Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Bayern, Deutschland und Österreich im europäischen Übergang

Reichsgründung / Föderalismus / Bündnisse

Beziehungsgeschichten aus dem 19. Jahrhundert

Von Peter März

 

Vorbemerkung

Deutschland 1964-1867

Die Geschichten, die hier erzählt werden, spielen wesentlich in den 13 Jahren zwischen 1866 und 1879, zwischen dem letzten innerdeutschen Krieg, durch dessen Ergebnis die Weichen für die so genannte kleindeutsche Einigung gestellt wurden, und der 1879 geschlossenen Allianz zwischen dem neuen Deutschen Reich und Österreich-Ungarn. Es geht hier um Konflikte und Kooperationen, um Ausgrenzung und Integration, um, in der Begrifflichkeit der politischen Wissenschaft, „Akteure“ in vielfachen Kombinationen. Und ein wenig soll Geschichte hier auch ‚süffig‘ werden: Diese Geschichten haben mit Menschen, deren Eigenheiten und Schwächen, deren Sozialisationen und den kulturellen Verwurzelungen ihrer Familien zu tun. Wahrscheinlich geht uns viel verloren, wenn wir die Bühnen, auf denen die Akteure der Vergangenheit handelten, nicht mehr ausleuchten.

Wir sollten deshalb auch die historische Möblierung mit ins Bild holen. An einigen Stellen wird dies hier im Ansatz versucht.

Die Geschichten, die diese Publikation schildert, sind historisch überholt und modern zugleich. Historisch überholt sind sie insofern, als es konstitutiv um vordemokratische, monarchische Zustände und um ein strategisches Denken in der Politik geht, das den Krieg als deren Mittel weithin akzeptiert. Von bleibendem Interesse auch für die politische Bildung sind die Ereignisse und Entwicklungen dieses Zeitraumes aber jedenfalls insofern, als sie den Wechsel von staatlichen Konfigurationen, die Neuausprägung und Bewahrung von Identitäten, wie am bayerischen Beispiel zu schildern, das Austarieren föderativer Autonomien und Mitsprachen und schließlich auch die Wechselbeziehung zwischen Innen- und Außenpolitik kennen. Am Anfang dieser Geschichten steht mit dem Ende des Deutschen Bundes und dem Ausscheiden Österreichs aus dem unmittelbaren Zusammenhang deutscher Politik zugleich das definitive Ende der mitteleuropäischen Vormoderne, die im 1806 untergegangenen Heiligen Römischen Reich ihren eigentlichen Bezugspunkt gehabt hatte. Ob diese Struktur tatsächlich nicht in einer Weise reformierbar war, die sie in die moderne Zeit des politischen Massenmarktes und der nationalen Staatlichkeiten hätte hinüberleiten können, mag dahingestellt bleiben.1)

Die „Batterie der Toten“. Zerschossene österreichische Geschützstellung am Abend der Schlacht von Königgrätz, die das Ende des Deutschen Bundes und das Ausscheiden Österreichs aus Deutschland besiegelte, 3. Juli 1866.
Bild: Heeresgeschichtliches Museum, Wien

Nicht zuletzt die Entscheidung auf dem Schlachtfeld von Königgrätz im Juli 1866 wies in eine andere Richtung. Am Ende steht unter veränderten außenpolitischen Bedingungen die teilweise Rekonstruktion dieses alten Bezugsrahmens aus Gründen nach innen gerichteter Integration im Kaiserreich wie auch zur Absicherung der Reichsgründung nach außen.

Gemeint ist hier der Zweibund von 1879, der Deutschland und Österreich-Ungarn eng verflocht.

Die sodann geschaffenen Mächtestrukturen im Europa vor dem Ersten Weltkrieg muten stabil und fragil zugleich an – stabil durch das angenommene Gleichgewicht von Bündnissystemen, fragil, weil in den Eliten der Großmächte Ängste und hegemoniale Ambitionen zusammen kamen. Daraus und aus vielerlei Fehlwahrnehmungen und übersteigerten Zielsetzungen, insbesondere auf deutscher Seite, erwuchs am Ende wesentlich der Erste Weltkrieg.

Die Entwicklungen im ersten Jahrzehnt nach der Reichsgründung mögen hierfür notwendige, gewiss aber nicht hinreichende Voraussetzungen geschaffen haben. Was uns dies alles zeigt, ist, dass Rationalität, Selbstkontrolle und Hineindenken in die Wahrnehmungen und Interessen der jeweils anderen unabdingbar für Konfliktvermeidungen sind. Diese Lehren bleiben auch unter völlig gewandelten Bedingungen gültig. Und das deutsche Beispiel unmittelbar sollte uns lehren, dass die Erhaltung von innerstaatlichen Pluralitäten kulturell und politisch befruchtend und kreativ wirkt – Otto von Bismarck, der erste Reichskanzler, war hier, obwohl gewiss kein Patentdemokrat, wie auch dieser Beitrag zeigt, bemerkenswert sensibel.

1866: Eine neue Lage für Bayern

Die Kriegsführung der bayerischen Armee 1866 wurde ebenso wie diejenige der übrigen Bundestruppen in der Berliner Presse verspottet.
Quelle: Haus der Bayer. Geschichte

Am 21. Juni 1870, knapp einen Monat vor Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges, resümierte der bayerische Abgeordnete im Berliner Zollparlament für den Deutschen Zollverein, Georg Arbogast Freiherr von und zu Franckenstein, seine in den letzten zwei Jahren in der preußischen Hauptstadt gewonnenen Erfahrungen so: „Ich kann Ihnen versichern, daß gerade die Basis der preußischen Staatseinrichtungen, der wie nirgends in der Welt ausgebildete und alles beherrschende Militarismus, unsererseits den Wunsch hervorrief, diese Zustände nicht mit den unseren zu vertauschen und alles zu tun, was in unseren Kräften steht, um nicht in diese Zwangsjacke gesteckt zu wer-
den, in welcher die Bundesgenossen der Präsidialmacht schmachten.“2) Die hier genannten „Bundesgenossen“ sind die neben Preußen weiteren Mitglieder des 1866/67, nach dem Ausscheiden Österreichs aus dem Deutschen Bund, neu geschaffenen Norddeutschen Bundes, an erster Stelle wohl das zweite Königreich in diesem neuen Verband, Sachsen, mit seiner eigenen kulturellen und politischen Identität von europäischem Rang. Aber wie steht es um die Gesamtkonstellation, aus der heraus hier geurteilt wird? Mit dem eindeutigen Ausgang des Deutschen Krieges vom Frühsommer 1866 sind alle Hoffnungen, Erwartungen und Projektionen auf eine evolutionäre Entwicklung des Deutschen Bundes, gestützt auf zwei Großmächte, Österreich und Preußen, mit leicht gestärkten bundesstaatlichen und leicht reduzierten staatenbündigen Strukturen, d. h. auch unter weitgehender Schonung des Souveränitätsanspruches der Mittelstaaten mit Bayern an ihrer Spitze, zerstoben.3) Aber damit ist bereits keineswegs die Bahn zum künftigen Bundesstaat „Deutsches Reich“ geebnet und schon gar nicht dessen künftige Verfassungsstruktur determiniert. Die Friedensverträge von 1866 sehen neben dem Norddeutschen Bund auch einen eigenen Deutschen Südbund für die Länder südlich der Mainlinie vor. Aber hier handelt es sich eher um eine Placebo-Konstruktion, die Wien, das auch als Kriegsverlierer im europäischen Spiel bleibt, und Paris der Sorge entheben soll, schon demnächst müsse ein kleindeutscher Nationalstaat in Rechnung gestellt werden.

Zollverein und Zollparlament

Als verbindende Klammer von Süd und Nord bleibt einstweilen der 1834 begründete Deutsche Zollverein. Er ist zwar durch die Konfrontation von 1866, die auch einen Riss quer durch seine Mitglieder brachte, zunächst einmal paralysiert, 1867/68 dann aber wieder aufgerichtet worden. Erstmals gab es Wahlen zu einem so genannten Zollparlament, das in Berlin zusammentrat.

Die Repräsentanz des deutschen Südens in diesem Gremium zeigte freilich an, dass es mit einer Art Einbahnstraße zum preußisch dominierten, liberal-unitarisch geformten kleindeutschen Nationalstaat nichts werden würde.

Die Kriegsführung der bayerischen Armee 1866 wurde ebenso wie diejenige der übrigen Bundestruppen in der Berliner Presse verspottet.
Quelle: Haus der Bayer. Geschichte

In Württemberg hatte die Parole, eine solche Einheit werde sich nach den Grundsätzen „Steuern zahlen, Maul halten, Soldat sein“ vollziehen, gezündet und viele Demokraten im Geist der alten südwestdeutschen 48er ins Zollparlament gebracht. Der DDR-Historiker und Bismarck-Biograph Ernst Engelberg missbilligte diese Tendenz, sah in ihr offenkundig eine dumpfe, in Bayern katholische, in Württemberg demokratische Reaktion am Werk, die sich dem nach hegelianischem Muster vorgegebenen Geschichtsfahrplan hin zum effizienten Gesamtstaat widersetzte: „Im Ganzen gesehen vertraten 85 süddeutsche Abgeordnete des Zollparlaments einen prononcierten Partikularismus, so unterschiedlich er auch begründet sein mochte. Hier war Bismarck ein Feind erwachsen, der seine Kraft aus einem naiven Monarchismus, aus vorindustriellen Lebensweisen und Gewohnheiten, klerikalem Fanatismus und Hausinteressen politischer Cliquen schöpfte.“4) Dass hier ein vulgär-lineares Geschichtsdenken vom Kleineren zum Größeren, vom vermeintlich Niedrigeren zum scheinbar Höheren die zumindest partielle Preußen-Euphorie kommunistischer Historiografie aus der neue Leitbilder suchenden Endzeit der DDR inspiriert, mag heute als Pointe eigener Art gelten. Solch banale Fortschrittsgläubigkeit ist schließlich im 20. Jahrhundert vielfach ad absurdum geführt worden. Für unseren Zusammenhang ist wichtiger, dass nationale und internationale Trends in den vier Jahren von 1866 bis 1870 ein sehr vielschichtiges Bild ergeben, in dem manches auf die künftige deutsche Einigung, manches aber auch auf anhaltende Diversifizierung hindeutete. Mit der Figur des eingangs zitierten Georg Arbogast Freiherrn von und zu Franckenstein aus der alten katholischen Reichsritterschaft hatten zumindest ansehnliche Teile des fränkischen Adels – hinzunehmen könnte man hier z. B. die Familie von Guttenberg – die mittlerweile gesamtbayerische Staatsräson voll internalisiert und sahen den vermeintlichen oder tatsächlichen Unitarisierungstrend auf nationaler Ebene kritisch und ablehnend. Auch dieses Beispiel zeigt, wie vielschichtig die Entwicklungen der Zeit waren. Im Übrigen hatte auch der alte Vormund des katholischen Süd- und Westdeutschland, das habsburgische Kaiserhaus in Wien, noch keineswegs alle Ambitionen aufgegeben, auf die deutsche Bühne zurückzukehren.

Vielfach wurde dazu in Wien sogar ein Bündnis mit dem französischen Kaiserreich Napoleons III. erwogen.

Die Rolle Österreichs nach Königgrätz

Der Feldzug in Weltdeutschland 1866

Es hätte zwar bei einem Erfolg gegen Preußen französische Gebietsgewinne im linksrheinischen Gebiet unabweisbar gemacht, zugleich aber zu einem roll back der Berliner Positionen in Norddeutschland geführt. Hier lag eine für die bismarcksche Politik in Berlin bis zum Spätsommer 1870, d. h. bis zum militärischen Erfolg über Frankreich, durchaus gefährliche Perspektive. Sie konnte einstweilen nur durch das traditionell vorzügliche, auf die Solidarität der Dynastien in St. Petersburg und Berlin gegründete Verhältnis zwischen Preußen und Russland einigermaßen austariert werden. Denn Russland, dazu noch durch die Niederlage gegen die „Westmächte“ Großbritannien und Frankreich, wie Sardinien-Piemont im Krimkrieg von 1853–1856 gedemütigt, sah vor allem Österreich als den Schuldigen für seine seinerzeitige Schwächung.

Die Wiener Diplomatie hatte damals durch die Androhung eines Kriegseintritts auf der Seite von London und Paris die endgültige Niederlage des Zarenreiches mit herbeigeführt. Preußen hingegen war spätestens seit der Solidarität in den Befreiungskriegen von 1813–1815 aus der Perspektive des Zarenreiches ein ideologisch einigermaßen verlässlicher, dazu strategisch wohl platzierter mindermächtiger Partner gegen alle Revolutionäre und vielerlei weitere Bedrohungen in Europa, mochten sie u. a. von Polen, das weitgehend in russischem Besitz stand, wie vom so unberechenbaren Frankreich ausgehen.5)

Bündnis Bayerns mit Preußen

Für die künftige Orientierung Bayerns noch wichtiger als der mit Preußen am 22. August 1866 geschlossene Friedensvertrag war der „Geheime Bündnisvertrag“ zwischen beiden Staaten vom selben Tage. Beide Verträge musste noch der bisherige Ministerpräsident und Bayerische Außenminister von der Pfordten schließen. Ihm mochte man damals vorhalten, die Aufrechterhaltung einer dritten, mittelstaatlichen Position zwischen den Großmächten Österreich und Preußen, der eigentliche Inhalt bayerischer Politik in dieser Zeit, nicht erfolgreich durchgestanden zu haben. Aus der Rückschau mutet solche Kritik freilich eher beckmesserisch an: Selbst eine besser koordinierte Politik des dritten Lagers in Deutschland hätte die finale Konfrontation zwischen Preußen und Österreich, von Bismarck gewollt, von Kaiser Franz Joseph in der Wiener Hofburg schließlich entschlossen aufgenommen, aller Wahrscheinlichkeit nach nicht verhindern können.

Bayern hatte mindestens zwei vitale Gründe, sich, formal nach dem Ende des Deutschen Bundes völlig souverän, in ein Abhängigkeitsverhältnis zu Preußen, das vorerst noch geheim gehalten wurde, zu begeben: Einmal konnte so der Friedensvertrag in für Bayern nicht nur milden, sondern respektablen Formen gehalten werden: Die territorialen Verluste in Unterfranken blieben marginal, die ursprünglich zu befürchtende Abtretung der hohenzollernschen Stammlande Ansbach und Bayreuth erwies sich als bloßes Element preußischer Zuckerbrot- und Peitschepolitik, die zu zahlenden Reparationen waren zwar misslich, aber tragbar. Das andere war die heute so vielfach vergessene bayerische Position am Rhein. Wenn Frankreich Kompensationen für den preußischen Zugewinn in Norddeutschland (vor allem das Königreich Hannover etc.) durchsetzen konnte, dann sprach viel dafür, dass diese sich zumindest auch auf Teile der bayerischen Pfalz erstreckten. Bismarck hat wohl nie ernsthaft erwogen, sich auf ein solches Geschäft mit Napoleon III. einzulassen, denn dies hätte ihn beim nationalen Publikum in ganz Deutschland in höchstem Maße kompromittiert. Aber das hielt ihn zugleich nicht davon ab, dem Bayerischen Ministerpräsidenten von der Pfordten gegenüber eine Komödie zu spielen, bei deren Abgang sich beide rührselig darin einig waren, gegen das „böse“ Frankreich zusammenzustehen und alte Konflikte zu vergessen.

