Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Wahlanlyse (Fortsetzung)

Wählerwanderung und -mobilisierung

Tab. 5: Wählerwanderung zur Bundestagswahl 2005 (absolute Zweitstimmen)

Die Wählerwanderungsbewegungen, ermittelt durch Infratest dimap,27) verraten Zu- und Abflüsse einer Partei und zeigen die Komplexität des Wahlverhaltens. Unter Berücksichtigung des hohen Zweitstimmenergebnisses der Grünen und des bayerischen Einmaleffektes, hervorgerufen durch die Kanzlerkandidatur Edmund Stoibers, kalkuliert Heinrich Oberreuter für die Bundestagswahl 2002 eine potenzielle Relation von 40,8 Prozent SPD zu 34,9 Prozent CDU/CSU.28) Das tatsächliche Ergebnis für die Union und die SPD lag bei 38,5 Prozent. Somit erklärt die Wählerwanderung das Zustandekommen des Ergebnisses und beleuchtet die Potenziale der Parteien. Allerdings sind die Wanderungsbewegungen nicht exakt zu erfassen.

Abb. 8: Stamm- (SW) und Wechselwähler (WW) 2002 und 2005 (in Prozent)

In der Summe blieben 2005 72 Prozent der Wähler (West: 73; Ost: 68) bei ihrer Entscheidung von 2002, 28 Prozent wechselten mit ihrer Stimme zu einer anderen Partei. Dabei verbuchte die SPD mit einem Minus von rund 2,3 Millionen Zweitstimmen die stärksten Verluste. Am größten war ihr Nettoaustausch mit der Linkspartei, die 1,2 Millionen ehemalige SPD-Wähler band und nur 220.000 Wähler an die Sozialdemokraten verlor.

Im Wählerstrom zwischen SPD und Union wechselten 960.000 ehemalige Unionswähler zur SPD, die ihrerseits 1,6 Millionen Wähler an die Union verlor. Zudem büßte die SPD netto 120.000 Wähler an die FDP ein und 140.000 an die Grünen.

In Ostdeutschland, wo knapp 20 Prozent aller Wahlberechtigten leben, gaben die Sozialdemokraten – bedingt durch das Erstarken der Linkspartei – überdurchschnittlich stark ab, insgesamt 35 Prozent der zwei Millionen Stimmen. Die CDU/CSU büßte im Vergleich zu 2002 etwa 1,8 Millionen Zweitstimmen ein, deren Großteil, rund 1,1 Millionen, im bürgerlichen Lager verblieb und vornehmlich zur FDP wanderte. Zudem verlor sie 280.000 Stimmen an Die Linke.PDS und 170.000 an sonstige Parteien. Der einzige Zuwachs für Bündnis 90/Die Grünen betraf 140.000 SPD-Stimmen, davon kamen 45 Prozent aus Ostdeutschland. Ansonsten gab die Partei nur Stimmen ab: 240.000 an die Linkspartei, vor allem im Westen, und 140.000 an die Union. Die Liberalen waren 2005 die Partei mit dem höchsten Zuwachs von einer einzelnen anderen Partei. Während 590.000 FDP-Stimmen zur Union wanderten, erhielt die Partei im Gegenzug 1,7 Millionen Stimmen. Gewinnen von der SPD (+120.000) und den Grünen (+50.000) stehen Verluste an Die Linke.PDS (-100.000) gegenüber. Die FDP erzielte fast 90 Prozent ihres Stimmenzuwachses in den westdeutschen Ländern. Die Linkspartei konnte sich über einen Stimmenzuwachs von rund 2,2 Millionen freuen. Dabei kam das Gros von den beiden Volksparteien, vor allem von der SPD (970.000), aber auch von der CDU/CSU (280.000).

