von Manfred Kittel
Inhalt
Aufruf zur Umsiedlung der deutschen Bevölkerung von Bad Salzbrunn, Juli 1945
Abbildung aus: Flucht und Vertreibung. Europa zwischen 1939 und 1948, m. e. Einleitung v. Arno Surminski, Hamburg 2004, S. 45.
Die Bayerische Staatsregierung betrachtet die sudetendeutsche Volksgruppe als „einen Stamm unter den Volksstämmen Bayerns“. So heißt es in der Verleihungsurkunde zu der vom Freistaat unter der Ministerpräsidentschaft von Hans Ehard (CSU) im Juni 1954 übernommenen Schirmherrschaft über die Sudetendeutschen.1)
Bei einem Gespräch im Januar 1956 begrüßte der Ministerpräsident die Präsidialmitglieder des Sudetendeutschen Rates als „Vertreter des vierten Stammes in Bayern“.2)
Die Stammesidee als Instrument bayerischer Staatsintegration geht schon auf König Ludwig I. zurück.3) Dieser hatte nach der Gründung des aus sehr verschiedenen Territorien zusammengesetzten modernen Bayern 1806 dem Bedürfnis der Altbayern, vor allem aber der Franken, Schwaben und Pfälzer nach regionalen Identitäten durch geschichtspolitische Maßnahmen Rechnung getragen und die Entstehung von „stämmisch-bayerischen Doppelidentitäten“4) gefördert. Es war kein Zufall, dass Hoegner den Begriff vom „vierten Stamm“ ausgerechnet 1956, im 150. Gedenkjahr der Entstehung eines größeren Bayern, eingeführt hatte.
Sie deutete das Stammeskonzept also derart, dass sich die Sudetendeutschen als „Volksgruppe im Exil“ nur vorübergehend als „vierter Stamm“ in Bayern aufhielten.5) Erst allmählich konnte sich der Begriff, von maßgeblichen Vertretern der sudetendeutschen Gesinnungsgemeinschaften6) „bereitwillig angenommen“, durchsetzen. Dabei verstanden es die bayerische Staatsregierung wie die Sudetendeutschen, „den Stammesbegriff jeweils auf ihre Weise und für ihre Zwecke zu interpretieren und einzusetzen“.7)
Karte aus: Friedrich Prinz, Die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in Bayern. Versuch einer Bilanz nach 55 Jahren, hg. v. Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg 2000, S. 7. (Hefte zur Bayerischen Geschichte und Kultur 24)
Die bayerische SPD bezeichnete in ihrer Irseer Erklärung vom Januar 2007 die seit den sechziger Jahren zugewanderten Gastarbeiter aus Südeuropa und der Türkei nebst deren Nachfahren als „Bayerns fünften Stamm“.8) Der Bundesvorsitzende der Siebenbürger Sachsen äußerte auf dem Dinkelsbühler Heimattag 2006 im Namen seiner Landsleute die Hoffnung, „vielleicht einmal als fünfter Stamm in Bayern anerkannt zu werden“.9) Und der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber sprach während seiner Amtszeit mehrfach von den jüdischen Bürgern als dem „fünften Stamm Bayerns“, was die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, etwa bei der Einweihung des neuen jüdischen Gemeinde- und Kulturzentrums in Würzburg am 23. Oktober 2006 zustimmend aufgriff.10) Der damalige Innenminister Günther Beckstein hatte wenige Monate vorher auf eine Knobloch-Rede ebenfalls mit dem Wort vom „fünften Stamm“ geantwortet, zumal ohne den jüdischen Beitrag „unsere Kultur nur bruchstückhaft“ sei.11)
Dieses Argument hat zweifelsohne Gewicht, schon deshalb, weil es dazu beiträgt, die viel zu wenig bekannte, Jahrhunderte alte Kulturleistung der bayerischen Juden vor und nach dem Holocaust wieder bewusster zu machen. Sie ist angesichts der allerdings nur zu verständlichen Konzentration auf die Verfolgungsgeschichte während des „Dritten Reiches“ in der Erinnerungskultur nach 1945 lange zu kurz gekommen.
Bedenkt man zudem, dass sich der Titel „vierter Stamm“ nicht zuletzt der beachtlichen, auch numerischen Stärke der vertriebenen Sudetendeutschen verdankt, die von der Zahl her die bayerischen Schwaben,12) den kleinsten „Urstamm“, sogar knapp übertrafen (zusammen mit den Karpatendeutschen 1,025 Millionen13)), so wäre die Suche nach dem „fünften Stamm“ in dieser Perspektive fortzusetzen.
Man kann dann tatsächlich rasch auf die zahlreichen Arbeitsmigranten und ihre Nachkommen vor allem aus den Regionen Ex-Jugoslawiens und der Türkei (insgesamt über eine Million Menschen) kommen, bleibt aber ein wenig skeptisch, da zumindest die Integration ihres großen muslimischen Teils kaum schon als vollendet gelten kann.14) Zudem stimmte auch hier die Chronologie nicht, weil in ihrem Zusammenhang dereinst vielleicht einmal von einem „sechsten“ oder, je nach Zählweise, „siebten Stamm“ geredet werden könnte; der wirkliche „fünfte Stamm“ hingegen hat schon viel früher so fest Wurzeln in Bayern zu schlagen begonnen, dass er als eigener Teil offensichtlich gar nicht mehr identifiziert wird – ja, merkwürdiger noch, im Grunde genommen von Anfang an bis heute kaum je angemessen berücksichtigt wurde.
Siebenbürger Sachsen auf der Flucht
Abbildung: Flucht und Vertreibung. Europa zwischen 1939 und 1948, m. e. Einleitung v. Arno Surminski, Hamburg 2004, S.41.
Karte aus: Walter Ziegler (Hg.), Die Vertriebenen vor der Vertreibung. Die Heimatländer der deutschen Vertriebenen im 19. und 20. Jahrhundert. Strukturen, Entwicklungen, Erfahrung, 2 Bde., München 1999, Bd. 1, S. 6.
Die Rede ist hier von sämtlichen nicht aus den böhmischen Ländern stammenden deutschen Ostvertriebenen, die schon 1950 zusammengenommen eine fast ebenso große Gruppe (von ca. 850.000 Menschen) in Bayern bildeten wie die Sudetendeutschen selbst.
Die überwiegend erst als Spätvertriebene nach Bayern gekommenen Siebenbürger Sachsen (über 100.000 Menschen) sind im Übrigen einer der wichtigsten Teile dieses „fünften Stammes“, an Zahl aber – bei allem Respekt vor ihrem besonders aktiven Kulturleben – doch nicht groß genug, um den schmückenden Titel allein für sich reklamieren zu können.
Quelle: Walter Ziegler (Hg.), Die Vertriebenen vor der Vertreibung. Die Heimatländer der deutschen Vertriebenen im 19. und 20. Jahrhundert. Strukturen, Entwicklungen, Erfahrung, 2 Bde., München 1999, Bd.1, S. 7.
Neben den Schlesiern gehören zu der schon 1950 ca. 600.000 Menschen umfassenden Gruppe der Vertriebenen aus dem „Altreich“ in den Grenzen von 1937 noch 87.000 Ostpreußen, 34.000 Hinterpommern und 13.000 Ostbrandenburger (und historisch gesehen, auch wenn die rechtliche Situation hier eine andere war, auch die 11.000 Danziger sowie die Memelländer). Diesen Kern des „fünften Stammes“ erweitert das ganze Spektrum der so genannten „Volksdeutschen“, deren „erzwungene Wanderschaft“ sie aus dem Gebiet Vorkriegspolens (48.000 vor 1950) oder aus den südosteuropäischen Ländern Ungarn, Jugoslawien und Rumänien (zusammen 161.000 vor 1950, 158.000 in der Folgezeit) nach Bayern führte. In den neunziger Jahren kam über eine Viertelmillion Russlanddeutsche hinzu, nachdem diese Gruppe bis 1950 (Deutsch-Balten mitgerechnet) im Freistaat nur 18.000 Menschen umfasst hatte.
Schon die Sudetendeutschen aus dem stark an der Wiener Lebensart orientierten Südmähren mit ihrem baierisch-österreichischen Dialekt unterschieden sich ganz erheblich von den als „ernster“ geltenden, schlesisch sprechenden nordmährischen Industriearbeitern. Aber auch „die“ Schlesier oder „die“ Ostpreußen für sich genommen waren in sozialer, konfessioneller wie kultureller Hinsicht ausgesprochen vielfältige Gruppen.17) Geht man aber davon aus, dass die Deutschen in den böhmischen Ländern im Zuge des wachsenden Nationalitätenkonflikts mit den Tschechen seit 1848 und spätestens seit 1918/19 infolge ihrer Einverleibung in einen künstlichen tschechoslowakischen Nationalstaat unbeschadet aller Unterschiede zu einer politischen Schicksalsgemeinschaft zusammenwuchsen, und berücksichtigt man ferner, dass die Erfahrung der Vertreibung diese Iden-tifikation noch verstärkte, dann ist ein so verstandener Stammesterminus auf die Schlesier, Ostpreußen und vielen anderen kleineren Vertriebenengruppen in Bayern – zumindest als Arbeitsbegriff – ebenfalls anwendbar.
Als typisches Beispiel sei nur die Begrifflichkeit aus einem Aufsatz des zwischenzeitlich emeritierten Professors für Bayerische Landesgeschichte, Rudolf Endres, erwähnt. Der Leiter des verdienstvollen Forschungsprojekts „Die Entwicklung Bayerns durch die Integration der Heimatvertrie-benen und Flüchtlinge“18) hat 2005 unter dem Titel „Bayerns vierter Stamm. Grundzüge der Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen“ in einem Aufsatz wie folgt formuliert: „Wenn man von ‚Bayerns viertem Stamm’ spricht, dann gesteht man damit zu, dass die Flüchtlinge und vor allem die mehr als eine Million vertriebenen Sudetendeutschen eine eigene Tradition besitzen, was für die kulturelle Integration oder Akkulturation von großem Wert war und noch ist.“19)
Für die Wahrnehmung der anderen steckt im Terminus „vierter Stamm“ mithin ein Dilemma. Dieses wird auch nicht dadurch aufgehoben, dass etwa ein sehr interessanter Bayreuther Tagungsband, ebenfalls unter dem Titel „Bay-erns vierter Stamm“,20) einige Beiträge enthält, in denen die Vertriebenen aus den Oder-Neiße-Gebieten und aus Südosteuropa sehr wohl präsent sind. Der in der Endres-Formulierung anklingenden und auch sonst gelegentlich zu hörenden Ansicht, mit dem Wort vom „vierten Stamm“ seien neben den Sudetendeutschen auch alle übrigen gemeint,21) widersprechen andere Äußerungen wie die des Ministerpräsidenten Alfons Goppel anlässlich der Errichtung der Sudetendeutschen Stiftung 1970. „Jeder zehnte Einwohner Bayerns ist Sudetendeutscher“, so führte Goppel damals aus: „Die Sudetendeutschen sind unser vierter Stamm.“22)
Im Barackenlager Riederloh (1955)
Foto: Hans-Joachim Hübner, Die Fabrik Kaufbeuren der Dynamit-AG: Zur Vorgeschichte von Neugablonz, Kaufbeuren, März 1995, S. 114.
Sprachlich-darstellerische Gründe allein können den Abstand zwischen der öffentlichen Präsenz der Sudetendeutschen und der Wahrnehmung der vielen anderen jedenfalls kaum erklären. Denn im oben erwähnten Satz könnte und müsste es im Blick auf die Größenverhältnisse der bayerischen Vertriebenengruppen eigentlich zumindest heißen: „die Sudetendeutschen und die Schlesier“. Wer nach den Gründen für die insgesamt geringere Präsenz der zweiten Million fahndet, muss in erster Linie nach den bayerischen Schlesiern fragen, die allein etwa die Hälfte davon ausmachen. Die möglichen Ursachen kultureller, wirtschaftlicher und politischer Art für die im Vergleich zu den Sudetendeutschen schwächere Wahrnehmung des „fünften Stammes“ in Bayern sollen im Folgenden diskutiert werden. Trotz gewisser Bedenken gegen den etwas vormodern-romantisch anmutenden Stammesbegriff wird er verwendet, weil er die prägnanteste Sammelbezeichnung darstellt, um die vielen nicht-sudetendeutschen Vertriebenengruppen zu benennen. Neben den Schlesiern liegt ein weiterer kleinerer Schwerpunkt des Aufsatzes auf den Ostpreußen; nicht nur, weil diese zum zweiten „Patenkind“ des Freistaates wurden, sondern auch deshalb, weil eine amerikanische Dissertation, wenngleich mit einem Fokus auf dem gesamten Bundesgebiet, die Integration von Sudetendeutschen und Ostpreußen breit verglichen hat und die Materialgrundlage hier ziemlich günstig ist. Abschließend sollen der kulturelle Status quo des „fünften Stammes“ skizziert und einige Zukunftsperspektiven präsentiert werden.

Karten aus: Walter Ziegler (Hg.), Die Vertriebenen vor der Vertreibung. Die Heimatländer der deutschen Vertriebenen im 19. und 20. Jahrhundert. Strukturen, Entwicklungen, Erfahrung, 2 Bde., München 1999, Bd. 1, S. 498, sowie ebd., Bd. 2, S. 642.
Notgedrungen hat dieser Aufsatz eine eher essayistische Form. Zur wissenschaftlich vertieften Beantwortung der sich stellenden Fragen wären mehrere Großforschungsprojekte erforderlich.23)
Je weiter man in die Gegenwart gelangt, desto schwieriger wird es, von der Geschichte der Landsmannschaften oder Kulturwerke abgesehen, wirklich noch schlesische oder andere Spezifika in der Entwicklung der bayerischen Gesellschaft zu identifizieren; und dies, obwohl die regionalen Identitäten bei den Vertriebenen selbst durchaus stark ausgeprägt gewesen waren25) und es tatsächlich „keine ostdeutsche und keine Heimatvertriebenenkultur, sondern [nur] eine landsmannschaftlich gewachsene Kultur“ gab.26) Ob das im Hinblick auf eine politisch beherrschbare Integration von der amerikanischen Besatzungsbehörde durchgesetzte Konzept der Zerstreuung und Assimilation letztlich erfolgreicher war als alle späteren bayerischen Bemühungen, die kulturelle Identität der Vertriebenen zu wahren,27) könnte Gegenstand einer eigenen Abhandlung sein. Dringlich scheint es jedenfalls, „die Kategorie Herkunft hinsichtlich ihrer integrationshemmenden und -fördernden Wirkung“ künftig stärker „in die Erforschung des Integrationsprozesses einzubeziehen“.28)
Welche Bedeutung hatten die unterschiedlichen Ankunftsgeschichten des späteren vierten und fünften Stammes der Flüchtlinge und Vertriebenen29) in den Jahren ab 1945?

Karten aus: Walter Ziegler (Hg.), Die Vertriebenen vor der Vertreibung. Die Heimatländer der deutschen Vertriebenen im 19. und 20. Jahrhundert. Strukturen, Entwicklungen, Erfahrung, 2 Bde., München 1999, Bd. 2, S. 706, sowie Bd.1, S. 134.
Nachdem die Flüchtlinge aus den östlichen Altreichsgebieten sich „in den ihrer Wanderungsrichtung zunächst liegenden nordöstlichen Regionen Bayerns“ massiert hatten, sah sich die neu errichtete Flüchtlingsverwaltung „mit einer kaum mehr reversiblen Ausgangssituation“ konfrontiert, als die Behörde Ende Dezember 1945 die Aufteilung des zu erwartenden Vertriebenenzustroms aus den Sudetengebieten zu planen begann. Da die gleichsam „,autonom’ wandernden Schlesier, von Osten kommend, die nordöstlichen Teile Bayerns belegt hatten“, musste die Flüchtlingsverwaltung bei der Verteilung der Sudetendeutschen verstärkt die südwestlichen Landesteile heranziehen. Infolgedessen lebten 1946 allein in Niederbayern, in der Oberpfalz und in Oberfranken 258.000 der 432.000 Schlesier, während in Oberbayern, in Schwaben und in Mittelfranken mit zusammen 509.000 fast zwei Drittel der bis dahin aufgenommenen Sudetendeutschen untergekommen waren.30) Den höchsten Anteil unter den Vertriebenen stellten die Schlesier in Oberfranken (42,2 Prozent), Niederbayern (37,7 Prozent) und in der Oberpfalz (34,3 Prozent), den niedrigsten in Schwaben (12,6 Prozent) und Oberbayern (18,6 Prozent). Die Sudetendeutschen dagegen waren prozentual am stärksten in Schwaben (71,5 Prozent) , aber auch in Oberbayern, Mittel- und Unterfranken stellten sie zwischen 54,5 und 58,6 Prozent der Vertriebenenbevölkerung.31)
Nach Abschluss der in den fünfziger Jahren generell zu beobachtenden Landflucht der (zunächst vorwiegend in agrarischen Räumen untergebrachten) Vertriebenen hatten sich schließlich an die 200.000 Sudetendeutsche in München angesiedelt. Die bayerische Metropole wies damit „mehr deutschböhmische Einwohner“ auf, als „die größten sudetendeutschen Städte, Reichenberg und Eger, je hatten“.33) Der Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Bernd Posselt, hat deshalb mit gutem Grund das „Aktionszentrum München“ als einen der wesentlichen Gründe für die Integrationserfolge seiner „Volksgruppe“ nach 1945 benannt.34)
Friedrich Prinz, Die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in Bayern. Versuch einer Bilanz nach 55 Jahren, hg. v. Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg 2000, S. 10.
Schon in den zwanziger Jahren sollen Sudetendeutsche, aller völkischen Propaganda in Weimar-Deutschland zum Trotz, bei Reisen in das Reich oft gefragt worden sein, weshalb sie eigentlich so gut Deutsch sprechen würden.35) Nach 1938 waren die Sudetendeutschen auch in der Großdeutschen Wehrmacht mit Vorurteilen konfrontiert. Sie wurden als „Beutedeutsche“ und „Sudetengauner“ verunglimpft und mussten die Erfahrung machen, als „blöde Böhm“, als hinterwäldlerisch und „ein wenig primitiv“ zu gelten.36)
Zur Landshuter Stadtratswahl 1956 stellten die Sudetendeutschen eine eigene Liste auf.
Abbildung: Dorothea Götz, Chronik der Vertriebenen in Landshut 1945–1987, Landshut 1991, S. 145.
Wohl auch wegen der Bilder jubelnder Bevölkerung bei der Angliederung des Sudetenlandes an das Reich im Herbst 1938 meinte 1946 zudem „die Mehrheit der Einheimischen“ in Bayern, „die meisten Flüchtlinge“ aus den böhmischen Ländern „wären nicht vertrieben worden, wenn sie nicht zu den Nazis gehört hätten“.37) Manche Sudetendeutsche fühlten sich aufgrund der „Nazi“-Vorwürfe regelrecht „als Kriegsverbrecher behandelt“.38) Obendrein bekamen sie zu hören, eigentlich müsse doch nicht Bayern, sondern Österreich für ihre Aufnahme sorgen, „da das Sudetenland früher zu Österreich gehört habe“.39) Am Ostersonntag 1946 predigte sogar ein katholischer Pfarrer mit Bezug auf die Sudetendeutschen, es habe „vor einem Jahre noch Menschen“ gegeben, die „Ostern ohne Gott und den Auferstandenen in blinder Hoffnung auf den Sieg der Nazis begingen“ und die „auch heuer, wohl zu ihrer Strafe, auf den Straßen obdachlos als eine wahre Landplage für uns ihr Ostern, zum Großteil wieder ohne Gott, begehen“ müssten.40)
Das kritische Urteil des Geistlichen über die vertriebenen Deutschböhmen mochte auch mit der tendenziell schwächer als in Bayern ausgeprägten Kirchlichkeit im Sudetenland zusammenhängen. Denn der „lebensfrohe und stark verstädterte katholische Sudetendeutsche“ brachte „oft Kino, Tanzkurs, Sportverein mit aufs Dorf“;41) er schien also für die heile Welt der bayerischen Agrarprovinz eine Bedrohung darzustellen. Im März 1947 wurde in der Gemeinde Egmating im Kreis Ebersberg ein trauriger Höhepunkt der Diskriminierung erreicht, als ein Anschlag folgenden Inhalts auftauchte: „Hinaus mit den Flüchtlingen aus unserem Dorf! Gebt ihnen die Peitsche statt Unterkunft – dem Sudetengesindel! Es lebe unser Bayernland!“42)
Hält man sich die Integrationskonflikte vor Augen, denen die Sudetendeutschen ausgesetzt waren, so lässt sich erst ermessen, was es bedeutete, dass sich die bayerische Urbevölkerung mit den „Preußen“ aus Schlesien, Pommern und Ostpreußen tendenziell sogar noch schwerer tat – und umgekehrt.43) Ein niederschlesischer Pfarrer sah sich darob im Sommer 1946 zu einem Appell an seine vertriebenen Landsleute veranlasst, sich auch einmal in die Lage der Einheimischen zu versetzen. Denn die „Abneigung, die sie uns offen zeigen, gilt wohl weniger uns persönlich als der Verteidigung ihrer bisherigen Lebensrechte, die sie nicht aufgeben wollen, und deren Berechtigung sie doch wanken fühlen. Ob Gott uns daheim in der gleichen Lage eine tiefere Erkenntnis geschenkt hätte? Sicher ist das nicht.“44)
Ein Projekt über Biographieverläufe von Heimatvertriebenen, das der Erlanger Soziologe Michael von Engelhardt mit Unterstützung des Sozialministeriums Anfang der neunziger Jahre durchführen konnte, hat aufgezeigt:
„Hierbei war offensichtlich das Verhalten beider Seiten von entscheidender Bedeutung: Die Ausgrenzung oder Einbindung durch die einheimische Bevölkerung stand in einer Wechselbeziehung zur Selbstausgrenzung oder Selbsteinbindung durch die Neuankömmlinge“.45)
Eine Bestandsaufnahme von Neubürgern durch das Bayerische Statistische Landesamt förderte denn auch 1950 zutage, dass die Sudetendeutschen häufiger angaben, in Bayern bleiben zu wollen, als Angehörige anderer Vertriebenengruppen.46) Als Gründe hierfür nannten sie: „Sie seien bereits eingewöhnt, sie fühlen sich den Bayern verwandt, oder sie seien hier noch am nächsten ihrer Heimat“.47) Auch ein sudetendeutscher Sozialdemokrat wie Almar Reitzner meinte rückblickend, er habe sich 1946 in München wegen der bayerischen Lebensart niedergelassen, die ihm als Deutschböhmen eher zusagte als die der „Welfen und Hanseaten“.48) Dagegen äußerte jeder fünfte Südostdeutsche und jeder zehnte Ostpreuße, gar an Auswanderung aus Deutschland zu denken.49) „Es scheint so zu sein“, hat auch Fritz Peter Habel formuliert, „dass die Sudetendeutschen eher nach Bayern hineinpassten als in alle anderen deutschen Bundesländer.“50)
Hier gehen die Meinungen in der Forschung auseinander. Laut der amerikanischen Historikerin Karen Gatz hätte die Bereitschaft, das neue Leben im Westen als endgültig zu akzeptieren und sich möglichst rasch voll zu integrieren, bei den vertriebenen Reichsdeutschen eigentlich größer sein müssen als bei den Deutschböhmen. Denn Schlesier und Ostpreußen hätten 1944/45 oft eine Heimat in Flammen verlassen, während die 1946 deportierten Sudetendeutschen meist das Bild einer weitgehend unzerstörten Heimat im Kopf gehabt hätten.51)
Gegen diese Argumentation spricht indes, dass seitens der Sudetendeutschen Landsmannschaft früh die Devise ausgegeben wurde, gerade die gute Integration sei „eine unerlässliche Vorbedingung für die Rückkehr in die Heimat“.52) Vor allem aber versprachen sich offenkundig die Vertriebenen aus den preußischen Ostprovinzen, die formal nur unter polnische und sowjetische Verwaltung gestellt worden waren, von einem endgültigen Friedensvertrag eher eine Heimkehr als die Sudetendeutschen. Denn das Münchner Abkommen von 1938, spätestens die Bezugnahme des Potsdamer Protokolls auf „Deutschland in den Grenzen vom 31. 12. 1937“ hatte dies gezeigt, hielten ganz offensichtlich auch die Westmächte für gegenstandslos.53) Und allenfalls wenige wollten, nach den Erfahrungen der Jahre zwischen 1918 und 1938, erneut zu Bürgern eines tschechisch dominierten Staates werden.
