Von Dorit Seichter
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| Berlin, 14. 9. 1947: Gedenkfeier für die Opfer des Faschismus im Lustgarten; die stellvertretende Oberbürgermeisterin Louise
Schroeder hält die Gedenkrede. Foto: ullstein bild |
Im Jahr der DDR-Staatsgründung (1949) bestanden acht jüdische Gemeinden mit insgesamt 1.250 Mitgliedern. Bis in die siebziger Jahre verringerten sich die Mitgliederzahlen drastisch; 1990 gehörten im gesamten Staatsgebiet nur 372 Bürger einer Israelitischen Religionsgemeinschaft an.3)
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| Demontage von Industrieanlagen durch die sowjetische Besatzungsmacht: Arbeiter verladen Maschinen aus der unterirdischen Flugzeugmotorenfabrik der Daimler-Benz AG, Foto um 1950. Foto: picture alliance |
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| Per Zug werden demontierte Industriegüter in die Sowjetunion verfrachtet (1950). Foto: picture alliance |
Die Besatzungspolitik der UdSSR beeinflusste das Nachkriegsgeschehen maßgeblich. Zum einen setzte ab Mai 1945 eine beispiellose Welle der Plünderung durch die von der Sowjetunion forcierte Demontage ein, zum anderen gab Moskau den politischen Kurs in der Besatzungszone vor. Während gigantische Eisenbahntransporte in Richtung Osten fuhren, wurde die SMAD (Sowjetische Militäradministration in Deutschland) in Sachen Rückerstattung von geraubtem Eigentum an die NS-Opfer tätig. Diese Entscheidung rührte von der Erkenntnis der SMAD her, ein Aufbau der deutschen Volkswirtschaft sei ohne private Unternehmensinitiativen schwer möglich.
Dieser Linie folgte die KPD bis zum Herbst 1945. Sie propagierte keine sozialistischen Forderungen, offerierte vielmehr eine freie Entfaltung der Wirtschaft. Doch rasch wurde deutlich: Unter demokratischen Verhältnissen konnte die KPD keine politische Vormachtstellung aufbauen. Zeitgleich mit dem Kurswechsel der Besatzungsmacht, der nun deutlich kommunistische Züge trug, schwenkte das ZK der KPD um. Es startete am 8. September 1945 den Aufruf „Junkerland in Bauernhand“. Entschädigungslose Enteignungen waren die Folge und zugleich der Auftakt für eine ganze Reihe Maßnahmen, die zu einer grundlegenden Neuordnung der Besitzverhältnisse in der SBZ führte.
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| Bodenreform in der sowjetischen Besatzungszone 1945: Aufteilung des ehemaligen ,Königlichen Rittergutes’ Helfenberg am 11. September 1945 Foto: ullstein bild |
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| Aufteilung des ehemaligen ,Königlichen Rittergutes’ Helfenberg
bei Dresden. Kurt Fischer, 1. Vizepräsident der Landesverwaltung
Sachsen, übergibt dem Kleinbauern Otto Huhle die Besitzurkunde
über 2,5 ha Land. Foto: ullstein bild |
Damit entstand ein gravierender Widerspruch zwischen dem in Thüringen verabschiedeten „Wiedergutmachungsgesetz“ und den praktizierten Enteignungen. Von ihnen waren auch Juden betroffen: folglich die Opfer. Die deutschen Verwaltungen erkannten, dass die Forderungen der Besatzungsmacht und auch die bereits eingegangenen Anträge der Opfer auf Rückerstattung ihres Besitzes die gleiche leere Kasse belasten würden. Daran hegte die SMAD kein Interesse, würden doch umfassende Besitzrückfüh-rungen an die NS-Opfer die Reparationsleistungen erheblich schmälern.
Früh manifestierte die neue politische Elite die ideologische Leitlinie der zukünftigen DDR-Judenpolitik. Bereits innerhalb der KPD-Spitze traten zwei inhaltlich eng miteinander verbundene Schwerpunkte in den Vordergrund: die Anerkennung der Juden als gleichberechtigte Opfer des Nationalsozialismus und die Wiedergutmachungsfrage. In den Länderparlamenten der SBZ wurde das Thema ungleich diskutiert. Auch Ressentiments gegen den jüdischen Bevölkerungsteil, der sich nicht in die Schicht der Arbeiterklasse einordnen ließ, vielmehr zum Kleinbürgertum zählte, spielten eine Rolle, zumal einige kommunistische Widerstandskämpfer bei der „Rentenbemessung“ die – „angebliche“ – Privilegierung der „rassisch“ Verfolgten fürchteten, da diese bereits vor dem Krieg zu den materiell Privilegierten gehört hätten. Während die Länderparlamente längst in Sachen „Wiedergutmachung“ agierten, vollzogen sich innerhalb der KPD noch immer lebhafte Debatten. Die Überlebenden des Holocaust mussten ihre Einordnung als Verfolgte zweiter Klasse erleben. Die 1947 in der SBZ gegründete „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) strebte eine materielle und soziale Gleichbehandlung aller politisch und „rassisch“ Verfolgten des NS-Regimes an.
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| Großkundgebung der VVN (Vereinigung der Verfolgten des
Naziregimes) gegen Faschismus und Krieg im Lustgarten.
Blick vom Dach des Doms; in der Mitte das Alte Museum.
Berlin, 15. September 1948. Foto: ullstein bild |
Damit schlossen sie sich treu Georgi Dimitroffs Linie an, der auf dem XIII. Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale 1935 die These formuliert hatte, der Faschismus sei für die kommunistische Bewegung „die offene terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“.4) Fortan verwendete die marxistische Geschichtsschreibung den undifferenzierten Begriff „Faschismus“ und leugnete so indirekt die Singularität des Nationalsozialismus. Die marxistische Grundauffassung ging davon aus, über eine revolutionäre Umgestaltung aller sozialen und ökonomischen Grundlagen gelänge die Schaffung einer klassenlosen Gesellschaft, in der die „jüdische Problematik“ wie von selbst Klärung fände. Die KPD hieß jeden jüdischen Genossen willkommen, der Bereitschaft zeigte, seine jüdische – vor allem religiöse – Identität preiszugeben und eine Assimilation politischer Art einzugehen. Diese Position drängte die vom Holocaust Betroffenen in die Rubrik der „zufälligen“ Opfer – ohne politischen Standpunkt und als Nicht-Opponenten dem Terror anheim gefallen.
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| Dresden: Sitzung des stellvertretenden Stadtkommandanten
Oberst I. Gorochow mit den Vertretern des Magistrats der
Stadt, Oberbürgermeister Rudolf Friedrichs (SPD, Mitte) und
seinem Stellvertreter Kurt Fischer (KPD, l.),Mai 1945 Foto: ullstein bild |
Die zwischen 1945 und 1948 in den Ländern der SBZ neu entstandenen jüdischen Gemeinden hatten es schwer, ihre Interessen gegenüber der sowjetischen Besatzungsmacht zu behaupten. Der Befehl Nr. 124 der SMAD vom 30. Oktober 1945, der Befehl Nr. 154/181 und die Direktive des Alliierten Kontrollrates vom 29. April 1947 unterstellten jüdisches Eigentum vorübergehend der Verwaltung durch die SMAD oder die Landesverwaltungen. Die Gemeinden beantragten ihre Anerkennung als „Körperschaft öffentlichen Rechts“ bei den zuständigen Landesregierungen.5) Hingegen stieß ihre Bitte auf Rückerstattung enteigneter Grundstücke und anderer Besitzgüter bei den Behörden auf taube Ohren. Die Dresdner Gemeinde reichte am 26. November 1945 eine Aufstellung der beschlagnahmten Vermögenswerte ein – Schätzwert: 13.533.000 RM – und wartete noch im Juni 1946 vergeblich auf eine Reaktion. Der Gemeindevorsitzende Leo Löwenkopf mahnte daraufhin eine baldige Klärung der Vermögensfragen an und erbat die Gewährung einer Vorschusszahlung, um den heimgekehrten Überlebenden, die häufig mittellos waren, die nötigste Unterstützung gewähren zu können.6) Damit geriet die Landesverwaltung in Zugzwang: der Präsident der sächsischen Landesverwaltung, Prof. Dr. Rudolf Friedrichs, empfing zunächst den Vorsitzenden Löwenkopf, und gab infolge des Gesprächs an die Abteilung Finanzen und Steuern die Mitteilung, eine Rückgabe der Grundstücke an die früheren Besitzer oder deren Erben könne erfolgen. Dazu kam es nicht. Der Dresdner Versuch, jüdische Besitzverhältnisse zu klären, endete erfolglos.
Vor den wieder entstehenden Gemeinden und überlebenden Juden türmte sich eine Reihe von Problemen auf: Zum einen fehlten finanzielle Mittel für die notdürftigste Versorgung der heimkehrenden oder zugezogenen Überlebenden, zum anderen sahen sie sich vor der Herausforderung, ohne angemessene Räumlichkeiten und religiöse Utensilien ein Gemeindeleben zu improvisieren. Während die einen beherzt die Rückgabe ihres vom NS-Staat geraubten Eigentums forderten, alle Kraft auf die Neuentstehung der Religionsgemeinschaften verwendeten, waren die anderen – vom Erlittenen traumatisiert – damit beschäftigt, nach überlebenden Familienangehörigen zu suchen, Arbeit und ein tägliches Auskommen zu finden. Viele von ihnen kehrten heim und fanden die ehemaligen Nachbarn vor; Menschen, die in ihren Augen Schuld trugen, entweder deshalb, weil sie den aggressiven Antisemitismus des „Dritten Reichs“ aktiv mitgetragen oder deshalb, weil sie weggeschaut hatten. Nicht selten verblüfften „reuige“ Deutsche Holocaust-Überlebende mit der Bitte um den „Persilschein“, der angesichts drastischer Entnazifizierungsmaßnahmen durch die Besatzungsmächte ihre moralische Reinheit bekunden sollte.
Viele der jüdischen Bürger kehrten Deutschland keineswegs den Rücken; für sie kam eine Auswanderung, etwa nach Palästina oder in die USA, nicht in Frage. Ihre Motive waren unterschiedlicher Natur. Eben zurückgekehrt, wollten einige die so lang vermisste gewohnte Umgebung sowie wieder gefundene Verwandte und Freunde nicht schon wieder verlassen; andere hofften auf einen demokratischen Neubeginn, auf Entschädigung. Manche suchten einfach Ruhe, wollten nichts anderes als ein normales, vor allem freies Leben führen.