Ein Drittel der SPD-Stimmen (380.000) gewann Die Linke.PDS in Ostdeutschland, bei der Union entfielen sogar 45 Prozent der Verluste auf diese Region. Ebenso erlitten die Grünen 280.000 Stimmen und die FDP 100.000 Stimmen Einbuße an die Linkspartei, der einzigen Partei ohne Netto-Verluste. FDP und Linkspartei sogen folglich zahlreiche Wechselwähler auf und trugen so maßgeblich zur Schwäche der Volksparteien bei. Besonders anhand der Nichtwähler wird die Mobilisierungsschwäche der Volksparteien augenscheinlich. SPD (-370.000) und CDU/CSU (-640.000) verloren zusammen eine Million Stimmen an das Nichtwählerlager, ebenso büßten FDP (-120.000) und Bündnisgrüne (-70.000) ein. Einzig Die Linke.PDS konnte 430.000 vormalige Nichtwähler mobilisieren (230.000 West und 200.000 Ost). Dabei ist zu beachten, dass im Jahr 2002 260.000 ehemalige PDS-Wähler nicht zur Wahl gegangen waren. Die Wählerwanderung auf Grund des Saldos von Erstwählern und Verstorbenen bescherte der

Union den Verlust von 410.000 Stimmen. Während die SPD weder eine Verbesserung noch eine Verschlechterung erlebte, gewannen alle anderen Parteien wegen eines Überhangs an Erstwählerstimmen hinzu.

Der Netto-Verlust der CDU/CSU wegen des Generationenwechsels traf die Partei tief in ihrer Wählerstruktur. Ihr unterdurchschnittlicher Nachfluss von Erstwählerstimmen und das schlechte Abschneiden bei den Jungwählern schwächte die Partei.

Das Ergebnis der FDP enthält zahlreiche „Leihstimmen“ unionsnaher Wechselwähler (vgl. Abbildung 8). Zugleich verändert der Exodus bei der CDU/CSU die geringe Gesamtstimmenzahl des schwarz-gelben Lagers (45,0 Prozent) nicht, was der These von einer gewollten Verhinderung der Großen Koalition widerspricht. Dennoch ist es denkbar, dass diese Unionsanhänger einzig und allein eine schwarz-gelbe Koalition präferierten bzw. die FDP für die programmatisch stringentere Partei hielten. Zudem könnte das zeitweilige Abrutschen der FDP in den Umfragen auf sechs Prozent in den Augen einiger Unionswähler das angestrebte schwarz-gelbe Projekt gefährdet haben. Wie das liberale Erststimmenergebnis zeigt, war die Fünf-Prozent-Hürde29) ein reales Hindernis. Wegen der überhöhten Umfragewerte für CDU/CSU dürften sich so einige Unionswähler in Richtung FDP gelöst haben. Letztlich verhinderten die Unionsanhänger, die FDP wählten, nicht die Große Koalition, sondern lediglich einen deutlicheren Vorsprung der Unionsparteien vor der SPD und damit eine stärkere Unionsrolle in der Großen Koalition.

Des Weiteren offenbaren sich die starken Mobilisierungsschwächen der Volksparteien. Konnten beide zusammen über eine Million ihrer Anhänger nicht an die Urne bringen, schöpfte die Linkspartei aus dem Nichtwählerlager und nahm im Osten allen anderen politischen Kräften Stimmen ab. Wie Abbildung 8 zeigt, drehte sich die Zusammensetzung ihrer Wählerschaft komplett um. Betrug 2002 der Anteil ihrer „Wechselstimmen“ 35,4 Prozent, so waren es 2005 68,1 Prozent. Auf der einen Seite übt die Partei somit bundesweit hohe Attraktivität auf volatile Wählerschichten aus, auf der anderen Seite kann sie durch ihre Anbindung an diese stark dynamischen Wähler selbst nicht auf eine Stabilität ihrer Ergebnisse bauen.

<-- Vorherige Seite | Nächste Seite -->

 

Fußnoten


27 Vgl. Infratest dimap: Wahlreport. Wahl zum 16. Deutschen Bundestag, S. 37–52.
28 Vgl. Heinrich Oberreuter: Inflexibilität als Methode? Wahlkampfstrategie, Profil und Lage der Unionsparteien, in: ders. (Hrsg.):
Der versäumte Wechsel. Eine Bilanz des Wahljahres 2002, München 2004, S. 46–63, hier S. 50.
29 Zur Problematik des Wahlverhaltens auf Grund der Fünf-Prozent-Hürde: Gebhard Kirchgässner: Der Einfluss von Meinungsumfragen auf das Wahlergebnis, in: Hans-Dieter Klingemann/Max Kaase (Hrsg.): Wahlen und politischer Prozess. Analysen aus Anlass der Bundestagswahl 1983, Opladen 1986, S. 232–247.


Impressum    •     topnach oben
© Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit   •   letzte Änderung am: 10.12.2006 20:48