Von Peter März
Die Schlacht bei Tannenberg am 15. Juli 1410: Sieg des vereinigten polnisch-litauischen Heeres über das des Deutschen Ordens unter Hochmeister Ulrich von Jungingen.
Abbildung: Klaus Zernack, Polen und Russland, Zwei Wege in der europäischen Geschichte, Berlin 1994, o. S.
Die Geschichte Ostmitteleuropas kennt zwei sogenannte „Schlachten bei Tannenberg“, die erste am 15. Juli 1410, die sich im Juli 2010 zum 600. Mal jährte, die zweite in den letzten Augusttagen des Jahres 1914, also rund vier Wochen nach Beginn des Ersten Weltkrieges.
Bei der ersten Schlacht von Tannenberg unterliegt das Heer des Deutschen Ordens dem Heer jener neuen polnisch-litauischen Großmacht unter König Jagiello und Großfürst Witold, die sich daran macht, zum stärksten Faktor im östlichen Europa zu werden. Für die borussisch-deutschnationale Betrachtungsweise, etwa in der Manier Heinrich von Treitschkes, oder, was die Belletristik anbelangt, Gustav Freytags, ist dies eine nationale Katastrophe,2) obwohl tatsächlich von Nationalstaaten damals, in der Zeit des späten Mittelalters, überhaupt nicht die Rede sein kann: Das Territorium des Deutschen Ordens liegt ohnehin außerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation – wenn es auch vielerlei Verbindungen schon durch die Rekrutierung der Ordensritter gibt – und auch Letzteres ist alles andere als ein Nationalstaat.
Das Grunwald-Denkmal in Krakau. Aufnahme von 1910
Abbildung: Gunther Mai (Hg.), Das Kyffhäuser-Denkmal 1896–1996, Köln-Weimar-Wien 1997, S. 206
Zum 500-jährigen Jubiläum der Schlacht, am 15. Juli 1910, also vier Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, wird in der polnischen Königsstadt Krakau ein großes Denkmal eingeweiht, das, auf eine massiv bellizistische Weise, an dieses Geschehen erinnern soll (vgl. S. 85). Das Denkmal zeigt hoch zu Ross den polnischen König, auf sein Schwert ge-lehnt, darunter den litauischen Großfürsten und am Boden, schon tot oder eben sterbend, den Hochmeister des Deutschen Ordens, Heinrich von Jungingen. Im preußisch-deutschen Ostpreußen wäre ein solches Denkmal damals naturgemäß völlig undenkbar gewesen, aber auch im russisch-zaristisch beherrschten sogenannten Kongresspolen, im Kernland der polnischen Nation.
Die Marienburg, von 1309 bis 1456 Residenz der Ordenshochmeister, zeigt sich vom anderen Nogatufer aus fast so, wie sie in der späten Zeit des Ordens aussah. An das Hochschloss, das dem Typus der regelmäßig angelegten Deutschordensburg folgt, schließen sich links der Hochmeisterpalast und dahinter das weite Gelände der einstigen Vorburg an.
Abbildung: Hartmut Boockmann, Deutsche Geschichte im Osten Europas, Ostpreußen und Westpreußen, Berlin 1992, S. 84
So bleibt für dieses Denkmal, viele hundert Kilometer südlich des Ortes der Schlacht bei Tannenberg, nur eine Region, in der es eine Realisierungschance besitzt: der österreichische Teil Polens nach den Grenzziehungen der polnischen Teilungen des 18. Jahrhunderts und des Wiener Kongresses. Die zentrale polnische Stadt dieser Region ist die Königsstadt Krakau, beim Wiener Kongress 1815 zur unabhängigen Republik erklärt, aber dann 1846 von Österreich annektiert.
Als im August 1914 die sogenannte „zweite“ Schlacht bei Tannenberg geschlagen wird, sind die Kombattanten freilich ganz andere. Polnische Soldaten rücken in den Uniformen aller drei Nachfolgestaaten des alten Polen ins Feld, in deutscher, in österreichischer wie in russischer Uniform, insgesamt rund zwei Millionen Mann. In Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ ist es etwa der Soldat „Katczinsky“, wohl aus Oberschlesien oder der Provinz Posen, der an der Westfront Dienst tut und den niedersächsischen Abiturienten, die freiwillig ins Feld gezogen sind, erst einmal beibringt, wie man überlebt und wie man sich etwas mehr Nahrung besorgt, als die schmalen Verpflegungsrationen eigentlich vorsehen. Polen an sich aber kann keine kriegführende Macht sein, erst etwa ab der zweiten Hälfte des Krieges wird es wenigstens zum Faktor, den die Großmächte ins Kalkül ziehen. Im südlichen Ostpreußen der letzten Augusttage des Jahres 1914 bekämpfen einander die 8. Deutsche Armee und die russische Armee Sasonow, die von Süden über die, formal gesehen, russisch-deutsche Grenze in Ostpreußen eingedrungen ist. Nach ihrer Umzingelung und völligen Niederlage schreibt der deutsche Oberbefehlshaber und spätere Reichspräsident, General, später Feldmarschall von Hindenburg, er wird am 30. Januar 1933 die Ernennungsurkunde für Adolf Hitler als Reichskanzler unterzeichnen, an seine Frau: „Ich habe seine Majestät gebeten, die […] Kämpfe [...] die Schlacht bei Tannenberg zu nennen. Bei Tannenberg [...] wurde 1410 das Ordensheer von den Polen und den Litauern vernichtet, jetzt, nach 504 Jahren, kam die Revanche.“3)
13 Jahre später, am 18. September 1927, auf dem vermeintlichen Höhepunkt der Hoch- und Konsolidierungsphase der Weimarer Republik, weiht der jetzige Reichspräsident von Hindenburg das „Tannenberg-Denkmal“ aber nicht im Gehrock, sondern in der Uniform des preußischen Feldmarschalls ein.
Polen 1918–1945
Abbildung: Großer Historischer Weltatlas, Bd. 3 Neuzeit, München 1957, S. 191
In den 13 Jahren dazwischen war nicht nur realpolitisch, sondern auch geschichtspolitisch viel geschehen: Das zaristische Russland gab es nicht mehr, es war mit den beiden Revolutionen des Jahres 1917, der liberal-republikanischen Februarrevolution und der kommunistischen Oktoberrevolution, untergegangen. Deutschland und Österreich-Ungarn hatten es derart geschwächt, dass es am Ende kollabiert war und der revolutionäre Nachfolgestaat Lenins, Trotzkis und Stalins am 5. März 1918 den Friedensvertrag von Brest-Litowsk schließen musste. Aber der deutsche Erfolg in Osteuropa stand auf tönernen Füßen, das Ende des Ersten Weltkrieges war im Grunde asymmetrisch: Auf den deutschen Scheintriumph im Osten folgten die militärische Niederlage an der Westfront seit Juli 1918 und eineinviertel Jahre nach dem Frieden von Brest-Litowsk der Friede von Versailles, in dessen Ergebnis auch Ostmitteleuropa neu strukturiert wurde – und zwar eben ohne deutsche Hegemonie. Polen profitierte zweifellos vom asymmetrischen Ausgang des Ersten Weltkrieges: Die russische bzw. sowjetrussische Niederlage gegen die „Mittelmächte“ beendete den Status des sogenannten Kongresspolens als Bestandteil des zaristischen Imperiums. Die dann folgende deutsche und österreichische Niederlage vom Herbst 1918 stellte sicher, dass Polen als wirklich eigenständige Größe wieder erstehen konnte, nicht als Satrapie von Wiens und Berlins Gnaden, dazu territorial deutlich reduziert.
Die Eliten der Weimarer Republik freilich haben, bis in die Sozialdemokratie hinein, die ja in Preußen bis 1932 durchgängig Regierungspartei war, diese Grenzziehungen, namentlich den sogenannten Korridor, nie wirklich angenommen. Die Bevölkerungsstatistiken konnten sie, was Westpreußen und die letzten Vorkriegsjahre anbelangt, in gewisser Weise wohl für sich interpretieren. Aber heute haben wir gelernt, mit derlei Statistiken sehr, sehr vorsichtig umzugehen. Im Ergebnis waren jedenfalls Westpreußen – „Pommerellen“– und Oberschlesien die zwischen Deutschland und Polen umkämpften Regionen.