Die anhaltende Diskussion um die Wiedergutmachung erlittener Verluste und Schäden zeigte die Brisanz, die dem Umgang mit der jüdischen Thematik innewohnte. Zugleich blieb sie nicht unbeeinflusst vom Prozess der gesellschaftlich-politischen Umgestaltung in der SBZ. Folglich war die Anerkennung als „Opfer des Faschismus“ (ODF) – häufig eine Überlebensfrage für die Betroffenen – Grundlage jeder sozialen Fürsorge.
Der OdF – der Alliierten Kommandantur verantwortlich – unterhielt seinen Sitz in Berlin-Mitte und vertrat zwanzig Bezirksausschüsse. Neben Sozialdemokraten, Liberalen, Kommunisten und Vertretern der Evangelischen Kirche gehörten Juden der Vereinigung an. Die Entscheidung der britischen Besatzungsmacht, in ihrer Zone einen ersten jüdischen Interessenverband („Opfer der Nürnberger Gesetzgebung“) zuzulassen, brachte Bewegung in die Angelegenheit. Auch im OdF-Hauptausschuss entstand eine gleichnamige Hauptabteilung, die der jüdische Kommunist Julius Meyer leitete.
Die SMAD förderte bevorzugt die soziale Unterstützung der Menschen, die nachweislich gegen das NS-System gekämpft hatten. Dabei darf die regional sehr unterschiedliche Handhabung der Gesetze und Anordnungen nicht übersehen werden. Spontanes Mitgefühl oder auch schlichte Menschlichkeit, die deutsche Beamte oder sowjetische Militärs den Bittstellern entgegenbrachten, vermochten bürokratische Hürden in Nichts zu verwandeln. Das zentrale Gremium für soziale Soforthilfe, um die häufig mittellosen Opfer zu unterstützen, stellte die „Deutsche Verwaltung für Arbeit und Sozialfürsorge“ dar. Sie legte den Opferstatus fest und koordinierte die Zuteilung von Hilfsgütern. Ihre enge Zusammenarbeit mit den kommunalen Behörden wie mit der sowjetischen Besatzungsmacht war dafür unabdingbar.
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| Kundgebung für die Opfer des Faschismus in Dresden: Gerhard Ziller, Sekretär des ZK der SED, spricht auf dem Dresdner Altmarkt
vor Kampftruppen, 8 September 1957. Foto: ullstein bild |
Ab 1946 nahm sich im SED-Zentralkomitee die neu geschaffene Abteilung Arbeit und Sozialfürsorge der Problematik an. Die SED und die SMAD unterschieden zwischen den Wiedergutmachungsanträgen innerhalb der Besatzungszone und den Ansprüchen der im Ausland lebenden Juden. Erst am Gründungstag der VVN (19. November 1946) konnten auf Anregung Paul Merkers Vorbereitungen dafür beschlossen werden, „grundsätzlich die Frage der inneren Wiedergutmachung zu klären“.9) Ziel war ein einheitliches Gesetz für ganz Deutschland. Selbst Männer wie Paul Merker, Julius Meyer oder Paul Löwenkopf konnten mit ihren konkreten Entwürfen und Vorschlägen angesichts der heftigen Widerstände in der Parteispitze wenig erreichen, zumal die SMAD keine klare Richtlinie vorgab. Während das Land Thüringen vergeblich auf eine zentrale Regelung hoffte, wartete die Parteispitze mit einer Hinhaltetaktik auf.
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| Oben: Rajk Laszlo 1909 – 1949 Politiker, Ungarn o.J. Unten: Rehabilitierung der 1949 als ,Titoisten’ hingerichteten KP-Funktionäre Laszlo Rajk, György Palffy, Tibor Szoeny und Andreas Szalai. Mitglieder der ungarischen Regierung halten an den Särgen die Ehrenwache: v.r. n.l.: Andras Hegedüs, Karoly Kiss, Istvan Kavacs, Gyorgy Marozan, Lajos Acs und Istvan Bata Fotos: ullstein bild |
Die 1950er Jahre waren durch stalinistischen Terror gezeichnet. Zum Auslöser für die Verfolgungswelle in der DDR geriet der Rajk-Prozess 1949 in Budapest, den Stephan Meining in seiner Dissertationsschrift ausführlich beschreibt. Im Vorfeld (am 11. Mai 1949) wurde Noel Field in Prag verhaftet. Die Kommunisten unterstellten ihm Agententätigkeit im Dienste „amerikanischer Imperialisten“. Mit anderen ungarischen Funktionären wurde Laszlo Rajk, von 1946–48 Innenminister und von 1948 bis zu seiner Verhaftung Ende Mai 1949 Außenminister Ungarns, vor Gericht gestellt. Dem Gericht gelang es zwar nicht, aus Rajk „einen Juden zu machen“, da der Angeklagte auf der „arischen“ Herkunft seines Großvaters aus Sachsen beharrte, aber um den „Stellvertreterkrieg gegen Tito zu führen und den Kalten Krieg gegen die USA im Gerichtssaal zu verschärfen“,11) solle er der Partei ein Opfer bringen und seine Agententätigkeit eingestehen. Ein umfassendes Geständnis rettete sein Leben nicht: Am 15. Oktober 1949 wurde er hingerichtet.
Unterdessen veranlassten zwei Direktiven der SMAD Walter Ulbricht zum Handeln. Zunächst richtete das ZPKK (Zentrale Parteikontrollkommission beim ZK der SED) einen Untersuchungsausschuss ein, der die Kontakte deutscher Kommunisten zu Noel Field überprüften sollte. Die zweite Direktive forderte, „bestimmte Personengruppen aus wichtigen Partei- und Staatsfunktionen“12) zu entfernen. Dabei galt das Interesse hauptsächlich verdächtigen Westemigranten. Gemeint waren Kommunisten in führenden Funktionen, die vor der NS-Diktatur nach Mexiko, Frankreich und in die Schweiz emigriert, nach Kriegsende jedoch in die SBZ zurückgekehrt waren. Eine erste Überprüfungswelle betraf bereits im Oktober 1949 Parteifunktionäre – unmittelbar nach der Hinrichtung Rajks. Das Kleine Sekretariat überprüfte Personen, die sich länger als drei Monate in jugoslawischer, englischer und amerikanischer Kriegsgefangenschaft befunden hatten. Infolge gestreuter Denunziationen und inoffizieller Überprüfungen, die ab Herbst 1949 besonders ehemalige Westemigranten trafen, geriet hauptsächlich die Schweizer Exilgruppe in das Kreuzfeuer des Kleinen Sekretariats, das unter Hermann Materns Führung nun eifrige Bemühungen zeigte, die richtigen Lehren aus dem Rajk-Prozess zu ziehen.
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| Von oben nach unten: Leo Bauer, Porträt 1970. Lex Ende, Journalist, DDR Chefredakteur von ,Neues Deutschland’. Alexander Abusch (14.02.1902–27.01.1982), Schriftsteller, Politiker Fotos: ullstein bild |
Die zunächst arglosen Opfer gerieten unter Verdacht, Kontakte zu „zionistischen Kreisen“ und zum amerikanischen Geheimdienst zu unterhalten. In diese erste Welle der „Säuberung“ gerieten hauptsächlich Juden, die in der Nachkriegszeit in verantwortlichen Positionen standen. Diese in der Öffentlichkeit stehenden Männer wurden 1950 aus der SED ausgeschlossen. Betroffen waren unter anderen: Leo Bauer (Chefredakteur beim Deutschlandsender), Bruno Goldhammer (Intendant des Berliner Rundfunks, Abteilungsleiter im Amt für Information), Lex Ende (bis 1949 Chefredakteur Neues Deutschland, dann der Friedenspost). Alexander Abusch verlor seine Funktion im SED-Parteivorstand und als Bundessekretär des Kulturbundes, Leo Zuckermann als Leiter der Präsidialkanzlei Wilhelm Piecks. Besonders schwer wog der Vorwurf, einer „jüdisch-trotzkistischen Bewegung“ anzugehören.
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| Wladimir Clementis (l.), ehem. Außenminister; Rudolf Slánsky
(1901-52), ehem. Generalsekretär der KPC – beide in einem
Schauprozess vom Staatsgerichtshof in Prag wegen Hochverrates
zum Tode verurteil und hingerichtet (1952) Fotos ullstein bild |
Die SED schloss Paul Merker im August 1950 aus. Der Kommunist Paul Merker wurde zum prominenten Opfer in der DDR. Aus dem mexikanischen Exil zurückgekehrt, war er zunächst ins Politbüro der SED aufgestiegen. Seine vehement vertretenen Forderungen im Wiedergutmachungsstreit brachten ihm jedoch keine Sympathien in der Parteispitze. „Allein in Sachsen wurden bis zum Frühjahr 1950 insgesamt 4.653 Personalunterlagen geprüft. Im Ergebnis wurden 140 Namen von verdächtigen Elementen ,Agenten und Trotzkisten‘ auf einer Liste zusammengefasst.“13)
Indessen liefen bereits die Vorbereitungen für einen zweiten Schauprozess gegen den Generalsekretär der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei, Rudolf Slánsky. Wie Rajk trafen ihn die Anschuldigungen wegen „Titoismus“ und „trotzkistisch-zionistischer“ Tätigkeit unvermittelt und mit fatalen Folgen. 1952 stand Slánsky in Prag vor Gericht. Der Name Noel Fields tauchte dabei ebenso häufig auf wie in den zahlreichen Nebenprozessen. Von den 14 Angeklagten waren elf Juden. Elfmal wurde die Todesstrafe verhängt, dreimal eine hohe Zuchthausstrafe.14) Das Zentralorgan „Neues Deutschland“ der SED entsandte einen Sonderkorrespondenten nach Prag. Slánskys Geständnisse und die anderer Angeklagter offenbarten auch die Namen deutscher Kommunisten. Das „Neue Deutschland“ berichtete, „Bedrich Geminder habe ‚gestanden‘, ‚dem deutschen Trotzkisten Paul Merker‘ Spionagematerial geliefert zu haben.“15)
Im November 1952 erhob das „Neue Deutschland“ erste Vorwürfe gegen Merker, die sich hauptsächlich auf die ausstehende Wiedergutmachungsregelung der jüdischen Bürger und Gemeinden bezogen. Am 2. Dezember 1952, während des Slánsky-Prozesses, wurde Paul Merker verhaftet und in der Untersuchungsanstalt Berlin-Hohenschönhausen isoliert. Im Zuge der Schauprozesse in Moskau, Budapest und Prag zog die ZPKK die Konsequenzen. Sie „säuberte“ die Parteispitze von – vermeintlich – „trotzkistischen und zionistischen Kräften“. Merkers rigide Forderungen während der „Wiedergutmachungsdebatte“ erleichterten seinen Anklägern, ein „Verbrechen“ zu konstruieren. Die Enteignung jüdischen Besitzes durch die „Arisierung“ bedauerte die Partei keinesfalls, handelte es sich doch ebenfalls um monopolkapitalistisches Eigentum – ob jüdisch oder nicht. Hatte Merker demnach Entschädigung, Rückgabe oder Wiedergutmachung gefordert, könne dahinter nur seine Agententätigkeit für das „amerikanisch-jüdische Großkapital“ stecken. Gegen ihn wurde der Vorwurf erhoben, er wolle „deutsches Volksvermögen“ zugunsten der Monopolkapitalisten verschieben.16) Paul Merker, dem prominentesten Angeklagten, unterstellte das Gericht die Führungsposition im „zionistischen Spionagekomplott“ gegen die DDR. Mit ihm gerieten Alexander Abusch, Erika Glaser-Wallach, Erich Jungmann, Kurt Müller, Fritz Sperling, Leo Zuckermann und andere ehemalige KPD-Funktionäre unter Verdacht.
