Von Mira Bierbaum
Incredible India:1 Indien war für mich unglaublich – unglaublich groß, laut und dreckig, unglaublich arm und ungerecht, aber gleichzeitig auch unglaublich herzlich und gastfreundlich, unglaublich faszinierend und vielfältig.
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| Monesh, ein Schüler des Internates in Manvi Foto: Jesuitenmission Pannur |
Ab September 2005 verbrachte ich vier Monate im Süden von Indien, davon die meiste Zeit in einer Jesuitenmission in Pannur, etwa 400 Kilometer nördlich von Bangalore. Nach meinem Abitur wollte ich noch einmal „möglichst weit weg“ und so landete ich in Indien, in einem Land, das ich bis zu diesem Zeitpunkt nur aus Büchern kannte. Dabei war dieses „Weit-weg“ in erster Linie nicht unbedingt auf die räumliche Distanz bezogen, sondern auf eine kulturelle und gesellschaftliche Andersartigkeit, die mich zu Beginn zu erschlagen drohte.
Die erste Station meiner Reise war Bangalore, die Hauptstadt des Bundesstaates Karnataka.
Bangalore gilt als das indische „Silicon Valley“, dank der ständigen wachsenden IT-Industrie wird die Metropole mittlerweile einmal täglich von Frankfurt aus angeflogen. Gleichzeitig spricht man aufgrund der zahlreichen Parkanlagen auch von der „Gartenstadt“. Meine ersten Erfahrungen in dieser Stadt waren jedoch negativ geprägt: Bangalore kam mir laut, chaotisch und vollkommen überfüllt vor. Am einprägsamsten ist der Verkehr, der mich sofort nach Verlassen des Flughafengebäudes umtoste. Es wimmelt von Taxis, Autorikschas und Motorrädern, die in meinen Augen keinerlei Regeln folgen. Auf erstaunliche Weise erreicht aber doch jeder sein Ziel und trotzt dabei nicht nur dem hohen Verkehrsaufkommen, sondern auch den zahlreichen, tiefen Schlaglöchern. Die Infrastruktur scheint der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt immer einen Schritt hinterherzuhinken. Akustisch untermalt wird dieses Spektakel durch den durchdringenden Klang der Hupen (die Verkehrstüchtigkeit eines Fahrzeuges entscheidet sich anscheinend allein an der Tatsache, ob die Hupe funktioniert oder nicht). Es wird gehupt – um andere zu warnen, um Freunde zu grüßen, um sich Platz zu verschaffen oder auch einfach nur deshalb, weil schon lange, also seit ungefähr fünf Sekunden, niemand mehr gehupt hat.
Erst am zweiten Tag drangen auch andere Eindrücke in mein Bewusstsein. Ich sah das erste Mal bewusst einen Tempel, Kühe auf der Straße, Frauen in bunten, kompliziert gewickelten Saris, Kricket spielende Kinder, Geschäftsmänner, Bettler.
Von Bangalore ging es mit dem Zug weiter nach Raichur. Der Komfort, der einem während der Fahrt geboten wird, hängt stark von dem Preis ab, den man zu zahlen bereit ist. So reicht das Angebot in indischen Zügen von einfachen Sitzwaggons bis zu Schlafwagen mit vier Betten pro Abteil. Anzutreffen sind meist ganze Familien, die perfekt ausgerüstet auf die üblicherweise sehr langen Reisen gehen. Neben genügend Decken und Kissen sind besonders die mitgeführten Essensvorräte bemerkenswert, die einen köstlichen Geruch verströmen und auch weniger angenehme Düfte überdecken. Die beste Beschreibung für eine Zugfahrt in Indien könnte lauten: Man „wohnt“ für die Dauer seiner Reise in seinem Abteil und bedient damit gleichzeitig einen ganzen Wirtschaftszweig: Tee- und Kaffeeverkäufer, Zeitungshändler und Imbissbesitzer.