Mit der deutsch-polnischen Aversion ging nun allerdings eine weitere geschichtspolitische Achsendrehung einher: Obwohl Hindenburgs Armee im August 1914 russisch-zaristische, keineswegs polnische Truppen geschlagen hatte, war virtuell 1927 eben doch Polen der Gegner, dessen Existenz vielfach, über bestimmte Revisionsansprüche hinaus, grundsätzlich nicht nur innerlich abgelehnt wurde, sondern von dem umgekehrt auch weitere territoriale Übergriffe befürchtet wurden. Territorial waren beide, Berlin und Warschau, mit den Regelungen von 1919 nicht zufrieden. Russland hingegen trat als Widerpart deutlich zurück, obwohl es, ideologisch gesehen, in den zwanziger Jahren doch den eigentlichen Gegenspieler aller westlich-bürgerlichen Ordnungen darstellte, in welcher staatlichen Konstellation auch immer. Ja, man wird sogar weiter gehen und die Haltung großer, wenn nicht der ganz überwiegenden Teile der Eliten der Weimarer Republik gegenüber dem bolschewistischen Russland, später der Sowjetunion, als geradezu schizophren ansehen können:
Bauernfreiwillige mit Sensen im polnisch-sowjetischen Krieg 1920
Abbildung: Der zweite Weltkrieg, Bilder-Daten-Dokumente, Gütersloh 1968, S. 61
Bei den polnisch-sowjetischen Auseinandersetzungen der Jahre 1919/20, die schließlich in den Frieden von Riga 1921 mündeten, dürften die Sympathien der deutschen Eliten größtenteils auf sowjetrussischer Seite gelegen haben, während nahezu gleichzeitig die Rote Ruhrarmee in Westdeutschland der kapitalistischen Ordnung den Garaus zu machen versuchte. Ähnliche Muster begegnen uns im Krisenjahr 1923:4)
Auf der einen Seite propagierte etwa, und nicht ohne kommunikativen Erfolg, der führende bolschewistische Funktionär Karl Radek im Zeichen des französischen und belgischen Einmarsches 1923 ins Ruhrgebiet ein Bündnis zwischen ganz links und ganz rechts, auf der anderen Seite wurden in Weimar und Dresden Volksfrontregierungen installiert, die unter Zuhilfenahme des Notstand-artikels 48 der Weimarer Reichsverfassung des Amtes enthoben und in Sachsen mit militärischer Gewalt durch die Reichswehr beseitigt wurden – eben jene Reichswehr aber, und das bringt die Schizophrenie auf den Punkt, die daran ging, im sowjetischen Machtbereich solche Waffensysteme zu erproben, die ihr nach dem Versailler Vertrag vorenthalten waren: Flugzeuge, Panzer und Gas, und deren „brain trust“ zugleich – das war die deutsche Gegenleistung – der Roten Armee professionelle Generalstabsarbeit beibrachte. Wir haben es hier insgesamt mit einer merkwürdig verschobenen Konstellation zu tun, bei der eigentlich die einzige Konstante die antipolnische ist.5) Das Deutsche Reich jener Jahre leistet Sowjetrussland wertvolle, ja geradezu lebensnotwendige politische Schrittmacherdienste, um auf der internationalen Bühne überhaupt wieder Akzeptanz zu finden, nach der blutigen Eliminierung der aristokratischen wie der bürgerlichen Führungsschichten im Lande, so wie nach der Suspendierung aus allen finanziellen und völkerrechtlichen Regelungen, die das zaristische Russland eingegangen war.
Nach dem Rapallo-Vertrag war der Freundschafts- und Neutralitätsvertrag von 1926 der zweite große Schritt zur Normalisierung der deutsch-sowjetischen Beziehungen. Bei der Unterzeichnung des Vertrages in Berlin: Außenkommissar Tschitscherin, Carl von Schubert und Friedrich Wilhelm Gauß vom Auswärtigen Amt, Außenminister Stresemann, Botschafter Krestinski, Legationsrat Bratman-Brodowski und Gustav Hilger, Botschaftsrat in Moskau.
Abbildung: Karl Schlögel, Das russische Berlin, München 2007, S. 245
Ebert ist, wie der eher linksliberale Reichsaußenminister Rathenau, schon kein Freund des Rapallo-Vertrages vom April 1922,6) der nach seinem Wortlaut mit der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen und dem wechselseitigen Verzicht auf Entschädigungen nach dem Ersten Weltkrieg harmlos selbstverständlich anmutet und der doch unbestreitbar symbolhaft die Option einer auf Sowjetrussland abgestützten deutschen Ostpolitik enthält.
Was die eher intellektuelle Seite dieser Linie deutscher Politik anbelangt, sei auf den Historiker wie Russlandbefürworter und deutschnationalen Reichstagsabgeordneten Otto Hoetzsch7) verwiesen. Hoetzsch ist unbestreitbar Befürworter klassisch preußisch-deutscher Großmachtpolitik in der Bismarck’schen Tradition. Er gibt die Zeitschrift „Osteuropa“ heraus, er ist steter und gern gesehener Gast in der sowjetischen Botschaft in Berlin, er ist Kritiker der Stresemann’schen Außenpolitik, die ihm zu sehr auf die Westmächte fixiert erscheint. Bezeichnend erscheint, dass Hoetzsch Stresemann einmal ostentativ gratuliert, nach der Unterzeichnung des Berliner Vertrages zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion im Jahr 1926, eines Neutralitätsabkommens, das die tendenziell prowestlichen Verpflichtungen Deutschlands aus dem Beitritt zum Völkerbund vom selben Jahr konterkariert und damit unbestreitbar auch gegen Polen gerichtet ist. Stresemann, die Zentralfigur der deutschen Außenpolitik in den sechs Jahren von 1923 bis 1929, vertritt gewissermaßen eine mittlere Linie,8) zwischen den deutlich prowestlich orientierten Sozialdemokraten auf der einen Seite, denen es auf ihrer parteipolitischen Ebene auch und gerade darum zu tun ist, nach dem Auseinanderleben der sozialistischen Familie während des Ersten Weltkrieges wieder Einvernehmen mit den französischen und britischen Sozialisten zu finden, und denen die blutige Eliminierung der sozialdemokratischen „Menschewiki“ im bolschewistischen Russland sehr bewusst ist. Stresemann setzt aber auch keineswegs auf die Sowjetunion wie Teile des Auswärtigen Amtes, wie die Reichswehr und die klugen Professoren in der tatsächlichen oder vermeintlichen Bismarcktradition. Der Ausgangspunkt der Stresemann’schen Strategie ist vielmehr, dass das militärisch nahezu entwaffnete Deutschland, um wieder europäische Großmacht im voll gültigen Sinne werden zu können, das Instrument einsetzen müsse, das ihm noch zur Verfügung steht, seine Wirtschaftskraft. Militärische Konflikte oder auch nur entsprechende Szenarios würden dem strikt zuwiderlaufen.
Der deutsche Außenminister Gustav Stresemann bei seiner letzten Rede vor der Vollversammlung des Völkerbundes: Stresemann fordert die wirtschaftliche Einigung Europas bei gleichzeitiger politischer Selbstständigkeit der Nationalstaaten, Genf, 9. September 1929. Knapp vier Wochen später, am 3. Oktober 1929, erliegt Stresemann einem Schlaganfall.
Abbildung: ullstein bild
Auch wenn sich die Rahmenbedingungen so gänzlich geändert haben, erinnert doch manches aus den Entwicklungen der zwanziger Jahre an die Auseinandersetzung nach dem Kollaps des Kommunismus auf europäischem Boden, als Polen, in Gestalt seiner Mitgliedschaft in der EU wie in der NATO, in die integrierten westlichen Systeme aufgenommen wurde und es galt, hier seinen Platz auszubalancieren.
Dem Locarno von 1925 im Westen folgte bekanntlich kein Locarno im Osten. Deutschland unterschrieb, mit der Billigung aus London, aber auch aus Paris, keine bindende Akzeptanz der durch Versailles gezogenen Ostgrenze, es akzeptierte vielmehr „nur“ Schiedsverträge und behielt sich auch offiziell die Option einer – allerdings friedlichen – Revision offen. Im nächsten Jahr schloss sich der Beitritt der Weimarer Republik zum Völkerbund an. Entscheidend war nicht dieser Schritt als solcher, er war mittlerweile knapp sieben Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges common sense in der internationalen Staatenwelt. Deutschland verlangte – und erhielt – einen ständigen Sitz im Völkerbundsrat, dem Vorläufer des heutigen UNO-Welt-sicherheitsrates.
Dass das wiedervereinigte Deutschland heute keine realistischen Chancen hat, einen ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat zu erhalten, belegt im Übrigen die gewandelte weltpolitische Mächtekulisse, insbesondere der Abstieg der europäischen Akteure nach 1945. Polen verlangte nun ebenfalls einen ständigen Sitz im Völkerbundsrat – und erhielt ihn nicht. Es wurde mit einem nicht-ständigen Sitz abgefunden. Man mag, vielleicht auch etwas willkürlich, in den Konflikten von damals eine gewisse Analogie zu den Auseinandersetzungen um jeweiliges Gewicht und Stimmrechte in den EU-Organen sehen. Im selben Jahr 1926 schloss die Weimarer Republik, konkret Stresemann, den Berliner Vertrag mit der Sowjetunion, der für den Konfliktfall Neutralität vereinbarte. Das bedeutete aber zugleich: Wenn es, und das war damals ein durchaus realistisches Szenario, zwischen der Sowjetunion und Polen zum Krieg kommen würde und die Westmächte Polen zu Hilfe eilen wollten, dann durften sie keinesfalls auf deutsche Unterstützung vertrauen – Deutschland hatte sich sogar in einer sehr eigenen Interpretation des Artikels 16 der Völkerbundsatzung ausbedungen, in diesem Fall ein Durchmarschrecht insbesondere französischer Truppen verweigern zu dürfen. Und es war eben dieser Berliner Vertrag, den der schon genannte Otto Hoetzsch in der Tradition antipolnischer Bismarck’scher Russlandpolitik sah und der ihn bewog, das Auswärtige Amt in der Wilhelmstraße aufzusuchen und Stresemann zu diesem Vertrag zu gratulieren.