Ein neuer Regierungschef in München

Von der Pfordten war der Mann der mittelstaatlichen Vergangenheit Bayerns gewesen, sein am 31. Dezember 1866 ernannter Nachfolger, Fürst Chlodwig von Hohenlohe-Schillingsfürst, sollte der Mann der kleindeutsch-nationalen Zukunft werden:6) Hohenlohe stammte aus einer der ursprünglich reichsfreien, in der napoleonischen Ära mediatisierten Familien7), die als „Standesherren“ in den deutschen Ländern weiterhin einen besonderen Status genossen – in Bayern gehörte dazu für die Familienoberhäupter die lebenslange Mitgliedschaft in der zweiten parlamentarischen Vertretung, der „Kammer der Reichsräte“. Hohenlohe wurde zum Muster eines zwischen den Polen, zwischen München und Berlin, zwischen Katholizismus und Liberalismus vermittelnden Politikers und Spitzenadministrators und damit zugleich nach der Reichsgründung einer der Akteure, auf die die bismarcksche Integrationspolitik gegenüber Süddeutschland baute: 1874 avancierte er zum Deutschen Botschafter in Paris, wohl das erste Mal, dass nach der Reichsgründung eine erstrangige Position in der deutschen Diplomatie an einen Süddeutschen ging, 1885 schließlich zum Statthalter von Elsass-Lothringen, also zum unmittelbaren Vertreter des Kaisers in Straßburg, wo sinnbildhaft die gemeinsame Kriegsbeute des deutschen Nordens und Südens aus dem Deutsch-Französischen Krieg verwaltet und repräsentiert wurde. Seine spätere Zeit als Reichskanzler und Preußischer Ministerpräsident von 1894–1900 stellte zwar den formalen Höhepunkt der Karriere dar, fiel aber bereits in eine Lebensphase nachlassender Kreativität. Im Übrigen war Hohenlohe eben deshalb von der Führungsclique um Kaiser Wilhelm II. für die Kanzlerschaft ausgewählt worden, weil es galt, das persönliche Regiment des Kaisers ostentativ hervorzuheben, die zivile Reichsspitze dagegen deutlich zurücktreten zu lassen.8)

Justierung der bayerischen Politik gegenüber dem Bund

Zu einer offenkundig propreußischen Ausrichtung seiner Politik sah Hohenlohe sich bereits in seiner ersten Regierungserklärung vor dem Bayerischen Landtag am
19. Januar 1867 veranlasst. Zugleich galt es aber, im bayerisch-patriotischen Sinne beruhigend zu wirken und jede Ambition zu bestreiten, Bayern einfach in die Engführung preußischer Politik, wie sie der Norddeutsche Bund für die Länder nördlich der Mainlinie dekretiert hatte, zu überführen: „Ich muß überdies ebenso offen aussprechen, daß die Entwicklung der norddeutschen Bundesverhältnisse, wie sie sich jetzt gestaltet, eine so entschiedene Hinneigung zum Einheitsstaat bekundet, daß ich es mit der Würde des Landes und den Pflichten der Staatsregierung nicht vereinbar halte, den bedingungslosen Eintritt in diesen Norddeutschen Bund anzustreben. Ich wenigstens würde einem solchen bedingungslosen Eintritt meine Stimme nicht geben und die Verantwortung desselben nicht übernehmen.“9) Es schloss sich, positiv, das Programm des neuen bayerischen Regierungschefs in der nationalen Frage an: „Erlauben Sie mir nun, meine Herren, zum Schlusse noch einmal die Aufgabe der bayerischen Politik in wenigen Worten zusammenzufassen! Es ist die Anbahnung eines Verfassungsbündnisses mit den übrigen Staaten Deutschlands, sobald und soweit dies unter Wahrung der bayerischen Souveränitätsrechte und der Unabhängigkeit des Landes möglich ist; bis zur Erreichung dieses Zieles die Schaffung einer achtunggebietenden Macht, nicht durch die Organisation des Heeres allein, sondern auch durch den Ausbau unserer inneren Staatseinrichtungen auf freisinniger Grundlage, durch Hebung des Selbstbewußtseins und des Vertrauens in unsere eigene staatliche Existenz.“10)

Reformpolitik und neue Patriotenpartei in Bayern

Bisher ist die nun eingeleitete, innerbayerische Reformpolitik weitgehend unter dem Signum der Anpassung an preußisch-norddeutsche Verhältnisse gesehen worden, gewissermaßen als Vorbereitung auf die spätere Reichsgründung, von der noch niemand zu sagen vermochte, ob sie überhaupt, wann und in welcher Form zu Stande käme. Dieses Bild ist nach der neuesten Forschung korrekturbedürftig und zwar im Sinne einer bewussten Stärkung bayerischer, auf die eigene Staatlichkeit bezogene Identität. Es ging also nicht nur darum, Bayern für das spätere, mehr oder weniger erkennbar im Werden begriffene Deutschland kompatibel zu machen. Es ging offenkundig mindestens ebenso darum, bereits jetzt das eigene Landesbewusstsein in Verbindung mit der Stärkung von Infrastruktur und Staatseinrichtungen im Land so zu verdichten, dass es beim späteren Aufgehen in einem größeren Ganzen wenigstens soviel Resistenz zeigen könnte, um bayerische Eigenheit zu bewahren.11) Ausbau und Effizienzsteigerung der bayerischen Armee, die auf den ersten Blick am unmittelbarsten preußischen Vorgaben folgten, unterlagen so eben auch einem bayerischen Eigeninteresse, nämlich sich durch ein leistungsfähiges eigenes militärisches Instrument neu profilieren zu können. Misslungen ist Hohenlohe eine Bildungsreform in Gestalt eines Schulgesetzes, das insbesondere auf liberale Kreise und den bayerischen Volksschullehrerverein, den Vorgänger des heutigen BLLV, zurückging. Die nicht zu überwindende Klippe war die Zurückdrängung des kirchlichen Einflusses, insbesondere die Reduzierung der geistlichen Schulaufsicht. Die dagegen im Land mit Erfolg durchgeführte populistische Mobilisierung, eindrucksvolles Beispiel dafür, dass die Tendenzen der Zeit keineswegs nur in liberale Richtungen drängten, führte zur Ablehnung zwar nicht in der Kammer der Abgeordneten, hier kam es erst später zur Dominanz der katholischen Patriotenpartei, wohl aber im April 1869 in der ständischen Kammer der Reichsräte.

Bismarck auf Kleinstaaten-Fang.
Französische Karikatur von 1867
Quelle: Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

Da die bismarcksche Politik der Zeit sich in Preußen wie im Norddeutschen Bund vorwiegend auf die nach dem Sieg über Österreich 1866 neu formierte Partei der Nationalliberalen stützte, wird hier ein Bruch zwischen Nord und Süd erkennbar, wie er sich in der Folge in Deutschland mehrfach wiederholen sollte. Bismarck selbst, Preußischer Ministerpräsident und Kanzler des Norddeut-schen Bundes, war aber klug genug, nicht einfach Druck mit Gegendruck zu beantworten. Seine Politik dieser Zeit gegenüber Bayern wird man vielmehr stets im Grundsatz als verständnisvoll, freundlich-elastisch beschreiben können. Schon mit Weisung Bismarcks vom 26. Februar 1867 war der preußische Gesandte in München von Werthern angewiesen worden, auf bayerische Empfindlichkeiten besondere Rücksicht zu nehmen.12)

Kurz- und mittelfristig konnte eine solch moderate Haltung den immer mehr Fahrt aufnehmenden antipreußischen Zug der bayerischen Volksseele freilich nicht aufhalten. Auch das 1867 bekannt gewordene Schutz- und Trutzbündnis mit Preußen war in der bayerischen Bevölkerung durchaus unbeliebt. Die Landtagswahlen vom
22. Mai 1869 gewann das katholisch-konservative Lager in Gestalt der neuen Patriotenpartei mit 78 gegen 76 Mandaten. „Damit war ein völliger Umschwung in der bayerischen Parteienkonstellation in den Mehrheitsverhältnissen der Abgeordnetenkammer eingetreten. Die Patrioten“, schrieb Hohenlohe, „hätten ihren Sieg errungen ‚mittels der vorgeschobenen Sorge für die Selbständigkeit der Krone und des Landes und mittels der wohl benützten Abnei-gung der Mehrheit des Volkes gegen eine Unterwerfung unter preußische Oberhoheit‘“.13) Neuwahlen vom 2. November 1869 erbrachten eine Verfestigung dieser Konstellation: Nun standen 80 Mandate der Patrioten gegen 74 der Liberalen. Gegen den Rat des Preußischen Ministerpräsidenten von Bismarck sah sich König Ludwig II. schließlich gezwungen, seinen Regierungschef Hohenlohe am 8. März 1870 zu entlassen, im Übrigen auch Ausdruck der Tatsache, dass im Lande doch schon so etwas wie eine Protophase von Parlamentarisierung erreicht war. Ein apodiktisches Regieren gegen den Mehrheitswillen im Parlament mochte formal-konstitutiv zwar noch möglich sein, war aber politisch offenkundig in Bayern bereits nicht mehr durchzuhalten. Und in der Rückschau begegnet uns eine der Paradoxien, wie sie die bayerische Entwicklung in Relation zur nationalen immer wieder kennzeichnen: Wenige Monate vor Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges, der bewusst als National- und Einigungskrieg geführt und wahrscheinlich zum guten Teil auch inszeniert worden war, hatten in Bayern selbst jene Kräfte die parlamentarische Hegemonie errungen, die dem Trend zu einem evangelisch-kleindeutschen Kaisertum denkbar reserviert gegenüberstanden.14) Schon einigermaßen resigniert schrieb Gustav Freytag, nationalliberaler Historiker und Publizist – mit antisemitischen Untertönen – am 1. Juli 1870 an den Herzog von Gotha: „Es ist nicht wahr, daß die Südstaaten uns allmählich genähert werden; sie werden uns notwendig fremder, je weiter die Gesetzesorganisation im Norden fortschreitet (…). Und was dann? Zweiteiligkeit in sempiternum.“ Bis zum Kriegsausbruch sollten keine drei Wochen mehr vergehen.

Kriegsausbruch im Juli 1870

Deutsch-Französischer Krieg 1870/71

Im Zusammenhang mit dem Kriegsausbruch zwischen Deutschland und Frankreich im Juli 1870 ist hier jene Frage nicht weiter zu vertiefen, die die Forschung schon seit Langem intensiv beschäftigt; ob es sich nämlich bei der so genannten spanischen Thronkandidatur, also dem spanischen Angebot an Prinz Leopold aus der katholischen Linie Hohenzollern-Sigmaringen, den Thron in Madrid zu besteigen, um eine durch den Berliner Regierungschef Bismarck eingefädelte Intrige gehandelt habe, die Frankreich provozieren und es zur Konfliktherbeiführung gegen Preußen-Deutschland verleiten sollte. Die vom Versacken bedrohte deutsche Nationalbewegung, die Entwicklung in Bayern (s. o.) wird hier als Beleg herangezogen, sollte danach durch die gemeinsame Abwehr des Erbfeindes neu inspiriert und zum politischen Erfolg geführt werden. Dagegen spricht, dass Bismarck selbst sehr viel situationsbezogener zu agieren pflegte, als ihm jene Interpreten unterstellen, die in ihm immer nur den genialen, über viele Züge voraus denkenden Schachspieler zu erkennen vermögen. Ob langfristig gewollt oder kurzfristig mitforciert, jedenfalls war die französische Kriegserklärung vom 19. Juli 1870 an Preußen (völkerrechtlich an den Norddeutschen Bund) ein geradezu ideales Vehikel, um Stagnation an der Mainlinie zu überwinden.

Auf die bayerische Ebene bezogen bemerkenswert war das vielfach geschilderte Umschlagen der Stimmung im Landtag.

Die Patriotenpartei hatte ursprünglich mehrheitlich dazu geneigt, die Bedingungen des Schutz- und Trutzbündnisses zwischen Bayern und Preußen als nicht gegeben anzusehen, da es sich nur um einen dynastischen Konflikt handele. Daher sollten Kredite zur Mobilmachung der bayerischen Armee lediglich für eine bewaffnete Neutralität des Landes bewilligt werden. Die nationale Gefühlslage, die insbesondere das städtische Bürgertum im Lande erfasst hatte, führte aber zu einem Umschwenken in Teilen der Patriotenpartei, sodass der Landtag insgesamt am 20. Juli 1870 mit 101 gegen 47 Stimmen den Antrag der Regierung billigte, die Kriegskredite für den bayerischen Eintritt auf Seiten Preußens in den Konflikt zu bewilligen. Was die damals anzustellenden politischen Güterabwägungen auf den politischen Kommandohöhen anging, beschrieb der Nachfolger Fürst Hohenlohes, Ministerpräsident Graf Bray-Steinburg, die Situation plausibel so: „Gehen wir mit Preußen und gewinnt dieses den Krieg, so ist Preußen gezwungen, den Bestand Bayerns zu achten. Unterliegt Preußen, so verlieren wir vielleicht die Pfalz, aber mehr kann uns nicht geschehen, denn Frankreich muß die Selbständigkeit der deutschen Einzelstaaten immer begünstigen; das Gleiche tritt ein, wenn wir neutral geblieben sind und Frankreich siegt. Siegt aber Preußen, obwohl wir es gegen den Vertrag im Stich gelassen haben, dann erwartet uns das Schicksal Hannovers (preußische Annexion 1866, P.M). Es wäre das ‚finis Bavariae‘.“15)

Wie positioniert sich Österreich?

Eine bemerkenswerte Parallele zur bayerischen Volksstimmung resultierte im Übrigen aus der politischen Temperatur in Wien. Am Habsburger Hof herrschte zwar durchaus Neigung, auf Seiten Frankreichs in den Krieg einzutreten, um so Revanche für Königgrätz 1866 zu nehmen. So hatte Erzherzog Albrecht, Generalinspektor der österreichischen Armee, 1869 und Anfang 1870 mit Kaiser Napoleon III. und führenden französischen Militärs Sondierungen über einen französisch-österreichischen Operationsplan angestellt, der sogar eine gemeinsam gegen Preußen bei Leipzig durchgefochtene Entscheidungsschlacht, gewissermaßen die Umkehrung der Leipziger Völkerschlacht von 1813, vorsah.

Kaiser Franz Joseph selbst freilich ließ solche militärische Überlegungen nicht zur Dominante seiner Politik werden, sondern war eher bestrebt, sich mehrere Optionen offen zu halten.16) Die Möglichkeit eines französisch-österreichischen Zusammengehens gegen Preußen und seine Verbündeten scheiterte dann aber im Sommer 1870 nicht nur an den schnellen militärischen Erfolgen der sehr bald in Ostfrankreich eindringenden deutschen Armeen, die sozusagen von Woche zu Woche, ja von Tag zu Tag die französischen Aktien an der politischen Börse der Wiener Hofburg fallen ließen.17) Vor allem aber kam eine deutschnationale Stimmung im Bürgertum, namentlich unter den Studenten, in der Donaumonarchie hinzu. Sie gründete nicht nur auf dem Schmerz über die 1866 eingetretene Verstoßung aus Deutschland.