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| Kinder der Schule in Manvi Bild: Jesuitenmission Pannur |
Von der Distriktshauptstadt Raichur fuhr ich schließlich mit dem Bus weiter nach Manvi, einem taluk2, der direkt an den Nachbarstaat Andhra Pradesh angrenzt. Ich hatte mein erstes Ziel erreicht: eine Schule für Dalit-Kinder (meist zwischen vier und zehn Jahren alt), die von der dortigen Jesuitenmission geleitet wird. Begrüßung eines neuen Gastes heißt auf Indisch: Es wird getanzt und gesungen, man bekommt frische Blumengirlanden um den Hals gelegt und wird fürstlich bewirtet. Es zeigt sich eine Gastfreundschaft, die ich während meines gesamten Aufenthaltes feststellen und genießen konnte. Es fiel mir anfangs schwer, in das Haus bettelarmer Familien zum Essen eingeladen zu werden und zu wissen, dass ein zusätzlicher Gast durchaus einen finanziellen Unterschied macht. Gleichzeitig merkte ich während der Mahlzeiten den Stolz der Familien darüber, dass ich mit ihnen zusammen ihr Essen in ihrer Hütte aß.
Die letzte Station war die eigentliche Jesuitenmission in Pannur, einem kleinen Dorf, das noch einmal etwa 15 Kilometer von Manvi entfernt liegt. Die Straßen dorthin sind durchweg in einem miserablen Zustand, vergleichbar mit einem sehr schlechten deutschen Feldweg. Die Busse fahren nur selten am Tag; man findet dort überwiegend kleine Lehmhütten ohne fließendes Wasser und oft ohne Strom. Auf dem Grundstück der Mission direkt neben einem Fluss befinden sich neben einer kleinen Kapelle ein älteres Gebäude und ein Neubau. Insgesamt sind hier etwa 30 Internatsschüler untergebracht, dazu kommen noch zahlreiche Kinder aus dem Dorf, die dort ihre Nachmittage verbringen. Geleitet wird die Mission von den Patres Maxim, Joseph und Eric, die alle vollkommen unterschiedliche Persönlichkeiten verkörpern. Doch sie harmonieren gut, wahrscheinlich weil sie alle drei unermüdlich und mit hohem persönlichen Einsatz das gleiche Ziel verfolgen: die Lebensbedingungen insbesondere der Dalits zu verbessern.
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| Viele Häuser besitzen keinen Wasseranschluss, so dass man täglich schwere Kanister vom Brunnen nach Hause tragen muss. Foto: Jesuitenmission Pannur |
Den Dalits werden im traditionellen Kastensystem die niederen, „unreinen“ Arbeiten zugeteilt; sie sind Latrinenreiniger, beseitigen tote Tiere oder müssen betteln gehen. Innerhalb der Kastenordnung sind sie die Opfer sozioökonomischer Diskriminierung. Ihre wirtschaftliche und finanzielle Lage ist bedrohlich; die meisten besitzen kein Land und fristen das unsichere Dasein eines Tagelöhners. Noch frappierender ist die so genannte Praxis der „Unberührbarkeit“ – Dalits sind in den Augen höherer Kastenangehöriger dreckig; man möchte sie weder anfassen noch Wasser aus dem gleichen Brunnen wie sie trinken. Quasi mit der Muttermilch saugen Dalit-Kinder auf, dass sie minderwertig, schmutzig und abstoßend seien. Gerade in ländlichen Gebieten gehen diese Ausgrenzungen besonders weit: Dalits wohnen unter anderem in separaten Siedlungen, ihnen wird der Zugang zu den Tempeln verweigert und sie müssen mit gewalttätigen Übergriffen rechnen. Auch im Hinblick auf das Bildungsniveau hinken die Dalits dem Durchschnitt in Indien meist massiv hinterher; Dalit-Frauen müssen zusätzlich noch gegen sowieso allgegenwärtige geschlechtsspezifische Diskriminierungen ankämpfen.
