Kriegsende und Revolution 1918/19 in der Pfalz
Mit dem Sturz der Monarchie Anfang November 1918 brach die dynastische Verbindung zwischen Bayern und der Pfalz, die noch auf das 13. Jahrhundert zurückging, endgültig ab. Kurt Eisner (1867–1919) rief in München den Freistaat Bayern aus, auch in der Pfalz gab es gegen die Errichtung der Republik keinen nennenswerten Widerstand. Bereits am 9. November 1918 bildete sich ein Arbeiter- und Soldatenrat in Ludwigshafen, einen Tag später folgten Kaiserslautern, Zweibrücken und Neustadt.
Etwa zeitgleich, am 11. November 1918, wurde das Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet. Nach Art. 5 mussten die deutschen Truppen das linke Rheinufer binnen drei Wochen räumen. Alliierte Besatzungstruppen besetzten das Gebiet, die Pfalz kam Anfang Dezember unter französische Besatzung.
Massiv beschädigt wurde das bayerisch-pfälzische Verhältnis, auch verbunden mit antisemitischen Tendenzen, durch das ungeschickte Verhalten Eisners gegenüber der linksrheinischen Provinz. Über die Äußerung des Ministerpräsidenten bei seiner Antrittsrede, kein Feind werde bayerischen Boden betreten, machte sich dort angesichts der französischen Besatzung rasch Empörung breit. Alte, vermeintlich überwundene Wunden brachen wieder auf. In einem öffentlichen Brief an Kultusminister Johannes Hoffmann (1867–1930) erklärte der Justizrat Wenz aus Zweibrücken: „Es ist ihm da offenbar gegangen wie der früheren bayerischen Regierung stets. Er rechnet die Pfalz nicht zu Bayern. Sonst hätte er nicht versichern können, wie geschehen.“71) In der Pfalz hatte man das Gefühl, München habe seinen linksrheinischen Kreis bereits abgeschrieben.
Endgültig zum Bruch mit Eisner kam es in der Pfalz nach einem Besuch des Neustädter Arbeiter- und Soldatenrates in München Ende November 1918. Direkter Anlass war die Lebensmittel- und Kohlennot in der Pfalz, wieder ging es aber auch um die Weinhändler, die Schadensersatz für kommende Requisitionen forderten, hierfür jedoch keine konkrete Zusage erhielten.72) Verhandlungsführer in München war übrigens der Winzer Eugen Abresch (1867–1956), dessen Großvater 1832 auf dem Weg zum Hambacher Schloss die schwarz-rot-goldene Fahne getragen hatte. Die persönliche Enttäuschung der Unterhändler fand ihren Weg in die pfälzische Presse, die berichtete, „dass man in der Regierung des Volksstaates Bayern bereits mit dem Verlust der Pfalz zu rechnen scheint und geneigt ist, sie ihrem Schicksal zu überlassen, wenn sie nicht gar zum Handelsobjekt gemacht werden soll“.73) Statt den linksrheinischen Kreis zu unterstützen, werde Getreide an Deutsch-Österreich geliefert.
Hinzu kam die Außenpolitik Eisners, die den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zum Auswärtigen Amt nach sich zog.74) Dadurch, so argumentierte man in der Pfalz, habe die Region keinen Schutz mehr und sei den aggressiven französischen Territorialforderungen schutzlos ausgeliefert.
Aus pfälzischer Sicht reagierte der Ministerpräsident zu spät, als er im Dezember 1918 schmeichelnd erklärte: „Wir verzichten nicht auf die Pfalz, unter keinen Umständen, weil gerade die Pfälzer den Wein im Temperament der bayerischen Bevölkerung darstellen.“75)
In der Pfalz war durch diese Vorgänge im November und Dezember 1918 ein „eigentümliches Machtvakuum“ entstanden.76) Auch war sie mit dem doppelten Schock von staatlichem Umsturz und Besatzungsbeginn ungleich höher als das restliche Bayern von der Epochenwende betroffen. Die alten dynastischen Verbindungen zum Herrscherhaus waren gelöst, der Revolutionsregierung unter Eisner und seinem aus der Pfalz stammenden Kultusminister Hoffmann gelang es wegen ihrer unsensiblen Haltung gegenüber der Region jedoch nicht, diese Lücke auszufüllen.