Sie nahm zugleich auch die Projektion auf die politisch-kulturelle Unterfütterung des dann 1879 eingetretenen Wiederzusammenkommens zumindest in Form einer militärischen Allianz – Zweibund – voraus und ließ auch bereits jene Anschlussdiskussionen erahnen, die dann bis zum Fiasko der nationalsozialistischen Annexion Österreichs 1938 immer wieder aufwallen sollten. Eine offizielle Parteinahme der Donaumonarchie für die deutsche Seite im Krieg gegen Frankreich 1870/71 war zwar ausgeschlossen; im Ergebnis kam es aber zu einer Neutralität, die vom deutschen bzw. deutschsprachigen Bürgertum in Österreich eindeutig prodeutsch interpretiert wurde. Zwei Zitate mögen diese Grundstimmung in Wien belegen. Die „Neue Freie Presse“ schrieb am 16. Juli 1870: „… am allerwenigsten lassen wir uns drängen, dem um die Erhaltung seiner Grenzen ringenden deutschen Volke in den Rücken zu fallen. Vom deutschen Reich hat man uns ausgeschlossen, vom deutschen Volke soll man uns niemals ausschließen.“ Jenseits eines extremen Deutschnationalismus, der in der weiteren Entwicklung vielfach illiberale und antisemitische Züge annehmen sollte, kommt der Historiker Heinrich Lutz im Blick auf die Wiener Grundstimmung zu folgendem Befund: „Alle weitergehenden Wünsche, beflügelt durch die deutschen Siege und ein gesteigertes Nationalgefühl, begannen sich auf ein künftiges enges Vertragsverhältnis zwischen Österreich und Deutschland und auf eine starke Stellung der Deutschen im Innern der Monarchie zu richten.“18) Interpretiert man preußische Stimmen zum bayerischen Kriegseintritt 1870 wie zum militärischen Beitrag des Königreiches, so wird wie in der Bismarckschen Politik das heute ambivalent erscheinende Bemühen erkennbar, Bayern, als Militärstaat zuvor nicht recht ernst genommen, zu würdigen und sein Einschwenken auf die nationale Sache hervorzuheben. So resümiert Heinrich von Sybel, der Bismarck gewogene offiziöse Historiograf der Reichseinigung, die Münchner Entscheidung, in den Krieg auf preußischer Seite einzutreten, mit der aus heutiger Sicht reichlich problematischen Bemerkung: „Das bayerische Volk hatte gezeigt, daß zur rechten Stunde auch in seinem Herzen Hoffmanns Dichterwort: Deutschland, Deutschland über alles, voll tönenden Widerhall fand.“19)

Theodor Fontane und die Bayern im Deutsch-Französischen Krieg

Rechts: Theodor Fontane (1819–1898) ist der Chronist und Romancier Preußens.
Hier abgebildet mit seiner Tochter Martha.
Foto: Ullstein Bild, Berlin

Was die militärische Seite im sich anschließenden Deutsch-Französischen Krieg anbelangt, fällt die dezidierte, heute zumindest teilweise peinlich-positive Hervorhebung des bayerischen Engagements auf den Schlachtfeldern zwischen Sedan und der Loire beim preußischen Klassiker Theodor Fontane auf. Auch hier spricht vieles für Integrationsneigungen, für die Absicht, die Süddeutschen als gleichwertigen Partner möglichst wohlwollend in die neuen kleindeutschen Verhältnisse hineinzugeleiten.

Bismarck (zu Pferde) geleitet nach der Schlacht bei Sedan Kaiser Napoleon III. zu König Wilhelm von Preußen.
Bild: Elke Walford, Hamburg

Fontanes vierbändiges Werk ‚Der Krieg gegen Frankreich 1870 bis 1871‘20) liefert hierfür eindrucksvolles Material. Beim Kampf um das französische Dorf Bazeilles im Vorfeld der schließlich von den deutschen Armeen umzingelten und zur Aufgabe gezwungenen Festung Sedan (Gefangennahme Napoleons III. und einer französischen Armee) kam es am 2. September 1870 zu blutigen Exzessen, bei denen die kausale Ereigniskette bis heute nicht vollständig aufgeklärt scheint, in die aber jedenfalls bayerische Truppen in erheblichem Maße verwickelt waren. Der von deutscher bzw. bayerischer Seite erhobene Vorwurf lautete, französische Nichtkombattanten hätten sich als Heckenschützen insbesondere aus den Häusern heraus hinterrücks am Kampf beteiligt und so die überharte Reaktion – Tötung von Zivilisten und Einäscherung des Dorfes – provoziert. Auffällig ist, wie sehr sich Theodor Fontane bei seiner Schilderung der Vorgänge auf die offiziellen Angaben des bayerischen Militärs, General von der Tann als Kommandeur des hier eingesetzten bayerischen Armeekorps, stützt und zu der heute mehr als makaber klingenden Schlussfolgerung gelangt: „Der bayerische Löwe hatte hier seine Tatze eingeschlagen, tiefer, blutiger als an irgendeiner anderen Stelle dieses Krieges“.21) Viel spricht hier jedenfalls auch für Ausflüchte auf bayerisch-deutscher Seite. Im Übrigen lieferten die Kämpfe um Bazeilles so etwas wie eine Vorahnung auf die künftigen Exzesse in diesem Krieg bei den Auseinandersetzungen zwischen regulären Truppen und so genannten „Franktireurs“. Letztere waren Vorläufer jener Partisanen, die dann im 20. Jahrhundert einerseits zur Brutalisierung des Kriegsgeschehens beitrugen, andererseits aber auch als Vorwand für Gräueltaten durch inhumane Staatsführungen und Militärapparate dienen sollten. Die nationalistischen und ideologischen Enthemmungen des 20. Jahrhunderts zeichneten sich so bereits im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 ab.

Bayerische Soldaten posieren im Kriegswinter 1870 in Châtillon südlich von Paris für einen preußischen Kriegsberichterstatter.
Foto: Wehrgeschichtliches Museum, Rastatt

Eine ganz andere Szene in Fontanes Werk betrifft die Schlacht bei Coulmiers westlich von Orleans am 9. November 1870. Wir befinden uns jetzt in einer vollkommen gewandelten Phase des Deutsch-Französischen Krieges: Das bonapartistische Kaiserreich Napoleons III. ist kollabiert, die Hauptstadt Paris wird von deutschen Truppen belagert, dagegen hat sich eine kraftvolle republikanische Regierung des Landes konstituiert, die das gesamte Potenzial Frankreich mobilisiert, um den Belagerungsring, der Paris zerniert, zu sprengen.

In Dimensionen und Mentalität der Auseinandersetzung zeichnet sich hier bereits der eineinhalb Generationen später ausgetragene Erste Weltkrieg ab.

Das I. Bayerische Korps hat am 11. Oktober Orleans an der Loire südwestlich von Paris eingenommen und soll aus dieser exponierten Position dazu beitragen, die aus dem Boden gestampften französischen Massenheere am Vordringen von Südwesten nach Paris zu hindern. Mit 15.000 Soldaten versucht es nun bei Coulmiers westlich von Orleans am 9. November 1870, einer französischen Streitmacht, die rund fünfmal so stark ist, den Weg zu verlegen bzw. soll zumindest deren weiterer Vormarsch verzögert werden.

Das Konzept einer solchen Verzögerung auch um den Preis einer kalkulierten Niederlage hebt der Chronist Theodor Fontane mit einem Pathos hervor, das bei diesem nüchternen Journalisten und Romancier ganz besonders auffällt: „Den höchsten Ruhm aber erwarb an diesem Tag General von der Tann (Oberbefehlshaber des I. Bayerischen Korps, P.M.) selbst. Er wußte, daß er unterliegen würde; 15.000 Mann stark stand er gegen 70.000. Dennoch mied er die Begegnung mit dem Feinde nicht, er suchte sie. Es war Ehrenpunkt für ihn, für sein Korps, für Bayern. (…). Mit Recht legen die Bayern auf dies Treffen bei Coulmiers ein besonderes Gewicht und zählen dasselbe ihren glänzendsten Tagen zu.“22)

Nancy als Chiffre für europäische Verwicklungen

Place Stanislas und Rathaus in Nancy, 1860. Quelle: Heinz Held

Wir wollen hier noch auf eine dritte Episode aus der Feder Fontanes eingehen, die bayerische Präsenz im Deutsch-Französischen Krieg offenbart. Sie hat ganz besondere europäische Züge, sie spielt im Grund im heutigen „Weimarer Dreieck“ aus Frankreich, Deutschland und Polen. Am 16. August 1870 besetzt die III. Armee der deutschen Offensivstreitmacht, der die beiden bayerischen Korps angehören, unter dem Oberbefehl des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm die lothringische Hauptstadt Nancy. In Nancy hat von 1735–1766 der unterlegene Kandidat im polnischen Erbfolgekrieg Stanislaw Leszczy´nski als Herzog von Lothringen amtiert. Er ist zugleich Schwiegervater des französischen Königs Ludwig XV. Stanislaw Leszczy´nski ist ein alter Widersacher der imperialen Interessen Russlands noch aus den Anfängen des 18. Jahrhunderts und der Zeit Peters des Großen. Nun beim Tode Augusts des Starken, des sächsischen Kurfürsten und zugleich Königs von Polen, wird er im Kampf um den polnischen Thron, um den er sich bereits einmal bemüht hatte, zwar von Frankreich unterstützt; dagegen steht aber eine Koalition aus Russland, Preußen und Österreich – dieselbe Koalition, die rund 50 Jahre später durch die polnischen Teilungen auch das vorläufige Ende polnischer Staatlichkeit ins Werk setzen wird. Sachsen ist zwar eine respektable, aber doch mindermächtige Größe.

Die drei europäischen Ostmächte verständigen sich darauf, den Sohn und Nachfolger Augusts des Starken in Dresden als August III. zum neuen polnischen König wählen zu lassen. Stanislaw Leszczy´nski,23) der gewissermaßen endogene und unterlegene Kandidat um die polnische Krone, fällt in dieser Zeit absolutistischen Länderschachers nicht ins Bodenlose: Er erhält 1735 das formal noch zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation gehörende Herzogtum Lothringen (aus Polen vertrieben, hatte er sich schon zuvor lange im pfälzischen Zweibrücken und im lothringischen Lunéville aufgehalten). Nach seinem Tode, er starb 1766, soll Lothringen dann an Frankreich fallen. Und auch der bisherige lothringische Herzog wird wohl versorgt: Franz Stephan von Lothringen, am 8. Dezember 1708 in Nancy geboren, erhält ersatzweise 1737 das Großherzogtum Toskana, ist im Übrigen seit 1736 mit der österreichischen Erbin Maria Theresia vermählt und wird 1745 zu Kaiser Franz I. im Römisch-Deutschen Reich gewählt werden. Er ist, seit dem Aussterben der Habsburger im Mannesstamm 1740, der Begründer des Hauses Habsburg-Lothringen.

Nun kehren wir nach Nancy zurück: Der lothringische Herzog aus Polen war nicht mehr an den europäischen Machtspielen beteiligt, aber er kompensierte diese Einbuße durch kulturelle und architektonische Aktivitäten. Die in Nancy von Stanislaw Leszczy´nski in den 50er Jahren des 18. Jahrhunderts errichtete „Place Stanislas“, spätbarock, mit vergoldeten Gittern, Wappen und Initialen gilt bis heute als einer der „schönsten Stadtplätze Europas“. Dieser klassisch-europäische Stadtraum wird nun für wenige Tage seit dem 17. August 1870 von bayerischen Truppen besetzt, die der preußische Beobachter und Chronist Theodor Fontane in Augenschein nimmt. Fontane begeistert sich an der Stadt, vor allem ihren architektonischen Schönheiten, deutlich mehr und intensiver als an anderen Aufenthaltsorten, die er bei dieser kriegerischen Auseinandersetzung besichtigt, und zugleich treten hier militärisch eindrucksvolle und musisch-beschwingte bayerische Verbündete auf, in dieser Kombination fast eine Art Vorbild für die eigene preußische Armee.

„Am Morgen aber (17. August 1870, P.M.) versperrten wieder die bayerischen Artillerieparks und der Marsch einer ganzen Infanteriedivision derselben Alliierten mit ihrem ungeheuren Train bereits am Schloß des Stanislaus unsere Weiterfahrt (…). In Nancy selbst ein so dichtes, von Straße zu Straße zunehmendes Volksgedränge wie bei einem festlichen Einzug. Und damit vermengt eine völlige Überschwemmung der Stadt mit bayerischen Truppen. In der Nähe des (sic!) Place Stanislas haben die Wagen und Reiter des Hauptquartiers Mühe, die Menschenmassen zu zerteilen. Zeigte sich die ganze Stadt bereits in allen Teilen, die wir passierten, als ein Muster von freier, schöner, geräumiger und stattlicher Anlage, so erhebt sich ihr Eindruck hier auf diesem prachtvollen weiten, von schloßartigen Gebäuden im Stil Louis XV. eingefaßten, mit den reichsten und schönsten, teilweise vergoldeten hohen Gittern im Hochrokokogeschmack und der Bronzestatue des guten dicken Stanislaus gezierten Platze, zu dem eines heitern wahrhaft königlichen Glanzes, dessen Gepräge die Residenzanlagen keiner andern Periode doch in so vollem Maße tragen, wie die des 18. Jahrhunderts.24) (…) Ein bayerisches Musikkorps spielte vor der Tür des ‚Hôtel de France‘, wo der Kronprinz sein Hauptquartier aufgeschlagen hat (…). Und dazu spielen die Bayern so hübsch und schwungvoll draußen zum großen Vergnügen der Einwohner (…), die wohlbekannten Weisen der ‚schönen blauen Donau‘ und des Hochzeitsmarsches aus dem Lohengrin, Märsche, Tänze, Offenbachs Quadrillen (…). Nancy, den 19. abends (…). Draußen klang heute keine Musik. Die Bayern waren fort. Die wenigen preußischen Kompanien (…) hatten keine Musiker.‘“25)

Föderaler Beginn des Kaiserreiches

Das Deutsche Reich 1871-1918

Die politischen Abläufe beim Einfädeln Bayerns ins neue Kaiserreich sind vielfach geschildert worden, so der von Bismarck inszenierte „Kaiserbrief“ Ludwigs II. an den preußischen König Wilhelm I. einschließlich der damit verbundenen finanziellen Vergünstigungen für den bayerischen Monarchen, sodann auch die so genannten „Novemberverträge“, die die konstitutive Grundlage für den bayerischen Eintritt in das neue Deutschland schufen.

Der Föderalismus des Kaiserreiches unterschied sich von dem der Bundesrepublik auf eine Weise, die die systematisierende Politikwissenschaft kaum wahrnehmen kann, weil ihr das historisch-genetische Moment, das zur Konstruktion des Kaiserreiches führte, zu oft fremd bleibt. Bismarck wollte integrieren, dazu Kompromisse eingehen und im Übrigen das Gewordene, das aus dem Alten Reich und dem Deutschen Bund resultierte, soweit es nur irgend ging, tradieren, um auf die so vielfach verschiedenen Normen, Identitäten und Mentalitäten im Gebiet des neuen Bundesstaates Rücksicht zu nehmen.

So entstand etwas, das man einen asymmetrischen Föderalismus nennen könnte:

Einerseits stand das Reich unbestritten unter der Hegemonie Preußens, seines mit Abstand größten Bundesstaates, dessen monarchische Spitze das Präsidium des neuen Bundes übernahm. Damit das Ganze nicht in der Terminologie eines republikanischen Vereins daherkam, wählte man für den Bund den Titel „Reich“ und für das Präsidium die Bezeichnung „Deutscher Kaiser“. Aber Bismarck selbst war es zu verdanken, dass eben nicht ein Kaiser von Deutschland kreiert wurde, eine Terminologie, mit der sich ein landesherrschaftlicher Anspruch auf das gesamte Reichsgebiet verbunden hätte. Sowohl König Wilhelm I., der diesen „Charaktermajor“ ablehnte, als auch, noch viel vehementer, sein Sohn und Kronprinz Friedrich Wilhelm wollten hingegen einen Kaiser von Deutschland. Eher in den nationalliberalen historistischen Kreisen um den preußischen Kronprinzen (Gustav Freytag u.a.) dachte man an die Reanimierung mittelalterlicher Kaiserherrlichkeit in einer ideologisch verfremdeten, deutschnationalen Interpretation. Mitunter war in diesen Kreisen sogar erwogen worden, noch während des laufenden Krieges gegen Frankreich den süddeutschen Verbündeten mit einer Exekution zu drohen, wenn sie sich nicht preußisch-kaiserlicher Suprematie unterwürfen. Bismarck hat solcher borussischer Hybris mit letztem Einsatz widerstanden und hier in der Tat staatsmännisches Profil bewiesen.