Meine ersten Arbeitstage verbrachte ich meist auf einer Baustelle in Ramathnal, einem Dorf, das überwiegend von Devadasi bewohnt wird. Devadasi sind Tempelprostituierte, die offiziell als Dienerinnen von (meist) Göttinnen gelten und ihnen geweiht sind. Diese Beschreibung ist jedoch stark euphemistisch, da die Frauen dort, religiös legitimiert, sexuell ausgebeutet werden. Viele von ihnen haben deshalb Kinder von unterschiedlichen Männern, was ihr Ansehen innerhalb der Dorfgemeinschaft noch weiter sinken lässt. In diesem Rahmen half ich bei einem Projekt mit, dessen Ziel es war, Häuser aus Stein für einige Devadasis und ihre Kinder zu bauen. Vorige Bauten aus Lehm waren aufgrund der nahen Lage zum Fluss bereits mehrmals durch Hochwasser davon geschwemmt worden. Zwei Prinzipien waren bei den Bauarbeiten besonders wichtig: Zum einen wurden alle Arbeiten, bei denen dies möglich war, von den Frauen selbst durchgeführt. Diese Einbindung macht den Wert der Häuser deutlicher bewusst. Zum anderen wusste niemand im Vorhinein, welche der Hütten er später bewohnen würde. Dadurch konnte sichergestellt werden, dass jede der Frauen sich für das Gesamtziel einsetzte und nicht auf den eigenen Vorteil aus war.
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| Blick auf die Baustelle in Ramathnal; im Hintergrund sind einige Lehmhütten zu erkennen. Foto: Jesuitenmission Pannur |
Die größte Herausforderung in Ramathnal waren für mich die indischen Werkzeuge: Schaufeln mit kurzen Griffen statt Spaten und Plastikschalen statt Schubkarren ließen mich teils verzweifeln. Das lag vor allem daran, dass mir die elegante Technik, Steine oder schwere Schalen auf dem Kopf zu transportieren, nicht geläufig ist. Spindeldürre Inderinnen bewegen so mit großer Selbstverständlichkeit beträchtliche Lasten ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.
Doch trotz dieser herzlichen Aufnahme führten mich die vielfältigen Eindrücke und die körperlichen Anstrengungen in der ersten Woche nahe an die Grenzen meiner physischen und psychischen Belastbarkeit. Ein starkes Gefühl von Fremdheit und Heimweh, das ich so nicht von mir kannte, machte mir an den ersten Abenden schwer zu schaffen. Erst nach etwa einer Woche gelang es mir nach und nach, wirklich in Indien, dort in Pannur, anzukommen und mich innerlich diesem Land zu öffnen. Sobald jedoch dieser Punkt überschritten war, fiel es mir von Tag zu Tag leichter, mich in die Gemeinschaft zu integrieren und selber diese Offenheit zu erlernen, mit der man mir entgegentrat.
Das soll jedoch nicht unbedingt heißen, dass ich durch meine stetig enger werdende Einbindung in das Team der Jesuitenmission manche Geschehnisse oder Situationen besser verstehen oder billigen konnte. Ganz im Gegenteil, je mehr Zeit ich in den Dörfern, mit den Kindern und den Patres verbrachte, umso häufiger fielen mir Dinge ins Auge, die ich auch jetzt noch als schreiendes Unrecht und als vollkommen inakzeptabel empfinde. Was ich im Laufe der Zeit aber immer deutlicher sah, war die beeindruckende Weise, in der viele Inder diesen widrigen Umständen trotzten, wie oft ich Freundlichkeit, Offenheit und Zuneigung, gerade bei den Kindern, spürte.
So hatten wir eines Tages den Verdacht, dass einige unserer Kinder an Malaria erkrankt sein könnten. Immer wiederkehrende Fieberschübe ließen uns stutzig werden. Die Blutuntersuchung erbrachte glücklicherweise, dass keines der Kinder an dieser Krankheit litt. In dem öffentlichen Krankenhaus war, wie ich später erfuhr, allen mit derselben Nadel Blut abgenommen worden – hätte nur ein Kind Malaria gehabt, hätten alle anderen auch angesteckt werden können.
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| Bauer in Pannur Foto: Jesuitenmission Pannur |
Ein weiteres Beispiel für die aus westlichem Blick unhaltbaren Zustände: Aufgrund lange anhaltender starker Regenfälle konnte Hanthuma, ein etwa zwölfjähriger Junge, nicht rechtzeitig nach den Ferien in das Internat zurückkehren. In der letzten Nacht zu Hause wurde er von einer Schlange gebissen, die sich vor dem Wasser in die höher gelegenen Hütten gerettet hatte. Der Junge hatte es nicht bemerkt; erst Stunden später brachten ihn seine Eltern ins Krankenhaus im weit entfernten Manvi. Dort konnte ihm nicht geholfen werden. Das nötige Serum war nicht vorrätig und die Ärzte schickten die Familie weiter in ein anderes Krankenhaus, das nochmals 50 Kilometer entfernt liegt. Auf dem Weg dorthin verstarb Hanthuma.