Zunächst einmal konzentrierte er seine Erwartungen darauf, durch eine harte deutsche Außenhandelspolitik gegen Polen, insbesondere einen Zollkrieg gegen die polnische Landwirtschaft, so sehr zur ökonomischen Schwächung der ersten polnischen Republik beitragen zu können, dass diese gewissermaßen freiwillig auf den „Korridor“ verzichten würde, wenn sie dafür in einer konzertierten Aktion durchgreifende finanzielle Hilfe erhielt. Und zugleich war Stresemann ein durchaus hartnäckiger, ja in der Auseinandersetzung mit dem polnischen Außenminister Zaleski auf der Session des Völkerbundes am 15. Dezember 1928 in einer heftigen Auseinandersetzung massiver Anwalt deutscher Minderheitenrechte in Polen. Die antipolnische deutsche Außenhandelspolitik konvenierte naturgemäß mit den Interessen der ostelbischen Großagrarier in Deutschland, die insbesondere die Konkurrenz polnischen Getreides und polnischer Fleischimporte fürchteten. Vor 1914 hatten sie das Arsenal der Zollpolitik gegen russische Agrarexporte eingesetzt, nun gegen polnische. Am Ende aber hat Stresemann selbst die Möglichkeit einer territorialen Revision wohl immer längerfristig, wenn nicht tendenziell sogar als unrealisierbar gesehen. In den Außenhandelskonflikten mit Polen wurde er sehr bald konzessionsbereiter. Schließlich wurde ihm im Lauf der Zeit klar, dass von Zollkriegen im Ergebnis beide Volkswirtschaften, die deutsche wie die polnische, nur Nachteile hatten. Und es wird von ihm, er starb am 3. Oktober 1929, zum Zeitpunkt des Ausbruchs der Weltwirtschaftskrise, die so vieles verändern sollte, sogar der Ausspruch überliefert, er wisse nicht, ob er es noch erleben werde, dass ein polnisches Schwein nach Deutschland komme – und dies naturgemäß nicht abwertend-polemisch gemeint, sondern bezogen auf die Entwicklung vernünftiger Außenwirtschaftsbeziehungen.
Wann aber beginnt diese Dreiecksgeschichte und, so ist weiterzufragen, ist es, wenn wir genau hinsehen, überhaupt eine Dreiecksgeschichte? Um ihre Anfänge ans Tageslicht zu befördern, dürfen wir das Risiko nicht scheuen, über volle drei Jahrhunderte zurückzublicken:
Bezogen auf die Zeit seit dem 17. Jahrhundert schreibt der Historiker Klaus Zernack: „Das russische System der Außensteuerung Polens hatte an seiner Westflanke bei den deutschen Mächten einen Partner gefunden, der von nun an nicht mehr aus der Geschichte der polnisch-russischen Beziehungen schwinden sollte.“9) Das 17. Jahrhundert bringt die Wende – und das hat offenkundig viel mit inneren, mit strukturellen Faktoren zu tun. Wer die europäische Karte des 16. und 17. Jahrhunderts betrachtet, erkennt im polnisch-litauischen Gesamtstaat, zusammengefügt in der Union von Lublin des Jahres 1569, eine beeindruckende Großmacht-Agglomeration, nach Südosten bis an die Krim, nach Osten bis an die Tore Moskaus reichend, flächenmäßig damals wohl die größte Staatsbildung in Europa überhaupt mit 900.000 Quadratkilometern, doppelt so viel wie das Deutsche Reich der Weimarer Republik. Noch zum Zeitpunkt der ersten polnischen Teilung 1772 wird die polnische Adelsrepublik 750.000 Quadratkilometer umfassen, eineinhalbmal so viel wie das heutige Frankreich. Und noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts erscheinen polnisch-litauische Kontingente in Moskau. Während des 17. Jahrhunderts wird sich die Konstellation umkehren und mit dem Ausgang des zweiten Nordischen Krieges zu Beginn des 18. Jahrhunderts – parallel zum Spanischen Erbfolgekrieg im Westen und in der Mitte Europas – wird sich in Osteuropa eine völlig neue Großmächtestruktur etablieren. Polen gerät in die Defensive, es wechselt von der Subjekt- in die Objektrolle und damit werden zugleich bereits die Voraussetzungen für die polnischen Teilungen und das Ende der polnischen Staatlichkeiten geschaffen.
Schließlich gibt es aber, was die „Wahlmonarchie“ anbelangt, zwischen dem Heiligen Römischen Reich und Polen im weiteren Verlauf der Neuzeit einen kategorialen Unterschied: Mit der Ausnahme des wittelbachisch-bayerischen Kaisers Karl VII., von 1742 bis 1745 amtierend, gibt es im Heiligen Römischen Reich seit dem weiteren Verlauf des 15. Jahrhunderts nur Kaiser aus dem Hause Habsburg bzw. Habsburg-Lothringen, wenn auch keine selbstverständliche Sukzession der Dynastie stattfindet, sondern stets von Neuem in Frankfurt am Main „gewählt“ werden muss.
Unruhen im polnischen Sejm um 1630. Radierung von Jan Luyken (1649–1712)
Abbildung: Norman Davies, Geschichte Polens, München 2000, o. S.
In Polen gibt es ferner nicht die zweite Ebene mit Staatscharakter ausgestatteter Territorien, die die sogenannte Reichsstandschaft haben, wie im Heiligen Römischen Reich. Die Verfassungsstrukturen der polnischen Adelsrepublik, eigentlich der komplexen polnisch-litauischen Union, das „liberum veto“ im Adelsparlament, im Sejm, die Mitwirkungsmöglichkeiten des Senates in den Zwischenzeiten, hinderten das Land bzw. seine Monarchen zunehmend daran, hinreichend große Armeen zu unterhalten und dazu in genügendem Maße Steuern zu akquirieren. 1717 beschränkte der Sejm das Heer auf 24.000 Mann, Österreich unterhielt 100.000, Russland 200.000, Preußen 40.000 mit stark wachsender Tendenz. So war Polen, ohnehin demographisch und ökonomisch schwach strukturiert, eine Macht im Abstieg.10)
Vor diesem Hintergrund muss man auch die Unterschiede zwischen Deutschland und Polen sehen:
Das Ergebnis des zweiten Nordischen Krieges ist, dass die Großmachtposition an der Ostsee von Schweden auf Russland übergeht und parallel, dass im Norden wie im Westen Polens mit Brandenburg-Preußen ein neuer Faktor entsteht, noch nicht europäische Großmacht, aber zunächst Mittelmacht und struktureller Verbündeter Russlands, wenn es darum geht, Polen einzuhegen, gefügig zu machen, es wie eine Art Manövriermasse zu behandeln. Zwei Daten kennzeichnen diese Entwicklung:11) 1657 endet der Lehensstatus des Herzogtums Preußen – im heutigen landläufigen Sprachgebrauch Ostpreußen, aber noch ohne das katholische Ermland – gegenüber der polnischen Krone und damit gewinnt Brandenburg-Preußen eine Handhabe, sich tatsächliche Souveränität zu verschaffen:
Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg (1657–1713) krönt sich am 18.1.1701 im Königsberger Schloss zum König in Preußen Friedrich I.; Gemälde um 1887 von Anton von Werner (1843–1915)
Abbildung: ullstein bild
Am 18. Januar 1701, auf den Tag genau 170 Jahre vor der Proklamation des deutschen Kaiserreiches im Spiegelsaal von Versailles, krönt sich der brandenburgische Markgraf und Kurfürst Friedrich III. zu König Friedrich I. „in Preußen“, wie es zunächst noch heißt, um darzutun, dass dieser souveräne Status nur für den Teil der hohenzollernschen Ländermasse außerhalb der Grenzen des Heiligen Römischen Reiches gelte. Aber diese terminologische Präzisierung wird sehr bald und sehr bewusst verdrängt. Aus den Königen „in“ Preußen werden Könige „von“ Preußen und spätestens mit dem von Friedrich II. 1756 bis 1763 im militärischen Remis gegen fast alle anderen europäischen Großmächte bestandenen Siebenjährigen Krieg zugleich Könige einer europäischen Großmacht, wenn auch der kleinsten und jüngsten.
Die preußische Armee scheint in der Schlacht bei Kunersdorf am 12. August 1759, rund 80 Kilometer östlich von Berlin am östlichen Oderufer, die Niederlage schlechthin erlitten zu haben, wie eine Art Vorentscheidung ähnlich im Amerikanischen Bürgerkrieg die Südstaaten im Juli 1863 bei Gettysburg, bzw. wie eine Art Entscheidung drei Jahre später die Österreicher gegen Preußen im Juli 1866 beim mährischen Königgrätz. Der preußische König schreibt vier Tage nach der Schlacht bei Kunersdorf an seinen Bruder Heinrich: „Wir sind alle zerfetzt [...]. Glücklich die Toten! Sie sind über den Gram und alle Unruhe hinweg.“12) Aber die Russen setzen nicht nach. Sie lassen der preußischen Armee hinreichend Zeit, sich zu regenerieren. Die Gründe sind nie ganz klar geworden. Offenkundig geht es eben auch darum, im Gegner von heute den Partner von morgen zu sehen, und so bleibt die jüngste europäische Großmacht Preußen auch als potenzielles russisches Widerlager zur Einhegung Polens erhalten. Im weiteren Verlauf des Siebenjährigen Krieges wird diese zunächst nur latente Konstellation wieder manifest: Nach dem Tode der russischen Zarin Elisabeth am 5. Januar 1762 wechselt ihr Nachfolger, Zar Peter, die Seiten. Nach seiner wenige Monate darauf folgenden Ermordung nimmt die Nachfolgerin, seine am Putsch gegen den Gatten nicht unbeteiligte Gemahlin und nunmehr Witwe, die Zarin Katharina (die Große) die Konfrontation mit Preußen nicht wieder auf. Zwar ist das Verhältnis zwischen Friedrich II. und Katharina der Großen nicht ungetrübt, aber beider strategische Gesamträson veranlasst sie doch, in den kommenden Jahrzehnten ein russisch-preußisches Kooperationsverhältnis einzugehen, was die personelle Seite anbelangt, nicht zuletzt abgestützt auf Friedrichs II. jüngeren Bruder Heinrich, einen sensiblen Intellektuellen, der bei Katharina wohlgelitten ist.