König Albert von Sachsen (1828–1902)
Bild: Deutsches Historisches Museum, Berlin

Die Asymmetrie des neuen Föderalismus fand ihren Ausdruck vor allem aber in zwei weiteren Faktoren: Die Hegemonie Preußens im Reich war nicht nur eine milde, sie führte vor allem auch zu einer Transformation des preußischen Staates selbst: Da er dem Gesamtstaat in hohem Maße Strukturen und Administration zur Verfügung stellte, begann er selbst zu ,verreichlichen‘ und mehr von seiner Identität preiszugeben als die weiteren großen Gliedstaaten wie Bayern und Sachsen. Bisherige preußische Staatsministerien und künftige Reichsämter gingen enge Verbindungen ein, Reichskanzler waren mit wenigen kurzzeitigen Ausnahmen zugleich Preußische Ministerpräsidenten und bei ihrer Rekrutierung kam es auf Dauer natürlich sehr viel mehr darauf an, ob sie als exekutive Führungsakteure auf Reichsebene taugten, als dass sie etwa mit der preußischen Kommunalverfassung vertraut waren.

Ein drittes Moment der Asymmetrie ist schließlich die auch unterschiedliche rechtliche Stellung der einzelnen Gliedstaaten.

König Ludwig II. von Bayern
Bild: Bayer. Verwaltung der Staatl. Schlösser, Gärten und Seen

Hier ragt Bayern unzweifelhaft heraus, das es verstanden hatte, sich die weitest gehenden Reservatrechte zu sichern: Es konnte weiterhin sein Staatsangehörigkeitsrecht eigenständig regeln, Bahn und Post blieben ebenso in eigener Zuständigkeit wie die Armee, jedenfalls im Frieden. Dahinter stand durchaus beachtliche Substanz: So gab es weiterhin das eigene Kriegsministerium in München wie eine eigene bayerische Generalstabsausbildung. Bayern hatte den stellvertretenden Vorsitz im Bundesrat erhalten, sodann den Vorsitz von dessen Auswärtigem Ausschuss und ihm war das Gesandtschaftsrecht belassen, von dem das Königreich weiterhin durchaus extensiven Gebrauch machte: Es blieb bei bayerischen Vertretungen außerhalb des Reiches in Wien, St. Petersburg, Rom, beim Heiligen Stuhl, in Bern und Paris, und dazu hatte sich das Reich noch bereit finden müssen, die Finanzierung dieses außenpolitischen Apparates Bayerns weitgehend zu übernehmen.26) Gewiss verfügten auch andere Staaten über Vorzugs- und Ausnahmerechte – das eben unterscheidet die Verfassung des Kaiserreiches grundsätzlich von der Ordnung des Grundgesetzes, das von der rechtlichen Gleichstellung sämtlicher Länder ausgeht. Nicht nur mit historiografischer Ernsthaftigkeit ergibt sich im Vergleich auf der chronologischen Längsachse eine Pointe eigener Art: Die nach der Wiedervereinigung 1990 mitunter geforderte Ausstattung der Ostländer mit besonderen Mitbestimmungsrechten und Vetopositionen, eine Forderung, wie sie insbesondere von der PDS erhoben wurde, um offenkundig ein auch konstitutives Sondergebiet Ost zu schaffen, hätte nämlich scheinbar eine Analogie zu diesem Status dargestellt. In Wirklichkeit verhalten sich die Dinge aber ganz anders: 1870/71 ging es darum, gewachsene, tief verwurzelte Eigenheiten schonend zusammenzuführen; 1990 hingegen hätte eine Art Unterföderation Ost genau jenen urdemokratischen Gedanken rechtlicher Gleichheit ausgehöhlt, der für den Beitritt der neuen Länder zum Geltungsbereich des Grundgesetzes normativ bestimmend war. Auf diesen kategorialen Unterschied aufmerksam machen, bedeutet zugleich nicht, die 1870/71 waltende Staatskunst in Frage zu stellen. Sie vermied es angesichts dynastischer, verfassungsmäßiger und struktureller Diversifizierungen klug, Forderungen nach einem unitarischen Verschmelzungsprozess nachzugeben. Schließlich spannte sich im damaligen Deutschland der Bogen von einer ständestaatlich-mittelalterlichen Ordnung wie in Mecklenburg über republikanische Ordnungen in den drei Stadtstaaten Hamburg, Bremen und Lübeck bis zu einem Land wie dem Großherzogtum Baden mit einer liberal-freiheitlichen Tradition. Bayern selbst hatte sich so etwas wie den Status eines „Vize-Hegemons“27) im neuen Kaiserreich erkämpft.

Bedrohungen des Föderalismus

Bismarck mit Andrássy (Ö-U) und Schuwalow (R)
Quelle: Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

Auf lange Sicht drohte freilich der bundesstaatliche Charakter des Kaiserreiches mit seinen diversen, teilweise noch staatenbündischen Komponenten durch zwei Entwicklungen unterspült zu werden, die hier im Einzelnen außer Betracht bleiben sollen: Einmal durch den Anspruch des „Bundespräsidiums“, aus dem Kaisertitel tatsächlich ein persönliches Regiment zu machen – eine Versuchung, der dann Kaiser Wilhelm II. über lange Zeitstrecken nachgab. Strukturell wirkungsmächtiger waren aber noch die wirtschaftlichen und sozialen Prozesse der Zeit: Mit den bismarckschen Sozialversicherungssystemen der 80er Jahre, die darauf eine positive Antwort zu geben suchten, und mit der Reichsversicherungsordnung für Angestellte von 1911 traten reichsweite Unitarisierungsinstrumente ins Leben. Dass deren Etablierung nicht einfach ferne bzw. für alle Zeiten selbstverständliche Geschichte ist, mag der Umstand deutlich machen, dass heute durchaus unter ordnungspolitischen Gesichtspunkten vielfach die Regionalisierung von Sozialsystemen gefordert wird. Es geht bzw. ginge hier um mehr Pluralität und Wettbewerb. Freilich bleiben solche Forderungen zumeist Planspiel von Hochschulseminaren und Wirtschaftsinstituten. Auch dieses Beispiel zeigt, wie schwer es in politisch komplexen Systemen fällt, einmal eingeschlagene Weichenstellungen, auf denen Strukturen aufbauen, zu revidieren.

Stärkung von Landesidentitäten

Bismarck im Gespräch mit Reichstagsabgeordneten auf einem parlamentarischen Bierabend.
Bild: Stiftung Preußische Schlösser u. Gärten, Berlin

Zunächst aber, und das ist durchaus verblüffend, waren gerade Staaten wie Bayern und Sachsen gewillt und in der Lage, ihre jeweilige Identität im Reichsganzen nicht nur zu erhalten, sondern noch stärker zu profilieren. Das betraf sowohl die Software historisch-kultureller Orientierung wie die Hardware des strukturellen Landesausbaues.

Dass die Sedanfeiern, das chauvinistisch überhöhte Gedenken an den militärischen Sieg vom 2. September 1870 über eine französische Armee und an die Gefangennahme Kaiser Napoleons III. im patriotischen Jahreskalen-der des Reiches hervorstachen, gilt heute als Allgemeingut. Neueste Forschungen zeigen aber, dass man hier sehr viel genauer hinsehen muss: Sedanfeiern als solche fanden in Bayern offensichtlich keinen besonderen Anklang, die Beteiligung daran ging in den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts immer weiter zurück. Wenn der Sedan-Tag in Bayern überhaupt begangen wurde, dann vor allem unter Betonung des bayerischen Anteils an der Schlacht. „In den 70er Jahren fehlte selten der Verweis auf die Schlacht bei Weißenburg, die von bayerischen Truppen geschlagen worden war.“28) Weißenburg, ehemals freie Reichsstadt im Elsass, grenzte unmittelbar an die bayerische Pfalz wie an das heutige Land Rheinland-Pfalz. Seine Eroberung durch bayerische und preußische Truppen am 4. August 1870 hatte somit nicht nur symbolhaften Charakter für das gemeinsame Bündnis, sondern vollzog sich auch in Sichtweite der damaligen bayerischen Grenze zu Frankreich. Vor diesem Hintergrund eignete sich gerade das elsässische Weißenburg für die periodische Hervorhebung in patriotischen bayerischen Siegesfeiern.

Siegesparade der aus Frankreich zurückgekehrten bayerischen Truppen mit König Ludwig II. und Friedrich Wilhelm,
deutscher und preußischer Kronprinz. Bild: Bayer. Armeemuseum, Ingolstadt

Ein vergleichbares Bild eigener Färbungen ergibt sich für Bayern im Geschichtsunterricht der Volksschulen wie der Gymnasien nach der Reichsgründung. Auch hier konnte von einem schlichten Einschwenken auf die Glorifizierung der preußisch-kleindeutschen Entwicklung, etwa in der Manier von Sybel und Heinrich von Treitschke, keine Rede sein. Die Gewichte waren zwischen Reichsgeschichte und Landesgeschichte wohl austariert. Unter den monarchischen Bedingungen der Zeit kam dem Ruhm des Hauses Wittelsbach eine prononcierte Rolle zu und noch bis zum Ersten Weltkrieg galt: „Der Gedanke der nationalen Einheit produzierte immer dann Konflikte in Bayern, sobald er die Ebene der Sprach- und Kulturnation verließ und ins Staatlich-Politische vordrang. Seine Politisierung konnte sofort als Angriff auf Bayerns Eigenstaatlichkeit gedeutet werden.“29)

Bayerns Kampf um Bahn und Post

Die technischen Instrumente von Integration waren im späteren 19. Jahrhundert Eisenbahn, Post und Telegraf. Sie forcierten Kommunikation und physische Begegnung der Menschen in bis dahin nie gekannter Dichte. Sie schufen so auch modernen politischen „Massenmarkt“. Auch hier war Bayern – wie im Übrigen auch Sachsen – bemüht, nicht einfach im größeren Ganzen aufzugehen. Bestrebungen Bismarcks, den verfassungsmäßigen bayerischen Anspruch auf das eigene Eisenbahnwesen unter Hinweis auf die militärische Bedeutung von Bahnanlagen für die nationale Landesverteidigung partiell zu unterlaufen, werden von München aus strikt und erfolgreich zurückgewiesen. 1875 war das Schlüsseljahr für die Verstaatlichung der noch betriebenen Privatbahnen im rechtsrheinischen Bayern. Durch dieses energische Zugreifen des bayerischen Staates sollte allen etwaigen Ambitionen der Reichsebene der Boden entzogen werden, das Instrument Bahn doch in die Hand zu bekommen: „Bayern war damit dem Ziel der Integration seiner rechtsrheinischen Gebiete ein Stück näher gekommen. Die Eisenbahnen wurden 1875 zu einem Instrument der Staatsintegration unterhalb der nationalstaatlichen Ebene.

Die Bayerische Staatsregierung setzte die Bahnen gezielt zum Ausbau der inneren Einheit Bayerns, also zur Regionsbildung, ein.“30)

Bemerkenswert ist auch die Struktur der Netzanschlüsse an den bayerischen Grenzen zu den Nachbarstaaten: Um 1890 gab es insgesamt 24 solcher Gleisverbindungen, darunter je 3 mit Sachsen und Preußen, 5 mit Württemberg, 2 mit Baden, aber 11 mit Österreich.

Erfolgreich war auch der bayerische Abwehrkampf gegen den unitarisch orientierten Chef der Reichspost, Heinrich von Stephan (1876 Generalpostmeister, 1880 Staatssekretär des neuen Reichspostamtes). Es ging um die eigenen bayerischen Briefmarken, die als Ausdruck staatlicher Symbolpolitik galten. Stephan wollte sie zum Verschwinden bringen. Als sich die Bayerische Staatsregierung beim Reichskanzler gegen die Reichspost beschwerte, fand sie hier vollen Rückhalt. Mit einiger Wahrscheinlichkeit ging es dabei freilich für Bismarck nicht nur um eine Konfliktvermeidung mit Bayern, sondern auch darum, den Reichstag als parlamentarisches Verfassungsorgan, das seiner Natur nach, da im ganzen Reich gewählt, unitarisch ausgerichtet war, unter den Druck konservativ-föderaler Länderregierungen zu setzen.31)

Bismarck war aber eben nicht nur Taktiker, der Parteien, Verfassungsorgane, Länder, politische Größen ganz allgemein gegeneinander auszuspielen verstand. Er besaß darüber hinaus ein tiefes Verständnis für seine ganz unterschiedlichen Rollen als Preußischer Ministerpräsident und Reichskanzler, für die neuen Verpflichtungen gegenüber den außerpreußischen Staaten und deren Landesherren, denen er in Korrespondenzen Rechenschaft gab (s. Dokumente dazu in dieser Veröffentlichung) und für die in die Schranken zu weisenden Ambitionen des preußischen Staatsapparates, sich entweder superföderalistisch gegen das Reichsganze abzugrenzen oder – das andere Extrem – Letzteres zu usurpieren.

Sein eindeutiges Plädoyer dafür, das künftige Reichsgericht – es wurde 1879 geschaffen – nicht in Berlin, sondern als Ausdruck innerdeutscher Diversifizierung in Leipzig einzurichten (vgl. Dokument dazu in dieser Veröffentlichung), unterstreicht eindrucksvoll diese Haltung. Damit korrespondiert auch, dass insbesondere Sachsen und Bayern Gegenstand der besonderen Aufmerksamkeit des Reichskanzlers waren: Sachsen als jener mitteldeutsche Staat, der von Preußen vielfach militärisch gedemütigt und territorial beschnitten worden war, ob im Siebenjährigen Krieg 1756–1763, im Ergebnis der napoleonischen Kriege oder als loyaler Verbündeter Österreichs 1866, und der nun in den neuen Norddeutschen Bund hineingezwungen worden war, Bayern als eigenwillige und im Ranking der deutschen Staaten eindeutig zweite Größe im deutschen Süden.

Topografische Chiffre für Integration: Bad Kissingen

Kampf im Kurgarten von Bad Kissingen am 10. Juli 1866 zwischen bayerischen Soldaten links (unter anderem zu erkennen am Nachladen veralteter Vorderlader mittels Ladestock) und preußischen Soldaten rechts (zu erkennen an ihren ‚Pickelhauben‘). Quelle: Bayer. Armeemuseum, Ingolstadt

Eigenartigerweise wächst das im bayerischen Unterfranken gelegene Bad Kissingen in den Jahren, die wir hier beleuchten, in die Rolle eines Ortes hinein, an dem sich bayerisch-preußische Entwicklungen verdichten: Hier finden am 10. Juli 1866 die während des deutschen Krieges härtesten Kämpfe zwischen preußischen und bayerischen Truppen statt, teilweise unmittelbar im Kurpark selbst.