In der Mission hatte ich schon vor diesen Vorfällen gehört, dass die medizinische Versorgung in öffentlichen Krankenhäusern oft nicht kostenlos seien – Ärzte verlangen ein Honorar, obwohl diese Dienstleistung vom Staat her offiziell kostenlos angeboten wird. Gerechtfertigt wird diese gängige Praxis dadurch, dass die Ärzte angeblich nicht selten horrende Summen zahlen müssen, um überhaupt ihren Posten zu bekommen. Genauso soll es auch vorkommen, dass gratis vom Staat gestellte Medikamente weiterverkauft werden, um damit Geld zu verdienen. Gerade ein kostbares Serum ist viel wert. Das sind nur Spekulationen, doch einmal habe auch ich selbst jedoch in einer Apotheke ein Medikament mit der Aufschrift gekauft, dass es eigentlich eine vom Staat kostenlos gelieferte Arznei sei.
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| Frauen einer Selbsthilfegruppe in einem Dorf in der Nähe von Pannur |
Insgesamt zeigten sich für mich insbesondere im Gesundheitswesen jede Menge Ungereimtheiten: Bei dem Besuch eines weiteren Krankenhauses wurden stolz Bücher gezeigt, in denen alle behandelten Patienten registriert werden. Warum dort eine Spalte mit dem Titel „Kastenangehörigkeit“ zu finden war, konnte mir allerdings niemand überzeugend erläutern. Und der Arzt des Dorfes – diesen Titel verdient er sich allein aufgrund eines sechswöchigen Kurses,– injizierte ohne Desinfektion Spritzen gefüllt mit Wasser, um für diese Leistung bezahlt zu werden.
Einen Ausgleich zu diesen Erlebnissen schafften dafür andere Momente: zum Beispiel Diwali, das Lichterfest, das wir mit den Kindern feierten. Die stark hinduistische Prägung wird an der christlichen Schule nicht ignoriert, sondern sowohl christliche als auch hinduistische Feiertage werden gemeinsam begangen. Bei besagtem Fest stehen Lichter aller Art im Mittelpunkt. Der Höhepunkt ist die Entzündung unendlich vieler Kerzen, die im und um das Haus herum verteilt werden. Zusammen saßen wir um den mit Teelichtern erleuchteten und mit Palmblättern dekorierten Brunnen, unter einem atemberaubenden indischen Sternenhimmel inklusive regelmäßig wiederkehrender Sternschnuppen.
Fast noch schöner ist das so genannte Freundschaftsfest. An diesem Tag werden von den Kindern die Blätter eines bestimmten Baumes gepflückt. Tradition ist es nun, abends durch das Dorf zu marschieren und sich gegenseitig zu besuchen. Begegnet man einander auf seinem Weg, dann tauscht man jeweils einen Teil der Blätter, die man selbst in der hohlen Hand hält, mit denen des Gegenübers aus. Dies symbolisiert eine Art von Segnung und knüpft ein Freundschaftsband. Mich durchlief ein Schaudern, als eine alte Frau aus dem Dorf mir intensiv in die Augen schaute und mich danach segnete. Denn gerade den Ältesten wohnt eine Art von Spiritualität inne, der auch ich mich nicht entziehen konnte. Obwohl diese Frauen auf dem gestampften Lehmboden ihrer kleinen Holzhütten sitzen, strahlen sie solch eine Würde und Weisheit aus, die alle Ärmlichkeit um sie herum vergessen lassen.