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| Der Präsident der jüdischen Gemeinden in der DDR, Volkskammerabgeordneter
Julius Meyer, bei einer Ansprache (04.05.1949) Foto: ullstein bild |
Die Folgen der Verhör- und Überprüfungsmaßnahmen waren verheerend. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinden der DDR, Julius Meyer, wurde im Januar 1953 einem strengen Verhör durch das ZPKK unterzogen, die im jüdischen Gemeindeleben offenbar geheimbundähnliche Verbindungen argwöhnte. Kraft seines Amtes sollte Meyer im Namen des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden eine die JOINT diffamierende Erklärung aufsetzen, um die Hilfsorganisation als Hort amerikanischer Agententätigkeit zu entlarven. Ein solches Schreiben kam nie zustande. Bei den Machthabern stieg offenbar die vage Hoffnung auf, mit einer solchen „Lohnliste“ mutmaßliche Agenten zu überführen. Meyer entschied sich anders, setzte kein Schreiben auf, erstellte keine Liste, warnte stattdessen die Gemeindevorsitzenden angesichts der Vorgänge und begab sich mit den Gemeindevorsitzenden Salo Looser (Erfurt), Leo Löwenkopf (Leipzig) und Günter Singer (Dresden) in die Westsektoren Berlins. Weitere Gemeindefunktionäre folgten.
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| Heinz Galinski (Portrait aus den 1950er Jahren) Foto: ullstein bild |
Die Flucht prominenter Männer wie Heinz Galinski und Dr. Leo Zuckermann erregte Aufsehen. Deren Absage an die DDR war die unmittelbare Folge der Verhaftung Merkers und einiger Juden in verantwortungsvollen Positionen. Die VVN passte sich den politischen Erwartungen an, übernahm antisemitische Vorwürfe, informierte – anders als die Presse – über die Fluchtwelle und verkündete zugleich den Ausschluss der geflohenen Gemeindevorsitzenden als „zionistische Verräter und Agenten aus den Reihen der antifaschistischen Widerstandskämpfer“.17) Seiner erzwungenen Selbstauflösung am 15. März 1953 konnte er damit nicht entgehen.
Merker blieb bis zu seinem Prozess im März 1955 in Haft. Ungeachtet der Tatsache, dass nach Stalins Tod die Kommission für Parteikontrolle beim ZK der KPdSU das prominente Opfer Solomon Losowski rehabilitierte, ihn wieder in die Partei aufnahm und auch Joel Field inzwischen auf freiem Fuß war, verurteilte das Gericht den Kommunisten Paul Merker wegen Verbrechen gegen die Verfassung der DDR und das Kontrollratsgesetz Nr. 10 zu acht Jahren Zuchthaus (vorzeitige Entlassung 1956).18)
Die politische Richtung war innen- wie auch außenpolitisch vorgegeben. Die ostdeutschen Gemeinden, durch die Fluchtwelle stark reduziert, suchten den Neuanfang. In den 1950er Jahren galt es vor allem, die Friedhöfe und Synagogen bzw. Gebetsräume instand zu setzen. Häufig erzwangen die fehlenden finanziellen Mittel provisorische Lösungen: 1953 war in Karl-Marx-Stadt der vier Jahre zuvor gemietete Gebetssaal auf der Straße der Nationen 33 gekündigt worden. Der Gemeindevorsitzende Hans Kleinberg beklagte nachdrücklich die damit verbundene Notsituation. Denn ein religiöses Leben ohne Räumlichkeiten – das Büro hatte er bereits in seine Wohnung verlegt – schien unmöglich. Die kleine Gemeinde überlebte nur durch den Anschluss an die Leipziger Religionsgemeinschaft, wo man fortan zu Feiertagen und besonderen Anlässen zu Gast weilte. Bis 1961 mussten die Karl-Marx-Städter Juden auf ihr neues Gemeindehaus warten. Es entstand auf einem Tauschgrundstück (Stollberger Straße 28). Allen Eingaben und Initiativen Kleinbergs zum Trotz erhielt die Gemeinde das ursprüngliche Synagogengrundstück Stephansplatz 3/ Hohestraße 9 nicht zurück.
Außerdem verfügten nur wenige Männer über ausreichende Kenntnisse der hebräischen Sprache und jüdischen Liturgie. Auch fehlte es an Kultuspersonal. An hohen Feiertagen unterstützten Kantoren und Rabbiner aus Ungarn die DDR-Gemeinden, deren Mitglieder sehr assimiliert lebten, religiöse Vorschriften kaum beachteten und über Kultur, Geschichte und jüdische Religion wenig wussten. Die Ausbildung eigener Rabbiner war in der DDR unmöglich.
Die Gemeinden lebten isoliert und unterhielten kaum kulturelle Kontakte zur nichtjüdischen Außenwelt, die der Existenz und dem Wirken der Gemeinden zudem wenig Interesse entgegenbrachte. Der Staat verstand die jüdischen Gemeinden als reine Religionsgemeinschaften, die sich ausschließlich um die eigenen Angelegenheiten kümmern sollten. Die verstärkte Assimilation der Mitglieder entsprach also den staatlichen Absichten. Infolge der Überalterung gehörten Bar-Mizwa-Feiern und Hochzeiten zu den seltenen Feierlichkeiten. Schabbat-Gottesdienste hielten die Gemeinden im unterschiedlichen Rhythmus ab – gemäß der Verfügbarkeit von Kantoren, Rabbinern oder Vorbetern, vor allem freilich abhängig von der Zahl der aktiven Gemeindemitglieder. An wichtigen Feiertagen, wie zum Pessach-Fest, zu Rosch Haschana oder zum Purim- und Chanukka-Fest, gab es Gottesdienste.
Die Israelitische Religionsgemeinschaft zu Leipzig profitierte vom Groß- und Messestadtstatus. Mit dem Zuzug polnischer Juden verfügte diese Gemeinschaft zudem über einen Personenkreis, dem die jüdische Tradition und Religion vertrauter war als den bereits assimilierten deutschen Juden. Der Leipziger Kantor Werner Sander gehörte zu den wenigen, die religiöse Zeremonien und Gottesdienste durchführen konnten. Ab 1962 amtierte er als Oberkantor des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR. Neben seinen Aufgaben in der Leipziger Synagoge unterstützte er andere Gemeinden. Sander baute den Leipziger Synagogalchor auf, der traditionelle Synagogalmusik bewahrte und pflegte.
Die jeweilige Mitgliedersituation beeinflusste Form und Intensität religiösen Lebens. Die Gemeinden nahmen auch Kinder jüdischer Väter auf – obwohl nach religiösem Gesetz die Herkunft von der jüdischen Mutter über die Zugehörigkeit zum Judentum entscheidet. In den Gottesdiensten ertönte zuweilen Orgelmusik. Je nach Verfügbarkeit leiteten Vorbeter, Kantoren oder – in den seltensten Fällen – Rabbiner die Gebete. Während Männer und Frauen getrennt saßen, stand dem Einsatz eines gemischten Chores nichts entgegen. Einerseits hielten die Gemeinden an traditionellen Formen und Riten fest, ließen andererseits jedoch zu, dass nur drei erwachsene Juden Gottesdienste abhielten – abweichend vom Gesetz, das ein Quorum von zehn jüdischen Männern vorsah. Diese Regelung galt ebenso für das Kaddisch-Gebet. Ab 1963 waren Feuerbestattungen und auch die Beisetzung nichtjüdischer Ehegatten auf den jüdischen Friedhöfen erlaubt.19)
Die kulturellen Veranstaltungen überschritten kaum den Rahmen der religiösen Feste, waren ausschließlich an Gemeindemitglieder gerichtet und wurden von der nichtjüdischen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Das Vorstandspräsidium unter Helmut Aris gab ab 1961 vierteljährlich das „Nachrichtenblatt des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR und der Jüdischen Gemeinde von Groß-Berlin“ in einer Auflage von 1.800 Exemplaren heraus. Gratulationen zu Jahrestagen, Dienstjubiläen von Funktionären, zum Republikgeburtstag und zum Jahreswechsel füllten die Seiten, politische Stellungnahmen wurden vermieden. Berichte über das Gemeindeleben nahmen weniger Raum ein, suggerierten aber trotz abnehmender Mitgliederzahlen ein reges religiöses Leben bei Festen und Feiertagsgottesdiensten. Selbst dem Staatssekretariat für Kirchenfragen schien es zu zahm, zeigte zu wenig politische Substanz. Die SED-Führung wünschte ein Agitations-Blatt, in dem jüdische Gemeindemitglieder als sozialistische Staatsbürger auftraten und zu aktuellen politischen Fragen Stellung bezogen.20) Für die Instrumentalisierung der jüdischen Religionsgemeinschaften im Propagandafeldzug gegen die Bundesrepublik war das „Nachrichtenblatt“ kaum verwendbar.