Bad Kissingen, das schon seit Jahrzehnten von europäischer Hocharistokratie und Prominenz aufgesucht wurde, war dann seit den frühen 70er Jahren des 19. Jahrhunderts für längere Zeit hochsommerlicher Kurort des Reichskanzlers und Preußischen Ministerpräsidenten. In Konkurrenz dazu stand allenfalls das österreichische Bad Gastein, das er gerne auch zu Konsultationen mit der österreichisch-ungarischen Staatsführung nutzte. Im Übrigen konnte sich Bismarck noch teilweise halbjährliche Aufenthalte auf seinen durch Dotationen erworbenen Gütern Varzin in Hinterpommern und Friedrichsruh östlich von Hamburg leisten, die für Staatsleitungen in der heutigen Medienwelt gänzlich undenkbar wären. Die Kuraufenthalte in Bad Kissingen waren Anlass für Korrespondenzen zwischen Bismarck und dem „gastgebenden“ Landesherrn König Ludwig II. von Bayern, der ihm Wagen und Pferde stellte. Bismarck parlierte hier offenkundig gerne mit preußischen und bayerischen Offizieren, tauschte Anekdoten aus und ließ sich vom nationalen Bürgertum akklamieren.

Und schließlich entsteht in Bad Kissingen am 15. Juni 1877 jenes berühmte „Diktat“, in dem der Reichskanzler seinem Sohn Herbert ein Wunschszenario der europäischen Bühne vorträgt (s. u.). Das „Kissinger Diktat“ wird zum stehenden, noch von der heutigen Lehre der Internationalen Beziehungen gerne in Anspruch genommenen Begriff und trägt so den Namen des unterfränkischen Kurortes bis in die Denkschulen amerikanischer Universitäten. Am 13. Juli 1874 verübte in Bad Kissingen der Böttchergeselle Eduard Kullmann aus Magdeburg auf Bismarck ein fehlgeschlagenes Pistolenattentat.32) Von bayerischer Seite wurde sofort erleichtert vermerkt, dass der Täter nicht aus dem eigenen Land stammte. Politischer Hintergrund war der Kulturkampf gegen die katholische Kirche. Man konnte Kullmann zwar keine unmittelbare Beziehung zur katholischen Zentrumspartei nachweisen, gleichwohl behauptete Bismarck dies auf sehr melodramatische Weise ein halbes Jahr später im Reichstag.33)

Schützenscheibe, die das Attentat auf Reichskanzler Bismarck am 13. Juli 1874 in Bad Kissingen zeigt. Im Hintergrund eine eingemauerte Kanonenkugel aus dem Krieg von 1866.
Quelle: Haus der Bayer. Geschichte

Das Attentat gab im Übrigen Veranlassung zu einem patriotischen Fackelzug noch am selben Abend, bei dem Bismarck die Worte fand, „dass der Schlag, der gegen mich gerichtet war, nicht meiner Person galt, sondern der Sache, der ich mein Leben gewidmet habe: Der Einheit, Unabhängigkeit und Freiheit Deutschlands.“34)

Hier kam spontan und doch wohl überlegt jene Linie nationalpatriotischen Konsenses zum Ausdruck, die einen gemeinsamen Nenner für Offiziersgesellschaft und akademisches Bürgertum und zugleich für die Integration der Bundesstaaten ins Reichsganze darstellte. Vor diesem Hintergrund scheint die Wahl Bad Kissingens, nördlich der viel berufenen Mainlinie und doch auf bayerischem Boden, geradezu als topografische Chiffre für das Zusammenfügen der Reichsteile im bismarckschen Sinne. Beschreiben lässt sich diese Intention als ein Mindeststandard an Übereinstimmung auf der Grundlage zusammenwachsender Gefühlswelten, aber ohne zwanghafte Unitarisierung und Nivellierung. Alles in allem zeigte auch die Entwicklung nach der Gründung des Kaiserreiches, dass nun keineswegs ein linearer Prozess zwanghafter kultureller und struktureller Vereinheitlichung eingesetzt hatte, so wenig wie vor 1871. Geschichte verläuft nun einmal vielfach keineswegs so determiniert, wie sie im Nachhinein gerne wahrgenommen wird, damit in reduzierten Bildern einfach-linearen Vorstellungen Genüge getan wird.

Startbedingungen für die Außenpolitik

Für die Außenpolitik des Reiches hatten sich mit der Reichsgründung wenigstens teilweise neue Rahmenbedingungen ergeben, verglichen mit der bisherigen Rolle Preußens als kleinster europäischer Großmacht wie der Situation der mehr oder weniger frei im Raum schwebenden deutschen Mittelstaaten. Wie auch heute wurde Außenpolitik dabei keineswegs als abstrakte Größe interpretiert und exekutiert, sondern fand im Reflex auf innerstaatliche Bedingungen statt, mehr als die Akteure selbst zugaben, bzw. sich eingestanden, auch dies eine Parallele zur Gegenwart.

Bismarck als Friedensengel mit dem russischen Staatskanzler Fürst Gortschakow (links unten) und dem britischen Premier Disraeli (rechts unten)
Quelle: Germanisches National-
museum, Nürnberg

Das 1870/71 auf der europäischen Bühne erschienene Deutsche Reich war von vornherein mit dreierlei Problemlagen konfrontiert, die, wenn sie überhaupt moderiert werden konnten, außerordentliche Staatskunst erforderten. Zum einen war dies die geografisch vorgegebene, im Kern durch keine Politik zu ändernde Lage zwischen kontinentalen Großmächten, Russland und Frankreich, ergänzt durch noch ungeklärte Beziehungen zum südöstlichen Nachbarn Österreich-Ungarn und die Frage, wie Großbritannien diesen neuen Akteur an der Gegenküste der Nordsee begrüßen würde. Einstweilen war die britische Haltung wohlwollend-kritisch, tendenziell positiv grundiert. Die Londoner Times schrieb am 7. September 1876: „Wir stehen unter dem Eindruck, dass eine ungeheure Macht, die sich zum Guten oder zum Bösen entwickeln kann, einigermaßen plötzlich in unserer Mitte aufgetaucht ist, und daher bemühen wir uns mit interessierter Aufmerksamkeit darum, ihren Charakter und ihre Absichten auszumachen.“35) Entscheidend für das grundsätzliche Willkommen an der Themse war die Tatsache, dass dieses Deutsche Reich in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts noch keineswegs jene erstrangige Industriemacht darstellte, wie seit den Anfängen des 20. Jahrhunderts, und dass Berlin einstweilen sämtliche weltpolitischen Abenteuer bzw. Provokationen unterließ, die die Wilhelminische Ära prägen, zum Bruch mit Großbritannien führen und die deutsche Außenpolitik während der längsten Strecken des 20. Jahrhunderts erheblich belasten sollten. Zunächst schien das Deutsche Reich, was Preußen anlangt traditioneller Bündnispartner in der Zeit Friedrichs des Großen wie der napoleonischen Kriege, dazu konfessionell und dynastisch (Kronprinz Friedrich Wilhelm Schwiegersohn von Königin Viktoria) eng verbunden, für London ein gegebener Partner zu sein, der sich dazu möglicherweise gegen den eigentlichen britischen Widerpart, Russland, als kontinentales Widerlager instrumentalisieren ließ. „Ausschlaggebend für die britische Haltung, in der sich abwartende Gelassenheit und zurückhaltender Optimismus gegenüber der neuen Konstellation mischten, war die dreifach gewichtige Tatsache, dass die deutsche Einigung kleindeutsche Gestalt besaß; dass das Reich auf den Bau einer großen Flotte verzichtete; und dass die junge Großmacht keinen kolonialpolitischen Ergeiz in Übersee entwickelte.“36) Gerade für die Kontinentalmächte Europas war die neue Größenordnung Deutschlands hingegen ein schwer kalkulierbarer und teilweise schwer hinnehmbarer Faktor. Zur Charakterisierung dieser Position haben sich die Historiker angewöhnt, von einer halbhegemonialen Stellung zu sprechen. Wichtig ist hier vor allem zweierlei: Zum einen lehnte es Bismarck von vornherein ab, Deutschland in eine derartige Beziehung zu einer der beiden Flügelmächte, Großbritannien oder Russland, zu bringen, dass es in die Position des Juniorpartners geriet, trotz formalem Großmachtstatus also tatsächlich zweitrangig wurde und jenes kostbare Gut einbüßte, das für die Staatsleitungen der großen Mächte jener Zeit allererste Bedeutung besaß, nämlich einen souveränen Entscheidungsspielraum. Gerade Russland aber tat sich ungeheuer schwer mit der Erkenntnis, dass Deutschland eben nicht mehr weitgehend jenes machtpolitisch limitierte, ostelbisch-konservative Preußen war, das ideologisch und machtpolitisch im eigenen Konvoi hinterher schwamm. Die hier erkennbar werdende Veränderung der Gewichte in Europa führte zu einer seit Mitte der 70er Jahre (s.u.) manifest werdenden Entfremdung zwischen den beiden Staaten. Diese konnte in der späteren Ära Bismarck zwar immer wieder aufgehalten, in ihrem Kern aber nicht mehr aufgehoben werden.37)

Dauerhafter Antagonismus mit Frankreich

Der dritte Faktor schließlich ist das auf lange Sicht durch Ergebnis und Formen der Kriegsbeendigung 1871 unheilbar zerrüttete Verhältnis zu Frankreich. In allen deutschen Konstellationen schied Frankreich, sieht man von späteren kolonialpolitischen Arrangements mit begrenzter Wirkung ab, als möglicher positiver Partner aus.

Frankreich blieb damit aus Sicht der Berliner Politik grundsätzlich jener Gegenspieler, den es zu limitieren, zu isolieren und gegebenenfalls nochmals militärisch zu strangulieren galt.

Protest gegen die deutsche Annexion Elsass-Lothringens in Straßburg: Da die Farben der französischen Trikolore nicht individuell getragen werden dürfen, zeigen sich junge Frauen nebeneinander jeweils in blau, weiß und rot. Bild: Cabinet des Estampes, Straßbourg

Ob eine Beendigung des Deutsch-Französischen Krieges nach dem Sturz Napoleons III. und der Proklamation der Republik in Paris auf der Basis des territorialen Status quo, d.h. ohne die Annexion Elsass-Lothringens, zu einem grundlegend positiveren Verhältnis geführt hätte, weiß man bis heute letztlich nicht. Viel spricht aber doch dafür, dass die Beziehungen beider Länder zueinander ohne den sehnsuchtsvoll gewordenen französischen Blick auf die in die Ferne gerückte blaue Linie der Vogesen deutlich entkrampfter hätte werden können. Es gibt auch Anzeichen dafür, dass Bismarck im Nachhinein die Annexion eher als Belastung denn als Gewinn interpretierte. „Das zentrale Argument, mit dem Bismarck die Annexionsforderung von Anfang an begründet, dann durchgesetzt und auch später immer verteidigt hat, tritt (…) deutlich zutage: Die Notwendigkeit eines besseren Schutzes der süddeutschen Grenze gegen einen unruhigen Nachbarn.“38) Auf deutscher Seite generell wie in der Person des damaligen Kanzlers des Norddeutschen Bundes kamen zweierlei Argumentationen zusammen: Einmal die schon genannte sicherheitspolitische, zum anderen aber auch im Blick auf die sich anbahnende deutsche Einigung der Wunsch, diese durch einen symbolhaften territorialen Zuwachs, mit der alten Reichsstadt Straßburg und ihrem Münster als reichischem deutschem Symbol im Fokus, förmlich zu krönen. Aus einer derart ideologisch-historistischen Sicht sollten die Konsequenzen des Niederganges des Alten Reiches, der mit seinen territorialen Verlusten im Westen (Westfälischer Frieden 1648, Annexionen Ludwigs XIV.) einhergegangen war, sichtbar aufgehoben und mit Elsass-Lothringen ein gemeinsames, nord- wie süddeutsches Siegespfand für das neue Reich gewonnen werden. Hinzu kam als weiterer symbolhafter Belastungsfaktor für das deutsch-französische Verhältnis die Kaiserproklamation am 18. Januar 1871 auf französischem Boden, im Königsschloss von Versailles. Wie problematisch, ja wie hybrid, die Annexion Elsass-Lothringens aus heutiger Sicht auch immer war, gerade für die in ihrer Mentalität noch zu gewinnenden süddeutschen Zeitgenossen mit preußen-kritischer Färbung dürfte sie aber jedenfalls in aller Regel eine sehr positive Erfahrung gewesen sein. Denn sie erfüllte insbesondere solche Sehnsüchte, die sich auf das Alte Reich, seinen Status und seinen territorialen Umriss bezogen.

„Krieg-in-Sicht-Krise“ 1875

Die Orientierungsfragen der deutschen Außenpolitik führten erstmals 1875 in eine ernsthafte Situation, die so genannte „Krieg-in-Sicht-Krise“. Es ging um Radius, um Grenzen wie Möglichkeiten des deutschen Agierens auf dem Kontinent. Verbunden mit dem Spiel der Mächte auf den internationalen Bühnen waren sehr persönliche und subjektive Momente wie eine physische und psychische Schwächephase Otto von Bismarcks und auch sein persönlich gespanntes Verhältnis zum russischen Staatskanzler Fürst Gortschakow. Hier ging es schlicht um Eitelkeiten, um die Frage, wer der einflussreichste und geschickteste Staatslenker Europas war. Erster Ausgangspunkt der Entwicklung war die Entsendung von Joseph Maria von Radowitz als Bismarcks Sonderbotschafter im Februar 1875 nach St. Petersburg.

Sinn dieser „Mission Radowitz“ sollte es offenkundig sein, auf der Grundlage deutscher und russischer Gleichrangigkeit die jeweiligen Spielräume gegeneinander abzugrenzen – möglicherweise so weitgehend, dass Russland aus deutscher Sicht freie Hand auf dem Balkan und gegen das Osmanische Reich erhielt, Deutschland hingegen konzediert wurde, Frankreich über das Ergebnis von 1871 hinaus noch weiter zu schwächen. Genau für eine derartige Degradierung Frankreichs war aber die russische Politik zu keinem Zeitpunkt zu gewinnen; insofern ging auch das Kalkül Bismarcks nicht auf, die Verhinderung einer Wiedereinführung der Monarchie in Frankreich werde dazu beitragen, das Land im Kreis der anderen – monarchischen – Großmächte in Europa weiter zu isolieren.39) Die Entwicklung spitzte sich zu, als die französische Nationalversammlung am 12. März 1875 eine Verstärkung der Armee um 144.000 Mann beschloss.40) Frankreich hatte seine militärische Niederlage 1870/71 wirtschaftlich und finanzpolitisch wie militärisch sehr viel schneller überwunden, als dies in Berlin erwartet worden war: Die an Deutschland zu leistenden Reparationen konnten ohne übermäßige Haushaltsprobleme aufgebracht werden; das Land ging nun konsequent dazu über, nach preußisch-deutschem Vorbild das System der Allgemeinen Wehrpflicht zu übernehmen. Die deutschen Siege bei Beginn des Krieges im Sommer 1870 hatten, bei etwa qualitativer Gleichwertigkeit der beiderseitigen Armeen, vor allem auf dem zahlenmäßigen Vorsprung der deutschen Seite beruht, der aus dem Potenzial an ausgebildeten Wehrpflichtigen östlich des Rheins resultierte.41) Dieser deutsche Vorsprung, welcher die Invasion Frankreichs im Sommer 1870 möglich gemacht hatte, drohte nun zu schwinden und das machte die Berliner Militärs einigermaßen nervös. Die Entwicklung eskalierte, als in Deutschland Pferdeverkäufe nach Frankreich verboten wurden – in jener Zeit noch starker Kavallerieeinheiten, bespannter Artillerie und Trains galt die Erweiterung des Pferdebestandes immer als Vorstufe zur Kriegsführung – und als schließlich am 8. April 1875 in der regierungsnahen Berliner Zeitung „Post“ aus der Feder des bekannten Publizisten Constantin Rößler ein Artikel über schwere Spannungen in Europa unter dem Titel „Ist der Krieg in Sicht?“ erschien. Der heutige Forschungsstand lässt sich wohl dahin zusammenfassen, dass Bismarck primär an einer Demütigung Frankreichs lag, die seine Schwäche wie Isolierung deutlich machen sollte, während die führenden preußischen Militärs, Generalstabchef von Moltke und Kriegsminister Kameke, eine militärische Auseinandersetzung durchaus in Erwägung zogen. Großbritannien und Russland unternahmen nun eine konzertierte Aktion, die Berlin die Grenzen aufzeigen sollte – sie wuchs sich zur schwersten Niederlage in der bisherigen diplomatischen Laufbahn Otto von Bismarcks aus: Zar Alexander besuchte vom 10. bis 13. Mai 1875 zusammen mit seinem Staatskanzler Fürst Gortschakow Berlin und wurde hier durch den britischen Botschafter in Deutschland Odo Russell assistiert.