Wahlplakat der CSU
Abbildung: Friedrich Prinz, Die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in Bayern. Versuch einer Bilanz nach 55 Jahren, hg. v. Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg 2000, S. 16.
Die große Gruppe der Egerländer und der Böhmerwäldler zumal war schlicht und einfach aufgrund der siedlungsgeschichtlichen und geographischen Nachbarschaft zu Bayern in einer ungleich günstigeren Situation als die meisten anderen Vertriebenen.55) So hatte es z. B. zwischen der oberfränkischen Gegend um Hof und Asch im Egerland schon lange vor der Vertreibung enge wirtschaftliche und private Kontakte gegeben; Rehauer Schüler etwa waren sogar mehrheitlich auf das Gymnasium in Asch gegangen, „grenzübergreifende“ Hochzeiten waren keine Seltenheit. Als Fremde nahm man sich gegenseitig jedenfalls nicht wahr.56) Zwar hatte es prozentual die meisten Sudetendeutschen ausgerechnet in das deutlich weiter von den böhmischen Ländern entfernte bayerische Schwaben verschlagen, wo sie nicht nur 50 Prozent wie im Landesdurchschnitt, sondern 70 Prozent aller Heimatvertriebenen stellten,57) doch sind sie anscheinend auch dort zumindest etwas besser zurecht gekommen als andere Vertriebenengruppen.58)
Die populistische Bayernpartei (BP) trug dem Rechnung, wenn sie zur Rettung des Freistaats vor einer „Überfremdung“ durch die vielen Zugereisten aufrief. Denn immerhin war die BP bereit, die Sudetendeutschen als „stammesverwandt“ zu akzeptieren, die preußischen Schlesier wären dagegen, hätte die Bayernpartei dies zu entscheiden gehabt, vor allem im Ruhrgebiet angesiedelt worden.59)
Wahlplakat des BHE
Abbildung: Friedrich Prinz, Die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in Bayern. Versuch einer Bilanz nach 55 Jahren, hg. v. Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg 2000, S. 16.
Äußerungen schlesischer Vertriebenenpolitiker über den „echten Preußengeist“, der endlich auch in Bonn zu spüren sein müsse, konnten die Bayernpartei in ihren Vorbehalten nur noch bestärken.61) Der Vorstoß der BP, gegen den die bayerischen Schlesier vehement protestierten, scheiterte aber nicht zuletzt an dem Votum der CSU, die eine Umsiedlung nach landsmannschaftlichen Kriterien für unzweckmäßig hielt.62)
Bedenkt man die in den Nachkriegsjahren noch enorme Bedeutung der Konfessionszugehörigkeit, so passten die Sudetendeutschen tatsächlich am besten nach Bayern hinein. Gerade auch die anderen beiden Hauptaufnahmeländer der zu über 90 Prozent katholischen Sudetendeutschen, Hessen und Baden-Württemberg, waren demgegenüber sehr viel stärker evangelisch geprägt als der Freistaat. Wie sehr den katholischen Sudetendeutschen, trotz mancher Vorbehalte sittenstrenger Geistlicher, ihre Konfession tendenziell zum Vorteil63) gereichte – wenn es sie nicht gerade in die evangelischen Teile Mittel- und Oberfrankens verschlagen hatte –, zeigt ein Blick auf die überwiegend pro-testantischen Niederschlesier, die im ganz und gar katholischen Ostbayern neu anfangen mussten.
Tabelle aus: Maximilian Lanzinner, Zwischen Sternenbanner und Bundesadler. Bayern im Wiederaufbau 1945-1958, Regensburg 1996, S. 95.
Auf der einen Seite ist bemerkenswert, dass viele katholische Ortsgeistliche den evangelischen Flüchtlingen nicht nur Kapellen und Gemeindesäle zum Gottesdienst zur Verfügung stellten, sondern sogar ihre Hauptkirchen. Und als in einem ostbayerischen Dorf der erste verstorbene evangelische Flüchtling zu Grabe zu tragen war und der Totengräber sich weigerte, seines Amtes zu walten, schritt der katholische Ortspfarrer selbst ein und tat den ersten Spatenstich.65)
Vielmehr wurden die meist niederschlesischen evangelischen Kinder in Ostbayern weiterhin nur als „Gastschüler“ in katholischen Bekenntnisschulen geduldet.66) In der Folge mussten viele bereits vom Staat angestellte evangelische Flüchtlingslehrer wieder entlassen werden. Sie sahen sich zur Abwanderung genötigt oder fanden in den 90 evangelischen Bekenntnisschulen Platz, die im Gegenzug in der Region errichtet wurden.67)
"Allmählich wird ja die Überfremdung beängstigend, Fräulein Müller - wieder lauter Protestanten unter den Neuzugängen heute."
Abbildung: Friedrich Prinz, Die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in Bayern. Versuch einer Bilanz nach 55 Jahren, hg. v. Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg 2000, S. 26.
Neben dem interkonfessionellen Konflikt traf die protestantischen Schlesier auch noch ein innerkonfessioneller Zwist. Er rührte daher, dass lutherische und reformierte Kirchen vom preußischen Staat im 19. Jahrhundert zwangsweise „uniert“ worden waren, während die – vor allem fränkisch geprägte – bayerische Landeskirche durch und durch lutherisch geblieben war. Unterschiedlich war zum Beispiel, nicht hinsichtlich des Textes, aber doch seiner Vertonung, die Liturgie:
Nicht einmal die innerprotestantischen Verhältnisse entwickelten sich von Anfang an ungetrübt.
Als etwa der aus Schlesien vertriebene Geistliche Wolfram Hanow kurz nach der Währungsreform 1948 in Fürnried seine erste bayerische Pfarrstelle antreten wollte, wurde ihm und seiner Frau der „Eingang in die Gemeinde fast unmöglich gemacht“. Flugblätter gegen Hanow kursierten, weil er aus der preußisch-unierten Kirche stamme und nicht lutherisch sei. Bald darauf mahnte ihn der Oberkirchenrat fast schon ab, nachdem Hanow angeblich das Heilige Abendmahl falsch ausgeteilt hatte. Erst allmählich brach sich in der neuen Heimat die Erkenntnis Bahn, auf der Hanow stets beharrt hatte: „Wir waren in Schlesien genauso lutherisch wie in Bayern.“69)
Die evangelische Kirche jedoch scheine dies deshalb in Kauf zu nehmen, weil sie, wenn die schlesischen Protestanten „aus Bayern hinauskämen“, auch viele Kirchensteuern verlieren würde.70)
Ein weiteres Vorurteil bezog sich auf die angeblich fragwürdige deutsche Ethnizität der Schlesier. Im niederbayerischen Kreis Griesbach wandte sich der Bezirksamtmann, alarmiert über den Zuzug aus den „halbslawischen Ostgebieten“, 1946 in einem historisch irreführenden Aufruf an alle Bewohner. Dem Appell war z. B. an der Gemeindetafel zu Rottalmünster Folgendes zu entnehmen: „In Schlesien regierten, wenn es auch äußerlich deutsche Sprache und deutsches Recht annahm, noch bis 1675 Herzöge aus dem polnischen Königshaus der Piasten!“71)
Die Haltung der CSU zu der Personalie war freilich auch eine „Retourkutsche“, nachdem die SPD vorher den – extrem vertriebenenkritischen – CSU-Politiker Alois Hundhammer als Kultusminister abgelehnt hatte.73)
Auf ein weiteres, die Altreichsdeutschen tendenziell noch etwas mehr als die Sudetendeutschen treffendes Problem verwies der in den Nachkriegsjahren landauf, landab kursierende „Witz“: „Waren Sie PG? – Nein, ich bin aus Schlesien“.74)
Dies fiel vor allem in jenen fränkisch-evangelischen Regio-nen ins Gewicht, die schon während der zwanziger Jahre eine Art Urstromtal des Nationalsozialismus gebildet hatten75) und eine entsprechend hohe Zahl von belasteten PGs aufwiesen. Der deshalb verbreitete Eindruck, der öffentliche Dienst würde infolge einer ungerechten Entnazifizierung mehr und mehr in „ostdeutsche Hände“ übergehen, artikulierte sich Ende 1945 drastisch im Leserbrief eines Kulmbachers an die Frankenpost unter der Überschrift: „War Gauleiter Hanke der einzige Pg in Schlesien?“
Ob „die vielen Schlesier tatsächlich früher alle Antinazis“ gewesen seien, war für den Kulmbacher „die große Frage“.76)
Tatsächlich war in den ersten Nachkriegsjahren zum Beispiel in vielen bayerischen Schulbezirken die Hälfte aller Volksschullehrer Vertriebene.77) Spätere Forschungsarbeiten über die Flüchtlingslehrerschaft legen zudem den Schluss nahe, dass das Phänomen der „Fragebogenfälschung“ bei den vertriebenen Beamten zumindest „häufiger anzutreffen“ war als bei den einheimischen.78) Vor diesem Hintergrund ist wohl auch die rigorose Äußerung eines fränkischen Bürgermeisters zu erklären, die er einem aus Breslau stammenden Angestellten Anfang 1947 entgegenschleuderte: „Ich lehne es grundsätzlich ab, Flüchtlinge […] einzustellen.“ Alle freiwerdenden Stellen in der Stadtverwaltung würden mit Einheimischen besetzt.79)
Ein halbes Jahr nach der Attacke gegen die schlesischen PGs wurde in der Frankenpost eine noch aggressivere Meinung abgedruckt, die von einem „bayerisch-schlesischen Klassenkampf“ schwadronierte. Dass „der Schlesier“ als Beamter oder noch häufiger als Treuhänder von Firmen entnazifizierter Unternehmer „Macht über die Einheimischen“ gewinne, sei „heute“ derart verbreitet, „dass er seine bayerischen Gastgeber nach Lust und Laune schikanieren“ könne.
Nicht nur in Franken, sondern auch in Südbayern fiel den amerikanischen Besatzungsbehörden jedenfalls auf, dass „eine gewisse Spannung, die zwischen Einheimischen und ‚Preußen’ aufgrund traditioneller Unterschiede existiere“, durch den Verdacht verstärkt werde, dass die „Preußen“ Vorteile aus der Schwierigkeit schöpften, ihre Vergangenheit zu überprüfen.82)
Doch kam den Sudetendeutschen womöglich doch ein wenig zugute, dass sie als „Beutedeutsche“ erst seit 1938 zum Reich zählten und bei aller damals gezeigten Euphorie über das Ende der tschechischen Herrschaft in ihrer Heimat für die Urkatastrophe, die Machtergreifung der NSDAP im Jahr 1933, bei Lichte besehen nicht verantwortlich gemacht werden konnten.
Trotz derartiger Aufklärungsarbeit hielt es die Schlesische Rundschau aber noch 1949 für nötig, eine Liste zu veröffentlichen, die für jeden Gau das Verhältnis zwischen NSDAP-Mitgliedern und der übrigen Bevölkerung angab und aufzeigte, dass Schlesien dabei reichsweit einen der hintersten Plätze eingenommen hatte.85) Zwei Jahre später konnte der Heimatbrief einer Riesengebirgsgemeinde im Bericht über ein Schlesiertreffen in München aber schon teilweise Entwarnung signalisieren: Zumindest unter den einheimischen Bewohnern der Landeshauptstadt scheine der „Saupreiß […] ausgestorben“ zu sein.86)
Vermochte das „Ober-Nazi“-Argument in der Sache wenig zu überzeugen, so waren die mundartlichen Unterschiede, die zwischen Schlesiern und Bayern meist größer waren als zwischen Bayern und Sudetendeutschen, nicht wegzudiskutieren. In einer Studie von Astrid Pellengahr und Helge Gerndt über „Vereinswesen als Integrationsfaktor“87) wird ein Informant zitiert, demzufolge die vertriebenen Sudetendeutschen aus dem Erzgebirge „sehr gut mit den Einheimischen harmoniert“ hätten, während sich die „Schlesier nicht so schnell angefreundet“ hätten: „Das warn dann doch a bißl andere Leut wie wir. Schon allein vom Dialekt her“.88)
Auf einen damit zusammenhängenden Sachverhalt hat Paul Erker in einer Studie über Landkreise im agrarischen Westen Mittelfrankens hingewiesen:89)
Zwar waren auch die nach Bayern kommenden Sudetendeutschen, ebenso wie die Schlesier, nur zu einem Drittel dörflich-kleinstädtisch geprägt, doch die „urbane“ Prägung einer Mehrheit der Deutschböhmen war zumindest nicht gleich großstädtischer Art.91) Dagegen waren überproportional viele Schlesier aus der Metropole Breslau nach Bayern gekommen,92) während die Bewohner der niederschlesischen Gutsdörfer eher in nördlichere Regionen Deutschlands flohen.93) Die schlesische Flüchtlingsbevölkerung, so resümierte darob das Bayerische Statistische Landesamt, „stellt also, anders als die sudetendeutsche, keinen Querschnitt durch die Gesamtheit der ehemaligen Provinz Schlesien dar, sondern eine bestimmte Auslese“.94)
In Berichten der amerikanischen Behörden ist im Zusammenhang mit bayerisch-ostdeutschen Differenzen sogar von Kämpfen zwischen einheimischen und sogenannten „preußischen“ Schulkindern die Rede. Ein junger Westpreuße erzählte „von zerfetzter Kleidung und Prügeln“, die er von einheimischen Jugendlichen bezogen habe. Diese hätten sich „an seiner hochdeutschen Sprache und seiner [...] sehr spitzen Mundart gestört“. Das Verhältnis zu den einheimischen Jugendlichen habe er nur durch „eigene Diplomatie“ sowie dadurch verbessern können, dass er den schwäbischen Dialekt übernommen habe.95) Aus dem bayerischen Schwaben sind auch Aussagen junger Ungarndeutscher überliefert, wonach sie „durch ihre Sprachschwierigkeiten nicht sofort den guten Kontakt zu einheimischen Kindern herstellen“ konnten „wie die Sudetendeutschen“.96)
Auch bei ihnen aber schritt die sprachliche Anpassung bei den Jugendlichen so rasch voran, dass diese etwa bei einem Treffen der niederschlesischen Laubaner 1954 zum Adressaten eindringlicher Appelle wurden: Sie sollten die schlesische Mundart gut pflegen, denn erst wenn diese vergessen sei, „sei Schlesien verloren“.98)
Abbildung: Herbert Houswitschka/ Gunthild Houswitschka, Die Integration der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg. Dokumentation für den Landkreis Tirschenreuth, Tirschenreuth 1995, S. 153.
Eine Glasfabrik lässt sich eben, anders als ein Bergwerk, zur Not auch andernorts wieder aufbauen. Jedenfalls stellten die Sudetendeutschen bald schon den größten oder zumindest auffälligsten Teil der vertriebenen Betriebsinhaber in Bayern,100) und zwar selbst in Regionen mit eigentlich höherem Schlesieranteil wie im Landkreis Bayreuth101) oder im Coburger Raum.102) Landesweit stachen die berühmten Verdichtungszentren ins Auge, wie sie mehrheitlich von Sudetendeutschen in Geretsried, Neugablonz, Neutraubling oder Waldkraiburg – „im wesentlichen Unterschied […] zu anderen Vertriebenen“103) – als kleine Spiegelbilder der Verhältnisse in der alten Heimat aufgebaut werden konnten.104) Rein sudetendeutsch waren zwar auch diese Ansiedlungen nicht, doch betrug etwa in Waldkraiburg noch 1960 der Anteil der Vertriebenen aus den böhmischen Ländern über 60 Prozent.105) Zumindest ansatzweise gelang hier, was die Sudetendeutsche Hilfsstelle schon im Oktober 1946 einer Denkschrift als Prämisse vorangestellt hatte: die Evakuierung „von vorneherein nach dem Strukturbild des geschlossenen Lebensganzen der Deutschen in der Tschechoslowakei“ durchzuführen.106)
Ein von Vertriebenen aus der schwäbischen Türkei betriebener Kaffeeladen
Foto: Friedrich Prinz, Die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in Bayern. Versuch einer Bilanz nach 55 Jahren, hg. v. Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg 2000, S. 21.
Auf etwas Vergleichbares wie die Sudetendeutsche Hilfsstelle, die sich schon während der „wilden Vertreibungen“ im Sommer 1945 und mithin deutlich vor dem großen „Odsun“ des Jahres 1946 in München gegründet hatte, nicht nur um „karitative Betreuung“, sondern auch „geregelte Um- und Ansiedlung“ und „Einschaltung in den Arbeitsprozess“ zu besorgen,107) konnten die Ostpreußen in Bayern ebenso wenig zurückgreifen wie die Schlesier. Erst nachdem die meisten schon im Westen angekommen waren,108) hatte sich unter Führung des Ostpreußen Linus Kather und anderer überwiegend ostpreußischer und schlesischer Vertriebener im Juni 1945 in Hamburg die Notgemeinschaft der Ostdeutschen gebildet, die sich allerdings um alle Vertriebenengruppen in der Britischen Zone kümmern wollte. Ein spezielles Hilfskomitee der evangelischen Deutschen aus Ostpreußen entstand in Norddeutschland im Rahmen des älteren Evangelischen Hilfswerks im Juni 1947 (ab 1949 in Beienrode), „significantly later than some Sudeten German self-help groups“,109) mit dem Ziel der Pflege religiöser und kultureller Bindungen, der Unterstützung bei der Suche nach Angehörigen und der Förderung der Integration durch Maßnahmen der Selbsthilfe.
Der vergleichsweise frühere Zeitpunkt der Flucht erwies sich für Ostpreußen und Schlesier mithin als Nachteil hinsichtlich der Möglichkeit auch ökonomisch gezielterer Ansiedlung. Wenngleich weniger auffällig, trug indes auch altostdeutscher Gewerbefleiß zum wirtschaftlichen Aufstieg des Freistaates nach 1945 bei.
Ohne Anspruch auf Repräsentativität seien beispielhaft nur einige Niederschlesier genannt wie der Bauunternehmer Gerhard Schulwitz aus Haynau (im Bezirk Liegnitz), der nach Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zunächst in Tirschenreuth als Zimmerermeister arbeitete, um 1954 abermals ein Baugeschäft zu eröffnen, oder Otto Schelske, der Friseurmeister aus Löwenberg, der nach dem Wiederfinden seiner Familie im Landkreis Kemnath erneut einen Salon aufbaute,111) oder auch der aus Waldenburg stammende Tischlermeister Helmut Seidel, der seit den fünfziger Jahren die Ostbayerischen Tisch- und Möbelwerke (OTM) in Neutraubling aufbaute und sie u.a. durch die Erfindung des höhenverstellbaren Couchtisches zu einem Unternehmen mit Umsätzen im dreistelligen Millionenbereich machte.112) Der Breslauer Fabrikant Richard Blokesch, der 1948 seine traditionsreiche schlesische Likörfabrik in Nürnberg wieder zum Leben erweckt hatte, war sogar Vorsitzender des Landesverbandes der heimatvertriebenen und mitteldeutschen Wirtschaft.113)
Als Exempel für die wirtschaftliche Wiederaufbauleistung vieler kleinerer Vertriebenengruppen sei nur der Fuhrunternehmer August Rambock aus Wormditt im ostpreußischen Ermland erwähnt. Zu Beginn der russischen Winteroffensive 1945 hatte er sich mit zwei Bussen, vollgestopft mit Flüchtlingen, gerade noch rechtzeitig auf den Weg gemacht. Eines der Fahrzeuge blieb zwar auf der Strecke, doch mit dem anderen, einem Magirusbus, kam die Familie auf der Suche nach Ersatzteilen in das bayerisch-schwäbische Holzheim bei Neu-Ulm. Dort nahm die Firma Rambock schon bald den Personenverkehr von Holzheim nach Ulm auf und eröffnete 1957 auch die erste Tankstelle im Ort.114)
Unter den 115.000 Menschen, die 1952 nach dem Flüchtlingssiedlungsgesetz in der Bundesrepublik wieder ihrem alten bäuerlichen Beruf nachgehen konnten, waren die Ostpreußen mit fast 20 Prozent deutlich überrepräsentiert.116) Da an eine revolutionäre Bodenreform unter den freiheitlich-demokratisch-kapitalistischen Rahmenbedingungen des westdeutschen Staates aber nicht zu denken war, mussten sich auch viele frühere Bauern als Knechte oder Mägde verdingen oder als Industriearbeiter eine neue Existenz aufbauen.117) Auffallend viele Ostpreußen eröffneten kleine Läden, Restaurants, Gästehäuser oder Handwerkerfirmen im Familienbetrieb.118)
Für die Ostpreußen in Bayern war nicht zuletzt ihre geringe Zahl problematisch hinsichtlich der Wahrung ihrer Identität. Denn selbst dort, wo sie eine zunächst führende Rolle bei der Gründung von Flüchtlingssiedlungen spielten, verloren sie unter Umständen rasch an Sichtbarkeit, weil „die meisten Siedler“ in der neuen Gemeinde bald doch wieder „aus dem Sudetenland oder anderen Teilen Osteuropas kamen“.119) Als Beispiel mag die Siedlung Hinrichssegen bei Bad Aibling im Landkreis Rosenheim dienen. Eine kleine Gruppe von Ostpreußen hatte hier mit Unterstützung der lokalen Behörden eine Mustergemeinde begründet, die nach dem Vorbild ihrer Heimat Industrie und Agrarökonomie in Form einer Volltuchfabrik und landwirtschaftlicher Nebenerwerbsstellen verband. Ein Heim für Waisenkinder kam hinzu. Der ostpreußische Charakter der Siedlung ging indes schnell verloren, weil die meisten zuziehenden Neubürger sudetendeutscher oder anderer Herkunft waren.120)
Auch die Statistik bestätigt, dass die Ostpreußen zusammen mit anderen „Nordostdeutschen“, die oft schon vor Kriegsende oder bald danach als Flüchtlinge in kleineren Gruppen oder als Soldaten aus der Kriegsgefangenschaft nach Bayern gekommen waren, generell zu jenen Vertriebenengruppen gehörten, die in Bayern am seltensten im größeren Stil angesiedelt wurden. Bei den Sudetendeutschen war dies am häufigsten der Fall; eine mittlere Position nahmen auch in dieser Hinsicht die Schlesier ein.121) Wie wichtig der Integrationsfaktor Ansiedlung naturgemäß war, betont etwa ein Bericht des Bürgermeisters von Traunstein, der 1953 beobachtete, wie die „sonst so rührigen Egerländer“ sich „hier auch nicht entfalten, weil eben nur wenige Personen aus dem Egerland hier wohnen“.122)
Größere Verdichtungszentren entstanden auf ostpreußischer Seite jedenfalls nicht nur deshalb in Bayern nicht, weil die östlichste Provinz des Reiches ohnehin viel weniger industrialisiert gewesen war als das Sudetenland und weil die Standortvoraussetzungen für die ostpreußischen Wirtschaftsformen im Freistaat so nicht gegeben waren.124) Sie konnten sich vielmehr auch deswegen nicht entwickeln, weil die Ostpreußen in Bayern – wie übrigens auch in anderen Ländern – weniger stark konzentriert waren. Vergleichbare Verdichtungen einer Vertriebenengruppe in einem Land wie im sudetendeutsch-bayerischen Fall gab es sonst nur noch in Hessen, wo aber ebenfalls die Deutschen aus den böhmischen Ländern unter den Vertriebenen die Hälfte ausmachten.