Der Wahlreichstag während der Elektion Stanislaw August Poniatowskis, Günstling von Zarin Katharina der Großen, zum König von Polen auf dem Feld von Wola bei Warschau im Jahr 1764. Aus dem Gemälde von Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, 1778. Warschau, Königsschloss
Abbildung: Klaus Zernack, Polen und Russland. Zwei Wege in der europäischen Geschichte, S. 30
Ein Jahr nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges, 1764, werden Preußen und Russland Verbündete, in jenem selben Jahr, in dem mit Stanislaw Poniatowski ein Günstling der Zarin Katharina als polnischer König installiert wird. Er muss es in den Folgejahren hinnehmen, dass alle polnischen Bemühungen, den eigenen Staat zu reformieren, vor allem die Paralyse von Entscheidungsfindung in der Adelsrepublik zu überwinden, nicht durchgesetzt werden können. Insbesondere die Politik der Zarin Katharina steht aus strategischen Gründen allen polnischen Emanzipationsbemühungen im Wege. Preußen hatte an den drei polnischen Teilungen der Jahre 1772, 1793 und 1795 Anteil, es gewann bereits 1772, noch in der Regierungszeit Friedrichs II., die geostrategisch für das Königreich so wichtige Landverbindung zu Ostpreußen – jenen Korridor, der dann die Beziehungen während der zwanziger Jahre so belasten und der schließlich Adolf Hitler das Alibi geben sollte, um in den Frühstunden des 1. September 1939 die Aggression gegen Polen zu beginnen.
Eidesschwur des Generals Kos´ciuszko am 24. März 1794 auf dem Marktplatz von Krakau. Gouache von M. Stachowicz, 1797
Abbildung: Norman Davies, Geschichte Polens, München 2000, o. S.
Abbildung: Großer Historischer Weltatlas, Bd. 3 Neuzeit, München 1957, S. 146
Im Oktober 1806 kollabiert Preußen im Konflikt mit dem napoleonischen Frankreich, der Fortbestand des preußischen Staates hängt an einem seidenen Faden, allein die Fürsprache von Zar Alexander I. stellt sicher, dass Preußen zumindest als eine Mittelmacht fürs Erste überlebt. Der nunmehrige König Friedrich August I. von Sachsen, wie die Wittelsbacher in München und die Württemberger in Stuttgart Empfänger der Königskrone von Napoleons Gnaden, erhält die Herzogswürde von Warschau.13) Dieses polnische (Groß-)Herzogtum, territorial zunächst gebildet aus den preußischen Erwerbungen durch die zweite und dritte polnische Teilung, erfährt eine beträchtliche Erweiterung nach der österreichischen Niederlage von 1809 gegen das napoleonische Frankreich. Nun muss auch Österreich auf Gewinne aus den polnischen Teilungen verzichten. Das Großherzogtum umfasst nun 155.000 km² – um einen Vergleich zu ziehen rund die Hälfte des heutigen polnischen Territoriums. Aber auch seine Zukunft hängt an einem seidenen Faden, am Ausgang der napoleonischen Invasion 1812 in Russland. Wieder, wie zu Beginn des 18. Jahrhunderts, steht die französische Seite auf der polnischen und wieder entstehen daraus für Polen Verlust und Niederlage. In der sogenannten sächsischen Zeit, unter den Königen August II. und August III., den gleichzeitigen sächsischen Kurfürsten Friedrich August I., dem sogenannten „August dem Starken“, und seinem Sohn Kurfürst Friedrich August II., hatte Russland dieses wettinische Königtum in Warschau gegen den von französischer Seite favorisierten, sozusagen endogenen polnischen Kandidaten Stanislaw Leszczyn´ski gewissermaßen abgeschirmt, der auch zeitweilig als Monarch amtiert hatte, 1704–1709 und 1733–1736. Die Konstellation ab 1807 ist für Polen in gewisser Weise vergleichbar:
Polen-Sympathie nach dem Misslingen der freiheitlichen Bestrebungen im „Novemberaufstand“. Kolorierter Kupferstich zu einem Lied Karl von Holteis, um 1831. Düsseldorf, Heinrich-Heine-Institut
Abbildung: Klaus Zernack, Polen und Russland Zwei Wege in der europäischen Geschichte, S.XXI
Er hätte wohl einen habsburgischen Erzherzog als neuen polnischen König proklamieren lassen, im Zeichen der enger geknüpften, auch familiären Verbindung zwischen den Bonapartes und den Habsburgern durch Napoleons Ehe mit der Erzherzogin Marie-Luise, der Tochter von Kaiser Franz. Die Sachsen wären mit preußischen (Schlesien) und diversen thüringischen Territorien entschädigt worden.
Aber es kommt alles ganz anders: Die welthistorische Katastrophe der großen Armee Napoleons in den russischen Weiten entzieht dem (Groß-)Herzogtum wie einem künftigen Königreich Polen ebenso die Grundlage wie einem neuem sächsischem Aufstieg im Wettbewerb mit Preußen.
Preußen war davon ausgegangen, ganz Sachsen annektieren zu können. Da dies Österreich wie England und auch Frankreich nicht zulassen, kommt es zu einem fatalen Kompromiss: Preußen erhält aus den Kernregionen Polens das sogenannte Großherzogtum Posen. Sachsen wird zerstückelt und geht mit etwas mehr als der Hälfte seines Territoriums und etwas weniger als der Hälfte seiner Bevölkerung im preußischen Staatsverband auf – der heutige Freistaat Sachsen ist nach der Zäsur der Regelungen des Wiener Kongresses somit nur noch ein Rumpfstaat.14)
Carl Rechlin: Die große Parade bei Kalisch (preußische und russische Einheiten), 14. September 1835
Abbildung: Macht und Freundschaft. Berlin-St. Petersburg 1800–1860, hg. v. d. Generaldirektion der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Leipzig 2008, S. 55
Nie haben Preußen und Russland, auch und gerade auf Kosten Polens, so eng zusammengewirkt wie in den Jahrzehnten zwischen dem Wiener Kongress und der revolutionären Welle, die Europa 1848/49 erschüttert. Der seit 1825 amtierende Zar Nikolaus I. ist mit der Tochter des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III., Friederike, vermählt, die als Zarin den Namen Alexandra Fjodorowna führt. Die Zarin ist somit die Schwester der preußischen Könige Friedrich Wilhelm IV. und dessen Nachfolger und Bruder Wilhelm I., dem späteren Kaiser Wilhelm I. Als 1830 der erste große polnische Aufstand gegen die russische Herrschaft ausbricht, macht Preußen seine vier östlichen Korps mobil; die preußische Armee zieht an der preußisch-russischen Grenze einen festen Kordon und gibt den Russen somit militärische Rückendeckung.15) In einigen Fällen dürfen russische Einheiten sogar durch preußisches Gebiet marschieren, um taktisch in eine günstigere Lage zu gelangen. Fünf Jahre später, der polnische Aufstand ist längst niedergeworfen und Polen noch viel stärker als zuvor in das zaristische Imperium integriert, kommt es demonstrativ am 14. September 1835 zur großen gemeinsamen Parade preußischer und russischer Einheiten an der damaligen Grenze beider Staaten bei Kalisch .16) Es ist eine bewusste Demonstration der beiden einander eng verbundenen östlichen Großmächte: Allein 59.000 russische Gardeinfanteristen werden in Kronstadt eingeschifft, über die Ostsee nach Danzig transportiert und marschieren dann die Weichsel aufwärts.
So nah wie damals sind Russen und Preußen einander wohl nie mehr gekommen. Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 wird die Verbindung zwischen St. Petersburg und Berlin immer poröser. Oder anders formuliert: Mit der Reichsgründung, mit dem Anspruch des Deutschen Reiches, nicht wie einst Preußen eine Art Assistenzgroßmacht im russischen Schatten zu sein, entsteht eine neue Rivalität, die erstmals in der sogenannten „Krieg-in-Sicht-Krise“ manifest wird:
Im Mai 1875 besuchen der Zar und der russische Staatskanzler Gortschakow Berlin und bringen deutlich zum Ausdruck, dass sie einen zweiten deutsch-französischen Krieg, eine erneute militärische Niederwerfung Frankreichs nicht mehr hinnähmen. Die machtpolitischen Verhältnisse in Europa stellen sich gravierend um – es bahnt sich jene Konstellation an, die in den Ersten Weltkrieg führen wird.17)
Józef Klemens Piłsudski, Polnischer Staatsführer und Marschall, mit Militärs, 1934.
Abbildung: Norman Davies, Geschichte Polens, München 2000, o. S.
Am Tage nach der Kapitulation Warschaus unterzeichnet Reichsaußenminister von Ribbentrop im Kreml am 28. September 1939 den deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag. Im Hintergrund (v.l.): der sowjetische Botschafter in Berlin Alexander Schkwarzew, der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare und Außenminister der Sowjetunion Wjatscheslaw Molotow sowie Josef Stalin.
Abbildung: Rainer F. Schmidt, Die Außenpolitik des Dritten Reiches 1933–1939, Stuttgart 2002, S. 340
Hitler entspricht zunächst vermeintlich solchen Erwartungen und daraus entsteht der deutsch-polnische Nichtangriffspakt vom 26. Januar 1934.18) Die langfristigen Projektionen der neuen Machthaber in Berlin sind in dieser frühen Phase ohnehin mehrdeutig: In mancherlei Überlegungen taucht das antikommunistische Polen auch als eine Art Satellit für den Fall eines antibolschewistischen Kreuzzuges gegen die Sowjetunion auf. Am Ende sind es wohl drei Gründe, dass alles anders kommt:19)
Die Westmächte geben 1939 nicht nach, wie sie es 1938 in der Krise um die Tschechoslowakei getan haben, als sie sich beim Münchener Abkommen unter Druck setzen ließen.