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| Adolf Eichmann, SS-Sturmbannführer, seit 1939 Leiter des
Referats IV B 4 (Judenangelegenheiten, Räumungsangelegenheiten)
im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) – als Angeklagter
während seines Verfahrens vor dem Gericht in Jerusalem – 1961 Foto: ullstein bild |
Die DDR-Staatsführung ließ keine Gelegenheit aus, um dem westdeutschen Staat Neonationalsozialismus und Rechtsextremismus zu unterstellen. Günstige Gelegenheiten boten der Eichmann-Prozess (1961) und der Auschwitz-Prozess (1963-1965). Albert Norden erkannte nach der Verlautbarung Ben Gurions, Adolf Eichmann befände sich in israelischem Gewahrsam (1960), die Chance, den anstehenden Prozess für eine Kampagne gegen die Bonner Regierung zu nutzen. Das Vorhaben der DDR scheiterte, in der Person Dr. Friedrich Karl Kauls als Nebenkläger aufzutreten. Der Ost-Berliner Anwalt durfte lediglich als Prozessbeobachter teilnehmen.
Infolgedessen nahmen im Politbüro die Vorbereitungen auf das Strafverfahren gegen Hans-Maria Globke Gestalt an. Das Politbüro schreckte nicht davor zurück, im Zuge der Eichmann-Kampagne die jüdischen Gemeinden anzuhalten, den amerikanischen Präsidenten J. F. Kennedy in einem Schreiben auf die zunehmende revanchistische Stimmung in Westdeutschland hinzuweisen.22) Der Zentralverband der Jüdischen Gemeinden der DDR sandte ein Telegramm an das israelische Bezirksgericht Jerusalem. Darin formulierte er seine Erwartung: Dem gerechten Prozess gegen Eichmann müsse unbedingt der Vollzug der Todesstrafe folgen.23)
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| Albert Norden, Mitglied des Politbüros, auf einer Pressekonferenz
in Ostberlin mit der aus der NS-Zeit stammenden
Personalakte des früheren Bundesvertriebenenministers Hans
Krüger – Dezember 1963 Foto: ullstein bild |
Während am 23. April 1961 Walter Ulbricht bei der Einweihung der Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen die jüdischen Opfer nur am Rande erwähnte, griff er die Bundesrepublik deutlich an, unterstellte ihr wiedererstarkenden Militarismus und betonte, Westdeutschland könne selbst durch Wiedergutmachungsverträge mit Israel die Schuld am jüdischen Volk nicht abtragen oder gar löschen. Im Vorfeld der Gedenkstätteneröffnung gab es Diskussionen darüber, in welchem Maße und ob überhaupt der jüdischen Opfer gedacht werden sollte. Das Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer kam gegen den heftigen Widerspruch Albert Nordens nicht an – „eine Ausstellung Israels“ fand er unmöglich –, der Holocaust fand einen allgemeinen Platz in der Gesamtausstellung.24) Anlässlich der Eröffnung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätten Buchenwald (1958), Ravensbrück (1959) und Sachsenhausen (1961), wie später zu den jährlichen Gedenktagen, waren ausländische Delegationen zu Gast. Mit der Demonstration der antifaschistischen Widerstandskämpfer für Frieden und gegen Militarismus sowie dem Vorzeigeobjekt „Gedenkstätte“ präsentierte das SED-Politbüro die DDR als die „bessere deutsche Hälfte“: frei von Faschismus und Rassenhass.
Auch über die deutsch-deutschen Querelen hinaus, beeinflusst durch die Zwänge des Kalten Krieges, suchte der ostdeutsche Staat seine Außenpolitik nach dem eigenen ideologischen Profil zu formen. Ein diplomatisches Verhältnis der DDR zum 1948 gegründeten Staat Israel existierte nicht. Zustande gekommene Gespräche erfolgten niemals auf Regierungsebene. Von der ersten Begegnung zwischen ostdeutschen und israelischen Diplomaten am 5. Mai 1950 an galt die Wiedergutmachungsfrage als Dreh- und Angelpunkt für zukünftige Beziehungen. Israel präferierte eine pragmatische Lösung des Problems, war hauptsächlich an Warenlieferungen für den Aufbau des Landes interessiert. Die DDR hätte Handelsbeziehungen zwar begrüßt, nur setzten diese eine Wiedergutmachungsregelung voraus – und dazu fühlte sich die DDR als antifaschistischer Staat keineswegs verpflichtet.
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| Walter Ulbricht im Gespräch mit dem Präsidenten der
Vereinigten Arabischen Republik Nasser in Kairo – 24.02.1965 Foto: ullstein bild |
Die antisemitische Politik der Parteiführung brachte die DDR dem arabischen Lager in Nahost näher. Als im Februar 1953 in der sowjetischen Botschaft in Tel Aviv eine Bombe detonierte, nutzte die DDR die Gelegenheit und brach alle diplomatischen Beziehungen zu Israel ab. Ägypten, der gewichtigste arabische Staat, unterzeichnete mit der DDR 1953 ein Handels- und Zahlungsabkommen. Bereits im Jahr darauf unterhielt die DDR eine Vertretung des Ministeriums für Außen- und Innerdeutschen Handel in Kairo. Auf der Genfer Viermächtekonferenz 1955 blieben die Moskauer Vermittlungsversuche in Fragen der israelischen Wiedergutmachungsansprüche ergebnislos. Die DDR war an Verhandlungen nicht interessiert.
In den 1960er Jahren war die DDR-Nahostpolitik in den Zwängen der Hallstein-Doktrin gefangen. Im Werben um die arabischen Staaten gelangen der DDR nur Teilerfolge, so die Einrichtung eines Generalkonsulats im Irak 1962.25) Eine Annäherung der Bundesrepublik an Israel – wie etwa im Wiedergutmachungsabkommen von 1952 – war der SED-Führungsspitze ein Albtraum, engte es doch die eigene Handlungsfreiheit weitestgehend ein. Gleichwohl, und damit folgte Ost-Berlin der wachsenden Distanz zwischen Moskau und Tel Aviv, sah Ulbricht nun mit der antiisraelischen Politik Syriens und Ägyptens die Aussicht wachsen, dass arabische Vorstöße gegen Israel die Wirkungskreise des amerikanischen Imperialismus im Nahen Osten treffen würden.
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| Um den 07.06.1967: israelische Truppen in Schützenpanzern auf der Vormarschstrasse nach El Arish (Sinai) Foto: ullstein bild |
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| Sechs-Tage-Krieg: gefangene Ägypter von Stacheldraht umgeben; ein israelischer Soldat dahinter wirft Zigaretten hinein
(Sinai – Juni 1967) Foto: ullstein bild |
Mit dem Sechs-Tage-Krieg wurde die Lage brenzlig. 1964 erfuhr die Öffentlichkeit von den bundesdeutschen Waffenlieferungen an Israel. Die DDR-Medien agitierten scharf, verurteilten die Wiedergutmachung als „enttarnte“ Militärhilfe.26) Am 10. Juni 1967 endete der Krieg mit der Niederlage der Vereinigten Arabischen Emirate, Syriens und Iraks. Wenige Tage zuvor hatte es so ausgesehen, als würden sich die Großmächte UdSSR und USA in den Nahost-Konflikt einschalten. Präsident Johnson jedoch wollte keinen Krieg. Auch Breschnew erkannte die Kriegsgefahr und gewährte dem Staat Israel Bestandsgarantie – nicht aber den „zionistisch herrschenden Kreisen Israels […]“.27) Die DDR geriet in Zugzwang, zumal den arabischen Staaten die verbalen ostdeutschen Solidaritätsbekundungen nicht genügten. Sie forderten konkretere Hilfe, z.B. in Form von Waffenlieferungen. Zur diplomatischen Anerkennung des ostdeutschen Staates rangen sich die arabischen Staaten dennoch nicht durch. Eine Eskalation des Konflikts mit den USA konnten und wollten sie sich nicht leisten. Das Ausbilden von PLO-Kämpfern lehnte die DDR vorerst ab. Erst im Nachgang der Suez-Krise 1969 zog sie diese Form des Beistands in Erwägung.
Im Verlauf der Globke- und Eichmann-Maßnahmen 1963 entschloss sich der Zentralverband der Jüdischen Gemeinden in der DDR zu einem „Aufruf an die Juden in der Welt und alle Menschen guten Willens“, in dem er den Gegensatz zwischen der friedliebenden DDR und der Bundesrepublik hervorhob, in der „Judenmörder“ wieder in einflussreichen Positionen säßen.
Doch befand er sich angesichts der israelfeindlichen SED-Propaganda ab Mitte der 1960er Jahre in Bedrängnis. Die Entwicklung des jungen israelischen Staates betrachteten die ostdeutschen Juden mit Wohlwollen. Die Kursänderung der Nahost-Politik der DDR erschwerte die offene Israel-Sympathie. Ulrike Offenberg benennt die Widersprüchlichkeit in den Gefühlen der Gemeinderepräsentanten, die „zwei Seelen in ihrer Brust“28) spürten. Einerseits verhielten sie sich loyal gegenüber dem DDR-Staat, andererseits vermieden sie klare politische, die Kriegspolitik Israels verurteilende Stellungnahmen. Über die Bezirksausschüsse der Nationalen Front und die SED übten Parteifunktionäre zunehmend Druck auf die Gemeinden aus. Das Vorstandspräsidium vereinbarte 1967, öffentlich keine Ansichten zum Nahost-Konflikt zu äußern. Neutralität wahren, hieß das Gebot der Stunde. Am Ende stand ein Kompromiss: Das Staatssekretariat für Kirchenfragen stellte sein Drängen nach Verlautbarungen der jüdischen Gemeinden ein. Dafür enthielten sich diese jeder Kritik an der Nahost-Politik der DDR.