Die Ostpreußen stellten 1950 mit etwa einem Drittel den größten Anteil in Schleswig-Holstein, hatten aber gleichsam das Pech, dass es dorthin ebenso viele Pommern verschlagen hatte, über die im Jahr 1954 die Kieler Landesregierung auch die Patenschaft übernahm. In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen betrug das ostpreußische Kontingent nur ein Viertel, in den anderen Flächenländern lag es weit darunter.125) Nachdem Bemühungen um eine Patenschaftsübernahme durch Nordrhein-Westfalen bzw. gar durch den Bund in den fünfziger und sechziger Jahren gescheitert waren, fanden die Ostpreußen erst sehr spät, 1978, im Freistaat Bayern einen Schirmherrn.126)
Auch die Schlesier waren stärker verstreut worden als die Sudetendeutschen. Die Mehrheit der zwei Millionen in die Westzonen bzw. die Bundesrepublik kommenden Schlesier, 700.000 Menschen, wurde in Niedersachsen untergebracht; erst dahinter folgten Nordrhein-Westfalen mit einer halben Million und knapp danach Bayern. Dem Siedlungsschwerpunkt Rechnung tragend, übernahm im Oktober 1950 die damals SPD-geführte niedersächsische Landesregierung (als Flüchtlingsminister gehörte ihr der niederschlesische „rote Pastor“127) Heinrich Albertz an) die Patenschaft für die Landsmannschaft Schlesien.
Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die gesellschaftliche Eingliederung der Heimatvertriebenen im Falle der Menschen aus den preußischen Ostgebieten in Bayern tendenziell noch etwas schwieriger war als im ebenfalls nicht einfachen sudetendeutschen Fall. Es stellt sich die Frage, ob dies auch eine Entsprechung im politischen Bereich, bei der Vertretung in Parteien und Parlamenten, wichtigen Ämtern und Gremien oder in dem für die öffentliche Wahrnehmung zentralen Medium Bayerischer Rundfunk gezeitigt hat. Die Antwort muss differenziert ausfallen.
Hans Schütz
Foto: Böse/Rolf-Josef Eibicht (Hg.), Die Sudetendeutschen. Eine Volksgruppe im Herzen Europas. Von der Frankfurter Paulskirche zur Bundesrepublik Deutschland, Dießen 1989, S. 92.
Die Personalie trug auch dem Umstand Rechnung, dass damals einstweilen noch mehr Schlesier als Sudetendeut-sche in Bayern lebten. Erst nachdem Jaenicke Anfang 1947 zum Staatssekretär befördert worden war, wurden dem parteilosen früheren DDP-Politiker129) zwei Sudetendeutsche, der Sozialdemokrat Richard Reitzner und der Christlich-Soziale Franz Ziegler, als politische Stellvertreter an die Seite gestellt.130) Im Hauptausschuss der Flüchtlinge und Ausgewiesenen, der sich im Juli 1946 konstituierte und als wichtigste Vertriebenenvertretung in Bayern eng mit der bayerischen Regierung und dem Landtag zusammenarbeitete,131) gab es ebenfalls ein sudetendeutsch-schlesisches Personalpaket: 1. Vorsitzender wurde das sudetendeutsche CSU-Mitglied Hans Schütz, 2. Vorsitzender der schlesische Sozialdemokrat Willibald Mücke.132) Nachdem gleich bei der ersten Sitzung festgestellt worden war, dass es „nicht genüge, vier Sudetendeutsche und vier Schlesier zu berufen“,133) gehörten dem Hauptausschuss künftig neben acht Sudetendeutschen fünf Schlesier sowie je ein Vertreter der Deutsch-Balten und der Südostdeutschen an.134)
Doch der für die bayerische FDP im Bundestag sitzende Donauschwabe Josef Trischler (aus dem jugoslawischen Boroc) sah 1950 Anlass, sich über die „völlig ungleichmäßige Behandlung der einzelnen Flüchtlingsgruppen“ zu beschweren. Vor allem die kleineren Landsmannschaften hätten den ihnen zustehenden Anteil bislang nur zu fünf Prozent erreicht. Die beiden größeren Gruppen der Sudetendeutschen und Schlesier lagen demnach mit 50 Prozent aber etwa gleichauf.135)
Dass die Vertriebenenpolitik im frühen Nachkriegsbayern noch auf einer ausgeprägten Balance zwischen den beiden größten Herkunftsverbänden, Sudetendeutschen und Schlesiern, ruhte, dokumentierte im Juli 1947 der Antrag der – zwar in München geborenen, aber zuletzt in Stettin wohnhaften und von dort ins unterfränkische Hammelburg geflohenen – CSU-Landtagsabgeordneten Maria Probst „betreffend Pflege des schlesischen und sudetendeutschen“ (in dieser Reihenfolge) „Kulturgutes im Unterricht an den Volks- und Mittelschulen“. Bei den vorherigen Beratungen im Ausschuss für Flüchtlingsfragen hatte Jaenicke den „historischen und kulturellen Beziehungen zwischen Bayern, dem Sudetenland und Schlesien“ besondere Aufmerksamkeit gewidmet und die „Stammesverwandtschaft“ zwischen der Bevölkerung dieser drei Räume betont. Es sei „ein seltsames Geschick, dass alles, was hier nach Bayern hereinströmt, wesentlich aus Bayern“ stamme; selbst die 70.000 katholischen Schwaben, die „in diesem Jahre“ (1947) noch „aus Ungarn kommen“ würden, sprächen den bayerisch-pfälzischen Dialekt ihres einstigen Stammlandes.136) Im Bericht des Ausschusses für das Plenum des Landtages hieß es zustimmend, der „Pflege des schlesischen und sudetendeutschen Kulturgutes“ sei im Unterricht „die gleiche Sorge zu widmen wie der Pflege des einheimisch-bayerischen“.137)
Wie viel von diesem Antrag realisiert wurde, den der Landtag im Oktober 1949 verabschiedete, steht auf einem anderen Blatt – erst zehn Jahre später wurde jedenfalls 1957 im bayerischen Kultusministerium ein „Ostkunde-referat“ eingerichtet.138)
An den sonst gerne für alles verantwortlich gemachten Medien lag es jedenfalls kaum. Von der gewiss nicht speziell schlesierfeindlichen Regionalpresse war bereits die Rede.
Die erste Sendung über eine Herkunftsregion wurde im Herbst 1948, noch von Radio München, unter dem Titel „Lied aus Schlesien. Erinnerung an eine deutsche Landschaft“ ausgestrahlt. Sie wandte sich ausdrücklich „an die zahlreichen in Bayern lebenden Schlesier wie an die Einheimischen“.140) Auch die 1949 anlaufende Sendereihe „Aus der Heimat der Vertriebenen“ ließ „die vier größten Gruppen der Heimatvertriebenen, Sudetendeutsche, Schlesier, Ostpreußen und Südostdeutsche gemeinsam zu Wort kommen“.141) „Die Ostpreußen und die Schlesier“, so formulierte der Vertreter Bayerns in einer Mundartsendung einmal sehr schön den breiten Blick auf diese Gruppen: „[Die] sind für mi allwei ‚die von da drobn‘, die Sudetendeutschen ‚die von da drübn‘ und die Südostdeutschen ‚die von da drunten´.“142)
Langfristig indessen, als es im Rundfunk für die Vertriebenen seit den sechziger Jahren ohnehin zunehmend schwieriger wurde,143) machte sich wohl doch die spezielle patenschaftliche Beziehung der Sudetendeutschen zur Staatsregierung auch medial bezahlt. Jedenfalls sah sich die Staatsregierung z. B. im Sommer 1967 aufgrund wiederholter Interventionen aus sudetendeutschen Kreisen gegen eine Vernachlässigung in der Berichterstattung veranlasst, den Intendanten zu ermahnen: Das „Kulturgut der Sudetendeutschen“ sei „mit den gleichen Mitteln“ zu fördern wie das der übrigen „Stämme“ Bayerns; auf diese Weise solle der Bevölkerung „die Existenz des vierten Stammes, nämlich der sudetendeutschen Gruppe, bewusst“ gemacht werden.144)
Die bayerische Schirmherrschaft über die Sudetendeutschen ab 1954 vermag freilich nicht zu erklären, weshalb die Schlesier auch schon in den frühen fünfziger Jahren bei weitem nicht, wie es nach den Proportionen beider Gruppen zu erwarten gewesen wäre, halb so viele Landtagsabgeordnete im Maximilianeum stellten wie die Sudetendeutschen. Dabei hatten die Deutschböhmen in den ersten, 1946 gewählten Landtag noch überhaupt keinen Vertreter entsenden können, weil das Wahlrecht an eine Mindestaufenthaltsdauer gebunden war. Sämtliche drei Vertriebenenrepräsentanten stellten in diesen Jahren die Schlesier: Ewald Bitom (SPD), Kurt Weidner (FDP) und Alfred Noske,145) der im niederbayerischen Bogen für die Wirtschaftliche Aufbauvereinigung (WAV) des politischen Abenteurers Alfred Loritz kandidiert hatte.146)

Wahlkampfaufruf der WAV
Abbildung: Dorothea Götz, Chronik der Vertriebenen in Landshut 1945–1987, Landshut 1991, S. 138–139.
Auffallend hoch war die Abgeordnetenquote der Sudetendeutschen aber vor allem auch wegen ihrer starken Stellung innerhalb der bayerischen Sozialdemokratie. Von den 63 Sitzen der SPD-Fraktion nahmen Sudetendeutsche etwa ein Sechstel ein, Nachrücker mitgerechnet waren es elf Politiker. Unter den 64 Abgeordneten der CSU, damals die Partei des eingesessenen bäuerlichen und kleinstädtischen Mittelstandes, verloren sich dagegen gerade einmal zwei Sudetendeutsche.
Auch in späteren Landtagen in den sechziger Jahren hatte sich dieses Bild nicht wesentlich verändert. In der Legislaturperiode 1966–70 saßen 19 Sudetendeutsche, aber nur drei Schlesier im Maximilianeum.148) Dabei lag der sudetendeutsche Anteil in der SPD-Fraktion deutlich über zehn, in der CSU nur bei fünf Prozent; der BHE spielte jetzt keine Rolle mehr.149)
Zwar war in der SPD-Landtagsfraktion auch der Schlesieranteil traditionell höher als bei der CSU152) und im SPD-Landesausschuss waren je einem Schlesier und Sudetendeutschen feste Sitze eingeräumt,153) doch prägend wirkten auf die Partei in erster Linie die Sudetendeutschen. Die US-Besatzungsbehörde schätzte 1948 den Anteil der Sudetendeutschen an der bayerischen SPD-Mitgliederschaft auf ein Viertel, andere Zahlen gehen noch darüber hinaus (bis zur Hälfte).154)
Gerade auf dem flachem Land, wo die Sozialdemokratie im Freistaat vor 1933 oft überhaupt keine Organisationsstrukturen aufzubauen vermocht hatte, gründeten sich in den Nachkriegsjahren unter tätiger Mitwirkung vor allem der Ostvertriebenen Hunderte neuer SPD-Ortsvereine.155) Die Bayern-SPD profitierte dabei davon, dass die Sozialdemokratie in den deutsch besiedelten Teilen der böhmischen Länder eine starke politische Kraft gewesen war.156) In klassischen Flüchtlingsgemeinden wie Waldkraiburg, Geretsried oder Traunreut lag die SPD bei den Wahlen infolgedessen noch lange vor der CSU. Persönlichkeiten wie der Landesgruppenchef der bayerischen SPD in Bonn, Alfons Bayerl (1974–1980), oder vor allem der 1963 zum SPD-Landesvorsitzenden avancierende Volkmar Gabert sind mit die bekanntesten Beispiele für das sudetendeutsche Gesicht der bayerischen Nachkriegssozialdemokratie.
Auch wenn das Verhältnis zwischen vertriebenen und einheimischen Sozialdemokraten keineswegs immer spannungsfrei war,157) zählt die sudetendeutsche Komponente der Bayern-SPD zweifelsohne zu den Erfolgsfaktoren der politischen Integration der Deutschböhmen. Bei ihrer Eingliederung in die Partei profitierten sie im Übrigen auch von „der Vorarbeit und der Solidarität der schlesischen Parteigenossen“,158) die vielfach schon etwas länger in Bayern lebten, aber jetzt angesichts der großen Zahl Sudetendeutscher innerhalb der SPD automatisch an Gewicht verloren.
Schlesischer Volkstanz auf dem Münchner Odeonsplatz
Foto: Friedrich Prinz, Die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen in Bayern. Versuch einer Bilanz nach 55 Jahren, hg. v. Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg 2000, S. 23.
Von Anfang an hatte die sudetendeutsche Sache aber auch in der seit Ende der fünfziger Jahre mehr und mehr dominierenden Christlich-Sozialen Union – trotz der nur wenigen deutschböhmischen CSU-Abgeordneten im Landtag160) – einflussreiche Fürsprecher. Der zur katholischen Gesinnungsgemeinschaft der Ackermann-Gemeinde gehörende Hans Schütz (Bild S. 24), seit 1949 für die CSU im Bundestag, avancierte 1963 zum Staatssekretär, 1964 bis 1966 dann zum Minister im Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales. Dort ressortierte seit den Zeiten des im Böhmerwald aufgewachsenen BHE-Politikers Walter Stain, der das Haus von 1954 bis 1962 leitete, auch das bis 1955 noch im Innenministerium angesiedelte „Flüchtlingswesen“. 1984 bis 1986 stand mit Franz Neubauer abermals ein sudetendeutscher CSU-Politiker an der Spitze des für die Integration der Vertriebenen maßgeblichen Ministeriums. An noch prominenterer Stelle als CSU-Generalsekretär und Fraktionsvorsitzender im Landtag war in den siebziger und achtziger Jahren der aus dem böhmischen Reichenberg stammende Gerold Tandler tätig.
Die Trachtengruppe St. Anna präsentiert oberschlesische Tracht, 1974.
Foto: Dorothea Götz, Chronik der Vertriebenen in Landshut 1945–1987, Landshut 1991, S. 220.
Ähnlich stark waren die Schlesier und die anderen kleineren Vertriebenengruppen in Spitzenpositionen des Freistaats bzw. seiner führenden Parteien nicht vertreten. Die ersten Vorsitzenden des bayerischen Landesverbandes der Landsmannschaft Schlesien, Nieder- und Oberschlesien waren bis Mitte der sechziger Jahre Walter Rinke (Ministerialrat in der bayerischen Verwaltung und 1953 bis 1957 CSU-MdB), Hans Menzel (Leiter des Landesarbeitsamtes Südbayern), Herbert Hupka (damals Redakteur beim Bayerischen Rundfunk) und der Breslauer Waldemar Rumbaur, der sich als Augenarzt im mittelfränkischen Ansbach niedergelassen hatte. Der ebenfalls aus Breslau stammende, in Kronach gelandete Jurist Erich Simmel wurde 1950 auf der oberfränkischen BHE-Liste in den Landtag gewählt und brachte es 1954 zum Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium, was er bis 1962 blieb.161) Heute wäre Hartmut Koschyk, früher Bundesvorsitzender der Schlesischen Jugend, zu nennen, der oberschlesische Wurzeln hat und seit 2009 das Amt eines Parlamentarischen Staatssekretärs im Bundesministerium der Finanzen bekleidet.

Die Büsten Adalbert Stifters und Joseph v. Eichendorffs in der Walhalla
Fotos: Walhallaverwaltung, Robert Raith
Der vergleichsweise stärkeren Vertretung der Sudetendeutschen in den politischen Parteien und in der Regierung des Freistaates entsprach ihre besonders gute und frühe landsmannschaftliche Organisation. Sie ähnelten in dieser Hin- sicht anderen „Auslandsdeutschen“ wie den Siebenbürger Sachsen, den Westpreußen, den Weichsel-Warthe-, Karpaten-, Jugoslawien- und Buchenlanddeutschen, die sich zeitlich parallel zusammenschlossen, während die großen altreichsdeutschen Landsmannschaften laut Habel „z. T. beträchtlich später“ entstanden.162)
Neben der bereits erwähnten Sudetendeutschen Hilfsstelle sei als weiteres Beispiel genannt, dass sich die vertriebenen Lehrer aus den böhmischen Ländern nach mehrjährigem Vorlauf 1952 in der Arbeitsgemeinschaft sudetendeutscher Erzieher sammelten, während sich aus einer Initiative des Kulturwerks Schlesien heraus erst 1956 eine analoge Ar-beitsgemeinschaft schlesischer Erzieher gründete, um, wie die charakteristische Begründung lautete, „nicht zurückzustehen“.164) Ähnlich war es beim Suchdienst, der bald nach dem Krieg das Massenproblem der Familienzusammenführung zu lösen half. Als Jaenicke 1945, damals noch nicht Flüchtlingskommissar, von der entsprechenden Tätigkeit der Sudetendeutschen und Banater Schwaben gehört hatte, erschien er beim Münchner Suchdienst und fragte, „ob nicht etwas ähnliches für die vielen Schlesier aufgebaut werden könne“.165)
Eine vergleichbare Phasenverschiebung zeigte sich bei der Aufnahme von Adalbert Stifter und Joseph von Eichendorff, den „Symbolfiguren sudetendeutscher und schlesischer Selbstidentifikation“,166) in den bayerisch-deutschen Ruhmestempel der Walhalla. Zwar hatten sich noch zu Zeiten des parteipolitischen Vereinigungsverbotes gegen die Vertriebenen 1947 in Bayern sowohl ein Adalbert-Stifter-Verein als auch eine (katholische) Eichendorffgilde gegründet, die „den Deutschen Böhmens bzw. den (Ober-) Schlesiern als Ausweis ihrer hervorragenden Kulturleistungen“ dienten,167) doch eine Büste Stifters wurde auf Initiative sudetendeutscher Vertriebener bereits im September 1954 im Rahmen eines feierlichen Staatsaktes aufgestellt, während der (Ober-)Schlesier Eichendorff erst drei Jahre später an der Reihe war. Die von den Sudetendeutschen beantragte Aufnahme Stifters in die Walhalla hatte die Schlesier veranlasst, „die bayerische Staatsregierung um die Genehmigung des Einzugs von Joseph von Eichendorff zu ersuchen“.168)
Weshalb die Sudetendeutschen dagegen im Bereich der wissenschaftlichen Arbeit zunächst mehr Mühe hatten, in Bayern an institutionelle Traditionen der alten Heimat anzuknüpfen, ist ebenfalls aufschlussreich. Während schon 1952 in München ein in den folgenden Jahren vor allem geschichtswissenschaftlich arbeitendes Osteuropa-Institut in der Nachfolge der gleichnamigen Breslauer Einrichtung gegründet wurde, gelang es der treibenden Kraft, dem Staatssekretär für Flüchtlingsfragen und BHE-Politiker Theodor Oberländer, nicht, nach dem Vorbild des Ost-Instituts und des gleichfalls wiedergegründeten Südost-Instituts169) ein eigenständiges Collegium Carolinum (CC) – als symbolischen Ersatz für die Deutsche Universität Prag – zu gründen. Dies schien umso erstaunlicher, als Oberländer zugleich Vorsitzender des als wissenschaftliche Abteilung des Adalbert Stifter Vereins bereits bestehenden CC war.
Doch nicht nur maßgebliche sudetendeutsche Politiker sozialdemokratischer und christlich-sozialer Parteizugehörigkeit bremsten den BHE-Landesvorsitzenden Oberländer in der Sache aus, „weil er als Vertreter des BHE die vertriebenenpolitische Basis ihrer eigenen Partei schwächte“; auch zwischen Oberländer und seinem sudetendeutschen Wahlbündnispartner von 1950, Walter Becher (da-mals noch: Deutsche Gemeinschaft), stimmte die Chemie nicht. Die Historikerin Karin Pohl hat dies dahingehend gedeutet, dass dem aus Thüringen stammenden Oberländer einfach der sudetendeutsche „Stallgeruch“ gefehlt habe: „[T]rotz seiner Kontakte und trotz seines Engagements stand er außerhalb der politischen Organisationen der Sudetendeutschen“.170) Jedenfalls geriet erst mit Oberländers Wechsel an die Spitze des Bonner Vertriebenenministeriums 1953 wieder Bewegung in die Sache, was 1956 zur Gründung eines eigenständigen CC führte.