Vor allem aber legt die Sowjetunion unter Josef Stalin Köder aus, die das NS-Deutschland nur zu bereitwillig schluckt. Die Phase einer von der Sowjetunion unter Außenminister Litwinow mitgetragenen Politik der kollektiven Sicherheit, gegründet auf den Eintritt Moskaus in den Völkerbund, auf Nichtangriffsverträge 1932 mit Polen wie mit Frankreich, ist definitiv vorbei.
Władisław Sikorski (1881–1943). Polnischer General und Politiker, Ministerpräsident der polnischen Exilregierung in Großbritannien von 1939–1943, dann Opfer eines nie wirklich aufgeklärten Flugzeugabsturzes
Abbildung: Norman Davies, Geschichte Polens, München 2000, o. S.
Deutschland wie die Sowjetunion machen sich nun, in der Übergangszeit bis zum deutschen Überfall am 22. Juni 1941 auf die UdSSR, gemeinsam daran, Polen seiner Identität zu berauben und auch physisch in einem Höchstmaß zu schwächen – Katyn ist der symbolhafte Ausdruck dieser Strategie, was die sowjetische Seite anbelangt.21)
Im Wald von Katyn am 13.4.1943 (Bundesarchiv)
Abbildung: Alfred M. de Zayas,Die Wehrmacht-Untersuchungsstelle Unveröffentlichte Akten über alliierte Völkerrechtsverletzungen im Zweiten Weltkrieg, München 1979, o. S.
Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion ist Stalin der Promotor einer Strategie, die Deutschland zu schwächen, aber keineswegs Polen zu stärken beabsichtigt: Es kann nach der heutigen Forschungslage wohl gar keinen Zweifel mehr daran geben, dass die so weitgehende territoriale Westverschiebung Polens überwiegend nicht auf polnische, sondern auf sowjetische Ambitionen zurückgeht.
London, 1943/44: Die polnische Exilregierung
Abbildung: Norman Davies, Aufstand der Verlorenen Der Kampf um Warschau 1944, München 2004, o. S.
Zugleich behielt er die Beute aus den Vereinbarungen mit NS-Deutschland vom August und September 1939. Man kann das sogar noch etwas pointierter formulieren:
Mauerparolen des polnischen Widerstandes gegen die deutsche Besatzung
Abbildung: Der Zweite Weltkrieg, Bilder-Daten-Dokumente, Gütersloh 1968, S. 575
Eine Einheit der „Armia Krajowa“
Abbildung: Der Zweite Weltkrieg, Bilder-Daten-Dokumente, Gütersloh 1968, S. 575
Als am 1. August 1944 der nationalpolnische Warschauer Aufstand gegen die deutschen Besatzer ausbrach und die sowjetischen Panzerkorps am östlichen Weichselufer stehenblieben, ließen die beiden Diktatoren, Hitler und Stalin, für einen Moment gewissermaßen virtuell ihre antipolnischen Vereinbarungen vom Spätsommer 1939 noch einmal aufleben:23) Die nichtkommunistische Substanz des polnischen Widerstandes wurde von deutscher Seite mit, zumindest durch Passivität gegebener, russischer Assistenz eliminiert und Stalin tat sich danach sehr viel leichter, bei und nach Kriegsende in Polen seine kommunistischen Trabanten zu installieren, die an sich in der polnischen Gesellschaft keinerlei Verankerung besaßen. Jetzt erst zeigte sich, in welchem Maße die deutsche Seite durch das Arrangement mit der Sowjetunion vom 23. August 1939 die Voraussetzungen für ein sowjetisches Imperium geschaffen hatte, das am Ende bis an die Elbe reichen sollte. Dieser Gesamtzusammenhang, in dem für unsere heutige Bewertung geostrategische Faktoren wie zentrale normative und moralische Überlegungen ein Ganzes bilden, ist in Deutschland vielfach immer noch nicht hinreichend bewusst.
Die am 23. Mai 1949 durch das Inkrafttreten des Grundgesetzes konstituierte Bundesrepublik Deutschland wies politisch-kulturell andere Kompassnadeln auf als das Deutsche Reich von 1871 bis 1933. Das ostelbisch-evangelische Deutschland gab es in ihrem Kontext nicht mehr. Das katholisch-westeuropäische Milieu, im Kaiserreich in einer während des Kulturkampfes angefeindeten Minoritätenposition, besaß in der frühen Bundesrepublik eine starke, ansatzweise vielleicht sogar eine hegemoniale Position.
Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler, katholischer Rheinländer durch und durch, und Heinrich von Brentano, sein erster Außenminister, wussten, dass das, was seit 1945 nun einmal territoriale Realität war, nicht mehr modifiziert werden konnte. Im vertraulichen Tee-Gespräch äußerte der erste Bundeskanzler am 17. Juli 1957: „Und bei allem, was wir tun, leitet uns die Rücksichtnahme (von Eckhardt: [Sprecher des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, P.M.]: Das wird ja nicht wörtlich gebracht!) auf Gomulka, damit Gomulka nicht Moskau verdächtig wird. Ich stehe aber auf dem Standpunkt, dass wir mit Polen zu Verhandlungen kommen. Ich meine auch, dass wir selbst, die Bundesrepublik, die Frage der Oder-Neiße-Linie mal beiseite legen sollten. Das ist eine Frage, die bei dem großen Arrangement gelöst werden muss. Man kann nicht alles wieder zurückdrehen, das halte ich für ausgeschlossen. Die Russen haben die Polen nach dem Westen gebracht, die Deutschen weiter nach dem Westen. Jetzt kann man nicht die Polen dahin zurückbringen.“24)
Aber umgekehrt galt eben auch: Der Verlust des deutschen Ostens war quantitativ und qualitativ derart gravierend, vielfach ging es um die Auslöschung einer bis zu tausendjährigen Kontinuität und es ging ja auch nicht um bloße Randgebiete, sondern um zentrale Regionen preußisch-deutscher Geschichte, dass unsere heutige Annahme, die Oder-Neiße-Grenze hätte doch sehr viel früher anerkannt werden können, schlicht ahistorisch anmutet. Auch diese Wunde musste über lange Zeit verheilen können. Dass dies, was den Weg in die Neue Ostpolitik Willy Brandts der frühen siebziger Jahre anbelangt, dann ca. zwei Jahrzehnte in Anspruch nahm, erscheint im Ergebnis durchaus nachvollziehbar, und der Integrationsprozess der Heimat-vertriebenen und Flüchtlinge in Westdeutschland begegnet uns in der historischen Bilanz als eine der großen deutschen Erfolgsgeschichten.
Wałesa trifft Jaruzelski: Der Führer der Gewerkschaft Solidarität, Lech Wałesa, und der Parteivorsitzende General Wojciech Jaruzelski treffen sich am 18. April 1989 zu einem Gespräch unter vier Augen. Eine Woche zuvor war die „Solidarität“ wieder amtlich zugelassen worden als Konsequenz der Gespräche am Runden Tisch.
Abbildung: Norman Davies, Geschichte Polens, München 2000, o. S.
Ihre letzte wirklich dramatische Zuspitzung erfuhr die deutsch-russisch-polnische Dreiecksgeschichte dann im Zeichen jenes Ereignisses, das im Mittelpunkt unserer heutigen Betrachtungen steht, des Aufkommens der Protestbewegung und der Gewerkschaft Solidarnosc seit Sommer 1980.
