die typischen zionistischen Sprüche lustig machen. Sein Ausspruch ‚Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen‘ zum Beispiel, der klingt heute so weit hergeholt. Jeder will etwas, aber nichts davon wird wahr, die meisten Ziele sind unerreichbar.“52) Herzls Vision eines jüdischen Staates sei noch nicht vollendet: „Um Israel den jüdischen Staat nennen zu können, muss es ein guter Ort zum Leben sein. Und Israel ist kein guter Ort zum Leben. Ich meine damit nicht nur den Terror und die Gewalt zwischen uns und den Nachbarländern, sondern auch die Gewalt innerhalb der Gesellschaft. Es herrscht eine aggressive Atmosphäre auf den Straßen. Es gibt noch viel zu tun in unserem Land.“
Hinter der satirisch überzogenen Geschichte, die Herzl als Drogenkonsumenten porträtiert, steht eine umfassende Kritik an Gesellschaft und Politik Israels, die die Gruppe auch in zahlreichen anderen Liedern zum Ausdruck bringt. Die sich klar links positionierenden Hip-Hopper bringen damit den „Propheten des Staates“, seine Vision und die Realität des Staates Israel im Jahr 2003 erneut ins Gespräch.
Theodor Herzl auf einem Schiff in Richtung Palästina, 1898
In der Rückbesinnung auf Herzl, die in den vergangenen Jahren deutlich wurde, spiegeln sich die Diskussionen um die Zukunft des Zionismus wider. Dabei wurde Herzls ursprüngliche Vision des „Judenstaates“ in letzter Zeit oft als „Patentlösung“ angepriesen. Sowohl rechte wie auch linke Politiker plädieren für die Rückkehr zu Herzl und die ihrer Meinung nach wahren Grundlagen des Zionismus.
Der Unabhängigkeitstag wurde im Zeichen Herzls begangen, und in den Tageszeitungen erschienen zahlreiche Kommentare bekannter Journalisten zur aktuellen Lage Israels und zu Herzls Vermächtnis, die deutlich machten, dass Herzl auch heute noch eine wichtige Inspiration ist.
Das beste Zeugnis von der Präsenz Herzls kam jedoch nicht von offizieller Seite oder aus der Feder eines Journalisten, sondern von der Straße. Seit zwei Jahren sind in den großen Städten des Landes Graffiti von Herzl zu sehen. Unter seinem Porträt ist eine Abwandlung seines berühmten Satzes „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“56) zu lesen: „Lo rozim, lo zarich…“ – „Wenn ihr nicht wollt, müsst ihr nicht…“. Herzl steht so als mahnende Ikone. Auch im 150. Geburtsjahr Herzls gibt es noch immer viel zu tun, um seine Vision eines friedvollen, von gegenseitigem Respekt geprägten „Judenstaates“ zu verwirklichen.
Dr. Andrea Livnat promovierte über Theodor Herzl und ist Autorin für verschiedene Institutionen der politischen Bildung.
1 Josef Mundi wurde 1935 in Bukarest geboren und kam im Alter von 16 Jahren mit seiner Familie nach Israel. Sein Durchbruch als Dramatiker gelang ihm in den sechziger Jahren. „Das dreht sich“ zählt zu seinen erfolgreichsten Stücken und wurde über 1000 Mal aufgeführt. Vgl. Webseite des Instituts zur Übersetzung hebräischer Literatur, http://www.ithl.org.il/author_info.asp?id=182 [Stand: 08. 2008].
2 Vgl. Lehrplan Literatur für die Oberstufe der allgemeinen Schule, Webseite der Abteilung zur Planung und Entwicklung der Lehrpläne des Erziehungsministeriums, http://www.education.gov.il/tochniyot_Limudim/bchira1.htm [Stand: 08. 2008].
3 Josef Mundi, Se mistowew, Tel Aviv 1976, S. 37.
4 Zur Biografie Herzls siehe z. B.: Julius H. Schoeps, Theodor Herzl 1860–1904. Wenn Ihr wollt; ist es kein Märchen. Eine Text-Bild-Monographie, Wien 1995; Steven Beller, Herzl, Wien 1996.
5 Die Affäre um den jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus, der 1894 wegen Spionage angeklagt und verurteilt wurde, spaltete über mehrere Jahre Politik und Gesellschaft in Frankreich und machte den Antisemitismus im Land in vollem Ausmaß erkennbar.
6 Der österreichische Politiker Karl Lueger, der von 1897 bis 1910 Bürgermeister Wiens war, gilt als einer der Erfinder des modernen Antisemitismus, der den Judenhass als Mittel politischer Propaganda nutzte.