Wappenteppiche der west- und ostpreußischen Landsmannschaften in Bayern sowie der Schlesier (S. 32); Abbildung S. 33: Wappenteppich der Pommern
Fotos aus: Das Haus des Deutschen Ostens München 1970–1990; Festschrift, hg. v. Horst Kühnel, München 1990, S. 79–81.
Die Zahl der aus beiden Bereichen kommenden Hochschullehrer hielt sich in Bayern ungefähr die Waage. Entscheidend für das Misslingen der Idee war aber, dass in der Ministerialbürokratie die Befürchtung bestand, mit der „Ostuniversität“ eine „geistige Enklave“ zu schaffen; was dort geleistet werden solle, sei vielmehr Aufgabe des gesamten deutschen Volkes. Und die Interessenvertretung der vertriebenen Studenten sah das ähnlich. Nicht gerade zur Durchsetzung des Konzepts hatten allerdings auch Meinungsverschiedenheiten zwischen Sudetendeutschen und Schlesiern hinsichtlich des Standorts einer möglichen „Ostuniversität“ beigetragen. So intervenierte die Landsmannschaft Schlesien 1951 beim Ministerpräsidenten zu Gunsten Bambergs, um der Dominanz der Regensburg präferierenden ehemaligen Prager Professoren entgegenzusteuern. 1953 lehnte der Landtag das Projekt schließlich ganz ab.171)
Als „Motor in Dörfern“ galten vor allem die sudetendeutschen Lehrer, die 1950 an der Spitze von 70 Prozent aller bayerischen Volkshochschulen standen und unter den meist nebenamtlichen Dozenten mit 38 Prozent ebenfalls überproportional vertreten waren.173) Dass dies der Verankerung sudetendeutscher Themen in der politischen Kultur Bayerns auf breiter Fläche nur zugute kommen konnte, ist offensichtlich. Bei den Schlesiern scheinen sich dagegen gerade die gebildeteren Schichten landsmannschaftlichem Engagement gegenüber öfters reserviert verhalten zu haben.174 Auch damit mag es zusammenhängen, wenn von den über 500 Heimatbüchern deutschsprachiger Vertriebener, die bis heute zum Leben einer Gemeinde, Stadt oder Landschaft im historischen Osten erschienen sind, sich 29 Prozent auf Böhmen und Mähren, aber nur zehn Prozent auf Schlesien beziehen.175)
Anders als „die Vertriebenen aus dem Osten des ehemaligen Deutschen Reiches“ hätten sich die Sudetendeutschen bereits damals eben „nicht auf den schützenden Staat“ verlassen können.176) Tatsächlich hatten sich die Deutschen östlich von Oder und Neiße schon zu Weimarer Zeiten der besonderen Fürsorge des preußischen Staates wie des Reiches erfreut. Zum einen war dies eine Folge der am Ende des Ersten Weltkriegs geführten Kämpfe um die deutsch-polnische Grenze und der auch danach anhaltenden Wahr-nehmung, alle Gebiete östlich der Oder seien besonders gefährdet.177) Zum anderen hatte die Weimarer Politik daraus die Notwendigkeit abgeleitet, die (land-)wirtschaftlich vom Niedergang bedrohten preußischen Ostprovinzen mittels der „Osthilfe“ zu stabilisieren.
Die Sudetendeutschen dagegen engagierten sich nach dem Krieg ähnlich vehement für ihre soziale Integration bei Wahrung der kulturellen Identität, wie sie vor 1938 gegen den selbsternannten tschechoslowakischen „Nationalstaat“ und dessen problematische Minderheitenpolitik für ihr deutsches „Volkstum“ gekämpft hatten.179)
Rudolf Lodgman von Auen
Foto: Oskar Böse/Rolf-Josef Eibicht (Hg.), Die Sudetendeutschen. Eine Volksgruppe im Herzen Europas. Von der Frankfurter Paulskirche zur Bundesrepublik Deutschland, Dießen 1989, S. 92.
Die „bindende Wirkung“ durch eine Persönlichkeit wie die des ersten Sprechers der SL, Lodgman von Auen, der 1918/19 nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie kurzzeitig Landeshauptmann einer deutschböhmischen Landesregierung gewesen war, mit seiner „auch Massen bewegenden Autorität“180) hat ebenfalls eine Rolle gespielt; mehr noch aber die Erkenntnis vieler in den Jahren 1918 bis 1938 sozialisierter Akteure, ob sozialdemokratisch, christlich-sozial oder national-konservativ, „dass sowohl der Aktivismus als auch der Negativismus gescheitert waren und es bei allen weltanschaulichen Unterschiedlichkeiten darauf ankam“, die SL „von politischen Querelen freizuhalten“.181) Lodgman, der selbst „keinerlei parteipolitische Ambitionen“ mehr hatte,182) konnte gleichsam als Personifizierung dieses Grundanspruchs begriffen werden.
Die Sudetendeutschen besaßen darüber hinaus aufgrund der Problematik des Münchner Abkommens von 1938 noch lange nach ihrer Vertreibung nur eine reduziert wirkende Form der deutschen Staatsbürgerschaft. Die vom „Dritten Reich“ auf der Grundlage eines Vertrags mit der Tschecho-slowakei über Staatsangehörigkeits- und Optionsfragen vom 20. November 1938 vorgenommenen Sammelein-bürgerungen von Sudetendeutschen wurden lediglich in der Britischen Zone anerkannt. Die Rechtsprechung in der Amerikanischen und Französischen Zone betrachtete die Betroffenen dagegen nicht als deutsche Staatsangehörige, sondern als Staatenlose.185)
Die auffälligen Unterschiede zwischen Sudetendeutschen und einem großen Teil der Altreichsdeutschen hat der Vertriebenensoziologe Boehm im Hinblick auf die Niederschlesier auch stammespsychologisch zu deuten versucht. Diese seien „ihrer Wesensart nach weich, passiv, eigenbrötlerisch, nicht selten versponnen und nach innen gekehrt“; auch wenn sich diese Eigenschaften „mit hoher und vielseitiger Begabung besonders auf künstlerischem und religiösem Gebiet“ verbänden, seien die Niederschlesier offensichtlich „schwer organisierbar und zur sozialen Geschlossenheit wenig geneigt“. Demgegenüber seien die Oberschlesier „kulturell weniger schöpferisch, aber außerordentlich aktiv und impulsiv, ein rauhes Volk, sehr viel stärker nach außen lebend“ und, wie der Abstimmungskampf mit den Polen in den Jahren nach dem Versailler Vertrag gezeigt habe, „zu entschlossenem Einsatz für die Heimat auch unter Zurückstellung persönlicher Bedenken durchaus fähig und bereit“. Während Boehms Charakterisierung der Oberschlesier in diesem Punkt an die der Sudetendeutschen erinnert, schreibt er über die Niederschlesier: In deren Heimat sei die „Assimilation slawischer Urelemente an das deutsche Volkstum schon seit Jahrhunderten zum Abschluß gekommen“ gewesen; deshalb seien sie als „Binnendeutsche“ von Nationalitätenfragen nicht so „berührt“ worden wie die Oberschlesier.187)
Karte aus: Walter Ziegler (Hg.), Die Vertriebenen vor der Vertreibung. Die Heimatländer der deutschen Vertriebenen im 19. und 20. Jahrhundert. Strukturen, Entwicklungen, Erfahrung, 2 Bde., München 1999, Bd. 2, S. 706 sowie Bd. 1, S. 312.
Solche ethnischen, noch teilweise vielleicht von nationalsozialistischem Volksdenken geprägten Stereotypisierungen sind stets anfechtbar; die deutliche Differenzierung zwischen Nieder- und Oberschlesiern hingegen verweist auf einen für unsere Fragestellung entscheidenden Punkt:
Zunächst war aus einer in München schon 1946 entstandenen, nicht lizenzierten „Vereinigung der Schlesier“ kurz nach der Währungsreform Ende 1948 der „Schlesierverband Bayern“ als damals noch alleinige Vertretung von Nieder- und Oberschlesiern hervorgegangen. CSU-Ministerpräsident Ehard übernahm (mit Schreiben vom 22. November 1948) auch sogleich die Schirmherrschaft über den Verband, der sich dann am 26. März 1950 in Bonn mit anderen Landesverbänden zur bundesweiten „Landsmannschaft Schlesien“ (LS) zusammenschloss.188) Schon ein halbes Jahr später aber, am 28. Oktober 1950, gründete sich (aus einem seit 1949 bestehenden Zusammenschluss heraus) eine konkurrierende „Landsmannschaft der Oberschlesier“ (LdO), die sich nicht an Oberschlesien in den Reichsgrenzen von 1937, sondern am größeren historischen Oberschlesien orientierte. Die LdO bezog sich also nicht nur auf die seit 1922 bestehende preußische Provinz Oberschlesien, sondern auch auf die nach 1921 an Polen übertragenen Gebiete sowie die ehemaligen österreichisch-schlesischen Landesteile.189)
Der Vertriebenenexperte Matthias Stickler schreibt dazu: „Die Gründe für die Notwendigkeit einer eigenständigen oberschlesischen Landsmannschaft sind für den Außenstehenden nur schwer verständlich.“190) Dies gilt umso mehr, als auch in den Führungsgremien der bereits bestehenden Landsmannschaft Schlesien mehrheitlich Oberschlesier vertreten waren.191) Sogar den Vorsitz der LS auf Bundesebene hatte mit dem katholischen Ministerialbeamten Walter Rinke ein gebürtiger Oberschlesier aus Kattowitz inne. Herbert Hupka, selbst Oberschlesier (Ratibor), aber langjähriger Vorsitzender des bayerischen (1953–1958), später des Bundesverbandes der Landsmannschaft Schlesien, hat zu den Gründen für die Spaltung bemerkt: Der Kampf gegen die Annexion ganz Oberschlesiens durch Polen nach dem Ersten Weltkrieg und die bald folgende Teilung des Landes seien für die Oberschlesier „in hohem Maße bewusstseinsprägend“ gewesen.192)
Der wohl bekannteste Vorsitzende der Oberschlesischen Landsmannschaft, Herbert Czaja, hat zudem darauf verwiesen, dass Oberschlesien schon im 13. Jahrhundert „einen eigenen Weg zum böhmischen Lehensherren“ gegangen sei; bereits vor dem Ausgang des Mittelalters sei die ethnische Zusammensetzung in Nieder- und Mittelschlesien völlig anders gewesen als in Oberschlesien, wo es „die unmittelbaren Beziehungen zu den Polen [...] im Guten und Bösen auf allen Ebenen“ gegeben habe.193) Als „eigentliches Grenzland gegen zwei slawische Stämme“, Polen und Tschechen, mit denen sich im Laufe der Jahrhunderte „vielfach Blutverwandtenbeziehungen“ entwickelt hätten, so sah es auch Czajas Landsmann Fritz Hollunder, würden sich oberschlesische Kultur und Bräuche „in vielem“ von denen in Mittel- und Niederschlesien unterscheiden.194)
Vor allem aber hatte der preußische Staat schon 1922 das unruhige Oberschlesien vom Rest der Provinz getrennt. Dessen Bewohner hatten in den folgenden Jahren die Empfindung, dass dies „für Oberschlesien förderlicher war“ als vorher, „da wir noch unter Breslau standen“, von wo „Oberschlesien nie verstanden worden“ sei; und daher wollten die in der LdO-Aktiven „auch später wieder einmal eine selbständige oberschlesische Verwaltung haben“.195)
Zu den historischen Unterschieden trat 1945 noch ein weiterer hinzu:
1953 warb Otto Ulitz, der Vorsitzende der LdO, bei der Landsmannschaft Schlesien ferner mit dem bemerkenswerten Argument um Verständnis, Oberschlesien habe zusammen mit Ostpreußen während des Zweiten Weltkrieges „von vornherein eine Sonderstellung in dem Sinne eingenommen, dass Großbritannien und Amerika mit ihrer Zuteilung an Polen einverstanden“ gewesen seien. Dieses Einverständnis hätten sie auch auf den Außenministerkonferenzen in Moskau und London 1947 erneuert. Ostpreußen und Oberschlesien würden folglich „die Brennpunkte des Kampfes des gesamten deutschen Volkes um die Rückgewinnung der Gebiete jenseits der Oder/Neiße“; deshalb müssten auch die Oberschlesier „selbst ihre Stimme“ erheben.196)
Während der in Breslau geborene Katholik Lukaschek, vor 1933 Oberpräsident der preußischen Provinz Oberschlesien, in einer christdemokratisch ausgerichteten LdO fast nahtlos an die oberschlesische Zentrumstradition anknüpfen konnte, war die Landsmannschaft Schlesien ziemlich stark von Sozialdemokraten geprägt. Dies zeigte sich nicht zuletzt an einer Reihe ihrer Führungspersönlichkeiten wie Hupka oder dessen Vorgänger im Vorsitz des Schlesierverbandes Bayern, Hans Menzel (geboren 1887 im schlesischen Winzig).198) Eine gewisse, wenn auch schwer zu bestimmende Rolle für den Konflikt spielte vielleicht auch das soziale Gefälle zwischen „einfacheren“ Oberschlesiern und „besseren“, sich teils eher in der Landsmannschaft Schlesien sammelnden „Ober-Oberschlesiern“, die auf die „Antek- und Franzek-Fraktion“ herunterblickten (Antek und Franzek sind oberschlesische Originale und Gegenstand zahlloser Witze und Anekdoten, die zumeist auf die mangelhaften Deutschkenntnisse der beiden Figuren abzielen oder einfach eine herablassende Haltung gegen vermeintlich „unzivilisiertere“, oft wasserpolnisch sprechende Oberschlesier zum Ausdruck bringen).199)
Zwar kam es später durchaus zu Kooperationen zwischen beiden Landsmannschaften etwa im „Kulturwerk Schlesien“ oder Mitte der sechziger Jahre „in einer besonderen Arbeitsgemeinschaft der beiden schlesischen Landsmannschaften“200) in Bayern, doch blieben auch manche Animositäten. Laut den Erinnerungen des Oberschlesiers Czaja etwa stimmte nicht, was der Schlesier Hupka in seinen Memoiren geschrieben hatte: Dass nämlich Czajas erfolgreiche Bewerbung um den Vorsitz des Bundes der Vertriebenen (BdV) 1970 im Kern die Kandidatur eines Oberschlesiers gegen den Präsidenten der Schlesischen Landesversammlung, Clemens Riedel, gewesen sei. Nur einige schlesische Delegierte, so Czaja, hätten erklärt, „sie könnten den Oberschlesier nicht wählen“; vielmehr sei der „brave“ Mittelständler Riedel, wie Czaja CDU-Mitglied, politisch schwankend gewesen und habe sich z. B. auch bei der Abstimmung über Moskauer und Warschauer Vertrag im Bundestag enthalten,201) statt mit Nein zu votieren. Die Gegenstimmen gegen ihn selbst, so Czaja, seien jedenfalls nicht nur „von den schlesischen Delegierten“ gekommen, sondern „auch von anderer Seite“.202)
Man bedenke nur, dass 1950 über ein Viertel der in die Westzonen/Bundesrepublik gekommenen zwei Millionen Schlesier aus Oberschlesien (ohne Ostober- und Sudetenschlesien) stammte.203) Zwei Drittel davon siedelten sich bald in der Hoffnung auf einen Arbeitsplatz im Ruhrgebiet in Nordrhein-Westfalen an.204) In den regionalen Mitgliedszahlen der beiden Landsmannschaften spiegelte sich das insofern wieder, als die Landsmannschaft Schlesien 1954 in Nordrhein-Westfalen nur über 37.000 zahlende Mitglieder verfügte, die LdO dagegen über 85.674.205) Bundesweit bezifferte man nach anderen Zahlen (von 1955) die Mitglieder der Landsmannschaft Schlesien auf 318.000, die der Oberschlesier auf 100.000,206) was – bei aller Vorsicht gegenüber den Zahlen – auf einen deutlich höheren Organisationsgrad der letzteren hindeutet.207)
Das bayerische Größenverhältnis zwischen Nieder- und Oberschlesiern lässt sich nur schätzen, da in den amtlichen Statistiken üblicherweise die früheren Bewohner von „Schlesien östlich der Lausitzer Neiße“208) zusammengefasst wurden. Nicht ganz repräsentativ sind vermutlich die Beispiele von Weiden in der Oberpfalz oder Pegnitz in Oberfranken. In Weiden wurden im August 1945 über 2.600 „Evakuierte und Flüchtlinge“ aus den Bezirken Breslau und Liegnitz registriert, dagegen nur 698 aus dem oberschlesischen Regierungsbezirk Oppeln,209) in Pegnitz kamen 75 Prozent der 400 Schlesier aus nieder- und mittelschlesischen Kreisen und Städten, dagegen nur ein Viertel aus Oberschlesien.210) Ob aber auch landesweit wirklich nur etwa jeder vierte bayerische Schlesier aus Oberschlesien stammte, scheint fraglich: erstens wegen des Eindrucks, der sich bei einem Blick auf die zwischen den Wahlperioden natürlich schwankenden Zahlen der Vertriebenenabgeordneten im Bayerischen Landtag ergibt,211) wo jedenfalls kein großer zahlenmäßiger Unterschied bestand. Zweitens ist, selbst wenn man ein tendenziell höheres Aktivitätspotenzial der Oberschlesier mit ins Kalkül zieht, zu berücksichtigen, dass gerade auch viele Oberschlesier aus dem westlich der Oder (und des Industriegebietes) gelegenen, erst spät von der Roten Armee eroberten Teil der Provinz – „insgesamt mögen es 306.000 bis 400.000 Menschen gewesen sein“212) – über Troppau, Jägerndorf und Ziegenhals zunächst nach Böhmen und Mähren geflohen waren. Von dort gelangten sie später oft nach Bayern, wohin etliche bereits auf direktem Wege gekommen waren.213) Da es mithin wohl überwiegend Oberschlesier aus den ländlichen Gegenden der Provinz nach Bayern verschlagen hatte, dürfte die Gruppe von der späteren Abwanderung ins Ruhrgebiet weniger betroffen gewesen sein.214) Andererseits legt ein Blick auf die konfessionellen Verhältnisse der nach Bayern gekommenen Vertriebenen die Einschätzung nahe, dass der überwiegende Teil der 550.000 evangelischen Flüchtlinge im Freistaat aus Niederschlesien stammte.215)
Doch selbst wenn die oberschlesische Gruppe in Bayern ein Stück kleiner war als die niederschlesische, ist evident, wie sich durch das schlesische Schisma künftig der Abstand zwischen der größten, sudetendeutschen Vertriebenengruppe und der zweitgrößten, (nieder-)schlesischen und vor allem auch zwischen ihren Landsmannschaften merklich vergrößerte.
Karte aus: In der Obhut Bayerns. Sudeten- und Ostdeutsche Patenschaften im Freistaat Bayern, hg. v. Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Bayreuth 1989, S. 237.
In dieser Konstellation verstärkte sich die Wirkung eines Grundtatbestandes, an dem kein Vergleich von Schlesiern und Sudetendeutschen in Bayern vorbeikommt: Während Bayern zum Hauptaufnahmegebiet und Patenland der vertriebenen Sudetendeutschen wurde, war die Entwicklung bei den Schlesiern komplizierter, weil sie nicht nur einen, sondern gleich zwei verschiedene Paten außerhalb Bayerns hatten. Neben der niedersächsischen Schirmherrschaft über die Schlesier bestand seit 1964 auch noch eine Patenschaft der Regierung von Nordrhein-Westfalen für die Oberschlesier.
Für die bayerischen Ostpreußen ergab sich dagegen der Glücksfall, dass ausgerechnet ihre Landsmannschaft ebenfalls im Freistaat Bayern einen Schirmherrn fand. Die bei der Patenschaftsübernahme 1978 beschworenen „jahrhundertealten historischen und kulturellen Bindungen“ zwischen Bayern (tatsächlich vor allem Franken) und Ostpreußen, die in der Geschichte des Deutschen Ordens und der Hohenzollern-Dynastie wurzeln, hatten für die wirtschaftlich-soziale Integration im Freistaat nach 1945 aber ebenso wenig Bedeutung gewonnen wie die Tatsache, dass für die von russischen Armeen eingenommene Provinz im Osten während des Ersten Weltkrieges (1915) sich in Bayern eine „Ostpreußenhilfe“ gegründet hatte, der „älteste landsmannschaftliche Zusammenschluss von ostdeutschen Bürgern in Bayern“.216)
Wichtiger als solch symbolische Bezugspunkte war es, wie dicht das Netz lokaler Patenschaften geknüpft wurde, die aus der Schirmherrschaft des Landes erwuchsen. Als aber Bayern dieses Amt für die Ostpreußen übernahm, war die große Zeit der west-ostdeutschen Obhutsverhältnisse, die von den frühen fünfziger bis in die sechziger Jahre gedauert hatte, lange vorbei.
Die offizielle Publikation zu dem Thema, ein 1989 vom Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung herausgegebenes Verzeichnis sämtlicher „Sudeten- und ostdeutschen Patenschaften im Freistaat Bayern“, nennt insgesamt 97 solcher kommunaler Obhutsverhältnisse,217) über 90 Prozent davon mit sudetendeutschem Bezug.