Eben im Zusammenhang mit der Solidarnosczeichnet sich aber, noch knapp ein Jahrzehnt vor dem Fall der Mauer in Berlin, bereits etwas ab, was in den fünfziger und sechziger Jahren weitestgehend noch unerreichbar gewesen war, sieht man einmal von der Kommunikation zwischen dem deutschen und dem polnischen Episkopat im Umfeld des zweiten Vatikanums ab. Da die Solidarnosc und insbesondere ihre polnischen intellektuellen Wegbegleiter so offenkundig jedenfalls auch einen alteuropäisch-katholisch grundierten Protest gegen den kommunistischen Totalitarismus erhoben, fanden sie gerade im bürgerlich-katholischen Lager der Bundesrepublik vielerlei Unterstützung und Zuspruch, während das sozialdemokratische Lager, eben auf etatistische Entspannungspolitik hin kodiert, tendenziell zurückzuckte. Damit aber wurde das möglich, was in den fünfziger und sechziger Jahren noch nicht möglich gewesen war, nämlich dass zwischen Deutschen und Polen jene Lager bzw. Milieus einander nahe kamen, die, um Willy Brandt hier frei zu zitieren, eigentlich zusammengehörten. Für die deutsche Seite wären hier Namen zu nennen wie Norbert Blüm, Hans Maier, Bernhard Vogel und nicht zuletzt Helmut Kohl selbst. Nicht nur Egon Bahr tat sich hingegen schwer mit der Solidarnosc, die so ganz gegen die Statik seines auf Moskau hin orientierten strategischen Weltbildes hin agierte. Der amtierende Bundeskanzler Helmut Schmidt, das gereicht ihm zur Ehre, sprach sich jedenfalls mit aller Vehemenz gegen eine militärische Intervention des Warschauer Paktes in Polen unter Beteiligung der Nationalen Volksarmee der DDR aus. Aber Schmidt erklärte eben auch, als ihn für die evangelische Kirche in der DDR am 16. Juli 1981 Manfred Stolpe im Bundeskanzleramt besuchte – ein knappes halbes Jahr vor Schmidts Besuch am Werbellinsee in der DDR und der gleichzeitigen Verhängung des Kriegsrechts in Polen: „[E]r könne verstehen, wenn sich die Sowjetunion engagiert, denn sie muss als Führungsmacht ihren Laden rein halten.“ Und ganz auf die Ebene her-kömmlicher deutscher Vorurteile begab sich der Kanzler, als er „die Rede des SED-Politbüromitglieds Werner Felfe auf dem Parteitag der PVAP als völlig richtig bezeichnete; er habe gut daran getan, herauszustellen, wie man bei uns arbeitet. Das müssten die Polen mal zur Kenntnis nehmen.“25)
Königsschloss mit Sigismund-Säule 1945 und heute (Postkarte) in Warschau Symbol der wieder erstandenen polnischen Hauptstadt
Abbildung: Thomas Urban/Von Krakau bis Danzig Eine Reise durch die deutsch-polnische Geschichte, München 2000, S. 259
„Bei uns“, das konnte nur heißen, Deutschland insgesamt, ob im Kapitalismus oder im real existierendenSozialismus, ob in der Bundesrepublik oder in der DDR – jedenfalls herrschte hier offenkundig durchaus Stammtischniveau, um nicht zu sagen ein sehr traditionell-chauvinistisches Einverständnis. Vier Jahre nach der Verhängung des Kriegsrechtes in Polen besuchte Willy Brandt das Land, im Dezember 1985. Er vermied die Begegnung mit Lech Walesa, aber er traf immerhin in der deutschen Botschaft unter anderem Tadeusz Mazowiecki, der 1989 als erster nichtkommunistischer Premier Polens seit 1945 ins Amt berufen werden sollte.26) Große Teile der westdeutschen politischen Klasse wie auch der einschlägigen Publizistik taten sich damals schwer, die polnische Entwicklung, die so ganz gegen den kontinentalen Trend einer säkularen Aufklärung gerichtet schien, wirklich anzunehmen. Man darf aber zugleich auch nicht von einem Extrem ins andere verfallen: Dass von Polen etwas Neues und Grundstürzendes ausging, wurde vielfach auch wahrgenommen und deutlich gemacht, nicht zuletzt von Helmut Kohl selbst, der nach der definitiven und völkerrechtlich wirksamen Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch den Deutsch-Polnischen Vertrag vom November 1990 und nach mancherlei Friktionen zuvor zum heimlichen Liebling vieler Polen avancierte.27) Der alteuropäisch-katholische Milieubezug hat hier noch einmal eine enorme Rolle gespielt, so wie umgekehrt wohl auch im Falle mancherlei polnischer Aversionen gegen Gerhard Schröder, die gewiss nicht nur in Schröders Neigungen zum ganz großen weiteren Nachbarn Russland und dessen Exponenten begründet sein mochten, sondern wohl auch in dessen Tonlagen, die eher an preußische Zeiten erinnerten.
Jenseits solchen Typologisierens, mit dem gewiss nicht übertrieben werden darf, muss in jedem Fall gelten: Auch unter gewandelten Bedingungen ist die deutsch-polnisch-russische Dreiecksgeschichte als solche nicht aufgehoben. Polen blickt immer noch mit Beklommenheit, auch mit einer in vielem klassisch-strategischen Beklommenheit nach Osten. Es sieht z.B. konsequent die NATO weiterhin als Bündnis nicht nur zur globalen Terrorbekämpfung, sondern zur territorialen Verteidigung. Und die jüngsten Vereinbarungen zwischen Russland und der Ukraine scheinen auch deutlich zu machen, dass solche Beklommenheit, solche Wahrnehmung klassischer, geostrategisch begründeter Großmachtpolitik durchaus Anknüpfungspunkte besitzt, die nicht nur fiktiver Natur sind: Russland hat bekanntlich vor wenigen Monaten mit der Ukraine vereinbart, dass Letztere langfristig Erdgas um 30 Prozent deutlich verbilligt beziehen kann und dass ebenso langfristig, bis 2047, der seit der Zarenzeit klassische Stützpunkt der Schwarzmeerflotte, Sewastopol, in russischer Hand verbleibt. Solche Arrangements, die mit ökonomischem Druck und politisch-militärischer Wirkung arbeiten, zeigen, dass Wachsamkeit, Realismus und historische Erfahrung unabdingbar bleiben und dass auch das Europa unserer Tage ein durchaus schwieriger Kontinent ist. Zu einem Phäakentum, das Großmacht- und Interessenpolitik ein für alle mal überwunden glaubt, gibt es keinen Anlass.
Dr. Peter März ist Direktor der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit.
1 Bei diesem Beitrag handelt es sich um die schriftliche Fassung eines Vortrages beim gemeinsamen Symposion des Generalkonsulats der Republik Polen in München und der Landeszentrale am 12. Juli 2010 aus Anlass des 30-jährigen Jubiläums der Streiks auf der Danziger Leninwerft und der Entstehung der Gewerkschaft Solidarnośćć in Polen. Zu Abläufen, Prozessen, Ereignissen und Namen in der polnischen Geschichte sei aus der deutschsprachigen Literatur – nach wie vor – auf Gotthold Rhode: Geschichte Polens. Ein Überblick, ²Darmstadt 1966 verwiesen. Ein derart komplexes Thema wie das hier vorliegende lässt sich naturgemäß in einem Vortrag bzw. Zeitschriftenbeitrag weder umfassend noch auch nur alle zentralen Aspekte benennend behandeln. Vieles muss ausgespart bleiben, so – um nur zwei Beispiele zu nennen – in den Einzelheiten die sächsisch-polnische Union unter den Wettinern von 1697 bis 1763 oder die polnische Repräsentanz im Kaiserreich wie die antipolnische Repressionspolitik, insbesondere unter den Reichskanzlern Bismarck und von Bülow, vgl. zu letzterem Aspekt Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1866 bis 1918. Band II. Machtstaat vor der Demokratie, München 1992, S. 266ff. Auch der polnische Blick auf Deutschland, nicht zuletzt in der Zwischenkriegszeit, mit seinen Ambivalenzen und vielfach auch sehr problematischen und durchaus auch aggressiven Seiten, scheint in diesem Beitrag kaum auf. Das gilt des Weiteren auch für die deutsch-polnischen Interaktionen der Nachkriegszeit zwischen der Volksrepublik Polen und der DDR, die im Übrigen, auch ungeachtet der Friktionen um die Solidarnośćć, alles andere als konfliktfrei waren: Die „nationalen“ Kommunisten in Polen, von der katholischen Kirche im Land ganz abgesehen, ließen den Genossen in Ostberlin die antifaschistische Reinwaschung, die das deutsche Schuldkonto auf Seiten der DDR wie von Zauberhand gelöscht habe, vielfach nicht so einfach durchgehen, vgl. Burkhard Olschowsky, Einvernehmen und Konflikt. Das Verhältnis zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen 1980 bis 1989, Osnabrück 2005, S. 640: „Das Verhältnis zwischen der DDR und Polen bliebe unvollständig, würde das kulturelle Gedächtnis beider Länder keine Berücksichtigung finden. Die Preußen-Renaissance, die beide deutsche Staaten Anfang der achtziger Jahre erfasste, löste in Polen Irritationen und bisweilen Abwehrreflexe aus. […]. Die ebenso populäre wie einseitige Sicht der Polen auf die DDR als ‚rotes Preußen‘ fand mit der Rückkehr des Reiterstandbildes Friedrichs II. ‚Unter den Linden‘ scheinbar ihre Bestätigung. Die Aneignung dieses ‚neuen‘ Erbes wurde vom Gros der öffentlichen Stimmen Polens als Missachtung ihrer unguten Erfahrungen unter preußischer Herrschaft […] gedeutet.“
2 Zur „ersten“ Schlacht bei Tannenberg und zur Krise des Deutschen Ordens Hartmut Boockmann, Ostpreußen und Westpreußen, Deutsche Geschichte im Osten Europas, Berlin 1992, S. 184ff. Die polnische Bezeichnung Schlacht bei „Grunwald“ geht, deutschsprachig, auf den Ort Grünfelde zurück, wo nach der polnischen Überlieferung das Kampfgeschehen stattfand. Zur deutsch-polnischen Metageschichte um den Komplex Tannenberg Peter März, Mythen Bilder Fakten. Auf der Suche nach der deutschen Vergangenheit, München 2010, hier das Kapitel „Vom deutschen Kyffhäuser zum polnischen Grunwald“, S. 22ff. Zur antislawischen Einstellung von Gustav Freytag wie Heinrich v. Treitschke vgl. Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1849–1914, München 1995, S. 242ff.
3 Zit. nach Wolfram Pyta, Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler, München 2007, S. 55.
4 Zur auf die Sowjetunion gestützten Radikalisierung der KPD mit ihrer Infragestellung der Republik von Weimar, insbesondere der Roten Ruhrarmee im Frühjahr 1920 und den Volksfrontregierungen in Thüringen und Sachsen im Herbst 1923, vgl. Heinrich August Winkler, Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegungen in der Weimarer Republik 1918 bis 1924, 2Bonn-Berlin 1985, S. 295ff. und 605ff.