Außerdem wirkten sich Assimilation und zunehmende Überalterung der Gemeindemitglieder negativ auf die religiöse und kulturelle Lebendigkeit des Judentums der DDR aus. Da man in bestimmten Bereichen, etwa bei der Instandsetzung der Friedhöfe und Synagogen oder der Zuzugsgenehmigung für ausländische Rabbiner von der Unterstützung der staatlichen Behörden abhängig war, waren die Gemeindevorstände und das Präsidium des Zentralverbandes oftmals gezwungen, in bestimmtem Maße mit den Regierungsstellen zu kooperieren. Immerhin rang sich die DDR-Regierung nach mehrjährigem Diskussionsprozess am 8. April 1965 zur „Verordnung über Ehrenpensionen für Kämpfer gegen den Faschismus und für Verfolgte des Faschismus sowie deren Hinterbliebene“ durch – und schrieb damit erneut die Trennung zwischen „Opfern“ und „Kämpfern“ fest. Während die politisch Verfolgten eine Ehrenpension in Höhe von 800 Mark monatlich bezogen, erhielten die „rassisch“ Verfolgten 600 Mark.29)
In Zwangslagen gerieten die Gemeinden vornehmlich dann, wenn die Staatsführung versuchte, sie medienwirksam zu instrumentalisieren, etwa im Nahost-Konflikt. Über Friedensbekundungen wagten sich die jüdischen Repräsentanten kaum hinaus, bestanden doch enge Kontakte mit ausländischen Juden, besonders mit Israelis, die in den ostdeutschen Städten und jüdischen Gemeinden Orte der Kindheit und Heimat besuchten.
Die Literatur verrät wenig über das religiöse und kulturelle Leben der DDR-Gemeinden in diesen beiden Jahrzehnten. Das Hauptinteresse der Forschung gilt dem Bemühen der SED, die Religionsgemeinschaften und ihren Verbandsvorstand für die eigenen politischen Zwecke zu missbrauchen – gemeint sind das Ringen des SED-Staates um außenpolitische Anerkennung in der westlichen Welt wie in Nahost und der betont antiisraelische Kurs.
Von Ende der 1960er Jahre an existierten die jüdischen Gemeinden ohne religiöse Führung. Bei religionsgesetzlichen Fragen mussten sie sich allein behelfen. Das Phänomen der Überalterung in den Gemeinden wurde bereits erwähnt: Wie die Mitgliederstatistik aus dem Jahre 1976 zeigt, lebten in der jüdischen Gemeinde Berlin, der größten Gemeinde, nur acht Kinder unter 14 Jahren, in Dresden und Leipzig vier. In den Gemeinden in Mecklenburg, Thüringen und Karl-Marx-Stadt hingegen gab es gar keine Kinder dieses Alters. Damit entfielen der Religionsunterricht, Bar Mizwas und die Aussicht auf spätere Hochzeiten. Jährlich veranstaltete der Verband ein Ferienlager und ermöglichte Begegnungen zwischen den wenigen Kindern der Gemeinden.30) Für die junge Generation blieb die Anbindung an die religiöse Welt des Judentums schwierig, nicht zuletzt deshalb, weil sie sich in die sozialistische Gesellschaft integriert fühlten.
Über die Jahre schwanden die Kenntnisse von Torah, Tradition, jüdischer Geschichte und auch der hebräischen Sprache. Traditionelle Feiertage beging man trotzdem, wenn auch im kleiner werdenden Kreis. Chanukka- und Purimfeste blieben gepflegte Feierlichkeiten, wenngleich allein das Beschaffen von koscheren Speisen und Zutaten schwierig und nur im Ausland, z.B. Ungarn, möglich war. Je weniger Mitglieder dazu gehörten, desto seltener wurden regelmäßige Gottesdienste abgehalten. Den Schabatt begingen die Familien mehr oder weniger traditionell im Familien- und Freundeskreis. Das „Nachrichtenblatt des Verbandes Jüdischer Gemeinden in der DDR und der Jüdischen Gemeinde von Großberlin“ teilte Zeitpunkte von Konzerten, Lesungen und Vorträgen mit, von Jubiläen und Empfängen ausländischer Gäste.
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| Helmut Aris, 1983. Foto: ullstein bild |
Ab den 1950er Jahren bemühte sich das Staatsekretariat für Kirchenfragen, SED-Genossen in den jüdischen Vorständen unterzubringen. Das vereinfachte die Kontrolle und Lenkung der Gemeindeaktivitäten in der Öffentlichkeit. Die Bezirksleitungen der SED unterhielten ständige Kontakte zu den einzelnen Vorständen. Finanzielle Zuwendungen gingen, anders als für die Kirchen, direkt über die Parteileitungen in den Bezirken, Kreisen, Städten und Gemeinden. Helmut Aris, von 1962 bis 1987 der Vorsitzende des Verbandes der DDR-Gemeinden, war Mitglied der SED. Er zeigte geringe Berührungsängste im Umgang mit den Behörden.
Das Ausmaß erlaubter Reiseaktivitäten von Gemeindefunktionären hing von deren politischer Zuverlässigkeit ab. Und der Jüdische Gemeindeverband sparte nicht an staatspolitischen Treuebekenntnissen, offenbarte sich mit seinen Ergebenheitsadressen sogar als „Idealtyp einer Religionsgemeinschaft“.31) Im sozialistischen Teil Deutschlands hätten Juden endlich Freiheit, Frieden, Geborgenheit und Heimat gefunden, so der Tenor.32)
Die ostdeutschen Juden nahmen eine Sonderrolle ein. Ihr Verband stellte die einzige Religionsgemeinschaft im Nationalrat der Nationalen Front. Die Einbindung in den Deutschen Friedensrat und die Liga für Völkerfreundschaft entsprang keinem Zufall. Die Tätigkeit der Organisationen unterlag den Weisungen des Zentralkomitees der SED, denn die Partei bestand auf ihrem Führungsanspruch. Jede Religionsgemeinschaft, die sich auf diese Vereinnahmung einließ, war dem politisch-ideologischen Diktat unterworfen. Der Verbandsvorsitzende Helmut Aris war bereits 1965 in das Präsidium des Friedensrates aufgestiegen und ebenso in der Zentralleitung des Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer tätig.33) Die Parteiführung erwartete von den Mitgliedern der Gremien und Organisationen Bekenntnisse zum Sozialismus. So entstand der Eindruck, zwischen den Interessengruppen der Bevölkerung und dem Staat bestünde vollkommene Übereinstimmung. Gelegenheiten für solche Loyalitätsbekundungen gab es genügend.
Die Republikgeburtstage, die Jahrestage der Oktoberrevolution wie die Geburtstage Lenins – neben denen anderer ideologischer Vorbilder – ergänzten den Kanon der Redegelegenheiten. Die staatlichen Medien und das „Nachrichtenblatt“ verbreiteten entsprechende Treuebekenntnisse.
Schon Ende der 1960er Jahre bemühte sich die DDR um Entspannung im Verhältnis zu den jüdischen Gemeinden, insbesondere deshalb, um sich selbst als Kämpfer gegen Antisemitismus und Faschismus zu präsentieren. Das erklärt, weshalb die SED-Bezirksleitungen und das Referat für Kirchenfragen mitunter – im Vergleich zu den Zuwendungen für die christlichen Kirchen – großzügig finanzielle Mittel für die Instandsetzung und – haltung von Friedhöfen, Gemeinderäumen und Synagogen bereitstellten. Doch erst anlässlich des 28. Jahrestages der DDR 1977 kam ein offizielles Treffen zwischen Erich Honecker, Helmut Aris und Peter Kirchner zustande, dem dann weitere Zusammenkünfte folgten. Auszeichnungen, wie der Vaterländische Verdienstorden, die Ehrenmedaille der Nationalen Front, die DDR-Friedensmedaille und die Verdienstmedaille der DDR ehrten politisch loyale Gemeindefunktionäre.
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| Golda Meir, 1958 Foto: ullstein-bild |
Im Werben um diplomatische wie wirtschaftliche Kontakte mit den USA kam die DDR nicht umhin, sich mit ihrem gestörten Verhältnis zu Israel und ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Noch während der beiden letzten Jahrzehnte vermieden die Schulbücher das Thema Holocaust. Obwohl das Geschichtsbild die Komintern-Definition des Faschismus keineswegs in Frage stellte, sondern diesen weiterhin ausschließlich im Zusammenhang mit monopolkapitalistischen Kreisen im Nationalsozialismus erklärte, wandelte sich der Umgang mit dem Holocaust. Der SED-Staat griff ab 1985/86 das Thema Shoa verstärkt auf und forcierte gemeinsame Aktionen mit den schrumpfenden Gemeinden. Diese fanden kurioserweise erst das Interesse der staatlichen Führung, als sie aufgrund schwindender Mitgliederzahlen und verstärkter Assimilation in ihrer Existenz bereits gefährdet waren.
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| Otto Winzer, Minister für auswärtige Angelegenheiten der DDR bei einer Rede vor den Vereinten Nationen 1973 Foto: ullstein bild |
Mit dem Ende der Hallstein-Doktrin und der zunehmenden Anerkennung der DDR konnten neue Kontakte geknüpft werden. 1977 erhielt der Verband der Jüdischen Gemeinden der DDR den Beobachterstatus beim Jüdischen Weltkongress, und erst 1989 stellte der Verband Antrag auf Vollmitgliedschaft. Diesem Antrag war ein Beschluss des SED-Zentralkomitees vorangegangen. Die Behörden erlaubten nur wenigen Gemeindefunktionären, den zahlreichen Tagungseinladungen ins westliche Ausland zu folgen. Ab Mitte der 1980er Jahre durfte ein erweiterter Personenkreis reisen, z.B. zur Teilnahme an Konferenzen der World Union of Jewish Students (WUJS) oder zur Sommeruniversität der Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien. Ansonsten blieben Juden Reisekontakte ins westliche Ausland ebenso verwehrt wie jedem anderen DDR-Bürger.
Innerhalb der ostdeutschen Gesellschaft entstanden neue Verbindungen, wenn auch im begrenzten Umfang. Nur wenige evangelische Pfarrer suchten das Gespräch mit den jüdischen Gemeinden und führten Konfirmandengruppen in die Synagogen. In einzelnen großen Städten entstanden Arbeitsgruppen für den christlich-jüdischen Dialog, die verstärkte kulturelle Aktivitäten anboten, zu welchen die jüdischen Gemeinden aus eigener Kraft nicht imstande gewesen wären. Die „Aktion Sühnezeichen“ wie der „Ökumenische Jugenddienst“ halfen bei Arbeitseinsätzen auf den jüdischen Friedhöfen.