Der „fünfte Stamm“ ist hier vor allem durch die Südostdeutschen vertreten. So übernahm die Stadt Ingolstadt 1987 über die 10.000 Schwaben aus dem rumänischen Teil des Banats in Bayern und deren Landsmannschaft die Patenschaft, die Stadt Donauwörth 1980 über den Heimatkreis Lovrin (ebenfalls im Banat gelegen), weil die dort Vertriebenen im 18. Jahrhundert von Donauwörth aus auf den „Ulmer Schachteln“ die Donau hinuntergefahren waren, und schließlich 1973 die Stadt Moosburg an der Isar über die Gemeinde Hodschag in der (jugoslawischen) Batschka, nachdem die von dort Stammenden vorher schon jahrelang ihre Treffen in Moosburg abgehalten hatten.218)
Hinzu kommt die 1985 – nach „über drei Jahrzehnten freundschaftlicher Beziehungen“219) – urkundlich besiegelte „Partnerschaft“ der mittelfränkischen Stadt Dinkelsbühl mit der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen. Deren Patenland ist zwar Nordrhein-Westfalen, doch waren die Sachsen seit 1951 zu ihrem großen Pfingsttreffen in Dinkelsbühl zusammen gekommen, wo allein 150 siebenbürgische Familien eine neue Heimat gefunden hatten und wo 1967 eine eindrucksvolle Gedenkstätte vor der Stadtmauer für die „hinter Stacheldraht“, „auf der Flucht“ und „in der Heimat“ ums Leben gekommenen „Söhne und Töchter Siebenbürgens“ errichtet worden war.220) 2007 ging Dinkelsbühl schließlich auch eine Kommunalpartnerschaft mit der siebenbürgischen Fachwerkstadt Schäßburg ein.221)
Ein von dort vertriebener Fürstenfeldbrucker Stadtrat hatte die Initiative ergriffen. Doch kam es nach der 700-Jahr-Feier der Stadt Parchwitz 1955 in Oberbayern nur noch zu sporadischen Aktivitäten, weil „die meisten Parchwitzer in den nördlichen Bundesländern leben“. In den achtziger Jahren schlief die Beziehung ganz ein, führte aber dennoch dazu, dass eine von Fürstenfeldbruck angestrebte Partnerschaft mit einer polnischen Stadt dort mit dem Hinweis abgelehnt wurde, dass Kontakte mit bundesdeutschen Städten, die eine „von den ‚Vertriebenen‘-Verbänden geprägte, sogenannte Partnerschaft ausüben, aus Prinzip nicht in Erwägung gezogen werden“.222) Auch Versuche, eine 1953 von der Stadt Fürth für Cosel/Oberschlesien übernommene, aber zwischenzeitlich ruhende Patenschaft wiederzubeleben, waren in den achtziger Jahren nicht erfolgreich.223)
Doch dass der Teppich lokal-politischer Beziehungen in die Fläche des Freistaats hinein im sudetendeutschen Fall so dicht geknüpft war, im schlesisch-bayerischen Fall dagegen fast nicht existierte, konnte für die öffentliche Präsenz der beiden Vertriebenengruppen nicht ohne Folgen bleiben. Die bisher aufgezeigten Unterschiede zwischen den zur Selbsthilfe historisch besonders disponierten Sudetendeutschen und den aus bayerischer Sicht noch dazu deutlich fremderen preußischen Altreichsdeutschen, die durch das schlesische Schisma ihre Kraft weiter schwächten, erfuhren so eine wesentliche Vertiefung. In diesem Zusammenhang ist auch ein Blick über Bayern hinaus aufschlussreich: Von den rund 400 lokalen Patenschaften auf Bundesebene waren allein die Sudetendeutschen an 160 beteiligt,225) was einer Quote von 40 Prozent entspricht; und dies, obwohl die Deutschböhmen nur etwa ein Viertel aller in den Westen Deutschlands gekommenen Vertriebenen ausmachten.
Die bis heute relativ starke Wahrnehmung der sudetendeutschen Volksgruppe in Bayern ist demnach auch die logische Folge ihrer festen institutionellen Verankerung im kulturellen Gefüge des Patenlandes, die in den siebziger und achtziger Jahren ausgebaut werden konnte. Die von der SL 1967 geforderte Konkretisierung der Schirmherrschaft durch Gründung einer Stiftung, ähnlich der, die das Land Schleswig-Holstein für die Pommern 1966 errichtet hatte, führte 1970 zum Erfolg. Auf dem Grundstock von Geldern des Westvermögens ehemaliger sudetendeutscher Kreditgenossenschaften wurde die Sudetendeutsche Stiftung gegründet, die ein „unabhängiges Instrument der Schirmherrschaft zur Wahrung und Förderung sudetendeutscher Belange, vor allem auch bei der Erhaltung des deutschen Kulturgutes der böhmisch-mährisch-schlesischen Länder“, sein sollte.226)
Das Bayerische Kabinett um Ministerpräsident Alfons Goppel (Bildmitte), rechts außen Arbeitsminister Fritz Pirkl, 5. Dezember 1966
Foto: ullstein bild
Wenige Jahre nach Gründung der Stiftung schob Arbeitsminister Fritz Pirkl dann das große Projekt eines „Sudetendeutschen Zentrums“ in München an, das „zum geistigen Kristallisationspunkt und räumlichen Mittelpunkt der Sudetendeutschen Volksgruppe werden“ und zukunftsorientiert der „Gewinnung der nächsten Generation der Sudetendeutschen“ dienen sollte.228) 1985 wurde die Einrichtung unter dem Namen „Sudetendeutsches Haus“ eröffnet. Neben diesem Münchner Zentrum (als Sitz der Landsmannschaft, des Sudetendeutschen Rates und der Sudetendeutschen Stiftung, des Adalbert Stifter Vereins und des Collegium Carolinum, der Sudetendeutschen Akademie, des Sudetendeutschen Archivs und des Heimatpflegers) entstanden regionale museale Schwerpunkte in Marktredwitz (Egerland-Kulturhaus), Kaufbeuren-Neugablonz (Isergebirgsmuseum) oder Passau (Böhmerwaldmuseum), nicht zu vergessen das vom Bezirk Oberpfalz getragene Sudetendeutsche Musikinstitut in Regensburg sowie eine Fülle lokaler Heimatstuben. Über 80 Prozent aller in Bayern existierenden Einrichtungen dieser Art (insgesamt 88 anno 2009) haben einen sudetendeutschen Bezug.229)
Das Oberhaus Museum in Passau: Außenansicht von Süden; S. 45 Wappenhalterin (Skulptur um 1500)
Foto: Oberhaus Museum Passau
Ein besonderes Juwel ist das 1970 eröffnete „Museum Ostdeutsche Galerie“ in Regensburg, getragen von einer durch den Bund, die Länder und die Stadt gegründeten Stiftung. Die Ausstellung konnte auf den Sammlungen des Adalbert-Stifter-Vereins und der 1948 am Neckar von Sudetendeutschen und Schlesiern gemeinsam ins Leben gerufenen „Künstlergilde Eßlingen“ aufbauen. Sie sollte „das Erbe der ostdeutschen Zentren bewahren und den Beitrag des Ostdeutschtums zu moderner Kunstentwicklung in repräsentativer Schau der Öffentlichkeit zugänglich machen“.230) Die Benennung der Einrichtung sorgte allerdings für einen bemerkenswerten Zwist. Der Adalbert Stifter Verein hatte einen Beschluss gefasst, wonach sich die Pionierleistung der Sudetendeutschen Galerie auch in dem Namen des neuen Museums spiegeln müsse, und vorgeschlagen, das Kind „Ostdeutsche Galerie – Sudetendeutsche Galerie“ zu taufen.
Wappenhalterin (Skulptur um 1500)
Foto: Oberhaus Museum Passau
Der Bundeskulturreferent der SL fürchtete, dass ein nominelles Aufgehen der Sudetendeutschen Galerie in einer „allgemeinen Ostdeutschen Galerie die sudetendeutsche kulturpolitische Position und damit das heimatpolitische Anliegen schwächen“ würde. Andere gaben zu bedenken, ob sich der Begriff „sudetendeutsch“ überhaupt als Unterbegriff von „ostdeutsch“ verstehen lasse.231) Die Kulturreferenten der Landesflüchtlingsverwaltungen entschieden sich aber im Vorgriff auf die Ergebnisse der damals gerade entwickelten „Neuen Ostpolitik“ für den Begriff „Ostdeutsche Galerie“. Sie betonten, mit „ostdeutsch“ ausdrücklich nur einen kulturellen Bezug zu meinen, „keineswegs“ aber „territoriale Ansprüche“ dokumentieren zu wollen.232)
Der Ausstellungssaal „Begebenheiten und Gestalten“ im Schlesischen Museum Görlitz
Foto: Udo Meinel, Berlin
Auch deshalb liegen ihre Einrichtungen heute weit verstreut im ganzen Bundesgebiet: von dem Anfang der achtziger Jahre eingeweihten Haus Schlesien in Königswinter (bei Bonn) über das nach der Revolution von 1989/90 möglich werdende Landesmuseum in Görlitz an der Neiße, im deutsch gebliebenen Westzipfel Schlesiens, der heute zu Sachsen gehört, bis hin zum Kulturwerk Schlesien mit Sitz in Würzburg234) – ganz abgesehen davon, dass die Oberschlesier in Ratingen-Hösel (seit 1983) selbstverständlich ihr eigenes Kulturzentrum haben, an dessen Gestaltung beispielsweise auch die mittelfränkische LdO-Jugendgruppe Schwabach mittels Anfertigung von Ortswappen für das „Wappenzimmer“ beteiligt war.235) In Bayern sind dagegen lediglich einige kleinere Heimatsammlungen mit Schlesien-Bezug entstanden, etwa die Schlesischen Heimatstuben im Stadtmuseum Rehau, die Heimatstube Schlesien in Vilsbiburg, die Schlesierstube im niederbayerischen Massing, ein Zimmer im Waldnaabtal-Museum in Windischeschenbach oder die (anno 2008 aber nicht zugängliche) Sammlung der LS in Herzogenaurach.236)
Herzogin Hedwig, Aquarell vom Ende des 15. Jahrhunderts, Burg Trausnitz, Landshut
Bild: Bayerische Schlösser- und Seenverwaltung
1952 gegründet, gehört die Stiftung KWS neben dem Nordostdeutschen und Südostdeutschen Kulturwerk und dem sudetendeutschen Adalbert-Stifter-Verein zu den vier „großen“ ostdeutschen Kulturwerken. Ihren Sitz hatte die Stiftung Kulturwerk Schlesien zunächst in Neumarkt in der Oberpfalz, dem Wohnort ihres ersten Leiters (bis 1965), des aus Oberschlesien stammenden damaligen bayerischen Bezirksschulrats Karl Schodrok. 1957 wurde der Sitz des KWS in das zentraler gelegene Würzburg verlegt. Danach durchlebte es eine bewegte, von Rückschlägen nicht freie Geschichte.
So drängte das für die Förderung zuständige Bundesvertriebenenministerium schon 1964 auf die Einstellung der „Schriftenreihe Kulturwerk Schlesien“, weil nicht mehr so viel Geld zur Verfügung stehe. Auf der KWS-Jahreshauptversammlung im Juni 1964 wurde daraufhin geäußert: „Wenn man [...] z.B. vergleicht, welche große Summen Bayern für sein Patenkind Sudetenland aufwendet, könnte man [im Kulturwerk Schlesien, M.K.] mutlos werden“.237) Allerdings half der Freistaat Bayern auch den Schlesiern. Nach der Westvermögenszuführungsverordnung von 1974 wurde das KWS durch Genehmigung des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus (vom November 1975) als öffentliche Stiftung bürgerlichen Rechts errichtet.
Aus Schlesien mitgebrachte Schlüssel, heute Exponate im Schlesischen Museum Görlitz
Foto: Die Partner
In der Ära Kohl stiegen zudem die Bundeszuwendungen für das KWS bis Ende der neunziger Jahre auf 670.000 Mark jährlich an, dann aber erfolgte unter der rot-grünen Bundesregierung die Einstellung der institutionellen Förderung, womit zwei Drittel der jährlichen Einnahmen wegbrachen. Die Ausstellungstätigkeiten mussten stark eingeschränkt, Studientagungen für Studenten ganz aufgegeben werden. Von einst acht Mitarbeitern blieben noch zwei. Der Ein-bruch war auch durch die Anstrengungen des Ende der siebziger Jahre gegründeten, stark wissenschafts- und medizingeschichtlich ausgerichteten Gerhard-Möbus-Instituts für Schlesienforschung an der Universität Würzburg nicht zu kompensieren, mit dem das KWS stets kooperierte.
Titel der von russlanddeutschen Landsmannschaft herausgegebenen Zeitung
Ihr historischer Bezugspunkt ist die dem Geschlecht der Grafen von Andechs entstammende Gemahlin des Piastenherzogs Heinrich I. von Breslau, die Heilige Hedwig. Sie war im Mittelalter zusammen mit bayerischen Bauern, Handwerkern und Mönchen nach Schlesien gezogen. 1929 hatte der Breslauer Kardinal Bertram dem Benediktinerkloster Andechs eine Schädelreliquie der als Landespatronin Schlesiens hoch verehrten Fürstin vermacht. Nach 1945 wurde Andechs vor allem für die vertriebenen katholischen Schlesier in Bayern zu einem Wallfahrtsort, an dem seit der 700-Jahr-Feier der Heiligsprechung auch eine eigene Hedwigskapelle zu finden ist.239)
Aber nicht nur die verewigte Heilige, sondern auch lebende Menschen konnten zum Symbol der Heimat werden. Als etwa eine katholische Niederschlesierin auf einer Flüchtlingswallfahrt in Altötting einige Jahre nach der Vertreibung „ihren“ alten Laubaner Pfarrer Pikorz erkannte, war „sofort […] Heimat da“ für sie „in dieser großen Menschenmenge“.240) Zu den zwar nicht sicht-, aber hörbaren Erinnerungsorten kleinerer Art zählen zudem einige Dutzend Glocken aus evangelischen Kirchen Schlesiens, die in den Kriegswirren nach Bayern gelangten und heute dort in lutherischen Gotteshäusern wieder läuten.241)
Kunstforum Ostdeutsche Galerie
Über die sehr kleine Gruppe der Deutschen aus dem Buchenland in der heutigen Westukraine und in Nordrumänien übernahm der bayerische Regierungsbezirk Schwaben schon 1955 die Patenschaft. Er bezog sich dabei auf die schwäbische Herkunft eines Teils der einst im 18. Jahrhundert von der Donaumonarchie ins Land geholten, nach dem Zweiten Weltkrieg teilweise wieder im bayerischen Schwaben angesiedelten Menschen. Wichtigstes Ergebnis der Bezirkspatenschaft war 1989 die Gründung eines Bukowina-Instituts in Augsburg, das an die Tradition der einst östlichsten deutschsprachigen Universität in Czernowitz anknüpft und 2003 vom Bayerischen Wissenschaftsministerium die Rechtsstellung eines An-Instituts der Universität Augsburg verliehen bekam.
Hinsichtlich der Südostdeutschen wäre für die Vertriebenen aus Jugoslawien zunächst das 1998 eröffnete „Haus der Donauschwaben in Bayern“ in Haar bei München zu nennen,244) das ebenfalls durch eine Bezirkspatenschaft, nämlich die Oberbayerns über die Donauschwaben (seit 1992), mit ermöglicht wurde. Doch haben die Donauschwaben ihr eigentliches kulturelles Zentrum245) ebenso wie die anderen Südostdeutschen außerhalb des Freistaats,246) während sie dort vor allem durch die kulturellen Aktivitäten der sehr stark ausdifferenzierten Landsmannschaften präsent sind. So engagiert sich die Landsmannschaft der Banater Schwaben für die 1944 erst zu einem kleinen Teil mit der zurückweichenden Wehrmacht geflohenen, überwiegend erst in den neunziger Jahren ausgesiedelten Menschen aus dem rumänisch-katholischen Teil des Banats, die Landsmannschaft der ebenfalls katholischen Sathmarer Schwaben für die Sprachinsel in Nordwestrumänien,247) wo der Heimatverlust ebenfalls in diesen zwei Phasen, aber in der Größenordnung der Abwanderung umgekehrt erfolgte, und schließlich als größter unter diesen kleineren Verbänden die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen, die traditionell (im Gegensatz zu den Banater und Sathmarer Schwaben) der protestantischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses angehören. Daneben sind als Glieder des bayerischen BdV heute noch die Karpatendeutsche Landsmannschaft der Slowakei und eine kleinere Landsmannschaft altreichsdeutscher Provenienz, die Pommer’sche, zu erwähnen, die gerne auf den im 12. Jahrhundert wirkenden Pommernapostel Bischof Otto von Bamberg verweist,248) sowie der Bund der Danziger, die Landsmannschaft der Deutschen aus Litauen und die Deutsch-Baltische Landsmannschaft.249)
Lovis Corinth: Der Jochberg am Walchensee, 1924
Fotos: Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Regensburg
Der ähnlich wie die Siebenbürger Sachsen oder die Banater Schwaben von einer überdurchschnittlich jungen Mitgliederschaft geprägte Verband entwickelt vielfältige Aktivitäten sozialer wie kultureller Art.250) Er ist nicht zuletzt im Haus der Heimat in Nürnberg sehr aktiv, dessen Errichtung Ende der neunziger Jahre wesentlich auch mit der Herausforderung der Spätaussiedlerwelle aus Russland begründet wurde.251) Ein Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte gibt es seit zehn Jahren in Detmold,252) einen aktiven Förderverein seit 2006 in Augsburg,253) doch in Bayern sind die Russlanddeutschen, heute die nach den Schlesiern zweitgrößte Gruppe des „fünften Stammes“, in Form eines baulichen oder institutionell geförderten Erinnerungsortes noch nicht angekommen. Die soziale und wirtschaftliche Integration steht im Vordergrund.
Gewiss kann man die Frage stellen, wie sichtbar die Einrichtungen des „fünften Stammes“ bayernweit sind, was zum einen mit ihrer teils schwierigen finanziellen und personellen Situation zu tun hat, zum anderen mit der Tatsache, dass gesamtbayerische Wirkung im Freistaat offensichtlich noch immer am ehesten von München aus erzielt wird – Ausnahmen wie die Ostdeutsche Galerie in Regensburg bestätigen eher die Regel.
Eröffnungsveranstaltung des HDO am 24. Oktober 1970 im Plenarsaal der Bayerischen Akademie der Wissenschaften
Im Bild 2., 3., 4. v. li.: Ministerpräsident Alfons Goppel, Staatsminister Dr. Fritz Pirkl und Staatssekretär Dr. Karl Hillermaier.
Abbildung: Haus des Deutschen Ostens 1970–1990; Festschrift hg. v. Horst Kühnel, München 1990, S. 16; li.: ebd., S. 84.
Die Reihenfolge, in der Pirkl die Regionen nannte, entsprach tendenziell in etwa dem Maß, in dem sie der Fürsorge bedurften. Die Entstehungsgeschichte des HDO zeigte dies einmal mehr. Denn eine frühe Initiative ging auch hier von den Sudetendeutschen, vom Adalbert-Stifter-Verein aus, der schon 1951 einen Verein „Haus der vertriebenen Deutschen“ angeregt hatte. An einem zentralen Ort, gedacht war an den Odeonsplatz 12 am Hofgarten, sollte nicht nur Geselligkeit gepflegt, sondern „vor allem die Kultur und die Geschichte der aus Ost- und Südosteuropa vertriebenen Deutschen dokumentiert, repräsentiert, erinnert und erforscht werden“.255)
Die SPD hatte 1963 die Berücksichtigung der Vertreibungsgebiete in einem damals geplanten „Haus der Bayerischen Geschichte“ angeregt. Obwohl der Landtag daraufhin im Dezember 1964 die Staatsregierung aufforderte, ein „Ostdeutsches Haus“ in München zu errichten, dauerte es auch wegen Rangeleien mit dem von einem sudetendeutschen Sozialdemokraten (Walter Richter) geführten BdV-Landesverband noch über ein halbes Jahrzehnt, ehe das HDO 1970 im ehemaligen Benediktinerinnenkloster am Lilienberg nahe der Isar-Museumsinsel errichtet werden konnte. Es sollte Begegnungsstätte sein, aber vor allem auch als „landesweit tätiges Kulturinstitut“257) zentral die Aufgaben wahrnehmen, „die dem Freistaat Bayern aus dem § 96 des Gesetzes über die Angelegenheiten der Vertriebenen und Flüchtlinge […] für die kulturelle Förderung […] erwachsen“.258) Anders als schließlich realisiert hatte das Arbeitsministerium deshalb im HDO ursprünglich auch die in München ansässigen außeruniversitären Forschungseinrichtungen ansiedeln wollen, die sich mit Ost- und Südosteuropa beschäftigen.
Zwar ist das HDO, eine dem Ministerium nachgeordnete Behörde, trotz erfolgreichen Wirkens vom Stellenabbau in finanzpolitisch schwierigen Jahren nicht verschont und gerade in seiner Kulturarbeit beeinträchtigt worden, doch zum 1. Januar 2007 ist ein neuer Organisationserlass für die Einrichtung in Kraft getreten und die Erhaltung des HDO als „Kultur- und Bildungseinrichtung“ bekräftigt worden. Seine Funktion als Begegnungszentrum für die Deutschen aus dem Osten wird gewiss kaum in dem Maße abnehmen, wie dies sympathisierende Pessimisten fürchten und notorische Vertriebenengegner hoffen.
Kaum ein Land hat sich so aktiv der altostdeutschen Kulturpflege angenommen wie Bayern. Es ist nicht nur das seinem Selbstverständnis nach „in der Vertriebenenarbeit führende […] Land […] der Bundesrepublik“,259) sondern hier haben tatsächlich auch „weit mehr Einrichtungen der Kulturarbeit im Sinne des § 96 BVFG […] ihren Sitz als in jedem anderen Bundesland“.260) Neben der Schirmherrschaft über die Sudetendeutschen und die Ostpreußen ist die anhaltende institutionelle Förderung für den bayerischen Landesverband des Bundes der Vertriebenen (BdV) durch das Sozialministerium zu nennen, die sämtlichen Gruppen des „fünften Stammes“ zugute kommt. Doch selbst in Bayern ist man weit davon entfernt, die Forderung zu erfüllen, die Andreas Kossert im Hinblick auf Schleswig-Holstein erhoben hat: Wenn dort „vierzig Prozent der Bevölkerung Vertriebene mit ihren Nachfahren sind, müssten streng genommen vierzig Prozent der Kulturförderung für das Land zur Pflege von deren Traditionen aufgewandt werden“.261) Schon ein Bruchteil der nach dieser weit gehenden Argumentation sich für Bayern ergebenden Summe von 20 bis 25 Prozent der Kulturförderung würde ausreichen, um das nationale Kulturerbe des historischen deutschen Ostens angemessen zu wahren.
Tatsächlich aber musste nicht nur der „fünfte“, sondern auch der „vierte Stamm“ oft hart und jahrelang mit den Finanzpolitikern um die Erfüllung elementarer Wünsche ringen, wie etwa die lange Planungsgeschichte des Sudetendeutschen Hauses zwischen 1973 und 1982 (Grundsteinlegung) zeigt.262) Insofern sollte man nicht vorschnell kritisieren, dass „viele bayerische Staatsbürger sudetendeutscher Herkunft“ wegen der Patenschaftsbeziehung zum Freistaat „ein Sonderbewusstsein pflegten und eine fordernde Haltung gegenüber dem Staat kultivierten“.263)
Gewiss fällt ins Auge, wenn es etwa seit 1988 auch eine hauptamtliche Heimatpflegerin der Sudetendeutschen gibt, deren Finanzierung sich der Freistaat und die Bezirke teilen,264) während für den „fünften Stamm“ eine derartige Stelle nicht existiert.