7 http://www.zionismus.info/judenstaat/01.htm [Stand: 05. 2010].
8 Siehe Harry Zohn, Die Rezeption Herzls in der jüdischen Umwelt, in: Theodor Herzl und das Wien des Fin de siècle, hg. v. Norbert Leser, Wien u.a. 1987, S. 101.
9 Michael Brenner, Warum München nicht zur Hauptstadt des Zionismus wurde. Jüdische Religion und Politik um die Jahrhundertwende, in: Zionistische Utopie – israelische Realität. Religion und Nation in Israel, hg. v. Michael Brenner/Yfaat Weiss, München 1999, S. 39ff.
10 Tagebucheintrag vom 3. September 1897, in: Theodor Herzl, Gesammelte zionistische Werke, Bd. III, 3Berlin 1934, S. 24.
11 Brief von Theodor Herzl an David Wolffsohn v. 6. Mai 1904, in: Theodor Herzl, Gesammelte zionistische Werke, Bd. V, 3Berlin 1934, S. 545.
12 „Prophet“ oder auch „Seher des Staates“, vgl. http://www.hagalil.com/israel/independence/azmauth.htm [Stand: 06. 2010].
13 Isidor Eliaschoff, So sehe ich ihn …, in: Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für modernes Judentum. Herzl-Nummer, August-September 1904, S. 552.
14 Befehl zu Parade und Appell am 20. Tamus 1948, Schreiben des Generalstabs vom 25. Juli 1948, unterschrieben von General Schlomo Schamir, Zahal-Archiv, http://www.archives.mod.gov.il/pages/Exhibitions/IDFDay/bigImages/2.jpg [Stand: 12. 2009].
15 Bereits 1904 fanden offizielle Gedenkfeiern am 20. Tamus statt.
16 Zwi Amitai, Mifgan kocha schel medinat Israel, Al ha-mischmar vom 28.07.1948.
17 Die Begeisterung der Zuschauer am Straßenrand war so groß, dass sich die Menge nicht zurückhalten konnte und den Soldaten entgegen strömte. Die Straßen waren blockiert und die Parade konnte sich nicht in Gang setzen. Siehe Batia Donner, Hod we-hadar. Teksei ha-ribonut ha-israelit, 1948–1958, Tel Aviv 2000, S. 17.
18 o. A. Tel.A., President Presents 12 Medals for Valour at Mammouth Army Day Parade in Tel Aviv, Palestine Post vom 18.07.1949.
19 I. Dori, Lekach la-atid, takalot ha-awar, Davar vom 17.07.1949.
20 „Ich wünsche das Leichenbegräbnis der ärmsten Klasse, keine Reden und keine Blumen. Ich wünsche in einem Metallsarge in der Gruft neben meinem Vater beigesetzt zu werden und dort zu liegen, bis das jüdische Volk meine Leiche nach Palästina überführt. Dahin soll auch der Sarg meines Vaters, meiner in Pest 1878 begrabenen Schwester Pauline u. meiner bis zur Ueberführung meines Sarges nach Palästina verstorbenen engeren Familienmitglieder (Mutter und Kinder) überführt werden. Meine Frau nur dann, wenn sie es letztwillig verfügt.“ Theodor Herzl, Erklärung meines letzten Willens, 5. März 1903, Central Zionist Archive H50.
21 Adolf Böhm, Gutachten zur Herzl-Ueberführung, Wien, 30. Mai 1936, Central Zionist Archive S5/1848.
22 Zitiert nach: Ophir Yarden, The Sanctity of Mount Herzl and Independence Day in Israel‘s Civil religion, in: Sanctity of Time and Space in Tradition and Modernity. Jewish and Christian perspectives series 1, hg. v. A. Houtman/M.J.H.M. Poorthuis/J. Schwartz, Leiden 1998, S. 318.
23 Sitzung vom 10.08.1949, Knesset-Protokolle. Bd. II, Jerusalem 1949, S. 1314.
24 Etwa 200.000 Menschen kamen, um Herzl in Tel Aviv die letzte Ehre zu erweisen. Siehe S.U. Nahon (Hg.), Mount Herzl, Jerusalem 1968 (ohne Seitenangaben).
25 Die Heilige Schrift, ins Deutsche übertragen von Naftali Herz Tur-Sinai, Neuhausen-Stuttgart 1993.
26 Donner (wie Anm. 17), S. 33.
27 Maoz Azaryahu, Mount Herzl: The Creation of Israel's National Cemetery, in: Israel Studies, 1/2 (1996), S. 57f.
28 Ebd., S. 62f.
29 Kaplan blieb jedoch der einzige Minister, der am Herzl-Berg begraben wurde. Und auch nicht jeder Ministerpräsident oder Präsident wurde am Herzl-Berg beerdigt. Ben Gurion selbst verfügte, dass er in Sde Boker begraben werden sollte, Chaim Weizmann wurde in Rechovot bestattet, Menachem Begin auf dem Ölberg.