„Bei einer scharfen Aussprache hatte Gortschakow das Vergnügen, Bismarcks Unbehagen zu beobachten, als er ihm mitteilte, dass Europa bei dem Angriff auf Frankreich nicht tatenlos zusehen werde. Einem Bericht zufolge hat er dem Kanzler sogar die ehrenwörtliche Versicherung abverlangt, dass Deutschland keinen Krieg gegen Frankreich plane.“42)

Wie getroffen Bismarck selbst von dieser Zurechtweisung war, zeigt noch seine Jahrzehnte später erfolgte Kommentierung in den Memoiren „Erinnerung und Gedanke“.

 Einmal dreht er den Spieß gewissermaßen um und hält Gortschakow vor, in Berlin ohne Anlass eine billige Show abgezogen zu haben, zum anderen sucht er Gründe anzuführen, die ohnehin die Inszenierung eines deutschen Krieges gegen Frankreich als widersinnig hätten erscheinen lassen: „Ich machte dem Fürsten Gortschakow lebhafte Vorwürfe und sagte, es sei kein freundschaftliches Verhalten, wenn man einem vertrauenden und nicht ahnenden Freund nun plötzlich hinterrücks auf die Schulter springe, um dort eine Circus-Vorstellung auf dessen Kosten in Scene zu setzen, und daß dergleichen Vorgänge zwischen uns leitenden Ministern den beiden Monarchien und Staaten zum Schaden gereichten (…). Wir könnten auch in der deutschen Botschaft (in Paris, P.M.) ein Theater herstellen, wo er der französischen Gesellschaft (…) als Schutzengel im weißen Kleide und mit Flügeln im bengalischen Feuer vorgeführt würde (…). Mir lag eine solche (Kriegsabsicht P.M.) damals und später so fern, daß ich eher zurückgetreten sein würde, als zu einem vom Zaune zu brechenden Kriege die Hand zu bieten, welcher kein anderes Motiv haben würde, als Frankreich nicht wieder zu Athem und zu Kräften kommen zu lassen. Ein solcher Krieg hätte meiner Ansicht nach nicht zu haltbaren Zuständen in Europa auf die Dauer geführt, wohl aber eine Übereinstimmung von Rußland, Österreich und England im Mißtrauen und eventuell in activem Vorgehen einleiten können gegen das Neue und nicht consolidierte Reich …“43)

Krieg auf dem Balkan

Die für Deutschland negativen Auswirkungen der Krieg-in-Sicht-Krise hielten sich schon deswegen sehr in Grenzen, weil nahezu zeitgleich auf dem Balkan schwere Verwicklungen entstanden, die nun ihrerseits Russland in die Situation der offensiv-agierenden Partei, welche sich nach Hilfestellung umsah, versetzten. 1875 brachen in Bosnien und der Herzegowina Aufstände gegen die osmanische Herrschaft aus. Sie mündeten in eine serbische Kriegserklärung gegen die Hohe Pforte in Istanbul. Serbien zeigte sich aber militärisch den osmanischen Truppen nicht gewachsen und die panslawistische Schutzmacht Russland trat in dieser Region auf den Plan.

Für die deutsch-russischen Beziehungen bedeutete dies, dass St. Petersburg von Berlin nunmehr jene Solidarität forderte, die es in den Einigungskriegen von 1866 wie 1870/71 gegenüber Preußen geübt hatte.

Nämlich nicht nur strikte Neutralität, sondern Sympathie und durch latente militärische Präsenz Druck auf mögliche Dritte, die sich womöglich in den Konflikt einschalteten: So hatte die russische Seite beim innerdeutschen Krieg von 1866 aus ihrer Präferenz für Preußen keinen Hehl gemacht und 1870 Druck auf Österreich ausgeübt, sodass Wien auch unter dem Eindruck an der galizischen Grenze aufmarschierter russischer Truppen davon abgehalten wurde, Revanche für Königgrätz zu nehmen. Jetzt wurde der Spieß umgedreht. Die Auseinandersetzung auf dem Balkan war vordergründig eine zwischen St. Petersburg und Konstantinopel. Dahinter standen aber bereits die immer deutlicher werdenden Spannungen zwischen St. Petersburg und Wien um die Dominanz gegenüber den Balkanvölkern – eine der Konstanten, die vierzig Jahre später in den Ersten Weltkrieg führen sollten. In dieser Situation war Bismarck zunächst aufs Äußerste bestrebt, nicht zwischen Russland und Österreich-Ungarn wählen zu müssen. Das Problem sprach Bismarck auch im Brief aus seinem unterfränkischen Kurort Bad Kissingen, vom 5. Juli 1876 an König Ludwig II. in München an – im Übrigen auch ein erhellendes Beispiel dafür, wie stark der Kanzler sich eben jetzt vor allem als Chef nicht nur der preußischen, sondern auch der deutschen Exekutive verstand und wie wichtig es ihm war, die Regenten in den Hauptstädten der größeren deutschen Länder – namentlich in München und Dresden – über die Entwicklung der internationalen Lage auf dem Laufenden zu halten.44)

Bismarck schrieb an Ludwig II.: „… sehr viel schwieriger wird auf die Dauer die Vermittelung zwischen den österreichisch-ungarischen und den russischen Interessen sein; bisher aber sind beide Kaiserhöfe noch einig, und ich bin überzeugt, Eurer Majestät aller höchste Billigung zu finden, wenn ich die Erhaltung dieser Einigkeit als eine Hauptaufgabe deutscher Diplomatie ansehe. Es würde eine große Verlegenheit für Deutschland sein, zwischen diesen beiden, so eng befreundeten Nachbarn optieren zu sollen; denn ich zweifle nicht daran, im Sinne Eurer Majestät und aller deutscher Fürsten zu handeln, wenn ich in unserer Politik den Grundsatz vertrete, daß Deutschland nur zur Wahrung zweifelloser deutscher Interessen sich an einem Kriege freiwillig betheiligen sollte.45)

Optionsfrage und Kissinger Diktat

Vor diesem Hintergrund beantwortete Bismarck die „Doktorfrage“ von Livadia vom 1. Oktober 1876, die der deutsche Militärbevollmächtigte, Generalleutnant von Werder an das Auswärtige Amt übermittelt hatte, ausweichend und auf lange Sicht für die russische Seite unbefriedigend. Zar Alexander hatte jetzt unmissverständlich die deutsche Bereitschaft verlangt, eine militärische Niederwerfung Österreich-Ungarns durch Russland zu akzeptieren. Ganz im Sinne des oben zitierten Briefes an König Ludwig II. konnte Bismarck nur ausweichend antworten. Jede Billigung einer Klärung der russisch-österreichischen Rivalitäten auf dem Balkan durch einen russischen Gewaltstreich hätte die deutsche Position nach außen wie auch im Inneren massiv, geradezu vital gefährdet: Nach außen, da das Verbleiben von nur noch drei kontinental-europäischen Großmächten, Russland, Deutschland und Frankreich, die Bandbreite deutscher Optionen inakzeptabel reduziert und Deutschland auf Dauer mit einer nicht mehr austarierbaren Zweifrontensituation konfrontiert hätte bzw. zumindest konfrontieren konnte. Nach innen insofern, als ein Marginalisieren der Donaumonarchie für die in der großdeutsch-katholisch-konföderalen Tradition in Deutschland stehenden Kreise inakzeptabel gewesen wäre. Die Alternative, die deutschsprachigen Reste der Donaumonarchie in das neue Kaiserreich zu inkorporieren, hätte dessen politisch-kulturelle Struktur in einer für Bismarck und die preußischen Eliten nicht hinnehmbaren Weise verändert: Denken wir daran, dass wir uns in diesen Jahren in einer Phase befinden, in der der Kulturkampf gegen die katholische Kirche auf seinem Höhepunkt stand und überall in Europa, nicht nur in Berlin, echte oder imaginierte Furcht vor einer katholisch-reaktionären Weltverschwörung kolportiert wurde. Wien galt aber als letzte katholische Großmacht des Kontinents. Der Weg der Problemlösung, den Bismarck in dieser Situation ging, erfolgte über zweierlei Etappen: Zunächst ließ er Russland wissen, es könne sich insoweit auf Deutschland verlassen, als Deutschland eine Isolierung und Schwächung Russlands nicht zulassen werde. Allein hier sei die von St. Petersburg geforderte Solidarität zu sehen. Ebenso wenig könne Deutschland aber eine Störung des Mächtegleichgewichts durch Russland selbst hinnehmen. Damit war die Bahn für jene deutsch-russische Entfremdung geebnet, welche zunächst zum Krisenjahr von 1887 führen sollte, als zwischen beiden Seiten tatsächlich Krieg drohte, und die am Ende in die Konfrontation des Ersten Weltkrieges führen würde. Damit einher ging die enge und formalisierte Bindung zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn in Gestalt des 1879 geschlossenen Zweibundes. Einstweilen war es aber noch nicht soweit. Einstweilen bemühte sich Bismarck ernsthaft, eine Konstellation zu entwickeln, bei der die europäischen Mächte ihre Konflikte in moderierter Form an der Peripherie so austrugen, dass sie auf Deutschland angewiesen waren, ohne es zugleich instrumentalisieren zu können. Diese Konzeption erreichte ihren Ausdruck im berühmten Kissinger Diktat vom 15. Juni 1877: Der Reichskanzler diktierte hier, einmal mehr im unterfränkischen Kurort, seinem Sohn Herbert sein Leitbild europäischer Politik. Die Schlüsselsätze lauteten: „Wenn ich arbeitsfähig wäre (Bismarck war in diesen Jahren nicht nur physisch nicht auf der Höhe, sondern gerierte sich auch gerne als Hypochonder, P.M.), könnte ich das Bild vervollständigen und feiner ausarbeiten, welches mir vorschwebt: Nicht das irgendeines Ländererwerbes, sondern das einer politischen Gesamtsituation, in welcher alle Mächte außer Frankreich unser bedürfen und von Koalitionen gegen uns durch ihre Beziehungen zueinander nach Möglichkeit abgehalten werden.“46)

Entscheidung für Österreich-Ungarn

„Ohrfeigenbrief“ von Zar Alexander II. an Kaiser Wilhelm II. vom 15. August 1879. In dem Schreiben, das kurz vor dem Abschluss des Zweibundes zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn in Berlin einging, beschwerte sich der Zar über eine angeblich russlandfeindliche deutsche Politik. Quelle: Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Berlin

Außen- wie innenpolitische Gründe führen vom Kissinger Diktat über den Berliner Kongress 1878, der die Orientkrise nach dem Kriegsausbruch 1877 zwischen Russland und dem Osmanischen Reich bereinigen sollte, zum Zweibund von 1879 mit Österreich. Der Berliner Kongress hatte zwar Bismarck äußerlich in der Rolle des „ehrlichen Maklers“ und damit des primus inter pares der europäischen Diplomatie gesehen. Im Ergebnis aber wurde die Entfremdung zwischen Deutschland und Russland weiter gefördert. Denn Aufgabe des ehrlichen Maklers musste es schließlich sein, die im russischen Siegfrieden von St. Stefano vom 3. März 1878 dem unterlegenen Osmanischen Reich abgetrotzten Gewinne auf ein Maß zu reduzieren, das für Österreich-Ungarn und Großbritannien akzeptabel war. Wenn Bismarck in München gegenüber Ludwig II. verlauten ließ, die deutschen Beziehungen „zu beiden befreundeten Nachbarreichen sind erhalten und befestigt“47), so war dies allenfalls die halbe Wahrheit. Gerade im Resultat des russischen Zorns auf den aus auf St. Petersburger Sicht gar nicht ehrlichen Makler in Berlin sah Bismarck sich veranlasst, nun den Weg einer privilegierten und formalisierten Beziehung zu Österreich-Ungarn zu gehen. Dafür sprach außen- und innenpolitisch viel und zugleich stellte dieses Bündnis einen Bruch mit langen Traditionen der Berliner Politik und eine Umkehr der europäischen Bündnisverhältnisse dar.

Außenpolitisch sprach für die Verbindung zu Wien, dass Deutschland hier aller Voraussicht nach weder zum Juniorpartner noch zum Objekt aggressiver Ambitionen werden könne.

In Bayern war die Marinebegeisterung in der nachbismarckschen wilhelminischen Ära nicht geringer als in den übrigen Gliedstaaten des Zweiten Deutschen Kaiserreichs.
Quelle: Flensburg, Wehrgeschichtliches Ausbildungszentrum Marineschule Mürwik

Für derartige Ambitionen schien die Donaumonarchie innerlich und äußerlich nicht stark genug. Dass es in der Wilhelminischen Ära dann teilweise doch umgekehrt kommen und Deutschland Österreich-Ungarn für dessen Balkanpolitik Blanko-Schecks ausstellen würde, war in dieser Phase der Bismarckzeit nicht absehbar. Zum Zweiten waren seit dem Wiener Kongress, der die napoleonischen Kriege beendet hatte, Großbritannien und Österreich-Ungarn einander eng Vertrauende, beide, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Motiven weitgehend Status quo-orientierte Mächte. Auch wenn über Wien kein formalisiertes Bündnis mit London in Aussicht stand, war doch immerhin eine wohlwollende Akzeptanz dieser Allianz durch die britische Politik zu erwarten und damit eine Konstellation geschaffen, die auch einem etwaigen russisch-französischen Zusammengehen gewachsen war – auch hier noch ganz das Gegenteil der Situation seit Beginn des 20. Jahrhunderts, als London, insbesondere unter dem Druck der neuen deutschen Flottenrüstung, immer mehr an die französisch-russische Kombination andockte. Und schließlich hoffte Bismarck und dies nicht ganz unbegründet, dass das Zusammengehen der beiden traditionellen Monarchien in Berlin und Wien schließlich doch auch St. Petersburg zu einem Umdenken und zur Rekonstruktion der Allianz der drei Ostmonarchien bewegen könne. Gerade die ganz Europa erschütternde Revolutionsfurcht vor Sozialismus und Anarchie sollte hierzu jenes Ferment bilden, das auch in Russland Eindruck mache und das Zarenreich auf Distanz zum republikanischen Frankreich hielte. Im März 1881 fiel der russische Zar Alexander II. einem Attentat von Anarchisten zum Opfer. Sein Nachfolger Alexander III. schloss ein Vierteljahr später, am 18. Juni 1881, den Dreikaiservertrag, der das Dreieck Berlin, Wien und St. Petersburg wieder zusammenzuführen schien. Freilich standen die immer virulenter werdenden nationalistischen Energien der Zeit dagegen. Es war eine Aushilfe, die nicht den eigentlichen Trends der Zeit entsprach und endgültig der großen deutsch-russischen Krise von 1887 zum Opfer fiel, in deren Ergebnis es dann zum französisch-russischen Bündnis kam.48)

Festlicher Ball im Jahre 1900 am Wiener Kaiserhof, rechts in der Mitte Kaiser Franz Joseph
Bild: Archiv Verlag Styria, Wien