5 Der spätere Chef der Heeresleitung, General von Seeckt, hatte Ende Januar 1920 geschrieben: „Ich lehne Unterstützung Polens ab, selbst auf die Gefahr hin, dass Polen aufgefressen wird.“ Weiter hieß es: „Um Polen, diesen Todfeind Deutschlands, Geschöpf und Bundesgenosse Frankreichs, Räuber deutschen Bodens, Vernichter deutscher Kultur, vor dem Bolschewismus zu retten, darf sich keine deutsche Hand rühren […]“. Das Ausweichen der Reichswehr auf sowjetisches Territorium, um ungestört Entwicklungs- und Forschungsarbeiten durchführen zu können, konzentrierte sich auf die Kampffliegerschule Lipezk, die Panzerschule Kasan und das Gastestgelände Tomka an der Wolga. Zitat und weitere Informationen bei Karl Schlögel, Das russische Berlin. Ostbahnhof Europas, München 1998, S. 387, 389.
6 Zur Außenpolitik der Weimarer Republik insgesamt Peter Krüger, Die Außenpolitik der Republik von Weimar, Darmstadt 1985, hier der Komplex „Rapallo“ und die innerdeutschen Kontroversen darüber, S. 151ff. Ferner aus einer eher national-revisionistischen Sicht Ludwig Zimmermann, Deutsche Außenpolitik in der Ära der Weimarer Republik, Göttingen-Berlin-Frankfurt 1958.
7 Zu Hoetzsch vgl. Schlögel (wie Anm. 5), S. 403ff.
8 Zum Komplex Stresemann, neben der Literatur zur Außenpolitik der Weimarer Republik insgesamt, insb. Jonathan Wright, Gustav Stresemann 1878–1929. Weimars größter Staatsmann, München 2006, insbesondere S. 409ff.: „Die schwindende Aussicht auf eine Grenzrevision.“
9 Klaus Zernack, Polen und Russland. Zwei Wege in der europäischen Geschichte, Berlin 1994, S. 256.
10 Vgl. Heinz Duchhardt, Balance of Power und Pentarchie 1700–1785. Handbuch der Internationalen Beziehungen, Bd. 4, Paderborn, München, Wien, Zürich 1998, S. 185ff. Duchhardt benennt als „Absteiger“ im europäischen Mächteranking der Zeit Spanien, Schweden, die Niederlande und eben Polen.
11 Zum beginnenden Aufstieg Brandenburg-Preußens gegen Polen wie gegen Schweden vgl. Heinz Duchhardt, Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst (1640–1688), in: Frank-Lothar Kroll (Hg.), Preußens Herrscher. Von den ersten Hohenzollern bis Wilhelm II., München 2000, S. 95ff. sowie zur Königserhebung von Kurfürst Friedrich III. als Friedrich I. Wolfgang Neugebauer, Friedrich III./I. (1688–1713), in: ebd., S. 113ff., ferner Christopher Clark, Preußen. Aufstieg und Niedergang. 1600–1947, München 2007, S. 93ff.
12 Zit. nach Johannes Kunisch, Friedrich der Große. Der König und seine Zeit, München 2004, S. 405.
13 Für die sächsisch-polnische Verbindung im Zeichen des (Groß-)Herzogtums Warschau Rudolf Jenak, Das Königreich Sachsen und das Herzogtum Warschau: Probleme einer politischen, staatsrechtlichen und ökonomischen Beziehung (1807–1813), in: Guntram Martin, Jochen Vötsch, Peter Wiegand (Hg.), Geschichte Sachsens im Zeitalter Napoleons. Vom Kurfürstentum zum Königreich, Beucha 2008, S. 123ff.
14 In der preußischen Historiografie liest sich dieses Arrangement so, Otto Hintze, Die Hohenzollern und ihr Werk. Fünfhundert Jahre vaterländische Geschichte, Berlin 1915, S. 486: König Friedrich Wilhelm III. und der preußische Staatskanzler Hardenberg „gaben nach und begnügten sich mit der kleineren nördlichen Hälfte Sachsens, während von dem (Groß-)Herzogtum Warschau doch so viel an Preußen kam, dass es im Osten eine einigermaßen verteidigungsfähige Grenze erhielt, nämlich die jetzt sogenannte Provinz Posen“.
15 Zur familiären preußisch-russischen Verbindung Thomas Stamm-Kuhlmann, König in Preußens großer Zeit. Friedrich Wilhelm III. Der Melancholiker auf dem Thron, Berlin 1992. Als am 29. November 1830 in Warschau der große polnische Aufstand gegen die Zarenherrschaft ausbrach, erhielt Feldmarschall Gneisenau das Oberkommando über die aus vier preußischen Korps bestehende „Observationsarmee“. Sein Generalstabschef wurde der führende preußische Militärtheoretiker und Autor des Werkes „Vom Kriege“, Carl von Clausewitz. Die militärische Aufgabe war, ein Überspringen des polnischen Aufstandes auf den preußischen Osten zu verhindern, der russischen Repression gewissermaßen virtuelle Hilfe zu leisten und durch diesen Einsatz auch die damals in vielen deutschen Kreisen herrschende Begeisterung für die polnische Freiheitsbewegung delegitimieren zu helfen. Die Ausläufer dieser Freiheitsbewegung sollten sich noch beim Hambacher Fest 1832 in der bayerischen Pfalz zeigen, als von den deutschen Demokraten die geschlagenen polnischen Emigranten herzlich willkommen geheißen wurden. Freilich: Schon im Verlauf der Revolution von 1848/49 triumphierten auch in Deutschland, was etwa die Auseinandersetzungen um Posen zeigten, die nationalen gegen die demokratischen Präferenzen. Makaber war, dass 1831 Gneisenau wie Clausewitz und ihr russischer „Partner“ auf der Gegenseite, Feldmarschall von Diebitsch, Opfer der Cholera wurden, die damals in Ostmitteleuropa grassierte. Vgl. Wilhelm von Schramm, Clausewitz. Leben und Werk, Eßlingen am Neckar 1976, S. 533ff.
16 Vgl. dazu den Ausstellungskatalog: Macht und Freundschaft. Berlin – St. Petersburg 1800–1860, hg. von der Generaldirektion der Stiftung preußische Schlösser und Gärten, Berlin-Brandenburg 2008, insbesondere mit den Kapiteln preußisch-russische Familienbande, S. 193ff. sowie Frank-Lothar Kroll, Familieninteresse oder Staatsräson? Aspekte dynastisch-politischer Beziehungen zwischen Russland und Preußen im 19. Jahrhundert, S. 69ff. Zur Parade in Kalisch Jürgen Luh, ‚Eine welthistorische, jeden Militair Interessirende Begebenheit’. Das Lager bei Kalisch 1835, S. 51ff. Bemerkenswert ist in diesem Katalog das Grußwort des damaligen Außenministers Frank-Walter Steinmeier, S. 11: „Wir entdecken nun im beiderseitigen Verhältnis auch ein weitgehend vergessenes Zeitalter wieder. Es war geprägt von engen, ja sogar von verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Staaten. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war eine Ära des intensiven kulturellen Austauschs und eine Zeit großer politischer Übereinstimmung.“ Bemerkenswert erscheinen diese Sätze insofern, als sie in keiner Weise darauf Bezug nehmen, dass die preußisch-russische Allianz in hohem Maße eben auch auf die staatliche Nichtexistenz Polens im 19. Jahrhundert gegründet war, des Weiteren insofern, als hier eine spätabsolutistisch-monarchische und unbestreitbar vordemokratische Kooperation zwischen Berlin und St. Petersburg ohne weiteren kritischen Reflex vorbehaltlos positiv gesehen wird.
17 Zur „Krieg-in-Sicht-Krise“ Konrad Canis, Bismarcks Außenpolitik 1870–1890. Aufstieg und Gefährdung, Paderborn-München-Wien-Zürich 2004, S. 85ff., und Johannes Janorschke, Bismarck, Europa und die „Krieg-in-Sicht-Krise“ von 1875, Paderborn-München-Wien, Zürich 2010.
18 Zur deutschen Außenpolitik im sogenannten „Dritten Reich“ grundsätzlich Klaus Hildebrand, Das vergangene Reich. Deutsche Außenpolitik von Bismarck bis Hitler, Stuttgart 1995, S. 563ff. Zum deutsch-polnischen Nichtangriffspakt vom 26. Januar 1934 Rainer F. Schmidt, Die Außenpolitik des Dritten Reiches 1933–1939, Stuttgart 2002, S. 155ff. Schmidt macht zum einen deutlich, wie sehr die polnische Seite sich im Diktator Hitler gewissermaßen kulturell verschätzte: „In der Person Hitlers sahen sie (die polnische Führung, P.M.) eine deutliche Abkehr von der borussischen Traditionslinie einer Freundschaft mit Russland auf Kosten Polens.“ „Hitler ist eher ein Österreicher, auf jeden Fall kein Preuße“, so brachte Beck (der polnische Außenminister, P.M.) dies zum Ausdruck, S. 156. Dass der Nichtangriffspakt aus Sicht Adolf Hitlers nie wirklich Sicherheit verbürgen sollte, machte er wenige Wochen zuvor den Spitzen von Reichswehr, SS und SA deutlich: Es gehe um „Lebensraum“, „den uns [...] die Westmächte nicht gönnen. Daher könnten kurze, entscheidende Schläge nach Westen und dann nach Osten notwendig werden.“ Zit. nach ebd. S. 157.
19 Zur weiteren Entwicklung 1938/39 Hermann Graml, Europas Weg in den Krieg. Hitler und die Mächte 1939, München 1990.
20 Sehr drastisch, aber durchaus plausibel zeigt dieses Kalkül jetzt Bogdan Musial, Stalins Beutezug. Die Plünderung Deutschlands und der Aufstieg der Sowjetunion zur Weltmacht, Berlin 2010, S. 23.