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| Indische Frauen am Strand Foto: Don van der Linden |
Bei jedem Hausbesuch wurde festlich aufgetischt: zunächst Reis mit Samba, einer aromatischen, aber sehr, sehr scharfen Soße (je ländlicher die Gegend, desto schärfer die Gerichte). Hier fühlte ich mich am wohlsten: Bereits am Eingang zieht man seine Schuhe aus und betritt die kleine Hütte, oft nur aus einem, manchmal auch aus zwei Räumen bestehend. Die Decken sind niedrig und die Zimmer sehr schlecht belüftet, da Fenster fehlen. Im Sommer ist es unerträglich heiß, im Winter oft eiskalt, weil keinerlei Isolierung vorhanden ist. Der kostbarste Besitz einer Familie, die Kühe oder Ochsen, stehen meist in einer Art von Vorraum, nur wenige Meter vom Wohnplatz entfernt und locken so die Mücken an. Und doch ist alles penibelst sauber und liebevoll eingerichtet. Man wird eingeladen, sich auf geflochtene Matten auf dem Boden zu setzen und miteinander zu essen. Hierzu benutzt man die rechte Hand, denn die linke dient allein der Körperpflege (Inder benutzen kein Toilettenpapier) und ist damit unrein. Zu dem Reis und dem Samba wurden Chapati gereicht, sehr dünne Fladen aus Mehl, Wasser und Salz. Als Nachtisch gab es ein pappsüßes, sehr leckeres Gebäck. Im ersten Haus freute ich mich noch sehr über das Abendessen und aß mich satt. Im zweiten fiel mir das schon schwerer. Ab der dritten Familie wurde mir bewusst, dass ich zu Beginn mehr darauf hätte achten sollen, noch Platz zu lassen – denn unhöflich wollte ich natürlich auch nicht sein.
Die Einzelschicksale hinter jedem dieser Probleme zu erfahren und die Hilflosigkeit der Betroffenen belastet, insbesondere, wenn man sich manche Situationen versetzt nach Deutschland vorstellt: Welches Kind muss schon hierzulande sein ganzes Leben mit einem verkrüppelten Fuß herumlaufen, weil kein Geld für eine Operation da ist? Wer wird bei uns schon bestochen, um seine Stimme einer anderen Partei zu geben? Man darf sich keine lllusionen machen, und das Fokussieren auf den Einzelnen ist unerlässlich, wenn man nicht in Hoffnungslosigkeit erstarren möchte. So konnte für mich das Ziel eines Tages eigentlich nur eines sein: möglichst viele Kinder zum Lachen gebracht zu haben, sie Wärme spüren zu lassen, ihnen das Gefühl zu geben, wertvolle Geschöpfe zu sein, die stolz auf sich sein können. Und je länger ich in der Jesuitenmission war, desto klarer wurde mir, was wohl der einzige Weg aus der Misere sein kann: Bildung. Denn das Fehlen selbiger steht am Anfang dieser langen Kette von Missständen und persönlichen Katastrophen. Wer sich nicht bewusst ist, wieviel er mit seiner Stimme bei einer Wahl ausrichten kann, der verkauft sie. Wer nicht weiß, dass öffentliche Krankenhäuser kostenlos sind, der zahlt. Wer sich nicht klar ist, dass das Kastensystem in Indien offiziell abgeschafft ist, der wird sich weiter diskriminieren lassen.
In diesem Sinne verbrachte ich meine meiste Zeit in der Schule der Jesuiten in Manvi. Sie bietet Dalit-Kindern, die ohne diese Schule auf den Feldern arbeiten oder Vieh hüten müssten, die Möglichkeit, den Unterricht zu besuchen. Oft ist schwierige Überzeugungsarbeit zu leisten: Gängigstes Argument gegen einen Schulbesuch sind normalerweise nicht nur die Schulgebühren, sondern auch der Ausfall der Kinder als Arbeitskraft. Die Mädchen zum Beispiel müssen schon in sehr jungem Alter ihre kleinen Geschwister hüten. Mein Alltag bestand darin, dass ich morgens um sechs Uhr mit den Kindern zusammen aufstand, mit ihnen zur Messe ging, sie teilweise selbst im Fach Englisch unterrichtete, und nachmittags mit ihnen spielte. Ich verbrachte also meine gesamte Zeit mitten unter ihnen. Selbst nachts trennte mich nur eine halbhohe Holzwand vom Schlafraum der Mädchen.