Der innenpolitische Hintergrund des zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn 1879 vereinbarten Bündnisses hängt eng mit jener Zäsur zusammen, die die Historiker allgemein als die zweite Reichsgründung in jenen Jahren bezeichnen: Ende der liberalen Ära wie des Kulturkampfes, Abstützung der Reichsleitung auf Konservative und Arrangements mit dem politischen Katholizismus, ökonomische Abschottung durch Zölle auf Getreide (gegen russische Exporte gerichtet) und Eisen, schließlich forcierte Revolutionsfurcht und Sozialistengesetz. In diesem Gesamtbild kommen Ausgrenzung und verstärkte Integration zusammen. Vor diesem Hintergrund schien ein deutsch-österreichisches Zusammengehen geeignet, eine der letzten Wunden aus der Reichsgründungszeit, die Wunde des Jahres 1866 und des Endes der großdeutschen Perspektive, zu schließen. Die Vorbehalte, mit denen sowohl die großdeutschen Demokraten von 1848 wie die dem Alten Reich mental verbundenen hocharistokratischen Familien und katholischen Kreise in das neue kleindeutsche Reich eingetreten waren, mochten auf diese Weise weitgehend ausgeräumt werden. Gerade auch im Blick auf diese Kreise projektierte Bismarck eine Gesamtlösung, die im Grunde an das kleindeutsche Konzept, das sich schließlich 1849 in der Nationalversammlung der Frankfurter Paulskirche durchgesetzt hatte, anschloss: Das preußisch geführte Kleindeutschland sollte durch einen weiteren Bund mit der österreichischen Monarchie großdeutsch ergänzt bzw. abgefedert werden, ohne dass dadurch die Nachteile einer zu engen strukturellen Verknüpfung mit Österreich, vor allem dessen Nationalitätenkonflikten, zu sehr die innerdeutsche Situation belasteten. Bismarck hat diesen Zusammenhang im Brief an Kaiser Wilhelm I. auch ganz deutlich ausgesprochen: „Schließlich gestatte ich mir, mit Bezugnahme auf die nationalen Empfindungen im gesamten Deutschen Reiche, noch auf die geschichtliche Tatsache ehrfurchtsvoll hinzuweisen, daß das deutsche Vaterland nach tausendjähriger Tradition sich auch an der Donau, in Steiermark und in Tirol noch wieder findet, in Moskau und Petersburg aber nicht. Diese Tatsache bleibt für die Haltbarkeit und für die Popularität unserer auswärtigen Beziehungen in Parlamenten und im Volke von wesentlicher Bedeutung.“49) Wilhelm I. widerstrebte diese neue Kombination freilich außerordentlich. Er sah sich ganz in der auch familiären Hohenzollerschen Tradition der engen Bindung an die Romanows in Petersburg. Wilhelms Mutter, Königin Luise, war die propagandistisch überhöhte Ikone preußischen Widerstandes zusammen mit dem zaristischen Russland gegen das napoleonische Europa gewesen. Sie selbst hatte ein enges Vertrauensverhältnis zu Zar Alexander I. unterhalten. Für Wilhelm I., 1797 geboren, und somit Zeitgenosse des preußischen Kollaps von 1806 wie der siegreichen Allianz mit Russland ein knappes Jahrzehnt später, waren dies alles kindliche und jugendliche Sozialisationen von größter Prägungskraft gewesen. Und über seine vom Weimarer Hof stammende Gemahlin, Kaiserin Augusta, war Wilhelm unmittelbar mit den Romanows verschwägert: Augustas Mutter, die Zarentochter Maria Pawlowna, war mit Großherzog Karl Friedrich von Sachsen-Weimar-Eisenach verheiratet gewesen.

Europäisches Bündnissystem 1879-1886

Vor diesem Hintergrund wurde nun einer der härtesten Konflikte in der gesamten Zeit der dienstlichen Verbindung zwischen Wilhelm I. und Bismarck im Vierteljahrhundert von 1862–1888 ausgetragen, vielleicht noch härter als jener im mährischen Nikolsburg, wo Bismarck seinem König im Juli 1866 einen Ausgleichsfrieden mit Österreich abgetrotzt hatte. Nun bedurfte es äußerster Anstrengungen, um Wilhelm gegen Familieninstinkt und Überzeugung doch für die Verbindung mit den Habsburgern zu gewinnen. Bereits wenige Tage später legte ihm Bismarck wiederum seine Argumente brieflich dar. Hier stand neben der Charakteristik Österreichs als kulturnational deutscher Staat die seiner defensiv-kalkulierbaren Größe: „Ich erlaube mir nur noch hinzuzufügen, daß wir, abgesehen von der größeren Sicherheit eines österreichischen Bündnisses, uns bei Österreich mit einer notwendig friedliebenden, defensiven und konservativen Macht verbinden, bei Rußland aber mit der eroberungssüchtigen und kriegerischen slawischen Revolution.“50) Die Ambition einer sehr engen, nicht nur völkerrechtlichen, sondern auch staatsrechtlichen Verbindung zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn, ergänzt durch privilegierte Vereinbarungen in der Außenhandelspolitik – auch hier hätte Bismarck die antiösterreichische Linie der alten Freihandelspolitik verlassen – und fundiert durch Ratifikationen in den jeweiligen Parlamenten ließ sich nicht realisieren. Die österreichisch-ungarische Seite fürchtete, bei einer derart weitgehenden Vereinbarung zu sehr in die Rolle des Juniorpartners gedrängt zu werden. Da Bismarck seinerseits unbedingt die Allianz mit Wien wollte, beugte er sich allen Bedingungen des österreichisch-ungarischen Außenministers Graf Andrássy. So kam es lediglich zur Vereinbarung einer zunächst noch geheimen beiderseitigen Defensivallianz für den Fall eines russischen Angriffes.

Die von Kaiser Wilhelm I. hingegen geforderte österreichische Zusage einer Hilfestellung für die Eventualität eines französischen Angriffes auf Deutschland wurde nicht erreicht. Bismarck steckte gleichwohl zurück, weil im Kern doch das realisiert worden war, was er wollte: Nämlich eine vertragliche Bindung, die nach innen und außen langfristig stabilisierend wirken sollte. Dass die grundlegenden Turbulenzen des nationalistischen und bald imperialistischen Zeitalters mit solcher Art Allianzpolitik nicht zu beruhigen waren, sollte man dem Staatsmann von damals nicht zum Vorwurf machen. Einmal verfügt keine Politik über sichere Therapien für alle Eventualfälle und zum anderen war es dem Reichskanzler zweifellos gelungen, durch den Coup des Zweibundes, drei Jahre später durch das Bündnis mit Italien zum Dreibund ergänzt, einen wichtigen Beitrag zum Vernarben alter innerdeutscher und mitteleuropäischer Wunden zu leisten.51) Selbst heute noch mutet diese Form der behutsamen Heilung vorbildlich an. Die österreichische Interessenlage war durchaus analog: Zuwachs an Sicherheit und Domestizierung des aufkeimenden Deutschnationalismus im Land durch ein Bündnis, das Bindung ohne Identitätspreisgabe ausdrückte.52)

Resümee

Die hier angestellten Betrachtungen sollten Komplexitäten in der Entwicklung vom Staatenbund zum Bundesstaat in Deutschland wie in der Ausprägung einer neuen außenpolitischen Ordnung nach der Reichsgründung 1871 skizzieren und dartun, dass es hier mancherlei Verbindungen gab. Manifest werden diese insbesondere an der bayerischen Rolle als eines „Vizehegemons“ in der Konstruktion des Bismarck-Reiches, im auch kulturnational begründeten Verzicht Österreich-Ungarns auf eine Teilnahme am Deutsch- Französischen Krieg 1870/71, in der intensiven Konsultation der Reichsleitung mit den wichtigsten innerdeutschen Partnerländern, insbesondere Bayern und Sachsen, und schließlich in der auch innenpolitisch bedingten Entscheidung, durch den Zweibund von 1879 eine neue außenpolitische Konstellation herbeizuführen.

Zwar sollte man sich vor einer zu determinierten Betrachtungsweise hüten. Nicht alles war mit allem verklammert. Aber wenn Bayern noch in der Zeit des Kaiserreiches mehr Eisenbahnverbindungen zum Gebiet der Donaumonarchie unterhielt als zu Württemberg, Preußen und Sachsen zusammen und andererseits die Berliner Politik das Bündnis mit Wien 1879 auch mit Rücksicht auf alte nationale Empfindungen einging, dann scheint es doch gewisse strukturelle Zusammenhänge zu geben, die man freilich auch nicht überbewerten darf. Noch etwas anderes sei betont: Die europäische Situation war nach 1871 durchgehend labil. Insbesondere war es kaum möglich, die Gewichte zwischen Deutschland und Russland neu und für die Beteiligten akzeptabel auszutarieren. Dazu war das deutsch-französische Verhältnis auf nicht absehbare Zeit zerrüttet. Gleichwohl sollte auch deutlich geworden sein, dass die Konstellation am Vorabend des Ersten Weltkrieges, mit der das Unheil des kurzen 20. Jahrhunderts in Europa – bis zur Wende von 1989/90 – begann, keineswegs zwangsläufig herbeigeführt wurde.

Ohne die Zerrüttung des deutsch-britischen Verhältnisses hätte es das Zerfleischen der europäischen Völker 1914–1918 jedenfalls in den Dimensionen, die es annahm, gewiss nicht gegeben. Bis zum Ende der Bismarck-Ära aber war das deutsch-britische Verhältnis, von kleinen Trübungen in der Kolonialfrage abgesehen, durchweg positiv und konsolidiert, auch wenn es nicht die Form eines festen Bündnisses annahm.

Es war keineswegs unabwendbare Ungunst der Verhältnisse, es war verblendetes Menschenwerk vor allem in Berlin, welches zu jenem Verhängnis des Ersten Weltkrieges führte.

Aus Geschichte lässt sich nicht lernen wie aus einer Gebrauchsanweisung, aber doch in reflexiver Weise folgern. Die Welt des Kissinger Diktates von 1877, die Welt des Spiels von fünf europäischen Großmächten gibt es zwar nicht mehr. Wohl aber bleiben zwei gültige Schlussfolgerungen: Einmal der Wert föderaler Verhältnisse, die regionale politische Kulturen und Traditionsbestände vital erhalten, und zum anderen die Verpflichtung von Politik, Strategien internationaler Politik auf lange Sicht so anzulegen, dass sie die Interessen aller Partner und Kontrahenten mit bedenken, Ausgleich suchen und – das unterscheidet das späte 20. und hoffentlich auch das 21. vom 19. Jahrhundert – Strukturen des Miteinanders schaffen und gewährleisten. Ob im Übrigen das weltpolitische Spiel unserer Zeit mit neuen Größen insbesondere im asiatischen Raum Lehren aus den schließlichen Konfrontationen der europäischen Mächte zu ziehen vermag, bleibt einstweilen zu hoffen, ist aber nicht gewiss. Insofern täten die Europäer gut daran, den neuen Akteuren der Weltpolitik die katastrophalen Folgen nationalistischer Imaginationen und Antagonismen plausibel zu machen. Dies wäre eine politische Bildung ganz eigener Art.

 

 

Fußnoten

1 Vgl. auch die Trauer des großen österreichischen Dramatikers Franz Grillparzer über das Ende des alten, konföderativen, ein Gegenbild zum engen Nationalstaat verkörpernden Mitteleuropa:
„Der Deutsche Bund war nicht schlecht von Haus,
Gab euch Schutz in jeder Fährlichkeit,
Nur setzt er etwas ,Altmodisches‘ voraus,
Die Treue und die Ehrlichkeit.“

2 Karl Otmar von Aretin: Franckenstein. Eine politische Karriere zwischen Bismarck und Ludwig II., Stuttgart 2003, S. 27.
Zur Beziehung zwischen Bismarck und den Süddeutschen von 1866–1870 grundsätzlich Rolf Wilhelm: Das Verhältnis der süddeutschen Staaten zum Norddeutschen Bund (1867–1870), Husum 1978 und Thomas Nicklas: Bismarck und Süddeutschland, in: Bismarck und die Deutschen, hg. von Bernd Heidenreich, Hans-Christof Kraus, Frank-Lothar Kroll, Berlin 2005, S. 119 bis S. 129. Nicklas’ Kernthese, sowohl bezogen auf die württembergischen Demokraten als auch die bayerisch-katholischen Patrioten mit Joseph Edmund Jörg als publizistischem „Gegenspieler Bismarcks aus Bayern“, lautet folgendermaßen, S. 127 f.: „Die süddeutschen Gegner Bismarcks fürchteten den allmächtigen Anstaltsstaat ebenso wie die Vorherrschaft des wirtschaftlichen Profitdenkens. Gegen die befürchtete Zentralisierung setzten sie die Forderung nach dem Föderalismus, gegen die Kälte Bismarckscher Realpolitik romantische Gesellschaftskonzepte, die genossenschaftliche Organisationsformen als Allheilmittel gegen die Allgewalt von Staat und Kapital empfahlen. Sie befürworteten das historische Recht der einzelnen deutschen Länder auf eine autonome Existenz, die nicht der nivellierenden Gewalt des Zentralstaates unterworfen werden sollte. Sie warnten vor der Umwälzung der europäischen Staatenordnung, die in einer Ära internationaler Rechtlosigkeit münden musste. Die außenpolitische Alternative zur Bismarckschen Reichseinigung konnte zunächst nur die Fortdauer des Schwebezustandes sein, in dem sich Süddeutschland seit Königgrätz befand, wobei die Hoffnung blieb, dass bei veränderten Konstellationen doch einmal wieder die großdeutsche Lösung des Problems möglich würde.“
Wie auch aus der hier vorgelegten Skizze zur Gesamtentwicklung deutlich wird, handelt es sich bei dieser Bewertung eher um eine idealtypische Polarisierung. Die tatsächlichen Modernisierungs-, Bewahrungs- wie Anpassungsprozesse der Süddeutschen über die Kriegsjahre 1870/71 hinweg waren hingegen sehr viel differenzierter und vor allem auch durch situative Faktoren geprägt wie etwa das Umschwenken von Teilen der bayerischen Patriotenpartei im Juli 1870 zur Kriegsführung gegen Frankreich auf der Seite Preußens.

3 Vergleiche für diese Ansätze, hier unter konzeptioneller Führung der sächsischen Seite, Jonas Flöter: Beust (Der sächsische Außenminister, P.M.) und die Reform des Deutschen Bundes 1850–1866. Sächsisch-mittelstaatliche Koalitionspolitik im Kontext der deutschen Frage, Köln, Weimar, Wien 2001.

4 Ernst Engelberg: Bismarck. Urpreuße und Reichsgründer, Berlin 1985, S. 679.

5 Zur österreichischen Politik in der Deutschen Frage nach dem Ende des Deutschen Bundes Heinrich Lutz: Österreich-Ungarn und die Gründung des Deutschen Reiches. Europäische Entscheidungen 1867–1871, Frankfurt/Main, Berlin, Wien 1979.

6 Zum „Ministerium Hohenlohe“ Wilhelm Volkert: Die politische Entwicklung von 1848 bis zur Reichsgründung 1871, in: Das Neue Bayern von 1800 bis zur Gegenwart: 1. Teilband Staat und Politik, Handbuch der bayerischen Geschichte IV, 1, begründet von Max Spindler, München 2003, S. 301 ff.