Die in diesem Aufsatz aus wissenschaftlichem Interesse herausgearbeiteten Unterschiede zwischen den Vertriebenengruppen dürfen also nicht darüber hinwegtäuschen, wie konstruktiv vierter und fünfter Stamm unbeschadet einiger Animositäten265) in vielen kleineren und großen Fragen kooperiert haben; sei es, wenn im Bayerischen Landtag die Kulturförderung diskutiert wurde, sei es in dem von einem Sudetendeutschen 1949 gegründete Tennisverein im kleinen Kemnath in der Oberpfalz, in dessen bald in der Landesliga spielender Damenmannschaft von vier Sportlerinnen zwei Sudetendeutsche waren, eine Schlesierin und eine aus dem Wartheland.266)
Die tausendjährige Geschichte der Deutschen in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien wird so wohl einen angemessenen Platz in der Geschichtskultur des Freistaates einnehmen können. Lässt sich dies aber tendenziell auch als Bestätigung der These der US-amerikanischen Historikerin Gatz lesen, wonach die Sudetendeutschen im Gegensatz zu den Ostpreußen nicht von der bayerischen Gesellschaft „absorbiert“ worden seien, sondern sich als eigene Gruppe in ihr hätten etablieren können?267)
Vor diesem Hintergrund wird im HDO-Beirat über eine Initiative nachgedacht, die Einrichtung zu einer „Kulturbrücke“ Bayerns nach Osten auszubauen und es als Begegnungszentrum auch für die jüngeren Spätvertriebenen etwa aus Siebenbürgen und den deutsch-russischen Siedlungsgebieten ebenso zu stärken wie im Hinblick auf seine kulturelle Breitenarbeit. Gleichzeitig hat das Haus einer Gesamtentwicklung Rechnung zu tragen, die laut dem jüngsten Bericht der Bundesregierung zur Förderung der Kulturarbeit nach § 96 Vertriebenengesetz dahin geht, diese „verstärkt auf fachliche und wissenschaftliche Grundlagen zu stellen“.270) Staatsministerin Christa Stewens hat in einer Rede im Dezember 2007 in diesem Sinne ausgeführt, den Gedanken einer eigenen HDO-Forschungsstelle für die Zeitgeschichte der preußischen Ostprovinzen zu erwägen.271) Dies wäre in der Tat nicht nur eine weitere Konkretisierung der bayerischen Patenschaft über die Ostpreußen, sondern auch ein Schritt zur verstärkten Berücksichtigung der Schlesier (und der anderen „Altreichsdeutschen“).
Ein weiterer Fortschritt für die betroffenen Gruppen wäre die Einrichtung einer Heimatpflegestelle für den „fünften Stamm“, die sich insgesamt den Kulturen der kleineren Vertriebenengruppen widmen und ebenfalls am HDO angesiedelt sein könnte. Zudem wird vielfach nicht nur die Integrationsgeschichte des vierten und fünften Stammes als wichtige langfristige Aufgabe der Bayerischen Landesgeschichte gesehen, sondern auch die intensivere Pflege und deutlichere institutionelle Verankerung der Historie der östlichen Herkunftsgebiete an den bayerischen Universitäten.272) Infolge der Heiratsbeziehungen nach 1945 dürfte zwischenzeitlich sogar etwa jeder zweite bayerische Staatsbürger familiäre Wurzeln in den früheren deutschen Siedlungsgebieten im Osten Europas haben. Es verwundert insofern ein wenig, dass selbst in den Zeiten der jüngsten universitären Stellenmehrung das versandete Projekt eines Lehrstuhls für Integrationsforschung im Zusammenhang mit dem Bayreuther Lastenausgleichsarchiv273) nicht neu thematisiert wurde.
Nur mit verstärkten Anstrengungen wird es langfristig möglich sein, der von Staatsminister Gebhard Glück 1989 formulierten Leitlinie bayerischer Integrationspolitik annähernd zu entsprechen, die einen ganz anderen Akzent setzt als das gleichmacherische melting-pot-Konzept der Besatzungsbehörde und eher als „Salatschüssel-Modell“ zu verstehen ist: „Nicht undifferenzierte Verschmelzung, sondern Integration in der Weise, dass jeder Teil unserer Bevölkerung seine besondere und unverwechselbare Ausprägung behält“ – auch die „bei uns ansässig gewordenen Landsleute aus Ostdeutschland, aus dem Sudetenland, aus Siebenbürgen und dem Banat sowie aus weiteren Siedlungsgebieten im Osten“.274)
Diese Kulturpolitik in die Nähe eines „statischen, essentialistischen Gesellschaftsbildes“ zu rücken, das „durch die Ideologie des Nationalsozialismus gefestigt worden“ sei und „Integration durch Vermischung ablehnte“,275) wäre ein Missverständnis. Natürlich sind Assimilationsprozesse in einer offenen Gesellschaft normal. Man denke nur an die Beobachtung etwa eines Landrats in Oberfranken, dass die heimatvertriebene Jugend sich schon in den frühen fünfziger Jahren „in einem Maße integriert[e]“, dass sie „den örtlichen Dialekt angenommen“ habe,276) oder an das Bedauern einer „waschechte[n] und heimatstolze[n] Breslauerin“ (1951), dass sie ihrer schon in Franken geborenen kleinen Tochter die Geschichten vom Rübezahl „zum besseren Verständnis mit so viel Farbtönen aus der ihr vertrauten fränkischen Welt versehen“ müsse, „dass mich der Herr des Riesengebirges ob der verfälschten Eigenart bestimmt mit einem zünftigen Bannstrahl“ belegen würde.277) Gleichwohl geht es beim Umgang mit dem nationalen Kulturerbe der Deutschen aus dem Osten bis heute auch um die Bewahrung wertvoller kultureller Identitäten in einer zunehmend globalisierten Welt. Der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber hat sich vor diesem Hintergrund zu den Vertriebenen in Bayern einmal mit den Worten geäußert: „Sie haben uns kulturell bereichert. Wir werden deshalb unseren Beitrag dazu leisten, ihren kulturellen Reichtum zu erhalten“.278)
Prof. Dr. Manfred Kittel, Historiker und Politikwissenschaftler
Forschungstätigkeit am Institut für Zeitgeschichte München 1992–2009; Redakteur bei den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte 1997–2009; Lehrbeauftragter für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Regensburg seit 1995 (apl. Professor seit 2005); seit September 2009 Direktor der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin.
Veröffentlichungen (Auswahl)
Monographien:
1 Anlass zur Verleihung der Urkunde im Jahr 1962 war der fünfte Sudetendeutsche Tag gewesen. Das Dokument ist abgedruckt bei Habel, Die Sudetendeutschen, S. 117. 1954 wurde Bayern von einer Dreierkoalition unter Führung der CSU regiert – mit Beteiligung der SPD und des damals noch recht starken Blockes der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE).
2 Badenheuer, Die Sudetendeutschen, S. 93.
3 Bosl, Ludwig I. und die Stämme.
4 Pohl, Zwischen Integration, S. 415.
5 Ebd., S. 419; vgl. auch S. 417 f.
6 Das sind drei sudetendeutsche Organisationen unterschiedlicher Prägung, in denen sich nach der Vertreibung die wichtigsten politischen Strömungen der alten Heimat im Westen neu zusammenfanden: der national-konservative Witikobund, die sozialdemokratische Seliger-Gemeinde und die christlich-katholische Ackermann-Gemeinde.
7 Pohl, Zwischen Integration, S. 418, 419.
8 Aus Liebe zu Bayern. Bayern – aber gerechter! Eine Denkschrift, s. http://www.spd-landtag.de/downl/PK06/070110ds_irseefassg.pdf (Stand: August 2009).
9 Siebenbürgische Zeitung v. 6. Juni 2006 („Volker Dürr: Integration der Siebenbürger Sachsen ist eine Erfolgsgeschichte“).
10 Dokumentation der Einweihung des neuen jüdischen Gemeinde- und Kulturzentrums in Würzburg am 23. Oktober 2006, pdf-Datei (www.shalomeuropa.de/doku) (Stand: April 2009), S. 21.
11 Vgl. Beckstein und der fünfte Stamm, in: Spiegel online https://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,426117,00.html (11. Juli 2006; Stand: August 2009).
12 1939 zählte der Regierungsbezirk Schwaben 947.000 Einwohner. Habel, Historische, politische und soziale Voraussetzungen, S. 243.
13 Die Karpatendeutschen aus dem Gebiet der heutigen Slowakei fallen bei dieser Zahl nur wenig ins Gewicht. In die ganze US-Zone waren nach dem Krieg 10.880 vertriebene Karpatendeutsche transportiert worden (vgl. Kimminich, Der völkerrechtliche Hintergrund, S. 202). Aufgrund einer eigenen historisch-politischen Identität schlossen sich die Karpatendeutschen auch nicht der SL an, sondern sammelten sich in einer eigenen Landsmannschaft. Ihr institutioneller Schwerpunkt mit Kulturwerk, Museum und Stiftung liegt heute in Karlsruhe (vgl. den Überblick im BdV-Blickpunkt, Dezember 2006, S. 15–16). Man wird die Karpatendeutschen insofern, trotz ihrer meist anderen statistischen Einordnung, eher als Teil des fünften denn des vierten Stammes betrachten müssen.
14 Ferdinand Kramer spricht in diesem Kontext von einer „Diasporahaltung vieler Muslime in Bayern“. Kramer, Die Muslime, S. 391.
15 Ziegler, Die Vertriebenen, S. 7 f.; Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen, Integration von Spätaussiedlern in Bayern, München 2002, S. 7 (pdf-Datei. www.stmas.bayern.de/vertriebene/aussiedler (Stand: Mai 2009).
16 Zu den Zahlen Ziegler, Die Vertriebenen vor der Vertreibung, Bd. 1, S. 7 f.
17 Vgl. Gatz, Expellees, S. 321, 326.
18 Vgl. Reinhart, Die Entwicklung Bayerns, S. 7.
19 Endres, „Bayerns vierter Stamm“, S. 65.
20 Ebd. Bei dem Tagungsband zur Integration der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen in Bayern nach 1945 sind, anders als bei dem erwähnten Aufsatz von Rudolf Endres, keine Anführungszeichen gesetzt worden.
21 Vgl. in diesem Sinne auch den Beitrag von Fritz Wittmann, Die Ostdeutschen in Bayern, der vierte Stamm.
22 Böhm, Weg und Ziel, S. 165.
23 Vordringlich wäre eine Zeitzeugenbefragung von Angehörigen der verschiedenen Vertriebenengruppen in Bayern – und zwar sowohl der landsmannschaftlich Gebundenen wie der großen Mehrheit der Nicht-Organisierten – hinsichtlich ihrer Integrationserfahrungen. Auch die Geschichten der einzelnen Landsmannschaften in Bayern sind noch zu schreiben.
24 Vgl. etwa die ansonsten sehr informative Studie von Zeitler, Neubeginn in Oberfranken. Dort ist lediglich (S. 364) von einer Statistik des Regierungsbezirkes die Rede, wonach am 15. August 1946 120.000 Reichsdeutsche aus den Oder-Neiße-Gebieten (davon allein über 104.000 „Schlesier“) in Oberfranken lebten sowie 84.000 Auslandsdeutsche (davon über zwei Drittel Sudetendeutsche). Die Tendenz zum Flüchtlingsgeneraltypus war schon früh auch in den lokalen Statistiken festzustellen, etwa in jener des Landkreises Wunsiedel 1946, die ebenfalls lediglich zwischen „Deutschen aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße“ und „Auslandsdeutschen (überwiegend aus dem Sudetenland)“ unterschied. Eine Liste der Gemeinde Bernstein vom September 1946 war insofern genauer, als sie 63 Sudetendeutsche eigens auswies, die Vertriebenen aus den zwei eigenständigen schlesischen Provinzen jedoch als Neubürger „aus Ober- und Niederschlesien“ (283 Seelen) zusammenfasste. Reinhart, Neuanfang im Fichtelgebirge, S. 442.
25 So auch die Beobachtung des Soziologen Emerich K. Francis (The German Expellees) bei einem Forschungsaufenthalt in Bayern, der die daraus resultierenden Risiken einer Abgrenzung der Vertriebenengruppen von der aufnehmenden Mehrheitsgesellschaft nicht zuletzt durch das Wirtschaftswunder abgewendet sah.
26 Auch wenn dieses Diktum von dem wegen seiner Vergangenheit in der NS-Zeit stark umstrittenen Theodor Oberländer stammt (damals, 1951, Staatssekretär für Angelegenheiten der Heimatvertriebenen in Bayern), ist es nicht schon deswegen Ausfluss eines „völkischen Konstrukts“, das von einem organisch gegliederten „deutschen Volkskörper“ ausgehe. Vgl. aber Pohl, Zwischen Integration, S. 79, die in diesem Kontext auch die „Vorstellung einer gemeinsamen deutschen Kulturnation“ als „rückwärtsgewandt“ zurückweist.
27 Vgl. zu dem von einer melting-pot-Ideologie geprägten Konzept der Amerikaner für ein „organisches“ Aufgehen der Vertriebenen in der westdeutschen Gesellschaft: Grosser, Das Assimilationskonzept. Das „organische Aufgehen in der einheimischen Bevölkerung“ wurde sogar expressiv verbis in das vom Länderrat 1947 beschlossene zoneneinheitliche Flüchtlingsgesetz hineingeschrieben. Ebd., S. 207.
28 So Mathias Beer, ausgehend von den spezifischen Integrationsschwierigkeiten der Ungarndeutschen, auf einem vom bayerischen Arbeits- und Sozialministerium geförderten Kolloquium in Berlin. Tagungsbericht: Integrationen. Vertriebene in den deutschen Ländern nach 1945. 11.07.2006–12.07.2006, Berlin, in: H-Soz-u-Kult (26.09.2006). In dem Tagungsband (Krauss, Integrationen, S. 15) betont die Herausgeberin mit Blick auf schlesisch-sudetendeutsche Unterschiede ebenfalls, wie „ungemein viel“ der Integrationsprozess damit zu tun hatte, „aus welchen Regionen die Vertriebenen stammten und mit welcher Prägung sie im Westen ankamen“. Auch Kossert, Kalte Heimat, S. 82, berichtet etwa, dass es bei der einheimischen Bevölkerung Unterschiede im Grade der Ablehnung gegenüber den einzelnen Vertriebenengruppen gab. So seien in der Lüneburger Heide die Pommern besser angesehen gewesen als die Schlesier und Ostpreußen. Zum Stand der bayerischen Integrationsforschung vgl. Gelberg, Vom Kriegsende, S. 739 ff.
29 Beide Begriffe werden im Folgenden aus darstellerischen Gründen synonym verwendet, da zum einen auch die meisten Flüchtlinge spätes-tens infolge der weiteren politischen Entwicklungen zu Vertriebenen wurden, sich zum anderen alltagssprachlich der Begriff „Flüchtling“ als Sammelbegriff durchsetzte. Der pejorative Anklang, den er teilweise hatte, wird hier aber nicht geteilt.
30 Bauer, Flüchtlinge und Flüchtlingspolitik in Bayern, S. 27, 161, 167 ff.
31 Lane, The Integration of the German Expellees, S. 17, sowie: Die Flüchtlinge in Bayern. Ergebnisse einer Sonderauszählung aus der Volks- und Berufszählung vom 29. Oktober 1946, Heft 142 (Juli 1948), S. 9.
32 Allerdings gab es auch in München von Anfang an eine stattliche schlesische Vertriebenengruppe.
33 So Bernd Posselt, Die Freiheit im Biergarten, in: Bayernkurier v. 7. Februar 2009, S. 15.
34 Ansprache von Bernd Posselt im Rahmen der „Festlichen Stunde“ im Sudetendeutschen Haus München am 26. August 2008, anlässlich der Übergabe des Sudetendeutschen Wappens für die Vertretung des Freistaates Bayern in Brüssel an Europaminister Markus Söder. Private Mitschrift des Verfassers.
35 Gatz, Expellees, S. 260.
36 Gebel, „Heim ins Reich“, S. 226 f.
37 Sallinger, Die Integration, S. 104.
38 Gatz, Expellees, S. 224.
39 Sallinger, Die Integration, S. 104.
40 So berichtete der ehem. Generalvikar für die im Sudetengau gelegenen Teile der Diözese Königgrätz, Prälat Richard Popp, an die „hochwürdigen (erz-)bischöflichen Ordinariate Bayern“. Zit. n. Gatz, Expellees, S. 260.
41 Kossert, Kalte Heimat, S. 122.
42 Ebd., S. 62.
43 Anfangs, als das politische Schicksal der Oder/Neiße-Gebiete vor der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 noch nicht klar war, hatte mancher in den vielleicht nur vorübergehenden Gästen aus dem deutschen Osten gar einen Ersatz für die (landwirtschaftlichen) Zwangsarbeiter aus Osteuropa gesehen. Gatz, Expellees, S. 290.
44 Laubaner Gemeindebrief 11 v. 4. August 1946. Zit. n. Feiber, Zum Heimatbegriff, S. 35.
45 Von Engelhardt, Biographieverläufe von Heimatvertriebenen, S. 57.
46 Bei den Sudetendeutschen äußerten sich 56,6 Prozent derart, bei den Schlesiern 40,9 Prozent und bei den nordostdeutschen Flüchtlingsgruppen ein Drittel der Befragten. Die Vertriebenen in Bayern, hg. v. Bayerischen Statistischen Landesamt (Beiträge zur Statistik Bayerns 151), München 1950, S. 34.
47 Ebd., S. 63 ff., auch S. 34.
48 Reitzner, Das Paradies, S. 131.
49 Pfeil (Fünf Jahre später, S. 92 f. ) erklärt dies damit, dass die betreffenden Gruppen in Bayern „am schwersten Fuß gefasst“ hatten und zudem über traditionelle verwandtschaftliche Beziehungen nach Amerika verfügten.
50 Habel, Historische Voraussetzungen, S. 281. Die Ostpreußen demgegenüber ähnelten in Bezug auf Dialekt, Religion und andere kulturelle Aspekte offensichtlich meist eher den Schleswig-Holsteinern. Gatz, Expellees, S. 245.
51 Ebd., S. 188; auch Pfeil, Fünf Jahre später, S. 93, ermittelte, dass bei den Sudetendeutschen die Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat am stärksten ausgeprägt war.
52 So Lodgman 1953, zit. n. Gatz, Expellees, S. 422.
53 Vgl. hierzu auch Kimminich, Der völkerrechtliche Hintergrund, S. 182.
54 Allerdings kam es durchaus vor, dass wie etwa im Landkreis Miesbach nicht nur die Schlesier, sondern selbst die katholischen sudetendeutschen Lehrer als „konfessionsfremde Preußen“ gebrandmarkt wurden, vgl. Mößlang, Flüchtlingslehrer, S. 143.
55 „Die Böhmerwäldler sprachen nicht anders als die Menschen im Bayerischen Wald, und der Egerländer war vom benachbarten Oberpfälzer kaum zu unterscheiden“. Landkreis Erding (Hg.), Flüchtlinge und Heimatvertriebene, S. 437.
56 Greim, In einer neuen Heimat, S. 39 f.
57 Habel, Historische Voraussetzungen, S. 236.
58 Sallinger, Die Integration, S. 258.
59 Weger, „Volkstumskampf“, S. 18 f. Im Zusammenhang mit dem Bodenreformgesetz forderte 1947 der Kreisdirektor des oberbayerischen Bauernverbandes und spätere Vorsitzende der Bayernpartei, Jakob Fischbacher, seine Anhängerschaft dazu auf, alle „Preußen“ aus Bayern „hinaus[zu]werfen“ (Neumann, Die Medien, S. 53). Vgl. auch die nach den Erfolgen des BHE zu hörende Warnung der Bayernpartei vor einem „preußisch-deutschen Rechtsradikalismus“. „Hilft den Heimatvertriebenen eine eigene Partei“, in: Münchner Merkur v. 19. Juli 1950.
60 Verhandlungen des Deutschen Bundestages, 1. Wahlperiode 1949, Stenographische Berichte, Band 1, 12. Sitzung, 20. Oktober 1949, S. 290.
61 So der ehemalige schlesische Gutsbesitzer und DNVP-Politiker Friedrich von Kessel, der nach dem Krieg zu den Mitbegründern des BHE in Niedersachsen zählte. Frenzel, Vom Block der Heimatvertriebenen, S. 184.
62 Koschny, Die Eingliederung, S. 75.
63 Als Beispiel hierfür sei der Landkreis Ebersberg genannt. Historischer Verein für den Landkreis Ebersberg (Hg.), Angekommen – angenommen?, S. 61.
64 Kornrumpf, In Bayern angekommen, S. 169. Bis 1960 sank der Anteil aber wieder auf sieben Prozent. Koller, Die evangelische „Flüchtlingsdiaspora“, S. 24.
65 Ebd., S. 15 f.
66 Ebd.
67 Ebd., S. 22.
68 Ebd., S. 12.
69 Ebd., S. 147. Schon Mitte der fünfziger Jahre avancierte Hanow zum Dekan. Vgl. Wolfram Hanow, Weiß ich den Weg auch nicht, sowie Landkreis Cham (Hg.), Die Eingliederung, S. 84.
70 Erker, Vom Heimatvertriebenen, S. 152.
71 Süddeutsche Zeitung v. 15. März 1946, zit. n. Neumann, Die Medien, S. 46.
72 Werner, Im Dienst der Demokratie, S. 111.
73 Hundhammer stellte sich zum Beispiel auch gegen die Bemühungen von Flüchtlingskommissar Jaenicke, die Vertriebenen „zur Artikulation und Durchsetzung ihrer kulturellen Interessen institutionell zu organisieren“. Pohl, Zwischen Integration, S. 69.
74 Schlesische Rundschau, Juli 1949.
75 Kittel, Provinz zwischen Reich und Republik.
76 Frankenpost, 13. November 1945, zit. n. Neumann, Die Medien, S. 47.
77 So Mößlang, Flüchtlingslehrer, S. 363, mit Bezug auf das Stichjahr 1948.
78 Ebd., S. 133.
79 Haerendel, Berufliche Mobilität, S. 153.
80 Frankenpost, 11. Mai 1946, zit. n. Neumann, Die Medien, S. 51.
81 Ebd., S. 49.
82 Sallinger, Die Integration. S. 103 f.
83 Frankenpost, 7. Mai 1947, zit. n. Neumann, Die Medien, S. 49. Als drastisches Beispiel für die Gleichsetzung von „Preussischen und böhmischen Nazibanditen“ sei ein anonymer, im März 1948 in Furth im Wald aufgegebener Brief an den Kreisflüchtlingsausschuss in Cham zitiert: „Der Amerikaner fordert Ausrottung des Nazisystems und wir sollen Euch Preussisch, Böhmische Nazilumpen aufnehmen [...]“. Prinz, Integration und Neubeginn, S. 972 f.