Dies war nur ein kleiner Teil meiner Erlebnisse in Manvi und Pannur. Genauso wird mir jedoch die Überschwemmung, die für uns zur Katastrophe wurde, weil wir vollkommen vom Wasser eingeschlossen waren im Gedächtnis bleiben. Nie vergessen werde ich auch die Besuche bei den Frauenselbsthilfegruppen in den Dörfern, die Geckos, Schlangen und Skorpione und die Momente unglaublichen Glücks und abgrundtiefer Traurigkeit, Miramma, meinem Wasserbüffel. Und natürlich werde ich niemals Mariamma, Harish, Morish, Santamma und all den anderen Kindern aus dem Gedächtnis verlieren.
Die Arbeit bei den Jesuiten stellte jedoch nur einen Teil meines Indienaufenthaltes dar. Ich verließ die lieb gewonnene Mission um noch mehr von Indien kennenzulernen. Dass der taluk Manvi und die Jesuitenmission in Pannur einen eigenen kleinen Mikrokosmos innerhalb von Indien darstellen, wurde mir erst richtig bewusst, als ich die Mission verlassen hatte. Um das nachvollziehen zu können hilft es, sich die Größe Indiens bewusst zu machen: Die Fläche beträgt etwas weniger als 3.300.000 km2 und übertrifft damit die der Europäischen Union um mehr als ein Drittel. Über 1,1 Mrd. Menschen leben dort (Gesamtbevölkerung der 27 Staaten der EU: ca. 493 Mio.) in 28 Bundesstaaten und sieben Unionsterritorien; man spricht Hindi, Englisch oder eine der etwas weniger als 20 gleichberechtigten Regionalsprachen. Nach drei Monaten in Moldawien würde auch niemand von sich behaupten können, Europa kennengelernt zu haben. Angekommen im touristischen Indien (wenn auch nicht in den schlimmsten Hochburgen und auch nicht zur Reisezeit) musste ich feststellen, dass sich mein Bild von Indien von anderen jugendlichen Reisenden meines Alters unterschied, die ich in Hostels traf.
Vollkommen entsetzt war ich zum Beispiel, als ich das erste Mal eine junge Frau im Bikini am Strand liegen sah. „Die Körpermitte vollkommen unbedeckt!“, war mein erschreckter Gedanke. Ich war von Anfang an darauf hingewiesen worden, dass meine Hosen mindestens bis über das Knie reichen müssen und tiefe Ausschnitte selbstverständlich tabu sind. Die Frage der Kleiderordnung hätte sich aber auch sonst von selbst erledigt: Westliche Frauen tauchen in den Phantasien indischer Männer oft auf, helle Haut wird als äußerst wünschenswert und attraktiv empfunden. Gerade in der kleinen Stadt Manvi versammelte sich innerhalb von Sekunden eine ganze Menschenansammlung, wenn ich mich nur kurz nicht vom Fleck bewegte. Nur Männer, wohlgemerkt, starrten mich an und hier lernte ich, dass Blicke buchstäblich ausziehen können. Während ich diese Erfahrung in den Dörfern im Umland nie auf eine so unverschämte Art und Weise machen musste, war das innerhalb von Manvi, weshalb auch immer, Alltag. Während der Zeit, in der ich alleine reiste, achtete ich stets darauf, nicht unnötig Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Viel einfacher wurde die Sache, als ich drei männliche Reisebegleiter fand – ab dann wurden nur noch verstohlene Seitenblicke gewagt.
Während dieser letzten Wochen in Indien veränderte sich mein Bild noch einmal vollkommen. Mir wurde klar, dass ich innerhalb von Indien ein extrem rückständiges Gebiet kennengelernt hatte, mit einer überdurchschnittlich hohen Analphabetismusrate und fast ohne funktionierende Infrastruktur. So lernte ich auch noch eine andere Seite von Indien kennen, die einen Ausgleich darstellte; meist wurde das Bild jedoch immer noch komplexer und schwieriger einzuordnen. Einerseits lernte ich in Mamallapuram einen jungen Computerexperten kennen, der nicht einmal wusste, welcher Kaste er zugehörte. Das habe bei ihm zu Hause nie eine Rolle gespielt (allerdings hatte ihn sein Vater auf der offiziellen Geburtsurkunde auch als ein Jahr jünger ausgegeben, um mehr finanzielle Unterstützung zu bekommen). Andererseits war ich zu Gast bei einem jungen Paar, beide gebildet und darauf aus, als Physiotherapeuten nach Amerika zu gehen. Sie waren Brahmanen und nahmen die rituellen Handlungen sehr ernst. Man merkte, dass sie es genossen, einen westlichen Gast bei sich im Haus zu haben, mit dem sie Englisch reden konnten und der sich für ihre Religion interessierte. Eifrig erzählten sie mir von der Feier ihrer Hochzeit, dem Puja und anderen Gepflogenheiten und zeigten mir, welchen Regeln folgend ein Brahmane zu essen habe. Auch erzählten sie mir, dass es zum Beispiel am Arbeitsplatz des einen Vaters einen eigenen Pausenraum für Brahmanen gebe.