30 Vgl. Amnon Rubinstein, Geschichte des Zionismus. Von Theodor Herzl bis heute, München 2001, S. 21f.
31 Brief an Hans Tramer v. 19. April 1960, in: Kurt Blumenfeld, Im Kampf um den Zionismus. Briefe aus fünf Jahrzehnten, Stuttgart 1976, S. 290.
32 Das sinkende Interesse und die abnehmende Präsenz Herzls in öffentlichen Debatten zeigen sich beispielsweise deutlich in der alljährlichen Berichterstattung der Presse zum 20. Tamus. Der Herzl-Berg wurde zum touristischen Anziehungspunkt in West-Jerusalem, spielt jedoch im regulären Jahresablauf des Staates lediglich eine Statistenrolle als Ausrichtungsort der Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag. Die Zentralität des Herzl-Berges hat sich vor allem durch den Zugang zur Klagemauer, der im Sechs-Tage-Krieg erobert wurde, verändert.
33 Die tragische Lebensgeschichte von Herzls Kindern Pauline, die drogenkrank Selbstmord beging, Hans, der sich ebenfalls das Leben nahm, nachdem er zum Christentum konvertierte (schließlich aber zum Judentum zurückkehrte), und Trude, die als Patientin einer Nervenheilanstalt in Theresienstadt ermordet wurde, passten nicht zum glorifizierten Bild des neuen, national wiedergeborenen Juden, das die Zionistische Organisation von Herzl geformt hatte. Vgl. Ariel Feldstein, The Last Will and Testament of Theodor Herzl, in: Midstream, Volume XXXXIX, No. 6, 2003, S. 28ff. Herzls Wunsch wurde erst im Jahr 2006 umgesetzt. Vgl. Andrea Livnat, Mit 76-jähriger Verspätung: Herzls letzter Wille, haGalil vom 17.09.2006, http://www.hagalil.com/archiv/2006/09/herzl.htm [Stand: 12. 2008].
34 Vgl. Anita Shapira, Whatever Became of „Negating Exile“?, in: Israeli Identity in Transition, hg. v. Anita Shapira, London 2004, S. 69ff.
35 Von linker Seite gibt es den Versuch, Herzl als ersten Post-Zionisten darzustellen. Würde Herzl heute in Israel leben, so beispielsweise Tom Segev, „würde man vermutlich auch ihn als Post-Zionisten beschimpfen. In vielerlei Hinsicht war Herzl tatsächlich der erste Post-Zionist.“ Tom Segev, Elvis in Jerusalem. Die moderne israelische Gesellschaft, München 2003, S. 21. Von rechter Seite wird eine Rückbesinnung auf den „jüdischen Staat“ gefordert, wie ihn Herzl angeblich erdachte, wie beispielsweise von Yoram Hazony, der die Unterscheidung von Herzls Vision als „Jewish State“ oder „State of the Jews“ thematisiert und dabei argumentiert, dass zeitgenössische israelische Intellektuelle und Kulturschaffende den jüdischen Staat unter Berufung auf Herzl untergraben würden. Yoram Hazony, Did Herzl Want A „Jewish“ State?, in: Azure – Ideas for the Jewish Nation, Spring 5760/2000, no. 9, http://www.azure.org.il/article.php?id=288 [Stand: 12. 2008].
36 Vor allem die Untersuchung von Schulbüchern ist im Erziehungsbereich für die Erforschung von Mustern des kollektiven Gedächtnisses von Bedeutung, da hier die Verbindung von Geschichte und Erinnerung besonders präsent ist. In Schulbüchern werden Bilder transportiert, die das wiedergeben, was der politische Entscheidungsträger zur Bewahrung im kollektiven Gedächtnis selektiert hat. Lehrplan und Schulbuch sind in diesem Sinne wichtige Instrumente des „nation buildings“.
37 Shlomo Kodesch (Hg.), Herzl le-talmidim, Jerusalem 1955, S. 7ff.
38 Ministerium für Erziehung und Kultur, Abteilung für Hasbara (Hg.), Le-schnat Herzl. Nosach ha-tekes u-mikraa la-chagigot le-ziun 100 schana le-huladeto schel Herzl, Jerusalem 1960, S. 26ff.