84 Frankenpost, 8. Dezember 1945. Zit. n. Neumann, Die Medien, S. 50. Mit ähnlichem Tenor schlugen auch andere bayerische Zeitungen immer wieder große historische Bögen, um auf die engen „verwandtschaftlichen“ Beziehungen auch zwischen Schlesiern und bayerischer Bevölkerung aufmerksam zu machen. Ebd., S. 47.
85 Schlesische Rundschau, Juli 1949, S. 2.
86 Heemtaglöckla 20 (Oktober 1951), zit. n. Feiber, Zum Heimatbegriff, S. 36.
87 Pellengahr/Gerndt, Vereinswesen als Integrationsfaktor.
88 Ebd., S. 122. Zum Thema der sprachlichen Integration am Beispiel Neugablonz vertiefend: Holuba, Zwischen Identitätsbewältigung und Anpassung.
89 Erker, Vom Heimatvertriebenen zum Neubürger.
90 Ebd., S. 35.
91 Bayerisches Statistisches Landesamt, Die Vertriebenen in Bayern, S. 7 f.
92 28 Prozent der „bayerischen“ Schlesier, so weiß es die Statistik, kamen aus „Gemeinden über 100.000“ Einwohner, nur 7,3 Prozent aus der Landwirtschaft; dagegen waren deutlich mehr Schlesier als Sudetendeutsche in der alten Heimat Beamte oder Angestellte gewesen. Bayerisches Statistisches Landesamt, Die Vertriebenen in Bayern, S. 8 f. , 10 f.
93 Fromm, Eingliederung der Heimatvertriebenen, S. 73; Greim, In einer neuen Heimat, S. 37. Wie unterschiedlich im Einzelfall jedoch die Wege der Niederschlesier nach Westen waren, erhellt aus der Schilderung von Karl-Heinz Pfennig (heute Wolfratshausen) aus dem kleinen Dorf Bartsch-Kulm im Landkreis Wohlau (Bezirk Liegnitz). Im Alter von 14 Jahren floh er mit Mutter und Schwester zunächst auf eigene Faust über Görlitz nach dem sudetendeutschem Leitmeritz, um sich nach Kriegsende von dort wieder nach dem niederschlesischen Heimatort durchzuschlagen. Bald darauf von polnischer Miliz endgültig vertrieben, fand er zunächst im Brandenburgischen Zuflucht, fuhr aber zwei Jahre später in das mittelfränkische Schwabach weiter, wo zunächst ein Bruder des Vaters, dann dieser selbst Arbeit gefunden hatte. Die Familienzusammenführung war in diesem Fall durch Verwandte in Hannover erleichtert worden. Zeitzeugengespräch mit Karl-Heinz Pfennig am 30. März 2009.
94 Bayerisches Statistisches Landesamt, Die Vertriebenen in Bayern, S. 9.
95 Sallinger, Die Integration, S. 258.
96 Ebd., S. 258.
97 Maier/Tullio, Die soziale und wirtschaftliche Eingliederung, S. 123. Kaum weiterführend ist es dagegen, die Niederschlesier zusammen mit Brandenburgern, Sachsen und Thüringern einem Neubürger-Typus zuzurechnen, der in ökonomischer und sozialgesellschaftlicher Hinsicht den „höchsten Integrationsgrad“ aufwies (so ebd., S. 123). Denn die nicht stoßweise, sondern in einem mal dünneren, mal breiteren Strom aus der SBZ/DDR fliehenden Mitteldeutschen hatten natürlich ungleich günstigere Eingliederungschancen als die Ostdeutschen.
98 Feiber, Zum Heimatbegriff, S. 46.
99 Kossert, Kalte Heimat, S. 119.
100 Zur Größenordnung: Bayerisches Statistisches Landesamt, Die Vertriebenen in Bayern, S. 35.
101 Landkreis Bayreuth (Hg.), Dokumentation der wirtschaftlichen Aufbauleistung, S. 69 ff. Hier findet sich zum Thema der Entwicklung von Industrieunternehmen unter den sechs präsentierten Beispielen kein einziges schlesisches, sondern meist sudetendeutsche sowie mitteldeutsche.
102 Fromm, Eingliederung, S. 74, erwähnt unter den größeren Flüchtlingsbetrieben drei sudetendeutsche und einen schlesischen.
103 Pscheidt, Zur Integration der Sudetendeutschen, S. 209. Als weiterer Name unter den neuen Vertriebenenstädten im Freistaat ist zudem Traunreut in Oberbayern zu nennen.
104 Gatz, Expellees, S. 287, spricht von einer „significant proportion of Sudeten German industry“, die erfolgreich in die Westzonen Deutschlands hätte transferiert werden können. Eines der bekanntesten Beispiele ist die Gablonzer Schmuckwarenindustrie, die in Neugablonz/Kaufbeuren wieder errichtet wurde. Anders als etwa im späteren Baden-Württemberg sträubte sich die Militärregierung in Bayern „nur wenig gegen solche Siedlungsprojekte“. Krauss, Die Integration Vertriebener. S. 55.
105 15 Prozent waren Bayern, das restliche Viertel bestand aus Schlesiern und anderen Gruppen (Hösch, Waldkraiburg). Der heutige CSU-Bürgermeister des Ortes, Siegfried Klika, ist das Kind eines Egerländers und einer Niederschlesierin, vgl. Bayernkurier v. 13. Juni 2009 („Erinnerung an die alte Heimat“), S. 7.
106 Pscheidt, Zur Integration der Sudetendeutschen, S. 203.
107 Weger, „Volkstumskampf“, S. 74. Nach ihrer Auflösung durch die Militärregierung am 1. Juni 1946 konnte die Arbeit in der privatrechtlichen Wirtschaftshilfe GmbH fortgesetzt werden.
108 Zum weiteren Ablauf der Vertreibung aus Ostpreußen bis ca. 1950 vgl. die Skizze bei Gatz, Expellees, S. 159.
109 Gatz, Expellees, S. 357. Vgl. auch ebd., S. 345, sowie Rudolph, Evangelische Kirche und Vertriebene.
110 Unter „übriges Ausland“ meldet die Statistik 14 Prozent, unter „Vier-Zonen/Berlin“ sieben Prozent. Bayerisches Statistisches Landesamt, Die Vertriebenen in Bayern, S. 35.
111 Houswitschka, Die Integration der Heimatvertriebenen, S. 198 f., 202 f.
112 Manager magazin 10/1991, vom 1. Oktober 1991, S. 160 ff.
113 Kornrumpf, In Bayern angekommen, S. 303. Vgl. auch die Reihe erfolgreicher schlesischer Firmengründungen im Coburger Raum bei Fromm, Eingliederung, S. 77 ff.
114 Zenetti, Dokumentation über die Heimatvertriebenen, S. 187.
115 Am oberfränkischen Beispiel bestätigt dies auch die Publikation von Greim, In einer neuen Heimat, S. 36.
116 Gatz, Expellees, S. 310.
117 Ebd., S. 312.
118 Ebd., S. 304.
119 Ebd., S. 291.
120 Vgl. auch: Das Ostpreußenblatt, September 1952, S. 3; Karasek-Langer, Neusiedlung in Bayern nach 1945, S. 52. Mit einer Ermländersiedlung in der Eifel geschah Ähnliches wie in Hinrichssegen.
121 Die Vertriebenen in Bayern, hg. v. Bayerischen Statistischen Landesamt, München 1950, S. 27.
122 Pohl, Zwischen Integration, S. 119.
123 Ebd., S. 474.
124 Vgl. hierzu auch Greim, In einer neuen Heimat, S. 37.
125 Reichling, Die Heimatvertriebenen im Spiegel der Statistik, S. 24.
126 Kittel, Vertreibung der Vertriebenen, S. 77 f.
127 Grebing, Flüchtlinge und Parteien in Niedersachsen, S. 64.
128 1930–1932 war Jaenicke auch Reichstagsabgeordneter für die DDP bzw. die Deutsche Staatspartei gewesen. Seit 1936 hatte er in der inneren Emigration in Oberbayern gelebt und war 1945 noch von der SS verfolgt worden. Glettler, Landtagsreden, S. 670 f. Die Heimatverbundenheit Jaenickes drückte sich auch darin aus, dass er sich im Beirat des Schlesier-Verbandes Bayern engagierte. Pohl, Zwischen Integration, S. 59.
129 Die Deutsche Demokratische Partei (DDP) war eine (links-)liberale Partei in der Zeit der Weimarer Republik.
130 Bauer, Flüchtlinge, S. 274.
131 Zum Vorteil gereichte dem Hauptausschuss vor allem die enge Verbindung mit der Regierung, die bei ähnlichen Organisationen wie dem Hauptausschuss der Ostvertriebenen in Nordrhein-Westfalen so nicht gegeben war. Vgl. Gatz, Expellees, S. 354.
132 Mücke war 1904 im oberschlesischen Landkreis Groß Strehlitz geboren worden. Er war 1948 Mitglied im Parlamentarischen Rat geworden und 1949 bis 1953 Bundestagsabgeordneter. Schütz war 1901 in Nordböhmen als Kind einer katholischen Arbeiterfamilie zur Welt gekommen und 1935 für die Christlich-Soziale Volkspartei ins Prager Parlament gewählt worden.
133 Kornrumpf, In Bayern angekommen, S. 132.
134 Bauer, Flüchtlinge, S. 282. Weger, „Volkstumskampf“, S. 82, bemerkt dazu, im Hauptausschuss für Flüchtlinge und Vertriebene hätten die Sudetendeutschen personell mit Schütz als Vorsitzendem und Roman Herlinger als Geschäftsführer „eine gewisse Vormachtstellung erwirkt, obgleich sie nur etwa die Hälfte aller nach Bayern gekommenen Flüchtlinge und Vertriebenen“ ausgemacht hätten.
135 Pohl, Zwischen Integration, S. 42.
136 Ebd., S. 60.
137 Glettler, Landtagsreden, S. 587 f.
138 Pohl, Zwischen Integration, S. 63.
139 Ebd., S. 155 f.
140 Die zweite große Abendsendung für Heimatvertriebene war dann dem Riesengebirge gewidmet. Ebd., S. 154.
141 Ebd., S. 157. Fragwürdig ist aber wohl die dort, S. 158, zu findende Meinung, derartige Sendungen, die die Eigenarten der deutschen „Stämme“ zeigten, hätten „in einer direkten Kontinuität zur Konstruktion der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft im Rundfunk“ gestanden.
142 Pohl, Zwischen Integration, S. 162.
143 Vgl. Kittel, Vertreibung der Vertriebenen?, S. 41 ff.
144 Pohl, Zwischen Integration, S. 63.
145 Ebd., S. 39.
146 Woller, Die Loritz-Partei, S. 39, 99. Der WAV hatten sich aber nicht nur Niederschlesier (wie der vor dem Krieg in der Breslauer Stadtverwaltung angestellte Noske und andere) angeschlossen, sondern auch Sudetendeutsche, etwa im Landkreis Schongau, oder Oberschlesier in Ingolstadt. Der Vertriebenenanteil lag in der WAV bei ca. 20 Prozent. Zur Bundestagswahl 1949 verbündete sich die bereits halb zerfallene WAV mit dem im niederbayerischen Pocking gegründeten „Neubürgerbund“, an dessen Spitze der im schlesischen Bad Ziegenhals geborene Journalist Günter Götzendorff stand (ebd., S. 118). Dieser konnte zwar 1949 in den Bundestag einziehen, manövrierte sich aber schon bald darauf in das rechtsextreme Abseits.
147 Vgl. die Listen bei Neumann, Der Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten, S. 490 f. Auch wenn man die BHE-Landtagsabgeordneten in den anderen Ländern sowie die Bundestagsabgeordneten dazu nimmt, lagen die Sudetendeutschen zwischen 1950 und 1960 „wie bei der Parteiführung […] weit an der Spitze“ und waren „ca. doppelt so stark vertreten, als es dem Anteil der sudetendeutschen Vertriebenen an allen Vertriebenen“ entsprach. Ebd., S. 343. In Bayern waren Sudetendeutsche und Schlesier dagegen in den folgenden zwei Wahlperioden ungefähr ihrem Bevölkerungsanteil entsprechend in der BHE-Fraktion vertreten. Ebd., S. 491 ff. Vgl. auch die leicht abweichenden Zahlen bei Pohl, Zwischen Integration, S. 75, die damit zu erklären sind, dass manchmal nicht ganz eindeutig ist, ob jemand mit einer West-Ost-Biographie vor 1945 als Vertriebener zu gelten hat oder nicht. Zum BHE in Bayern von 1950 bis 1962 ist im Übrigen eine Dissertation von Daniel Schönwald am Lehrstuhl Ferdinand Kramer (LMU München) in Arbeit.
148 Lane, The Integration, S. 103, auf der Basis von Mitteilungen des Bayerischen Landtagsamtes.
149 Die Zahlen beruhen auf einer Auswertung der Landtagshandbücher sowie dem Presseausschnitt in der von Helmut Meyer erstellten Chronik der Landsmannschaft der Oberschlesier. Landesgruppe Bayern, S. 56 (Privatarchiv Matthias Lempart, München). Danach lag der Vertriebenenanteil im Landtag nur mehr bei 11,2 Prozent, war also weit von dem statistisch zu erwartenden Wert von ca. 20 Prozent entfernt. Auch für die 1966 in den Landtag einziehende NPD verzeichnet Lane, The Integration, S. 103, ein deutliches sudetendeutsches Übergewicht unter ihren sieben Abgeordneten mit Vertriebenenhintergrund (fünf Sudetendeutsche, ein Schlesier). Besser sah es für die Vertriebenen von Anfang an in den kommunalen „Parlamenten“ aus, wo sie etwa in den Gemeinderäten 1948 bereits 17,2 Prozent aller Politiker stellten. Vgl. Pscheidt, Zur Integration, S. 217.
150 Becher trat ihr 1967 bei, nachdem er bereits 1965 auf der CSU-Landesliste in den Bundestag eingezogen war.
151 Vgl. Kittel, Vertreibung der Vertriebenen?, S. 80.
152 Im zweiten Landtag nach dem Krieg (1950–54) z. B. gehörten die drei Oberschlesier Franz Bladen (Wahlkreis Augsburg I), Ewald Bitom (Wahlkreis Niederbayern) und Franz Zdralek (Wahlkreis Mittelfranken) sowie der in Bochum geborene, aber zehn Jahre in Schlesien lebende und von dort beim Einmarsch der Russen vertriebene Herbert Hauffe (Wahlkreis Oberfranken) der SPD-Fraktion an.
153 Werner, Im Dienst, S. 156.
154 Gelberg, Vom Kriegsende bis zum Ausgang der Ära Goppel, S. 751, Anmerkung 708.
155 Vgl. auch Balcar, Politik auf dem Land, S. 288 f.
156 So war die Bayern-SPD 1948 (in der Zeit vor der BHE-Gründung) die einzige Partei, bei der die Zahl der kommunalen Mandatsträger aus dem Vertriebenenbereich dem Anteil der „Neubürger“ an der Gesamtbevölkerung entsprach. Vergnon, Mehr Show als Substanz?, S. 75.
157 Die oft aus dem Exil in England oder Schweden kommenden sudetendeutschen SPD-Politiker strahlten ein hohes Selbstbewusstsein aus, das sich zum einen aus den Erfolgen der Sozialdemokratie in Böhmen und Mähren vor der Vertreibung speiste, zum anderen aber aus dem Status als antifaschistische Emigranten. Bayerische Genossen empfanden dies nicht selten als Arroganz und antworteten darauf etwa in der Hofer SPD mit Vorwürfen gegen die Sudetendeutschen wegen deren angeblicher Haltung im Jahr 1938 (Ebd., S. 73). Konflikte resultierten auch daraus, dass sich deutsch-böhmische Sozialdemokraten wie Almar Reitzner in einer überparteilichen sudetendeutschen Schicksalsgemeinschaft über die Parteigrenzen hinweg sahen. So musste Reitzner 1961 als Pressesprecher der bayerischen SPD zurücktreten, nachdem er Walter Stain, den BHE-Arbeitsminister in der CSU-geführten Landesregierung, gegen Angriffe der SPD-Landtagsfraktion in Schutz genommen hatte (ebd., S. 73). Gabert selbst wurde etwa im Kontext des Volksbegehrens um die Gemeinschaftsschule öffentlich angegriffen, weil er „nicht aus Bayern komme“ und die „Zusammenhänge“ nicht verstehe (ebd., S. 72).
158 Pohl, Zwischen Integration, S. 205.
159 Vgl. zu diesem parteipolitischen Kontext auch Gelberg, Vom Kriegsende, S. 754. Immer wieder brachte beispielsweise die SPD 1963 Anträge in den Landtag ein, einen eigenen Haushaltstitel zur Ausübung der kürzlich noch einmal bekräftigten Schirmherrschaft für die sudetendeutsche Volksgruppe einzurichten, was von der CSU-geführten Staatsregierung aber dilatorisch behandelt wurde. Pohl, Zwischen Integration, S. 403 f.
160 In der Legislaturperiode von 1950 bis 1954 waren dies etwa Karl Schubert (Wahlkreis Niederbayern) und Wenzel Weigel (Wahlkreis Oberpfalz); während der vorherigen ersten Periode des Nachkriegslandtages hatte der CSU-Fraktion noch kein einziger Vertriebener angehört. Schlemmer, Aufbruch, Krise und Erneuerung, S. 164.
161 Zeitler, „Politik von Flüchtlingen – für Flüchtlinge“, v. a. S. 108 bis 111.
162 Habel, Historische Voraussetzungen, S. 259. Vgl. auch Boehm, Gruppenbildung und Organisationswesen, S. 598.
163 Erker, Vom Heimatvertriebenen, S. 98. Es gab aber auch Gegenbeispiele, wie Johann Schellerer, Die Aufbauarbeit, S. 208, für Regensburg herausgearbeitet hat. Dort war die größte Vertriebenengruppe im Landkreis, die Sudetendeutschen, „zunächst weniger einheitlich organisiert als die Schlesier“, die bereits 1948 einen Schlesierverein gründen konnten.
164 Mößlang, Flüchtlingslehrer, S. 166.
165 Kornrumpf, In Bayern angekommen, S. 300. Zu den schlesischen Suchdienst-Aktivitäten und vor allem zur Heimatortskartei Groß-Breslau in Cham (eine Kartei in Bamberg war für Niederschlesien, die in Passau für Oberschlesien zuständig), vgl. Landkreis Cham (Hg.), Die Eingliederung der Heimatvertriebenen, S. 40 ff.
166 Pohl, Zwischen Integration, S. 353.
167 Ebd., S. 356.
168 Ebd., S. 378. Auch wenn die Eichendorff-Verehrung vor allem in der katholischen schlesischen Jugendbewegung verwurzelt war, identifizierten sich nicht nur die Oberschlesier und die katholischen Niederschlesier mit dem Dichter. Seinen Einzug in die Ruhmeshalle betrieb auch der stärker protestantisch geprägte Schlesier-Verband Bayern. Vgl. ebd., S. 378. Die Anschlussfähigkeit Eichendorffs für national-protestantische Kreise mochte auch damit zu tun haben, dass der Dichter als preußischer Staatsbeamter für die Restaurierung der westpreußischen Marienburg als eines „Bollwerks“ im Osten zuständig gewesen war. Vgl. ebd., S. 377.
169 Diese war bereits 1930 in München zur Erforschung des deutschen Volkstums im Südosten Europas gegründet worden.
170 Pohl, Zwischen Integration, S. 274.
171 Mößlang, Flüchtlingslehrer, S. 264, 267.
172 Pohl, Zwischen Integration, S. 103.
173 Mößlang, Flüchtlingslehrer, S. 150.
174 Gespräch mit Ulrich Schmilewski vom Schlesischen Kulturwerk, Würzburg, am 2. Juni 2009. Ein besonders markantes Beispiel für diesen Befund war vielleicht der Niederschlesier Karl-Heinz Pfennig. In einer vom Nationalsozialismus stark beeinflussten, kirchenkritischen Volksschullehrerfamilie auf dem Lande groß geworden, machte er sich nach der Vertreibung Vorwürfe, etwa als „Pimpfen“-Führer bei der Hitler-Jugend antisemitische Parolen verbreitet zu haben. Von einem protestantischen mittelfränkischen Bauern, auf dessen Hof es ihn nach dem Krieg verschlagen hatte, zum christlichen Glauben erweckt, holte er die Konfirmation nach und beschloss, Missionar zu werden. Als evangelischer Religionslehrer in Oberbayern wurde er später immer wieder von Kollegen für die Landsmannschaft angesprochen, lehnte die Mitgliedschaft aber ab, weil er deren heimatpolitische Revisionsziele kategorisch ablehnte und den Verlust Schlesiens als Ergebnis deutscher Schuld akzeptierte. Gespräch mit Karl-Heinz Pfennig (Wolfratshausen) am 30. März 2009.
175 Obwohl bundesweit beide Vertriebenengruppen mit ca. zwei Millionen etwa gleich groß waren. Heimatbücher mit Ostpreußen-Bezug machen mit sieben Prozent ebenfalls nur einen unterproportionalen Anteil aus. Zu weiteren möglichen Gründen, weshalb es „Heimatbücher über kleinste deutsch-böhmische Dörfer“ gibt, aber „beispielsweise kein einziges über ostpreußische Dörfer vergleichbarer Größe“, vgl. Faehndrich, Erinnerungskultur, S. 200 f. (Zitat S. 201). Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Deutschen aus Südosteuropa, die lediglich 6,1 Prozent der Vertriebenen ausmachten, 34 Prozent aller Heimatbücher geschrieben haben.
176 Erker, Vom Heimatvertriebenen, S. 98 f.
177 Bergien, Zur Kooperation von Reichswehr und Republik, S. 660.
178 So auch Gatz, Expellees, S. 254, gestützt u.a. auf die Selbsteinschätzung eines der Verantwortlichen für das 1951 in Nordrhein-Westfalen gegründete Ostpreußenwerk, das, wie er meinte, wegen der „Indifferenz“ der Vertriebenen „gegenüber der Lage ihrer vertriebenen Landsleute und ihrer Neigung, sich […] auf den Staat zu verlassen“, weit weniger Erfolg hatte als erhofft. Gatz, Expellees, S. 385. Vgl. auch Boehm, Gruppenbildung, S. 598. Dagegen waren die Altreichsdeutschen zumindest beim Lastenausgleich gegenüber den Auslandsdeutschen insofern im Vorteil, als ihnen der für die Schadensfeststellung wichtige Begriff des „Einheitswertes“ aus dem im Deutschen Reich geltenden Bewertungsrecht „in Fleisch und Blut übergegangen“ war. Die Sudetendeutschen kannten diesen Begriff erst seit 1938, die „Volksdeutschen“ aus Südosteuropa gar nicht. Landkreis Erding (Hg.), Flüchtlinge und Heimatvertriebene, S. 182.