Ab 1971 trug Erich Honecker in letzter Instanz die Verantwortung für die ostdeutsche Außenpolitik. Die Aufnahme in die UNO galt als wichtiges Etappenziel im Ringen um internationale Anerkennung. Hierbei erwies sich das Missverhältnis zu Israel als Hindernis. Premierministerin Golda Meir begründete die Ablehnung durch das UNO-Vollmitglied Israel damit, der ostdeutsche Staat habe sich im Gegensatz zur Bundesrepublik niemals seinen Verpflichtungen gegenüber dem jüdischen Volk gestellt. Allerdings änderte dies nichts an der Aufnahme der DDR als Vollmitglied der UNO am 18. September 1973. Vertreter der DDR forderten weiter den vollständigen Rückzug Israels aus den 1967 besetzten Gebieten. Außer Rumänien unterzeichneten alle sozialistischen Staaten die Antizionismus-Resolution in der UNO 1975.34)
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| Israelische Truppen im Yom-Kippur-Krieg 1973 Foto: ullstein bild |
Die pro-palästinensische Außenpolitik der DDR beeinflusste das Verhältnis des Staates zu den jüdischen Gemeinden wesentlich – und umgekehrt. Eine weitere Belastungsprobe brachte der Ausbruch des Yom-Kippur-Krieges am 6. Oktober 1973. Die DDR war über den bevorstehenden Angriff Ägyptens und Syriens auf Israel informiert, hatte Syrien zudem mit Waffen beliefert. Dennoch belog sie ihre Bevölkerung. In seiner Presserklärung behauptete das Politbüro, der Aggressor und Verantwortliche für den Ausbruch des vierten Nahost-Krieges sei Israel.35) Unverdrossen verbreitete das „Neue Deutschland“ israelfeindliche Parolen; es unterschlug Informationen über den tatsächlichen Frontverlauf und schürte die Stimmung gegen Israel.
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| Der israelische Ministerpräsident
Menachem Begin (re.)
und der ägyptische Präsident
Anwar el Sadat (li.) mit
US-Präsident Carter bei der
Unterzeichnung des Camp-
David-Abkommens 1978 Foto: ullstein bild |
Im Verband der Jüdischen Gemeinden sorgte die Situation für Zwistigkeiten. Als Helmut Aris „auf einer Tagung der Arbeitsgruppe Christliche Kreise des Nationalrats der Nationalen Front erklärt hatte, dass ‚jüdische Menschen in der ganzen Welt […] nie die Handlungen der Machthaber Israels, die gegen ihren Gruß Schalaum – Schalom – handeln‘ rechtfertigen könnten […],“36) brachte das den Leipziger Gemeindevorsitzenden Eugen Gollomb auf. Nicht bereit, den Alleingang von Aris hinzunehmen, beanstandete er die einseitige Verurteilung Israels ebenso wie die Weigerung der arabischen Staaten, die Existenzberechtigung Israels anzuerkennen. Einen ähnlich lautenden Passus in Gollombs Beitrag für die Juniausgabe des „Nachrichtenblattes“ strich das Redaktionskollegium. Unterschiedliche Meinungen rief im gleichen Jahr die erneute Forderung Israels und jüdischer Organisationen nach Wiedergutmachung hervor. Staatstreu warf der „Bund der Antifaschisten VVN“ die rhetorische Frage auf, ob die DDR den Krieg Israels im Nahen Osten finanzieren solle. Natürlich nicht! Dabei lieferte die DDR unverdrossen Waffen an die Gegner Israels, wie an Syrien 1973. Das Camp-David-Abkommen (1978) – mit dem israelisch-ägyptischen Separatfrieden ein bedeutender Meilenstein im Nah-Ost-Friedensprozess – lehnte die DDR ab.
Staatssekretär Hans Seigewasser zitierte 1976 die Gemeindevorsitzenden zum Gespräch, um ihnen öffentliche Stellungnahmen im Sinne der SED abzuringen. Besonders Eugen Gollomb bestand auf der Schändlichkeit der Antizionismus-Resolution. In der Presseerklärung war unter anderem zu lesen: „Wir befürworten die Verurteilung jeder Form des Rassismus und bekunden unsere uneingeschränkte antiimperialistische Solidarität.“38) Diese Art „Burgfriede“ hielt bis zum Libanon-Krieg 1982.
Noch 1976 beschloss die DDR voller Siegeszuversicht, auf Handelskontakte zum begrenzten Absatzmarkt Israel nicht angewiesen zu sein. Sie verfügte ein striktes Handelsverbot. Anfang der 1980er Jahre krankte die DDR-Wirtschaft sichtlich; die Handelsdefizite erzwangen ein Umdenken. Jegliche Bemühung, die USA zu verstärkten Handelskontakten – mit der Meistbegünstigungsklausel – zu bewegen, scheiterte an der ostdeutschen Wiedergutmachungsverweigerung gegenüber Israel. Die USA erwarteten von der Ostberliner Regierung einen für Israel akzeptablen Lösungsvorschlag. Ohne den würde es keine Meist–begünstigungsklausel im Handelsgeschäft geben.
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| US-Soldaten während des Libanon–Krieges 1982 in Beirut Foto: ullstein bild |
Nachdem mit dem Libanon-Krieg 1982 abermals eine antiisraelische Propagandawelle die DDR-Medien durchzog, die das Verhältnis zwischen dem Staat und den jüdischen Gemeinden belastete, kam die SED nicht umhin, dem jüdischen Leben und der jüdischen Geschichte größere Aufmerksamkeit zu schenken. War der DDR in den letzten Jahren nicht zuletzt durch die Vollmitgliedschaft in der UNO eine erhöhte Akzeptanz im Ausland gelungen, wollte sie gerade durch eine öffentlichkeitswirksame Fürsorge ihrer jüdischen Gemeinden dem antifaschistischen Image Nachdruck verleihen. Die Pflege jüdischer Kultur war bislang allein als Angelegenheit der Gemeinden betrachtet worden. Erst 1982 „erinnerte“ sich das Staatssekretariat für Kirchenfragen an „das Judentum als eine aussterbende, museale Größe.“39) Mitte der 1980er Jahre schien eine Annäherung an Israel in greifbare Nähe zu rücken, zumal sich die UdSSR – später getragen von Gorbatschows Reformprogramm Glasnost – und andere sozialistische Staaten um Gespräche mit Israel bemühten. Angesichts der deutschen Geschichte, der ostdeutschen Verweigerung, Israel Wiedergutmachung zu leisten und der proarabischen Außenpolitik waren die Ausgangspositionen allerdings alles andere als günstig.
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| Die Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin Foto: ullstein bild |
Zunächst erörterten Partei- und Verwaltungsebenen den Wiederaufbau der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße, in dessen Eingangsbereich eine Gedenkstätte Platz finden sollte.
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| Bundeskanzler Kohl und US-Präsident Reagan beim Besuch des Soldatenfriedhofes in Bitburg am 5. 5. 1985 Foto: ullstein bild |
Dem Staatssekretariat für Kirchenfragen ging es um die Erhaltung des Vorhandenen, z.B. der Friedhöfe, die sich jedoch besonders in Berlin in einem besorgniserregenden Zustand befanden. An einer Belebung des Gemeindelebens hingegen schien der Staat kaum interessiert. Das Jahr 1985 wartete mit Überraschungen auf: Der Besuch des Bundeskanzlers Helmut Kohl auf dem Soldatenfriedhof Bitburg wuchs zum politischen Skandal, weil sich dort auch Gräber von jungen SS-Männern befanden. Die DDR-Führung schloss sich den weltweiten Protesten an und erkannte die Chance, sich abermals als das „bessere“ Deutschland zu präsentieren.
Der 40. Jahrestag der „Befreiung vom Faschismus“ bot hierfür Gelegenheit. Im Mai fanden allerorts Gedenkveranstaltungen und Feierlichkeiten statt, in denen erstmals neben den kommunistischen Widerstandskämpfern eine andere Gruppe Verfolgter Würdigung fand, die Juden. Im April 1985 öffnete die überarbeitete Ausstellung der Gedenkstätte Buchenwald ihre Pforten. Hier erfuhren die jüdischen Opfer eine größere Aufmerksamkeit. Die „Reichskristallnacht“ jährte sich zum 47. Mal.40) Die Staatsführung überließ nichts dem Zufall. Ein Kanon an Gedenkfeiern und Ansprachen sollte dem westlichen Ausland wirkungsvoll ein neues Deutschland offerieren, das „seinen“ Juden vollkommene Anerkennung entgegenbrachte und historische Verantwortung übernahm.
In Vorbereitung auf die 750-Jahr-Feier Berlins wurde Peter Kirchner (Berliner Gemeindevorsitzender) in das Festkomitee berufen. Er war am Entwurf des umfangreichen Veranstaltungsprogramms für das Festjahr 1987 beteiligt. Die Grundsteinlegung für den Wiederaufbau der Neuen Synagoge bildete den Höhepunkt der Veranstaltungen, zumal im Gebäude die Stiftung „Centrum Judaicum“ zur Erforschung und Pflege jüdischer Tradition, Geschichte und Religion Platz finden sollte. Die Finanzierung galt als das Hauptproblem. Der Verband der Jüdischen Gemeinden der DDR wurde zur Sponsorensuche ermächtigt, besonders Geldgeber des westlichen Auslands waren willkommen. Aus eigener Kraft konnte die DDR ein solches Projekt nicht finanzieren, großzügige Spendengelder aus der Bevölkerung waren kaum zu erwarten. Als Erich Honecker 1985 die Rekonstruktion des Friedhofes Adass-Jisroel anwies und 1986 endlich – nach vehementen Protesten aus jüdischen und nichtjüdischen Kreisen – der Baustopp der geplanten Straße über den jüdischen Friedhof Weißensee verfügt wurde, verstärkte das den Eindruck vom sich wandelnden Umgang der DDR mit den jüdischen Gemeinden.