39 Tatsächlich zog die Familie nach dem Tod von Herzls Schwester Pauline um.
40 Ruth Firer, Sochanim schel ha-chinuch ha-zioni, Tel Aviv 1985, S. 185f.
41 Mosche Lifschitz, Toldot am israel ba-dorot ha-achronim. Ha-tnua ha-leumit. Chelek alef, Tel Aviv 1985, S. 45ff.
42 Die neuen Lehrpläne für die Mittel- und Oberstufe wurden zwischen 1991 und 1995 durch zwei Komitees erarbeitet, die von Moshe Zimmermann und Israel Bartal, Professoren für deutsche und jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem, geleitet wurden. Das neue Curriculum war deutlich von ideologischen Tendenzen befreit und nahm dadurch auch die allgemeine Geschichte als Disziplin wesentlich stärker in den Blick. Dadurch sollte die Trennung zwischen „jüdischer“ und „allgemeiner“ Geschichte überwunden werden. Dieses Konzept für den neuen Geschichtslehrplan fand nicht überall Zustimmung, es gab zahlreiche Proteste vor allem von Seiten der Siedler und der Rechten. Auch zwei der in Folge der neuen Curricula zusammengestellten Lehrbücher gerieten in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Nachdem zuvor der linke Meretz-Abgeordnete Jossi Sarid das Amt geleitet hatte, zog nach einem Regierungswechsel mit Ministerpräsident Ariel Scharon im März 2003 Limor Livnat, eine rechtskonservative Likud-Vertreterin, ins Erziehungsministerium ein und ließ die neuen Bücher zurückstellen.
43 Motti Regev/Edwin Seroussi, Popular Music and National Culture in Israel, Los Angeles-London 2004, S. 91ff.
44 Vgl. Webseite von Yoram Taharlev, http://www.taharlev.com/songs_selection_song.asp?id=73 [Stand: 05. 2008].
45 Gemeint ist Chaim Nachman Bialiks Gedicht „An den Vogel“.
46 Vgl. Webseite von Yoram Taharlev, http://www.taharlev.com/songs_selection_song.asp?id=73 [Stand: 05. 2008].
47 Vgl. Webseite Yap.co.il, http://www.yap.co.il/?manager=contents&type=2&action=show&id=29 [Stand: 10. 2008].
48 Lital Beit-Josef, We-hu we-ha we-al tischal: Rivka Michaeli chogeget tafkid chadasch, Maariv/nrg v. 27.06.2009, http://www.nrg.co.il/online/47/ART1/907/938.html [Stand: 06. 2009].
49 Die beiden waren ein gut eingespieltes Team und haben gemeinsam viele sehr erfolgreiche Lieder geschrieben, so etwa auch das durch die Ermordung Jitzhak Rabins auf tragische Weise weltweit berühmt gewordene „Schir la-schalom“, vgl. Webseite von Jankele Rotblit, http://www.rotblit.co.il/bio.htm [Stand: 12. 2008].
50 Wörtlich: „Die Fisch-Schlange“.
51 Vgl. http://www.tvclassic.net/programs/gaby/gaby.html [Stand: 10. 2008].
52 „Wir passen Herzls Botschaft der heutigen Zeit an“ – Interview mit Sha‘anan Streett v. Tamara Land im Beitrag „Theodor Herzl“ im Fernsehmagazin „aspekte“des Zweiten Deutschen Fernsehens vom 02.07.2004, Mainz 2004.
53 Ras Schechnik, Lo jodim meha-chaim schelahem, Jedioth Achronoth vom 10.09.2004.
54 Sondersitzung anlässlich des 100. Todestages des Propheten des Staates Binjamin Seew Herzl, 80. Sitzung der 16. Knesset, 09.12.2003, Knesset Protokoll, http://www.knesset.gov.il/Tql//mark01/h0021161.html#TQL [Stand: 12. 2008]; B. Michael: Afilu ha-taarich lo nachon, Jedioth Achronoth, Schabbatbeilage vom 12.12.2003.
55 Siehe Webseite der Knesset, http://www.knesset.gov.il/vip/herzl/heb/Herz_Law.html (12/08). Die Verlegung des Herzl-Tages ermöglicht die Ausrichtung von speziellen Aktivitäten in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen, was bisher nicht möglich war, da der 20. Tamus stets in die Zeit der Sommerferien fällt.
56 Der Satz ist Herzls Roman „Altneuland“ vorangestellt, in dem Herzl 1902 seine Utopie des Judenstaates bis ins kleinste Detail ausarbeitete. Im Epilog heißt es: „... Wenn Ihr aber nicht wollt, so ist es und bleibt es ein Märchen, was ich Euch erzählt habe.“ Vgl. http://www.zionismus.info/altneuland/altneuland-5-06.htm [Stand: 05. 2010].