179 Vgl. auch Gatz, Expellees, S. 344. Dabei konnten die Sudetendeutschen nach 1945 teilweise auf schon länger bestehende Strukturen zurückgreifen. Seit 1943 existierte etwa als Zweig des „Reichsverbandes für das katholische Deutschtum im Ausland“ die Katholische Kirchliche Hilfsstelle, die nach dem Krieg von der Fuldaer Bischofskonferenz neu organisiert wurde. Hauptsitz dieser Einrichtung war Frankfurt, doch wurde auf Initiative von Sudetendeutschen im Oktober 1945 auch ein Büro in München errichtet. Ebd., S. 360.
180 Habel, Historische Voraussetzungen, S. 259.
181 Sonnewald, Die Entstehung und Entwicklung der ostdeutschen Landsmannschaften, S. 158. Während die aktivistischen Parteien der Deutschböhmen die Lage ihrer Landsleute in der neuen C?SR nach 1919 durch Zusammenarbeit mit den tschechischen und slowakischen politischen Kräften zu verbessern suchten, lehnten die Negativisten diesen Staat grundsätzlich ab.
182 Kotzian, Die Sudetendeutschen, S. 25. In den zwanziger Jahren war Lodgman noch ein führender Politiker der Deutschnationalen gewesen.
183 Boehm, Gruppenbildung, S. 598.
184 Zur Übertragung des von Jonathan D. Sarna entwickelten Modells der „ethnic leadership“ auf die politische Elite der Sudetendeutschen vgl. Pohl, Zwischen Integration, S. 172 ff.
185 Blumenwitz, Der Prager Vertrag, S. 70 f.
186 Gatz, Expellees, S. 180, 208.
187 Boehm, Gruppenbildung, S. 558.
188 Festschrift: Bekenntnis zu Schlesien, 1999. 50 Jahre Landsmannschaft Schlesien. Nieder- und Oberschlesien. Landesverband Bayern, S. 8, 14, sowie: Homepage der Landsmannschaft Schlesien (Stand: Juli 2008). Erinnerungen an die Gründerjahre, vom Gründungsvorsitzenden Walter Rinke 1979 niedergeschrieben.
189 Vgl. Bahlcke, Schlesien und die Schlesier, S. 175.
190 Stickler, „Ostdeutsch heißt gesamtdeutsch“, S. 45.
191 Lotz, Die Deutung des Verlusts, S. 70, führt diesen Umstand „wahrscheinlich auf die Erfahrungen in den Minderheitenkonflikten während der Zwischenkriegszeit“ zurück.
192 So Hupka im Zeitzeugengespräch mit Stickler, „Ostdeutsch heißt gesamtdeutsch“, S. 45.
193 Czaja, Unterwegs zum kleinsten Deutschland, S. 863.
194 Fritz Hollunder, Die Landsmannschaft der Oberschlesier. Entstehung und Entwicklung, S. 6 (den in ihrem Privatbesitz befindlichen Text hat mir die Münchner Oberschlesierin Gertrud Müller aus Gleiwitz/OS freundlicherweise zur Verfügung gestellt).
195 Ebd.
196 „Oberschlesien ein Teil Schlesiens oder Deutschlands?“. Schreiben von Otto Ulitz an Walter Rinke, 6. November 1953. Sonderdruck aus „Unser Oberschlesien“, Nr. 12/1953.
197 Stickler, „Ostdeutsch heißt gesamtdeutsch“, S. 45. Bei der Konstituierung eines Landesverbandes Bayern der LdO bekannten sich etwa der Fürst Henckel von Donnersmarck, die Grafen Kraft und viele andere prominente Oberschlesier zur LdO. Fritz Hollunder, Die Landsmannschaft der Oberschlesier. Entstehung und Entwicklung, S. 5.
198 Bauer, Flüchtlinge, S. 307.
199 Wotzlaw, Antek und Franzek; Zeitzeugengespräch mit Gertrud Müller von der LdO München am 27. Juli 2008.
200 Von Richthofen, Schlesien, S. 24. Zur Tradition wurden auch gemeinsame Veranstaltungen von LS und LdO zur Erinnerung an die Abstimmung über die Zugehörigkeit Oberschlesiens 1921. Vgl. Helmut Meyer, Chronik der Landsmannschaft der Oberschlesier, S. 77.
201 Czaja, Unterwegs, S. 332; Hupka, Unruhiges Gewissen, S. 156.
202 Czaja, Unterwegs, S. 333.
203 Während Niedersachsen insgesamt die meisten Schlesier (übrigens auch die meisten Ostpreußen, Ostbrandenburger, Danziger und Volksdeutschen aus Polen) aufgenommen hatte, lag Bayern bei den Vertriebenen aus dem Sudetenland, Jugoslawien, Rumänien sowie den baltischen Ländern (einschließlich Memelland) sowie Russland vorn; vgl. Ziegler, Die Vertriebenen vor der Vertreibung, S. 7.
204 Zu den beruflichen Integrationsproblemen der oberschlesischen und auch der (allerdings weniger zahlreichen) niederschlesischen Bergarbeiter in Bayern vgl. Greim, In einer neuen Heimat, S. 37, 247.
205 Steinert, Vertriebenenverbände in Nordrhein-Westfalen, S. 140.
206 Stickler, „Ostdeutsch heißt gesamtdeutsch“, S. 146.
207 Nach Zahlen bei Steinert (Vertriebenenverbände, S. 140) für das Jahr 1954 hatte die LS sogar nur doppelt so viele Mitglieder wie die LdO, obwohl es fast viermal so viele Niederschlesier in der Bundesrepublik gab. Noch deutlicher wird der Unterschied im Organisationsgrad, wenn man berücksichtigt, dass eine nicht ganz unerhebliche Minderheit der Oberschlesier nicht der LdO, sondern der LS angehörte. Zu den Zahlen vgl. auch von Richthofen, Schlesien, S. 9.
208 Vgl. etwa Bayerisches Statistisches Landesamt (Hg.), Amtliches Gemeindeverzeichnis für Bayern. Wohnbevölkerung nach der Volkszählung vom 24.10.1946, in: Beiträge zur Statistik Bayerns, Heft 141, München 1948.
209 Falkert, Die Integration von Flüchtlingen in Weiden, S. 73.
210 Landkreis Bayreuth (Hg.), Dokumentation der wirtschaftlichen Aufbauleistung, S. 50. Auch eine Statistik der oberfränkischen Stadt Marktredwitz im August 1945 verzeichnet ein ähnlich starkes Übergewicht der Flüchtlinge aus „Niederschlesien“ (2.241) gegenüber jenen aus „Oberschlesien“ (997). Landkreis Wunsiedel (Hg.), Die Aufbauleistungen der Heimatvertriebenen, S. 46.
211 In der Legislaturperiode von 1958 bis 1962 etwa saßen für den BHE vier (Nieder-)Schlesier und drei Oberschlesier im Landtag, für die SPD jeweils zwei aus beiden Regionen (die beiden Breslauer Martin Hirsch und Karl Köglsberger sowie die Oberschlesier Franz Zdralek und Waldemar Kluge, wobei letzterer erst 1962 vom BHE übertrat), für die CSU keiner, zur FDP stieß ebenfalls erst 1962 der Breslauer Willy Reichstein vom BHE. Landtagsamt (Hg), Handbuch des Bayerischen Landtags. 4. Wahlperiode. 1958, München 1959, S. 154, 201, 262, sowie:http://www.bayern.landtag.de/cps/rde/xchg/www/x//www/ abgeordnete_2614.htm/papp/Abgeordnete_ab1946/http://livesrv. bayern.landtag.de/lebenslauf_ehemalige/lebenslauf_555600003167.html [Stand: 04. 05. 2009].
212 Dokumentation der Vertreibung, S. 58 E.
213 Von der Anfang 1945 auf ca. 4,7 Millionen Menschen geschätzten deutschen Bevölkerung (Gesamt-)Schlesiens flohen ca. 1,6 Millionen in das Gebiet der böhmischen Länder, in die alten Reichsgebiete (neben Bayern nach Sachsen und Thüringen) 1,6 Millionen. 1,5 Millionen blieben zurück oder wurden unterwegs „überrollt“. Ebd., S. 59 E.
214 Die Niederschlesier dagegen wurden durch die „Gewalt der Vertreibung“, wie es Alfred Karasek-Langer beschrieben hat, häufiger „in fast keilförmiger Stoßrichtung von der Lausitz her über Sachsen, das Magdeburgische, Thüringen, Oberfranken und das Hannoversche bis nach Nordrhein-Westfalen“ gedrängt. Karasek-Langer, Volkstum im Umbruch, S. 655.
215 Laut Bauer, Flüchtlinge, S. 26 f., waren 1950 70,8 Prozent der 1,9 Millionen Vertriebenen katholischen, 27,9 Prozent evangelischen Bekenntnisses. Von den 1.330.000 Millionen Katholiken waren allein 900.000 sudetendeutscher Abstammung.
216 So heißt es im Text der Urkunde, mit der Bayern 1978 die Patenschaft für die Ostpreußen übernahm. Die Urkunde ist abgedruckt in: Ordensschild und Rautenbanner, o. S.
217 Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung (Hg.), In der Obhut Bayerns, S. 7, 10.
218 Ebd. S. 124, 78 f., 158, 160 f. Außerdem wird noch die 1958 begründete Patenschaft der Stadt Alzenau über die Gemeinschaft der im Bundesgebiet lebenden Mitglieder der beskidendeutschen Gemeinde Alzen genannt, deren Gründer aus dem Untermaingebiet gestammt hatten. Der Ort hatte bis zum Ersten Weltkrieg zum österreichischen Schlesien gehört, dann zum neuen polnischen Staat (ebd., S. 40 f.).
219 Ebd., S. 74.
220 Bericht über die Feier zum vierzigjährigen Bestehen der Gedenkstätte, in: Siebenbürgische Zeitung, v. 15. Juni 2007, S. 9.
221 Ebd., S. 8.
222 Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung (Hg.), In der Obhut Bayerns, S. 94.
223 Helmut Meyer, Chronik, S. 143, hatte zum Stichtag 30. September 1977 neben Fürth/Cosel noch zwei weitere oberschlesische Patenschaften in Bayern genannt. Für Informationen zum Patenschaftsverhältnis Fürth-Cosel danke ich Ronald Langer vom Stadtarchiv Fürth (Mail vom 25. Juni 2009).
224 Kittel, Vertreibung der Vertriebenen?, S. 99.
225 Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung (Hg.), In der Obhut Bayerns, S. 9, S. 27.
226 So der im sudetendeutschen Plan geborene Jurist Fritz Wittmann, 1969 bis 1971 zuständiger Referent im Bayerischen Arbeitsministerium, dann Nachrücker in den Bundestag auf der CSU-Liste, der zu den treibenden Kräften des Projekts zählte. Fritz Wittmann, Die Sudetendeutsche Stiftung, in: Bayerland 72 (1970), S. 30.
227 Pohl, Zwischen Integration, S. 456.
228 Ebd., S. 463.
229 Eine aktuelle Liste der Heimatstuben hat die Münchner Landesstelle für die nicht-staatlichen Museen in Bayern 2009 erstellt und uns freundlicherweise Einsicht gegeben.
230 So heißt es in der Errichtungsurkunde. Zit. n. Pohl, Zwischen Integration, S. 434.
231 Ebd., S. 440.
232 Ebd., S. 439 f.
233 Bahlcke, Schlesien, S. 173; Hupka, Unruhiges Gewissen, S. 416.
234 Schmilewski, Entwicklung und Tätigkeit der Stiftung Kulturwerk Schlesien, S. 74.
235 Helmut Meyer, Chronik der Landsmannschaft der Oberschlesier, S. 56.
236 Vgl. Kessler, Ostdeutsches Kulturgut, sowie die Aktivitäten des Schlesischen Museums zu Görlitz, das ein Projekt „Schlesische Heimatstuben in der Bundesrepublik Deutschland“ durchführt.
237 Schmilewski, Entwicklung und Tätigkeit der Stiftung Kulturwerk Schlesien, S. 78.
238 Festschrift. Bekenntnis zu Schlesien, S. 8.
239 Kossert, Kalte Heimat, S. 260.
240 Feiber, Zum Heimatbegriff, S. 56 f.
241 Hultsch, Schlesische Glocken.
242 Der zentrale Ort der Ostpreußen in der Bundesrepublik ist aber Lüneburg, wo neben dem Ostpreußischen Landesmuseum auch das Nordostdeutsche Kulturwerk seinen Sitz hat.
243 Zu nennen sind hier das Brauchtums- und Trachtenpuppenmuseum/Heimathaus der Banater Schwaben in Würzburg-Heidingsfeld, die Lovriner Stube in Donauwörth (ebenfalls mit Banater Bezug), die an einen ungarndeutschen Ort bei Fünfkirchen erinnernde Maischer Heimatecke in der landwirtschaftlichen Sammlung der Gemeinde Eching oder die (donauschwäbische) Weprowatzer Heimatstube in Zirndorf. Gemischte Bestände haben das Heimatmuseum Geretsried (u. a. Donauschwaben, Siebenbürgen), das Karlsfelder Heimatmuseum (u. a. Schlesien, Ostpreußen sowie südostdeutsche Gebiete), das Haus der Heimat in Landshut (u.a. Siebenbürger Sachsen) und das Aufbau-Museum im Haus der Heimat in Moosburg (Donauschwaben und Schlesien).
244 1950 war in Garching b. München die erste Ortsrandsiedlung der donauschwäbischen Dorfgemeinschaft entstanden, der bald weitere folgten. Ausgangspunkt waren Flüchtlinge, die z. B. mit dem Bauerntreck aus Neu-Futok in der südlichen Batschka 1945 im Landkreis Altötting gelandet waren, vgl. Alfred Karasek-Langer, Volkstum im Umbruch, S. 626.
245 Das ist das Donauschwäbische Zentralmuseum in Ulm, wo auch der mit Mitteln aus dem § 96 des BVFG geförderte Kulturreferent für die Geschichte der Südostdeutschen seinen Sitz hat.
246 So ist im ehemaligen Deutschordensschloss Horneck in Gundersheim am Neckar (in Baden-Württemberg leben nach Bayern die meisten Siebenbürger Sachsen) das „Heimathaus Siebenbürgen“ – mit Siebenbürgen-Institut und Archiv, Museum sowie Geschäftsstellen diverser Kulturvereinigungen – eingerichtet worden, das als kulturelles und wissenschaftliches Zentrum der Sachsen gelten kann. Gündisch, Siebenbürgen, S. 242, 244.
247 Eine Gruppe dieser Nordsiebenbürger war im Treck 1944/45 in den westmittelfränkischen Raum von Rothenburg ob der Tauber gekommen, wo sie zunächst in verschiedenen Dörfern der Gegend eine Unterkunft fanden und einige sogar später einen Bauernhof erhielten, vgl. Karasek-Langer, Volkstum im Umbruch, S. 627; Kossert, Kalte Heimat, S. 105. Aus der kleinen Landsmannschaft der Sathmarer Schwaben hat sich 2004 auch noch eine eigenständige Heimatortsgemeinschaft der Oberwischauer e. V. herausentwickelt (BdV-Blickpunkt, Juni 2005, S. 10 f.). Der Sonderweg der vielfach erst nach 1990 ausgesiedelten Oberwischauer hat nicht zuletzt mit sozialen Unterschieden zwischen den Oberwischauer Waldarbeitern und den oft gebildeteren, aber weitgehend magyarisierten Sathmarer Schwaben zu tun. Johann Traxler: Leopold Traxler. Ein Mann der ersten Stunde, in: Wassertaler Heimatbote (1) vom 20. Dezember 2004, S. 19.
248 Vgl. den Artikel von Ernst Schroeder im BdV-Blickpunkt, Juni 2006, S. 12, sowie den Beitrag von Friedrich Birkholz „Bayern und Pommern“, in: Landkreis Erding (Hg.), Flüchtlinge und Heimatvertriebene, S. 871. Hier erfährt man etwa, dass die große Glocke aus Stargard in Pommern, die im Krieg eingezogen worden war, nach 1945 in Nördlingen läutete. Das Gros der einschlägigen Museen/Bildungseinrichtungen für die Pommern befindet sich indes weit weg von Bayern in Lübeck/Travemünde und Greifswald. Allerdings hat der Bezirk Mittelfranken vor einigen Jahren seine ältere Verbindung mit der französischen Region Limousin zu einer tri-regionalen Partnerschaft unter Beteiligung der heutigen polnischen Woiwodschaft Pommern erweitert. In diesem Rahmen haben jüngst das Fränkische Freilandmuseum in Bad Windsheim, eine Projektgruppe des Ansbacher Gymnasiums Carolinum sowie das Mittelpommersche Museum in Stolp/ S?upsk eine Ausstellung zum Thema „Zwangsarbeit im ländlichen Franken 1939–1945“ organisiert.
249 Die 1998 noch als landsmannschaftliche Landesgruppen im BdV Bayern genannte Landsmannschaft Berlin-Mark Brandenburg sowie die Landsmannschaften der Bessarabiendeutschen, der Dobrudscha- und Bulgariendeutschen und der Deutschen aus Polen (Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Integration von Spätaussiedlern in Bayern. pdf-Datei. www.stmas.bayern.de/vertriebene/aussiedler, (Stand: 4. Mai 2009), S. 54) haben ihre bayerischen Landesverbände zwischenzeitlich mangels Masse eingestellt. Grundlegend zur Geschichte vieler kleinerer Landsmannschaften: Kotzian, Die Umsiedler.
250 Vgl. etwa BdV-Blickpunkt, März 2009, S. 8, oder den Artikel von Nina Paulsen „Beckstein: Spätaussiedler Gewinn für Bayern. Landestreffen der Deutschen aus Russland“, in: BdV-Blickpunkt, September 2008, S. 6–7.
251 Zur Entstehungsgeschichte des Hauses, das auf eine Initiative des aus Pommern stammenden Nürnberger CSU-Landtagsabgeordneten Sieghard Rost zurückgeht, vgl. Haus der Heimat Nürnberg (Hg.), Ein Stück Heimat, S. 10 f.
252 Volk auf dem Weg 4 (2006), S. 20 ff.
253 Volk auf dem Weg 5 (2006), S. 7.
254 SZ v. 2. Oktober 1970, zit. n. Böhm, Weg und Ziel, S. 169.
255 Pohl, Zwischen Integration, S. 443.
256 Ebd., S. 443.
257 Singbartl, In der Obhut, S. 55.
258 So hieß es im § 2 der Verordnung über die Errichtung des HDO vom 2. April 1970, zit. n. Pohl, Zwischen Integration, S. 446. Zum Folgenden ebd., S. 447.
259 Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung (Hg.), In der Obhut Bayerns, S. 12.
260 Singbartl, In der Obhut, S. 55.
261 Kossert, Kalte Heimat, S. 342.
262 Pohl, Zwischen Integration, S. 464.
263 Ebd., S. 384. Bemerkenswert auch die Kritik daran, dass „Vertriebenenpolitiker“ in den fünfziger Jahren einen eigenen Sitz im BR-Rundfunkrat „für die interessenpolitisch organisierten Vertriebenen“ durchsetzen konnten, „wodurch diese künstlich als gesellschaftliche Sondergruppe konserviert“ worden seien. Ebd., S. 167.
264 Pohl, Zwischen Integration, S. 475.
265 So berichtet Arthur Müller-Doldi (Augsburg) in einem Zeitzeugengespräch mit dem Verfasser (am 4. Mai 2009 am HDO), dass seine aus der national-protestantischen Kreuzburger Enklave in Oberschlesien stammende Mutter sich über die Sudetendeutschen dahingehend geäußert habe, dass diese gar keine richtigen „Reichsdeutschen“, sondern bloß „Volksdeutsche“ gewesen seien.
266 Pohl, Zwischen Integration, S. 78, 118. Zu gemeinsamen Veranstaltungen von Sudetendeutschen und Schlesiern vgl. auch Landkreis Erding (Hg.), Flüchtlinge und Heimatvertriebene, S. 648 („Sudetendeutsche und Schlesier halten zusammen“).
267 Gatz, Expellees, S. 293.
268 Die Protokolle der im Folgenden herangezogenen Beiratssitzungen befinden sich im Privatarchiv des Verfassers.
269 Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass es selbst für die kleineren Gruppen der Südostdeutschen in Bayern zumindest mehr Heimatstuben gibt als für die Schlesier.
270 Bericht der Bundesregierung über die Maßnahmen zur Förderung der Kulturarbeit gemäß § 96 des Bundesvertriebenengesetzes in den Jahren 2005 und 2006. Deutscher Bundestag, Drucksache 16/7571, 11.12.2007, S. 3.
271 Christa Stewens, Der HDO-Beirat: Sachverstand und Bildungswirkung, in: HDO-Journal, 6 (2008), S. 2–3, hier S. 3.
272 Mit gutem Grund hat auch der Bericht der Bundesregierung über die Maßnahmen zur Förderung der Kulturarbeit gemäß § 96 des Bundesvertriebenengesetzes in den Jahren 2005 und 2006 (Deutscher Bundestag, Drucksache 16/7571, 11.12.2007, S. 15) bemerkt, dass die Geschichte der historischen Siedlungsgebiete der Deutschen im Osten „von der allgemeinen Wissenschaft bisher nur bedingt bearbeitet wird“. Im Blick auf manche Hervorbringungen „progressiver“ Ostmitteleuropaforschung, die reflexhaft auf möglichst weiten Abstand zu der tatsächlich allzu deutschtumsfixierten „Ostforschung“ alter, vom Nationalsozialismus in Anspruch genommener Art bedacht sind, ist der Eindruck zu gewinnen, dass im Gegensatz zu früher die „multikulturellen“ Dimensionen einseitig Berücksichtigung finden und statt „der“ Polen oder Tschechen nun bisweilen „die“ deutschen Heimatvertriebenen ein Feindbild abgeben.
273 Vgl. Singbartl, In der Obhut Bayerns, S. 49.
274 Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung (Hg.), In der Obhut Bayerns, S. 15.
275 Pohl, Zwischen Integration, S. 121.
276 Ebd., S. 123.
277 Feiber, Zum Heimatbegriff, S. 132.
278 Singbartl, In der Obhut Bayerns, S. 54.