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| Elefanten werden in Indien eingesetzt, um schwere Lasten transportieren zu können. Foto: Malte Holzhäuer |
Besonders diese Begegnung ließ mich nachdenklich werden: Zum einen müssten gerade beruflich gut ausgebildete junge Erwachsene in ihrem Land bleiben, um es weiter voran zu bringen. Zum anderen hätte ich gerade von diesen beiden sehr gebildeten Menschen erwartet, dass sie – wie es doch eigentlich in der Verfassung verankert ist – die Gleichheit jedes Einzelnen zu akzeptieren und zu achten wissen. Und doch steckt dieses Denken und Kategorisieren ausgehend von der Kastenzugehörigkeit eines anderen und die Scheu vor den „unreinen“ Dalits so tief in ihnen, dass sie wahrscheinlich keine Mahlzeit mit ihnen zusammen einnehmen würden.
Diese beiden jungen Brahmanen traf ich in Renigunta, das etwa auf halbem Wege zwischen Bangalore und Chennai liegt. Berühmter ist das nahegelegene Tirupati, wo ich das erste Mal religiöses Treiben und kultische Handlungen in einem Tempel erlebte. Dieser Tempel ist Sri Venkateshvara geweiht und zieht jedes Jahr Millionen von Pilgern an. Gleichzeitig liegt er abseits der üblichen Touristenrouten und sieht somit, was selten ist, keine besonderen Restriktionen für ausländische Besucher vor. Befremdlich für mich waren nicht nur die Rituale, dass man zum Beispiel der Götterstatue (die angeblich nicht von Menschenhand erbaut sei, sondern sich selbst erschaffen habe) Kleider anzieht, sie wäscht und ihr zu essen gibt. Jeden Tag warten dort Tausende von Pilgern, oft ganze Familien, stundenlang geduldig darauf, dass sie einen kurzen Blick auf das Heiligtum erhaschen können. Der Weg dorthin besteht aus einer einzigen Menschenschlange, hohe Gitter stellen sicher, dass sich eine lange Reihe Wartender bildet, die sich in unzähligen Windungen immer mehr an das Tempelinnere annähert. Sobald man in die Nähe der Statue kommt, ändert sich das Szenario schlagartig. Im Hintergrund sind dumpf schlagende rhythmische Trommeln zu hören, und die Atmosphäre, die mit zunehmender Nähe zur Statue immer angespannter wird, ist hier kurz vor dem Zerreißen. Frauen und Männer werfen sich vor der Gottheit auf die Knie und versuchen, diese zu berühren, schreien dabei oder winden sich ekstatisch auf dem Boden. Auf einmal ist es eng, stickig und bedrängend; Sicherheitsleute sind alleine dazu engagiert, um die Pilger weiterzuzerren, dem Ausgang entgegen. Erst hier wird es wieder langsam ruhiger, man kann in Ruhe den Innenhof bestaunen. Später fiel mir auf, dass viele Menschen kahl rasierte Köpfe hatten: Im Rahmen von Gelübden opfert man hier seine Haare (die Zöpfe wiederum werden später weiterverkauft!). Man sieht, dass auch hier Religion mitunter einen Wirtschaftsfaktor darstellt: Um die eigentliche „Attraktion“ herum formieren sich Hunderte von Imbissständen und Souvenirläden; es bedarf der Sicherheitsleute, Priester und sogar „Geldzähler“; für den Eintritt in den Tempel wird eine Gebühr verlangt.