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| Schalom Ben Chorin 1987 Foto: ullstein bild |
In den 1980er Jahren mehrten sich die Besuche offizieller jüdischer Gäste in der DDR. Der weltbekannte Religionsphilosoph Schalom Ben Chorin hielt 1986 zahlreiche Vorträge, Gershom Schocken (Herausgeber der Zeitung „Haaretz“) traf 1987 Klaus Gysi. Vertreter der israelischen Friedenskräfte folgten der Einladung des DDR-Friedensrates. Zusammenkünfte zwischen Künstlern und Schauspielern zeigten, dass die SED-Führung auf geistig-kulturellem Gebiet die Zügel lockerte. Als das „Neue Deutschland“ am 24. Juni 1987 über die Begegnung des Vorsitzenden der Jewish Claims Conference, Israel Miller, mit Erich Honecker berichtete, konnte kaum ein DDR-Bürger mit der ihm unbekannten Organisation etwas anfangen. Das Angebot Honeckers, der Organisation als Entschädigung fünf Millionen Dollar zu überweisen, musste Miller trotz aller Annäherung im Gespräch abweisen. Die Summe mutete geringschätzig klein an. Von all dem war in der Presse nichts zu lesen.
Isaac Neumann widmete dem Religions- und Hebräischunterricht große Aufmerksamkeit, unterstützte die Gemeinden in religiösen Fragen und bemühte sich, die außerhalb der Gemeinden stehenden Juden einzubeziehen. Der neu entstehenden Gruppe „Wir für uns“ gehörten Personen mit jüdischem Familienhintergrund an, die bislang aus unterschiedlichsten Gründen die Auseinandersetzung mit dem Judentum vermieden hatten. Der Gesprächskreis zur jüdischen Kultur, Tradition und Geschichte verband 60 bis 100 interessierte Bürger im Alter zwischen 25 und 45 Jahren.42)
Mit dem Jahr 1988 stand der 50. Jahrestag der „Kristallnacht“ bevor. Eine groß angelegte Kampagne gedachte der sechs Millionen jüdischen Opfer des Nationalsozialismus mit zahllosen Veranstaltungen. Im gleichen Atemzug erfuhr die KPD als entschlossenste Kämpferin gegen Faschismus und Antisemitismus höchste Ehrung. Der Vorsitzende des Verbandes der Jüdischen Gemeinden der DDR, Siegmund Rotstein, sprach nicht allein als Überlebender des Holocaust, sondern erklärte, weshalb er in der DDR lebte. In der DDR hätten die Juden „Geborgenheit und Sicherheit“ und eine wahre Heimstatt gefunden. Erich Honecker unterstrich diesen Gedanken und „würdigte die ‚Märtyrer und Opfer der faschistischen Pogromnacht‘ gleichberechtigt mit den antifaschistischen Kämpfern.“44) Fast täglich vermeldeten die Medien Aktionen und Initiativen, die sich um das Andenken und die Pflege jüdischer Kultur und Geschichte rankten. In den Tagen vom 8. zum 10. November herrschte Hochbetrieb: Zahlreiche ausländische Gäste weilten an denkwürdigen Plätzen, bei Gedenkveranstaltungen, in Konzerten und bei Empfängen. Erstmals erschienen angesichts der zahlreichen westlichen Besucher die Vertreter jüdischer Organisationen aus den sozialistischen Bruderländern fast unbedeutend. Ein regelrechtes Feuerwerk an jüdischen Themen überzog in Form von Filmen, Vorträgen, Ausstellungen und Fernsehsendungen die Kulturlandschaft.
Die DDR-Justiz verhängte in den 1980er Jahren drakonische Strafen gegen jugendliche Täter, die bei Friedhofsschändungen oder gewalttätigen Übergriffen mit neonationalsozialistischem Hintergrund straffällig geworden waren. 1988 wurden im Prozess gegen Jugendliche, die auf dem Jüdischen Friedhof Schönhauser Allee in Berlin mehr als 200 Grabsteine beschädigten, bis zu sechseinhalb Jahren Freiheitsentzug verkündet. Mit Rücksicht auf die selbst inszenierte Öffentlichkeit in diesem Jahr des 50. Jahrestags der „Reichskristallnacht“ spielten die Medien die Tat als „Ausnahmeerscheinung krimineller Jugendlicher“45) herunter.
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| Die „Hall of the Names“ in der Gedenkstätte Yad Vashem. Foto: ullstein bild |
Im Ringen um eine Lösung der Wiedergutmachungsfrage glaubte die DDR auf den Verhandlungspartner USA zuzugehen, als sie im April 1988 eine Summe von elf Millionen Dollar bot. Doch die Jewish Claims Conference forderte 100 Millionen Dollar. Handelserleichterungen durch die USA standen der DDR also demnächst nicht ins Haus. Die Verhandlungen waren gescheitert. Auf Vermittlung von Israel Singer, dem Generalsekretär des World Jewish Congress, erreichte den DDR-Staatssekretär Kurt Löffler eine Einladung nach Israel, der er im Januar 1989 folgte. Neben einem Abkommen über die Zusammenarbeit zwischen der größten Gedenkstätte für die Opfer der Shoa in Israel, Yad Vashem, und den DDR-Archiven über Studienreisen für im Bildungsbereich tätige Israelis und über kulturelle Kontakte, fand zudem eine Begegnung auf Regierungsebene statt. Den Religionsminister Zevulun Hammer interessierte speziell die Entwicklung jüdischen Lebens in der DDR; zu Fragen der bilateralen Beziehungen zeigte er sich verhalten. Dennoch wuchs die ostdeutsche Hoffnung auf Annäherung. In einer Nachbereitung des Israelbesuchs verhandelte die DDR eifrig mit den arabischen Staaten. Die Kontakte zur PLO pflegte die Regierung ebenso wie die Verbindungen mit israelischen Politikern und dem Jüdischen Weltkongress.
Dennoch hinkte der Verband den Ereignissen hinterher: Er hielt am Fortbestand der DDR fest und warnte vor auferstehenden „faschistischen Kräften“46) – nach dem jahrzehntelangen Anpassungsprozess an den SED-Staat offenbar unfähig, die politische Realität – nämlich das ökonomische wie politische Scheitern der DDR – anzuerkennen. Noch am 9. Oktober 1989 versicherte der Verband seine Verbundenheit mit dem Staat. Er formulierte in einem Glückwunschschreiben an die Regierung: „Am Aufbau des antifaschistischen Staates haben wir allseits mitgewirkt.“47) Vier Wochen später begrüßte der Verbandsvorsitzende Siegmund Rotstein in einer ADN-Meldung die „eingeleiteten Wandlungen in der DDR“.48) Nach antisemitischen Schmierereien vollzog das „Neue Deutschland“ einen Kurswechsel und zitierte Rotstein am 9. November: „Niemand soll heute darüber erschrocken sein.“49) Die DDR-Medien hatten Friedhofsschändungen und antisemitische Vorfälle sorgsam verschwiegen. Über den „Aggressor Israel“ berichteten die Pressestellen zwar einseitig – und wissentlich falsch –, aber mit propagandistischer Absicht und mit Erfolg; die antisemitischen Vorfälle häuften sich. Siegmund Rotstein verlangte konsequente Reaktionen auf derartige Übergriffe und trat zugleich für eine Normalisierung der diplomatischen Beziehungen zu Israel ein. Im November 1989 empfing der neue (und alte) Außenminister Oskar Fischer den Bevollmächtigten des Präsidenten vom Jüdischen Weltkongress. Beide Seiten versicherten einander, eine Wiedervereinigung der deutschen Staaten sei undenkbar und müsse mit Rücksicht auf die historischen Erfahrungen mit der NS-Diktatur verhindert werden.50)
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| Hans Modrow 1998. Foto: ullstein bild |
Hans Modrow war vom 13. November bis zum 18. März 1990 der vorletzte Regierungschef der DDR und bildete mit Vertretern des „Runden Tisches“ am 5. Februar 1990 die „Regierung der nationalen Verantwortung“. Unter seiner Regie fasste der Ministerrat am 14. Dezember 1989 den Beschluss der Wiedereinsetzung der Israelitischen Gemeinde Adass Jisroel, die in früheren DDR-Jahren Entrechtung und Verbot erfahren hatte. 1990 zählte die orthodoxe Gemeinde bereits 200 Mitglieder. Zwischen dem Verband der Jüdischen Gemeinden in der DDR und der Religionsgemeinschaft Adass Jisroel herrschte ein schwieriges Verhältnis; der Bitte um Aufnahme kam der Verband nicht nach.51)
Doch auch die Modrow-Regierung signalisierte beim Thema Wiedergutmachung wenig Entgegenkommen gegenüber Israel, sie bot vielmehr Sachleistungen an. Für einen finanziellen Ausgleich fehlte jetzt das Geld. Schließlich befand sich die DDR-Wirtschaft in einem desolaten Zustand.
Vorerst zeigte die DDR-Regierung keine Eile, diplomatische Beziehungen einzuleiten. Immerhin erfolgte aufgrund des geplanten Yad-Vashem-Abkommens im Dezember 1989 die Übergabe von 50 000 Dokumentenkopien über Jüdische Gemeinden an die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte.52) Im Prozess der politischen Neuorientierung stand für die Jüdischen Gemeinden vor allem das Thema Antifaschismus im Vordergrund. Auf Regierungsinitiativen zur Normalisierung des Verhältnisses zu Israel vermochten sie hingegen kaum Einfluss zu nehmen.
Die politische Wende eröffnete die Gelegenheit, eine säkulare jüdische Organisation zu schaffen. Sie entwuchs der Gruppe „Wir für uns“, die sich unter dem Dach der Jüdischen Gemeinde Groß-Berlin zusammengefunden hatte. Im Wesentlichen nicht religiös, bekundete sie dennoch großes Interesse am Judentum. Dieser Personenkreis gründete am 23. Januar 1990 den Jüdischen Kulturverein. Bei den Jüdischen Gemeindevorständen fand er wenig Sympathie, zumal die SED- und PDS-Parteinähe seiner Akteure Misstrauen erzeugte und außerdem die Abwanderung der eigenen Mitglieder gefürchtet war. Der Jüdische Kulturverein agierte stark politisch, wandte sich im Februar 1990 mit der Bitte an den „Runden Tisch“, eine Übersiedlung von jüdischen Bürgern aus der Sowjetunion zu ermöglichen.53)
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| Lothar de Maizière 1990. Foto: ullstein bild |
Der stellvertretende Ministerpräsident Lothar de Maizière empfing das Verbandspräsidium der Jüdischen Gemeinden der DDR am 15. Januar 1990 und sicherte umfassende Unterstützung zu: materielle Hilfe für die Gemeindearbeit und die Stiftung Centrum Judaicum, bei der Einstellung eines Rabbiners und der Klärung der Rechtslage bei Grundstücken.