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| Reichstagswahlen in der Pfalz 1919–1933 |
Unter den Politikern der Pfalz gab es keine einheitlichen Zukunftspläne. Die weitere Entwicklung war ungewiss; sicher war nur die Besatzung der Region durch Frankreich. In die politischen Stimmen, die die Zugehörigkeit zu Bayern beschworen (SPD, BVP, zunächst auch Zentrum), mischten sich in wachsendem Maße separatistische Töne (Nationalliberale, Monarchisten).77)
Das katholisch-konservative Lager war in der Weimarer Republik viele Jahre zudem durch eine parteipolitische Besonderheit geschwächt: Bis 1928 traten sowohl die BVP, die sich im November 1918 als bayerische Regionalpartei vom Zentrum abgespalten hatte, als auch die Zentrumspartei selbst getrennt bei Wahlen in der Pfalz an. Das Zentrum in der Pfalz sah sich in Abgrenzung von der BVP als Garant der regionalen Interessen des Raumes. Die Konkurrenzsituation gipfelte in der Reichspräsidentenwahl von 1925, als die BVP dem katholischen Kandidaten des Zentrums, Wilhelm Marx (1863–1946), die Gefolgschaft verweigerte und stattdessen den siegreichen Kandidaten der DNVP, den 78jährigen Protestanten Paul von Hindenburg (1847–1934), unterstützte. Ab 1928 formierten beide Parteien eine Arbeitsgemeinschaft mit gemeinsamen Listen für Reichstags- und bayerische Landtagswahlen, bei denen die BVP der stärkere Faktor war. Eine geschichtspolitische Pointe eigener Art ist, dass viele Jahrzehnte später der pfälzische CDU-Bundesvorsitzende Helmut Kohl den Kreuther Trennungsbeschluss der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag von 1976 auch sehr bewusst im Blick auf die hier skizzierten linksrheinischen Erfahrungen im christlich-bürgerlichen Lager ablehnte: Ein „Bruderkampf“ – Ausdehnung der CSU ins Bundesgebiet, „Einmarsch“ der CDU in Bayern – absorbiere per Saldo mehr Energien, als er strategische Perspektiven biete.
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| Karte des besetzten Rheinlandes, 1918. Die gepunkteten Flächen stellen die besetzten rheinischen Gebiete gemäß Versailler Vertrag dar. Die Region nördlich der Linie A sollte zum 10. Januar 1925 geräumt werden. Der Abschnitt zwischen A und B war für 1935 zur Räumung bestimmt. Die Besetzung einzelner Gebiete rechts des Rheins war teilweise ebenfalls Bestandteil des Versailler Vertrages (= gepunktete Flächen), teilweise wurden sie aber auch als zeitweilige Sanktionsmaßnahme besetzt. 1 Emmerich, zeitweise von Belgiern besetzt. 2 Ruhrgebiet, von Franzosen und Belgiern zeitweise besetzt, als Sanktionsmaßnahme im Kampf um die Reparationen in zwei Abschnitten: zunächst im März 1921 das kleine Territorium und dann im Januar 1923 das zweite größere. Im August 1925 wieder geräumt. 3 Brückenkopf Köln, besetzt von Briten und Franzosen. 4 Brückenkopf Koblenz, zunächst besetzt von US-Truppen, dann Franzosen. 5 Brückenkopf Mainz, von Franzosen besetzt. 6 Frankfurt, im April 1920 kurzzeitig von Franzosen besetzt. 7, 8, 9, 10, 11, Zeitweise von Franzosen besetzt. 12 Offenburg, zeitweise von Franzosen besetzt. Kehl, von den Franzosen auf Grundlage des Versailler Vertrages besetzt. Bild: Gerhard Gräber/Matthias Spindler, Revolverrepublik am Rhein, Die Pfalz und ihre Separatisten, Bd. 1: November 1918 bis November 1923, Landau 1992, S. 57 |
Offiziell sollte die Besetzung des linken Rheinufers Anfang Dezember 1918 durch französische, belgische, britische und amerikanische Truppen den Waffenstillstand sichern und den Siegermächten ein Faustpfand für spätere Reparationsforderungen in die Hand geben. Die französische Besatzungsmacht verfolgte jedoch von Anfang an auch das Ziel, das Rheinland so weit wie möglich aus dem deutschen Staatsgebiet herauszulösen, am besten als eigenständigen Staat. Die Pfalz wurde so zu einem Objekt der internationalen Politik.78)
Die Strategie der französischen Besatzer durchlief in den kommenden Jahren mehrere Phasen, von der völligen Isolierung des Besatzungsgebietes vom Reich und der offenen Unterstützung separatistischer Bewegungen bis hin zur subtileren „pénetration pacifique“, also dem Versuch, die Bewohner des linken Rheinufers mit Hilfe gezielter Kulturpropaganda auf die Seite Frankreichs zu ziehen, etwa mit kostenlosem Französischunterricht, Theateraufführungen, Konzerten, Kunstausstellungen oder deutsch-französischen Kulturzeitschriften.