21 Das Verbrechensgeschehen von Katyn, die vorsätzliche Ermordung eines möglichst großen Teils der polnischen „Intelligenz“ durch die sowjetischen Mordaktionen vom Frühjahr 1940, schildert jetzt Victor Zaslavsky, Klassensäuberung. Das Massaker von Katyn, ²Berlin 2008. Ein Beschluss des Politbüros der KPdSU vom 5. März 1940 hatte eine Vorlage des sowjetischen Geheimdienstchefs Berija gebilligt und für 25.700 Kriegsgefangene den „Tod durch Erschießen“ im Rahmen eines „Sonderverfahrens“, im Resultat eine bestialische Ermordung durch Genickschuss, verfügt. Eineinhalb Jahre später spielt sich wohl eine der makabersten Szenen der Weltgeschichte ab, ebd., S. 63: „Am 3. Dezember 1941 empfing Stalin die Generäle Anders und Sikorski, den Chef der polnischen Exilregierung, die ihn über das Schicksal der Offiziere befragten. Mit unüberbietbarem Zynismus, als wäre nicht er selbst es gewesen, der die Erschießung angeordnet hatte, antwortete Stalin ausweichend und stellte die Vermutung in den Raum, sie seien möglicherweise ‚in die Mandschurei geflohen, oder halten sich irgendwo in der Sowjetunion versteckt’. Im Beisein der polnischen Generäle telefonierte er sogar mit Berija und trug ihm auf, die polnischen Gefangenen zu finden und zu befreien.“
22 Vgl. Musial (wie Anm. 20), S. 181ff., ferner Jochen Laufer, Pax Sovietica. Stalin, die Westmächte und die deutsche Frage 1941–1945, Köln-Weimar-Wien 2009. Bei Laufer ergibt sich ein etwas anderes, polenkritischeres Bild als bei Musial: Danach habe auch die polnische Seite in London auf sehr große deutsche Gebietsverluste gedrängt. Ferner muss man sehen, dass Stalin seine „Großzügigkeit“ hinsichtlich polnischer Gebietsgewinne nach Westen an die Bedingung knüpfte, dass die sowjetischen Annexionen nach dem Einmarsch der „Roten Armee“ am 17. September 1939 in Ostpolen nicht infrage gestellt werden dürften. Der ganze Machiavellismus der Politik Stalins wird aber an einem anderen Umstand noch deutlicher: Laufer, S. 182: „Im Sommer 1943 verfolgte Stalin scheinbar entgegengesetzte Strategien: Während er die Radikalisierung polnischer Grenzforderungen zuließ, förderte er gleichzeitig das Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD), indem er seine Beauftragten die Rettung Deutschlands in den Grenzen von 1938 (also mit Einschluss Österreichs) versprechen ließ.“
23 Zum Warschauer Aufstand und insbesondere zur späteren stalinistischen Repression gegen die polnische Heimatarmee Norman Davies, Aufstand der Verlorenen. Der Kampf um Warschau, München 2004.
24 Zit. nach Dieter Bingen, Die Polenpolitik der Bonner Republik von Adenauer bis Kohl 1949–1991, Baden-Baden 1998, S. 65. Einer der ersten prominenten Politiker der Bundesrepublik, der sich ernsthaft um ein Zugehen auf Polen bemühte, war Carlo Schmid, SPD, damals Bundestagsvizepräsident. Er besuchte das Land gewissermaßen auf eigene Faust im März 1958, hielt Vorträge an den Universitäten Warschau und Krakau, legte, zwölf Jahre vor Willy Brandts Kniefall, am selben Ort einen Kranz für die Opfer des Warschauer Getto-Aufstandes nieder und führte am 11. März 1958 in der Warschauer Universität aus, zit. nach Petra Weber, Carlo Schmid 1896–1979, München 1996, S. 599: „Wenn es eine Kollektivschuld im strafrechtlichen Sinne des Wortes [...] nicht geben kann, so weiß jeder redliche Deutsche, dass die an Polen begangenen Untaten auch auf seinem Gewissen lasten – auch auf dem Gewissen dessen, der mehr als ein Jahrzehnt damit zugebracht hat, die Herrschaft des Unmenschen zu bekämpfen. Er weiß auch, dass das, was in Ihrem Lande geschehen ist, durch nichts aufgerechnet werden kann.“ Schmids Biografin Petra Weber fährt fort: „Nach seiner Rückkehr aus Polen musste er sich sagen lassen, er habe gegen die ‚nationale Würde’ der Deutschen verstoßen.“ Vgl. auch die Schilderung in Carlo Schmid, Erinnerungen, Bern-München-Wien 1979, S. 627ff.
25 Zit. nach Gerhard Besier, Der SED-Staat und die Kirche 1969 bis 1990. Die Vision vom Dritten Weg, Berlin, Frankfurt am Main 1995, S. 445f. Etwas merkwürdig mutet heute auch die Charakterisierung des polnischen Parteichefs Edward Gierek, im Jahrzehnt von 1970–1980 erster Mann der polnischen Kommunisten, bei Helmut Schmidt an: „Er war der Typ des zuverlässigen, selbst- und machtbewussten, instinktsicheren und charismatischen Arbeiterführers und er erinnerte mich an meine Freunde Georg Leber und Walter Arendt, der erstere ein Bauarbeiter, der letztere ein Bergarbeiterführer.“ Helmut Schmidt: Die Deutschen und ihre Nachbarn. Menschen und Mächte II., Berlin 1990, S. 481. Gierek, der immerhin jenes strukturelle polnische Dilemma entscheidend mitverantworten musste, das zu den Streiks auf der Danziger Leninwerft 1980 geführt hatte, scheint hier – was er in Grenzen durchaus gewesen sein mag – primär als menschlich anständiger Proletarier auf, während die zentralen Fragen nach demokratischer Legitimation wie ökonomischer Kompetenz im ersteren Fall nicht aufscheinen, im zweiten deutlich zurücktreten.
26 Vgl. die Dokumente zum Besuch Willy Brandts im Dezember 1985 in Polen, in: Willy Brandt, Berliner Ausgabe. Bd. 10: Gemeinsame Sicherheit. Internationale Beziehungen und deutsche Frage 1982–1992, bearbeitet von Uwe Mai, Bernd Rother und Wolfgang Schmid, Bonn 2010, S. 284ff. Bemerkenswert aus dem Bericht vor der Bundestagsfraktion der SPD vom 10. Dezember 1985, S. 289: „Fragen muss ich allerdings nach vielen Gesprächen dieser Tage, was heute eigentlich Solidarność darstellt. Das war ja eine gewaltige, große, spontane, in manchen Erscheinungsformen an liebenswerten Anarchosyndikalismus erinnernde Bewegung.“
27 Helmut Kohl war im Frühjahr 1990 innerdeutsch wie bei den westlichen Verbündeten unter Druck geraten, weil er die völkerrechtlich de-finitive Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze hinauszuschieben schien und dies zu neuen Unsicherheiten in der Mitte Europas führen könne. Innerdeutsch wurde dies von der sozialdemokratischen Opposition wie auch – in der limitierten koalitionsinternen Auseinandersetzung – von Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher geschickt instrumentalisiert, außerdeutsch zunächst von französischer und britischer Seite. Aber auch das Weiße Haus, ansonsten Kohls bester Verbündeter beim Wiedervereinigungsprozess, runzelte hier unbestreitbar die Augenbrauen. Kohl hat die strategischen wie taktischen Hintergründe in seinen Memoiren mit bemerkenswerter Offenheit geschildert. Klar war, dass die Gültigkeit der Oder-Neiße-Grenze für ihn nicht zur Diskussion stand, ferner, dass er als überzeugter – katholischer – Alteuropäer auch von günstigeren, ja sehr freundschaftlichen Perspektiven in den deutsch-polnischen Beziehungen ausging, wenn diese Grenze einmal endgültig verbrieft sei, wie es dann im November 1990, nach erfolgter Wiedervereinigung Deutschlands, auch der Fall war. Aber Kohl gibt ebenso offen zu, dass im demokratischen Wettbewerb das taktische und das innenpolitische Moment eben immer stets mitzubedenken seien. Helmut Kohl, Erinnerungen 1990 bis 1994, München 2007, S. 256f.: „Gerne unterstreiche ich an dieser Stelle erneut, dass die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze für mich bei allen Gesprächen mit polnischen, amerikanischen oder französischen Gesprächspartnern immer außer Zweifel stand. Soweit ich Vorbehalte hatte, ging es stets um den Zeitpunkt: Die Grenze sollte erst bei Verhandlungen im Rahmen eines Friedenvertrages endgültig anerkannt werden. Wenn mir gelegentlich der Vorwurf gemacht wird, bei meiner Grundhaltung hätten auch parteipolitische Erwägungen mitgespielt, dann trifft das durchaus zu. Daraus habe ich aber auch damals keinen Hehl gemacht. Etwa eine Dreiviertelmehrheit der Mitglieder von Vertriebenenverbänden waren Unionswähler. So klar die Oder-Neiße-Grenze auch anzuerkennen und dieser Grundsatzentscheidung nicht auszuweichen war, fehlte mir doch jede Bereitschaft, dies sehenden Auges zu einem falschen Zeitpunkt zu vollziehen und damit die Zukunftschancen der Union aufs Spiel zu setzen. Es gab Zeitgenossen, wie z.B. Richard von Weizsäcker, die nur durch Wahlerfolge der Unionsparteien in Amt und Würden gelangten und damit auch von vielen Stimmen der Heimatvertriebenen profitierten, die sich aber keinen Deut um die Meinung der Unionswähler kümmerten. Einen solchen Patriotismus konnte und wollte ich mir nicht erlauben.“