Im Februar versprach die Regierung die Aufstockung des jährlichen Verbandsetats von 830.000 Mark auf 1,3 Millionen Mark. Weiterhin sollten Büroräume, Telefonanlagen und Dienstwagen zur Verfügung gestellt werden. Die Stiftung „Neue Synagoge – Centrum Judaicum“ würde mit 50 Millionen Mark aus den PDS-Geldern Unterstützung finden. Ulrike Offenberg vermerkt, im Juni sei die Summe auf 70 Millionen Mark gestiegen. Anlässlich des jüdischen Holocaust-Gedenktags Jom Haschoa am 23. April, der 1990 erstmals in einer ostdeutschen Gemeinde begangen wurde, fand die Gründung der Stiftung AMCHA54) statt. Das Stiftungskapital betrug 100.000 Mark.55)
Stefan Meining, Angelika Timm und Ulrike Offenberg schildern ausführlich die außenpolitischen Aktivitäten der vergehenden DDR.56) Israel forderte die Begleichung der „Eindrittelschuld“ in Höhe von 500 Millionen Dollar. Die Bundesrepublik habe Wiedergutmachungsleistungen mit dem Luxemburger Abkommen bereits entrichtet. Drei Verhandlungsrunden in Kopenhagen blieben ergebnislos. Israel beharrte auf seinen Forderungen, und die DDR, außerstande, diese Summe aufzubringen, scheiterte mit ihrem Angebot, eine symbolische Zahlung zu leisten. Die Modrow-Regierung bot am 8. März die diplomatische Anerkennung Israels an. Tel Aviv blieb unnachgiebig und entschlossen, zunächst den Ausgang der Volkskammer-Wahlen abzuwarten.57)
Die erste demokratisch gewählte Regierung der DDR – unter dem neuen Ministerpräsidenten Lothar de Maizière – signalisierte ihren Willen zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen und zur Wiedergutmachung gegenüber Israel. Mehrere Gespräche unter Vermittlung des Jüdischen Weltkongresses fanden statt. Doch worüber sollte Israel verhandeln? Die DDR verfügte über keinerlei finanzielle Mittel. Sie war bankrott. Im gegenseitigen Einvernehmen wurden die Verhandlungen am 22. Juli 1990 eingestellt.59) Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland war es soweit: Der sozialistische Teil Deutschlands kam seiner historischen Verpflichtung gegenüber Israel nie nach.
Heinz Galinski und Ignatz Bubis60) nahmen bereits an der Jahrestagung des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR am 1. April 1990 in Dresden teil. Die Vereinigung beider Dachorganisationen wurde im Juni vereinbart. Die Satzung des Zentralrats sah den Zusammenschluss der Ost-Gemeinden zu zwei Landesverbänden vor (Sachsen, Thüringen und Mecklenburg/Vorpommern, Brandenburg, Sachsen/Anhalt), damit die Mitgliederzahl für das notwendige Stimmrecht ausreichte. Proteste gegen die unpraktikable Lösung – die geografischen Entfernungen könnten die Gemeindebetreuung erschweren – verhallten. Am 15. September 1990 beschloss der Verband der Jüdischen Gemeinden in der DDR seine Auflösung und die Neugliederung in zwei Landesverbände. Der Zentralrat der Juden in Deutschland stimmte dem Aufnahmeantrag des Verbandes ohne Umstände zu. Die 400 Mitglieder der Jüdischen Gemeinden in der DDR „verschwanden lautlos“ unter den 30 000 Gemeindemitgliedern61) des Zentralrats.
Dorit Seichter unterrichtet am Käthe-Kollwitz-Gymnasium in Zwickau Geschichte und Gemeinschaftskunde und ist Fachleiterin für Gesellschaftswissenschaften. Sie ist zudem als Autorin tätig.
1 Vgl. Angelika Timm, Ein ambivalentes Verhältnis. Juden in der DDR und der Staat Israel, in: Moshe Zuckermann (Hg.), Zwischen Politik und Kultur. Juden in der DDR, Göttingen 2002, S. 18.
2 Vgl. Stiftung Jüdisches Museum Berlin (Hg.), Geschichten einer Ausstellung. Zwei Jahrtausende deutsch-jüdische Geschichte, Berlin 2001, S. 150.
3 Vgl. ebd.
4 Faschismus-Definition von Georgi Dimitroff, zitiert nach: Wörterbuch der Geschichte, Berlin 1984, S. 290.
5 Vgl. Angelika Timm, Hammer, Zirkel und Davidstern. Das gestörte Verhältnis der DDR zu Zionismus und Staat Israel, Bonn 1997, S. 70.
6 Vgl. ebd., S. 72.
7 Am 14. Juni 1945 nahm der Hauptausschuss „Opfer des Faschismus“, dessen Vorsitz Ottomar Geschke (KPD) trug, seine Arbeit auf. Die Haupttätigkeit lag bei der sozialen Betreuung der anerkannten Opfer des Faschismus, d.h. in der Soforthilfe für heimkehrende oder durchziehende ehemalige politische Häftlinge.
8 Vgl. Olaf Groehler, Antifaschismus und jüdische Problematik. Verhängnisvolle Vorurteile gegen alles Jüdische, in: Olaf Groehler/Mario Keßler, Die SED-Politik, der Antifaschismus und die Juden in der SBZ und der frühen DDR, Berlin 1995, S. 8.
9 Ebd., Stefan Meining, Kommunistische Judenpolitik. Die DDR und Israel, Hamburg 2002, S. 96.
10 Vgl. ebd.
11 Ebd., S. 138.
12 Ebd., S. 139.
13 Mario Keßler, Die SED und die Juden. Zwischen Repression und Toleranz. Politische Entwicklungen bis 1967, Berlin 1995, S. 144.
14 Vgl. Ulrike Offenberg, Seid vorsichtig gegen die Machthaber. Die jüdischen Gemeinden in der SBZ und der DDR 1945-1990, Berlin 1998, S. 81.
15 Ebd.
16 Vgl. Kepler (wie Anm. 13), S. 91.
17 Lothar Mertens, Davidstern unter Hammer und Zirkel. Die Jüdischen Gemeinden in der SBZ/DDR und ihre Behandlung durch Partei und Staat 1945-1990, Hildesheim 1997, S. 58 f.
18 Vgl. Meining (wie Anm. 9), S. 170.
19 Vgl. Offenberg (wie Anm. 14), S. 116-121.
20 Vgl. ebd., S. 125 f.
21 Timm (wie Anm. 5), S. 271.
22 Vgl. Meining (wie Anm. 9), S. 271.
23 Vgl. Timm (wie Anm. 5), S. 157.
24 Vgl. Meining (wie Anm. 9), S. 271 f.
25 Vgl. ebd., S. 283.
26 Vgl. Mertens (wie Anm. 17), S. 327.
27 Meining (wie Anm. 9), S. 295.
28 Offenberg (wie Anm. 14), S. 201.
29 Vgl. Olaf Groehler, Holocaust und nationalsozialistische Judenverfolgung im Geschichtsbild der DDR, in: Groehler/Keßler (wie Anm. 8), S. 24.
30 Vgl. Offenberg (wie Anm. 14), S. 119.
31 Ebd., S. 164.
32 Vgl. Mertens (wie Anm. 17), S. 334.
33 Vgl. ebd., S. 166.
34 Vgl. Stefan Meining: Die DDR und Israel. Bilanz eines Nichtverhältnisses (1950-1990), in: Lothar Mertens (Hg.): Deutschland und Israel. Ausgewählte Aspekte eines schwierigen Verhältnisses, Berlin 2006, S. 113 f.
35 Vgl. Meining (wie Anm. 9), S. 325 f.
36 Vgl. Offenberg (wie Anm. 14), S. 204.
37 Vgl.Timm (wie Anm. 5), S. 261.
38 Zitiert nach: Timm (wie Anm. 5), S. 261.
39 Vgl. Offenberg (wie Anm. 14), S. 208.
40 Der Bruch der „runden“ Jahrestage war der folgenden Tatsache geschuldet: Die DDR räumte 1983 den Luther-Feierlichkeiten oberste Priorität ein.
41 Vgl. Offenberg (wie Anm. 14), S. 216.
42 Vgl. ebd., S. 217.
43 Ebd., S. 221.
44 Zitiert nach: Karin Hartewig: Zurückgekehrt. Die Geschichte der jüdischen Kommunisten in der DDR, Köln 2000, S. 554 f.
45 Vgl. Offenberg (wie Anm. 14), S. 195.
46 Vgl. ebd., S. 258 f.
47 Verband zitiert nach: Meining (wie Anm. 9), S. 503.
48 Rotstein zitiert nach: ebd.
49 Rotstein zitiert nach: ebd.
50 Vgl. ebd.
51 Vgl. ebd., S. 263.
52 Vgl. ebd., S. 505.
53 Vgl. Offenberg (wie Anm. 14), S. 265-266.
54 AMCHA bedeutet „Dein Volk“ und ist eine 1978 in Jerusalem gegründete Organisation zur Unterstützung von Holocaust-Überlebenden und ihrer Kinder. AMCHA unterhält Zentren in Jerusalem, Ramat Gan, Haifa, Beersheba und im Ausland in Belgien, Holland, Kanada, England, Österreich und seit 1988 auch in West-Deutschland.
55 Vgl. Offenberg (wie Anm. 14), S. 261.
56 Vgl. Meining (wie Anm. 9), u. a. S. 283–312, S. 351–364; Timm (wie Anm. 5), S. 333–339; Offenberg (wie Anm. 14), u. a. S. 226-233.
57 Vgl. Meining (wie Anm. 9), S. 514.
58 Volkskammer zitiert nach: Offenberg (wie Anm. 14), S. 261.
59 Vgl. Michael Wolffsohn: Die Deutschland-Akte. Tatsachen und Legenden, München 1995, S. 220.
60 Heinz Galinski war von 1988 bis 1992 Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland. Ignaz Bubis amtierte in dieser Funktion von 1992 bis 1999. Er amtierte 1990 als zweiter Vorsitzender.
61 Vgl. Offenberg (wie Anm. 14), S. 271 f.