Besucher werden angehalten, Bettlern nichts zu spenden, um diese nicht zu unterstützen, doch immer wieder strecken sich den Pilgern Hände entgegen – von alten, völlig verwahrlosten und abgemagerten Frauen und Männern, noch viel öfter aber von kleinen Kindern, nicht selten verkrüppelt, behindert oder taubstumm. Ein Pater der Jesuiten, der sich für Straßenkinder einsetzt, hatte mir zuvor erklärt, dass diese Verletzungen meist nicht auf natürliche Art entstehen. Es gibt skrupellose Geschäftemacher, die auch vor Verstümmelungen oder Misshandlungen nicht zurückschrecken, damit die bettelnden Kinder noch mehr Mitleid erregen. Doch auch wenn man von den Taktiken im Hintergrund weiß, ist es schwer, ein kleines Kind davonzujagen – ich gewöhnte mir schnell an, immer genug Kekse und andere Süßigkeiten in der Hosentasche zu haben.
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| Händler bieten ihre Waren an einem Strand an. Foto: Malte Holzhäuer |
Während ich beim Reisen immer auch die Armut, Verwahllosung und soziale Ungerechtigkeit im Hinterkopf hatte, die ich selbst in Pannur miterlebt hatte, präsentierten sich die Touristenorte in einem gänzlich anderen Licht. Die Straßen sind auffallend sauberer, die meisten Händler sprechen Englisch und versuchen ununterbrochen, ihre Waren an den westlichen Besucher zu bringen. Ohne Unterlass und äußerst aufdringlich werden Stoffe, Schmuck, Obst („Hello, hello, coconut!“) oder Souvenirs („Wanna buy watches? Beautiful watches?“) angeboten und alle paar Meter wird man gefragt, ob man nicht etwas rauchen möchte. Hier erlebte ich fast nur geschäftstüchtige Inder, die leider meist auch nicht davor zurückschreckten, ob der Unwissenheit und Unkenntnis vieler Touristen horrende Preise für ihre Waren zu verlangen.
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| Boot auf den Backwaters Foto: Don van der Linden |
Insgesamt merkt man, dass der Tourismus diesen Regionen viel Geld beschert. Nicht umsonst sind die Alphabetisierungsraten zum Beispiel in Goa überdurchschnittlich hoch. Wenn man auf den üblichen Routen bleibt, dann erlebt man großartige Tempelkomplexe, einzigartige Naturschönheiten, kilometerlange Sandstrände; dabei aber stets umgeben von Essens-, Schmuck- oder sonstigen Verkäufern, von selbst ernannten Touristenführern oder „Hotelschleppern“ umgarnt. Man sieht teure Hotelkomplexe mit Swimmingpool, Liegen unter Bastschirmen und eigenen Sicherheitsdiensten, in denen Luxusurlaube zu ebenso luxuriösen Preisen verbracht werden können. Mir kam es so vor, als ob manche Reisende bestimmte Dinge romantisch-verklärt betrachten, immer die Augen auf die in den Reiseführern erläuterten Monumente gerichtet, ohne dabei den Blick auch einmal ein paar Meter weiter nach rechts oder links schweifen zu lassen und dann plötzlich ein anderes Bild vor Augen zu haben, das nicht ganz so viel mit dem quirligen, farbenintensiven Treiben auf den Hauptstraßen gemein hat.
Ich denke, das Einzige, was ich wirklich über Indien gelernt habe, ist, dass es für mich eben nicht einfach uneingeschränkt großartig ist, wie ich es ab und an von anderen dort Gewesenen höre. Auch sehe ich in Indien nicht nur die aufstrebende Wirtschaftsmacht oder die größte parlamentarische Demokratie der Welt. Ich sehe vielmehr ein Land, das in sich selbst mannigfaltige Kulturen, Sprachen, Religionen und Ethnien versammelt, in dem es unglaubliche Brüche, Unterschiede und Diversitäten gibt, das aber auch immer wieder unzählige liebenswerte, herzliche und einladende Seiten zeigt, so dass ich es noch besser kennenlernen möchte. Indien ist für mich ein Land, in das ich zurückkehren möchte – gerade deshalb, weil es eben nicht so einfach für mich war.
Mira Bierbaum war Praktikantin an der Landeszentrale und studiert Politik und Verwaltung an der Universität Konstanz.