7 Zur Geschichte der Familie Hohenlohe im fränkisch-württembergischen Grenzraum vgl. Rudolf Endres: II. Staat und Gesellschaft. Zweiter Teil: 1500–1800, in: Handbuch der bayerischen Geschichte, Bd. 3, Erster Teilband. Geschichte Frankens bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, begründet von Max Spindler, 3München 1997, hier: S. 730 ff. Die Hohenlohes hatten ihren Territorialbesitz, vor allem gegen das Hochstift Würzburg, im Mittelalter immer stärker erweitert, hatten sich als Gesamthaus 1533 der Reformation zugewandt, 1667 war u. a. die Linie Schillingsfürst, der der nunmehrige Bayerische Ministerpräsident entstammte, zum Katholizismus übergetreten und 1744 in den Reichsfürstenstand erhoben worden. Der gesamte Hohenlohische Territorialbesitz umfasste im 18. Jahrhundert rund 100.000 Bewohner in u. a. 17 Städten und ca. 250 Dörfern und Weilern. Die Mediatisierung dieses Hauses erfolgte 1806, seine einzelnen Besitzungen wurden auf die Königreiche Württemberg und Bayern aufgeteilt. Noch heute ist das „Hohenloher Land“ im fränkisch-württembergischen Grenzraum fester Begriff und zumindest partiell noch ein eigener Kulturraum. Der Ort Schillingsfürst, Stammsitz von Fürst Chlodwig, das dortige Schloss der Familie stammt von 1750, gehört zum westlichsten Teil des Regierungsbezirkes Mittelfranken. Besondere Erwähnung aus dem früheren Gesamtbesitz der Familie Hohenlohe verdient noch das im Württembergischen gelegene Schloss Weikersheim (Linie Hohenlohe-Langenburg). Das Schloss in der gleichnamigen Stadt ist ein Juwel der Spätrenaissance; hinzu kommt der 1715–1725 angelegte barocke Schlossgarten, in der Summe eines von unzähligen Beispielen für die Pluralität kulturellen Reichtums in Deutschland als Erbe Hunderter früherer reichsunmittelbarer Herrschaften.

8 Vgl. John C. G. Röhl: Wilhelm der Zweite. Der Aufbau der persönlichen Monarchie 1888–1900, München 2001, S. 756.

9 Rede Hohenlohes in der Kammer der Abgeordneten vom 19. 1. 1867, in: Denkwürdigkeiten des Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst, Bd. 1, hg. von Friedrich Curtius, Stuttgart, Leipzig 1906, S. 195–198, hier S. 196.

10 Denkwürdigkeiten, a.a.O., S. 197 f.

11 Zum hier angesprochenen Gesamtzusammenhang siehe Siegfried Weichlein: Nation und Region. Integrationsprozesse im Bismarckreich, Düsseldorf 2004.

12 Vgl. Ernst Rudolf Huber: Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789. Bd. 3. Bismarck und das Reich, Stuttgart 1963, S. 691.

13 Handbuch der bayerischen Geschichte, a.a.O, Bd. IV, 1, S. 307.

14 Dass in Bayern seit den Wahlen zum Zollparlament und den Landtagswahlen von 1869/1870 immer wieder gegen den nationalen Strich gewählt wird, über alle Wandlungen von Strukturen und Parteien hinweg bis in unsere Gegenwart, mag man, ohne dieses Phänomen überzuinterpretieren, als Ausdruck anhaltenden, sehr bewussten Eigenseins deuten.

15 Zit. nach Handbuch der Bayerischen Geschichte, IV., 1, a.a.O., S. 309 f.

16 Lutz, Österreich-Ungarn, S. 151 ff.

17 Österreich-Ungarn hatte sich am 18. Juli – einen Tag vor Kriegsausbruch – zunächst für die Neutralität entschieden. In der Hofburg gab es indes zunächst noch Stimmen für ein Zusammengehen mit Frankreich. Im Laufe des Monats August änderten sich dann die Voraussetzungen durch das erkennbar werdende deutsche militärische Übergewicht.

18 Lutz, Österreich-Ungarn, S. 203 f. Vgl. auch Adam Wandruszka: Großdeutsche und kleindeutsche Ideologie 1840–1871, in: Deutschland und Österreich. Ein bilaterales Geschichtsbuch, hg. von Robert A. Kann und Friedrich E. Prinz, München 1980, S. 110–141, hier: S. 140: „Während die wohl überwiegende Mehrheit der Deutschösterreicher, wie uns unzählige Stimmen beweisen, die deutschen Siege und die Reichsgründung mit leidenschaftlicher, begeisterter Anteilnahme und zugleich mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung verfolgte, ohne die Existenz des eigenen Staatswesens, der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, in Frage zu stellen, finden wir doch auch schon vereinzelte Stimmen einer den Zerfall der Habsburgermonarchie herbeisehnenden ‚Germania irredenta‘ …“.

19 Heinrich von Sybel: Begründung des Deutschen Reiches durch Wilhelm I., Bd. III, Meersburg, Leipzig, Nachdruck 1930 (Ersterscheinen des Werkes 1889–1894), S. 516.

20 Vgl. Theodor Fontane: Der Krieg gegen Frankreich 1870–1871, vier Bände, Nachdruck Zürich, 1985, Ersterscheinen Berlin 1874–1881. Zur historischen Bewertung vgl. Sönke Neitzel: Die Kriegsbücher Fontanes, in: Theodor Fontane. Dichter der deutschen Einheit, hg. von Bernd Heidenreich und Frank-Lothar Kroll, Berlin 2003, S. 121–131.

21 Fontane, Krieg gegen Frankreich, Bd. 2, S. 191.

22 Fontane, Krieg gegen Frankreich, Bd. 4, S. 35.

23 Vgl. Klaus Zernack: Polen und Russland. Zwei Wege in der europäischen Geschichte, Berlin 1994, S. 254 f.

24 Hinweis für unsere Leser: Die Place Stanislas zeigt sich seit diesem Jahr 2005 nach einer Renovierung wieder in ihrer ursprünglichen Schönheit. Aus diesem Anlass gibt es auch während des Sommers in Nancy eine eigene Ausstellung über europäische Stadtensembles aus der Rokoko-Zeit.

25 Fontane, Krieg gegen Frankreich, Bd. 2, Zitate von S. 31–38.

26 Vgl. Handbuch der Bayerischen Geschichte, a.a.O., IV, 1, S. 319 ff., Huber, Verfassungsgeschichte, a.a.O., S. 742 ff. und Heiko Holste: Der deutsche Bundesstaat in Wandel (1867–1933), Berlin 2002.

27 Holste, Bundesstaat, S. 151.

28 Weichlein, Nation, S. 349.

29 Weichlein, Nation, S. 332.

30 Weichlein, Nation, S. 68 f.

31 Diese Ansicht vertritt Weichlein, Nation, S. 142.

32 Einzelheiten bei Otto Pflanze: Bismarck. Der Reichsgründer, München 1997, S. 747.

33 Als ihm der Zentrumsabgeordnete Graf Ballestrem auf die Vorhaltung, zwischen Attentäter und politischem Katholizismus gebe es eine Verbindung, ein „Pfui“ zurief, will Bismarck erwogen haben, auf Ballestrem mit der Pistole zu schießen. Allerdings spricht viel dafür, dass hier melodramatische Neigung wie Überdramatisierung beim Reichskanzler eine erhebliche Rolle spielten.

34 Pflanze, Reichsgründer, S. 747.

35 Zit. nach Klaus Hildebrand: Das vergangene Reich. Deutsche Außenpolitik von Bismarck bis Hitler, Stuttgart 1995, S. 14.

36 Hildebrand, Außenpolitik, S. 19.

37 Vgl. Konrad Canis: Bismarcks Außenpolitik 1879–1890. Aufstieg und Gefährdung, Paderborn u. a. 2004, S. 1 ff.

38 Eberhard Kolb: Der Weg aus dem Krieg. Bismarcks Politik im Krieg und die Friedensanbahnung 1870/71, München 1990, S. 157.

39 Dies war, vom persönlichen Zerwürfnis abgesehen, auch der politische Grund für den Konflikt zwischen Bismarck und dem deutschen Botschafter Graf Arnim in Paris, der sich für die Rückkehr Frankreichs zur Monarchie stark gemacht hatte. Bismarck bevorzugte hingegen stets republikanische Verhältnisse an der Seine.

40 Darstellung nach Pflanze, Reichsgründer, S. 777 ff. Vgl. auch Michael Schmid: Der „Eiserne Kanzler“ und die Generäle. Deutsche Rüstungspolitik in der Ära Bismarck (1871–1890), Paderborn u. a., S. 68 ff.

41 Fontanes hier mehrfach zitiertes Werk „Der Krieg gegen Frankreich“ fand bei den preußischen Militärs auch deswegen nicht die vom Autor erwünschte und erhoffte positive Aufnahme, weil er mit publizistischer Ehrlichkeit, Tapferkeit wie hohen Standard der französischen Truppen immer wieder betont hatte und den Sieg auf das deutsche Übergewicht, bei Beginn des Krieges etwa 500.000 Soldaten gegen 300.000, zurückgeführt hatte.

42 Pflanze, Reichsgründer, S. 783.

43 Otto von Bismarck: Erinnerung und Gedanke, in: Werke in Auswahl, Bd. VIII, Teil A, Darmstadt 1975, S. 426 f., vgl. als wohl teilweises Ablenkungsmanöver die Erklärung Bismarcks ein halbes Jahr später, am 9. Februar 1876, vor dem Reichstag mit der ihm eigenen Ironie: „Dann aber denken Sie sich, meine Herren, meine Lage, wenn ich vor einem Jahre hier vor Sie getreten wäre und hätte nun ähnlich wie anno 1870, wo wir von Frankreich angegriffen waren, Ihnen auseinandergesetzt: Meine Herren, wir müssen Krieg führen, ich weiß Ihnen eigentlich einen ganz bestimmten Grund dafür nicht anzugeben, wir sind nicht angegriffen und nicht beleidigt, aber die Situation ist gefährlich. (…). Würden Sie da nicht sehr geneigt gewesen sein, zunächst nach dem Arzte zu schicken (Heiterkeit), um untersuchen zu lassen, wie ich dazu käme, dass ich nach meiner langen politischen Erfahrung die kolossale Dummheit begehen könnte, so vor Sie zu treten und zu sagen: Es ist möglich, dass wir in einigen Jahren einmal angegriffen werden, damit wir dem nun zuvorkommen, fallen wir rasch über unsere Nachbarn her und hauen sie zusammen, ehe sie sich vollständig erholen – gewissermaßen Selbstmord aus Besorgnis vor dem Tode …“. Zit. nach Schmid, Rüstungspolitik, S. 72. Interessant an dieser Argumentation ist jedenfalls, dass sie diametral der von Militärs und Reichsleitung 1914 entgegenläuft, einen „Präventivkrieg“ gegen Russland (und damit zugleich dessen Verbündeten Frankreich) zumindest aktiv zu befördern, da man es einige Jahre später mit einer militärisch überlegenen Gegenseite zu tun haben werde.

44 Die Leserinnen und Leser mögen sich selbst ein Urteil darüber bilden, ob dies im Hinblick auf die klassische Außenpolitik wie auf der Ebene der EU im heutigen demokratischen Bundesstaat noch in analoger Weise gilt.

45 Dokument 382. Schreiben Bismarcks an Ludwig II. vom 5. Juli 1876, in: Otto von Bismarck. Gesammelte Werke. Neue Friedrichsruher Ausgabe, hg. von Konrad Canis, Lothar Gall, Klaus Hildebrand und Eberhard Kolb, Abt. III.: 1871–1898. Schriften Bd. II: 1874–1876, Paderborn u.a. 2005, S. 550 f.

46 Schriftstück 11: Diktat zur Orientkrise, in: Otto von Bismarck: Werke in Auswahl, Bd. VI, Reichsgestaltung und europäische Friedenswahrung, zweiter Teil: 1877–1882, hg. von Alfred Milatz, Darmstadt 1976, S. 51 f. hier S. 52.

47 Hildebrand, Außenpolitik, S. 55.

48 Vgl. George F. Kennan: Die schicksalhafte Allianz. Frankreich und Russland am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Köln 1990. Der Text einer ersten, am 10. August 1892 zwischen beiden Seiten vereinbarten Militärkonvention ist hier auf S. 247 f. abgedruckt. Art. 1 lautete: „Wenn Frankreich von Deutschland oder von Italien mit deutscher Unterstützung angegriffen wird, wird Russland alle seine verfügbaren Truppen aufbieten, um Deutschland anzugreifen. Wenn Russland von Deutschland oder von Österreich mit deutscher Unterstützung angegriffen wird, wird Frankreich alle seine verfügbaren Truppen aufbieten, um Deutschland zu bekämpfen.“

49 Schreiben Bismarcks an Wilhelm I. vom 9. September 1879, in: Bismarck und die preußisch-deutsche Politik 1871–1890, hg. von Michael Stürmer, 2München 1973, S. 149 f., hier: S. 150. Vgl. auch den Bericht des preußischen Landwirtschaftsministers von Lucius über die Sitzung des preußischen Ministerrats vom 28. September 1879: „Schon bei den Nikolsburger Verhandlungen (Friedensschluss zwischen Preußen und Österreich 1866, P.M.) stand es bei mir (Bismarck P.M.) fest, dass das Ende dieses Krieges nicht ein dauernder Riß und Verfeindung mit Österreich sein dürfe, sondern vielmehr der Anfang zu einem Einverständnis und womöglich zu einer Allianz.“ Es folgen sehr polemische Ausführungen gegen Russland, die die Phobien der Zeit deutlich erkennbar werden lassen: „Eine Allianz mit einem Autokraten, einer halbbarbarischen Domination, verhetzt durch Panslawismus, sei an sich riskant, während die Allianz mit einem schwächeren Staat, wie Österreich, viele Vorzüge habe.“ Hier scheinen auch bereits neben den gegebenen Entwicklungen Vorurteile erkennbar, die in den späteren Konfrontationen des 20. Jahrhunderts manifest wurden. Weiter heißt es über die Stimmung im Staatsministerium: „Es herrschte völlige Übereinstimmung mit Bismarcks Ideen und Plänen. Diese Allianz (mit Österreich, P.M.) ist die Wiederaufrichtung des Deutschen Bundes in einer neuen, zeitgemäßen Form. Ein Bollwerk des Friedens für lange Jahre hinaus. Populär bei allen Parteien, exklusive Nihilisten und Sozialisten.“ Bericht von Landwirtschaftsminister von Lucius über die Sitzung des Staatsministeriums am 28. September 1879, Text 111, in: Otto von Bismarck, Werke in Auswahl, Bd. VI., Reichsgestaltung und Europäische Friedenswahrung, zweiter Teil: 1877 bis 1882, hg. von Alfred Milatz, Darmstadt 1976, S. 377–379.

50 Schreiben Bismarcks an Kaiser Wilhelm I. vom 15. 9. 1879, in: Stürmer, Bismarck, S. 149 f., hier: S. 149.

51 Zum Zweibund von 1879 Hildebrand, Außenpolitik, S. 62, Otto Pflanze: Bismarck. Der Reichskanzler, München 1998, S. 217 ff.

52 Vgl. Robert A. Kann: Das Deutsche Reich und die Habsburgermonarchie 1871–1918, in: Kann/Prinz: Deutschland und Österreich a.a.O., S. 143–160, hier S. 146: „Das Bündnis mit dem Deutschen Reich (…) hat sich (…) von großem Wert für die habsburgische Monarchie erwiesen: Es war ein wirksamer Schutz gegen Russland (…). Es half die staatszerstörende Kraft des alldeutschen Nationalismus in Österreich unter Kontrolle zu halten, da es im direkten reichsdeutschen Interesse lag, wohl die Habsburgermonarchie unter deutschösterreichisch-magyarischer Führung im deutschen Kielwasser zu halten, nicht aber zur weiteren nationalen Zersetzung und letzten Endes Auflösung der Monarchie beizutragen …“.


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