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| Karikatur zu den Bemühungen der Franzosen, den deutschen Michel mit kulturellen Aktivitäten für die französische Kultur zu interessieren. Rheinischer Beobachter, Jg. 1923 Bild: Joachim Kermann/Hans-Jürgen Krüger (Bearb.), 1923/24. Separatismus im rheinisch-pfälzischen Raum, Koblenz 1989, S. 31 |
Doch auch die deutschen Befürworter einer Loslösung von Bayern bzw. vom Reich insgesamt vertraten keine einheitliche Strategie. Äußerst heterogene Motive, Ziele und Methoden behinderten den Aufbau einer einheitlichen politischen Formation. Verschiedenste Spielarten einer zukünftigen territorialen Ausgestaltung der Pfalz reichten von der engen Anlehnung an Frankreich über einen Verbleib im Reich nach Vorbild des britischen Empire bis hin zur völligen Loslösung aus dem Reichsverband. Zugleich formierte sich unter den Pfälzer Politikern parteiübergreifend eine größere Bereitschaft zur Abtrennung von Bayern. Während die Mitglieder der nationalliberalen DVP bereits die Neugliederungspläne von Hugo Preuß für das Reich mit großem Interesse verfolgten, mehrten sich in der pfälzischen BVP spätestens nach den dramatischen Ereignissen in München von Februar 1919, als Ministerpräsident Eisner ermordet und Innenminister Erhard Auer (1874–1945) bei einem Attentat im bayerischen Landtag schwer verletzt worden waren, die Stimmen, die nach einer Loslösung von Bayern verlangten. Nun orientierten sich sogar Teile der Sozialdemokratie in diese Richtung. Die parteinahe Pfälzische Post schrieb am 12. März 1919, man wolle nicht einem Staat angehören, „der sich in selbstmörderischer Absicht an den Ruin bringt“.79)
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71 Zit. nach Thalmann (wie Anm. 65), S. 177.
72 Franz J. Bauer (Bearb.), Die Regierung Eisner 1918/19. Ministerratsprotokolle und Dokumente, Düsseldorf 1987, S. 45.
73 Pfälzischer Kurier vom 26. November 1918, zit. nach Thalmann (wie Anm. 65), S. 182.
74 Bernhard Grau, Kurt Eisner, 1867–1919. Eine Biographie, München 2001, S. 385–405.
75 Pfälzischer Kurier vom 2. Dezember 1918, zit. nach Thalmann (wie Anm. 65), S. 187.
76 Thalmann (wie Anm. 65), S. 188.
77 Thalmann (wie Anm. 65), S. 176 f.
78 Helmut Gembries, Die Pfalz und Bayern in der Weimarer Zeit, in: Fenske (wie Anm. 1), S. 189–211, hier S. 190 f. Grundlegend für die Besatzungszeit ist ders., Verwaltung und Politik in der besetzten Pfalz zur Zeit der Weimarer Republik, Kaiserslautern 1992; für eine kalendarische Übersicht über die Ereignisse während der Besatzung siehe Bayerischer Staatskommissar für die Pfalz (Hg.), Die Pfalz unter französischer Besatzung von 1918–1930. Kalendarische Darstellung der Ereignisse vom Einmarsch im November 1918 bis zur Räumung am 1. Juli 1930, mit einer topographischen Karte der Pfalz, München 1930; Wilhelm Kreutz (Hg.), Die Pfalz unter französischer Besetzung 1918/19–1930, Kaiserslautern 1999.
79 Zit. nach Gembries, Pfalz und Bayern (wie Anm. 78), S. 194.